Anton Schattenfels - Stefan Haid - E-Book

Anton Schattenfels E-Book

Stefan Haid

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Beschreibung

Inmitten der Realität, die dem jungen Außenseiter Anton düster, trostlos und grausam erscheint, erhält dieser die Chance, ihr zu entfliehen und eine nahezu paradiesische neue Welt, tief im Erdinneren zu entdecken. Seltsame Wesen wie Rufus der Steinbrecher und Emil der Pygbold zeigen ihm einen Ort, der gegensätzlicher und fantastischer nicht sein könnte und verraten ihm alle Geheimnisse rund um den mystischen Erdenkristall. Gemeinsam mit Rufus und Emil begibt sich Anton auf eine abenteuerliche, gefährliche Reise und beginnt langsam zu verstehen wie wichtig Frieden und Harmonie für die Natur und allen Lebewesen auf der Erde sind. Doch der Frieden wird bedroht, denn etwas Dunkles und rasend Mörderisches zieht herauf und schon bald könnte ein uralter Pakt die letzte Rettung der Völker und der Menschheit sein. "Anton Schattenfels - Die Gemeinschaft der Wächter" ist der erste Social-Fantasy Roman aus Tirol.

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Seitenzahl: 498

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer sein Anrecht auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit“

(Mahamta Ghandi)

115 Jahre zuvor, irgendwo tief im Inneren der Erde:

Er brachte sie hoch auf ein Plateau, auf das alle rundherum blicken konnten. Mit einem langen Messer und lautem Gebrüll kämpfte er sie nieder - bis sie hilflos vor ihm auf dem Boden lag. Sie selbst war nur mit einem hölzernen Speer bewaffnet, der ihr aber im Zuge des Kampfes aus der Hand glitt und über das felsige Plateau hinunter fiel.

Inzwischen war sie bereits sehr schwer verletzt. Blut rann über ihre Stirn, eines ihrer Hörner war bereits abgeschlagen und sie kämpfte mit ihrem Bewusstsein.

Er packte sie an dem anderen Horn das noch heil war, befestigte das lange Messer an seinem Gürtel und schrie aus Leibeskräften von der Spitze des Plateaus hinunter zu hunderten kämpfenden Kreaturen und Menschen:

»Seht her, ihr gottverdammten Missgeburten, ihr, die ihr direkt aus der Hölle kommt! SEHT HER!!!«

Augenblicklich hielten alle inne und stellten den Kampf ein. Menschen, wie auch die Geschöpfe Heldorias. Es herrschte eine unheimliche Stille. Der Gestank von Tod, Blut und Eingeweiden lag in der Luft, gemischt mit Abgasen schwerer Maschinen und Panzern.

»Ich werde euch lehren, uns Menschen das zu verweigern, was wir wollen. Ich will, dass ihr uns Menschen von jetzt an und bis in alle Ewigkeit fürchtet. Dass ihr UNS gebt, was WIR wollen! Seht mal, wir kamen in Freundschaft und haben es in all unserer Herzensgüte mit netten und freundlichen Worten versucht! Wir kamen mit Geschenken, Werkzeugen und Wissen. Und wie dankt ihr es uns? Wie benehmt ihr euch uns gegenüber? Ihr lehnt alle unsere Angebote ab - einfach alles. Ich könnte durchdrehen bei so viel Unverschämtheit! Ihr seid nicht kompromissbereit. Und ich habe immer gedacht, dass wir alle Freunde wären. Aber Freunde verhalten sich so nicht. Freunde geben einander das, was sie brauchen, das was sie wollen. Und nun gebe ich euch das, was ihr ganz offensichtlich sehr dringend braucht. Und zwar Manieren, Ehrfurcht und Respekt.

Euer gottverdammter Geiz und eure Sturheit zwingen mich dazu. Seht, ihr widerlichen Drecksviecher. Ich hoffe, ihr versteht nun, wer eure wahren Herren sind. Nämlich WIR!

Wir haben ab hier und ab jetzt das Sagen und je schneller ihr elendigen Hurenböcke das erkennt, desto besser ist das für euch. Das ist nichts Persönliches, also nehmt mir das bitte nicht übel, aber euer Handeln zwingt mich dazu! Hier, das ist für euch!«

Inhaltsverzeichnis

DUNKLE WOLKEN ÜBER DEM SCHULHOF

LICHTER AUF DEM SCHULHOF

GUSTAV UND JOSEPHINE

ÜBER STOCK UND STEIN – HAUPTSACHE WEG

DIE ALTE MÜHLE

DER STOLLEN

ALLES FUNKELT, ALLES LEBT

RUFUS

HELDORIA

KIESELCHEN

ÜBER STEINBRECHER UND ANDERE WESEN

DER ERDENKRISTALL

EIN JUNGE GING VERLOREN

DER PAKT DES EWIG-WÄHRENDEN LICHTS

WIE IM TRAUM

ZWEI FÄUSTE, EINE SCHIEBERMÜTZE UND EINE PFEIFE

BLEIBEN ODER GEHEN

»TÄSS…, ICH MEINE: GUNDULA«

WAS HABEN PILZE UND FALKEN

SCHREIE AUS DER DUNKELHEIT

DAS BRAUNE LEDERBAND

EIN FELD VOLL EDELWEISS

TENTAKEL AUS DEM BODEN

DER MEISTER DER VIER

ALEXIA

SIE ALLE MÜSSEN STERBEN

VULPEA, AQUILIA, CERVOX UND HYDREXOS

EINE FEDER - EIN LEBEN LANG

EIN MENSCH IST UNTER UNS

GLÜHENDE GESICHTER UND QUALMENDE NASEN

IM ZWIESPALT

SIE KOMMEN

DER STEINBRUCH BRENNT

SIE HABEN GETAN, WAS SIE KONNTEN

ZARTE GOLDSPÄNE UND EIN ROSA BERGKRISTALL

DREIZACKE AUS DEM WASSER

TRÄNEN ÜBER DEM STEINBRUCH

FREIES GELEIT

DAS LIED DES EINKLANGS

NACHWORT UND DANKSAGUNG

DUNKLE WOLKEN ÜBER DEM SCHULHOF

Innsbruck heute, 115 Jahre später:

Es lag eine nervenzerreißende Spannung in der Luft. Ohrenbetäubender Lärm erfüllte den Vorhof der neuen Mittelschule im Olympischen Dorf, einem Stadtteil Innsbrucks.

Er war umgeben von großen, grünen Büschen und Sträuchern, die allesamt von einer kniehohen Mauer umgeben waren, an der man Fahrräder abstellen konnte.

Alle paar Meter wuchsen tief verwurzelt, dicke und sehr alte Kastanien. Im Herbst war der Boden bedeckt mit den braunen Früchten des Baumes.

Der Asphalt war brüchig und aus den Rissen im Boden wuchs allerlei Unkraut.

Eine große Gruppe Schüler hatte sich vor dem Schulgebäude versammelt, um das Kommende nicht zu verpassen.

»Wo steckt denn dieser gottverdammte Bauernjunge bloß? Ich weiß ganz genau, dass er jetzt Schulschluss hat. Ich bring‘ ihn um, dieses miese Schwein. Ich schwöre es bei Gott!«, rief Daniel.

Daniel war der stärkste Junge an der Schule. Er war groß, recht bullig und hatte dunkles Haar. Wenn er lachte, zuckte man regelrecht zusammen, denn das Lachen klang so fies und gemein, dass man davon wahrlich schon das Weite suchen musste.

Manch einer würde sogar behaupten, dass etwas richtig Böses und Dunkles in seinen Augen funkelte, wenn er einen tief in die Augen schaute. Jeder an der Schule wusste, dass er aus Spaß andere quälte, bloßstellte und schlug. Er war jedenfalls ganz eindeutig niemand, den man gerne zum Feind haben möchte.

Doch ungünstiger Weise hatte es genau dieser Junge auf einen zierlichen, kleinen Jungen namens Anton abgesehen. Anton Schattenfels.

Schon während der großen Pause hatte Daniel Anton vor seinem Klassenzimmer gedroht und ihm »Nach der Schule bist du fällig, du kleiner Bauernjunge« nachgerufen. Dann läutete es wieder zur Stunde.

Während des restlichen Unterrichts konnte sich Anton nicht mehr auf die Lehrer und den Stoff konzentrieren. Die Angst vor Daniel und dem, was er vor hatte Anton anzutun, ließen ihn an nichts anderes mehr denken.

Seine Knie wurden weich und begannen zu zittern, je weiter die Stunden vorrückten und der Schulschluss näher kam. Auf seinen Händen machte sich kalter Schweiß breit.

Über der grünen Schultafel hing eine alte weiße Uhr, mit dicken schwarzen Zeigern, die Anton ununterbrochen anstarrte. Er saß wie auf Nadeln und die Zeit schien nicht zu vergehen. Von Sekunde zu Sekunde öffnete sich eine weitere Pore auf seiner Stirn und blanker Angstschweiß trat hervor. Seine Wangen glühten rot.

Darauf zu warten, bis etwas passiert, weil man weiß, dass etwas passiert, ist viel schlimmer, als es nicht zu wissen.

Dabei wusste er nicht im Geringsten, was er Daniel überhaupt getan hatte. Seiner Meinung nach war das größte Verbrechen, das er begangen hatte das, dass er sich nie gegen irgendjemanden zur Wehr setzte.

