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Klappentext: Zack Tully, Revolverschwinger mit Prinzipien, steht im Dienst eines dekadenten Pokerkönigs. Doch im Schatten des Saloons lauert ein Gegner mit tödlichem Plan – und einem ganz eigenen Spiel. Während die Karten auf dem Tisch liegen, ziehen im Hintergrund die wahren Mächte die Fäden. Wird Tully das Blatt rechtzeitig wenden – oder setzt jemand längst alles auf seinen Untergang?
Über die Reihe Das Gesetz des Westens: Freuen Sie sich regelmäßig auf die spannendsten Western-Abenteuer diesseits des Mississippi! EK-2 Publishing hat für „Das Gesetz des Westens“ die ganz großen Koryphäen des Western-Genres versammelt. Alfred Wallon, Peter Dubina, John Gray und viele weitere Autoren katapultieren sie direkt ins Geschehen und bescheren Ihnen ein unvergessliches Leseerlebnis.
Laden Sie Ihren Revolver und satteln Sie Ihren Hengst, denn es geht auf eine spannende Reise in den rauen Wilden Westen!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Patrick J. Grieser
Apachenpoker
Ein Mann wie Zack Tully: Band 3Historische Western-Reihe „Das Gesetz des Westens“
EK-2 Publishing
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Apachenpoker
Ein Mann wie Zack Tully: Band 3
von Patrick J. Grieser
Das Geräusch, das vom Revolver kommt, ist ohrenbetäubend. Der Schuss dröhnt so laut wie der einer Kanone und zerfetzt die Stille. Das Echo wird von den Sandsteinfelsen zurückgeworfen, während die Konservendose, die noch vor kurzem auf dem Stein gestanden hat, in hohem Bogen durch die Luft gewirbelt wird. Die Kugel hat sich mit brachialer Wucht einen Weg durch das verrostete Blech gebohrt.
Ganz langsam senkt der Junge den Army Colt. In seinem Gesicht zeichnet sich eine Mischung aus Unglauben und Überraschung ab, denn er hat nicht damit gerechnet, mit dem ersten Schuss die Büchse von dem Felsen zu holen. Er inhaliert tief den Pulverdampf um ihn herum ein und fühlt sich für einen kurzen Augenblick wie ein Meisterschütze, der zur Kür antritt.
Jemand tritt hinter den Jüngling und klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
»Hervorragender Schuss, Kalispel!« Die Stimme hat einen warmen Ton, klingt angenehm und geschmeidig.
»Wie viele Yards waren das? Dreißig? Vierzig?«
Der Mann tritt neben den Jungen. Er kneift die Augen zusammen und versucht, die Entfernung bis zum Felsen abzuschätzen.
»Mmh …«
Kalispel wartet ungeduldig darauf, dass er noch mehr sagt, doch der Mann an seiner Seite schweigt. Stattdessen fährt er sich mit der Hand über den dünnen, geradezu elegant anmutenden Oberlippenbart. Danach starrt er einen Moment lang auf seine Fingerspitzen. Dort, wo er das Barthaar berührt hat, ist ein fettiger Fleck zurückgeblieben, der von zu viel aufgetragener Pomade oder Bartöl stammt.
Im Gegensatz zu dem jungen Mann trägt er einen teuren Prinz-Albert-Mantel über seinem rüschenbedeckten Hemd. Hier draußen, jenseits des 98. Längengrades, ist das Land rau und brutal. Es gilt das Gesetz des Westens. Ein Mann in so exquisiten Kleidern fällt auf. So etwas trägt man eigentlich nur im zivilisierten Boston. In dieser Einöde hier könnte man ihn für einen Überweisungsmann halten, den man aus der alten Welt verstoßen hat, weil er sich blasphemisch gegenüber der Krone verhalten hat. Doch dem ist nicht so. Dieser Mann ist ganz und gar Gentleman. Und das liegt nicht nur an dem eleganten Schnurrbart, der seinem Aussehen einen Hauch von Raffinesse und Abenteuerlichkeit verleiht. Man sieht es vor allem, wenn er sich bewegt. Mit welcher Eleganz und Überzeugung er das tut. Die Bewegungen sind fließend und so aufeinander abgestimmt, dass der Eindruck entsteht, er habe sein halbes Leben bei einer Artistenfamilie verbracht. Doch da ist noch etwas anderes, das einem zufälligen Beobachter sofort ins Auge stechen würde: Seine beiden Colts hängen tief an den Seiten. Er trägt sie auf besonders herausfordernde Weise, so wie es nur Revolverschwinger tun. Und das macht diesen Mann besonders gefährlich.
Die kantige Kinnpartie und die hohen Wangenknochen verleihen seinem Gesicht etwas Würdevolles. Die blauen Augen sind bewusstseinsklar, ihnen entgeht nicht das Geringste. Während der Mann die Hand vors Gesicht hält, um die Entfernung zum Felsen, auf dem die Dose gestanden hat, abzuschätzen, wirkt er wie einer jener legendären Konquistadoren, die über die Meere kamen, um die neue Welt in Besitz zu nehmen. Er sieht aus, als stehe er am Bug eines Schiffes, den Blick nach vorne auf die tosenden Wellen gerichtet, in angespannter Erwartung, einen Streifen Land am fernen Horizont zu sehen.
Es ist schwer, Guy Flemming zu beschreiben. Dieser Mann passt in keine Schublade, er ist Revolverschwinger, Frauenheld, Gentleman und Ritter in einer Person.
Im Licht der untergehenden Sonne glänzt sein Haar ölig. Er steht im Regelfall eine Stunde früher auf, um sein dunkles und dichtes Haupthaar mit kostspieliger Pomade und entsprechenden Wässerchen zu behandeln.
»Meinen Sie, dass aus mir ein guter Schütze wird?«, will Kalispel von seinem Mentor wissen. Ja, das ist die Rolle, die Flemming einnimmt. Der Junge mag ihn am Anfang wie einen Vater angesehen haben, denn er ist ohne Eltern aufgewachsen. Doch diesen Bockmist hat ihm der Revolverschwinger schnell ausgetrieben. Guy Flemming mag vieles sein, doch ein liebender Vater? Das wäre zu viel des Guten.
»Du musst kein guter Schütze sein, um töten zu können«, meint Guy, ohne den Blick vom Felsen zu nehmen.
»Warum?«
»Ein Schuss in die Brust mag zwar nicht so elegant und fatal wie ein gezielter Kopfschuss sein, aber es ist irrelevant, ob du zwei Inches zu hoch oder zu tief triffst.«
Kalispel nickt nachdenklich. Seine Lippen ziehen sich zu einem feinen Strich zusammen.
