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Die jugendliche Rebellion gegen eine Gesellschaft, deren zwanghafte Strukturen als Fluchtmechanismen gegen die Erkenntnis existentieller Sinnlosigkeit dienen - das ist das Hauptthema der "Anstaltsnotizen" von Jo Piccol. Mit der Verleugnung aller objektiven Werte mutiert der Konflikt zwischen dem persönlichen Empfinden des Individuums und dem Nihilismus der Welt zu einem alptraumhaften Blick in menschliche Abgründe. Mit schockierender Radikalität und bizarren (Sprach-)Bildern entwirft Jo Piccol in den "Anstaltsnotizen" eine elegische Collage aus Angst und Gewalt, Macht und Ohnmacht, Sexualität und Tod - Schreiben im Angesicht des Nichts als brachialer Gegenentwurf zu den vielfältigen normativen Weltbildern, die die heutige Kultur in ihrem Bauchladen anzubieten hat. Für klassische lyrische Formen, romantische Schönmalerei und zum Selbstzweck hochstilisierte Wortkunst bleibt in dieser literarischen Eruption kein Platz, auch wenn sich der Autor einer höchst eigenständigen, artifiziellen Sprachtechnik bedient - seine persönliche Form, um immer wieder auf schmerzhafte Weise zu insistieren, dass sehr wohl sein kann, was für viele nicht erträglich ist. Die 1995 erstmals veröffentlichten "Anstaltsnotizen" gelten als Kultbuch und liegen hier in einer erweiterten und überarbeiteten Fassung mit Illustrationen von Armin Karner vor.
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2017
Vorwort
Der Abgrund
Casino Royale
Der Begleiter
Einsamkeit
An einer Straßenkreuzung im Niemandsland
Polychrono, Chalkidiki
Sex I
Sex II
Sex III
Lachen
Alien
Ekel
Chefs
November
Universum
Weihnachten 1986
Zip!
Ich will Dich!
Love (Sex IV)
Amerika
Draußen
Als mir vor etwas mehr als 20 Jahren erstmals die »Anstaltsnotizen« in die Hände fielen, war ich gerade dabei mich selbst auf den Weg zu machen, um vielleicht einmal ein halbwegs passabler Schreiberling (oder wenigstens Werbetexter!) zu werden. Im Anschluss an die Piccol’sche Lektüre jedoch nahm ich mir sofort eine kleine persönliche Auszeit in der nächstbesten Spelunke und überlegte mir zusammen mit ein paar blendend disponiert wirkenden Tagedieben und Glücksrittern, was für sinnstiftende alternative Beschäftigungsmodelle für mich wohl sonst noch so in Frage kämen?
Jo Piccols »Elegien aus der Minus-Welt« stammten meinem eindrücklichen Empfinden nach jedenfalls nicht von dieser (meiner!) Welt, sondern lasen sich für mich wie die finalen Grußbotschaften aus einem verwunschenen Konträr-Universum bzw. einer von unserem herkömmlichen Denken und Fühlen weit entfernten und völlig entfremdeten Destination außerhalb des menschlichen Kosmos.
Was aber genau diesen aufgeschlossenen, lebenslustigen und dabei doch äußerst geradlinigen Typen (als den ich ihn später kennenlernen durfte…) dazu veranlasst hat, ein solch infernales Kosmogramm an verunglückten menschlichen Regungen und zivilisatorischen Unpässlichkeiten zu entwerfen und seinen Lesern über den Scheitel zu ziehen wie den Hammer des Thor, blieb mir damals ebenso verschlossen wie heute. Denn dass dieser aufgeweckte Kerl sozusagen als Ausgleichssport für sein Gefangenendasein in den vielschichtigen und widersprüchlichen Realitäten der erwerbsorientierten Erwachsenenwelt nur mal kurz seinen Genius aus dem Unterstand jagte, um solchermaßen praktisch im Vorübergehen ein wahrhaft haarsträubendes lyrisches Frühwerk zu generieren, können wir hier nicht ganz unreflektiert stehen lassen. Zu viele zornige junge Typen haben sich nämlich bereits im lautmalerischen Aufruhr gegen das Establishment versucht und dabei auf dem Scheiterhaufen ihrer halbgaren Ambitionen letztlich selbst zu Asche verbrannt…
Nun hat sich Jo Piccol bei seinem fulminanten Debut aber nicht nur als kompromissloser Bürgerschreck geoutet, sondern sich damit auch ebenso plausibel wie zwanglos zu den schillerndsten und gewagtesten Vertretern der »Dark Poetry« gesellt, deren wenige Protagonisten über den Zeitstrom hinweg eine hermetische Gilde von mysteriösen, legendenumrankten Dichterfürsten begründet haben. So hat z.B. ein William S. Burroughs mit »Naked Lunch« und seiner »Nova Triology« herausragende Beiträge zur subalternativen avantgardistischen Hochkultur geleistet; aber auch ein Joyce, Ginsberg, Lovecraft, Bukowski, Poe oder Fauser haben sich gewiss nicht geschont – ebenso wie die frühreifen und aufsässigen Franzosen übrigens; von Villon über Baudelaire und Rimbaud bis hin zu Genet und Cocteau (um nur einige zu nennen!).
