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Martin Gehring ist alles andere als ein konventioneller Forscher. Denn im Unterschied zu seinen Fachkollegen widmet er sich einer Theorie, die längst nicht mehr als aktuell gilt: Er beschäftigt sich mit dem gesellschaftswissenschaftlichen Klassiker Norbert Elias und seinen Ideen zur Entwicklung der Zivilisation. Erdrückende Spannungen, Wut und Verzweiflung sind danach die negativen Folgen des modernen Lebens. Werden diese für die Menschen flächendeckend unerträglich, dann gipfeln sie in Anomie – einem Zustand, in dem sich die vertraute Gesellschaft auflöst und Chaos ausbricht. Zunächst handelt es sich nur um eine Theorie. Doch diese entpuppt sich im Laufe von Martins Recherchen als düstere Ankündigung einer rasch näherkommenden Katastrophe. Bei seiner Forschung erhält der Forscher Unterstützung von der intelligenten und hübschen Psychologin Anna. Zusammen finden sie weitere Anzeichen für das drohende Desaster. Schließlich geraten sie mitten in den Strudel der auseinanderbrechenden Gesellschaft.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Eva Kirilow
Anomie - Teil 1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – Juli 2013
Kapitel 1 – September 2017
Kapitel 2 – November 2017
Kapitel 3 – März bis Mai 2018
Kapitel 4 – Juni bis August 2018
Kapitel 5 – Oktober 2018 bis Juni 2019
Kapitel 6 – Juli 2019
Kapitel 7 – Juli 2019
Wie es weiter geht?
Literaturverzeichnis
Impressum neobooks
„Die Zivilisation ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist erst im Werden.“
(Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation 2, S. 465)
Die Luft war drückend schwül. Doch von einem Gewitter, das der meteorologischen Anspannung ein Ende bereitet hätte, fehlte jede Spur. Joachim ging mit schnellen Schritten durch die aufgeladene Julinacht. Die letzten Tage war es in der Stadt ungemütlich gewesen. Es schien, als würden die Menschen mit jedem Tag Hitze aggressiver werden. Aber wahrscheinlich hatte das Wetter damit nichts zu tun. Schon lange lebten die Bewohner voller Unzufriedenheit. Es ging ihnen nicht gut und zunehmend äußerten sie ihren Unmut öffentlich. Und wen traf das als Ersten? Ihn natürlich. Joachim, Polizist im Einsatz. Wenigstens war für heute Schluss und er konnte heimkehren zu Klara. Seine blonde Freundin mit den tiefdunklen Augen sah in letzter Zeit noch hagerer aus als sonst und ihre Augenringe wurden täglich größer. Bei dem Gedanken an sie fühlte sich Joachim schuldig. Er ließ sie viel zu oft allein. Zum Baby kamen die Sorgen um ihn. Klara sah wirklich nicht gut aus in letzter Zeit.
Endlich erreichte er das Wohngebäude, eilte rasch das Treppenhaus hoch. Vor der Tür verharrte Joachim kurz, steckte den Schlüssel vorsichtig ins Loch, um seine Angebetete und das Baby nicht zu wecken. Nur noch eine Umdrehung und er war zu Hause. Da knarrte das Funkgerät. Wie ein Schrei hallte es durch die dunkle, stille Nacht. „Alle Einsatzpolizisten sofort auf dem Revier melden. Das ist ein Notfall. Ich wiederhole, alle Polizisten sofort zum Einsatz melden. Wir haben es hier mit einem gigantischen Massenauflauf zu tun.“ Fieberhaft kramte Joachim nach dem Gerät und brachte es zum Schweigen. Er lauschte kurz. Drinnen blieb es still. Dann drehte er sich schweren Herzens zum Gehen um, bereit seiner Pflicht nachzukommen.
Beim Laufen grübelte Joachim. Warum hatte die Stimme von Revierleiter Schmidt so heißer, beinahe hektisch geklungen? Es war sonst nicht seine Art, sich irgendeine Rührung anmerken zu lassen. Vielleicht lag es nur an der Funkverbindung. Oder Joachim war einfach übermüdet. Er seufzte. Wahrscheinlich sollte er langsam mal Schluss machen mit diesen ständigen Einsätzen. Sie zerrten an seinen Kräften und an denen von Klara. Und immerhin ging er straff auf die 40 zu. Da sollte man es langsam etwas ruhiger angehen. Egal. Für den Augenblick wischte der Polizist die Gedanken an die Zukunft weg. Er konzentrierte sich auf seinen Einsatz. Massenrandale mitten in der Nacht bei immer noch 25 Grad im Schatten. Seltsame Zeit.
Bei seiner Ankunft ging alles drunter und drüber. So eine Hektik hatte Joachim noch nie auf dem Revier erlebt. Schmidt war komplett durch den Wind. Die weißen Haare des 60-Jährigen wirkten abgestumpft, seine Stirn war mit einem dünnen Schweißfilm überzogen. „Ahrendts, wo haben Sie so lange gesteckt?“, raunzte er Joachim an. „Hier bricht gerade alles zusammen. Sowas ist mir in meiner ganzen Zeit als Polizist noch nicht untergekommen. Unsere Streifen melden eine Ansammlung von tausenden Menschen. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Ein wütender, aufgebrachter Mob, der nur noch randalieren will. Unglaublich!“ Joachim sagte nichts. Doch innerlich zweifelte er am Verstand des Alten. Das konnte ja wohl kaum sein. Klar, die Menschen waren unzufrieden – Arbeitslosigkeit, finanzielle Not, keine Zukunftsperspektiven. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie sich zusammenrotten und die ganze Stadt zu Kleinholz verarbeiten würden. Und Anzeichen für eine organisierte Aufwiegelung gab es nicht. Das überprüften sie akribisch in regelmäßigen Abständen. Mechanisch streifte Joachim die Uniform und die schussfeste Weste an und packte die Ausrüstung zusammen. Gemeinsam mit seiner Truppe nahm er in dem gepanzerten Einsatzwagen Platz. Während es in halsbrecherischem Tempo durch die Nacht ging, döste Joachim vor sich hin. Die Unruhe seiner Kollegen bekam er nicht mit.
Der Einsatzwagen hielt abrupt. Schlaftrunken versuchte sich Joachim zu orientieren. Sie befanden sich südlich vom Zentrum an der großen Meiner Straße, einer der zentralen Ausfallstraßen der Stadt. Draußen tobte die Masse. Es herrschte ein wildes Tohuwabohu. Zahllose Menschen brüllten unkoordiniert durcheinander. Einer der Einsatzpolizisten riss die Tür auf. Daraufhin schlug den Männern im Wagen der Lärm des Mobs mit voller Wucht entgegen. „Das müssen wirklich Tausende sein“, schoss es Joachim durch den Kopf. Sein Herz schien sich kurz zu verkrampfen. Zum ersten Mal seit Langem spürte er einen Funken Angst auflodern. Sofort verdrängte er ihn wieder.
Stumm schoben sich die acht Kollegen aus dem Einsatzauto. Sie schnappten sich ihre Ausrüstung – Schutzschilder, Schlagstöcke und Helme. Während sich Joachim und sein Team auf den Einsatz vorbereiteten, kamen immer wieder neue Streifen dazu. In der kleinen Seitenstraße quer zur Meiner Straße wimmelte es bald von Polizisten. Es mussten schon über 500 sein, schätzte Joachim. Dann ging es los. Zusammen mit gut 20 weiteren Beamten liefen sie im Block auf die wütende Menge zu, ihre Schutzschilder wie eine Mauer vor der Brust. Als sie um die Ecke bogen, glaubte Joachim zu träumen. Die ganze Straße stand in Flammen. Alles, was brennen konnte, hatte der wütende Mob angezündet. Soweit man blickte, loderten die Feuer. Sie tauchten die Nacht in ein unnatürliches, schemenhaftes Licht. Bei der Ankunft am Gedränge stoppten die Polizisten irritiert. Krampfhaft versuchten Joachim und seine Kameraden zu verstehen, was da geschah. Tausende – junge und alte, eigentlich ganz normale Bürger – randalierten wild. Es schien keinen Anführer und kein System zu geben. Niemand schrie Forderungen, niemand hatte sich maskiert oder trug echte Waffen. Die Menschen nahmen, was sie greifen konnten und ließen daran ihre blinde, hemmungslose Zerstörungswut aus. Sie prügelten sich gegenseitig, schrieen, trampelten sich über den Haufen. Es war, als hätten sie komplett den Verstand, ja jede Art von Kontrolle über sich verloren.