»Wenn die Kugel zu hoch trifft, hast du immer noch die Chance, den Hals zu zerfetzen. Oder das Herz … vielleicht auch einen Teil der Lunge.«
»Ich verstehe, Sir!«
»Ein zu tief angesetzter Schuss kann aber auch von Vorteil sein«, erklärt Guy Flemming. Ganz langsam wendet er sich von dem Felsen, auf dem die Konservendose platziert gewesen ist, ab. Die blauen Augen fixieren den Jüngling mit dem blonden Haar. Kalispel ist wahrlich kein Schönling. Seine Augen sind so groß, dass sie fast die Hälfte des schmalen Gesichts einnehmen. Und jeder Phrenologe hätte in der Schädelform des Burschen große Ähnlichkeiten mit dem Kopf eines Maultiers entdeckt. Kalispel würde es im Leben schwer haben, und es oblag Guy Flemming, ihm all die notwendigen Tricks und Kniffe beizubringen, damit eine Frau sich ihm freiwillig hingeben würde.
»Triffst du deinen Gegner zu tief, hast du einen klassischen Bauchschuss. Die schmerzen wie Hölle! Das Opfer wird an so einem gemeinen Schuss elendig krepieren. Da gibt es auch kein Wundermittel mehr! Ein Bauchschuss ist endgültig!«
»Wenn es okay ist, würde ich gerne noch einmal schießen, Sir.« Der Junge händigt dem Mann den Army Colt aus. Sie üben mittlerweile seit einer Stunde in dem kleinen Canyon. Immer wenn Kalispel die Dose getroffen hat, vergrößern sie die Entfernung. So hat auch Guy Flemming damals das Schießen gelernt – nur war er viel jünger als Kalispel gewesen, der mit seinen fünfzehn Sommern schon fast an der Schwelle zum Mann steht. Kalispel soll nicht nur sein Bote und Handlanger sein, sondern Flemming auch – wenn es hart auf hart kommen sollte – die Haut retten können.
Guy nickt flüchtig. »In Ordnung, Junge.«
Kalispel rennt in Richtung Felsbrocken. Guy Flemming stemmt die Hände in die Hüften und beobachtet den Burschen, welcher hinter dem Felsen verschwindet, weil er dort die zerschossene Dose vermutet, die sie die ganze Zeit für die Schießübungen benutzt haben.
Ein paar Augenblicke später hat er sie schon wieder auf dem Felsen zum Abschuss platziert und eilt zu Guy Flemming zurück. Dieser überreicht ihm das Schießeisen, welches Kalispel fast schon ehrfurchtsvoll entgegennimmt.
»Hast du etwas Neues über unseren Mann in Erfahrung bringen können?«, fragt Flemming beiläufig, während er die Dose fixiert. Die Sonne hängt jetzt so tief am Horizont, dass sich die Schatten der Felswände über die beiden Männer legen. Flemming muss nicht mehr die Hand vors Gesicht nehmen, um etwas sehen zu können.
»Er ist mit diesem Fremdländer im Saloon.«
»Du meinst den Deutschen?«
»Ja, Sir!«
»Sonst irgendetwas Besonderes?«
»Nein.«
»Mmmh …«
»Um acht Uhr beginnt seine Schicht …, wenn sie den Fettsack zum Pokertisch bringen.«
Mit dem Fettsack ist Earl Huntington III. gemeint, der so eine Leibesfülle besitzt, dass er sich nicht mehr eigenständig bewegen kann. Er ist auf einen sogenannten Invalidenstuhl angewiesen – kostspielige Rollstühle mit Kurbeln und Drehvorrichtungen, wie sie hauptsächlich von sehr wohlhabenden Personen benutzt werden.
»Dann sollten wir aufbrechen, denn ich möchte im Saloon sein, wenn sie anfangen zu pokern!«
»Noch ein Schuss?«, fragt Kalispel höflich. Er möchte noch einmal auf die zerschossene Konservendose anlegen, schauen, ob sein vorheriger Schuss nur ein Glückstreffer war oder ob da doch ein gewisses Maß an Talent in ihm schlummert.
Guy starrt in die hoffnungsvollen Augen des Jünglings. Er weiß, wenn er ihm den Wunsch ausschlägt, wird dieser seine Entscheidung akzeptieren und nicht weiter nachbohren. Guy hat den Burschen gut erzogen, er muss sich schließlich auf seinen Handlanger blind verlassen können.
»In Ordnung«, sagt er und starrt wieder zu dem Felsen hinüber, auf dem die Dose steht.
Kalispel legt an. Eine steile Falte erscheint auf seiner Stirn. Guy sieht, dass er den Arm viel zu verkrampft hält, sagt aber nichts. Der Junge muss diese Erfahrungen selbst sammeln, das ist wichtiger als alles andere.
In Gedanken sieht sich Guy schon im Saloon. Er will nicht zu spät kommen, denn sie haben Zack Tully schon viel zu lange aus den Augen gelassen.
***
Zack Tully steht mit dem Rücken am Tresen, während er die beiden Männer beobachtet, die den Saloon betreten. Es sind Digger, die ihr Schichtende mit einem ordentlichen Besäufnis zelebrieren möchten. Er kennt die beiden Kerle, sie waren bereits vor zwei Tagen im Lucky Horseshoe gewesen. Die Gesichter sind wettergegerbt, Sonne und Wind haben ihre Spuren hinterlassen. Ihre langen Bärte sollen in erster Linie vor Schmutz schützen, sodass sie mehr wie gräulich schimmernde Staubfänger als prächtige Männerzierden aussehen. Trotz der sengenden Hitze, die auch in den Abendstunden noch deutlich zu spüren ist, tragen sie dicke Flanellhemden und derbe Hosen, die mit einer Vielzahl von Flicken übersät sind, da sie an den Flüssen einer ständigen Reibung ausgesetzt sind. Einer von ihnen trägt noch seine Schaufel, die er wie einen schützenden Talisman vor sich hält. An den Oberarmen zeichnen sich ordentliche Muskelpakete ab. Das Bewegen von Gestein und das Waschen von Gold erfordern schließlich immense Kraft.
Zack Tully ist ein großer, hagerer Bursche mit seinem sehnigen Körper, an dem sich kein Gramm Fett befindet. In seinem Gesicht wuchert ein Mutton-Chops-Bart, der sehnsüchtig auf eine ordentliche Trimmung beim Barbier seines Vertrauens wartet.
Tully macht sich in Gedanken eine Notiz, dass er gleich morgen den Barbier aufsuchen sollte. Dies hier ist ein raues Land, aber das muss nicht heißen, dass er wie ein Höhlenmensch aussehen muss. Mit der Hand fährt er über seine rechte Wange. Die Narbe, die von einem Messerkampf herrührt, ist deutlich zu spüren.
