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Anthrazit lässt sie mit 16 Kurzgeschichten in die Welt der Schatten abtauchen. In der nahen Zukunft ist Europa zerfallen und ein Teddybär erwacht zum Leben. Jack the Ripper spaziert durch New York. In der San Francisco Bay bekommt der Leser den Liebeskummer in der vollen Breitseite ab. Durch den Kölner Dom sehen wir den drogensüchtigen Protagonisten aus seinem Leben erzählen. Eine Hommage an die Beat Generation ist ebenfalls in der Anthologie enthalten.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2018
Hallo liebe Leserin, lieber Leser,
als Autor dieses Werkes bin ich sozusagen der Verantwortliche hinter all diesen verrückten und schaurigen Storys und auch der Veranstalter der größten Party des Jahres, die auf der Wolke Anthrazit stattfindet. Du bist herzlich eingeladen teilzunehmen.
Ich wünsche viel Spaß!
Lucas Friedrich
Dieses Buch enthält Schilderungen von sexuellen Handlungen, Gewalt, Drogenkonsum, selbstverletzendem Verhalten und einer Menge anderem verstörenden Zeug.
Die Geschichten sind allesamt fiktional, jegliche Verbindung mit realen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Gedanken und Aussagen im Buch repräsentieren nicht die des Autors. Der Autor übernimmt keinerlei Haftung für mögliche Folgen des Ernstnehmens der Geschichten.
Das Mädchen ohne Namen hat ein Kopfproblem
Die Parabel vom Hornochsen
Anthrazit
The Kid who drew Ann Macnally
Schwarze Wolke
Green Case
Der kalten stillen Nächte wegen
Talking Heads
Liebe
Borderline
Ein Mailänder Vogel zerstört die Ehe
Levomethadon
Circumstances
Poesie mitten unter Lebenden
Tage über den Weinbergen
Anthrazit Vol. 2
Ihr Herz schlug langsamer, als sie die Tinte beim Trocknen beobachtete. Das Papier lag bereits seit längerer Zeit auf ihrem Schreibtisch, deshalb war die Farbe auch schon verblasst, aber darauf hatte sie vorher keine Rücksicht genommen. Jetzt störte sie sich jedoch daran. Die Schriftzeichen wirkten karg, das geschriebene Wort hörte sich beim zweiten Mal Lesen stumpf an und ihr Kopf schmerzte mit jedem Satz ein wenig mehr.
Obwohl der Brief keinen besonderen Zweck erfüllte, wollte sie ihn so nicht abschicken. Daher schob sie ihn kurzerhand in eine der Schreibtischschubladen und dachte nach. Auf dem Aschenbecher klebte ein riesengroßes Stück Asche fest, daneben standen zwei kleine Kaffeebecher, die dort wohl schon seit Tagen standen. Es kamen aber immer noch keine Gedanken, obwohl sie versuchte, sich etwas in ihr Bewusstsein zu rufen. Sie hämmerte mit ihren Fingerspitzen auf dem Tisch herum, aber auch das half nichts.
Am Morgen hatte sie sich bereits schwer aus dem Bett unter die Dusche gequält, nur um festzustellen, dass ihr linker Oberschenkel aufgekratzt war und ihr Kopf unaufhörlich pochte. Sie fasste sich an die Stirn, griff unter ihr Shirt und tastete ihre Brüste ab, fand aber auch dort nichts Ungewöhnliches. Die Chance, dass ihre Periode aus dem Nichts aufgetaucht war, fiel somit auch weg.
Im Haus war es so still, dass ihr die Situation bizarr vorkam. Draußen hingen die Wolken vom Himmel herab und zerstörten jegliche Hoffnung auf einen Sommertag mitten im Winter.
Sie schaute sich ihre Handfläche an und fuhr die Spur ihrer Adern bis zum Ellenbogen nach, wo sie schließlich in alle Himmelsrichtungen ihres Körpers verschwanden. Ein Außenstehender hätte meinen können, ihre trägen Bewegungen würden von der Sphäre selbst verschluckt werden, nur um dieses Etwas namens Zeit zu überbrücken, das wie ein dunkles Unheil über ihr schwebte.
Ihr letzter Tagebucheintrag war bereits eine enorme Zeit lang her und es schien ihr unsinnig, an so einem Tag ihre Gefühle niederzuschreiben. Wie sollte sie auch? Gedanken kamen ihr ja nicht einmal welche in den Sinn.