Er konnte einfach keiner Fliege etwas zu Leide tun und er konnte es nicht verstehen, warum es Menschen gab, die anderen schlimmen Dinge zufügten. Und das auch noch aus Spaß. Anton wusste bei Gott nicht, was daran spaßig sein sollte.

Warum ihn Daniel ›Bauernjunge‹ nannte lag daran, dass er nicht aus Innsbruck, der Stadt, kam, sondern aus einem kleineren Dorf etwas außerhalb der Stadt, namens Mieming. Um dorthin zu gelangen musste er nach der Schule mit der städtischen Straßenbahn Nr. 2 in das Zentrum Innsbrucks fahren und dann zu Fuß zum Hauptbahnhof weitergehen, um dort in den Bus Nr. 4176 einzusteigen. Dieser brachte ihn dann nach 45-minütiger Fahrt nach Hause.

Die meisten Kinder die sich hier am Vorplatz der Schule versammelt hatten, wussten, dass Anton ein Feigling war und freuten sich schon mächtig auf die Rauferei, die Anton bevorstand.

Und dann war es soweit.

Plötzlich ging die Türe des Haupteingangs der Schule auf. Eine große, blaue, schwere Türe aus kaltem Metall, an der die Farbe schon seit Jahren absplitterte und langsam der rotbraune Rost zum Vorschein kam. Durch ihre zwei dicken Glasscheiben, konnte man in das Gebäude hinein und hinaus auf den Vorplatz sehen und als Anton sich ihr näherte, konnte er schon an die dreißig Kinder sehen, die ihn bereits sehnsüchtig erwarteten.

Wer hier gleich das Opfer sein wird, war bereits jedem sonnenklar, auch Anton selbst. Eine andere Ausgangstür zu nehmen kam für ihn leider nicht in Frage, da die anderen Türen stets versperrt waren und nur die Lehrer die Schlüssel dazu hatten. Die Tür fiel hinter ihm wuchtig und mit einem lauten Knall zu.

Nun herrschte eine gespenstische Ruhe.

Sämtliche Kinder die am Schulhof versammelt waren, drehten sich zu Anton um. Man könnte meinen, dass es kaum einer wagte zu atmen.

Eine Krähe krächzte in den umliegenden Kastanienbäumen und flog aufgeregt davon. Die Wolken hingen tief und ein kühler Herbstwind schlug Anton sofort ins Gesicht. Den grünen Baumwollschal, den ihm seine Oma gestrickt hatte, zog er sich bis unter die Nasenspitze hinauf. Anton stand da wie angewurzelt, geradezu paralysiert. Einsam. Eingeschüchtert und voller Angst. Seine Knie hatten sich in der Zwischenzeit natürlich nicht beruhigt, ganz im Gegenteil. Er verspürte ein derart heftiges Ziehen, dass er kaum ruhig stehen konnte.

Anton war vierzehn Jahre alt. Seine Haare waren strohblond und fielen wild durcheinander. An seinem Hinterkopf wuchs ihm ein Wirbel, den selbst viel Spucke nicht bändigen konnte und seine Augen leuchteten eisblau. Um seine Pupillen zog sich ein leuchtend weißer Ring, der dafür sorgte, dass das Blau noch intensiver zur Geltung kam.

Für sein Alter war er zwar schon ziemlich groß, jedoch war er sehr schmächtig, sodass auch die engsten T-Shirts an ihm flatterten als wären sie um fünf Nummern zu groß. Sein Gesicht war sehr blass und woran das lag, wusste keiner, auch nicht seine Ärztin. Seine beiden Eltern kümmerten sich stets um ein gesundes Essen und als Kind, das am Land lebte, verspürte er wahrlich keinen Frischluftmangel. Jetzt allerdings leuchteten seine Wangen wegen der Aufregung und der Angst knallrot.

Plötzlich begann die Menge zu johlen. Jeder freute sich, dass der kleine, schmächtige Bauernjunge nun endlich eine Abreibung erhielt. Die meisten von ihnen wussten zwar nicht, warum ausgerechnet er die Prügel beziehen sollte und wahrscheinlich hätte er sie auch gar nicht verdient, aber das war jedem von ihnen egal. Endlich war mal etwas los in dieser endlos langweiligen Schule.

»Da bist du ja endlich!«, hallte es von den umher stehenden Hochhauswänden quer über den gesamten Platz.

Die Schule lag inmitten eines dicht verbauten Wohngebietes und war umgeben von großen braunen Wohnblöcken. Die Fassaden waren bereits sehr alt, unter einigen Fenstern konnte man sehen, dass der Regen, den Schmutz unter den Fensterbänken mit den Jahren herausgewaschen hatte und dieser sich nun einen Weg nach unten bahnte.

Die Menge teilte sich und Daniel erschien. Seinen giftgrünen Pullover, den er fünf Tage die Woche trug, hatte er bereits ausgezogen und irgendwo in eine Ecke des Platzes geworfen. Auf dem roten T-Shirt das er trug war ein großer Mittelfinger abgebildet und quer darüber standen die Worte ›FUCK YOU‹. An der Seite des Shirts klafften kleine Löcher, die Daniel einmal während des Unterrichts aus reiner Langeweile mit Zigaretten eingebrannt hatte. Er wäre damals beinahe von der Schule geflogen. Diese Geschichte verbreitete sich rasend schnell in der Schule.

»Was hast du denn noch so lange getrieben, du Bauernjunge? Machst du dir nun in deine dreckige Bauernhose oder was?«. Alle lachten.

Anton war wie versteinert. Er blieb wie angewurzelt stehen. Seine Knie zitterten und verkrampften, seine Hände waren weiterhin eiskalt und schwitzten. Sein Herz raste so schnell, dass er das Gefühl hatte, dass es jede Sekunde stehen bleiben könnte. Sein Kinn und seine Unterlippe bebten und er fühlte sich jetzt bereits den Tränen nahe.

Er wusste nicht was schlimmer ist, die Schmerzen die er gleich erfahren würde, oder das schallende Gelächter derjenigen, die mit ziemlicher Sicherheit jede Sekunde mit ihren Smartphones aufnehmen werden und seine Schmach und Demütigung für alle Zeiten archivierten.

Es roch förmlich nach Angst. Anton hatte keinen Fluchtplan parat. Sich zu wehren kam für ihn aber nicht in Frage, er konnte sich ja so schon kaum bewegen.

Noch immer rührte sich keiner der umher stehenden Schüler. Anton bekam kein Wort heraus.

Plötzlich stürmte Daniel mit lautem Gebrüll und geballter Faust auf Anton zu.

Die Menge johlte und rannte ihm sofort hinterher. Er warf sich direkt mit seinem gesamten Körper auf Anton und stieß ihn mit seinem Ellbogen, mit dem er Anton im Gesicht traf, zu Boden. Die Menge bildete sofort einen Kreis und schloss die beiden darin ein. Nun gab es kein Entkommen mehr.

Daniel saß nun direkt über Anton gebeugt, drückte ihn mit seinen Knien auf den Boden. Zunächst schlug er ihn nur mit der flachen Hand, dann hart mit der Faust mehrmals so fest und heftig ins Gesicht, dass Anton kurz davor war, sein Bewusstsein zu verlieren.

Der bullige Junge hatte in seinem Gesicht einen Nerv getroffen und plötzlich begann er am ganzen Leib wie wild zu zucken.

Er verlor komplett die Kontrolle über seinen Körper.

Die anderen Schüler schrien vor Aufregung und lachten aus Leibeskräften. Einige hielten bereits ihr Smartphone in den Händen und filmten die Szenen, die sich dort abspielten. Manche von ihnen drängten sich zwischen Anton und Daniel, der noch immer auf ihm saß und wie wild auf ihn einprügelte, um Antons blutverschmiertes Gesicht ganz nah auf das Video zu bekommen. Einige von ihnen riefen ›töten‹, ›töten‹, ›töten‹ im immer gleichbleibenden Takt und feuerten den Schulschläger weiter an.

»Was willst du jetzt dagegen machen, hä?«, schrie Daniel. »Was? Sag‘ schon! Antworte mir, du Wichser! Du kleiner Homo!«

Mit jedem Wort von Daniel prasselten Ohrfeigen und donnerten neue Faustschläge in Antons Gesicht. Er sagte kein Wort. Er wehrte sich nicht. Sein Gesicht war mittlerweile taub. Seine Angst war einfach zu groß.

Auf dem Rücken liegend, ließ er es einfach so über sich ergehen und hoffte, dass der Schmerz und die Schmach bald vergehen würden.

Sein Körper hatte mittlerweile aufgehört zu zucken. Sein Gesicht war bereits taub von den Schmerzen.

Aus der Nase lief warmes Blut, es tropfte auf sein weißes T-Shirt, das er letztes Weihnachten vom Christkind geschenkt bekam. Er hatte sich das damals so sehr gewünscht. Nun war es am Kragen eingerissen und am rechten Ärmel war ein etwa zehn Zentimeter großer Riss zu sehen.

Es lief so viel Blut aus seiner Nase, dass bereits einige Spritzer auf dem Boden verteilt waren. Die Mischung aus Angst, Schmerzen und Demütigung versetzten Anton in eine Art Trance. Es schien, als bewege sich alles in Zeitlupe.

Die Todeswünsche seiner Mitschüler hallten von den Hochhauswänden herab. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und langsam begann er um ihn herum Sterne zu sehen.

Und als könnte es nicht noch schlimmer kommen, bemerkte er nun, dass er die Kontrolle über seine Harnblase verlor. Im nächsten Moment strömte bereits der Urin auf seine Hose, welche sich damit sofort vollsog. Er konnte spüren, wie er an seinem Bein herunter lief.