Auffallend, jedoch keineswegs überraschend hierbei ist, dass es sich bei dieser hochkarätig besetzten literarischen Freak-Show eigentlich fast ausschließlich um pathologische gesellschaftliche Außenseiter handelt, die über den Daumen gepeilt anscheinend nicht nur notorisch pleite, überspannt und hungerleidend waren (wenn sie nicht gerade im Absynth ersoffen sind…), sondern in der überwiegenden Mehrzahl längst auch schon das Zeitliche gesegnet haben – alles Dinge also, die man Piccol beim besten Willen nicht unterstellen kann!
Warum aber gibt sich dann dieser relativ solide veranlagte Bursche, der es als erfolgreicher Werbeprofi im knallharten Strip-Poker des Lebens bis zu den Fleischtöpfen der Chippendales geschafft hat – warum also markiert Jo Piccol hier dann so aufreizend gekonnt das Enfant terrible und kehrt uns sein Innerstes mit dem lockeren Selbstverständnis eines Organspenders nach außen? Andererseits: von wo sollte er uns wohl sonst berichten, wenn nicht aus seiner ganz persönlichen endogenen Zone – jenem Innersten seiner Haut also, die nicht nur sämtliche Episoden und Stationen seines selbst auferlegten Passionsweges umspannt, sondern uns dabei ebenso die Wundmale eines Gekreuzigten wie auch jene des überzeugten Grenzgängers und Boarderliners offenbart (also doch!).
An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten, um mit der werten Erlaubnis meines Kollegen Jo Nussbaumer aus dessen essentiellem Nachwort zur Erstausgabe zitieren, welches uns in der Frage nach Sinn und Wertigkeit von Piccols Lyrik höchst Aufschlussreiches anzubieten hat:
So wird nämlich jene im Buch entworfene und kraft tausenderlei verschiedenster unverrückbarer Beispiele und endgültiger Wahrheitsbeweise eindrucksvoll ins Leben gesponnene Minus-Welt von Nussbaumer nicht als die Welt des Bösen, sondern vielmehr als jene »der nackten, schonungslosen und unabänderlichen Wahrheit« nachempfunden. Eine Welt eben, in der alle »wahren Werte im Grunde nichts anderes als subjektive Erfindungen sind und in der sich auch jede Moral als völlig absurd entpuppt, da diese nur der Legitimation von Herrschaft jeglicher Art dient.«
Touché! Aber ist hier schlussendlich nicht doch nur ein boshafter nihilistischer Agitator am Werk, der mit seinen extremen An- und Zumutungen vor allem unter den Zerrissenen punkten möchte und es sich währenddessen in seinem Elfenbeinturm bequem macht?
Keinesfalls! Denn Jo Piccol watet mit dem zerschlissenen Banner der verbrieften Sinnlosigkeit zuallererst selbst durch den Sumpf der tradierten westlichen Wertelosigkeit und singt uns seinen Anstalts-Blues quasi auf halbem Wege zwischen den goldenen Wasserhähnen der Moderne und dem sanitären Manifest jener uralten, immerwährenden sowie alles- und jeden verschlingenden Monsterkloake direkt unter unseren Füssen!
Dabei macht er jede auch noch so schemenhaft auszumachende menschliche Schwäche schonungslos dingfest und nennt jeden grassierenden Irrwitz bei seinem satanischen Taufnamen, bevor er dieses erzbreughel‘sche Panoptikum des ewigen und unabwendbaren Wahnsinns als verstörenden sprachlichen Filmriss in unsere ach so heimelig vertraute Alltagswelt projiziert, von der letztendlich nicht mehr übrig bleibt, als ein traurig zum Himmel empor ragendes Hähnchengerippe… voila!