„Vorwärts Männer, wir drängen sie zusammen“, brüllte der Einsatzleiter. Mit krampfhaft gewollter Entschlossenheit jagten die Polizisten voran. Sie versuchten, die Menge mit den Schildern zusammenzuschieben. Als das nichts half, setzten sie die Schlagstöcke ein. Mehr zaghaft als selbstbewusst trommelten sie auf die Unbewaffneten ein, die unter den harten Schlägen schnell zusammenkippten.
Alles in allem blieb die Aktion jedoch ein sinnloser Versuch, die Kontrolle zu erlangen. Es waren einfach zu viele Leute. Und dann gab es diesen Wahnsinn in den Augen der Menschen, der Joachim erschaudern ließ. „Die kümmern sich gar nicht darum, dass wir auf sie einschlagen“, schoss es dem Einsatzpolizisten durch den Kopf. „Es ist ihnen egal.“
Nur wenige Minuten nach Beginn der Aktion hatte sich der feste Block aus Polizisten in ein loses, konfuses Band aufgelöst. Jeder kämpfte für sich allein. Die meisten traten ungeordnet den Rückzug an, um wenigstens sich selbst in diesem aussichtslosen Kampf zu retten. „Zurück!“ hörte Joachim die hohle Stimme des Einsatzleiters undeutlich durch die Schreie der Meute hindurch. „Los, lass uns abhauen“, raunte ihm seine Kollege zu und zog ihn mit. Erst jetzt erkannte Joachim: Sie waren eingeschlossen! Zwischen ihnen und dem Einsatzteam hatte sich eine Gruppe Tobender geschoben. Mindestens 30 Mann. Einige von ihnen nahmen sie jetzt wahr und zwar als das, was sie waren: als Autorität eines in dem Moment abgrundtief verhassten Staats. Joachims Knie wurden weich, als sich der Zorn der Menge gegen sie beide wendete. „Verschwindet!“ schrie Joachims Kollege schrill. Er schlug mit seinem Schlagstock nach allem, was sich ihm näherte und schoss sogar mit seiner Waffe in die Menge. Das machte den Mob richtig wütend. Kreischend stürzten sich die Wilden auf die Polizisten. Joachim versuchte die Menschen mit aller Kraft abzuwehren. Doch die Tritte und Schläge, die auf ihn einhagelten, raubten ihm den Atem. Aus dem Augenwinkel sah er seinen Kollegen zu Boden gehen. Blut spritzte diesem aus klaffenden Wunden am Kopf und im Bauch. Dann fiel Joachim selbst. Er spürte schon gar nichts mehr. Ein Nebelschleier hatte sich vor seine Augen gelegt, die Schreie klangen gedämpfter. Kurz vor der Bewusstlosigkeit versuchte sein Verstand krampfhaft zu verstehen, was vor sich ging. Sein letzter Gedanke galt Klara. Wie sie wohl allein mit dem Baby zurecht kam?
Nachdenklich blickte er zum Fenster hinaus. Auf den kleinen Teich sanken die ersten gelben Blätter nieder. Die Menschen liefen vermummt umher. Es war spürbar frisch geworden in Randhausen zu Beginn des Septembers. Doch Martin Gehring hatte im Moment wenig für die herbstliche Stimmung draußen übrig. Er war unzufrieden. Es ging nicht voran. Dabei lief es in den letzten Jahren zunächst ziemlich gut. Nach der Schule das Studium der Soziologie, das er mit Bravour abschloss. Dann einige Forschungsaufträge an renommierten Universitäten – erst in Bielefeld, einer Hochburg in seinem Fach, danach an der Uni Chicago. Nach langem Hin und Her entschied er sich, seine Doktorarbeit zu schreiben. Er hatte sich mit dem Beginn schwer getan und ewig nach einem Thema gesucht. Doch wenn er in der Fachwelt etwas werden wollte, musste er endlich einen Doktor haben. Die Kollegen – oft jünger als er und unglaublich arrogant – belächelten ihn schon. Etwas werden. Doch wo sah er sich fachlich überhaupt? Für seine Doktorarbeit hatte er sich letztendlich für ein Herzensthema entschieden: die Zivilisationstheorie von Norbert Elias.
Grob gesagt geht es darum, wie sich aus lose zusammenlebenden barbarischen Menschen die heutige hochregulierte Gesellschaft entwickelt hat. Und was Zivilisation darstellt. Nach Elias ist sie ungeplant und nicht vorherbestimmt, weder rational noch irrational. Zivilisation kennt keinen Anfangs- und keinen Endpunkt. Auf dem ersten Blick mag sie dem Einzelnen chaotisch erscheinen. Doch tatsächlich wohnt ihr eine Ordnung inne. Bei wissenschaftlicher Betrachtung werden diese Strukturen der Gesellschaft erkennbar. Sie entstehen aus den Verflechtungen zwischen den Menschen. Beständig wirken Menschen aufeinander ein, ob in guter oder negativer Absicht, ob bewusst oder unbewusst. Durch das Ineinandergreifen ihrer Handlungen werden gesellschaftliche Zusammenhänge gebildet, die weit über das hinausgehen, was ein Einzelner geplant hat oder bewirken kann. Das Geflecht aus Beziehungen ist der Motor, der blind in Gang gesetzt, die Gesellschaftsentwicklung antreibt und ihr die Eigendynamik für einen beständigen Wandel verleiht. Spannungen und Konflikte sind dabei ein wesentliches Element der Veränderungen. Aber nicht nur dieses allgemeine Prinzip bestimmt den Lauf der Dinge. Auch konkrete historische Ereignisse sind entscheidend für die gesellschaftliche Entwicklung, genauso wie der Einfluss einzelner Personen an zentralen Positionen im Gesellschaftsgeflecht. Dadurch ist der Verlauf keineswegs eindeutig vorgegeben. Nicht zwangsläufig folgt aus einer Gesellschaftsform die nächste. Mensch und Gesellschaft – beide existieren nicht unabhängig voneinander, sondern sind untrennbar miteinander verbunden. Im Zuge des Zivilisationsprozesses wandelt sich das Miteinander der Menschen. Und diese sozialen Rahmenbedingungen verändern das Verhalten, Empfinden, das Bewusstsein und das Unterbewusstsein aller Gesellschaftsmitglieder grundlegend.
Ohne Frage galt Norbert Elias, der von 1897 bis 1990 lebte, als Klassiker der Soziologie. Er war ein Universalist, suchte die verschiedenen Disziplinen der Menschenwissenschaften zu vereinen und widmete sich umfangreich der Zivilisations- und Staatsbildungstheorie – sowohl theoretisch als auch anhand praktischer Beweise. Aber Elias war eben nicht gerade modern und „Mainstream“. Heute erklärten Wissenschaftler von Martins Fach Gesellschaft lieber über andere Theorien. Besonders beliebt zum Beispiel: Menschen waren egoistisch und entschieden sich aufgrund von persönlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen für ein bestimmtes Verhalten. Elias stellte maximal eine Nische dar. Und in diese hatte sich Martin Gehring begeben. Damit sorgte er für einige Verwunderung. Der aufstrebende Stern am Wissenschaftshimmel war etwas wunderlich, sagten die freundlichen Kollegen. Die anderen behaupteten, er hätte den Verstand verloren.