Seine Schulkameraden bekamen das natürlich auch mit, lachten daraufhin noch lauter und die, die alles mit ihrem Smartphone filmten, hielten genau auf die Stelle in Antons Schritt.

»Hey nun seht mal her, der kleine Hurensohn hat sich vor Angst in seine hässlichen, schäbigen Hosen gemacht. HAHAHAHAHAHAAAAA!!!«.

Antons Ohren fielen zu und Tränen aus Scham, Schmerz und Verzweiflung liefen seine blutroten Wangen herunter.

»Bitte mach, dass es endlich aufhört, bitte, bitte!«, stammelte Anton flehend vor sich hin. Das brachte die Menge zum Ausrasten.

»Jetzt weint das kleine, hässliche Baby auch noch HAHAHAHA!!!!« schrie eine Schülerin und krümmte sich vor Lachen.

Plötzlich ließ Daniel von Anton ab, stand auf und erleichtert dachte sich Anton, dass die Schläge nun endlich ein Ende fanden, doch er irrte sich. Der bullige Junge trat nun mit seinen Füßen auf den am Boden kauernden, blutenden Buben ein.

Die Menge heizte ihn mit ihren Rufen weiter an. Eine Mitschülerin brach aus der Menge hervor und beugte sich zu Anton hinunter. Er dachte sich, dass ihm endlich jemand zu Hilfe käme, doch erneut irrte er sich:

Das Mädchen zog an seiner Hose so lange, bis sich der Gürtel lockerte. Sie zog ihm die Hose und seine Unterhose bis zu den Knöcheln hinunter. Jeder konnte nun Antons Genitalien sehen, die voll von Urin waren. Sofort hielten sämtliche Schüler mit ihren Smartphones darauf und lachten lauthals über den am Boden gekrümmten Prügelknaben.

»HAHAHA oh Mann! Sandra, das war spitze! Weißt du wie viele ›Likes‹ diese Aktion bringt?«, rief einer der Schüler und klatschte mit ihr ab.

»DU! GEHÖRST! HIER! NICHT! HER!!!«, rief Daniel lautstark und mit jedem Wort das er sprach, verpasste er Anton einen heftigen Fußtritt in die Magen- und Brustgegend.

Schützend hielt er sich seine Arme und Hände vor sein Gesicht. Nun wurde ihm speiübel und trotz vorgehaltener Hand musste er sich übergeben. Das Erbrochene ergoss sich durch seine Finger auf sein Shirt und auf dem Boden. Alle herumstehenden Schüler schrien aus lauter Ekel laut auf.

Zuletzt traf Daniel ihn mit seinem Fuß am Kopf. Durch Antons Nasengegend zuckte ein heftiger Schmerz und er konnte spüren, wie warmes Blut über seinen Mund lief.

Dann ließ Daniel von ihm ab. Der bullige Junge stand auf und ging ein paar Schritte zurück.

Er griff in die Hosentasche seiner blauen Jeans und zog ein Klappmesser heraus. Er ließ es ein paar Mal durch seine Hand schnappen und öffnete es. Dann wendete er sich erneut dem kleinen, wehrlosen Jungen zu und hielt ihm das Messer mitten vor sein Gesicht. Daniels Mund bewegte sich langsam auf Antons rechtes Ohr zu.

»Wenn du das irgendwem erzählst, bist du tot! Hast du gehört, du kleiner Wichser? Alle hier wollen ohnehin, dass ich dich kalt mache und absteche wie ein Schwein, du elendiger Hurensohn«, flüsterte er ihm ins Ohr, das von den vielen Schlägen feuerrot war. Aus Antons Augen kullerten weitere Tränen. Er sah zu Boden und nickte.

»Seht mal alle her, der kleine Junge weint!«. Alle lachten. Daniel am lautesten.

»Hier, noch eine auf den Weg, du weinende, feige Ratte!«, schrie der fiese, bullige Junge und verpasste Anton noch eine letzte Ohrfeige.

Anton lag noch immer am Boden und blieb dort auch liegen. Inmitten seines Urins, das sich bereits mit seinem Blut und dem Erbrochenen vermischte. Als Daniel einen Schritt nach hinten machte, trat er in die Pfütze mit Körperflüssigkeiten und ein paar Tropfen davon spritzten auf Daniels strahlend weiße Sneakers.

Dieser drehte sich erneut wutentbrannt zu Anton um, wollte noch einmal auf ihn losgehen, aber er sah, dass er sich nicht mehr bewegte. Dann öffnete Daniel selbst seine Hose, zog sie sich ebenfalls bis zu seinen Knien hinunter, stellte sich über den verletzten Jungen und begann sich auf Anton zu erleichtern.

»Ich scheiß‘ auf dich, hörst du? ICH SCHEISS‘ AUF DICH«, schrie Daniel und lachte dabei. Sein Urin durchtränkte Antons Kleidung. Erneut brachen sämtliche Beteiligten in schallendes Gelächter aus.

Einige von ihnen suchten den besten Winkel, um die bestmögliche Videoaufnahme zu machen. Niemand, absolut niemand seiner Mitschüler kam ihm zu Hilfe.

Ein paar der Schaulustigen luden sofort die Videos auf sozialen Netzwerken hoch und heimsten in den nächsten Momenten bereits die ersten ›Likes‹ dafür ein. Ein paar schrieben Kommentare wie »Oh mein Gott, wie peinlich. So ein Opfer!«, oder »HAHA, wie geil xD« darunter. Nun begann sich die Menge langsam aufzulösen. Daniel zog seine Hose hoch und klatschte mit seinen Kumpels Peter und Sebastian ab. Unter lautem Gelächter kehrten sie alle Anton schlussendlich den Rücken zu und verließen, einer nach dem anderen, das Schulgelände.

Anton lag regungslos auf dem kalten Asphalt, inmitten der Pfütze aus Urin, Blut und Erbrochenem.

Als alle fort waren und wieder Ruhe eingekehrt war, kam Anton wieder einigermaßen zu sich und richtete sich auf.

Langsam und vorsichtig zog er seine Hose wieder hoch, welche mittlerweile eiskalt von der Feuchtigkeit war, und säuberte sich so gut es ging mit einem Taschentuch. Er horchte und schaute nach rechts und links um sich zu vergewissern, ob da nicht doch noch jemand war, der ihm Böses wollte. Aber nein, es war wirklich niemand mehr zu sehen. Es war vorbei.

Unter höllischen Schmerzen richtete er sich auf und kramte aus seinem Hosensack zwei weitere Taschentücher heraus. Das Erste hielt er sich vor die Nase, um die Blutung zu stoppen. Das Zweite drückte er sich an die Stirn. Anhand der geringen Blutmenge auf dem Taschentuch konnte er erkennen, dass er lediglich eine kleine Schramme haben dürfte, die nur ganz leicht blutete, mittlerweile aber wieder aufgehört hatte.

Er legte seinen Kopf für ein paar Minuten in den Nacken um die Blutung seiner Nase zu stillen, was ihm auch schlussendlich gelang. Sein gesamter Körper schmerzte unaufhörlich.

Seine Schultasche lag ein paar Meter weiter neben ihm. Ausgeleert. Die Schulsachen lagen überall verstreut herum. Irgendjemand musste während der Prügelei die Tasche aufgerissen und den gesamten Inhalt hinausgeworfen haben.

Er ging zu ihr und hob sie hoch. Stück für Stück sammelte er seine Utensilien ein und steckte sie zurück in die Tasche. Federpenal, Block, Taschenrechner, Hefte und Bücher und seine rote Jausenbox, die er zum Schulstart von seiner Mutter geschenkt bekam, mit seinem neuesten Lieblingscomic-Helden darauf. Als er letztes Jahr auf diese Schule kam, wusste er noch nicht, dass er hier keinen einzigen Freund finden würde.

Als er nun all seine Sachen wieder gut in seinem Rucksack verstaut hatte, versuchte er unter großen Schmerzen seine Schultasche zu schultern. Dabei fiel sein Blick zum Schulgebäude. Genauer gesagt, zum Fenster des Lehrerzimmers.

Ein Lehrer, Herr Lenz sah direkt aus dem Lehrerzimmer zu ihm herüber. Als er jedoch Antons Blick bemerkte, erschrak er, zuckte zusammen und verschwand sofort vom Fenster, genauer gesagt hinter dem alten, vom Zigarettenrauch schon gelblichen Vorhang.

»Hat denn Herr Lenz alles gesehen?«, dachte er sich. »Warum hat er denn nicht eingegriffen und mir geholfen?«

Europa: Am Donnerstagabend ist in der Innenstadt die Polizei angerufen worden, weil drei Männer einen kleinen Igel gequält haben. Ein Augenzeuge hörte die qualvollen Schreie des Tieres und hatte dadurch mitbekommen, dass drei Männer im Alter zwischen 18 und 27 immer wieder gegen den Igel getreten haben: Offenbar missbrauchten sie das Tier als Fußball. Der Zeuge informierte die Polizei.

LICHTER AUF DEM SCHULHOF

Anton war gerade dabei, sich auf den Weg zur Straßenbahn zu machen, als er das Gefühl verspürte, beobachtet zu werden. Er drehte sich um in Richtung der Büsche und der dicken Kastanienbäume. Doch dort war niemand zu sehen. Auch mit zusammengekniffenen Augen konnte er niemanden erkennen.

