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Die Anthologie-Trilogie ist ein unregelmäßig erscheinendes Magazin mit Kurzgeschichten von aufstrebenden Autor*innen im deutschsprachigen Raum zu jeweils drei unterschiedlichen Themen. Die Geschichten sind illustriert. Das Magazin ist als Spielwiese gedacht, um Experimenten und Herzensprojekten ein Zuhause zu geben. Erlebe die zerbrechliche Schönheit der Risse, die unsere Leben durchziehen, und entdecke, wie sie zu kostbaren Momenten des Wachstums führen können. Begleite Figuren auf ihrer Rückkehr, wenn sie verlorene Wege wiederfinden. Folge der Kunst der Reparatur in eine faszinierende Welt der Neubelebung. Diese Anthologie vereint zwanzig einfallsreiche Schriftsteller*innen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
ANTHOLOGIE-TRILOGIE
AUSGABE 2 RISSE, RÜCKKEHR, REPARATUR
Ist es nicht spannend, wie Risse für so viele eine negative Bedeutung haben? Risse, das sind Dinge, die wir vermeiden wollen! Risse bedeuten, dass die Dinge kaputt sind. Eine Tasse mit Sprung hält kein Wasser mehr. Dennoch gibt es Vieles, von dem Risse ein Teil des Ganzen sind. Craquelé, das ist das feine Rissnetz auf der Farboberfläche, sind bei alten Malereien von großer Bedeutung. Es gibt sogar Reißlack zu kaufen, mit dem man Bildern einen künstlichen antiken Look durch solche Craquelé verpassen kann.
Noch Jahre später nach der Schule kam auf Partys, auf denen ich war, manchmal die Frage auf, wer von uns in der Schule beliebt war und wer nicht. Wer wurde viel geärgert? Wie ist man damit umgegangen? Kann man Mobbing wirklich jemals ganz verarbeiten? Ich war ein solches unbeliebtes Kind in der Realschule, bevor ich in der Oberstufe mein Abitur machte. Es prägt das ganze Leben. Allerdings definieren uns vergangene Geschehnisse nicht. Doch wenn wir uns nicht trauen, die Wunde zu inspizieren, finden wir auch nie heraus, welche Behandlung helfen würde.
Im Leben warten viele Risse jeglicher Art auf uns, aber auch viele Pflaster, viel Mörtel oder auch mal Tipp-Ex. Manche Risse dürfen vielleicht auch bleiben. Denn wir Menschen sind keine Tassen, die mit einem Sprung nicht mehr dicht halten. Wir sind eher wie Gemälde, die mit den Jahren eine persönliche Craquelé bekommen.
Magret Kindermann
Herausgeberin
Die Anthologie-Trilogie ist ein unregelmäßig erscheinender Sammelband mit Kurzgeschichten von aufstrebenden Autor*innen im deutschsprachigen Raum.
Impressum
ISBN: 9783757934118
Herausgeberin, Lektorat, Buchsatz, Cover, Illustrationen:
Magret Kindermann
Adresse:
StartUp Kirche Eisenach
Z.H.v. Magret Kindermann
Goldschmiedenstr. 23
99817 Eisenach
Danke an Cathy Strefford!
Dieses Buch hat INHALTSWARNUNGEN. Du findest sie am Ende des Buches.
INHALT
Risse
Julia Heuer: HIER IST EINMAL LEBEN GEWESEN
Anne Danck: MENSCHLICH
Marcus Jensen: SIND SIE NEU?
Klara Frohsinn: DU LIEBST MICH NICHT
June Is: DRACHENMOND
Emeryn Mader: DAS ANDERE ICH
Margarita Neumüller: DISSONANZ
Wiebke Tillenburg: FADENRISS
Liv Modes: Coraline
Vanessa Glau: DIE ZEIT DES REHBOCKS
Alexandra Resch: VIEL HIN
Rückkehr
Felixz Eckstein: HÖHLE
Annina Anderhalden: BEREIT
Julia Heuer: HIER IST KEIN LEBEN MEHR
Hanna Bertini: IM SCHATTEN DAS LICHT
Nika Sachs: RÜCKKEHR INS LEBEN
Liv Modes: DAS ENDE DER GESCHICHTE
Jol Rosenberg: EINHEIT 3
Klara Frohsinn: DER BIRNBAUM, DAS HAUS DER VERGANGENHEIT
Reparatur
Wolfgang Köhn: FÄDEN
Swantje Petersen: GESTÖRTER EMPFANG
Nika Sachs: WERKZEUGKASTEN AUS DER VERGANGENHEIT
Katherina Ushachov: UNVERSTÄNDNIS
Janina Haselbach: GROßE, ROTE FLICKEN
Jol Rosenberg: AUTOREPARATUR
DIE AUTOR*INNEN
NEUGIERIG AUF MEHR VON DEN AUTOR*INNEN?
DIE ANTHOLOGIE-TRILOGIE
INHALTSWARNUNGEN
Teil 1
RISSE
HIER IST EINMAL LEBEN GEWESEN
Julia Heuer
Du stehst auf der alten Holzbrücke über dem toten Fluss. Die Brücke stöhnt und knirscht unter deinem Gewicht, das Holz ist morsch und spröde. Das Flussbett ist trocken, die Risse in der Erde wie die Stücke deiner Seele, die auf den nächsten Regenguss warten.
Hier ist einmal Leben gewesen, denkst du über dich und den Fluss und das Schilf, das wie Stroh über dem Boden liegt. Die Sonne hängt hoch am Himmel und zeichnet den tiefen Schatten der Brücke über das Flussbett, der die Risse wie Abgründe erscheinen lässt. Du lehnst dich über das Geländer, den Blick fest nach unten gerichtet. Schweiß klebt dir die Haare an die Stirn und deine Zunge liegt trocken in deinem Mund. Du hast schon lange kein Wasser mehr gesehen, keine Nahrung, keine Menschen. Du bist allein und allein stehst du auf der Brücke und allein lehnst du dich über das Geländer und allein starrst du nach unten und fragst dich, ob die Abgründe dich verschlucken würden, wenn du es nur doll genug versuchen würdest.
Ob dein Inneres so aussieht wie dieses Flussbett? Ob die Spalten deines Herzens genauso dunkel sind? Du wagst einen Blick in dich hinein und schauderst. Deine Hände umgreifen das Geländer fester. Das morsche Holz splittert zwischen deinen Fingern. Holzspäne regnet auf das Flussbett hinab. Es weht kein Wind, der sie ergreifen und davontragen könnte. Es fließt kein Wasser, mit dem sie davontreiben könnten.
Hier ist einmal Leben gewesen. Sehnsüchtig denkst du an singende Vögel an grüne Bäume, an lachende Menschen, an Glück und Trauer und Angst und Vorfreude. Heute ist hier nichts mehr, nur Leere, nur Abgründe, nur Staub, der aufwirbelt, sobald du die Brücke verlässt. Du schulterst deinen fransigen Rucksack und ziehst weiter, die Sonne im Rücken und das Flussbett an deiner Seite.
Irgendwo muss es noch Leben geben, denkst du, und du wirst es finden. Du wirst nicht wie dieser Fluss enden, trocken und spröde. Du weigerst dich, aufzugeben. Da ist noch ein bisschen Kraft in dir übrig, die wie Wasser durch deine Adern fließt.
MENSCHLICH
Anne Danck
Wieder war es das Stechen im Bein, das sie weckte. Kein Kältestechen, keine Entzündungshitze, denn das Temperaturempfinden darin hatte sie schon eine Weile verloren. Übrig geblieben war nur der Schmerz als Signal dafür, dass etwas nicht stimmte.
Mit steifen Gliedern schob Monika die raue Bettdecke zur Seite und stand auf. Im Dunkeln begann sie, durchs Zimmer zu gehen – zu schlurfen –, so gut es möglich war. Manchmal half es. Manchmal war es die mangelnde Durchblutung, die den Schmerz verursachte. Immerhin hatte sie ein Einzelzimmer, so litt wenigstens kein Bettnachbar unter ihren ständigen nächtlichen Gängen.
Na also, es wurde besser. Vom Stuhl vor dem Fenster nahm Monika sich ihr Strickzeug mit, vielleicht würde sie noch ein, zwei Maschen schaffen, während sie auf den Schlaf wartete. Sie wollte eben zum Bett zurückkehren … Da bemerkte sie den dünnen Lichtstrahl, der plötzlich von der Tür her ins Zimmer kroch. Sie drehte sich um.
Eine dunkle, hochgewachsene Gestalt zeichnete sich vor dem steril beleuchteten Krankenhausflur ab. Einen verwirrenden Moment dachte sie, ihre Familie würde sie besuchen. Aber nein, es war mitten in der Nacht und sie würde nicht vor Sonnenaufgang kommen. Außerdem war der Mann viel zu bleich. Geradezu totenbleich.
»Sie sind wach«, bemerkte der Fremde.
»Guten Abend. Von einer Begrüßung halten Sie nicht viel, hm?«
»Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich jemanden zum Reden finden würde.«
»Unsinn. Weswegen sind Sie dann hier?« Monika lachte – und bereute es sofort, als es in einen Hustenanfall überging. Lästige Leukämie, setzte sich einfach überall fest. Mit brennenden Lungen rang sie um Luft und tastete nach der hüfthohen Bettkante, um sich darauf niederzulassen. Ihr ungebetener Besucher sah ihr eine Weile zu. Erst als sie zittrig zum Wasserglas gestikulierte, schloss er die Tür hinter sich und sperrte das Licht aus. Er holte das Glas vom Tisch unterm Fenster und brachte es ihr.