Und so arbeitete er seit geraumer Zeit an dem Projekt. Das Stipendium zur Fertigstellung der Doktorarbeit – immerhin drei Jahre finanzielle Unterstützung – war längst ausgelaufen. Martin hielt sich durch eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter über Wasser. Neben der Forschung gab er Seminare an der Uni. Dort versuchte er, in den Studenten die Begeisterung und das Verständnis für die Soziologie zu wecken. Es handelte sich um ein Unterfangen mit mäßigem Erfolg. Meistens erntete der junge Dozent fragende oder gelangweilte Blicke für seine Vorträge. Mindestens die Hälfte der Erst- und Zweitsemestler wussten nicht, was sie in der Soziologie wollten, geschweige denn, was sie mit diesem Studium werden wollten. Martin seufzte. Die Seminare frustrierten ihn ungemein. Und dass, wo er mit seiner Doktorarbeit schon genug Ärger am Hut hatte. Sein Doktorvater, Professor Hugens, war an sich ein sehr umgänglicher Mann. Er verkörperte den Typ lieber, alter Opi, der sich fürsorglich um seinen Schützling kümmerte. In letzter Zeit bekam Professor Hugens aber Falten auf der Stirn, wenn Martin zu ihm in die Sprechstunde kam und die Laune des Alten verschlechterte sich spürbar. „Martin, du musst endlich vorankommen und deiner Arbeit eine Richtung geben“, redete er auf sein Sorgenkind ein. Ja die Richtung, das Ziel und die Erkenntnis, die hatte Martin irgendwie etwas aus den Augen verloren. Eigentlich undenkbar für einen bisher erfolgreichen, jungen Forscher. Dabei hatte Martin seinen Schwerpunkt für sich erkannt.
Anomie. Das Chaos, das Ende der Zivilisation, der Rückfall in die Barbarei. Es handelt sich um eine Krankheit der Zivilisation, die schleichend beginnt und die Gesellschaft zersetzt. Der wohlige Mantel der Zivilisation ist sehr dünn, hatte Elias geschrieben. Aber was passiert, wenn er riss? Was kommt danach? Der berühmte Soziologe äußerte sich darüber nicht genau, traf nur einige vage Aussagen. Den Begriff Anomie verwendete er selber kaum. Er hatte nur darauf hingewiesen, dass selbst das Chaos Strukturen besaß, die man ergründen konnte. „Anomie“ ist in der Soziologie die Beschreibung für einen Zustand ohne Normen, Regeln und Ordnung, gepaart mit dem Verlust von Autorität und dem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die bisher greifenden gesellschaftlichen Werte gibt es nicht mehr und die den Menschen vertraute Welt hört auf zu existieren.
Martin fand die Bezeichnung „Anomie“ im Zuge der zivilisatorischen Entwicklung sehr passend. Genau dieser Moment, in dem die Gesellschaft sich selbst vernichtete, der interessierte ihn. Nur: Wie fand man mitten im ruhigen, hoch geregelten Leben einen Zugang zum Chaos? Überall – oder zumindest meistens – benahmen sich die Menschen friedlich und zivilisiert. Regellosigkeit war in der westlichen Welt zum großen Teil aus dem Alltag verschwunden, auch wenn sich die Lage in der Gesellschaft in letzter Zeit sichtlich verschärft hatte. Das größte Problem stellte nicht einmal die Arbeitslosigkeit dar. Die hatte sich durch den demografischen Wandel gefolgt von einem Mangel an Fachkräften zumindest etwas relativiert, obwohl sie weiterhin als Existenzbedrohung blieb. Viel dramatischer war jedoch die radikale Verschärfung der weltweiten Schuldenkrise. Immer mehr Ländern drohte der staatliche Bankrott. Konnte die Verschuldung in Europa vor einigen Jahren noch durch die wirtschaftlich starken EU-Länder ausgeglichen werden, wackelten diese nun selbst. Für den Bürger bedeutete die Entwicklung harte Einschnitte in den Lebensstandard. Viele staatliche Leistungen wurden gekürzt. Was früher noch kostenlos oder vergünstigt war, mussten die Menschen mittlerweile aus ihrem eigenen Geldbeutel zahlen. Zugleich wuchsen die Kosten für die Lebenshaltung exorbitant. Besonders belasteten die steigenden Preise für Strom und Sprit das Portmonee des kleinen Mannes. Aber auch Lebensmittel und andere Bedarfsgüter des täglichen Lebens wurden beständig teurer. Hinzu kamen Steuererhöhungen, die der Staat erließ, um einigermaßen seinen Haushalt zu stabilisieren. Das Resultat war, dass sich viele Menschen selbst mit Arbeit ihren Lebensunterhalt kaum noch finanzieren konnten. Trotz des Mangels an geeigneten Mitarbeitern geschah es schnell, dass man von heute auf morgen seinen Job verlor. Sicher, man fand normalerweise eine neue Beschäftigung. Doch jeder Jobwechsel war nicht nur seelisch belastend. Er verschärfte die existenzielle Bedrohung des Einzelnen zusätzlich. Mühsam ersparte finanzielle Reserven wurden von der vorübergehenden Erwerbslosigkeit aufgezehrt.
Und dennoch. Die Menschen lebten friedlich zusammen, trotz aller Zwänge und Probleme, die auf ihnen lasteten. „Die Gesellschaft scheint wirklich unerschütterlich zu sein“, grübelte Martin. Die Strukturen waren fest und verlässlich. Das Problem: Er glaubte nicht daran. So komisch es klang: Er machte sich Sorgen um die Menschheit. „Miesepeter!“ nannte ihn seine Ex-Freundin Babette. Er würde sein Leben verschwenden und könnte sich gleich bei den Verschwörungstheoretikern anmelden. Letzten Monat hatte sie sich von ihm getrennt. Die lebenslustige Brünette zog es zu einem Fußballer in der Oberliga. Der passte einfach besser zu ihr als ein in Ansätzen verschrobener Forscher. Martin hätte es wissen müssen. Babette hatte sich mehr für sein – Handball sei Dank – sportliches Aussehen als für seine Arbeit und seine Grübeleien interessiert. Unwillkürlich blickte der Doktorand in das Spiegelbild, das das Fenster warf. Ja, er hatte sich für seine 32 Jahre gut gehalten. Eigentlich sah er mehr nach einem Sportler als einem Forscher aus, muskulöser Oberkörper und trainierte Beine. Das schwarze kurze Haar zeigte noch keine Anzeichen von Grau. Schluss damit, dachte Martin. Die Eitelkeit war ihm plötzlich peinlich.
