antallagi - René Klammer - E-Book

antallagi E-Book

René Klammer

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Beschreibung

Geschichten zum Freuen, Schaudern und Schmunzeln, zum Griemeln und Greinen, Lachen und Weinen, zum Verschenken und Behalten, zum Aufwachen und Wachbleiben, für fröhliche Sommersonnenstrandtage und stürmische Herbstregenteetrinktage, dazu Bilder zum Gucken und Wundern und Schweigen und Staunen. Es erwarten Sie: 9 Kurzgeschichten von René Klammer, 9 Kurzgeschichten und 1 Gedicht von Johanna Schmidt, dazu 17 Fotos von Verena Borm. Auf 88 Seiten, davon 11 in Farbe. In einer gebundenen Ausgabe mit Schutzumschlag.

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Seitenzahl: 67

Veröffentlichungsjahr: 2015

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„Wir lassen nie vom Suchen ab und doch,

Am Ende allen unseren Suchens

Sind wir am Ausgangspunkt zurück

Und werden diesen Ort zum ersten Mal erfassen.“

(T. S. Eliot)

Wir bedanken uns sehr herzlich

bei Familie Borm

für die Erlaubnis zum Druck der Fotos.

Inhalt

Durch den Wind

berner würstchen

Berner Würstchen

verblasste erinnerung

Verblasste Erinnerung

geburtstag

Geburtstag

schultüte

Schultüte

schwimmbad

Schwimmbad

krise

Krise

winternächte

Winternächte

arbeitsklima

Arbeitsklima

lückenhaft

stoffwechsel

Manchmal muss man tun, was man tun muss. Das gilt nicht nur für Cowboys, sondern auch für Beamte. Und was muss man tun? Zum Beispiel: den Mann in der Bahn bitten, seine Rammstein-Musik ein bisschen leiser zu drehen - auch wenn der Typ zwei Köpfe größer ist und offensichtlich schlechte Laune hat. Oder: dem Chef endlich mal erklären, dass jetzt langsam Schluss ist mit den unbezahlten Überstunden. Oder: in viertausend Metern Höhe aus einem Flugzeug springen.

Als Nele mich bei der letzten Betriebsweihnachtsfeier zu fortgeschrittener Stunde fragte, ob ich gerne einmal die Erfahrung des ultimativen Kontrollverlusts mit ihr teilen möchte, da habe ich etwas zu voreilig genickt.

Nele und ich werden einen Fallschirmsprung machen. Je näher der Termin rückt, desto unruhiger schlafe ich. Wieder und wieder träume ich, aus einem Flugzeug zu stürzen, wache auf und kapiere: Das war nicht bloß ein Alptraum - das wird bald Wirklichkeit! Ich setze mich an den Computer und schaue mir ein paar Online-Videos an: Ich spekuliere darauf, dass das Horrorszenario „Mann fällt aus Flugzeug“ seinen Schrecken verliert, wenn ich mit eigenen Augen sehe, wie viel Spaß das macht. Aber was sehe ich? Menschen, die kopfüber aus Flugzeugen stürzen und dabei brüllen wie am Spieß!

Dennoch: den Termin platzen lassen, kommt nicht in Frage. Natürlich wäre mir ein etwas klassischeres Date - mit Kino und Sushi - deutlich lieber, aber mit Nele aus dem Himmel zu fallen ist immer noch besser als auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. „Hast du Angst?“, fragt sie mich. Das kann ich guten Gewissens verneinen: nein, keine Angst - blanke Panik!

Erst am Tag vor dem Sprung sagt sogar Nele: „Du, wenn ich an morgen denke, kriege ich irgendwie schwitzige Hände.“ Ich bin mittlerweile vom Schlafentzug völlig abgestumpft: „Der freie Fall ist eine Urangst“, doziere ich. „Die Frage ist: Lieferst du dich dieser Angst aus wie ein hilfloses Kind, oder vertraust du deinem Verstand und besiegst endlich alles, was dich klein macht?“

An unserem Sprungtag scheint die Sonne - der Himmel ist strahlend blau, die Sicht makellos. Nele meint: „Das wird die Hölle.“ Da widerspreche ich nicht. Nachdem wir unsere Teilnahmegebühr berappt haben, bleiben uns noch volle drei Stunden, um uns verrückt zu machen. Um blöde Witze zu reißen über Organspenden, Lebensversicherungen und letzte Worte. Um Fritten zu essen und Kamillentee zu trinken. „Das hat nichts mit meiner Nervosität zu tun“, erklärt Nele, während sie ihren Teebeutel ausdrückt und sich die nächste Zigarette anzündet, „ich trinke immer Kamillentee.“ In dem Moment fällt wieder ein Fallschirmspringer aus dem blauen Himmel. Nele guckt sich das stirnrunzelnd an und wirft mir einen besorgten Blick zu.