»Dinge, die Sie nicht kennen, nehme ich an. Husten, meine ich. Körperlicher Zerfall.« Meine Güte, sie hatte wirklich schon gesünder geklungen. Ihre Stimme war heiser, ihr Atem rasselte.
»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte ihr Besucher.
»Ach, kommen Sie. Glauben Sie, in meinem Alter sind Sie der erste Ihrer Art, der mir begegnet wäre?«
»Das … Nein, vermutlich nicht.« Er nahm das Glas entgegen und setzte es auf ihrem Nachttisch ab.
Monika zog die Beine erst aufs Bett und dann unter die Decke, bevor sie sich in die steifen, kratzigen Kissen zurücklehnte. »Der letzte wollte mich überreden, ihm hin und wieder Blutkonserven zuzustecken. Aber nicht mit mir, habe ich ihm gesagt. Ich war zwar nur eine kleine Krankenschwester, aber ich hab mich an die Regeln gehalten.«
»Trotzdem haben Sie es am Ende doch getan.«
»Ja. Bevor ich selbst als Mahlzeit geendet wäre … oder einer der Patienten. Natürlich habe ich getan, was er wollte.« Sie seufzte. »Also, was gibt es, was eine alte Frau wie ich für Sie tun könnte?«
Er zögerte, hüllte sich in Schweigen und Dunkelheit.
»Ich habe nicht ewig Zeit«, wies sie ihn lakonisch hin.
»Ich auch nicht«, gestand er und senkte den Kopf. »Nicht wirklich.«
»Sie sind sterblich?« Jetzt saß sie doch senkrecht im Bett, die Schmerzen in der Brust und im Bein vergessen. Neugierde, diese uralte Droge. »Warum? Wie? Was ist passiert?«
Er schüttelte den Kopf. »Eine lange Geschichte.«
»Dann fassen Sie sich kurz. Das sollten Sie jetzt ohnehin besser lernen.«
Er zuckte zusammen. »Sie könnten etwas taktvoller sein.«
»Sagt der, der mitten in der Nacht ungefragt in meine Privatsphäre eingedrungen ist.«
»Auch wieder wahr.«
»Also?«
»Sie kennen die Geschichten über unseren Ältesten? Graf Dracula? Er ist vor ein paar Nächten gestorben. Er …« Der Besucher zögerte. »Er hat sich das Leben genommen.«
»Wie?«
»Das ist das einzige, was Sie daran interessiert? Wie wäre es mit einem Warum? Der Graf hat uns so viele Jahrhunderte gelenkt! Er war die Säule, der Fels, ich kann nicht verstehen, wie wir ohne ihn –«
»In der Tat ein grausames Vermächtnis.«
Seine bleiche Hand krallte sich in die Ausläufer der Bettdecke. »Ein Riss, der durch alles geht, was wir sind.«
»Er hat Ihnen vor Augen geführt, dass auch Sie irgendwann sterben werden, nicht wahr?« Die Enttäuschung ließ die Kraft aus ihr heraussickern, ließ sie wieder alt werden. Also waren Vampire doch nicht auf physische Art sterblich geworden. »Dass Unsterblichkeit nicht unendliches Leben bedeutet, solange man sich keine Feinde einhandelt? Dass selbst jemand, der schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf der Welt wandelt und unantastbar wirkt, irgendwann gehen muss – auf die eine oder andere Weise? Und deswegen sind Sie hier, oder? Weil Sie wissen wollen, wie andere mit diesem Wissen umgehen.«
»Wie halten Sie es aus?«, wollte er wissen und rang um Luft wie Monika zuvor. »Wie kommen Sie damit klar, dass Sie sterben werden? Warum macht es Sie nicht verrückt?«
»Man gewöhnt sich dran.«
»Wie bitte?« Er starrte sie an.
Sie zuckte die Schultern. »Man gewöhnt sich an alles. Und ich hatte ein ganzes Leben, mich daran zu gewöhnen.«
»So lange sind Sie schon krank?«
»Nein, aber schon so lange sterblich.«
»Aber –«
»Wenn Sie es wirklich verstehen wollten, dann hätten Sie zwei Etagen tiefer gehen müssen.«
Er schwieg.
»Auf die Kinderkrankenstation«, fügte sie hinzu. »Sie hätten sich nur zu informieren brauchen.«
Er schwieg noch immer und allmählich verstand sie.
»Ah! Sie hatten sich informiert. Aber so sehr wollten Sie der Sterblichkeit dann doch noch nicht ins Auge sehen, was?«
»Nein, es ist eher … Die Versuchung, sich doch am Blut zu bedienen, ist hier nicht ganz so stark.«
»Sie meinen, ich bin Ihnen nicht frisch genug?« Wider besseres Wissen ließ sie sich erneut zu einem Lachen hinreißen – und erneut brachte es Wellen von Husten und Keuchen mit sich. Diesmal reichte er ihr sofort das Wasser.
»Die anderen Stadien haben Sie schon durch, nehme ich an? Die Verleugnung, der Zorn, die Rebellion …« Erschöpft schloss sie die Augen, während er das Glas zurückstellte. Jedes Heben und Senken des Brustkorbes schmerzte, die Luft fraß sich rasselnd ihren Weg in die Lunge. Weiteratmen. Einfach weiteratmen, weiterreden, auch wenn sie für jedes Wort eine Ewigkeit brauchte. »Ja, natürlich haben Sie die schon hinter sich. Sonst würden Sie draußen herumwüten, statt am Krankenbett einer alten Frau zu sitzen und sie auszufragen.«
»Die anderen … Sie wüten immer noch«, stimmte er zu. »Es hat unsere Weltordnung in ihren Grundfesten erschüttert. Wenn niemand ihn bezwingen konnte … Wer hätte denn wissen können, dass er sich selbst bezwingen würde? Wie konnte er uns wissentlich alleine lassen? Wie konnte er uns das antun?«
»Niemand kann je genau wissen, was im Kopf eines anderen vor sich geht. Man kann nur mutmaßen.«
»Dann mutmaßen Sie für mich!«
Sie lächelte schwach. »Nein. Was würde das bringen?«
»Sie würden mir helfen, verdammt!« Er verpasste der Matratze einen Schlag, dass das Bett vibrierte. »Was ist, wenn es in uns allen schlummert? Dass es uns eines Tages überkommt und wir unserem Leben ein Ende setzen, einfach so? Wir sind von außen so unzerstörbar, wie kann dann etwas Inneres mächtig genug sein, um sogar ihn zu töten?«
»Das Innere wird immer von der Umgebung beeinflusst. Und das kann die Organe betreffen, wie bei mir, oder auch den Verstand, wie bei Ihrem Grafen. Über all die Jahrhunderte hatte sich bei ihm vermutlich einiges angesammelt.«
»Also wird es mich auch irgendwann erwischen.« Vielleicht hatte es eine Frage sein sollen, doch tatsächlich klang es wie eine Feststellung. Oder ein Vorwurf.
»Was wollen Sie von mir? Dass ich Ihnen das Gegenteil versichere? Man kann das Sterben nicht begreifen, man kann es nur akzeptieren. Es kommt, wenn es kommt. Seien Sie lieber froh, dass es allein der Statistik nach bei Ihnen noch etwas länger dauern dürfte. Wie alt ist Graf Dracula geworden?«
»Das weiß niemand. Er ist – war älter als wir alle und er hat seine Angaben nach Belieben angepasst, wie ihm gerade war.«
Wieder bäumte sich Monikas Körper auf und spuckte die nächste Hustensalve aus. Ihr schwamm der Kopf und in ihrer Lunge steckte ein Messer. Einatmen. Ausatmen.
»Was sagt die Statistik zu Ihnen?«, fragte er leise. »Ich könnte Ihnen Ihr Leid nehmen. Ihnen mehr Zeit verschaffen und Sie zu einer von uns machen.«
»Ich dachte, ich rieche Ihnen nicht frisch genug.«
»Ich würde es überleben, schätze ich.« Er griff nach ihrer Hand. Vermutlich hätte sie spüren müssen, wie kalt die seine war. Doch über den Schmerz und das dumpfe Frieren, das in allen Gliedern nistete, gingen die Empfindungen nicht mehr hinaus. »Also, was sagen Sie?«
»Unsinn.«
»Wie bitte?«
Sie kämpfte die Augen auf. »Ich bin alt und das ist auch gut so. So ist es eben. Was ich mir wünsche, ist, im Kreis meiner Familie Abschied zu nehmen. Nicht, meine Liebsten zu überleben und ihnen selbst beim Sterben zuzusehen. Gehen Sie mit Ihrem Angebot lieber zwei Etagen nach unten. Die dort werden um ein ganzes Leben betrogen.« Das war, was sie sagen wollte. Doch tatsächlich schaffte es nur die Hälfte der Worte über ihre Lippen.
Vielleicht verstand er trotzdem. Sie glaubte jedenfalls, ihn nicken zu sehen.
»Aber fragen Sie vorher die Eltern. Sie haben ein Anrecht darauf zu wissen, was geschieht.« Die Augen schlossen sich ohne ihr Zutun, die Stimme war kaum mehr als ein Wispern. »Und nehmen Sie gleich die Strickmütze vom Tisch mit, wenn Sie so freundlich wären. Ich habe sie gestern erst beendet.«
»Wohin?«
»Das letzte Zimmer auf dem Flur, das Mädchen ohne Haare.« Einatmen, ausatmen. Das Rasseln in ihrem Brustkorb wurde schwächer.