Mit einem Ruck drehte sich Martin zu seinem Schreibtisch in dem kleinen Uni-Büro um. Er packte seine Arbeitsmaterialien in die Tasche. Der Doktorand hatte heute noch einen Termin. Viel versprach er sich nicht davon für seine Arbeit. Aber er war mittlerweile bereit, sich an jeden Strohhalm zu klammern. Rasch lief Martin über die Holzdielen des alten, ehrwürdigen Universitätsgebäudes. Draußen angekommen schlug ihm der kalte Herbstwind entgegen. Umso mehr beeilte er sich, die wenigen Meter bis zur Straßenbahnhaltestelle zu gehen. Er nahm die Linie Neun Richtung Nordosten. Nach vier Stationen stieg Martin aus. Dabei ärgerte er sich über die drei jungen Männer, die an der Haltestelle immer wieder eine leere Bierdose gegen die Glasscheibe traten. „Was für Barbaren“, dachte Martin empört. Dann lief er weiter zu dem Café an der großen Kreuzung. Drinnen saß schon seine Verabredung: ein junger Mann, vielleicht so alt wie der Doktorand, der sich immer wieder unruhig umschaute. Als Martin an seinen Tisch trat, sprang der Wartende auf und begrüßte ihn mit einem Händeschütteln. „Schön, Sie persönlich kennenzulernen, Herr Gehring. Steffen Weimar mein Name. Freut mich, dass Sie Zeit gefunden haben.“ „Ich muss mich für Ihre Zeit bedanken“, meinte Martin bescheiden, während sich die beiden setzten. Martins Gesprächspartner war Polizist und hatte lange Zeit in Lindingen gearbeitet. Seit drei Jahren lebte er in Randhausen und fuhr Streife. Verkehrskontrollen. Doch der Mann mit dem scheinbar langweiligen Job hatte eine interessante Geschichte zu erzählen. Diese sollte Martin endlich voranbringen. Steffen Weimar holte eine braune Mappe aus seiner Tasche. Vorsichtig präsentierte er die Blätter darin. Es handelte sich um Polizeiprotokolle von einer Massenrandale. „Das sind die Unterlagen zu dem Vorfall an diesem Juli-Tag“, begann Steffen Weimar. „Nachdem ich letztens Ihren öffentlichen Vortrag über die Zivilisation gehört habe, denke ich, dass die Dokumente bei Ihnen an der richtigen Stelle sind. Wirklich sehr interessant, was Sie über die Grenzen der Gesellschaft erzählen.“ „Ist das auch rechtens, dass Sie mir diese Protokolle aushändigen?“ fragte Martin vorsichtig. „Nein“, antwortete der Polizist. Sein Blick war kurz ins Leere gerichtet. Dann fuhr er fort: „Ganz und gar nicht. Seit drei Jahren unterliegen diese Dokumente absoluter Geheimhaltung. Offiziell spricht niemand über die Sache.“ Martin versuchte sich zu erinnern. Von den merkwürdigen Ereignissen aus Lindingen hatte er flüchtig in den Medien gehört. Es hieß, eine Kundgebung zur Lohnsituation in der Stadt eskalierte. Über tausend Menschen wären damals zu der Veranstaltung gekommen und irgendwie hatte sich die friedliche Demo zu einer wilden Straßenschlacht entwickelt. „Es gab keine Kundgebung oder so etwas“, Steffen Weimar schien die Gedanken des Forschers zu erraten. „Bis heute ist nicht klar, weshalb so viele Menschen auf der Straße gewesen sind. Einigen Berichten zu Folge ging das Ganze in Schüben vorwärts. Erst waren vor Ort ein paar kleinere Gruppen. Die trafen dann auf weitere Gruppen und schließlich haben sich die Menschen gegenseitig hochgeschaukelt. Schon seit Tagen lag eine merkwürdige Spannung über der Stadt. Wahrscheinlich denken Sie, ich spinne. Aber glauben Sie mir, als Polizist entwickelt man für so was ein Gespür. Und die Anzahl der Vandalismusverbrechen war vor dem Ereignis außergewöhnlich hoch. Diese gingen meist auf das Konto von Gruppen mit mehr als zehn Menschen, also keine Einzeltäter oder wenige Personen, wie sonst üblich.“
Hier stoppte Steffen Weimar kurz. So hatte Martin Zeit, über das Gehörte ein wenig nachzudenken. Seltsam war die Geschichte schon. Was konnte die Menschen zu diesem Auflauf bewogen haben? Es musste irgendeine Art Auslöser gegeben haben. Oder eine Organisation. Wie sonst hätten Tausende Menschen plötzlich jede Beherrschung verlieren können? Handelte es sich wirklich um Anomie im Kleinen? „Ich war damals dabei“, fuhr der Polizist fort. „Es war einfach unglaublich. Die Leute haben sich überhaupt nicht mehr wie Menschen aufgeführt. An dem Tag starben viele Kameraden von mir. Insgesamt sind etwa 800 Menschen umgekommen. Das lesen Sie noch genauer in den Akten. Von Anfang an hat man versucht, möglichst wenig über das Ereignis zu berichten. Ich weiß noch genau, dass kaum etwas in der Zeitung stand. Nur das Notwendigste. Bei uns hieß es damals, wir sollen bloß nichts über unseren Einsatz erzählen. Niemandem. Weder zu Hause noch zur Presse. Sonst würden wir richtig Ärger bekommen. Aber es hat auch niemand gefragt, von den Medien, meine ich. Zwei Wochen nach dem Vorfall kam plötzlich die These von der Demo auf. Einige von den wildgewordenen Menschen hätten zugegeben, eine Kundgebung unerlaubt durchgeführt und die Teilnehmer aufgewiegelt zu haben. Aber wenn Sie mich fragen,“ Steffen Weimar beugte sich über den Tisch ganz nah an Martin heran. „Ich denke, das hat man denen nur eingeredet. Weil man es nicht erklären konnte und damit endlich niemand mehr darüber redete. Jedenfalls hieß es, der Vorfall war einmalig. Wegen der Hitze, der vielen Verbrechen und der allgemeinen Unruhe. Sowas könne nicht noch mal vorkommen. Die angeblichen Aufhetzer wurden allesamt aus dem Verkehr gezogen. Einige galten als tot, der Rest saß im Knast. Tja, und das war es dann. Nach etwa sechs Wochen war das Thema durch und wurde nie wieder erwähnt. Ich bin damals weggegangen, da ich es nicht mehr ertragen konnte. Die Nacht verfolgt mich immer noch. Ich habe Albträume, in denen ich die Menschen mit den irrsinnigen Blicken vor mir sehe. Das lässt mir keine Ruhe. Ich will wissen, was damals geschehen ist. Wie konnte es dazu kommen?“
Hier stoppte Weimar wieder und dachte nach. Seine Augen flackerten unnatürlich. „Ich habe angefangen, Theorien über Massenrandale zu lesen. Aber das Meiste war ziemlich nichtssagend. Dann bin ich zu Ihrem Vortrag an der Uni gegangen. Und wissen Sie, Sie haben mich gefesselt. Was Sie über die brüchige Hülle der Zivilisation erzählt haben, das hat mich so sehr an diese Nacht erinnert. Ich wusste sofort, Sie sind der Richtige, der sich mit dem Thema beschäftigt und aus wissenschaftlicher Sicht eine Erklärung finden kann. Und da habe ich beschlossen, Sie ins Vertrauen zu ziehen. Glauben Sie nicht, dass das mal so eben ging. Ich musste Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an diese Unterlagen zu kommen.“ Bei diesen Worten tätschelte er die braune Mappe vor sich, klappte sie anschließend zu und schob sie zu Martin. Der Polizist: „Und nun gebe ich Ihnen die Daten im festen Glauben, dass Sie dieses Rätsel lösen. Sie müssen einfach herausfinden, was hinter der Geschichte steckt!“ Er sagte das so eindringlich und mit einem Blitzen in den Augen, dass Martin glaubte, darin den Wahnsinn von damals zu erkennen. Der Wissenschaftler fühlte sich plötzlich unbehaglich. Er räusperte sich und verabschiedete sich eilig: „Vielen Dank für die Informationen. Ich bin sicher, sie werden mich bei meinen Forschungen deutlich voranbringen. Sobald ich mehr dazu weiß, melde ich mich bei Ihnen. Ich habe ja Ihre Nummer.“ Dann rauschte er davon. „Bitte seien Sie wirklich diskret“, rief ihm Steffen Weimar hinterher. Der Polizist fühlte sich bei der Herausgabe von vertraulichen Daten mit einem Mal nicht mehr sehr wohl.