Schließlich loggte sie sich auf der internen Chatplattform ihrer Schwester ein und schaute, wer gerade online war. Fünfzehn Namen tauchten auf. Sie klickte zielstrebig auf Sir Lilith. Sir war bei diesem Namen allerdings irreführend, da es sich um Sarah handelte, ihre zwei Jahre jüngere Freundin.
»Hallo, Sir Lilith«, schrieb sie in den Chat. Um die Wartezeit zu überbrücken, holte sie sich unten einen Kaffee und einen Salat. Als sie wieder zurück kam und immer noch keine Antwort gekommen war, fügte sie noch schnell »Edler Ritter meiner Träume und großer Bruder« hinzu. Sie zündete sich eine Zigarette an und wartete, aber Sarah schien vergessen zu haben, dass sie im Chat war.
Sie legte sich ins Bett und wartete. Der Rauch verteilte sich im ganzen Zimmer und lag schwer in der Luft. Wieder zeichnete sie die Linien ihrer Arme nach, diesmal fing sie am Handrücken an und hörte nicht am Ellenbogen auf. Sie berührte ihren Hals, vergewisserte sich, dass ihr Puls noch schlug.
Das Tagebuch stand auf dem Schreibtisch. Sich selbst bewundernd im verblichenen Licht der Sonne stand es dort da, als müsse sie unter allen Umständen darin blättern und etwas niederschreiben, aber wie sollte der genaue Wortlaut sein? Wenn man alle Tagebücher der Welt lesen würde, bräuchte man wahrscheinlich ein ganzes Leben. Wie man sich danach wohl fühlen würde? Wie ein leeres kaputtes Wesen oder absolut erfüllt durch die bloße befriedigte Neugier im Herzen, die einen bis zur letzten Seite trägt?
An sich war das ja eine essenzielle metaphorische Frage, deren Auswüchse ganze Menschen schier um den Verstand bringen konnten. Lohnt es sich, die Dinge zu tun, die einem selbst nicht wirklich nützen, nur um etwas am Leben zu halten, das einen nur marginal betrifft? So musste man überlegen, bevor man sich auf alle Ewigkeit bis zum letzten Atemzug auf alle Tagebücher dieser Welt stürzte.
Im Radio spielten sie gerade Beethoven. Sie drehte es so laut auf, dass der Boden anfing zu vibrieren. Es hätte sicherlich niemanden gewundert, wenn das Haus auf einmal unvermittelt unter den Tönen von Beethoven zusammenbrechen würde. Ein feiner ausgetrockneter Lichtschein fiel über ihre Handfläche, der so schnell wieder verebbte, dass man meinen konnte, die Sonne hätte einen Schlaganfall gehabt und war für immer in diesem beschissen riesigen Kosmos versiegt. Die letzten Geigentöne erklangen im Radio und plötzlich wurde es still, so still, dass die Stille mit dem Wunsch nach Schlaf einherging.
Dieses Gefühl übermannte sie für ein paar Minuten jeden Tag, bruchstückhaft, fast schon mit tragischem Einklang, weil es in den schönsten Momenten passieren konnte und diese ruinierte. Die Wahrnehmung leidet unter diesem Gefühl. Sie schlief jedoch nie zur Mittagszeit, weshalb sie ein Buch aufschlug und geistig abwesend darin rumblätterte. In ihrer kurzzeitigen Abwesenheit schaffte sie es, wach zu bleiben, doch der Schlaf gab, obwohl er jeden Tag immer wieder gegen ihren Willen verlor, nie auf.
Man bekam den Eindruck, sie hätte in diesem Bett ein ganz essenzielles Problem, das ihre Existenz betraf, entdeckt und nun müsse sie sich davor in Sicherheit bringen, bevor das Problem zu etwas heranwuchs, das weder sie noch irgendjemand sonst zu kontrollieren vermochte.
Doch das sah nur für den Betrachter so aus, und da ihr Zimmer im Obergeschoss war, sah sie niemand dabei, wie sie geistesabwesend in ihrem Bett lag und die Wand anstarrte, als hätte sich ein Zeitparadoxon vor ihr aufgetan.