Sein Stetson liegt neben ihm auf der Theke. Das dunkle Haar, welches von silbergrauen Strähnen durchzogen ist, benötigt ebenfalls einen Schnitt. Es ist viel zu lang und wird irgendwann eine Länge erreichen, die ihn stören oder ihm gar hinderlich sein wird, wenn er kein Stirnband benutzt.
Von einem der Tische tritt ein Mann zu ihm. Er ist gar sonderlich gekleidet und zieht die Blicke der anwesenden Gäste jedes Mal aufs Neue auf sich. Über einem schlichten, weißen Leinenhemd trägt er eine scharlachrote Wollweste, die selbst ein blinder Apache noch auf hundert Meilen Entfernung erkennen könnte. Dazu eine enganliegende Kniebundhose aus einem dunklen Stoff, die kurz unterhalb des Knies endet. Die Wollsocken sind viel zu warm für Gegenden wie diese, und er will gar nicht wissen, welchen Duft die Füße verströmen, wenn der Mann aus seinen Schnallenschuhen schlüpft und sich seiner Strümpfe entledigt. Auf seinem Kopf ruht ein schwarzer Dreispitz. Tully kennt niemanden, der so einen sonderbar geformten Hut in der Prärie tragen würde.
Vielleicht machen das die Adligen in der alten Welt, hier aber sieht es einfach nur lächerlich aus.
Der Mann hat diesen Hut bei einem Schneider nach eigenen Angaben anfertigen lassen, denn sein alter Dreispitz ging bei ihrem letzten gemeinsamen Abenteuer verloren.
Der komische Kauz, der sich zu Zack Tully gesellt, ist der Erfinder Wilhelm Schwinn. Er ist durch und durch Alemanne, was man sofort merkt, wenn er sein geschwätziges Mundwerk aufmacht und versucht, damit Worte zu formen. Er betont das ›v‹ sehr stark, sodass man es oft mit einem ›w‹ verwechselt. Und auch sein ›th‹ klingt wirklich grauenhaft. Dieser starke Akzent kann seine deutschen Wurzeln wahrlich nicht verleugnen.
Er macht mit seinen langen, dünnen Gliedmaßen einen unbeholfenen Eindruck, als er sich neben Tully mit dem Rücken an die Theke lehnt. Schwinn ist ein großer Tollpatsch vor dem Herrn. Doch dafür hat der liebe Gott ihn mit anderen Talenten gesegnet, denn Wilhelm Schwinn ist ein wahrlich genialer Erfinder. Mit seinem damaligen Heißluftballon waren sie gen Himmel gestiegen und hatten die Smokey Mountains in Rekordzeit bereist. Es ist ein Jammer, dass Tully den Ballon in die Luft jagen musste, doch es gab keine andere Möglichkeit, um dem blutigen Treiben von Colonel Trout in den Smokies Einhalt zu gebieten.
»Mir ist da eine Idee gekommen …«, sagt Schwinn und rückt sich den Dreispitz zurecht. Im Gegensatz zu seinem früheren Exemplar sitzt dieser Hut nahezu perfekt auf dem Haupt. Doch alte Gewohnheiten lassen sich bekanntlich nur schwer ablegen und so muss Wilhelm auch diesen Hut immer wieder zurechtrücken.
Und dann fängt er an, Tully von seiner neuesten Idee zu erzählen.
Es gibt so viele Ideen, die er fein säuberlich in den Windungen seines brillanten Hirns archiviert hat!
»Dieses Land hier ist ja oft von Düren geplagt. Das ist äußerst schlecht für die Felder und folglich furchtbar für eine ertragreiche Ernte.«
»Ähm, Wilhelm, schön dich zu sehen«, entgegnet Tully, doch der Erfinder scheint den ironischen Unterton in der Stimme seines Gegenübers zu überhören.
Verdammt!
»Ich spiele schon die ganze Zeit mit dem Gedanken, eine dampfbetriebene Maschine zu entwickeln, die imstande wäre, Wasser aus tieferen Quellen zu pumpen und über große Ackerflächen zu verteilen. Überlege doch einmal, was das für die Ernteerträge in diesem Land bedeuten würde. Langfristige Verbesserungen der Lebensbedingungen wären …«
Während Schwinn in einem stetigen Schwall munter weiterplappert, wendet sich Tully wieder dem Saloon zu und lässt seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Er sieht einen jungen Burschen an einem der Fenster mit den geschlossenen Rollläden sitzen. Für einen kurzen Moment treffen sich die Blicke der beiden. Der Bursche ist wahrlich keine Schönheit, hat tellergroße Augen und einen Schädel, der mehr Ähnlichkeiten mit einem Esel als mit einem Menschen hat. Der Junge wendet sich wieder seinem Essen zu, tut so, als hätten sich ihre Blicke gerade nur zufällig getroffen.
Tully ist irritiert, weil er den Jüngling gar nicht in den Saloon hat kommen sehen. Der Junge fällt ihm nur deswegen auf, weil er ihn jetzt bereits mehrere Male gesehen hat. Zuletzt, als er sich im General Store Munition besorgt hat.
Zufall? Und wann kam er hier rein? Er hat doch alles die ganze Zeit im Blick gehabt, oder? Entweder er ist durch eines der offenen Fenster gestiegen, oder Wilhelm Schwinn hat es wahrlich wieder einmal geschafft, ihn mit seinem Geschwafel so abzulenken, dass er für einen Moment lang tatsächlich unaufmerksam geworden ist.
Verfluchter Erfinder!, denkt sich Tully, während er Schwinn freundlich zulächelt und so tut, als würde er hochinteressiert den Ausführungen seines Gegenübers folgen.
Einmal mehr fragt sich Zack, warum er diesen Kerl überhaupt mitgenommen hat. Es wäre weitaus klüger gewesen, wenn sich ihrer beider Wege in den Smokies getrennt hätten. Wilhelm Schwinn ist ihm ein Klotz am Bein. Aber Tully weiß auch, dass der Mann ohne ihn ziemlich aufgeschmissen wäre. Der Deutsche mag zwar ein begnadetes Genie sein, doch er würde in der Wildnis nicht lange überleben. Dazu ist das Herz dieses Mannes einfach zu gutmütig und der Verstand zu naiv. Jemand wie Schwinn, der gut behütet im fernen Deutschland aufgewachsen ist, kennt das Gesetz des Westens nicht. Er begegnet den Gefahren hier draußen mit einer Mischung aus Unschuld und Unwissen, die Tully die Haare zu Berge stehen lässt. Im Grunde tut ihm der Mann schlichtweg leid. Vielleicht hat er ihn deshalb mit auf die Reise genommen.
Es ist nur vorübergehend, redet sich Tully ins Gewissen. Wenn ich den Kerl in guten Händen weiß, wird es Zeit, loszulassen. Alles, was Schwinn braucht, ist ein sicherer Ort.