Diesmal ging Martin zu Fuß. Die Begegnung mit dem Polizisten Steffen Weimar hatte ihm ein Schaudern eingejagt. Der Mensch schien nicht mehr ganz normal zu sein und Martin wusste nicht, was er für wahr und was für Schwachsinn halten sollte. Damals, während seines Vortrages, war ihm dieser kauzische Typ bereits aufgefallen. Es war eine der wenigen Gelegenheiten gewesen, bei denen er über sein Lieblingsthema berichten konnte. Ein anderer Redner hatte abgesagt und deshalb sorgte Professor Hugens dafür, dass er einspringen durfte. An einem Dienstagabend sprach der junge Soziologe darüber, was passieren konnte, wenn die Zivilisation zusammenbrach. Der Vortrag war gut besucht. Fast 150 Zuhörer, meist Studenten um die Mitte 20, saßen im Auditorium. Anfangs folgten ihm seine Gäste noch geduldig. Es war still in dem alten, muffigen Hörsaal, nur ab und zu knarzte jemand mit einem Klapptisch. Mit der Zeit wurden die Zuhörer ungeduldig und zunehmend widerwillig. Zu spekulativ, zu wenig Fakten und keine empirischen Beweise – das musste sich Martin von den blutjungen Nachwuchsforschern anhören. Als ob er diese Worte nicht oft genug von gleichrangigen Fachkollegen gehört hatte. Vortrag und Diskussion neigten sich also mit einem für den Doktoranden ernüchterndem Ergebnis zu Ende. Da erhob sich eben jener leicht fahrige Mann, den Martin nun als Steffen Weimar kannte. Der Polizist – damals in schlabbrigen Jeans und einem abgetragenen Hemd gekleidet – stach unter den Studenten hervor. Es war offensichtlich, dass er nicht zur Universität gehörte. Und dann begann Steffen Weimar zu fragen: Ob es Beispiele gäbe für Anomie, ob sich dieser Zustand wieder umkehren ließ, ob diese Ausbrüche einen bestimmten Auslöser bräuchten, wie viele Menschen in diese chaotischen Zustände verwickelt wären. Auf die meisten Fragen hatte Martin noch keine fachlich ausgeklügelte Antwort gefunden und er dachte leicht ironisch, dass der seltsame Mann ihm viele Impulse für seine Arbeit lieferte. Nachdem das Zwiegespräch eine Weile angedauert hatte, verließen die ersten Studenten den Hörsaal. Martin musste den Dialog beenden und die Runde auflösen. Er fürchtete schon, der neugierige Zuhörer würde im Anschluss zu ihm ans Pult treten und das Gespräch fortsetzen. Doch als Martin seine Sachen zusammengepackt hatte und in den fast komplett leeren Hörsaal blickte, war der wundersame Mann verschwunden.
„Alles dummes Gefasel“, dachte Martin bei diesen Erinnerungen. Es dunkelte bereits, als er seine Wohnung erreichte. Müde schmiss er die Unterlagen auf den Couchtisch, die Jacke lieblos über die Garderobe. Der 32-Jährige begutachtete das Chaos in seiner Wohnung und wurde dabei leicht griesgrämig. Seit drei Jahren lebte er hier. Die Zimmer seiner Dreiraumwohnung waren alle klein – insgesamt hatte er gerademal 50 Quadratmeter Platz zum Leben. In das schmale Schlafzimmer passten das Bett und der zweitürige Kleiderschrank. Das war alles. Im Wohnzimmer bot sich ein ähnliches Bild: die Couch, Sessel und Anbauwand drängten sich dicht zusammen, so dass Martin nicht mehr als drei Besucher gleichzeitig einladen konnte. Sein ganzer Stolz war das kleine Arbeitszimmer. Dort standen zwei einfache Holzregale – über und über mit Ordnern, Büchern und Papierstößen bedeckt. Auch der Computertisch war komplett unter Dokumenten begraben. Rings um ihn herrschte das gleiche wüste Bild aus lose herumflatternden Unterlagen. Alle Möbel in der Wohnung waren zusammengesammelt und hatten die besten Jahre hinter sich. Noch dazu neigte Martin dazu, seine Sachen querbeet über sämtliche Flächen zu verteilen. Unwillkürlich wollte der Doktorand bei dem Anblick umkehren und dem Chaos entfliehen. Als Babette noch hier wohnte, herrschte Ordnung. Man konnte über die püppchenhafte Brünette sagen, was man wollte, im Haushalt hatte sie sich wirklich nütze gemacht. Sofort ärgerte sich Martin. Zum zweiten Mal an einem Tag hegte er Gedanken an seine Ex. Das machte beinahe den Eindruck, als würde er noch an ihr hängen. Oder schlimmer noch: Als würde er die Ermangelung eines echten Privatlebens bedauern. Energisch riss er sich davon los. Martin packte ein wilder Eifer, sich in seiner Behausung nützlich zu machen. Wie ein Verrückter rannte er beinahe zwei Stunden hin und her, um Ordnung zu schaffen: Die alten Zeitungen flogen weg, die Wäsche in die Maschine, das Geschirr in die Spüle und die wilde Zettellandschaft in seinem Arbeitszimmer verwandelte sich in sauber nebeneinander angeordnete Stapel. Als er fertig war, dachte Martin grinsend: „Wenigstens hier gibt es keine Anomie mehr.“
Erledigt holte er sich ein Stück Pizza aus dem Kühlschrank, wärmte es auf und ließ sich mit dem Essen und einem Bier auf der Couch nieder. Eben wollte Martin den Fernseher einschalten, um sich für den Rest des Abends oberflächlich von bunten Sendungen berieseln zu lassen. Doch als er nach der Fernbedienung griff, fiel sein Blick auf die Mappe des seltsamen Polizisten. Kurz war er versucht, die Dokumente zu ignorieren. Dann siegte die Neugier.
Die Mappe besaß einen ziemlich abgegriffen, braunen Umschlag. Dessen Farbe war deutlich verblasst und die einfache Pappe hatte überall Kratzer in der Beschichtung. Nichts deutete auf den wertvollen Inhalt hin, der sich in der Mappe befand. Martin hatte einige Mühe, die durcheinander liegenden Dokumente zu verstehen und einzuordnen. Überwiegend handelte es sich um persönliche Schilderungen von Einsatzleitern und dem Polizeipräsidenten. Viele der Erinnerungen waren verwirrend und zeugten vor allem von einem riesigen Durcheinander in jener Nacht – und von Ratlosigkeit. Immer wieder las der Doktorand von dem irren, völlig anormalen Verhalten der Leute. In ihrer Raserei schienen sie nichts mehr von der Außenwelt mitbekommen zu haben und ohne jegliches Nachdenken zu randalieren. Die beteiligten Polizisten gerieten dadurch oft in Panik. Ein solch befremdliches Verhalten hatten sie noch nie erlebt. „Ich dachte, das sind keine normalen Menschen. Das müssen alles Irre aus der Anstalt sein, von einem Ausbruch oder so“, erinnerte sich beispielsweise ein Polizist. Ein andere berichtete: „Ich saß mit meinem Kollegen in einem Streifenwagen am Rand des Geschehens. Wir haben deshalb nur wenig mitbekommen. Dann plötzlich kam irgendwo von der Seite eine kleine Gruppe, vielleicht 20 Leute. Mehrere hatten brennende Gegenstände in der Hand. Ich kann nicht genau sagen, was es war. Sie rasten auf unseren Wagen zu, warfen die Brennsätze auf das Auto. Dann kippten sie es mit Wucht um. Der Wagen fing Feuer. Irgendwie konnte ich aus dem Auto kriechen und bin ohne zu schauen blind einfach davon gerobbt, später gerannt. Erst nach einer Weile drehte ich mich um. Das Auto stand in Flammen. Von meinem Kollegen fehlte jede Spur. Er starb bei diesem Vorfall, erfuhr ich später.“
Die Mappe enthielt außerdem mehrere sachliche Protokolle über die Verluste, die bei dem Doktoranden eine leichte Gänsehaut hervorriefen: rund 8000 wütende Menschen waren an der Aktion beteiligt, 763 Zivilisten und 245 Polizisten kamen ums Leben, der ganze Straßenzug wurde komplett verwüstet. Autos, Mülltonnen, Briefkästen, Haltestellen – alles verbrannt und zerschlagen. Insgesamt acht Stunden tobte der Mob. Gegen 7 Uhr am nächsten Morgen verzog sich ein großer Teil der Menge, der Rest schlief überwiegend vor körperlicher Erschöpfung direkt vor Ort ein. Der Gesamtschaden belief sich auf 6 Millionen Euro.