Sein Blick fiel auf einen der größeren Büsche an dem große, rote Beeren wuchsen. Dann sah er etwas. Doch konnte das sein? Dort, im Gebüsch, flimmerte eine goldene, schimmernde Kugel, etwa faustgroß, die nur aus warmen, gelblichen Licht zu bestehen schien. Anton hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.

Er ging näher und plötzlich kam aus dem Nichts eine zweite Lichtkugel dazu. Es schien, als würden diese wunderschönen, anmutig wirkenden Lichter miteinander kommunizieren und spielen. Sie strahlten etwas Beruhigendes aus und auf eigenartige Weise auch etwas Glückliches.

Sie schwebten nun vorsichtig aus dem Gebüsch hervor, direkt auf Anton zu und plötzlich war da noch eine Lichtkugel. Eine Dritte. Blitzschnell schoss sie durch das dichte, graue Wolkenbett vom Himmel herab.

Anton sah sich verwirrt um.

»Bin ich denn der Einzige hier, der das sieht? Ich glaub‘ jetzt spinn‘ ich komplett«, dachte er sich. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, um nachzusehen, ob er beobachtet wurde. Doch da war niemand. Herr Lenz hatte sich auch nicht mehr blicken lassen.

Er versuchte eine dieser seltsamen Lichter zu fangen, oder sie zumindest zu berühren. Doch er hatte keine Chance. Immer wenn er seine Hand nach vorne schnellen ließ, schwirrte die Lichtkugel blitzartig davon und wich seiner Hand aus. Anton hatte kurzzeitig das Gefühl, dass die Lichter jedes Mal, wenn sie ihm entwischten, hämisch lachten. Er konnte definitiv ein ganz leises Lachen, fast schon ein Zirpen hören.

Die drei Kugeln begannen immer wilder um ihn herum zu tanzen und plötzlich flogen zwei der drei Lichter wieder durch die Wolken gen Himmel davon. Eines jedoch blieb zurück und schwebte ein paar Meter vor Anton in der Luft. Es schien als würden sich er und die Lichtkugel einen kurzen Moment anstarren und zueinander eine unsichtbare Verbindung aufbauen. Zumindest machte sich in Anton das Gefühl breit, das man verspürt, wenn man jemandem tief in die Augen schaut, den man liebt. Kurz bevor ein Adrenalinstoß den gesamten Körper flutet und man sich selbst ganz zu verlieren scheint.

Und plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schoss die Lichtkugel in Antons Brustkorb hinein und verschwand dort. Ehe er sich versah, riss ihn etwas aus dieser Welt.

Ein wunderschönes Land lag vor ihm, es wirkte friedlich und ruhig. Vor ihm erstreckten sich Täler, durch denen wilde Bäche schnitten. Er konnte die Bäche rauschen hören, Wasserfälle, die in die Täler stürzten, den Wind der durch die Baumkronen zog und Vögel zwitschern hören, die im nächsten Moment um ihn herumflatterten und vor seinen Augen herumtollten. Ein Fuchs querte mit seinem Jungen den Weg. Eichkätzchen kletterten Baumstämme hinauf. Eine Eule starrte ihm tief in die Augen und blickte ihm in die Seele. Vor ihm lag ein riesiger See. Anton fühlte sich frei, voller Harmonie und voller Glücksgefühlen.

Plötzlich brach das Bild ab und veränderte sich.

Für einen Moment flimmerte vor ihm ein Bild eines gigantischen Steinbruchs. Dann riss das Bild erneut ab. Plötzlich stand Anton inmitten einer felsigen Höhle durch die ein schmaler Lichtkegel fiel. Ein goldenes, schimmerndes Nugget ragte direkt neben ihm aus der Höhlenwand heraus. Am feuchten Höhlenboden erkannte er eine Skulptur, die aus kleinen Steinen bestand, die übereinander gestapelt waren, wie zu einem kleinen Turm. Plötzlich begann sich etwas hinter dieser Skulptur zu bewegen und noch größere Steine, begannen sich langsam, wie von Zauberhand, übereinander zu stapeln, und je mehr Zeit verging, desto mehr ähnelte diese steinerne Formation einem menschlichen Körper. Das goldene Nugget klaffte inmitten des Gebildes und bewegte sich. Und da erkannte es Anton. Da stand etwas. Ein Ding. Ein Wesen. Mit dem Rücken zu Anton gewandt. Langsam drehte sich der steinerne Kopf dieses Dings in seine Richtung und starrte mit seinen weißen, kühlen und weit aufgerissenen Augen direkt und tief in die Augen des Jungen.

Plötzlich riss ihn etwas aus dieser Welt wieder zurück. Anton erkannte, dass er erneut auf dem Boden lag. Wahrscheinlich war er vor lauter Schreck darüber, dass diese seltsame Lichtkugel in ihn hinein geschwebt ist, nach hinten gestürzt.

Ihm kamen sofort wieder diese eigenartigen Lichter in den Sinn und er griff sich panisch an seinen Brustkorb. Er tastete sich selbst überall ab, doch er konnte nichts ungewöhnliches erkennen oder fühlen. Doch durch seinen gesamten Körper strömte Wärme.

»Hat mir denn dieser blöde Daniel so fest auf den Kopf geschlagen, dass ich nun halluziniere? Hab‘ ich mir das alles eingebildet? Aber irgendwie fühlte es sich so echt an, so gut und so wunderschön. Intensiver als einer meiner sonstigen Tagträume«, dachte sich Anton und er wusste nur zu gut, wie sich Tagträume anfühlten, schließlich floh er vor der harten Realität der Schule und vor Daniel des Öfteren in weit entfernte Phantasiewelten.

Noch in Gedanken über dieses seltsame Erlebnis eilte Anton mit kaputtem Shirt, blutiger Nase und nasser Hose über den Schulhof, hinaus aus dem Schulgelände.

Er überquerte die Straßenseite und ging seinen täglichen Weg, der zirka 5 Minuten dauerte, zur Straßenbahnhaltestelle. Dunkle Rauchwolken, die die Schornsteine der umliegenden Fabriken in die Luft warfen, verdunkelten den Himmel und der beißende Gestank stieg ihm in die Nase.

Auf dem Weg zu Haltestelle dachte er noch einmal über die Lichtkugeln nach und kam zum Entschluss, dass ihm Daniel wahrscheinlich zu sehr auf den Kopf geschlagen hatte und er jetzt wirklich ein wenig neben den Schuhen stand.

Am Ziel angekommen musste er nicht lange auf die Bahn warten. Er stieg ein und fuhr damit in die Innenstadt. An der Haltestelle ›Sillpark‹, einem der großen Innsbrucker Einkaufszentren, stieg er aus, überquerte die große Kreuzung und ging unter dem Viaduktbogen hindurch, direkt in Richtung des Hauptbahnhofes, wo auch der Busbahnhof lag.

Der Bus, den Anton nehmen musste, war gelb und in großen orangen Zahlen leuchtete die Nummer 4176 quer über der Frontscheibe. Es war der Bus, der ihn jeden Tag in die Schule brachte und auch wieder nach Hause. Seit fast einem Jahr fuhr Anton mit ihm und kannte daher jeden Fahrer beim Namen.

Anton fühlte sich im Schulbus wohl und unterhielt sich gerne mit den Lenkern. Weil er immer höflich und freundlich war und auch noch nie seine Manieren zu Hause vergessen hatte, war auch er unter den Fahrern sehr beliebt.

Benno, der Fahrer, der heute Dienst hatte, öffnete die Tür des Busses und als er Antons ramponiertes Gesicht sah, erschrak er und rief sogleich »Großer Gott, was ist denn mit dir passiert, mein Junge?«.

Anton wollte nicht großartig darüber reden, schüttelte nur den Kopf und winkte ab. Eigentlich wollte er generell mit niemandem darüber reden, aber er konnte sich schon vorstellen wie es sein wird, wenn er zuhause ankommen wird. Seine Mutter wird wieder einmal entsetzt sein und sein Vater wird wieder einmal darüber enttäuscht sein, dass er sich erneut nicht zur Wehr gesetzt hatte.

Die Türen des Busses schlossen sich und Benno fuhr los.

Anton nahm weiter hinten im Bus auf der linken Seite am Fenster Platz. Seine Hose war noch immer ziemlich kalt und feucht. Er setzte sich deshalb weit nach hinten, da er hoffte, dass niemand in seiner Nähe sitzen würde. Ihn so sehen würde. Ihn so riechen würde.

Am Fenster saß er eigentlich immer am liebsten, denn er liebte es, die Menschen zu beobachten, sich dazu seine Kopfhörer in die Ohren zu stecken und zur Musik seine Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen. Die Zeit in der er Bus fuhr genoss Anton sehr, denn in dieser Zeit war er mit sich und seinen Gedanken allein. Hier drinnen konnte ihm auch niemand etwas anhaben, hier war er sicher.

Als er sich noch kurz umsah, bemerkte er, dass ihn absolut jeder der im Bus saß, anstarrte. Wer konnte es ihnen auch schon verübeln? Die alte Dame, die seit seinem ersten Schultag auch mit diesem Bus fuhr und immer am selben Platz saß (nämlich direkt hinter dem Fahrer in der ersten Reihe und ihren Einkaufstrolley stets als treuen Partner am Nebensitz verstaute) schüttelte nur verächtlich den Kopf und schimpfte leise vor sich hin.

»Ach, diese Jugend von heute. Ständig müssen sie sich prügeln und Probleme machen, dieses Gesindel. Bestimmt auch drogenabhängig der Saufratz«.