Draußen auf der großen Mainstreet entsteht Bewegung – Tully kann das Geschehen durch die Fenster verfolgen, denn diese reichen fast vom Boden bis zur Decke. Mehrere Revolverschwinger haben sich um einen Mann gruppiert, der in einem Rollstuhl sitzt. Ganz langsam bewegt sich der Tross Richtung Pendeltüren. Dann sind auch schon zwei der Revolverschwinger über der Schwelle und betreten den Saloon. Als sie Tully an der Bar sehen, entspannen sie sich. Einer nickt ihm sogar zu.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, grätscht Wilhelm mit seinem furchtbaren Akzent dazwischen, als er sieht, dass Tullys volle Aufmerksamkeit dem Mann im Rollstuhl gilt, der eben durch die Pendeltür geschoben wird. Irritiert schiebt er sich den Dreispitz auf dem Kopf zurecht.
»Jetzt nicht, Wilhelm«, entgegnet Tully. Er klopft seinem Weggefährten in einer freundschaftlichen Geste auf die Schultern. »Die Arbeit ruft!«
Dann wendet er sich seinem Boss – dem Mann, dessen kolossaler Körper in dem Invalidenstuhl sozusagen gefangen ist – zu.
»Einen wunderschönen guten Abend, Sir«, begrüßt Zack ihn und tippt sich mit dem Finger gegen die Krempe seines Stetsons.
Earl Huntington III. ist ein wahrer Koloss von einem Mann. Früher einmal soll er ein Preisboxer gewesen sein und viel Geld verdient haben. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Wahrscheinlich hätten irgendwann die Knochen in den Händen nicht mehr mitgemacht und wären sofort gebrochen. Von dem muskulösen und gestählten Körper ist nicht mehr viel übriggeblieben.
Er ist ein richtiger Fettsack geworden, der sich gehen lässt.
Tully hat noch nie einen Menschen gesehen, der so viel Gewicht auf die Waage bringt, dass er gar nicht mehr richtig laufen kann und auf einen mechanischen Invalidenstuhl angewiesen ist.
Das Seidenhemd, das er trägt, ist mehr Zelt als Kleidungsstück. Die fleischigen, weißen Beine, die mit zahllosen, sichtbaren Adern überzogen sind, schauen unter dem Stoff hervor, weil er in keine Hose mehr passt. Und es geht ein widerwärtiger Geruch von ihm aus. Eine Mischung aus Schweiß, fehlender Körperpflege an den intimen Stellen und zu viel Rasierwasser. Man bekommt fast den Eindruck, ein Leichenbestatter versuche, einen Toten so zu parfümieren, dass der Verwesungsgeruch kaschiert wird. Egal, wie viel Cologne man auch aufträgt, der süßliche Duft der Ungepflegtheit ist am Rande der Wahrnehmung immer allgegenwärtig.
Nachdem er mit dem Boxen aufgehört hatte, war er dem Pokerspiel verfallen. An diesem Kartenspiel hat der Mann reichlich Gefallen gefunden. Das ist heute im Prinzip alles, was er noch vom Leben hat. Fressen und Saufen machen ihn nicht mehr glücklich. Und die Kraft in seinen Lenden ist schon vor langer Zeit versiegt.
Earl Huntington starrt den Revolverschwinger mit wässrigen Augen an. Er hat das Gesicht einer Bulldogge, die Wangen hängen tief herunter. Der Blick des Mannes ist leer, doch das wird sich schnell ändern, wenn er erst einmal am Tisch sitzt und sein Kartenblatt aufdeckt. Dann legt er seine krankhafte Lethargie wie einen Mantel ab und ist plötzlich ein vollkommen anderer Mensch.
»Was soll schon an diesem Abend schön sein, Tully?«, fragt der Mann im Rollstuhl. Seine Stimme ist sehr fein und hell, passt nicht zu dem schwergewichtigen Kerl, der früher sein Geld damit verdient hat, indem er seinen Kontrahenten den Schädel eingeschlagen hat.
»Schaut mich an! Huren kann ich schon lange nicht mehr. Und der Doc meint, dass ich keinen Alkohol mehr trinken soll!« Er schüttelt den Kopf, wobei ihm Strähnen seines fettigen Haupthaars ins Gesicht fallen. Mit einer fleischigen Pranke streicht er sie zur Seite. »Was soll also an diesem Abend schön sein?«
»Das Pokerspiel, Sir«, erwidert Tully und deutet auf den Pokertisch im Hintergrund. Noch sitzt dort niemand, denn Huntington hat den Tisch für sich gemietet. Eine stattliche Summe hat er dafür hingelegt, doch das ist diesem Koloss egal.
»Wir werden sehen! Wir werden sehen!« Er gibt dem Revolverschwinger hinter sich ein Zeichen, sodass dieser den Rollstuhl in Bewegung setzt und Huntington in Richtung Pokertisch schiebt.
Einer der Männer, die Earl Huntington gefolgt sind, tritt zu Tully. »Meine Schicht ist zu Ende. Keine besonderen Vorkommnisse«, murmelt er. Er unterdrückt ein herzhaftes Gähnen. »Ich hau’ mich aufs Ohr.«
»Schönen Abend«, erwidert Tully.
Sein Gegenüber will noch etwas sagen, überlegt es sich dann aber anders und marschiert durch die Pendeltür nach draußen. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt das Hotel, in dem sich Earl Huntington mit seinen Männern einquartiert hat.
Tully gesellt sich zu seinen Kollegen, die hinter Huntington bereits Stellung bezogen haben. Es sind allesamt Revolverschwinger, die auf der Lohnliste des Fettsacks stehen. Huntington fährt jeden Abend hohe Gewinne am Tisch ein. Er braucht daher Schutz, denn dieser Ort hier ist ein übles Pestloch. Wäre er alleine hier, hätte man ihm schon längst die Kehle aufgeschlitzt und das viele Bargeld hätte den Besitzer gewechselt. Mit gut einem halben Dutzend Revolverschwinger wagt sich aber niemand an den Mann im Rollstuhl heran. Diese Posse schindet Eindruck.
Tully ist solche Jobs gewöhnt. Huntington bezahlt gut und stets pünktlich. Das Essen im einzigen Restaurant der Stadt ist frei, Zigarren und Weiber kosten nur die Hälfte. Und mit dem Town Marshal und seinem Deputy kommen sie ebenfalls gut aus. Das Gesindel macht einen großen Bogen um sie, denn niemand will sich mit diesen Dollarwölfen anlegen und eine Pistolenkugel einfangen.