»Danke für Ihre Hilfe.« Er drückte ihre Hand, dann gab er sie frei.
Es war gut, dass er ging. Nicht mehr lange und der Morgen würde durchs Fenster fallen und der Besuch kommen. Mindestens bis dahin musste sie noch durchhalten.
Einatmen. Ausatmen.
SIND SIE NEU?
Marcus Jensen
Rudi war kurz vor der Mittagspause so betrunken, dass er Mühe hatte, die eins achtzig für seinen kleinen Doppelkorn aus dem Portemonnaie zu kratzen. Er japste, und seine Wurstfinger verstopften das Kleingeldfach. Rudi sagt immer: »Ich saufe, alle wissen das, also was soll’s.« Ich sage jedes Mal »eins achtzig« und reiche ihm einen Flachmann null-eins aus dem Regal. So läuft das zwischen uns, seit Jahren, seit ich den Laden habe.
Heute war kein guter Tag für Rudi. Er hatte am frühen Morgen zwei Schnäpse gekauft und gesagt, er würde mittags noch mal kommen, sobald er seine »Stütze abgeholt« hatte. Ich wusste nie genau, was er damit meinte – er war Rentner –, aber an diesem alten Wort hielt er fest, als passe es besser. Früher hatte ich versucht, ihm vorzurechnen, wie viel er sparen könnte, wenn er sich statt zwanzig kleinen Schnäpsen die Woche zwei Literflaschen kaufen würde. Dann wäre auch eine vernünftige Marke drin, nicht immer dieser Kopfschmerzfusel. Er mochte davon nichts wissen, winkte ab, brummelte in seinen ewigen Viertagebart, und ich musste ja an den Laden denken.
Er schien sich gründlich besaufen zu wollen. Seine blutunterlaufenen Augen blinzelten ins Portemonnaie, Rudi schnappte nach Luft, als ginge es um sein Leben, und endlich fischte er ein paar Geldstücke heraus. Die anderen Kunden starrten ihn an. Er wirkte nicht gerade verkaufsfördernd. Dann fiel ihm ein Zweier auf den Boden, rollte vor das Kaugummiregal, und als Rudi sich bückte, knarrte seine Cordhose gefährlich. Dauernd ließ er alles fallen, Geld, Flaschen, Einkaufstaschen und vor allem sich selbst, vielleicht suchte er dort unten einen anderen Rudi. Mit weinrotem Kopf tauchte er wieder vor meiner Theke auf und drückte mir den Zweier schnaufend in die Hand. Als ich ihm das Wechselgeld gab, purzelte sein Portemonnaie so auf den Tisch, dass ein Foto herausglitt, mir vor die Augen.
Jede Wette, es war Absicht. Er brauchte diesen scheinbaren Unfall, er fand keine andere Möglichkeit, um dem abgeliebten Foto einen Auftritt zu geben.
Verblichen und knickspurig. Es musste gut fünfzig Jahre alt sein. Das Bild zeigte einen jungen Mann. War es tatsächlich Rudi selbst? Niemand anderes, denn Nase und Mund ließen sich nicht verwechseln, aber dieser Rudi war rank und schlank, mit vollem Haar, wie ihn hier noch keiner gesehen hat, in kalkweißer Uniform. Ich schaute genau hin: Er war Schiffssteward. Da stand er hoch oben an einer Reling, blinzelte gegen die Sonne, im Hintergrund die Oper von Sydney in der türkisfarbenen Bucht. Und welche Frau, als Krönung des Bildes, legte ihren feinen hellen Arm um seine Schulter: Lilli Palmer.
Sein Leben aus dem Paralleluniversum.
Sofort griff ich mir das Foto und vergaß die wartenden Kunden: »Du hast doch immer gesagt, du bist zur See gefahren!« – »Ja, aber nich als Matrose. Da staunste, was? Hätt’ste mir nich zugetraut«, ächzte Rudi. »In jedem Welthafen bin ich gewesen! Und die Palmer, die vergess ich nie. Kabine 213, weiß ich heute noch.« Dann lehnte er sich gegen den Kassentresen, eine andere Art von Stütze. »Is ja auch ne Ewigkeit tot. Die kennt heute kein Schwein mehr.«
Ich schon. Alte Filme sind mein Hobby. Je schwarzweißer, desto lieber. Ich musste kassieren, beeilte mich und schloss die Tür ab. Mittagspause. Rudi und Kreuzfahrten, das war wie ein Elefant auf der Rollschuhbahn. »Jetzt erzähl mal.« Er zierte sich ein Weilchen, bekam feuchte Augen und leckte sich die Lippen nass. Ich spendierte ihm einen Fusel aufs Haus, damit er redete. Bot ihm meinen eigenen Stuhl hinter der Kasse an.
»Tscha, ich war elf Jahre lang Steward, bis zu meinem Unfall, dann ging’s ja nich mehr.« Rudi schraubte das Schnäpschen auf. »Ich sah nicht mal schlecht aus, was?«
Ich betrachtete das alte Foto und dann seine Gestalt auf dem kleinen Stuhl, der sich gefährlich durchbog. »Rudi, ich bin echt platt.«
Da lachte er und verschluckte sich am ersten Zug. »Das hat sie auch gesagt: ›zum Hinlegen‹! Die Palmer. Ich wusste nich, was ich sagen sollte. Bin nur deshalb in die Suite gekommen, weil der Chefsteward nen Soßenfleck auf seiner Uniform hatte, da hat er mich losgeschickt. Rudi, hat er gesagt, heute hast du die 213, benimm dich! Und ich klopf an mit dem Eiskübel Schampus, hör nix, nur Schreibmaschinengeklapper, geh rein, tscha, da sitzt sie, Lilli Palmer, an dem winzigen Tisch, vor einer Hermes Baby, tick-tickedi-tack.«
Rudi nahm einen zweiten tiefen Schluck und machte eine Pause. Sein breites Gesicht strahlte – das hatte ich noch nie gesehen, ein Archivlächeln, ganz kurz hervorgeholt, ich fühlte mich geehrt. Dann sprach er wie aus der Ferne weiter: »Das war eine Dame, hochprozentig, eine echte Lady. Davon hast du doch keine Ahnung, Mensch.«
Ich wollte protestieren, aber wenn Rudi richtig redet, endlich mal redet, sollte man ihn nicht unterbrechen. »Sie bemerkte mich gar nicht, tippte was Langes oder so, nen ganzen Stapel Papier hatte sie da liegen. Ich wusste nich, wo ich das Tablett hinstellen sollte, hab mich geräuspert, und da hat sie sich blitzschnell umgedreht. Fast hätte sie losgeschrien, die sah richtig entsetzt aus, du, im allerersten Moment, fasste sich ans Herz. Aber dann, ich sag dir«, Rudi atmete tief durch, »dann hat sie ihre großen Augen einmal zugeklappt – und wieder aufgeklappt. Und den Kopf zurückgeworfen: ›Sind Sie neu?‹«
Rudi nahm einen Riesenschluck. »Mensch, ich kam mir vor wie’n Provinzjockel, der seinen Text vergessen hat. Junge, dieses Lächeln, so verkehrtrum auf ihrem Stuhl, die hatte Klasse.« Rudis Flachmann war leer. »Ich stand doof da. Sie hat gesagt: ›Na, im Vergleich zum Chefsteward sehen Sie ja zum Hinlegen aus.‹ Tscha, und ich junger Spund, feuermelderrot, was hab ich gemacht? Was wohl? Na?«
Rudi starrte mich aus glasigen Augen an, wollte mich testen. Ich sagte gar nichts. Er leckte einen eingebildeten letzten Tropfen aus seinem Fläschchen. »Nicht das, was du denkst, Mensch! Ich Idiot hab das Tablett fallen lassen, den Schampus mit allem Drum und Dran, ihr vor die Füße, einer Dame vor die Füße, und sie hat gelacht, fünf Minuten gelacht, und hat mich über’n Kopf gestreichelt, die Palmer, über diese Haare.«
Rudi beugte sich vor und zeigte seine letzten dünnen Strähnen, als hätte ich den Restflaum noch nie bemerkt. »Ich hab nicht ein Wort rausgebracht, nix! Aber dann bekam ich das Trinkgeld einer Lady, Mensch! Und das Foto hat sie draußen machen lassen, vom Presse-Heini, nur um mich zu trösten. Nur für mich. Wie sie grinst. Wenn du genau hinguckst, siehst du unten auf ihrem Rock die Flecken. Tscha, so war das damals. Gib mir noch einen mit. Tach is lang.«
Rudi musste schniefen. Und obwohl Mittagspause war, reichte ich ihm seinen fünften Fusel: »Eins achtzig.«
DU LIEBST MICH NICHT
Klara Frohsinn
Da war er, der Riss. Tief, verzweigt und aufdringlich quer über die Wand. Jeden Tag ein Stück länger und tiefer. Ich sah ihn am Morgen. Ich sah ihn, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam und besonders abends. Wenn Andreas, mein Lebenspartner, vor dem Fernseher saß. Dann war er besonders deutlich zu sehen. Nur Andreas sah ihn nicht oder wollte ihn nicht sehen. Er ignorierte ihn und lächelte den Riss einfach weg. Wie kann man nur so ignorant und desinteressiert sein. Wie kann man diesen Riss nicht sehen? Er springt einem direkt ins Gesicht, ja, in mein Leben.