Bevor wir endlich dran sind, gibt es eine zwanzigminütige Einweisung, bei der uns lauter wichtige Dinge erklärt werden, die ich sofort wieder vergesse. „Was bedeutet dieses Zeichen?“, testet mich mein Sprungpartner und halt seine Hand hoch. „Hohlkreuz machen“, sage ich. „Falsch“, sagt er, „Beine ausstrecken.“

Unser Flugzeug ist winzig. Wir passen kaum rein: Nele und ich und unsere beiden Sprungpartner. Und der Pilot muss ja auch noch mit! Statt einer Tür gibt es einen Vorhang, der mit Karabinerhaken befestigt ist und heftig flattert. Ich sitze direkt neben dem Vorhang und kann durch einen schmalen Schlitz während des gesamten Flugs sehen, wie hoch wir gerade sind. Nele sitzt hinter mir - sie klingt so vergnügt, ais wäre das die reinste Kaffeefahrt. Derweil linse ich zwanghaft durch den Schlitz und sage mir immer wieder: Da musst du gleich rausspringen! Neles Strategie ist eindeutig die bessere.

Nach einer Viertelstunde haben wir unsere Sprunghöhe von dreieinhalbtausend Metern erreicht. Mein Sprungpartner brüllt: „So, dann mach mal den Vorhang auf und häng die Füße raus. OK?“ Klar doch. Ich öffne also den Vorhang, hänge mich aus dem Flugzeug - und zwei Sekunden später fallen wir.

Mal ist der Himmel oben, mal unten. Der Luftdruck ist so stark, dass ich, um atmen zu können, die Luft mit aller Kraft einsaugen muss. Nach 45 Sekunden gibt es einen Ruck: Der Fallschirm hat sich geöffnet. Mein Sprungpartner lost zwei der vier Haken, damit’s bequemer wird. Tatsäch-lich beginnt jetzt der gemütliche Teil und ich kann sogar die Aussicht geniefien. Mein Sprungpartner gibt mir die Schlaufen, mit denen sich der Fallschirm steuern lässt, und wir peilen den Flughafen an, der immer noch so klein, so weit weg ist, dass ich ihn kaum erkennen kann. Über uns segelt Nele vorbei.

Es gibt ja Leute, die heiraten in dieser Situation. Gab’s auch schon Paare, die sich im freien Fall kennengelernt haben?

„Wollen wir noch ein bisschen Spaß haben?“, fragt mein Sprungpartner und ehe ich mir eine Antwort überlegen kann, fliegen wir ein paar lustige Loopings - Solange, bis mir speiübel wird. Danach kommt schon der Landeanflug. Landen bedeutet in dem Fall: Wir plumpsen mit unseren Hintern platt auf die Wiese.

Tagelang habe ich Schiss gehabt und jetzt ist alles vorbei. Während mein Sprungpartner unseren Schirm zusammenlegt, sitze ich im Gras und sehe zu, wie fünfzig Meter entfernt auch Nele landet. Sie winkt sofort und strahlt und hüpft durchs Gras und ist topfit.

In einem ausrangierten Post-Transporter werden wir zurück zum Rollfeld gefahren und dort schaut sich Nele sofort ihr Sprungvideo an, erkundigt sich, wieviel ein Flugschein kostet und bucht wahrscheinlich auch gleich ihre nächsten zehn Sprünge. Derweil muss ich leider dringend mal kotzen gehen.

Später fahren wir zurück in unseren Alltag - in dem normalerweise keiner von uns verlangt, über unseren Schatten zu springen, geschweige denn: durch die Wolken. Zurück ins eingeebnete Mittelmafi, das wenig Höhen und Tiefen kennt, keine Todesangst und nur manchmal, nach Feierabend, die pure Lebensfreude. Der Sprung hat mir ein paar Momente seltener Klarheit verschafft. Welche Lehre ich daraus ziehe, kann ich noch nicht sagen, denn mir ist immer noch schlecht. Ich würde Nele gern sagen, dass es mir eine Ehre war, mit ihr aus den Wolken zu fallen, die Erfahrung des totalen Absturzes mit ihr zu teilen. Aber ich zögere und sage schliefilich doch nichts. Denn ich stelle fest: Das ist auch einer dieser kleinen, alltäglichen Fallschirmsprünge - jemandem zu sagen, wie gern man ihn hat.

der stoff an seinem lesesessel hat sich über die jahre abgenutzt. wenn er hier sitzt und seinen gedanken nachhängt, führen sie ihn zurück hinter die ladentheke. über neunzig jahre gab es die metzgerei schon, als er sie von seinem vater übernahm. dadurch war er im ganzen stadtteil bekannt. er liebte seinen laden und er liebte seine arbeit. er hat die metzgerei so lange geführt, bis er zu alt dafür wurde.

wo früher seine würste baumelten, hängen heute schicke fotos im schaufenster, die besten und günstigsten drucke werden angepriesen, in farbe und schwarz-weiß. einmal ist er hineingegangen. seine hand schloss sich um den türknauf und drückte die tür auf, bevor er es sich anders überlegen konnte. der helle ton des glöckchens war immer noch derselbe, aber der rest war ihm fremd. hektisches treiben, ratternde maschinen, der geruch von druckerfarbe - das alies trieb ihn schnell wieder nach draußen. seitdem meidet er die gegend.

langsam schlurft er in die küche, um sich einen kaffee zu kochen, da hört er das klappern des postschlitzes. der höhepunkt des tages. früher hat er dieses geräusch nie gehört, weil er tagsüber immer hinter der theke stand.

neben zwei rechnungen findet er heute einen von hand adressierten umschlag auf der fußmatte. es ist die adresse seines geschäfts, das es nicht mehr gibt. aber der briefträger kennt ihn ja. die handschrift ist ihm fremd, ebenso der name der absenderin. amina gruber aus österreich.

österreich?