Was Earl Huntington an diesem trostlosen Ort so toll findet, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Hier draußen im Ödland gibt es nämlich nichts, was auch nur ansatzweise begehrenswert wäre – selbst die Tingeltangelmädchen muss man sich erst einmal schön saufen (bei ein oder zwei der Damen ist sich Tully sicher, dass sie ernsthaft krank sind). Einer der Revolverschwinger, ein pausbäckiger Kerl namens Daniels sprach davon, dass sie Ende der Woche endlich weiterziehen werden. Earl Huntington wolle auf einen der großen Dampfer, denn dort seien die Einsätze an den Spieltischen höher.
Falls das stimmen sollte, müsste sich Zack überlegen, ob er sich dem Tross anschließt. Ihn zieht es nicht auf einen solchen Dampfer. Garstige Stechmücken und eine hohe Luftfeuchtigkeit sind nicht gerade die Dinge, die ganz oben auf seiner Wunschliste stehen.
Es versammeln sich einige Leute am Tisch. Viele sind altbekannte Gesichter, die meisten Digger, die sich ihre Goldprisen gegen harte Dollars aufwiegen lassen und jetzt ihr Glück am Pokertisch versuchen. Die meisten von ihnen gehen mit leeren Händen zurück zu ihren Claims, denn Earl Huntington ist ein begnadeter Pokerspieler. Er weiß genau, wann es besser ist, aus dem Spiel auszusteigen, und wann es gilt, das Unschuldslamm zu mimen, nur um den anderen Spielern einen Flush um die Ohren zu hauen.
Während eine Runde nach der anderen gespielt wird, lässt Tully seinen Blick immer wieder über die Menschenmenge wandern. Der Saloon ist kurz vor Mitternacht überraschend voll, vor allem im Angesicht dessen, dass in den frühen Morgenstunden das harte Alltagsleben wieder beginnt. Hier und da hört man das glockenklare Lachen eines Tingeltangelmädchens.
Irgendwann taucht in seinem Gesichtsfeld wieder dieser Junge auf. Er sitzt aber nicht mehr am Tisch, sondern steht etwas abseits in einer Ecke. Sein Blick ist auf seine Fingernägel gerichtet, als gäbe es nichts Interessanteres auf der ganzen Welt, als den angesammelten Dreck unter den Nägeln anzustarren. Und doch ist Tully sicher, dass der Junge ihn die ganze Zeit beobachtet hat, als er nicht hingesehen hat. Er fragt sich, warum das so ist. Er hat den Burschen vorher noch nie hier gesehen. Ein klein wenig erinnert er ihn an Terry Wells, jenen jungen Mann, den er damals nach Bitter Ridge begleitet hat, weil dieser die Tochter des Zahlmeisters der Konförderiertenarmee heiraten wollte. Doch Terry war ein oder zwei Sommer älter gewesen als dieser Knabe.
Was hat er um diese Stunde noch im Saloon zu suchen?, fragt sich Tully, während er seinen Blick weiter über die Anwesenden wandern lässt.
Vielleicht ist der Bursche ja als Saloonfeger angestellt und muss in den Morgenstunden den Boden kehren – was ein ziemlich undankbarer Job ist, denn man verdient dabei nur ein paar Kröten und bekommt kein Trinkgeld von den Gästen, die zu dieser Stunde nicht mehr da sind. Möglicherweise ist er aber auch nur der Laufbursche eines Gastes, der ihn für einfache Botendienste nutzt.
Bevor Tully weiter über die Sache nachdenken kann, beginnt einer der Pokerspieler für Ärger zu sorgen. Es handelt sich um einen Kerl mit einem vierschrötigen Gesicht und einem ordentlichen Bauchansatz, der seinem zugeknöpften Leinenhemd bis zur maximalen Belastungsgrenze alles abverlangt. Der Mann hat ordentlich dem Tiswin zugesprochen, denn sein Blick ist glasig und die Aussprache ziemlich verwaschen. Vermutlich hat der Destillengeist ihn so benebelt, dass er es sich traut, gegen Huntington zu pöbeln. Der Vorwurf des Falschspielens wird in den Raum geworfen. Es könne doch gar nicht sein, dass Mister Huntington zweimal hintereinander ein Full House auf der Hand habe. Das sei schlichtweg ein Unding. Eher lasse eine Kuh zweimal einen fahren, als dass ein ehrlicher Pokerspieler zweimal ein Full House ausspielt.
Tully hat den Jüngling längst vergessen, als er den betrunkenen Rüpel des Tisches verweist und ihn kurze Zeit später mit zwei seiner Gefährten in einem hohen Bogen aus dem Saloon wirft. So ist das fast jeden Abend, seit er für Earl Huntington III. arbeitet.
***
Guy Flemming hat es sich auf einem Schaukelstuhl bequem gemacht. Seine Stiefel ruhen lässig auf dem Geländer des Stepwalks. Hinter ihm liegt der Eingang des Hotels. Die Eingangstür steht offen, sodass der heimelige Schein mehrerer Petroleumlampen eine Lichtinsel auf die hölzernen Planken vor ihm wirft.
Flemming trägt seinen Stetson mit der Krempe tief ins Gesicht gezogen, sodass man seine Züge nicht sieht. Man könnte auf den ersten Blick meinen, er döse in dem Schaukelstuhl vor sich hin, wäre da nicht die Zigarre in seiner Hand, die er in unregelmäßigen Abständen zu seinen Lippen führt und kräftig daran zieht, sodass sich für kurze Zeit ein rot glühender Lichtpunkt in der Dunkelheit manifestiert.
Es ist eine wolkenverhangene Nacht, in der es so gut wie keine Sterne zu sehen gibt. Der Mond hat sich hinter einer tief hängenden Wolke verkrochen und es sieht nicht so aus, als würde er so schnell wieder hervorkommen. Zum Glück herrscht in Arizona ein sehr trockenes Klima. Die Luft ist heute Nacht klar und arm an Feuchtigkeit.
Für einen Moment bedauert Guy, dass die Whiskeyflasche oben im Hotelzimmer steht. Ein weiser Mann meinte einmal, ein guter Whiskey lasse die misslichen Gepäckstücke des Lebens, wie etwa Alltagssorgen und lästige Pflichten, über Bord werfen und im Gegenzug den Genuss des Augenblicks Anker werfen.
Wahre Worte …
Doch Guy Flemming braucht einen klaren Kopf. Er wird sich erst wieder ein Glas Whiskey gönnen, wenn sein Auftrag erledigt ist. Zack Tully muss sterben, das ist alles, was zählt.
Er beobachtet, wie Tully und ein anderer Dollarwolf, der ebenfalls in den Diensten dieses ekelhaften, geldtriefenden Fettsacks steht, einen sichtlich betrunkenen Kerl auf die Mainstreet befördern, die um diese Uhrzeit wie ausgestorben ist.