Und Andreas fragte lächelnd: »Wie war dein Tag, Schatz?«
Ich konnte nur noch aggressiv fragen: »Wie soll bitteschön mein Tag gewesen sein? Ich kann an nichts anderes mehr denken.« Ich sagte: »Andreas, da, siehst du ihn nicht?«
Und er so lapidar: »Wen, Schatz?«
»Na, den Riss, quer über die Wand verlaufend, quer durch unser Leben, quer durch unsere Beziehung.«
»Wie kannst du das fragen?«
»Seit Wochen sage ich dir, da sieh hin, sieh, da ist der Riss. Und du, du stehst auf, gehst zur Arbeit, kommst wieder und siehst nichts. Wie kannst du es nicht sehen? So deutlich vor dir, so aufdringlich, so protzend. Hast du schon jemals etwas gesehen? Jemals etwas begriffen? Ich kann nichts Anderes mehr tun, als daran zu denken. Wie willst du den Riss aus der Welt schaffen, wenn du ihn nicht siehst?«
»Ach, Schatz«, sagte er, »können wir das später bereden? Die Sendung ist gerade so interessant.«
Ich blaffte ihn wütend an: »Bist du verrückt? Immer willst du alles auf später verschieben. Alles später erledigen. Später, wann ist das? Liebst du mich überhaupt? Wie kannst du nur? Die blöde Sendung ist dir wichtiger als ich. Ich lege dir mein Herz zu Füßen und du tritts einfach darauf herum. Nie hast du Verständnis für mich und meine Sorgen. Ich gehe ins Bett und du überlege es dir, ob du noch mit mir zusammenbleiben willst. Morgen will ich es wissen oder ich stelle deine Koffer vor die Tür.«
Und Andreas sagte so nebenbei: »Aber Schatz, nun übertreib mal nicht. Wegen so einem Riss. Der ist doch schnell weg. Ein bisschen Spachtel und rucki-zucki ist der Fall erledigt. Morgen gehe ich in den Baumarkt.« Ganz liebevoll nach Andreas Art beugte er sich zu mir herunter, streichelte mich sanft und strich mir meine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Er flüsterte sanft in mein Ohr: »Sei lieb, Schatz. Schlaf dich mal richtig aus und morgen sieht die Welt ganz anders aus.« Sehr laut sagte er dann: »Hab dich lieb, schlaf schön.«
Aber ich war einfach zu schwach. Dieses leise Flüstern ins Ohr lässt mich alles vergessen und das weiß dieser Schurke genau.
Ach, was soll’s. Morgen ist auch noch ein Tag und wenn der Riss erst mal zu ist, dann, ja, dann. Ach, dieses Flüstern ins Ohr, das macht mich ganz kirre.
DRACHENMOND
June Is
Ilse stand an ihrem gardinenlosen Fenster und beobachtete ihre Hand. Die Echsenschuppen waren zum ersten Mal auf ihrer Haut erschienen, als diese Bombe heruntergekommen war. Doch stets verschwanden sie innerhalb eines Augenblicks wieder. Seit ein paar Monaten erschienen sie immer öfter. Und blieben länger. Heute hatten sie fast ihren ganzen Körper bedeckt. Ablenken, Ilse.
Gerade als ihr wieder neue Aschehäufchen im Vorgarten auffielen, wurde ihr Enkel Sal … Sam … Samla vom Schulschweber abgeworfen. Er winkte ihr am Superglyder-Fallschirm-Airjacket zappelnd zu. Dienstags kam er immer zum Essen. Essen? Essen!
Nach einer Weile ging die Tür auf. »Oma! Was gibt es heute zu Mittag?«
Ilse trat auf den Jungen zu und drückte ihn an sich. »Ach, weißt du, das muss ich wohl irgendwie verschwitzt haben.« Sie schälte von der faltigen Haut ihres Halses eine letzte, widerspenstige Schuppe ab.
»Oh!« Für einen kurzen Moment sah ihr Enkel viel älter aus, als ein 12-Jähriger aussehen sollte.
»Dann besuchen wir Onkel Luigi. Komm!« Er zog Ilse an einer Hand zur Tür.
»Warte mal, Samla. Ich weiß gar nicht, wo ich den Zettel mit dem Türcode hingelegthabe.« Sie schaute sich um, konnte ihn jedoch nirgendwo entdecken.
»S-a-l-m-a-n, ich heiße Salman! Und wir brauchen keinen Türcode mehr!«
Was Ilse allerdings sah, waren zerrissene Tischdecken. Sie seufzte und hielt sich eine Hand vor den Mund.
»Ja, meine ich doch. Ach, hier ist er!«
Als Ilse die Tür ins Schloss zog, fiel es ihr wieder ein. Es gab seit ein paar Wochen – oder waren es Monate? – kein Zahlenschloss mehr. Nur noch diese Fingerabdruckscanner für sie und ihre Familienmitglieder.
»Och, Oma!« Salman verdrehte die Augen.
Ilse biss sich auf die Lippe.
Zusammen schwebten sie später mit ihrem in die Jahre gekommenen Zwei-Personen-Schweber ein paar Häuser weiter über die Talsperre zum Italiener. Der Vater des Inhabers Luigi Sensazione hatte den sogenannten Magischen Freezer entwickelt. Ein besonders bei Kindern beliebtes Gerät, das aus Pizzastückchen Eis mit Pizzageschmack machte.
»Signora Ilse und der kleine Salman, was für eine Freude! Freezy Pizza Salami, wie immer?«
»Au ja!« Salman hüpfte vor Aufregung.
»Und für die Signora eine Knoblauchsuppe?«
Ilse setzte sich an einen der Tische. »Gerne.«
Luigi zwinkerte beiden zu. »Ich habe eine Cola aus meinem geheimen Colalager für euch aufgehoben.«
»Cola, ja!«, rief der Kleine.
»Wie war es eigentlich in der Schule?«, wandte sich Ilse an ihren Enkel.
Salman schlürfte sein Getränk langsam durch einen Glashalm. »Ging so, der Lehrer hat vom Krieg erzählt.«
»Oh.«
»Ja, ein komisches Konzept. Das gab es doch noch, als du geboren wurdest. Was haben die Menschen davon gehabt?«
»Nun ja …«, Ilse überlegte. »2095, als ich geboren wurde, musste sich ein Staat innerhalb seiner Grenzen behaupten. Gegen selbsternannte Kriegsherren und Rebellen anderer Planeten. Zur Verteidigung.«
»Außerirdische Rebellen?«
»Leute, die überall im Universum Unruhe stiften, weil sie unzufrieden sind.« Sie hoffte, dass ihr Enkel den Ausführungen folgen konnte.
»Zu meiner Zeit kam der Neo-Terrorismus, der hat die alte Kriegsdefinition weitestgehend abgelöst, weil man dem nicht mit normalen Armeen und Streitkräften beikommen konnte.«
»Der Geschichtslehrer meinte, das waren die, die sich selber an allen möglichen Orten in die Luft gesprengt haben. Dabei haben sie fiese Viren freigesetzt.«
»Genau. Unter anderem.« Ilse räusperte sich. »Da sind mir Ritter und Drachen noch lieber. Die sind wenigstens nur erfunden.« Jedenfalls redete sie sich das ein.
»Aber irgendwann hörte es auf«, sprach der Kleine unbeirrt weiter.
Ilse nickte und dachte an das verwaiste Westeuropa. Aber Echseneier. Echseneier? Schnell verdrängte sie die Vorstellung und lenkte sich ab. »Frieden durch Solidarität.« Sie nahm einen Löffel Suppe.
Mit Inbrunst lutschte Salman an seiner Pizza. »Was ist das? Soli-dings?«
»Ihr habt doch sicher von der teilweisen Verwüstung Europas durch diese Alien-Bombe gehört, oder?« Eilig versteckte sie eine Krallenhand unter dem Tisch.
Er nickte. »Die, die merkwürdige Verwandlungen mit sich brachte. Klar, das war die coolste von allen. Angeblich erbaut von Magiern aus einer anderen Galaxie. Die warfen das Ding auf Europa und warteten ab, was passierte. Dann gab es auf einmal wieder Fabelwesen und Urtiere. Drachen, Saurier und Feuervögel, ach ja, und diese Zentauren, die es eigentlich nur im Computerspiel gibt! Habe aber nie einen gesehen.«
Ilse seufzte, bevor sie weitersprach: »Danach änderte sich alles. Die Menschen begriffen, dass sie miteinander arbeiten müssen – und nicht gegeneinander. Das war schon echt magisch, denn vorher hatte das kein Politiker geschafft.«
»Wir wollen zum nächsten Vollmond eine Schulexkursion machen, in das magisch-verstrahlte Hauptgebiet, ein bisschen oberhalb Berlins. Wie weit ist das von hier aus?«
Ein leises Knistern hinter Ilses rechtem Ohr verhieß nichts Gutes. Eine weitere Schuppe bildete sich.
»Hm, vielleicht 750 Kilometer? Mit dem neuen Powerschweber ist man womöglich in unter einer Stunde dort.« Ein Echsenei, welches ungefragt in Ilses Gedanken auftauchte, bekam lange Risse. Verdrängen half nichts. Das Ei sprang auf und – heraus kam das Bild ihrer großen Liebe: Philippe … Philippe, der Sohn französischer Immigranten war in einem Berliner Vorort aufgewachsen.
»Vollmond …«, murmelte sie. Philippes Verwandte hatten jedes Jahr im September, zum Erntemond, die Ernte eingebracht. Was aber wollte der Lehrer ernten? Echseneier? Zusammenreißen, Ilse.