Draußen tat sich die Sonne auf und das Mädchen ohne Namen mit dem Kopfproblem beschloss, zu Sir Lilith zu fahren und den Tag bei ihr zu verbringen. Ihr Bewusstsein war zurückgekehrt. Nur das Problem war noch da; hoffen wir, sie wird es bezwingen können.
Graue wolkenverstümmelte Tage sorgten dafür, dass ich mich bei fast allen Gelegenheiten mit einer Kiste Bier und kleinen Flaschen Wein eindeckte. Ich ging zum See, aber die Sonne verschwand, als ich dort ankam. Ich soff mir einen an und schnitt mir meinen Arm kaputt. Ich wollte raus, bekam aber mitten in den Menschenmengen Angst und ging wieder zurück in mein Zuhause.
Das war mein Leben. Langweilig, monoton und leer wie Polaroids, wenn man die Linse verdeckt. Ich versuchte mir schöne Kleidung zuzulegen. Danach sah ich aus wie ein kaputter Rockstar im Zenit seines drogengeplagten Todeskampfes.
Die Steine am See glitzerten. Vielleicht waren es Diamanten; sobald ich reingriff, tauchten an der Wasseroberfläche schwarze Fische auf, deren Kopf mit kleinen Diamanten übersäht war. Sie funkelten wütend über die Störung.
»Sorry«, sagte ich. Sie schwammen weg und das Glitzern verebbte. Nichts als Staub wirbelte jetzt durch das Wasser. Ich guckte den Gräsern eine Weile zu, wie sie im Wind wehten.
Dem Todesboten von Postboten wurde klar, dass ich dalag, um zu sterben. Er kam angelaufen. Gestresst, gehetzt, seine Frau wollte nicht mehr mit ihm schlafen. Man sah es an seinem Gesicht. Oder er hatte gar keine Frau mehr.
»Geht es dir gut?«, fragte er mit viel zu starker Bassstimme.
»Sicher doch«, entgegnete ich weiterhin auf den Boden starrend. Ein Wunder, dass mir kein Sabber aus den Mundwinkeln lief.
Ich spürte Müdigkeit in mir, danach bemitleidete ich mich selbst, fand traurige Bilder neben meinem Schlafzimmer liegen und entsorgte einen Haufen Erinnerungen. Stimmen bohrten sich in meinen Kopf hinein und der Sinn des Lebens entzog sich mir mit jedem weiteren Tag mehr. Ich wechselte jeden Tag die Art meines Selbsthasses, veränderte mein Aussehen, tötete Fliegen, die mir ins Gesicht flogen, und unterhielt mich mit Menschen, die mir nichts bedeuteten.
»Wieso liegst du da so? Du siehst wirklich nicht gut aus. Es sah aus der Ferne so aus, als wolltest du hier liegen, um zu sterben.« Ein verlegenes Grinsen, das andeutete, er hoffe, dass seine Synapsen sich geirrt hatten.
Meine Synapsen ertragen seine Bassstimme mit jedem Satz weniger, doch am schlimmsten ist die durchbrochene Stille. Nie wieder wird diese Stille zurückkehren. Man denke an die schlaflosen Nächte neben wunderschönen Frauen, deren Arsch dir für eine Weile gehörte.
Der Postbote saß weiter da, sprach jedoch nicht mehr. Er hatte seine Tochter angerufen, die sich um mich kümmern sollte. Die Arbeit rief ihn schon wieder. »Sie heißt Kitten«, sagte er in menschlicherem Tonfall. Wer oder was war Kitten?
Ein Vogel schiss ihm auf den Kopf. Er nahm seine Mütze ab. In meiner Tasche hatte ich Reinigungscreme. Ich schmierte sie ihm auf die Mütze. Er nickte dankbar und ich fiel wieder zurück auf den Boden. Diesmal starrte ich jedoch des Postmanns Beine an.
Monumentale Dinge geschahen in jenem Augenblick, obschon sie viel zu spät einsetzten. Es war wie eine Fortsetzung eines Films, den niemand sehen wollte. Schwachsinnig.
Kitten kam aus der Ferne herangegangen. Ihre Schritte waren graziös. Ich erkannte sie nicht einmal richtig, meinen Augen war ein Schleier vorgesetzt worden. Mein Blick heftete sich an ihr fest. Es wirkte so, als würde sie Leben verkaufen und mich in einen Sog aus Glück ziehen.
»Ah, da ist sie ja schon«, stellte der Postbote fest. Er freute sich und winkte ihr zu.