Der Unruhestifter segelt durch die Luft, was etwas Komisches an sich hat, denn er zappelt während des Flugs mit Armen und Beinen, um dann ziemlich unsanft auf dem harten Boden aufzuschlagen. Eine Staubwolke steigt in die Höhe und hüllt den Mann erst einmal komplett ein. Man könnte durchaus meinen, der Trunkenbold habe sich bei dem Sturz den Hals gebrochen. Doch dann erklingt inmitten der Staubwolke ein krächzendes Husten.
Tully steht noch einen Moment an der Pendeltür und blickt auf die Straße. Guy Flemming spürt den Blick kurz auf sich ruhen, doch alles, was Tully sieht, ist ein schlafender Mann im Schaukelstuhl. Kurze Zeit später treten der Revolverschwinger und sein Kompagnon wieder zurück in den Saloon.
Guy Flemming lässt Tully schon eine ganze Weile beobachten. Er studiert seine Gegner immer, macht sich ein Bild von ihnen, ehe er zuschlägt. Flemming zählt zu den besten Revolverhelden, die diese unrühmliche Gilde jemals hervorgebracht hat. Es ist nicht nur die richtige Mischung aus Instinkt und Schnelligkeit, die ihn so gefährlich macht, sondern auch seine Fähigkeit, mit Widrigkeiten, Verzögerungen und Frustrationen umzugehen. Er ist ein sehr geduldiger und gebildeter Mensch. Flemming hat in Boston Medizin studiert. Nachdem seine Familie und er in Amerika Fuß gefasst hatten, war er danach für einige Zeit in Westpoint, hat aber nie einen Abschluss gemacht oder ein Offizierspatent erhalten.
Er übt sich in Achtsamkeit, lässt sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen und versetzt sich in seine Gegner hinein. Aus diesem Grund ist er einer der erfolgreichsten Revolverschwinger in diesem Land.
Bei Zack Tully muss er vorsichtig sein, das hat er sofort begriffen, als er den Mann zum ersten Mal gesehen hat. Man spürt die eiskalte Ruhe, die diesen Mann umgibt. Seine geschmeidigen Bewegungen, die von einem hohen Maß an Geschicklichkeit zeugen, die Hand, die stets lose am Knauf seines Revolvers ruht … In jeder Geste spiegelt sich eine tödliche Effizienz wider, die lauter ist als jedes gesprochene Wort. Obwohl sich Tully stets um ein freundliches und warmherziges Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber bemüht, gibt es Momente, da scheint die Luft bei seinem Vorüberziehen zu gefrieren. Zwei Seelen wohnen in seiner Brust. Und seine dunkle Seite bringt den Tod mit sich, wenn man nicht aufpasst.
Doch Guy Flemming ist seinem Widersacher überlegen, davon ist er fest überzeugt. Dies ist kein Anflug von blanker Überheblichkeit, sondern ein über die Jahre angesammeltes Erfahrungswissen. Es gab schon viele Kerle wie Zack Tully. Und keiner von ihnen ist aus einem Duell mit Flemming lebend herausgekommen.
Irgendwann tritt Kalispel aus dem Saloon. Er streckt sich kurz und marschiert dann zu den Haltestangen, die sich neben dem Hotel befinden. Er beugt sich nach vorne und tut so, als würde er seine Glieder strecken, dann verschwindet er in der kleinen Seitengasse abseits des Hotels.
Guy Flemming wartet mehr als eine Viertelstunde, um sicherzugehen, dass Tully den jungen Mann nicht beobachtet hat und ihm gefolgt ist. Dann erhebt er sich von dem fossilen Schaukelstuhl und folgt Kalispel in die Seitenstraße.
»Und?«, fragt er, nachdem er die bleiche Gestalt des Jungen zwischen mehreren gestapelten Kisten entdeckt hat.
»Es wird noch immer gespielt. Vier Leute sitzen mit Huntington am Tisch. Der Fremdländer hat es sich in einer Ecke bequem gemacht und schläft.«
»Unser Mann?«
»Ja. Ich glaube, dass Tully anfängt, sich für mich zu interessieren.«
»Oha.«
»Er hat mich mehrere Male eindringlich gemustert. Anscheinend fällt ihm jetzt erst auf, dass sich unsere Wege schon öfters gekreuzt haben.«
»Hat er dich angesprochen?«, will Guy von dem jungen Burschen wissen. Kalispel schüttelt den Kopf. »Nein, das nicht. Aber man sieht, dass es in seinem Kopf anfängt zu arbeiten, wenn er in meine Richtung blickt.«
»Wann endet seine Schicht?«
»Um sechs. So lange wird Huntington auch noch spielen. Dann wird man ihn ins Hotel schieben und die Ablöse wird Stellung vor seinem Zimmer beziehen.«
»Scheint sich nichts Großartiges verändert zu haben«, sinniert Flemming und fährt sich in einer nachdenklichen Geste über seinen Schnurrbart, der voller Pomade und Öl ist.
»Ich habe Gerüchte aufgeschnappt, dass Huntington auf einen der großen Mississippi-Dampfer will. Man spielt dort um höhere Einsätze. Sollte etwas an den Geschichten dran sein, wird er wohl bald aufbrechen.«
»Mmmh …« Guy Flemming schweigt einen Moment lang, versucht, die Neuigkeiten mit seinem analytischen Verstand zu verarbeiten.
»Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Tully nach Mississippi gehen und sich dem Gefolge anschließen wird.«
»Warum, Sir?«
»Er hat den weiten Weg von Tennessee nicht zurückgelegt, um dann einfach wieder umzukehren.«
»Er steht aber auf der Lohnliste von diesem Huntington. Vermutlich wird er nicht schlecht verdienen.«
»Tully war nach der Revolution gegen Kaiser Maximilian in Mexiko. Ich glaube, er hat in dieser Zeit ein ordentliches Vermögen zur Seite geschafft. Geld interessiert einen Mann wie Zack Tully nicht.«
Guy Flemming lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. »Du weißt, was zu tun ist?«, fragt er den jungen Mann. Kalispel nickt mit ernstem Gesicht.
»Jawohl, Sir!«
»Morgen um diese Zeit wird hier die Hölle los sein«, sagt Flemming und schließt einen Moment lang die Augen. Ein wolliges Kribbeln breitet sich in seinem Körper aus. Er hat sich in den letzten Tagen einen aus seiner Sicht genialen Plan zurechtgelegt. Flemming wird seinen Gegner nicht einfach so zu einem Duell herausfordern. Das wäre zu banal. Guy ist ein Mann mit Stil. Zuerst einmal gilt es, Tully außerordentlich wütend zu machen, denn Männer, die ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben, machen Fehler. Einen Umstand, den Flemming gnadenlos ausnutzen wird.