»Na, wenn die alte Schachtel wüsste…«, dachte er sich genervt und seufzte leise.

Dann griff er mit seiner linken Hand in den linken Seitenbeutel seiner Schultasche und holte sein Smartphone heraus. Er entwirrte eifrig die Kopfhörerkabel und steckte sich die beiden Kopfhörer in seine Ohren. Er öffnete das Musikprogramm und drückte ›Play‹. Als die ersten Töne erklangen, war Anton bereits mit seinen Gedanken ganz woanders. Zuhause. In Sicherheit. Dort wo niemand ihn ärgerte oder schlug.

Der Bus fuhr vorbei an den vielen Hochhäusern mit den alten, blauen, grünen und gelben Fassaden. Vorbei am Innsbrucker Landesgericht in Richtung des Finanzamtes. Dort stiegen weitere Menschen in den Bus ein, jedoch niemand aus. Sie fuhren den langen Innrain entlang und schlussendlich lenkte Benno den Bus auf die Autobahn und schon ging es hinaus aufs Land in Richtung Mieming. Anton wohnte gerne dort.

Um nach Mieming zu gelangen musste der Bus den Ort Telfs, die Heimat seiner Lieblingsfootballmannschaft ›AFC Telfs Patriots‹ durchqueren.

Alle fünf Jahre, immer im Februar fand in Telfs die Fasnacht statt.

»Das ist eine langjährige Tradition, mein Sohn«, erklärte ihm Antons Vater Gustav damals. »Wenn ›die Wägen‹ auffahren, dann ist was los«.

Eine Fasnacht kann man sich so vorstellen: Viele tausende Menschen kommen in den Dorfkern, um den dortigen Fasnachtsvereinen zuzuschauen, wie sie mit ihren Masken und ausgefallenen Verkleidungen den Winter austrieben und Ortsansässige ein wenig auf die Schippe nahmen. Es gab die verschiedensten Verkleidungen und Vereine sowie Brauchtümer zu bestaunen.

Da gibt es beispielsweise die ›Bären und Exoten‹. Männer verkleideten sich als Bären mit dicken Fellen und andere wiederum hielten sie an Ketten, diese Männer nennt man ›Treiber‹.

Es gibt noch weitere bunte Gesellen, die sich ›die Herolde‹ nannten. Die Herolde sitzen auf Pferde und rufen offiziell die Telfer Fasnacht aus.

›Die Schleicher‹ tragen ebenso Larven, jedoch sind sie heller und freundlicher und auf ihren Köpfen sitzen große, bunte Hüte, die aufwendig mit Blumen und Figuren aus der Tiroler Geschichte und Sagenwelt verziert werden.

Als Anton ein kleiner Junge war, glaubte er, dass die Figuren auf den Hüten lebten. Er könnte schwören, dass die kleine Figur mit dem Weinglas in der Hand, die auf einem der Hüte saß, ihm zuprostete und zuzwinkerte.

Eine weitere Gruppe nennt sich ›die beasn Buam‹, was so viel heißt wie ›die bösen Buben‹. Woher dieser Name kam und warum sie sich so nannten, wusste er allerdings nicht.

Beim Anblick der ›Wilden‹ machte Anton jedes Mal große Augen. Denn ihr Kostüm besteht zur Gänze aus Baumbart, den sie in den Wochen zuvor mühsam in den Tiroler Wäldern von den Bäumen sammelten. Auf ihrem Kopf tragen sie dunkelbraune Holzlarven die zu alten, grässlichen Gesichtern geschnitzt waren und in ihren Händen halten sie dicke, schwere Äste als Gehstock. Und natürlich nicht zu vergessen ›die Laninger‹. Wenn man dieser Gruppe beitreten möchte, so musste man als Aufnahmeritual ein Gulasch aus Bernhardinerfleisch essen. Zumindest wurde ihm das einmal so erklärt. Dieser Brauch soll jedoch angeblich schon längst vorbei sein. Außerdem sind ›die Laninger‹ die älteste Fasnachtsgruppierung. Diesen Ruf machen ihnen jedoch jedes Mal aufs Neue die ›Bären und Exoten‹ streitig, da sie der Meinung sind, dass sie die älteste Gruppe seien und so kam es schon öfters zu wilden Schlägereien unter ihnen. Der Alkohol floss dabei natürlich in Strömen. Von all dem bekommen die Zuschauer aber meistens nichts mit. Die Fasnacht beginnt mit dem sogenannten ›Naz-ausgraben‹. Da wird aus einem großen Schotterhaufen, der im Ortskern aufgeschüttet wird, eine Puppe namens ›Naz‹ ausgegraben, die auf Knopfdruck rauchen und sich übergeben kann. Alle freuen sich, da jeder weiß, dass nun die Telfer Fasnacht offiziell beginnt. Insgesamt geht sie vier Wochen lang und endet mit dem ›Nazeingraben‹, wo der ›Naz‹ und sinnbildlich auch die Fasnacht wieder vergraben werden. In dieser Zeit ist in Telfs buchstäblich die Hölle los. Anton liebte es. Er freute sich schon Monate im Vorhinein darauf, bis es endlich wieder losging. Die meiste Zeit verbrachte er dann im Telfer Dorfzentrum, um den lustigen Gesellen bei ihrem kunterbunten treiben zuzusehen. Außerdem ist an diesen Tagen jeder gut gelaunt. Allen voran sein Vater Gustav und seine Mutter Josephine.

Der Bus fuhr nun die Autobahn entlang. Nach der Ortschaft Völs zog neben ihm ein riesiger Steinbruch vorbei, der pro Jahr hunderte Tonnen Stein für die Herstellung von Asphalt abbaute. Dem gegenüber ragten mehrere hundert Meter hohe Schornsteine der hiesigen Bäckerei empor, die schwarzen, stickigen Rauch ausstießen. Den Himmel konnte man dort schon lange nicht mehr sehen und die umliegende Luft wurde stark verpestet. Dazu vermischte sich der giftige Rauch der Fabrik, mit dem Feinstaub des Steinbruchs und den Abgasen der Autos.

Dazwischen lagen die Kemater-Felder, auf denen Biogemüse gezüchtet wurde und derzeit hunderte ausländische Gastarbeiter die Früchte des Bodens ernteten. Alle Arbeiter trugen Masken vor ihren Mündern und ihren Nasen, da sie die giftigen Dämpfe der Fabrik auf Dauer gesundheitlich schädigen würden und diese auch hochgradig krebserregend sind.

Anton nahm sein Smartphone zur Hand, entsperrte es und öffnete ein soziales Netzwerk. Mit seinem rechten Daumen scrollte er den Verlauf hinunter und kam an ein Video, das Männer zeigte, die zwei andere junge Männer mit Migrationshintergrund rassistisch beschimpfen und sie über eine Straße jagen. Über dem Video stand als Überschrift ›Hetzjagd auf offener Straße‹. Auslöser dafür war offenbar eine Auseinandersetzung zweier Männer, in der der Einheimische von dem anderen Mann mit Migrationshintergrund tödlich verletzt worden ist.

Dieses Video hatte mehrere Tausend ›Likes‹ und führte darunter neben Beileidsbekundungen von Fremden, Kommentare wie »Is‘ scho recht so, hängts doch den Neger aufn nächsten Bam au!« oder, »Wenn i den verfiggtn Krippl in die Finger griag, schlitz i den eigenhändig au und lassn elendig am Boden verbluatn, de Fack de grausige. Danach spuck i ihm no in die Fressn dem hässlichen Wixa«. Diese Kommentare erfuhren ebenso, durch hunderte ›Likes‹ eine breite Zustimmung.

Anton scrollte weiter nach unten und die verschiedensten Berichte und Videos, die Umweltverschmutzungen, Polizeigewalt an Demonstranten, grässliche Tierquälereien, Bauprojekte zum Nachteil des Regenwaldes zum Inhalt hatten, wurden ihm angezeigt.

Die Welt in der Anton aufwuchs war eine kalte Welt. Eine, in der die Menschen aufgehört haben zu fühlen und ihre Seelen dem Kapital verschrieben haben. Eine Welt in der jeder alles haben will. Ganz egal zu welchem Preis. Ohne Rücksicht auf die Natur, die Tier oder andere Menschen.

Es sind herzlose Körper, die in der Dunkelheit wandern, umgeben von dunklen, giftigen Rauchschwaden und stets auf der Suche nach einem Sinn und anderem Imaginären. Sie wissen zwar nicht ganz genau was es ist, sie wissen nur, dass sie es haben wollen. Koste es was es wolle. Viel zu schnell wurden sie von der Dunkelheit umschlossen, ihre Seelen wurden schwarz wie Teer und Ruß, ihre Herzen gebrochen und in Stein verwandelt.

Und viel zu schnell begann sich die Welt zu wandeln. So schnell, dass es der Großteil nicht bemerkte, dass sie langsam aus ihrer Umlaufbahn abzudriften drohte. Nun hatte man oft das Gefühl, dass lediglich ein Funken fehlt, der die Menschen endgültig durchdrehen lässt.

Nur mehr einige wenige leisten dem Widerstand. Sie wollen sich per tu nicht vergiften lassen. Sie wollen frei sein, in ihren Gedanken, in ihrem Handeln, in ihren Gefühlen.