Laut fragte sie: »Ist das nicht gefährlich?«
»Wir müssen spezielle Anzüge anziehen und auf den Mond warten, meint der Lehrer. Weil der Mond alles in ein künstlerisch wertvolles Licht taucht. So haben wir eine einzige Exkursion für die Fächer Kunst und Geschichte. Zeichnen dürfen wir auch, allerdings sind wir clever, deshalb beschränken wir uns auf Fotos und malen sie später ab.«
»Verstehe.« Ilse sagte lange nichts mehr. Sie spürte, wie ihr am Rücken, unter der Kleidung, Echsenschuppen wuchsen und hoffte, dass keiner etwas bemerkte. Nervös rutschte sie von einer Pobacke auf die andere.
Philippe … Ein weiteres Echsenei bekam Risse. Diesmal zeigte es das Haus seiner Eltern, Ilse war gerade 19 geworden. Er war mit ihr vor die prächtige Holzpforte getreten, hatte ihre Hand genommen. »Komm, sie erwarten uns alle.«
Wie schüchtern sie damals gewesen war!
»Philippe!« Seine kleine Schwester flitzte auf ihn zu. Er wirbelte das Kind in der Luft herum. Ilse stand peinlich berührt daneben. Als sich die beiden zu ihr wandten, sagte sie: »Hallo, ich heiße Ilse und du?«
Doch das Mädchen rannte wieder in den angrenzenden Garten.
Ach, wenn sie doch nur einmal noch in dem viel zu dunklen, holzvertäfelten Flur stehen könnte. Die Zeit zurückdrehen, seine Hand halten, glücklich sein. Vor der Bombe. Vor der Flucht. Vor der neuen Zeitrechnung.
Ilse lächelte in Gedanken das nächste Echsenei an. Sie wehrte sich nicht mehr dagegen. Eins spürte sie ganz deutlich: Sie würde dort Antworten finden. Antworten auf ihren Zustand und auf das, was geschehen war.
»Oma? Oma! Was ist los?« Salman berührte sie an der Stelle, wo vorher ihr Arm gewesen war. »Oma? Sind das Schuppen?« Seine Augen wurden riesig. »Oh!«
Zurück im Jetzt sah Ilse ihren Drachenschwanz auf Luigis Parkett. Unter größter Anstrengung riss sie sich zusammen, diesen still zu halten. Wenig später war sie wieder ganz sie selbst und schaute ihren Enkel entschlossen an. »Meinst du, ich könnte mitkommen? Zu eurer Exkursion?«
DAS ANDERE ICH
Emeryn Mader
Ich entdecke dich durch das Fenster des Restaurants, du bist nicht zu übersehen. Die Reflexion in der Scheibe zwischen uns gibt mir das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen, doch ich weiß, wie trügerisch dieser Gedanke ist. Wir sind schon lange auseinandergerissen worden, dein und mein Selbst in zwei verschiedene Körper geteilt. Nie wieder werden wir zueinanderfinden. Wir heben beide eine Hand, winken durch das Fenster, das uns immer noch trennt und mich in der Außenwelt gefangen hält. Ich sehe dich nur noch so selten. Dieses wöchentliche Mittagessen ist alles, was mir von uns geblieben ist. Bist du auch so einsam? Wer sind wir geworden, dass ich diese Frage überhaupt stelle? Wer bist du? Wer bin ich?
Wir sind zusammen auf die Welt gekommen, doch nicht gleichzeitig. Du und ich hätten ein Wesen sein sollen, doch bereits der erste Atemzug riss unsere Lungenflügel auseinander wie unsere Leben. Der Schmerz dieser Trennung war notwendig, damit wir die Freude eines jeden Moments unseres Lebens wahrnehmen können, sei sie nur flüchtig oder bleibe sie eine Hoffnung. Ich musste diese Qual allein erdulden, muss seitdem selbständig lernen, die Last meiner Einsamkeit zu tragen. Ist es möglich, einen solchen Abschied zu verkraften? Mein Dasein ist eine Verdammung zum Individuum.
Eine von uns war schneller, eine von uns ist älter und so wurde aus einer Gesamtheit zwei Ganze. Zwei Kinder bekamen damals zwei Namen, zwei Menschen nutzen sie noch heute. Seit einiger Zeit zweifle ich manchmal, ob dasselbe Kind den gleichen Namen trägt. Kann ich mir jemals sicher sein, dass uns niemand irgendwann verwechselt und vertauscht hat? Kann es sein, dass mir jemand, ohne es zu wollen, deinen Namen gab, bevor ich ihn mir nahm? Du bist nun ich und ich bin du und letztendlich sind wir in unserer Unsicherheit, in unserer Ignoranz doch dieselbe Person. Erinnerst du dich? Wenn wir gefragt wurden, welche von uns älter sei, haben wir bis zur Irrelevanz unsere Antworten ausgetauscht. Ich habe mich immer noch nicht festgelegt. Manchmal sage ich dies, manchmal das, und hoffe mit jedem Mal, dass sich meine beiden unwissenden Lügen im Gleichgewicht halten. Ein verzweifelter Versuch, die Wahrheit als Paradox zu vernichten. Wenn ich die Jüngere bin, aber zuerst geboren wurde, ist die Zeit dann nicht letztendlich egal? Können wir sie nicht zurückdrehen und wieder eins werden?
Ich komme zum Tisch, du stehst auf, wir umarmen uns. Deine Finger brennen durch meine Bluse, deine Haare an meinem Hals sind eine Schlinge, die sich nicht zuziehen will. Ich möchte dir näher sein, dich in mich ziehen, dich verschlingen. Ich trete zurück. Die unendliche Leere zwischen uns lässt mich erschaudern.
Wir setzen uns, du hast dir schon etwas zu trinken bestellt. Ich bemerke deinen neuen Haarschnitt, du hast wieder einen Pony, er steht dir gut. Er steht uns gut. Dank dir weiß ich, wie alles Mögliche an mir aussehen würde, von unterschiedlichen Frisuren über professionelle Cocktail-Kleider, die ich nie getragen habe, bis dahin, ein Kind in den Armen zu halten. Du sitzt mir gegenüber als Alternative meines Selbst. Die wahrhaftige Antwort auf die Unendlichkeit der Frage was wäre wenn?
Dein erster Pony war der Sprung im gläsernen Käfig meiner Realität. Ich trug seit wenigen Wochen eine Brille, wurde durch ein Stück Glas von unserer Welt abgetrennt. Ohne diese Hilfe war alles um mich herum nur noch eine optische Verzerrung. Du warst mein Anker gewesen, meine Sicherheit, dass alles noch beim Alten, dass ich noch die Alte war, dass ich nicht eines Morgens aufgewacht war und im Körper von jemandem anderen steckte. Dann kamst du vom Friseur zurück und hast mich mit deiner Eigenständigkeit aus meiner Sicherheit gezerrt. Ich brach in Tränen aus, konnte meinen Verlust nicht in Worte fassen, weiß immer noch nicht wie. Deine Haare wurden geschnitten und du hast mich in meinem Körper eingeschlossen, mir die Freiheit genommen, jemand anderes zu sein. Du hast mir, ohne es zu wollen und aus selbstgefälliger kindischer Freude, meine Individualität geschenkt. Ich werde es dir nie verzeihen.
Zwischen dir und mir ist ein Tisch, wie jedes Mal, wenn ich dich zu einem unserer Mittagessen treffe. Kein Sitzen an einer Bar, kein Essen zum Mitnehmen und Plaudern am Fluss, während die Beine über den Kai baumeln, unsere Schultern sich streifen und das Essen vom vielen Reden schon längst kalt geworden ist. Ein Tisch aus Holz erstreckt sich zwischen uns. Ich schätze, er ist vielleicht vierzig Zentimeter breit. Genauso gut könnte es ein Abgrund sein, an den du und ich uns gesetzt haben, um in alten Zeiten zu schwelgen.
Fühlst du dich nicht auch schrecklich einsam? Wie du dort sitzt, vor dir die Tischkante, rechts von dir die Fensterscheibe des Restaurants und links die Leere, durch die du jeden Augenblick wieder entfliehen kannst, bis wir uns das nächste Mal sehen. Alles, was dich in diesem Moment bei mir behält, ist die soziale Konvention und legale Verpflichtung, für das Essen zu bezahlen.
Früher haben wir alles zusammen gemacht. Dann begann die Zeit, dass wir uns zwischen Dingen entscheiden mussten oder jemand anderes es für uns getan hat. Welche Kleidung, welcher Freizeitsport, welche Freunde? Aber das war nicht schlimm, denn dadurch habe ich doppelt so viel erlebt, als der Einzelne jemals könnte. Dank dir konnte ich verzichten und trotzdem vollkommen sein. Der Abgrund, der uns nun trennt, war nie breit genug, um die Bande, die uns vereinten, zu zerreißen. Doch er wuchs, langsam und stetig, bis er irgendwann zu groß war, zu tief. Das Band war keine Sicherheit mehr, sondern eine Fessel, die mich am Rand der Klippe hielt, ohne Möglichkeit davon loszukommen, ohne einen Teil meines Selbst zu amputieren. Du hast dieses selbe Band genommen und dich darin eingewickelt, wie in einen Kokon. Deine Umrisse kann ich noch erkennen, doch dein Innerstes bleibt mir verborgen. Ich male mir aus, wie du dort drin heranreifst. Eines Tages wirst du ausbrechen, als wunderschöner Schmetterling, verwandelt und vollkommen. Ich kann deine Stimme hören, wie du mich zurechtweist. Das bist nicht du, du bist keine weiße Leinwand, auf der ich festhalten kann, wie ich dich mir vorstelle. Ich hoffe darauf, dass du mich irgendwann wiederfindest. Kannst du nicht die Mauern durchbrechen und wieder mein Spiegelbild sein, wie zu alten Zeiten? Kannst du mir zeigen, wie die anderen mich sehen, wie ich sein sollte, wie ich sein will? Offenbar mir, wie ich bin! Hör auf, dich vor mir zu verstecken, dein Kokon bringt dir nichts, du kannst jetzt rauskommen. Ich kenne dich. Ich werde dich akzeptieren, wie du bist.