***
John Elliot späht aus dem Fenster hinaus auf den Saloon, in dem trotz der frühen Morgenstunden noch immer Licht brennt. Es ist die Zeit, wo sich die Dunkelheit langsam aber sicher zurückzieht und die Umwelt in einem eintönigen Grau erscheint. Lediglich der Saloon hält sich wacker gegen diese wabernde Tristesse, die von allem Besitz ergreift und schwer auf das Gemüt drückt.
»Der Fettsack spielt noch immer.«
»Um sechs Uhr kommt der Neger und fegt den Saloon durch«, krächzt hinter ihm China Blue, ein schmächtiges Kerlchen, dessen Spitzname von seiner Vorliebe für chinesische Huren und einer blassen, wächsernen Gesichtsfarbe herrührt, sodass man sogar die blauen Adern unter seiner Haut erkennen kann. »Dann geht er mit seinem Gelumpe ins Hotel.«
»Nein, zuerst bringen sie das Geld auf die Bank. Dann gehen sie ins Hotel«, korrigiert ihn Elliot, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.
»Wann geht die Sonne auf?«, meldet sich Rusty Diamond zu Wort, der es sich auf dem Bett bequem gemacht hat und, sehr zum Leidwesen der anderen Männer im Zimmer, Schuhe und Socken ausgezogen hat. Die dreckigen Füße des Kerls stinken einfach bestialisch. Doch man kann sich an alles gewöhnen, wenn man sich erst einmal zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengefunden hat.
»Wird nicht mehr lange dauern …«, brummt Elliot.
»Wir könnten jetzt schon losschlagen! Wir müssten nur Matt und seinen Leuten Bescheid geben«, meint Rusty und dreht sich auf die Seite, sodass das Bettgestell anfängt, lautstark zu quietschen.
»Die schlafen wahrscheinlich schon«, meldet sich China Blue zu Wort und steckt sich einen Prim Kautabak in die Backentasche. Seine Gesichtszüge wirken wie ein Frettchen, während er auf dem Tabak herumlutscht.
»Auf Matt ist kein Verlass«, meint Elliot. »Die haben heute Abend gesoffen wie die Schweine.«
Der besagte Matt und seine Männer befinden sich im Nachbarzimmer. Sie gehören zu Elliot und seiner Bande, die vor ein paar Tagen im Hotel untergetaucht ist. Die Männer werden in drei Bundesstaaten gesucht, denn sie haben Deputy von Clearwater erschossen. Früher einmal waren sie Kopfgeldjäger gewesen, doch sie haben schnell eingesehen, dass es viel lukrativer ist, wenn man Postkutschen überfällt.
Jetzt haben sie es auf Earl Huntington III. abgesehen, denn sie haben gesehen, welche Geldmassen dieser Krüppel, der früher einmal ein Preisboxer gewesen sein soll, am Pokertisch einheimst.
»Sie kommen raus«, meint Elliot und beugt sich nach vorne, als er sieht, wie die Revolverschwinger mit Huntington den Saloon verlassen.
»Zurück vom Fenster«, zischt China Blue. »Man wird dich noch sehen!«
»Beruhig dich! Niemand sieht mich.« Trotzdem macht John Elliot einen Schritt zurück und gleichzeitig zur Seite, sodass die Hälfte seines Körpers von den schweren Vorhängen verdeckt wird.
»Sie gehen jetzt zur Bank, die Kohle abliefern.«
»Warum so früh? Hat der Fettsack etwa keine Lust mehr?«
»Keine Ahnung.«
»Wie viele Männer sind es?«
»Fünf.«
»Mit Huntington?«
»Ja.«
»Also müssen wir nur vier Kerle über den Haufen schießen«, meint Rusty Diamond und wälzt sich auf die andere Seite, was das wackelige Bett mit einem lauten Quietschen quittiert. »Nichts leichter als das.«
»Hochmut kommt vor dem Fall, du dummes Stück Scheiße«, erwidert Elliot und wirbelt wütend herum. Der grimmige Blick lässt die anderen erstarren. Man spürt die Anspannung, die in der Luft liegt. Elliot ist für seine Wutausbrüche bekannt. Es ist eine Mischung aus Ärger und Müdigkeit, die bei ihm für eine kurze Zündschnur sorgt.
Herrgott, wenn er doch einmal nur richtig ausschlafen könnte!
Er atmet tief ein, um sich wieder zu beruhigen. Dann sagt er, wobei der Ärger in seiner Stimme immer noch mitklingt: »Diese vier Kerle wissen, wie man mit einem Schießeisen umgeht. Wer die unterschätzt, kann gleich ein Ticket für den letzten Zug nach Westen buchen.«
»Niemand hat etwas davon gesagt, dass wir die Burschen unterschätzen, John«, meint China Blue. Er blickt auffordernd zu Rusty. »Das ist doch so, oder?«
»Ja, ganz recht«, entgegnet Rusty beschwichtigend. Er hat sich mittlerweile im Bett aufgerichtet. Seine Beine baumeln über die Kante.
Einmal mehr wird sich Elliot dieses widerwärtigen Geruchs bewusst, der von den dreckigen Füßen dieses Widerlings ausgeht. Ein Wunder, dass seine Füße überhaupt noch in die Stiefel passen. Der Kerl muss sich eine halbe Ewigkeit nicht mehr die Fußnägel geschnitten haben!
Das könnten genauso gut Wolfsklauen sein, denkt Elliot und wendet sich von dem Mann ab.
»Natürlich kommen wir aus der Sache nicht lebend raus, wenn wir Huntingtons Männer direkt konfrontieren«, sagt China Blue. Der Prim wandert dabei von einer Backentasche in die andere. John hasst es, wenn der Kerl das macht.
Das ist irgendwie respektlos und irritierend zugleich.
Am liebsten würde er ihm das Gesicht einschlagen. Vielleicht würde er dabei ja den Kautabak verschlucken und daran ersticken.
Das wäre mal ein Erlebnis!
John Elliot schüttelt den Kopf. Er ist mehr denn je auf China Blue angewiesen. Sie müssen diesen Coup durchziehen, erst dann können sie bis zum Winter irgendwo in der Wildnis untertauchen.
»Wir jagen den Kerlen von hinten eine Kugel in den Rücken. So wie wir es bei diesem Deputy gemacht haben.«
»Ja, wir schlagen aus dem Hinterhalt zu«, sagt Rusty. »So, wie wir es immer machten. Huntington lässt seine Männer in zwei Schichten arbeiten: Tag und Nacht. Matt kümmert sich um die Revolverschwinger, die sich von ihrer Arbeit im Hotel erholen. Und dann rauben wir die Bank aus.«
»Angenehme Träume, sage ich nur. Hehehe …«
Man merkt, wie die Spannung weicht, als sich in Elliots Gesichtszügen ein Grinsen schleicht.