Offensichtlich wusste er nicht, dass er soeben seiner Tochter eine lebenslange Verpflichtung aufhalste. Ich war ein Poet, Romantiker und ein Bild von einem Mann. Natürlich nicht jetzt. Nur wenn ich wollte. In diesem Augenblick wirkte ich wohl wie ein Komapatient, dem eventuell gleich der Sabber aus dem Mundwinkel läuft.
Sie trug einen Rock und eine Bluse darüber. Es war kalt, ich hatte selbst kaum etwas an. Sie schaute mich mit einem Lächeln an. Die Szenerie, die sie vorfand, musste sie eigentlich schockieren, doch schien ihre Laune durch so einen Anblick nicht getrübt. Ich rauchte eine Zigarette und schaute Kitten zu, wie sie mit dem Postboten, ihrem Vater sprach.
Der Boden war voller Ameisen und verdorrter Gräser, die mit ihren letzten lebenden Zellen noch versuchten im Wind zu schaukeln. Der Gedanke, dass Kitten sich um mich kümmern würde, schlug mir irgendwie aufs Gemüt. Gerade hasste ich mich selbst und dachte wieder ein wenig über Suizid nach, da kam auf einmal ein wertvolles Geschöpf wie sie her und ich verstand den Zusammenhang nicht.
»Kitten, Schatz, ich muss wieder an die Arbeit. Nimmst du den netten Mann mit zu uns und kümmerst dich, bis ich wieder zuhause bin?«
Ich starrte die beiden an. Die Art, wie sie redeten, erinnerte mich an die 80er-Jahre-Serien, in denen alle das perfekte perfide Familienleben führten und jeder schmierte dem anderen das Brot. So’n Scheiß, dachte ich mir. Das gibt es in echt doch gar nicht. Wie alt mochte Kitten wohl sein? Wie alt mochte der Postbote wohl sein? Wieso hassten sie sich nicht? Ich verstand es nicht.
»Sie sind zu freundlich«, entgegnete ich halb im Dämmern begriffen. »Sie und ihre bezaubernde Tochter müssen sich nicht um mich kümmern.« Als mein Blick wieder zurück auf das Wasser und den grauen Wald fiel, bahnte sich ein erneuter Todeswunsch in mein Herz, fand jedoch bei den Synapsen so wenig Anklang, dass ich weiteratmete, anstatt einem frühmorgendlichen Herzinfarkt zum Opfer zu fallen.
Der Postbote, ein energischer Mann. Ich konnte sein Portfolio bei der Post schon erahnen. Ein immerwährendes Grinsen, motiviert, niemals dem Wahnsinn zugetan. Ich hatte solche Menschen immer für irreale Schattenwesen gehalten, die es gar nicht gibt.
Kitten nickte fröhlich. »Ich bin Kitten, die Tochter von Mr. Andrews.«
Ihre Stimme hatte einen weichen Sound, selbst der kurze Rock verlieh mehr den Eindruck eines kindlichen, zurückhaltenden Mädchens.
»Ich bin Hank«, sagte ich fortwährend auf irgendetwas starrend.
Der Postbote schaute mich an und grinste verlegen. »Hank, wir wissen, wer du bist. Du bist seit Jahren ein Freund der Familie.«
Ich schaute ihn an und überlegte zunächst, ob ich den Kopf schütteln sollte, ließ es aber bleiben.
Falls sie mich ermorden wollten, sollten sie es ruhig tun, und wenn sie mir ein weiches Bett geben wollten, sollten sie das ruhig tun.
»Ja, stimmt«, sagte ich verdutzt.
»Erinnerst du dich nicht mehr an mich, Hank?«, entgegnete Kitten meiner blutleeren Feststellung.
Der Postbote verabschiedete sich von uns und machte sich auf seinem gelben Fahrrad davon. Wir waren alleine, ihre Art blieb jedoch unverändert. Kannte ich diese Menschen wirklich?
Ihre Hand streckte sich nach meiner aus und sie half mir vom staubigen Boden hoch. Ich war ein bisschen größer als sie und schaute ihr in die blauen Augen, die sich so magisch von der Umwelt abzeichneten, sie war ein Umriss der Güte und Menschlichkeit in der Schattenwelt. Sie hielt meine Hand für weitere fünf Sekunden und ließ sie dann los.