Lass uns die Zeit verbrennen, den Holzzaun niederreißen, aus dem wir den Tisch bauten, an den wir nun sitzen. Erzähl mir von dir. Oder nein, bleib still, ich will es nicht hören, ich will es fühlen, den Raum durchtrennen und wieder eins mit dir sein.
In meiner Tasche vibriert das Handy. Ich ignoriere es. Gestern Abend habe ich mit Mama telefoniert, sie hat von dir gesprochen, zumindest hat sie deinen Namen benutzt. Doch die Person, von der sie mir erzählte, kannte ich nicht. Wer bist du? Warum hast du mich allein gelassen?
Ein Kellner bringt mein Getränk. Wir toasten uns zu, durchsichtige Gläser hoch in die Luft gehoben. Sie klirren leicht, als die Ränder aneinanderstoßen. Wir sind wie diese Gläser. So ähnlich, und doch nur für einen winzigen Moment vereint, bevor unser jeweiliges Schicksal uns wieder für sich beansprucht. Ich sitze dir gegenüber und ich weiß nicht, ob du mich noch wieder erkennst. Habe auch ich mich dafür schon zu sehr verändert? Habe ich die Flüchtigkeit und Formbarkeit, die du mir geschenkt hast, zu sehr ausgeschöpft? Ist die Kluft zu breit, hast du mich aus den Augen verloren? Oder bleibt mir noch genügend Zeit, um dich um Versöhnung zu bitten? Ich möchte mit dir reden und weinen, unser Band schützend um uns beide wickeln, während wir uns in der Mitte des Abgrunds wiedersehen. Du wirst immer noch deinen Kokon tragen und ich werde immer noch darauf warten, hinter diese Wand sehen zu dürfen. Während meine Fesseln, wer ich glaube zu sein, sich um mich schmiegen und mir erlauben aufrecht zu gehen, werde ich auf dich warten, um zu entdecken, wer du wirklich bist. Ich sehe Schatten, die Silhouette eines Vielleichts, das deinen Kokon ausfüllt, um im nächsten Moment wieder verschwunden zu sein. Du hast dir ein Haus gebaut, dessen Fenster es unmöglich machen das Innenleben vollständig zu sehen, bis du die Türe öffnest und dem Betrachter hineinbittest, ihm dein Leben vorstellst. Niemand hat Zeit, jeden Schrank, jede Schublade, jedes Buch eines anderen Menschen zu öffnen, um ihn in seiner Vollkommenheit, seiner Wahrheit zu begutachten. Solange du sie nicht ins Rampenlicht rückst, sind deine Geheimnisse sicher.
Verehrte Schwester, ich liebe es, was du aus deinem Heim gemacht hast. Ich hoffe, irgendwann wieder mein Zuhause zu finden, hinter denselben Mauern. Wenn mein Leben aufhört, Gefängnis zu sein, wenn es anfängt, Heim zu sein, wird es an mir liegen, dich einzuladen. Bis dahin setze ich mich zu dir an einen Tisch auf halbem Weg über dem Abgrund und tue mein Bestes, nicht nach unten zu schauen.
DISSONANZ
Margarita Neumüller
Ich liebte dieses Gefühl der Schwerelosigkeit, mochte es, von der Außenwelt nichts mehr hören zu können, abgeschnitten zu sein von allem, was außerhalb meines eigenen Ichs lag. Blind und taub, nur meine eigenen Gefühle und Gedanken spürend, um zumindest kurz zu vergessen, was alles auf mich wartete, sobald meine Lungen wieder schmerzen und nach Luft ächzen würden. Egal wie sehr ich versuchte, es hinauszuzögern – es kam immer der Moment, ab dem es unerträglich wurde, meine Gliedmaßen zu strampeln begannen und mein Kopf die Wasserdecke durchstieß, nur um von all den Lauten und Empfindungen, die auf mich einprasselten, überfordert zu sein.
Nach ein paar wenigen Atemzügen hielt ich mich wieder am Rand fest, um erneut die Luft anzuhalten, mich tief runterzudrücken und so über die gesamte Welt einen dumpfen Schleier zu legen. Irgendwo in meiner Nähe sprang jemand ins Wasser – schemenhaft konnte ich einen kleinen Menschen erkennen, spürte die Wasserbewegung, hörte, wie es oben spritzen musste. Ich liebte den Filter über allem.
Oben war alles grell und laut und ständig mussten sie alle reden und sprechen und schreien und mit Dingen hantieren und das gleichzeitig und sowieso und es war einfach zu viel. Egal ob hier in der Schwimmhalle, beim Einkaufen, in der Schule oder auf der Arbeit – sobald meine Ohren nicht mehr betäubt waren, wurde es zu viel. Als dauerhafte Lösung vor dem Lärm würde mir nur bleiben, in die tiefste Abgeschiedenheit zu fliehen, was ich mir jedoch nicht leisten konnte. So wurde die Abgeschiedenheit des Unterwassers meine wichtigste Zuflucht. Auch zuhause badete ich lieber, als zu duschen, um ein paar Minuten das Gefühl zu haben, dass ich nicht Teil dieser Welt und – noch wichtiger – die Welt kein Teil von mir war.
Aber egal, wo ich war, nach etwa eineinhalb Minuten fing mein Brustkorb an zu beben und kurz darauf stieg ich gegen meinen Willen wieder auf. Auch wenn ich es nicht wollte, war ich irgendwie ein Bestandteil dieser Welt, die mich ebenfalls nicht wollte.
Es weinte ein Kind, der Hall machte es unerträglich. Noch außer Atem stieg ich aus dem Wasser, schnappte mir das Handtuch und ließ meine Füße hastig in die Badelatschen wandern, um das Schwimmbad zu verlassen. Meine Finger waren schon schrumpelig und langsam fing die Stoßzeit an. Ich wollte noch vorher verschwunden sein.
Alle Bewegungen waren schnell und routiniert. Zum Duschen brauchte ich nicht lang, der Spind war zum Glück in der Nähe und im Umziehen war ich Weltmeisterin. Flink wanderten auch die Kopfhörer in mein Ohr, um zumindest einen Teil der Welt auszublenden. Musik beruhigte mich. Es gab keine Überraschungen, ich wusste, was lief, ich wusste, worauf ich mich einließ, und es half, um zumindest die meisten Geräusche auszublenden. Nur blieb ich mit Musik weiterhin Teil dieser Welt. Das Gefühl, hier sein zu müssen, obwohl es sich falsch anfühlte, verschwand nicht.
Zuhause wartete auf mich der betörende Duft von angebratenen Zwiebeln. Auch ohne die Kopfhörer abzusetzen, wusste ich, dass mir meine Mutter mit heller und fröhlicher Stimme »Willkommen zuhause, mein Schatz« zurief, im Hintergrund lief sicher das Radio. Ich lugte in die Küche, um zu sehen, ob das Essen bereits fertig war oder nicht, bevor ich mich in mein Zimmer zurückzog, begleitet von dem lauten Beat der Technomusik.
Ich ließ mich ins Bett fallen, schloss die Augen, in der Hoffnung, vielleicht wieder in diesen schwebenden Zustand zu geraten, der alles nur ein wenig erträglicher machte und das Gewicht auf meiner Brust entlastete. Es war besser als unterwegs, deutlich besser, als die Welt um mich herum sehen zu müssen, aber das Gefühl von Bettwäsche auf meiner Haut und den leichten Falten der Decke unter meinem Körper riss mich immer wieder zurück in das Hier und Jetzt. An den einzigen Ort, an dem ich nicht sein wollte.
Es gab keinen Grund, keinen Auslöser, keine Tragödie oder Trauma, welches diese Gedanken bei mir ausgelöst hatte. Es war einfach ein Gefühl. Vor zwei Jahren hatte es angefangen, klein, fast unbemerkt, dass ich mich in einer Gruppe fehl am Platz fühlte. Nicht zugehörig, obwohl mittendrin – lachend und teilhabend. In einigen Momenten war es da und dann, schon wieder weg, wenn ich mich der nächsten Person widmete. Mit der Zeit wurde dieses Gefühl größer, immer einnehmender, kam häufiger vor, bis es mein gesamtes Leben überschattete.
Tränen aus Wut über mich selbst stiegen mir in die Augen. Weil ich nicht verstand, wieso ich so sein musste. Wieso ich es mir so schwer machte und nicht einfach lebte – wie früher, wie andere auch. Aber es fühlte sich alles so schwerfällig an. Ich hatte mich von mir selbst so entfremdet, dass ich mir nur noch als Zuschauer meines eigenen Lebens vorkam, mit Ausnahme der kurzen Momente der Luft- und Schwerelosigkeit.