Plötzlich erschien eine Eilmeldung der heimischen Tageszeitung auf dem sozialen Netzwerk:

EILMELDUNG: Zweifacher Familienvater (31) springt in den Tod. In der Nacht zum Montag sprang ein Einheimischer 80 Meter in den Tod. In der Nachbarschaft herrscht große Betroffenheit, galt der Vater nämlich als stets freundlich und hilfsbereit. Da der Mann in eine darunterliegende, abgesperrte Baustelle sprang, wurde er von Bewährungseisen regelrecht gepfählt.

Die Reinigungsarbeiten dauerten bis in die frühen Morgenstunden. Weitere Ermittlungen hatten ergeben, dass der Tote an einem Alkoholproblem litt und zahlreiche Spielschulden hatte. Dazu kam eine Scheidung im Vorjahr. Er hinterlässt zwei Kinder im Alter von vier und acht Jahren.

Im nächsten Moment bekam er eine virtuelle Einladung auf dem sozialen Netzwerk, ob er bei dem diesjährigen Walfang-Festival in Island teilnehmen möchte. Geistesabwesend öffnete Anton die Einladung und sah, dass bereits über zweitausend Menschen bei dieser Veranstaltung auf ›zusagen‹ klickten. Ein paar der zukünftigen Teilnehmer taten auf der Homepage ihre große Vorfreude kund und stellten Fotos von sich selbst auf die Internetplattform, die sie im letzten Jahr bei diesem Event knipsten. Auf einem der Bilder konnte man einen Teilnehmer stolz vor einem toten Wal posieren sehen. Auf einem anderen Bild stand eine Frau mit breitem Grinsen und mit ihrem Daumen nach oben gestreckt, knöcheltief in Blut, Fischgedärmen und Eingeweiden. In den Händen hielt sie einen abgeschnittenen Kopf eines großen Fisches.

Er schloss die Einladung und scrollte noch ein paar Minuten mit seinem Finger weiter.

Zuletzt wurde ihm ein Artikel mit der Überschrift ›Südafrikanische Trophäenjägerin tötet Giraffe und schnitt ihr das Herz als Valentinstangsgeschenk für ihren Ehemann heraus‹ vorgeschlagen. Darunter sind zwei Bilder zu sehen, auf der sie breit grinsend, mit ausgestreckten Armen vor der toten Giraffe posierte. Auf dem zweiten Bild hielt sie stolz das Giraffenherz in den Händen.

Genervt und gelangweilt von den ewig gleichen Bildern und Berichten ließ Anton sein Smartphone wieder in die Hosentasche gleiten und konzentrierte sich nun wieder völlig auf die Musik.

Der Bus fuhr von der Autobahn bei der Ausfahrt ›Telfs-Ost‹ ab und durchquerte die gesamte Gemeinde.

Schließlich erreichten sie das »Meader Loch«. Das war ein kleiner, dunkler und feuchter Tunnel, der durch massive Felswände geschlagen wurde und durch diesen jetzt die Straße Richtung Mieming begann.

Je näher sie nach Mieming kamen, desto grüner und saftiger wurden die Wiesen und Felder, Bäume und Sträucher.

Nach einer viertel Stunde hielt der Bus in Barwies, einem Ortsteil seines Heimatdorfes. Anton betätigte den Halteknopf und verabschiedete sich von Benno.

Seine Nase hatte bereits aufgehört zu bluten und das Blut an seinem Shirt war nun eingetrocknet. Benno wünschte ihm noch einen schönen Tag, er solle auf sich aufpassen und ohne Umwege nach Hause gehen.

»Du musst sofort deinen Eltern erzählen was passiert ist, Junge. Das ist doch kein Zustand«. Anton nickte nur kurz, verzog die Mundwinkel und stieg aus.

Allgemeiner Medienbericht: Mehr als zehn Millionen Tonnen Abfälle gelangen jährlich in die Ozeane. Sie kosten Abertausenden Meerestieren das Leben. Tiere an Land sowie im Wasser verwechseln Plastikteile mit natürlicher Nahrung, ersticken daran oder sterben aufgrund von Verstopfungen. Delfine verfangen sich in alten Fischernetzen. Schildkröten bleiben in Plastikverpackungen stecken und verenden qualvoll darin.

GUSTAV UND JOSEPHINE

Anton hatte wahrlich keine Eile nach Hause zu kommen. Er befürchtete sehr stark, dass es nun ein Donnerwetter wegen des zerrissenen T-Shirts und der blutigen Nase geben würde.

Er konnte nicht verstehen warum seine Eltern jedes Mal so wütend wurden, schließlich war er ja derjenige der regelmäßig geärgert und geschlagen wurde. Dies hinderte sie jedoch nie wirklich daran, ihn, Anton, auch noch zu schimpfen, ihm Hausarrest zu erteilen oder mit sonstigen Strafen zu belegen.

»Herrgott, Junge, schlag‘ doch zurück« oder »Anton, pass‘ doch besser auf deine Kleidung auf« sind Phrasen seiner Eltern, die er sich ständig anhören und mittlerweile bereits auswendig mitsprechen konnte.

Doch wenn das heute wieder so enden wird, dann schwor er sich, einfach abzuhauen. Irgendwohin. Hauptsache weg. Er konnte es nicht mehr hören und wollte es nicht mehr ertragen.

Gemächlich und ohne Eile schlenderte er den Rollerweg entlang in Richtung seines Zuhauses.

Vor ihm lag eine gewaltige Felswand, weit über zweitausend Meter hoch, die steil in den Himmel ragte. Wenn man genauer hinsah, konnte man von unten drei Gipfelkreuze erkennen. An der ganz linken Seite davon lag die westliche Griesspitze, rechts davon gleich die östliche Griesspitze und auf der rechten Seite lag der Gipfel namens Hochplattig.

Dort war Anton vor ein paar Jahren im Winter mit seinem Vater und seinem Großvater. Damals hatten alle drei Schneeschuhe an den Füßen. Die Schneemassen und die eisigen Temperaturen die dort herrschten, wird er nie mehr vergessen.

Davor lagen endlos weite Wiesen und Felder, die weiter hinten zu dichten Wäldern wurden und die langsam zu den Felswänden aufstiegen.

In seinem Kopf ging Anton bereits die ihm höchstwahrscheinlich bevorstehende Diskussion durch.

Der Rollerweg kreuzte nach ein paar Minuten den Steinreichweg und Anton bog rechts ab, denn dort wohnte er. Nach jedem Schritt, den er tat, der ihn näher an sein Zuhause führte, klopfte sein Herz schneller. Er wurde immer nervöser.

An der linken Straßenseite lag das Haus. Es war sehr groß und sehr alt und von seinem Zimmer aus konnte man wunderbar über die Felder auf die riesigen Berge blicken.

Früher wurde das Haus als Bauernhof genutzt, als jedoch die Vormieter starben wurde das Haus zu einem ganz normalen Einfamilienhaus umgebaut, mit großen Fensterfronten an der Rückseite des Hauses. Die Außenfassade war weiß und ein großer, dunkelbrauner Balkon aus Holz, den seine Mutter jedes Jahr aufs Neue liebevoll gestaltete, umrahmte beinahe das gesamte Haus.

Sie stellte Blumen hinaus, einen Tisch mit vier alten Holzstühlen, an dem sie an schönen Wochenenden gemeinsam frühstückten und seine Eltern abends öfters die letzten Sonnenstrahlen des Tages mit einer Flasche Wein genossen.

Einmal hat ihn sein Vater von dem Wein kosten lassen und Anton hatte sich just in diesem Moment geschworen, nie wieder in seinem ganzen Leben würde er etwas derart ekelhaftes trinken.

Es war der 40. Geburtstag seines Vaters. Damals lachten alle Gäste, die um ihn herum standen und Onkel Franko klopfte ihm derart kräftig auf die Schulter, dass er das Glas Wein seines Vaters beinahe hätte fallen lassen.

»Das wird schon noch, mein Kleiner!«, rief er und stimmte in das Gelächter der anderen ein.

»Sicher nicht!«, antwortete Anton, dem der Ekel im Gesicht stand. Alle lachten und beließen es dabei.

Das Dach des Hauses war spitz und ganz oben thronte ein großer Kamin der aus alten orangen Backsteinziegeln gebaut wurde. Derzeit stieg kein Rauch empor. Im Winter jedoch, wenn hier bis zu minus 20 Grad Celsius herrschten und seine Mutter den Kamin anfeuerte, konnte man die schwarzen Rauchschwaden schon ab der Bushaltestelle sehen.

Nun stand er vor der Eingangstür. Einer großen, ebenfalls aus dunklem Holz und einem schweren, schwarzen Eisengriff, der teilweise schon etwas rostig war. Anton berührte die Klinke, drückte sie sanft nach unten, in der Hoffnung, dass ihn seine Eltern vielleicht gar nicht hörten und so nicht bemerkten, dass er nach Hause kam. Das wäre überhaupt das Allerbeste. Er würde sich in sein Zimmer verdrücken, das Shirt in den Müll schmeißen und schnell sein Gesicht waschen. Dann würde keiner davon etwas mitbekommen und er könnte sich die Vorträge seiner Eltern ersparen.

Langsam drückte er also die Türklinke nach unten.

Aufgrund des Rostes quietschten die Klinke und auch die Scharniere am Türrahmen so laut, dass die Katze des Nachbarn namens Cindy aufblickte und genervt über die Mauer an der rechten Hausseite in das dahinterliegende Maisfeld sprang. Wahrscheinlich legte sie sich irgendwo in den Schatten, um dort in aller Ruhe ihr Mittagsschläfchen weiterzuführen.