Der Weg zu ihrem Haus dauerte nicht lange, sie ging immer ein Stück vor mir und hielt noch zweimal meine Hand.
»Du zitterst«, sagte sie. Die Geste war mehr kindlich als erwachsen.
An ihren Augen sah ich, dass die Welt für sie ein Kontrapunkt zur Hölle war. Friedlich, frei und unschuldig.
»Ist dir kalt?«, fügte sie hinzu. Wir waren in einer Reihenaussiedlung angekommen. Suburban Area nannte man das.
»Nein, es geht schon.« Wärme durchflutete mich. Ihre Hand drückte die meine.
»Hier wohnen meine Freunde.« Sie deutete auf ein Haus links und ein Haus, das auf der rechten Seite stand. Sie ähnelten sich allesamt. Sogar die Gärten wiesen keine erkennbaren Unterschiede auf, nur die Blumen und die Autos beider Familien differenzierten sie voneinander. Eine Katze huschte vor uns beiden über die Straße.
Wir gingen auf der Straße entlang. Ich barfuß, Kitten mit ausgeleierten Dockers. Schließlich folgten wir einer Nebenstraße, in der die Häuser mit deutlich mehr Abstand voneinander glänzten. Kittens und des Postboten Hauses war das dritte. Sie ähnelten dem Rest. Man konnte das Ende der Nebenstraße erahnen. Dahinter wuchsen Büsche.
»Ava wohnt direkt im ersten Haus der Nebenstraße«, sagte sie, als sie die Türe zu ihrer Casa aufsperrte.
»Wer ist Ava?«
»Meine beste Freundin.« Sie bedeutete mir reinzugehen. »Sie ist bei allen sehr beliebt und die schönste und perfekteste Erscheinung, die es an jeder Schule gibt.«
Ich verneinte und setzte mich auf die Ledercouch. Die Einrichtung war überraschend geschmackvoll. Kitten musste lächeln, weil ich sagte, sie sei die tolle Erscheinung an jeder Schule.
»Danke, dass du so lieb zu mir bist«, sagte sie.
Der Garten wirkte wie eine Einflugschneise für größere Flugzeuge, er war riesig. Mir war kalt und meine Haut fühlte sich angefressen.
»Warte, ich bringe dir eine Decke.« Sie verschwand und ihr Rock flatterte immer noch hoch vor meinen Augen. Als sie runterkam, hatte sie den Rock abgelegt und mir wurde warm ums Herz, auch ohne Decke.
Das Leben war eine unanständige Sache. Die Gesellschaft hielt mich für unanständig, obwohl ich ihr nicht mal etwas tat. Nur manchmal ging ich zur Tafel, aber das war’s auch schon. Moralischer Verfall war bei mir leider geistig erblich bedingt.
Ich wollte ihr die Decke abnehmen, doch sie breitete die Decke vor sich im Stehen aus. Ihre Hüften verschwanden hinter der Decke. Sie legte die Baumwolldecke behutsam auf mich, strich sie an überhängenden Punkten gerade.
»Danke«, murmelte ich mit dem Mund unter der Decke.
Ihr Kein-Problem-Lächeln hätte sie auch als Teenager-Popstar ausweisen können. Es gab nur Illusion und Wahnsinn in der Welt der Normalen.
Der Garten hatte sich verfärbt, draußen wurde es dunkel. Sogar dem Blumenmeer und der zwei Meter hohen Hecke schien das langsam zu viel zu werden. Alles verwelkte im grauen Wolkenmeer.
Kitten lächelte trotzdem weiter. Es schien, ihre Jugend würde alles weitere aufsaugen. Den Hass, den Schmerz, die Müdigkeit.
Die Menschen verlangen von einem Gesellschaftsdenken. Die Wahrheit ist, sobald man versucht auszubrechen, wollen sie einen in Ketten legen. Wie weit diese proklamierte Freiheit von einer Diktatur ist, weiß ich nicht; jedenfalls weiß ich, dass die Gesellschaft praktisch dafür sorgt, dass jene Welt die Orwell bereits in 1984 beschrieb, langsam aber sicher eintritt. Man muss nicht mehr die Menschen dazu zwingen, sich zu ergeben. Im Kapitalismus ergeben sich alle dem Geld. Einige mit mehr Erfolg, einige mit weniger. Armut und Reichtum, alles nur wegen Papier.