Mit dem Ärmel meines Hoodies rieb ich mir die Tränen weg, versuchte mich auf die Musik zu konzentrieren, versuchte Trost in dem Wissen zu finden, dass jegliches Leben sinnlos war und meines dadurch nicht schlechter. Es half mir, mich in meiner gewohnten Apathie wieder zu finden, bevor mich etwas an der Schulter antippte und ich das Gesicht meiner Mutter über mir erblickte. Sie sagte etwas, was ich hinter meiner Wand aus Lärm nicht hören konnte, und ging dann wieder hinaus.
Als ich die Küche betrat, schaltete sie das Radio aus und Lasagne, meine Leibspeise, für die Mutter wahrscheinlich Stunden in der Küche verbracht hatte, wartete auf dem Tisch bereits auf uns zwei. Ich setze mich hin und nahm eine Portion.
»Wie war dein Tag, Liebes?«, trällerte ihre Stimme fröhlich über den Tisch hinweg, durchbohrte mich mit ihrer Direktheit und obwohl ich wusste, dass diese Frage kommen würde – jeden Abend wurde sie beim Essen gestellt – fühlte ich mich kalt erwischt.
Eilig stopfte ich mir ein wenig Essen in den Mund, um mir Zeit bis zu meiner Antwort zu erkaufen. Ich genoss den Geschmack auf der Zunge, der mir kurzzeitig das Gefühl von Leben schenkte, bevor auch der verschwand und ich ein kurzes »War okay« murmelte.
»Ich finde es schön, dass du da ein Hobby für dich gefunden hast. Als Kind habe ich es abgöttisch geliebt, im Schwimmbecken zu schwimmen. Irgendwann als Teenie wurde das weniger. Irgendwann in dem Alter fing man an, sich für seinen Körper zu schämen. Heute weiß ich, dass das totaler Quatsch ist. Ich hätte jedem meine Wachstumsstreifen an den Beinen zeigen und bei heißem Wetter das kühle Nass genießen sollen. Ich meine, was konnte ich dafür, dass ich in einem Jahr fast 20 cm gewachsen bin? Aber nein. Mein dummes Teeniehirn hat nie wieder jemandem seine Beine zeigen wollen und irgendwann war ich so lange nicht mehr schwimmen, dass es anfing, sich komisch anzufühlen.« Sie machte eine Essenspause und sprach dann doch mit vollem Mund weiter: »Schmeckt es dir denn?«
Das Essen war großartig. Ihre Lasagne war großartig und ich wusste genau, wenn es meine Mutter irgendwann nicht mehr geben würde, ich nie wieder eine so großartige Lasagne essen würde. Aber statt ihr das zu sagen, nickte ich bloß verhalten. Trotzdem wurde ihr Lächeln unheimlich breit, die roten Flecken an ihren Mundrändern dadurch noch sichtbarer, und sie verfiel in den nächsten Redefluss, der wie meist mit einer an mich gerichteten Frage endete.
Ich liebte es, wie sie fröhlich weitermachte, mich aber nie unter Druck setze, mehr zu antworten oder mehr zu sagen, als wonach ich mich fühlte. Ich liebte es, wie wir kein Radio brauchten, liebte es, wie ihre Stimme in einen wohligen Singsang überging – alleine der Klang ließ mich ihr weiter zuhören. Häufig wünschte ich mir, dass ich genauso unbeschwert antworten, ausgiebig von meinem Tag berichten und mehr auf das Erzählte eingehen könnte. Aber am Ende blieb ich distanziert. Wovon sollte ich aber auch erzählen? Dass jeder Tag derselbe ist? Wie ich mir vorstellte, von Pflanzen in die Erde gezogen zu werden, bei Berührung der Sonne in Flammen aufzugehen, mich beim Sprung ins Wasser wie in Säure aufzulösen oder wie der Wind mich einfach fortfegt, weit weg, in die Galaxie zu den Sternen, dorthin wo kein Platz für Gedanken war. Mit voller Sicherheit wusste ich, dass sie auch dann verständnisvoll wäre. Aber wenn selbst der Mensch, den ich am meisten liebte, und der mich mit einer solchen Inbrunst zurückliebte, mir nicht das Gefühl vermitteln konnte, Teil von etwas zu sein, dann war ich erst recht falsch.
So sehr ich unser Abendessenritual liebte, umso mehr schmerzte und entfremdete es mich. Am Ende des Abends lag ich eh nur wieder im Bett, mit denselben Gedanken wie am Vortag und einer hoffnungslosen Aussicht darauf, am nächsten Tag weiterhin in dieser Welt aufstehen, weitermachen und leben zu müssen. Etwas in mir war kaputt und ich wünschte mir nichts sehnlicher, es wieder heile zu sehen.
FADENRISS
Wiebke Tillenburg
Ein feines Zickzack-Muster spaltet den aufgerauten Marmor. Der Stein hat lange durchgehalten. 1864 lautet das eingemeißelte Sterbejahr. Obwohl … Ist ja Stein, der sollte eigentlich ewig halten. Ob er damals geglänzt hat, so wie die anderen beschrifteten Marmorblöcke auf dem Friedhof? Wenn ja, erinnert nicht mehr viel daran. Der Glanz ist verblasst wie das Gedenken der darunter Ruhenden.
Grünspan hat sich in die Lettern gefressen und sich wohlig eingerichtet. Unsere selige Mutter ist noch zu erkennen, der Name unlesbar.
Ich neige den Kopf und betrachte den Riss genauer. Darin sind weder Moos noch Schmutz zu erkennen. Er muss neu sein. Ob er die Ruhe der seligen Mutter stört?
Efeu wuchert, wo einst das Grab gewesen sein muss. Die alten Gräber werden bewahrt, gepflegt werden sie jedoch nicht. Die Angehörigen wurden längst vom Strom der Zeit verschluckt.
Ich schlendere ein Stück weiter den vermoosten Pfad entlang. Zu einer Seite wurde eine lange Mauer in den Hügel geschlagen, darin befinden sich die alten eingelassenen Grabkammern für Urnen. Ihre Zugänge sind durch schlichte Steinplatten verschlossen. Auf der anderen Seite des Weges stehen hohe Eiben. Durch ihr dichtes Grün gelangen die Sonnenstrahlen nicht. Dieser Pfad liegt wie eine dunkle Gasse eingekeilt zwischen Fels und Bäumen. Ein düsterer, wenn auch verwunschener Ort. Ich mag diese Gräber. Zu Füßen der Grabkammern liegen kleine quadratische Flächen zum Bepflanzen. An wenigen findet sich ein kleines Schild der Gärtnerei, die sie pflegt. Die meisten wurden vom Efeu erobert.
Der Zentralfriedhof ist eine eigene kleine Welt. Er ist besonders, schon weil er an einem Berg liegt. An seinem Fuße folgen die Gräber dem typischen rechteckigen Muster, wie man es von Friedhöfen kennt. Doch dann schlängeln sich die Wege serpentinenartig nach oben. Die Grabflächen liegen zwischen hoch aufragenden Bäumen. Mal gibt es größere Freiflächen, mal nur vereinzelte Ruhestätten, die eher zufällig entdeckt werden, wenn man ihre Lage nicht kennt. Weitläufig ragt der Friedhof aus der Stadt empor. Ein kleiner Urwald im Häuserdschungel. Wenn ich hierher komme, fühle ich mich entrückt von der echten Welt. Fast so, als habe jemand einen unsichtbaren Schleier um das Gelände gezogen, der es abschirmt. Die Geräusche der Stadt dringen hindurch und doch wirken sie weit weg. Ich schaue zu, während die Welt sich dreht, doch hier bei den Toten steht die Zeit still. Meine Gedanken werden ganz klein, formen Moose und Flechten, die Halt suchen auf kargem Stein, sirren mit einer Mücke, die sich gierig auf meinen Fußknöchel stürzt, und spüren den Puls der Bäume, der im Takt des neuen Jahres erwacht.
Der Frühling ist für mich der wahre Jahresbeginn, ganz gleich wie viele Sektgläser am ersten Januar aneinanderklirren. Ich erwache erst zum Leben, wenn das Grün aus der Erde wächst und das Licht von langen Tagen träumt.
Den Toten um mich herum ist das gleichgültig. Bei ihnen ist es immer dunkel. Sie sehen die Wurzeln und bemerken das Frühlingserwachen an der Temperatur der Erde und den erwachenden Insekten und Wirbellosen. Vorausgesetzt, sie sind noch da unten. Das möchte ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich denke, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Vielleicht in ein neues Leben, vielleicht an einem anderen Ort, vielleicht als Geist bei Frau Kruft, der Biolehrerin aus der Neunten – nein, die ist wahrscheinlich schon tot. Ich würde mir wünschen, dass ich als eine Art Lebensenergie in ein anderes Wesen übergehen kann. Einen Baum zum Beispiel oder einen Pilz oder eine Qualle.
Auf einem schmalen, säulenartigen Grabstein klebt ein gelber Zettel. Leuchtend und fehl am Platz. »Angehörige bitte bei der Friedhofsdirektion melden.« Davon habe ich schon mehrere gesehen. Sie machen mich traurig. Die Menschen wurden zum Gedenken begraben und doch vergessen.
Ich gehe weiter und treffe auf einen der asphaltierten Hauptwege. Hier gibt es weniger Moos, weniger gelbe Schilder. Die Gräber sind jünger und größtenteils frisch bepflanzt. Wahrscheinlich wollen die meisten leicht erreichbar sein und nicht in den verschlungenen Teilen des Friedhofes vergessen werden. Hier am Hauptweg können die Hinterbliebenen mit dem Auto vorfahren. Blumen, Lampen und Erinnerungen gleich abladen.