Ein seltsames Bild ergaben die Aufzeichnungen über die Verhöre der so genannten „Aufhetzer“. Etwa zehn Menschen wurden dieses Verbrechens verdächtig. Es handelte sich um einen bunt zusammen gewürfelten Haufen aus einfachen, frustrierten Arbeitern bis hin zu gescheiterten intellektuellen Existenzen. Allen gemein war, dass sie vorher nicht in der Öffentlichkeit bekannt waren und nur wenige soziale Bindungen besaßen. „Um sie unauffälliger verschwinden zu lassen“, schoss es Martin durch den Kopf. Es zeigte sich, dass die Verdächtigen in einem langen, zermürbenden Prozess verhört wurden, der in den meisten Fällen ins Leere führte. Manche der Angeprangerten knickten irgendwann ein. Sie gestanden, wütende Reden gehalten und aggressive Parolen geschrien zu haben. An genaue Worte und Details konnten sie sich nicht erinnern. Auch für sie waren die Ereignisse im Juli 2013 verschwommen und nebulös. Martin verstand nicht viel von Polizeiarbeit und wagte kein Urteil über diese Berichte. Dennoch hatte er das Gefühl, dass es für den seltsamen Massenamoklauf nicht wirklich eine Erklärung gab und man sich in Lindingen für das Totschweigen entschieden hatte. Dafür sprachen auch die Medienberichte, die Weimar den Protokollen beigelegt hatte. In den ersten Tagen nach der Randale sprühten sie vor Entsetzen, schilderten die Vorfälle in ihrer ganzen Dramatik. Etwa zwei Wochen nach den Ereignissen gab es einen Bruch in der Berichterstattung. Jetzt war nicht mehr von Randale die Rede, sondern von einer „Demonstration, die aus dem Ruder gelaufen war“. Immer genauer wurden die Berichte über die Hintergründe der Versammlung. Für mehr Arbeit und bessere Zukunftschancen hatte man demonstrieren wollen. Das wäre schon Wochen vorher angekündigt gewesen. Nur die Größe hätte man unterschätzt. Und dummerweise gab es einige verbrecherische Saboteure, die die friedliche Kundgebung aufwiegeln wollten – eben jene Aufhetzer. Das war von langer Hand geplant. Seit Monaten arbeitete dieses Terrornetzwerk an dem „Anschlag gegen die Bürgerlichkeit“. Der eigentliche gewaltsame Aufstand geriet durch die Verschwörungsthese immer stärker in den Hintergrund und wurde letztendlich in den Medien gar nicht mehr erwähnt.
Was Martin aber am meisten erschauern ließ, war die Tatsache: Die Dokumente bestätigten die wilden Schilderungen von Steffen Weimar, die der Soziologe vor einigen Stunden für Spinnereien eines heruntergekommenen Menschen gehalten hatte. Schwarz auf Weiß. Die Massenrandale von Lindingen war ein zivilisatorisches Desaster. Nach einer scheinbar endlosen Zeit des Grübelns blickte Martin müde von den Unterlagen auf. Die Uhr zeigte um drei nachts an. Gerädert stand er auf und lief mehrere Minuten gedankenverloren in der Wohnung auf und ab. Es konnte sein, es konnte wirklich sein, dachte er angestrengt. Das war vielleicht der lang gesuchte Beweis seiner bisher spekulativen Theorie. Ein praktisches Beispiel. Fakten statt Hypothesen. „Es muss so sein“, murmelte Martin vor sich hin. Es passte einfach zu genau. Trotz dieses unverhofften Durchbruchs war dem Doktoranden eigenartig zu Mute. Er klappte die Mappe zu und ging schlafen.
Mittlerweile konnte Martin die Polizeiprotokolle von Lindingen im Schlaf herbeten. Wieder und wieder hatte er sie intensiv studiert. Er war sich nun sicher, dass es sich um einen Fall von Anomie handelte. Das Leben in Lindingen – auch damit hatte er sich eingehend beschäftigt – war von einer Vielzahl sozialer Probleme belastet: Die Arbeitslosigkeit lag bei in diesen Zeiten ungewöhnlichen 20 Prozent, viele Menschen lebten im Elend. Es gab zahlreiche heruntergekommene Wohnviertel, in denen fast niemand von seinem Job existieren konnte oder eine Perspektive besaß. Entsprechend hoch war die Kriminalität. Die soziale Verelendung traf bei Weitem nicht nur die Menschen mit geringer Qualifikation. Gerade auch studierte Fachkräfte hatten keine Chance. Von ihnen gab es in der Stadt viele. Die meisten kamen zum Studieren und blieben anschließend. Oft gelang es ihnen, sich einige Jahre mit Behelfsjobs mehr oder weniger gut über die Runden zu retten. Doch die lokale Wirtschaft war miserabel. In Lindingen gab es kaum Industrie und produzierende Zweige. Die Stadt lebte im Wesentlichen von der Kreativwirtschaft, Kultur und Medien, Handel und Dienstleistungen. Als sich die ökonomische Lage verschlechterte, brachen diese Zweige ein. Kein Wunder also, dass das zivilisierte Verhalten unter diesem Druck zu bröckeln begann und barbarische Angewohnheiten hervorbrachen.
Norbert Elias erklärt in seinen Werken: Die Verflechtungen der Menschen haben sich im Laufe der Zeit immer mehr verdichtet. Die Beziehungen, in die ein Bürger eingebettet ist, sind heute um ein Vielfaches umfangreicher als noch in vergangenen Jahrhunderten. So wurde aufgrund der zunehmenden Konkurrenz eine Arbeitsteilung und Differenzierung der Gesellschaft unerlässlich. Das erhöht wiederum die Abhängigkeit des Einzelnen von anderen. Funktionieren kann das komplexe Gebilde nur, wenn alle mit Bedacht und Rücksicht aufeinander handeln. „Das Verhalten von immer mehr Menschen muss aufeinander abgestimmt, das Gewebe der Aktionen immer genauer und straffer durchorganisiert sein, damit die einzelne Handlung darin ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt“, schreibt Elias (Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation 2, S. 327). Heftige emotionale Ausbrüche oder abweichendes Verhalten müssen vermieden werden. Der Einzelne ist gezwungen, sein Verhalten zu regulieren, zu vereinheitlichen und zu stabilisieren. Auch das Bewusstsein ändert sich von einem magisch-traditionellen hin zu einem rationalen, wissenschaftsorientierten Denken. Die Regulierung des Verhaltens geschieht meist unbewusst. Der Mensch bekommt von Kind an Zwänge zur Unterdrückung von unmittelbaren Gefühlen auferlegt. Im Laufe seines Lebens werden diese erzieherisch vermittelten Fremdzwänge zu kaum wahrnehmbaren, aber tief verinnerlichten und allgegenwärtig greifenden Selbstzwängen, die Teil des eigenen Wesens sind. Elias schreibt, dass die gleichmäßige Selbstbeherrschung des Menschen „wie ein fester Ring, sein ganzes Verhalten umfasst“ (Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation 2, S. 339). Dieser bindende Ring wird gebildet durch das Wissen um die Folgen des Handelns – und die deshalb erforderliche Selbstzähmung. Der Wandel von Fremd- zu Selbstzwängen lässt sich zum Beispiel am Verhältnis des Menschen zur Sauberkeit und dem Waschen erkennen. Früher wusch man sich nur spartanisch und immer dann, wenn man einem Höhergestellten begegnete. Heute ist Sauberkeit eine tief verinnerlichte Gewohnheit. Auch wenn man niemanden trifft, wäscht oder rasiert man sich – einfach aus einem inneren Verlangen nach Sauberkeit heraus oder, wie Elias es nennt, einem Selbstzwang, der sich im Laufe des Zivilisationsprozesses herausgebildet hat.