All diese Gedanken kamen mir, als ich Kitten beim Kochen zusah. Vielmehr sah ich ihren Hüften zu und den Schenkeln, wie sie sich bewegten, sobald sie sich bückte oder die Teller aus den oberen Regalen holte.
Am liebsten hätte ich ihr gesagt, sie soll sich längere Shirts kaufen.
Draußen schaufelte ich eines Sommers im Garten Sand auf. Wir wollten einen Pool bauen und dazu drumherum einen Sandstrand kreieren. Meine Frau nannte das ‚wahnsinnig cool‘, meine kleine Tochter fand, dass wir ein Pony kaufen sollten und es im Pool leben lassen sollten. »Das holt sich doch nen Schnupfen, Schatz!«, rief ich lachend und schüttete Sand auf.
Die Erinnerung war trübe, vielleicht, weil ich in den Garten blickte, vielleicht, weil mir die Worte aus der Vergangenheit immer schon ein Graus waren. Glück war unedel, während pechschwarzer Schmerz edel war. Sie waren so schön, wie sie das Leben genossen. Man hätte auch nur ein Blumenbeet anbringen können, sie hätten sich darüber gefreut, etwas ausgeheckt, geliebt, darüber erzählt.
Mir blieb nichts als eine Erinnerung an einen Pool, der wohl nie fertig geworden wäre. Selbst wenn diese Tage länger geblieben und nicht so rar beendet worden wären, hätte es etwas gebracht? Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
»Ich gehe kurz duschen«, sagte Kitten.
Die Vorstellung, bitte nicht. Ich wollte, mein Kopf wäre nicht so kaputt. Das köchelnde Essen, das Geräusch des Wassers, das von ihrer blassen Haut herunterperlte, und der graue Regen.
»Das Essen dauert noch ein bisschen. Wenn du magst, kannst du danach duschen.«
Was sie wohl gesagt hätte, wenn mein Vorschlag, ‚zusammen zu Duschen‘, aus meinem Munde gekrochen wäre? »Bis gleich«, murmelte ich. Ich hörte, wie sie ihre Kleidung auf die Treppe warf, oder bildete es mir zumindest ein.
Zwei Stürme beherrschten den mittleren Westen zurzeit. Eine Kalt- und eine Warmfront. Genau über diesem beschissenen Fleck Erde bildeten sie ein Wolkenvakuum, das mich aufzufressen drohte. Das Wasser hämmerte gegen die Scheiben der Dusche.
Wie alt war Kitten wohl? Wenigstens 18. Dann hätte sie drei Jahre mehr auf ihren Schultern als die anderen. Ist das Alter nicht relativ? Nein, nicht für einen Bundesstaatanwalt.
Ich rauchte im Garten eine Zigarette. Geranien, Krokusse und Lavendel hingen überall herum. In Töpfen eingepflanzt, im Boden und an den Mauerwänden wuchsen sie hoch. Das Haus war größer als angenommen. Es hatte oben noch einige Fenster zum Garten hin.
Ob Kitten auch eine Mutter hatte? In ihren Augen spiegelte sich eine Art Schmerz. Es war eine Art Schmerz, den ich aus anderen Gesichtern bereits kannte. Mein ärgster Feind betrachtete mich jeden Morgen im Spiegel. Ob es Kitten oder dem Postboten genauso ging?
Ich schaute mir den Garten an. Jemand berührte mich an der Schulter, ich erschrak hoffnungslos und verfing mich mit meinem Hemd in den Zweigen einer roten Pflanze. Kitten steht hinter mir. Im weißen Handtuch, das gerade so ihre Brüste verdeckt. Das Handtuch geht nicht einmal bis zu ihren Kniekehlen.
»Wenn du magst, kannst du jetzt duschen«, sagte sie und hielt sich ihre Brust, sodass ihr das verfluchte Handtuch nicht abrutschte.
Ich befreite mich von dem Zweig und ging nach oben. Kittens BH lag auf der Treppe. Ihre Hose hing über dem Treppengeländer. Ihr Höschen lag vor der Badezimmertür. Vollkommen unschuldig.
Das erste Geschoss hatte zwei Zimmer, zu meiner Überraschung sah ich, dass es noch ein zweites Stockwerk gab. Die Aufmachung erinnerte mich an mein früheres Haus. Home is where the heart is.