Er öffnete die Tür nach innen, und trat zwei leise, vorsichtige Schritte in den Flur.

In diesem Moment streckte auch schon seine Mutter ihren Kopf aus der Küche heraus. Josephine hatte blonde Haare, die sie nach hinten geflochten hatte. Eine blau-weiße, leicht schmutzige Kochschürze hatte sie umgebunden, was darauf deuten ließ, dass sie gerade dabei war, das Mittagessen zuzubereiten.

»Ach du meine Güte Anton, was ist denn mit dir passiert???«, rief sie völlig entsetzt und schlug die Hände über ihrem Kopf zusammen. »Gustav, komm schnell. Anton….er hat….«, weiter kam sie nicht, denn im selben Augenblick polterte sein Vater schon die alten morschen Holztreppen vom oberen Stockwerk herunter.

Sein Vater war groß, hatte dunkle Haare und einen Schnauzbart über der Oberlippe.

Im Moment trug er eine blaue Jeans, einen braunen Ledergürtel und ein Flanellhemd, das er zu den Ellbogen hinauf gestülpt hatte.

»Was ist denn jetzt schon wieder, Josephine? Herrgott!«, rief er genervt und als er seinen Sohn im Türrahmen stehen sah, schüttelte er nur den Kopf und sagte »Junge, Junge, Junge wie siehst du denn wieder aus? Wie haben sie dich denn dieses Mal schon wieder zugerichtet? Hast du dich denn wenigstens dieses eine Mal gewehrt, Junge?«.

Genervt und voller Zorn über die Fragen seiner Eltern verdrehte Anton die Augen und gab seinem Vater keine Antwort.

»Komm‘ herein in die Küche und setz‘ dich, Anton. Ich wisch‘ dir den Dreck aus dem Gesicht. Ach, wie du aussiehst. Boah... und wie du stinkst. Pfui Teufel. Tztztz«.

Die Küche war etwas altertümlich eingerichtet. Die Wände waren mit Holz getäfelt, in der Ecke stand eine große, alte Kredenz aus Holz. Ein großer Esstisch stand in der Mitte und an der hinteren Wand lag in einer L-Form die weiße Küche in altem Landhausstil, so wie man es von den alten Tiroler Bauernhäuser her kannte.

Hastig holte seine Mutter ein Tuch aus dem obersten Schrank der Küchenzeile, hielt es kurz unter lauwarmes Wasser und wusch ihren Jungen, der mittlerweile auf der Bank beim warmen Holzofen saß, der sich an der rechten Seite, nahe der Fenster befand.

Josephine rubbelte ihm die bereits eingetrockneten Blutflecken aus dem Gesicht. Währenddessen streifte sich Anton ein neues T-Shirt über, das ihm seine Mutter aus dem Korb der frisch gebügelten Wäsche nahm und neben ihn gelegt hatte.

Gustav stand in der Tür und schüttelte sicher für eine ganze Minute den Kopf. Die Abscheu gegenüber dem Feigling, der da saß, der sich sein Sohn schimpfte, konnte man direkt aus seinem Gesicht ablesen. Er biss sich auf die Lippen, um jetzt bloß nicht etwas Falsches zu sagen. Denn Gustav war zwar ein besonnener, herzensguter und im Grunde ein sehr disziplinierter Mensch, jedoch konnten ihn gewisse Dinge schnell zur Weißglut bringen. So etwas zum Beispiel.

Gustavs Reaktion sah Anton natürlich aus seinem Augenwinkel. Wut und Zorn kochten in ihm hoch.

»Noch ein Wort, dann reicht es mir endgültig«, dachte er sich und konzentrierte sich darauf, das Wasser, das vom Tuch abtropfte, nicht ins Auge zu bekommen.

»Du darfst dich nicht wundern, wenn du ständig gehänselt wirst, wenn du den anderen Kindern nicht ein für alle Mal klar machst, dass man das mit dir so nicht machen kann. DU MUSST DICH WEHREN, SONST HÖREN SIE NIE DAMIT AUF!!!«, brüllte Antons Vater.

So! Das war’s! Anton reichte es!

Blind vor Zorn stand er auf, riss seiner Mutter das Tuch aus ihren Händen und schleuderte es seinem Vater entgegen. Direkt in sein erschrockenes Gesicht. Die Wasserschüssel, die Josephine neben Anton gestellt hat, fiel mit einem lauten Krachen zu Boden. Das Wasser verteilte sich auf dem gesamten hölzernen Zimmerboden.

»Ich hab‘ es so was von satt. NEIN! VERDAMMT, ich habe mich nicht gewehrt, weil ich ein elender Feigling bin, Vater, ein gottverdammter Feigling! Ist es das, was du hören wolltest? IST ES DAS? Als hättest du es nicht bereits gewusst. Als hätte ich es nicht schon schwer genug! Musst du ständig auf mir herumhacken? Was willst du eigentlich von mir? Nie hilft mir jemand, nicht einmal ihr beide, meine eigenen Eltern! Wisst ihr was? Ich wünschte, ich hätte andere Eltern! Eltern die zu ihrem Kind stehen und es aufbauen, wenn es sich schlecht fühlt. Vielleicht fragt ihr MICH einmal, wie es MIR geht. Aber das interessiert euch wohl nicht. Das hat es noch nie und ich hasse euch dafür, ICH HASSE EUCH! Ich scheiß´auf euch. Ihr seid für mich gestorben!«.

Wie angewurzelt und zutiefst erschrocken über Antons Reaktion, stand Josephine neben der Zimmertür, ihren Mund weit geöffnet. Seine Mutter hatte während seiner Schreierei begonnen zu weinen.

»Jaaaaaaaa, natürlich, du musst auch noch zu weinen beginnen, um mir noch ein schlechtes Gewissen einzureden. Mir reicht´s und zwar endgültig!«.

Daraufhin weinte Josephine nur noch lauter. Ihr schluchzen war durch das gesamte Haus zu hören.

„So, das reicht jetzt! Ab auf dein Zimmer. Du gehst heute ohne Abendessen in dein Bett und es gibt auch kein Fernsehen, mein Freundchen. Dein Zimmer verlässt du heute nicht mehr. Behandelt man denn so seine Eltern?«, schrie Gustav mit einem hochroten Kopf quer durchs ganze Zimmer.

Doch Anton hörte die Frage bereits nicht mehr. Er stürmte aus dem Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu und zwar so fest, dass man meinen könnte, dass es die Tür jeden Moment aus den Angeln hob. Die Nachbarn haben das nun sicher mitbekommen, aber das war ihm in diesem Moment egal.

Lautstark polterte er in den oberen Stock, wo sein Zimmer lag, riss die Tür ruckartig auf, rannte quer durch das Zimmer hinüber zu seinem Kleiderkasten, der aus Zirbenholz bestand und zog von ganz hinten einen Rucksack hervor. Der angenehme, süßliche Duft des Holzes hatte sich überall im Zimmer breit gemacht.

Der Rucksack war alt und olivgrün, mit braunen Lederbändern an den Seiten. Vor Jahren hatte er ihn von seinem Großvater Paul geschenkt bekommen.

»Pass‘ mir gut darauf auf, mein Kleiner. Der hat mir in meinem Leben schon viele gute Dienste geleistet und mit mir zusammen viele Abenteuer erlebt.«

Die Worte seines Großvaters hörte er jedes Mal wenn er den Rucksack sah.

In diesem Moment dachte Anton jedoch nicht an die Worte seines Großvaters. Hastig warf er ihn auf sein Bett, (das ebenfalls aus Zirbenholz bestand – denn da schliefe man besser, hat man damals den Eltern im Laden erklärt), kramte aus dem Kleiderschrank Unterwäsche, Socken, ein paar T-Shirts, einen Pullover, ein paar Jeans und eine Mütze heraus und stopfte sie voller Zorn in seinen Rucksack.

Da er gerade vor Wut kochte, achtete er nicht besonders darauf, was er genau einpackte. Darauf konnte er sich nun wirklich nicht konzentrieren.

Hastig verschloss Anton alles und ging zur Zimmertür. Er öffnete sie, stürzte die Treppen hinunter, rannte zur Eingangstür, die er mit einer derartigen Wucht aufschlug, dass sie mit einem lauten Gepolter gegen die Wand flog. Ein Bild, das neben der Tür hing fiel herunter und das Glas zerbrach in viele Scherben.

Er hielt kurz inne und lauschte.

Seine Eltern dürften davon nichts mitbekommen haben, denn Anton hörte, wie sie sich im Wohnzimmer lauthals stritten.

»Wahrscheinlich wegen mir«, dachte er sich.

Fest entschlossen, seinen Plan einfach von hier abzuhauen, in die Tat umzusetzen, jedoch ohne irgendeine Ahnung zu haben, wohin er nun eigentlich gehen sollte, rannte er ein paar Meter den Steinreichweg entlang, wieder vor zum Rollerweg.

Doch Anton haderte für einen Moment mit sich. Ein Hauch von schlechtem Gewissen machte sich in seinem Körper breit. Er wusste insgeheim, wenn er auf der Stelle wieder umkehren und sich mit seinen Eltern aussöhnen würde, dann wäre bald alles wieder gut.

Aber anstatt nervös zu werden, wurde Anton ruhiger und etwas Warmes machte sich in seinem Körper breit.