Dabei meint Elias nicht, dass in der Vergangenheit keine Zwänge auf den Menschen gelastet hätten. Ohnehin spricht er sich gegen Begriffspaare wie „unzivilisiert“ und „zivilisiert“ oder Wertungen der verwendeten Begriffe aus. In früheren Gesellschaften wirkten Zwänge überwiegend von außen auf den Menschen. Der stärkste stellte die permanente Bedrohung durch körperliche Gewalt dar. Jederzeit musste man fürchten, Opfer der Affekte eines Anderen zu werden. Heute ist diese Gefahr gering. Die Zwänge, die nun auf dem Menschen lasten, sind subtiler und in sein Inneres verlagert. Elias bringt das Beispiel einer Straße, um den Wandel der auf den Menschen ruhenden Zwänge zu beschreiben: Früher hatte man auf der Straße Angst vor einem Überfall, heute aufgrund des komplexen Verkehrs davor, überfahren zu werden. Man muss aufpassen – also sein Verhalten regulieren – um sicher über die Straße zu kommen.
Die Selbstzwangapparatur des modernen Menschen ist laut dem klassischen Sozialwissenschaftler sehr wichtig für die heutige Gesellschaft. Besteht die Hauptgefahr doch heute darin, dass jemand innerhalb des vielschichtigen Getriebes der Gesellschaft seine Selbstkontrolle verliert. Die Kämpfe und Auseinandersetzungen sind aber nicht verschwunden. Sie wurden vielmehr – wie die wirkenden Zwänge – nach innen in den Einzelnen hinein verlegt. Spannungen und Leidenschaften, die früher unmittelbar im Kampf zwischen den Menschen geklärt wurden, muss der Einzelne nun in sich selbst austragen. Seine Selbstbeherrschung kämpft gegen seine unmittelbaren Gefühle. Nicht immer enden diese inneren Auseinandersetzungen gut. Das System der Selbstkontrolle ist störanfällig und der permanente innere Druck lastet schwer auf dem Menschen. Er kann Spannungen erzeugen, die zu ständiger Unruhe oder Unzufriedenheit führen. Im schlimmsten Fall bahnt sich der innere Druck einen Weg nach draußen und äußert sich auf für Mensch und Gesellschaft destruktive Weise. Durch die Zivilisationskonflikte können Wunden in der Psyche entstehen, die entweder langsam heilen – oder sich nie schließen und immer wieder zerstörerisch aufbrechen.
Alles passte gut – Martins Recherchen und die Theorie dazu. Doch letztendlich kam der Soziologe zu der Erkenntnis: Er konnte nur Ergebnisse erhalten, wenn er sich von der Lage in Lindingen selbst ein Bild machte. Und so beschloss er, in einer kalten Novemberwoche in die ominöse Stadt zu fahren.
Der Wind war schneidend. Er fuhr Martin rau durch alle Glieder, als er seinen Wagen verließ, den guten alten, mattgrünen VW, dessen Dellen an den Türen und der Stoßstange von einem bewegten Auto-Leben zeugten. Hierzu zählten mehr als eine Tempoüberschreitung und gelegentliche Begegnungen mit einer Leitplanke oder einer Säule in der Tiefgarage. Trotz Mantel fror Martin. Es war eindeutig zu kalt für diese Jahreszeit. Und zu still für eine Großstadt, fand er. Der Forscher hatte sich in einer kleinen, etwas abseits gelegenen Pension eingemietet, unweit jener legendären Straße, in der die Ausschreitungen stattgefunden hatten. Martin war schon früh am Morgen losgefahren. Lindingen lag ein ganzes Stück entfernt. So dunkelte es bereits, als er die Metropole erreichte, obwohl die Uhr erst um vier am Nachmittag anzeigte. Die einsetzende Finsternis verstärkte in dem Doktoranden das Gefühl, am Ende der Welt zu sein. Zwar war Lindingen nicht wesentlich kleiner als Randhausen, aber es gab deutlich weniger Leben. Auf den Straßen – selbst im Zentrum, das konnte Martin bei der Durchfahrt erspähen, – hasteten nur vereinzelt Menschen durch die Gegend. Sie wirkten verloren auf den unbelebten Straßen. Die meisten Geschäfte hatten die Schaufensterjalousien heruntergelassen, obwohl sie geöffnet waren. Hier und da schossen einige Autos durch die Straßen. Sie hatten es offensichtlich eilig, ans Ziel zu gelangen. „Liegt sicher am Wetter“, dachte Martin, ohne sich weiter den Kopf über seinen ersten Eindruck von der Stadt zu zerbrechen. Gerade fing es an zu nieseln. Der 32-Jährige ging zum Kofferraum und hob die Reisetasche heraus. Dabei machten sich die Bücher darin unangenehm bemerkbar. Martin kam der Gedanke, er müsste mal wieder mehr trainieren statt sich nur hinter dicken Wälzern in der Bibliothek zu verschanzen.
Als Martin die Pension betrat, schlug ihm eine angenehme Wärme entgegen. „Wenigstens hier scheint es freundlich zu sein“, dachte er erleichtert. Eine kleine, rundliche Frau Mitte 50 erschien an der Rezeption. „Wunderbar Herr Gehring. Wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob Sie es noch bei vernünftigem Wetter schaffen. Heute Nacht soll es schneien und einen ordentlichen Wind haben diese Wetterfritzen angesagt. Aber nun sind Sie ja angekommen. Gerade noch rechtzeitig. Sie scheinen ein Glückskind zu sein. Ich rufe gleich meinen Sohn. Der bringt Ihre Sachen hoch. In einer halben Stunde gibt es Abendessen.“ Munter plauderte die Frau weiter. Martin stand schweigend daneben und ließ den Wortschwall gern über sich ergehen. Er fühlte sich in dem Moment gut aufgehoben. Die Pensionsbesitzerin schob ihn fürsorglich in Richtung Treppe und rief derweilen lauthals nach ihrem Sohn: „Karl, los komm her! Es gibt zu tun!“ Dieser, ein hagerer Kerl nicht viel älter als der Doktorand, kam eilig angesprungen und folgte der Aufforderung seiner Mutter. Widerstandslos ließ sich Martin in sein Zimmer führen, einen liebevoll, antik eingerichteten Raum. Nachdem der zum Tragen beorderte Karl die Reisetasche schnaufend abgestellt hatte und gegangen war, ließ sich Martin auf sein Bett fallen. Ohne es zu wollen, fiel er sofort in einen tiefen Schlaf. Er hatte in letzter Zeit viel über dem Fall von Lindingen gebrütet und sich kaum eine Pause gegönnt. Das kostete ihn mehr Kraft, als er vermutet hätte. Und so schlief er selig bis zum Morgen, ohne Abendessen und komplett bekleidet.
Frisch erholt fühlte sich Martin an dem ersten Morgen in Lindingen zu allen Taten bereit. Er schälte sich aus seinen alten Sachen – wenigstens Mantel und Schuhe hatte er sich des Nachts abgestreift – und duschte. Dann schlüpfte er in frische Kleidung und ging zum Frühstück. Im Speisesaal saßen drei Gäste. Dazu zählte eine junge Frau mit ihrer zehnjährigen Tochter. Offenbar waren sie auf der Durchreise, denn ihre Taschen standen schon gepackt an der Treppe. Außerdem hörte Martin das Gespräch der beiden mit, in dem die Mutter ihre Tochter immer wieder zur Eile antrieb. Der andere Anwesende war eine merkwürdige Gestalt. Es handelte sich um einen Mann um die Anfang 40. Er trug ein abgewetzten, schwarzen Regenmantel und einen tief ins Gesicht gezogenen Hut. Der Fremde saß zusammengesunken in einer Ecke des Raumes, halb versteckt hinter seiner Zeitung. „Das erste Mal in Lindingen?“, fragte der Mann plötzlich mit knarziger Stimme. Er hatte wohl gespürt, dass Martin, immer noch am Eingang des Speisesaals stehend, ihn musterte. Die Stimme erklang so abrupt und derb, dass sogar Mutter und Kind ihr Zwiegespräch unterbrachen und aufschauten. „Ja, ich bin gestern angekommen. Scheint eine hübsche Stadt zu sein“, entgegnete Martin. Er versuchte die eigenartige Situation zu überspielen. Doch der düstere Mann schwieg nun eine kleine Ewigkeit, so dass es fast wieder peinlich wurde. „Setzen Sie sich doch zu mir. Was immer Sie in Lindingen suchen, ich kann Ihnen weiterhelfen“, sprach der merkwürdige Typ schließlich. Martin nickte mechanisch. Dann setzte er sich in Bewegung und holte sich vom Buffet Kaffee, Brötchen und etwas Brotbelag. Mit seinem Frühstück setzte er sich wie aufgefordert zu dem Mann in der Ecke.