Die Türe stand offen, die Duschkabine war ebenfalls geöffnet. Wasserperlen glänzten an der Wand und an der Duschkabine. Ich wusste nicht, ob ich wirklich duschen gehen sollte. Stattdessen zog es mich in den dritten Stock. Dort musste Kitten wohl ihr Zimmer haben. Ob sie schon mal Sex gehabt hatte? Oder dort oben zu den Klängen von Vivaldi getanzt hat?
Ganz oben angekommen, sah ich, dass es oben ein Zimmer gab. Und ein Badezimmer. Ich wollte nicht in ihr Zimmer gehen, mein Verlangen, in ihr innerstes Heiligtum einzudringen, war jedoch groß. Das Runtergehen fiel mir unglaublich schwer.
»Möchtest du doch nicht duschen?«
»Später vielleicht«, sagte ich. »Soll ich dann langsam wieder gehen?«
Kitten hatte ihre Füße auf die Couch gelegt. Sie trug immer noch das Handtuch.
»Bleib ruhig noch ein bisschen. Du darfst auch gerne hier schlafen. Dad wird nichts dagegen haben.«
Ich hatte keine Ahnung mehr, ob ich eine Wohnung besaß oder ein Zuhause. Ich kannte nur die eigens kreierte Vergangenheit und die undurchsichtige Gegenwart. Wie alt mochte Kitten wohl sein? Wie naiv, wie jung und vor alle dem, wieso hatte sie ihre Beine ein wenig auseinandergewinkelt? Ich konnte ihren Herzschlag spüren und sie vermutlich meinen.
Mein Gewebe war alt geworden, monochrom, wie phosphid instabil und die Parabel meines jungen Lebens endete in der Vergangenheit. In der Gegenwart war ich kaputt, sentimental und leichenblass. Langsam wurde ich alt und ich wusste, was ich tun musste, um mich wieder jung zu fühlen; sobald ich mich zu ihr setzte, spürte ich es. Sie kannte mich. »Seit wie lange kennen wir uns schon?«, fragte ich.
»Seit ich ein kleines Mädchen bin, wohnst du in derselben Gegend wie wir. Ich bin mit deiner Tochter befreundet, schon seit wir klein sind.«
»Wann haben wir uns kennengelernt?«
Sie beugte sich nach vorne, um einen Tee oder Chai Latte zu greifen, der vor ihrem Tisch stand. Sie lächelte. »Unser erstes Treffen war wohl in dem Sommer, als ich zwölf wurde. Die Nachbarn feierten eine Grillparty und Ava, Paleo, Erie, deine Tochter und ich waren alle dort. Deine Frau kannte ich zu dem Zeitpunkt bereits, sie hatte deine Tochter immer zu mir gefahren und auch wieder abgeholt. Dich sah ich dann zum ersten Mal, als du durch das Gartentor kamst.«
Ich schaute abwechselnd ihr Gesicht und ihre Beine an.
»Soll ich weiter erzählen?«, fragte sie. Ich nickte. Ein klares Ja.
»Wir waren damals mit Ava, Erie, Paleo und deiner Tochter an einem Tisch. Paleo machte andauernd Witze, sie suchte nach Jungs, mit denen sie schlafen würde. Der Rest, also Erie und ich und deine Tochter, wir redeten von einer Serie, die wir in der Nacht davor über Skype geschaut hatten.«
Ich erinnerte mich nicht an das Grillfest. Paleo sagte mir auch nichts. Ich konnte nur ihr Haar vor mir sehen, die perfekten Haare von Kitten.
»Weißt du, was Paleo zu dir gesagt hat?«
»Nein.«
»Sie kam zu dir. Sie hatte sich ein Shirt von mir geliehen, es lag eng an. Man konnte ihren BH erahnen und was sonst noch so darunter liegt. Du saßest etwas abseits von den anderen. Paleo scherte sich nicht um Konventionen. Sie erzählte dir, wie viele Orgasmen sie an einem Tag hatte, und sie wollte probieren, ob du vielleicht darauf anspringen würdest … Ich bekam das zunächst gar nicht mit, aber sie erzählte es später in der Gruppe herum und deine Tochter ist natürlich total ausgeflippt.«
Ich zündete mir eine Zigarette an. »Ich gehe duschen«, sagte ich und rannte die Treppen hinauf. Das Wasser kühlte meinen erhitzten Kopf ab. Dennoch vermochte nichts meine innere Leere zu füllen. Ich war zu einem einzigen biologischen Trieb verkommen. Man musste mich stoppen, erschießen wie einen Tiger, den sie zuerst einsperrten und dann erschossen, weil er ihre Sperre umwunden hatte. Ich wollte doch gar nichts von Kitten, ich wusste, wie Brüste aussahen. Groß, klein, spitz, fest, weich, hart.