»Nein, sicher nicht. Ich bin nicht derjenige der einen Fehler gemacht hat. Und mich bei ihnen zu Entschuldigen kommt schon gar nicht in die Tüte, das würde denen so passen! Ach, und außerdem sind meine Eltern ohne mich sicher besser dran, dann würden sie sich wenigstens nicht mehr wegen mir streiten«, dachte er mit der vollsten Überzeugung und mit dem Gefühl, das Beste für jeden aus dieser Situation herauszuholen, bog er auf den Rollerweg und dann nach rechts ein.

Sturheit war sonst keiner von Antons Charakterzügen, aber jetzt war für ihn der Bogen überspannt.

Er rannte querfeldein über die grünen Felder, auf denen gerade ein paar Schafe und Kühe grasten. Wenn der Bauer ihn dabei erwischen würde, wie er seine Tiere beim Grasen störte, dann würde es mächtig Ärger geben, dessen war er sich durchaus bewusst.

Das Brummen und Rattern der schweren Maschinen, die an den Feldern ihre Arbeit verrichteten, durchzog die kühle Bergluft.

Im Augenblick war ihm egal, ob ihn jemand sehen würde und so überquerte er sämtliche Felder, sprang über jeden Holzzaun bis hin zum dahinterliegende Maisfeld. Immer geradeaus in Richtung der massiven Felswand, die immer näher kam.

Er durchquerte das Feld und riss auf seinem Weg zahlreiche Pflanzen um, zertrat an die dutzend Kolben und nach ein paar hundert Metern stand Anton vor dem Waldrand.

Pazifischer Ozean: Der „achte Kontinent“ liegt im Pazifischen Ozean und umfasst rund 3,4 Millionen Quadratkilometer. Das gigantische Gebiet ist größer als Indien und besteht ausschließlich aus Müll. Vor allem aus Plastikabfällen. Ein riesiger Wirbel hält den Müll dort fest. Die sogenannten Mikroplastik-Abfälle werden von Fischen und anderen Meeresorganismen leicht aufgenommen und gelangen so in die Nahrungskette. Eine Reihe der chemischen Bestandteile in den Plastikabfällen können langfristig das Erbgut verändern und sogar Krebserkrankungen begünstigen, befürchten einige Wissenschaftler,.

ÜBER STOCK UND STEIN – HAUPTSACHE WEG

Am Waldrand angekommen hielt der Junge kurz inne und sah sich um. Er war bereits völlig außer Atem. Lediglich ein kleiner Waldweg lag vor ihm. Er drehte sich nach rechts und links und vergewisserte sich, dass ihm niemand folgte. Weder der alte Bauer, noch seine verblödeten Eltern, die außer schimpfen sonst nichts konnten.

Im selben Moment fielen ihm die letzten Worte seines Vaters an ihn ein. Die Wut die er im Bauch verspürte kochte erneut hoch und so lief er in den Wald.

Vorbei an den dichten Eschen, den Kastanien und den dicken Eichen. Bei den riesigen Felsbrocken, die ziemlich auf den Tag genau im letzten Jahr im Herbst von einem Felssturz hier zum Liegen gekommen waren, blieb er erneut stehen, um sich kurz zu erholen. Die hohen Bergwände wirkten für rollende Felsen wie eine Art Beschleunigungsrampe, ähnlich wie die Startbahn einer Skisprungschanze.

Nach ein paar Augenblicken rannte er schnurstracks in den Wald hinein und machte sich auf den Weg zur Steigung, die auf die Bergwände führte. Am Fuße der majestätischen, schroffen Felswände die weit über zweitausend Meter vor ihm in die Höhe ragten, hielt er erneut kurz inne.

Die ständige Rennerei ließ seinen Puls auf Hochtouren schlagen. Doch der Zorn auf seine Eltern war zu groß, um jetzt Halt zu machen und so begann er den Anstieg des Hanges, der nach oben hin immer steiler wurde. Auf dem Waldboden lagen überall Äste, Blätter und Tannenzapfen verstreut.

Er folgte dem Weg so lange, bis dieser lediglich zu einem schmalen Pfad wurde, wo er schlussendlich im Gras verlief.

Vor seinen Augen lag jetzt nur mehr der dichte Wald, mit seinen sehr alten und hohen Bäumen.

Plötzlich erkannte Anton einen Hirsch in der Ferne, der seinen Kopf gesenkt hatte und graste. Neben ihm stand eine Hirschkuh und zu seinen Füßen tollten zwei kleine, braune Hirschkälber im Gras. Für einen Moment verlor sich Anton in der Schönheit des Moments.

Da ertönte plötzlich von irgendwoher ein Schuss. Der Knall hallte von der Felswand wider und scheuchte die Krähen auf, die in den umliegenden Bäumen saßen.

Anton erschrak und duckte sich instinkitv. Als er aufsah, sah er das Blut, das aus dem Schädel des Hirsches spritzte und in der nächsten Sekunde fiel das Tier tot um. Die Hirschkuh und die zwei kleinen Kälber liefen panisch davon.

Der Junge blieb in seiner Deckung hinter einem Strauch und bemerkte einen Jäger, der aus dem Dickicht kam und herzhaft lachte. Strahlend und überglücklich rieb er sich die Hände. Er schulterte das tote Geschöpf und trug es davon.

Als der Jäger außer Sichtweite war, kam Anton hinter dem Strauch hervor und lief weiter, immer weiter und immer tiefer in den Wald, der immer steiler nach oben führte. Ganz ohne sich um irgendetwas zu kümmern oder zu sorgen.

Je tiefer er in den Wald hineinkam, desto kühler wurde es um ihn herum. Doch das störte Anton nicht. In seiner Wut hatte er sogar eine Jacke eingepackt, es war eine schwarze Jacke mit Kapuze, die er sich schnell aus seinem Rucksack fischte und überzog.

Durch die dichten Baumkronen konnte man die goldenen Sonnenstrahlen durchscheinen sehen, die wie kräftige Scheinwerfer den Waldboden beleuchteten.

Es schien, als würden sie Anton einen Weg zeigen, dem er folgen musste. Doch welchen Weg? Er wusste ja selbst nicht genau, wohin er eigentlich ging. Hauptsache fort. Nur das wusste er.

Anton bemerkte ein kleines Eichhörnchen, das sich seinen Weg über einen dicken Baumstamm nach oben in die Baumkrone bahnte. Er sah ihm nach und plötzlich fiel sein Blick auf eine dicke braune Eule, die ihn von oben herab mit ihren gelben Augen anstarrte. Als sie bemerkte, dass Anton sie ebenfalls entdeckt hatte, stieß sie einen lauten Schrei aus und flatterte mit ihren großen, braunen Flügeln davon. Die Baumkronen bewegten sich im Wind langsam hin und her.

Je weiter er rannte, desto mehr ließen nun sein Zorn und seine Wut nach. Sein Herz schlug zwar schnell, er selbst aber wurde ruhiger.

Anton verlangsamte seine Schritte, blieb kurz stehen und stellte seinen Rucksack ab.

Er blickte sich um. Wo war er?

Der kleine Junge stellte fest, dass er hier noch nie zuvor gewesen ist. Er konnte sich auch nicht daran erinnern von wo er eigentlich gerade gekommen war.

Das Licht strahlte noch immer durch die dicken Baumkronen der Bäume, jedoch wurde es langsam schwächer. Es wurde langsam Abend und Anton fragte sich selbst, ob das nun wirklich so eine gute Idee war einfach wegzulaufen, denn er musste sich nun eingestehen, dass er sich schlichtweg verlaufen hatte.

»So ein Mist, was nun?«, ärgerte sich Anton zu Recht. »Soll ich versuchen jetzt irgendwie nach Hause zu kommen? Aber was, wenn ich mich noch weiter verlaufe? Andererseits… ach was, meine Eltern sollen sich schon mal um mich sorgen, damit sie wissen, was sie an mir haben. Vielleicht suche ich mir heute Nacht irgendwo einen Platz zum Schlafen, irgendwo wird wohl hier eine kleine Scheune sein. Wenn ich mal über Nacht wegbleibe, dann wissen sie, dass es mein bitterer Ernst ist!«.

Und so beschloss er, weiterzugehen.

Anton kam vorbei an riesigen Trümmern von Felsen, die nach und nach von den Bergwänden abbrachen und ins Tal stürzten.

Er ging vorbei an einer hölzernen Futterstelle, in der die umliegenden Bauern ihr Heu im Winter aufbahren, um Tiere damit zu füttern.

Der wunderschöne Tiroler Mischwald aus Tannen, Lärchen, Fichten und Birken umgab ihn immer mehr und immer mehr. Saftige grüne Farne reichten ihm bis zu den Knien.

Und plötzlich war der Weg zu Ende. Er kam an eine Felswand, die durchzogen war von einem langen Spalt und zwar von ganz oben bis ganz nach unten. Dort wo Anton jetzt stand.

Der Spalt war jedoch lediglich so schmal, dass sich Anton seitwärts durchquetschen müsste, um an das andere Ende zu gelangen. Sofern es ein anderes Ende überhaupt gab.

Nun ja, wenn man eines über Anton wissen musste, dann, dass er so ziemlich der neugierigste Junge auf der ganzen weiten Welt war. Und so kam es, wie es kommen musste.

Ein paar Sekunden später steckte er mit seinem gesamten Körper in dem Felsspalt und drückte sich mit aller Gewalt und seiner gesamten Kraft gegen die zwei je gegenüberliegenden Felswände, um sich durch den Riss in der Wand zu zwängen. In der Hand hielt er den Rucksack seines Großvaters fest umklammert.

Von oben fielen kleine Kieselsteine, etwas Staub und ein paar grüne, saftige Blätter herunter.