Wieder biege ich ab, es geht bergauf. Der Friedhof-Hügel ist von wildem Wald überwuchert. Manchmal schlängelt sich der Weg durch Schlamm und umgestürzte Bäume und ich denke, ich habe das Ende des Friedhofs erreicht, aber plötzlich stehe ich wieder vor Gräbern.
An einem geöffneten Grab halte ich an. Es muss ein Familiengrab gewesen sein. Zwei Grabsteine stehen einsam vor dem Loch im Boden, mehrere Namen stehen darauf. Auf einer freien Fläche daneben liegt die ausgehobene Erde. Viel ist nicht übrig von der Familie. Ausgestorben.
Eine helle, leicht gewölbte Platte lugt aus der Erde. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Da haben sie wohl eine halbe Schädeldecke übersehen«, murmele ich. Der Anblick gruselt mich nicht. Stattdessen fühle ich mich beschämt. Als habe ich jemanden versehentlich nackt gesehen, schaue weg und will gleich wieder hinsehen, weil na ja, ich bin halt neugierig.
Während ich an den Gräbern entlang streife, überkommt mich ein tiefer Frieden, den nur der Tod versprechen kann. Ganz gleich, was ich im Leben tue, am Ende liege ich hier. Und vielleicht klebt auch auf meinem Stein irgendwann ein gelber Zettel und niemand erinnert sich mehr an mich. Auf einmal wirken die Zettel nicht mehr traurig, sondern beruhigend. Ich muss niemandem etwas beweisen, außer mir selbst, denn am Ende muss ich vor mir bestehen, wenn sich niemand mehr an mich erinnert. Die Gräber in ihren unterschiedlichen Zuständen beweisen, wie rissig und unbeständig menschliches Gedenken ist. Jedes Grab ist ein kleines Denkmal, ein Faden, der die Gestorbenen mit den Lebenden verbindet. Zeit dehnt die Fäden, ribbelt sie auf oder spannt sie bis zum Zerreißen. Es gibt so viele Wege und Geschichten hinter jedem Vergessen.
Auf einem Plateau taucht die Sonne Gräber, Bäume und Wege in nachmittägliche Wärme. In meiner Tasche ertaste ich das Buch, das ich beim Aufbruch eilig eingesteckt habe. Fehlt nur noch eine Bank. Und tatsächlich! Ein paar Schritte entfernt unter einer noch kahlen Platane steht eine. Leider schon besetzt. Ich möchte mir die Bank nicht teilen, an diesem Ort bleibe ich lieber allein.
Zu spät merke ich, dass ich gestarrt habe. Das dunkle Augenpaar erwidert meinen Blick. Er rückt demonstrativ an ein Ende der Bank und deutet auf das freigewordene. Ich bedanke mich mit einem Nicken und setze mich. Vorsichtig, als wolle ich die Bank nicht stören. Auf dem Friedhof bewege ich mich ein bisschen vorsichtiger als sonst. Ich bilde mir ein, dass jedes Geräusch von mir stört. Die Toten ebenso wie ihre Besucher.
Die Tasche rutscht von meiner Schulter und landet auf dem Boden. Mit einem dumpfen Klonk fällt meine Trinkflasche heraus, rollt ein Stück über den Weg und zieht ein Gefolge aus meinem Buch, einem Müsliriegel, zwei Tampons, einem Labello ohne Deckel und meinem Schlüssel nach sich. Ich seufze, sammle ich meine Sachen wieder ein und streiche den Knick im Buchdeckel glatt. Jetzt hat das Buch eine Geschichte mehr auf dem Leib.
Wir sitzen schweigend und meine Anspannung lässt nach. In dieser Begegnung lauert kein aufgezwungenes Gespräch, meine Taschenaktion bleibt unkommentiert ebenso wie das Wetter oder der Straßenlärm.
Aus meiner Tasche krame ich eine zerknautschte Bäckertüte. Ich breche mir ein Stück vom angetrockneten Croissant ab – aufessen darf ich es auf keinen Fall, das habe ich meinem Kind versprochen – und stopfe die Tüte zurück in die Tasche. Wie laut alltägliche Geräusche an besonderen Orten sind. Ich schenke dem Banknachbarn ein entschuldigendes Lächeln.
Uns gegenüber liegt ein Grab, das von ausgeblichenen Plastikblumen bedeckt ist, kleine Engel verschiedenster Formen lugen daraus hervor. Die Dekoration hebt sich von den übrigen Gräbern ab. Sonst wählen die Leute Blumen, Bodendecker oder gravierte Steinplatten. Eine Ruhestätte wurde vom Löwenzahn erobert. Leuchtend gelb stehen die Blüten dicht beieinander. Es sieht aus, als habe sich der Sonnenschein mit ihnen ausgesät. Ich mag Löwenzahn. Er zieht mich förmlich an, also stehe ich auf und pflücke eine Pusteblume. Ihre Fallschirme schicke ich in das Plastikmeer.
Als ich mich wieder zur Bank umdrehe, lächelt er. »Keine schlechte Idee. Pflegeleicht, schön und essbar. Mehr können wir den Gestorbenen kaum bieten.«
Ich zucke ratlos mit den Schultern. Keine Ahnung, was Tote brauchen. Mir gefällt der Löwenzahn zwar besser als die Plastikblumen, aber kümmert mich das noch, wenn ich tot bin?
»Auf meinem Grab soll ein Baum stehen. So wie auf dem da.« Ich deute auf eine Stelle etwas weiter entfernt. Dort steht ein Walnussbaum. Wacker ragt er zwischen den eckigen Grabflächen hervor. Ein Wunder, dass die Friedhofsverwaltung das zulässt. Andererseits sind einige Bäume hier vermutlich älter als die meisten Gräber. »Aber ich will eine Buche oder einer Kastanie. Die Wurzeln können mich festhalten. Vielleicht gebe ich noch guten Dünger ab.« Eigentlich stellte ich mir vor, irgendwie in dem Baum weiterzuleben, aber das ist zu creepy, um es auszusprechen.
Eine Weile betrachtet er still die Plastikblumen. Ich setze mich zurück auf die Bank und fühle mich von den Engelstatuen beobachtet. Schauen sie vorwurfsvoll? Habe ich ihre heile Plastikwelt verletzt? Auf einem der kleinen Marmorherzen hat sich ein Löwenzahnsamen niedergelassen. Wahrscheinlich wünschten sich die Hinterbliebenen allen Schutz für die Verstorbene, wo auch immer sie glaubten, dass sie jetzt war. Etwas zu viel Kitsch für meinen Geschmack, aber ist ja auch nicht mein Grab.
»Ich glaube, ich möchte über dem Meer verstreut werden«, sagt er.
»Und auf ewig eins mit den Fluten? Bis zum Horizont und darüber hinaus.« Ich nicke. »Das ist auch nicht schlecht. Aber allein ist man da nie.«
»In der Erde auch nicht.«
Ich muss lachen. »Das meinte ich nicht. Ich denke, das Meer als letzte Ruhestätte wünschen sich viele und ohne Weiteres ist das nicht erlaubt. Soweit ich weiß.« Es ist ein merkwürdiges Gespräch für zwei Fremde, aber es ist auch ein merkwürdiger Ort. Es fühlt sich nicht falsch an, über den eigenen Tod zu sprechen.
Wir schweigen und lauschen den Spechten, die die aufgeheizten Stämme bearbeiten. Hinter uns jault eine Polizeisirene, irgendwo bei der Brücke.
Ich mustere die Grabsteine in unserer Umgebung. Auf den meisten stehen zwei Namen, auf vielen mehr. Ganze Familien in einem Grab. Die Ältesten kannten die Jüngsten nicht.
»Auf keinen Fall will ich mit meinen Eltern zusammen begraben werden«, sagt er, als habe er meine Gedanken erraten.
»Ist aber praktisch für die Angehörigen. Und sicher auch günstiger.«
Ein freudloses Lachen begleitet seine Worte. »Das würde denen gefallen.«
Familie ist kein gutes Thema, ich belasse es dabei. »Ich brauche eigentlich keine Gräber.«
»Du lebst ja auch noch.« Er geht gleich zum Du über, wie es in der Stadt üblich ist. Als ich gerade hergezogen war, fand ich es schwierig. Gespräche wirken intimer, jedes Du wie das Übertreten einer unsichtbaren Linie. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und ich schätze diese Leichtigkeit, die es mit sich bringt. Das Duist zu etwas Unverbindlichem geworden.
»Zum Erinnern, meine ich. Ich verknüpfe Menschen mit Orten, an denen ich sie getroffen habe, etwas Besonderes erlebt habe. Sowas halt. Friedhöfe mag ich, aber eigentlich ist mir egal, wer da liegt.«
Er beugt sich vor, die Unterarme auf die Schenkel gestützt. Der Rücken ist rund, keine gesunde Haltung. Er hebt einen Stock vom Boden auf und dreht ihn behutsam. Eine Feuerwanze krabbelt daran hinauf.
»Nachdem meine Oma gestorben ist, ging mein Opa jeden Tag zu ihrem Grab. Er nahm stets eine Blume mit. Mal kaufte er eine Rose oder Tulpe, manchmal schnitt er Dahlien im Garten ab oder brachte eine Margerite vom Feldweg mit. Er hat gesagt, erst als Oma tot war, habe er gemerkt, wie sehr sie ihm fehlte. Er hat ihr selten, quasi nie Blumen mitgebracht. Hat es dann nachgeholt. Für ihn war es unheimlich wichtig.«