Nur dass Kitten nicht wie andere aussah und auch nicht so sprach. Sie hob sich mit jedem Wort von den anderen ab. Ich kannte sie doch schon so lange, als sie noch zwölf Jahre alt war. Oder wann hatte ich sie kennengelernt? Wieso betörte mich ihre Art jetzt so? Weil ich gebrochen war? Müde vom dezentralisierten Leben, alles verloren und wieder alles verloren? Das Wasser kam abermals aus dem Duschkopf geschossen und ein weiteres Puzzleteil vervollständigte sich.
Meine Familie saß in einem Gebetskreis. Mitten im Garten. Neben uns tummelten sich Hummeln, Bienen und Fliegen aller Art. Der Pool noch nicht fertig. Sie sprachen über ein bevorstehendes Ereignis, ich war einzig und allein mit meiner Skepsis, das Kind und die Frau piksten mich und evaluierten die Vorteile beständig, bis ich ihnen nachgab.
Die Türe wurde aufgemacht und Kitten kam in den Garten gelaufen. In meinem Traum hatte sie nichts an. Sie setzte sich auf meinen Schoß und wir taten es vor meinem Kind und vor meiner Frau. Ich wollte mich befreien, aber es ging nicht.
Ich stürzte aus der Dusche heraus und fand neben meinem weißen Handtuch frische Kleidung vor. Ich dachte nicht, dass sie mir passen würde, aber sie passte wie angegossen. Ein Hemd, Jeans, Unterhosen. Ich bezweifelte stark, dass sie dem Postboten gehörte. Mir konnte sie ja auch nicht gehören … oder?
Angezogen sah ich wie verwandelt aus, meine Kleidung musste ich schon seit Tagen, wenn nicht Wochen getragen haben, mit dem Parfüm auf der Anrichte, das ich mir an den Hals und an den Handrückten sprühte, wirkte ich wie neugeboren. Ich fühlte mich wie ein monochromes Wrack. Ich sah nur noch die See, ich war wie die Titanic. Einzigartig, geborgen, umschlungen vom Meer. Imposant, innen zersprengt.
War das Shakespeare? Hoffentlich war das Shakespeare. »Kitten, ich muss gehen«, sagte ich am Fuß der Treppe. Ein Schritt und ich wäre wieder im selben Zimmer wie sie.
Sie stand natürlich nicht in der Küche, sondern am Fuße der Treppe. Als meine Worte meinen Mund verließen, wusste sie schon, dass sie herbeieilen musste. Warum tat sie das? Warum dachte ich so furchtbar kompliziert?
Meine Tochter spielte am Pool. Er war doch noch fertig geworden. Wir grillten. Sie war Vegetarierin geworden. Deshalb hatte ich fleischfreie Tage angeordnet. Sie schrie vor Freude auf und umarmte mich. Das Haus war fast abbezahlt, meine Frau war zwar gespielt sauer, denn sie liebte Fleisch. Kein Grund zur Scheidung, wenn man seine Tochter zu einem glücklichen Mädchen machte. Ich rauchte eine weitere Zigarette. Plötzlich saß ich vor dem Postboten und seiner Tochter, Kitten.
»Wie finden Sie unser bescheidenes Zuhause?«, fragte mich der Postbote.
»Sehr schön, wie ein kleines Paradies«, antwortete ich.
Er lächelte. »Heute hatten wir die doppelte Anzahl an Briefen, wegen eines E-Mail-Ausfalls. Scheinbar hatten Google und Yahoo einen Totalausfall, sodass wir heute deren Probleme ausbaden durften. Ich sage euch, ich musste heute doppelt so schnell arbeiten.«
Auf einmal wechselte die Szenerie wieder, und Kitten saß vor mir.
Zwei Sterne am Himmel offenbarten mir, dass ich sie gesucht hatte. Ich hatte meine Familie bereits gesucht, aber nicht gefunden. Mir war nicht klar, was mit ihnen passiert war.