„Schmidt, nennen Sie mich einfach so“, begann der Fremde, als sich der junge Soziologe niedergelassen hatte. „Äh, angenehm, Herr Schmidt. Mein Name ist Martin Gehring. Ich komme aus Randhausen“, entgegnete Martin immer noch leicht verlegen. Aus der Nähe konnte er erkennen, dass sein Gesprächspartner deutlich älter war, als es zunächst schien. Die 50 hatte er definitiv überschritten. Sein mittellanges, schmieriges Haar quoll unter dem Hut hervor und fiel ihm in Locken ins Gesicht. Es verdeckte seine wettergegerbte Haut. Alles an Schmidt wirkte alt und schäbig. Nur seine hellblauen Augen waren lebhaft. Sie schienen Martin zu durchdringen. Unter ihnen fühlte sich der Forscher aus Randhausen unbehaglich. Am liebsten wäre er aufgestanden und gegangen. „Bleib locker. Das scheint ein Einheimischer zu sein. Er kann dir bei deiner Recherche sicher helfen“, ermahnte sich Martin innerlich. Mit seiner Vermutung behielt er Recht. Schmidt stammte aus Lindingen und kannte sich bestens in der Stadt aus. Er war bei der Stadtreinigung, fuhr eines jener kleinen Fahrzeuge, die mit ihren rotierenden Bürsten die Gehwege sauber hielten. Nach kürzester Zeit wusste Martin, warum dieser Job abenteuerlich war und er das städtische Leben überhaupt zusammenhielt. Der Alte erzählte: „Wissen Sie, Sie müssen ständig auf der Hut sein. Menschen geben niemals Acht. Zumindest nicht auf uns Reinigungsfahrer. Die Leute rennen die ganze Zeit von einem Ort zum nächsten. Kopf runter, Hals tief in die Jacke hineingezogen. Da müssen Sie ständig aufpassen, dass Ihnen niemand unter die Bürsten kommt.“ Bei dieser Formulierung gluckste Martin leicht und versuchte diesen Anflug von Lachen schnell mit einem Husten zu überspielen. Komische Vorstellung, unter die Bürsten des Alten zu geraten. Der Rest von Schmidts Vortrag war wenig erheiternd. Denn der kauzige Mann ließ weder die dreckigen Details weg, was alles auf der Straße lag, noch welche merkwürdigen Gestalten sich nachts durch die Gegend trieben. Erstaunlicher war schon seine Idee, dass „seine“ blitzblanken Gassen wesentlich zum gesellschaftlichen Leben beitrugen. Gelassen und selbstsicher erklärte Schmidt: „Wenn es sauber ist, verkriechen sich die dunklen Gestalten und die Menschen bemühen sich darum, selber für Ordnung zu sorgen. Ohne Sauberkeit keine Ordnung im Leben.“ Damit lag der kauzige Alte gar nicht so weit weg von der Wissenschaft. Auch die Soziologen hatten einen Erklärungsansatz in diese Richtung entwickelt.
Die in den USA entstandene Broken-Windows-Theorie beschreibt, wie aus einem intakten Wohngebiet ein Problemviertel wird. Der Prozess beginnt mit einigen harmlos wirkenden Zerstörungserscheinungen – zum Beispiel einem zerbrochenen Fenster. Diese einzelnen verwahrlosten Ecken ziehen, wenn sie nicht sofort beseitigt werden, weitere Verwüstung nach sich. Denn sie signalisieren den Menschen, dass Sittenverfall und abweichendes Verhalten nicht geahndet werden. Stück für Stück wird das Wohnviertel immer verwahrloster. Damit trägt der sichtbare Verfall wesentlich zum Niedergang eines Wohngebietes bei.
„Nun erzählen Sie mal, was zieht Sie denn von Randhausen nach Lindingen? Nicht gerade der nächste Weg“, wollte Schmidt wissen. Martin beschrieb sein Anliegen. Dass er Soziologe wäre und sich mit Massenphänomenen beschäftigte. Etwas umständlich erklärte er seine Theorie der Anomie, wie es sich eben berichten lässt, wenn man statt der gewohnten Berufssprache die des Laien verwenden musste. „Deshalb“, der junge Forscher räusperte sich kurz, „interessiere ich mich für die Geschehnisse im Juli 2013 in Lindingen.“ Darauf reagierte Schmidt scheinbar gar nicht. Er saß zusammengesunken da, blickte nach unten. Es wirkte, als wäre der Alte eingeschlafen. Ahnend, dass das Thema heikel war, ergänzte Martin unbeholfen: „Sind Sie damals zufälligerweise dabei gewesen?“ Schmidt blickt bei diesen Worten auf und heftete seine stechenden Augen auf den jungen Mann. „Irgendwie waren wir damals alle dabei“, entgegnete er. Nach einer ganzen Weile fügte er hinzu: „Sie sollten das Thema vergessen. Fahren Sie wieder zurück in Ihre schöne gemütliche Welt in Randhausen. Vergraben Sie sich hinter Büchern und halten Sie Vorträge in Ihrem wissenschaftlichen Elfenbeinpalast. Sie verstehen nichts von Lindingen. Das Leben hier ist anders als bei Ihnen. Was können Sie schon über die Menschen in Lindingen wissen? Nichts. Und erst recht nicht beurteilen. Sie sollten verschwinden. Mit Ihren merkwürdigen Theorien werden Sie sich hier viele Feinde machen. Also los, gehen Sie, lassen Sie mich in Frieden.“ Barsch gab Schmidt mit einigen Gesten zu verstehen, dass Martin den Tisch verlassen sollte. Völlig verdattert erhob sich der Soziologe und verließ den Frühstücksraum, obwohl er keineswegs fertig mit Essen war. An der Rezeption begegnete ihm die Wirtin. Sie bemerkte sein verstörtes Gesicht: „Sie haben mit Schmidt geredet, nicht wahr? Vergessen Sie ihn. Er ist nicht mehr wirklich beisammen, wenn Sie verstehen. Vielleicht haben Sie davon gehört“, dabei senkte die ältere Dame ihre Stimme und schaute sich um, ob sie jemand hören konnte, „Vor einigen Jahren gab es hier einen Zwischenfall. Eine ordentliche Randale. Schmidt war damals dabei. Davon hat er sich nie erholt. Die Stadt hat ihn rausgeworfen, weil er wunderlich wurde. Seitdem kommt er jeden Tag her und trinkt morgens einen Kaffee. Viel mehr gibt es nicht in seinem Leben. Familie hat er nicht. Also seien Sie nachsichtig mit ihm. Und: Erzählen Sie bloß nichts von dem, was ich Ihnen gesagt habe. Die Leute hier denken nicht gern an das Ereignis.“ Bei den Worten der Wirtin fröstelte Martin – mehr als durch Schmidts seltsamen Vortrag. Irgendwas war in der Stadt geschehen. Es hatte das Leben der Menschen von Grund auf verändert, eine andere Art von Gesellschaft geschaffen. Der Doktorand ersparte sich zu sagen, weshalb er in Lindingen war, und ging auf sein Zimmer.