»Jungs, ich muss sagen, wir sind ein paar feine Teufelskerle. Wenn das klappt, mieten wir uns eine Woche lang im Puff ein und vögeln uns das gottverdammte Hirn aus dem Schädel. Hört ihr? Das gottverdammte Hirn aus dem Schädel!«
Er klatscht mit der Faust in die Hand.
»Morgen um diese Uhrzeit werden wir zuschlagen!«
Gegen Mittag wird Zack Tully durch ein leises Klopfen an seiner Tür geweckt. Instinktiv schnellt seine Hand zu dem Holster mit seinem Colt Lightning. Es ist ein Reiz-Reaktionsmuster, das sich nur schwer abstellen lässt – und ihm mehr als einmal das Leben gerettet hat.
»Ich bin es«, erklingt die Stimme von Wilhelm auf der anderen Seite der Tür. »Ich brauche dringend ein Frühstück! Lust, mit runterzugehen?«
Tully nimmt langsam die Hand vom Griff seines Colts. Er erhebt sich, atmet tief ein und verspürt einen leichten Kopfschmerz, obwohl er am Vorabend keinen Schluck Alkohol angerührt hat. Tully bewegt den Kopf nach links und rechts, bis er ein angenehmes Knacken hört, das sich wie eine kleine Befreiung anfühlt. Ein tiefes Seufzen entweicht seiner Kehle. Für einen kurzen Augenblick hat er den Kopfschmerz vergessen, doch dann holt ihn Wilhelms Stimme zurück in die Gegenwart. »Zack?«
»Ja, ich komme«, erwidert Tully und schwingt die Beine aus dem Bett. Er hat sich nicht entkleidet und trägt daher immer noch die Stiefel. Eine weitere Gewohnheit, wenn nicht sogar Notwendigkeit, um zu überleben und Leben zu schützen. Denn wenn Earl Huntington Gefahr droht, kann er schnell handeln und muss sich nicht erst anziehen.
Tully tritt vor die kleine Schüssel, neben der ein irdener Krug mit Wasser steht. Er wäscht sich kurz das Gesicht, doch das Wasser bringt keine Abkühlung, denn es ist zu warm.
»Zack?«, erklingt es erneut hinter der Tür.
»Einen Moment!«
Tully nimmt den schweren Patronengurt vom Stuhl. Er trägt ihn mit dem Colt Lightning tief, damit er ihn schneller ziehen kann.
Erneutes Klopfen an der Tür.
By Gosh, wenn der Kerl nochmal einen Finger krummmacht, werde ich ihm den Kopf abreißen!
Hastig stürmt er zur Tür, wobei die Sporen seiner Stiefel scheppern.
»Guten Morgen«, wird er von dem deutschen Erfinder fröhlich begrüßt. Wilhelm hat es gut. Denn während Tully arbeiten musste, hatte es sich sein Gefährte einfach im Saloon bequem gemacht und mit dem Kopf auf der Tischplatte geschlafen. Schwinn sieht daher frisch und erholt aus.
»Morgen«, brummt Tully und fragt sich, was an diesem Morgen gut sein soll. Der Kopfschmerz ist jetzt beim Laufen wieder präsenter, so, als ob er nur auf den passenden Moment gewartet hätte, um so richtig loszulegen.
Im Frühstücksraum sind sie die beiden einzigen Gäste, denn es ist schon weit nach 12:00 Uhr. Von den anderen Dollarwölfen hat sich noch niemand blicken lassen. Earl Huntington nimmt sein Essen immer auf dem Zimmer ein.
Der Bursche, der das Essen serviert, hat ein Gesicht, das wie eine verwüstete Landschaft aussieht. An der rechten Hand fehlen zwei Finger. Während er die Speckpfannkuchen mit den Biskuits serviert, redet er kein Wort. Tully hat noch keinen Ton von ihm vernommen, seit sie in diesem Hotel Quartier bezogen haben. Während er das Essen serviert, vermeidet er zusätzlich noch jeglichen Blickkontakt.
»Was würde ich jetzt für eine dicke Scheibe Schwarzbrot mit Schwarzwälder Schinken geben«, seufzt Wilhelm missmutig und stochert mit der Gabel in dem Pfannkuchen herum. »Pfannkuchen können keinen Mann auf Dauer glücklich machen.«
Er schiebt sich die Gabel in den Mund und kaut missmutig auf dem Teig herum. Dann hellt sich plötzlich seine Miene auf. »Ihr Amerikaner kennt nur Weißbrot. Leicht, luftig und schnell gebacken. Aber … Roggen ist das Zauberwort.«
»Roggen?«, fragt Tully nach, während er die Biskuits verschlingt, denn er spürt den gewaltigen Hunger, der seinen Magen plagt.
»Roggen! Ihr nutzt Roggenkörner, um das Vieh zu füttern, oder bestenfalls als Zusatz für euer kümmerliches Bier! Ihr braucht aber etwas, das Energie spendet und Kraft verleiht.«
»Wenn du meinst …«
»Ich könnte eine eigene Handmühle entwickeln, die die Roggenkörner zu einem dunklen …« Er verstummt schlagartig. Man sieht, dass es in seinem Kopf anfängt zu arbeiten. Ein Gedanke jagt den anderen. Schwinn ist gerade dabei, das nächste Projekt ins Leben zu rufen.
»Brotbacken ist eine Kunst«, murmelt er gedankenversunken. »Die ersten Versuche werden in einer Katastrophe enden, so viel ist sicher. Und die Leute werden mich belächeln. Aber am Ende werden sie vor mir den Hut ziehen, denn ich werde den Amerikanern das Roggenbrot schmackhaft machen. Damit werde ich den Westen revolutionieren.«
»Du siehst aber gar nicht aus wie ein Bäcker«, meint Tully, während er weiter auf dem Speckpfannkuchen herumkaut.
»Ich habe auch nie behauptet, dass ich ein Bäcker bin. Aber ein Erfinder muss alles sein, wenn er Erfolg haben will.«
Der schweigsame Kellner mit dem Gesicht, das aussieht, als wäre es mit einem Reibeisen bearbeitet worden, bringt frischen Kaffee. Als Tully den ersten Schluck nimmt, muss er sich allerdings korrigieren, denn der Kaffee ist nicht frisch, sondern eher eine lauwarme Brühe, die schon mehrere Stunden alt ist und eher eine braune als tiefschwarze Farbe besitzt. Doch Tully mag seinen Kaffee schwarz – so schwarz wie eine mondlose Mitternacht. Und am besten so stark, dass ein Hufeisen darin schwimmen könnte. Er schiebt die Tasse mit der braunen Brühe demonstrativ von sich weg.
Während Wilhelm Schwinn in einem fort weiterredet, fragt sich Tully wieder einmal, ob es eine gute Idee gewesen ist, den Erfinder mitzunehmen. Schwinn ist ein erwachsener Mann und könnte dich allein seines Weges ziehen.
Wenn er in Schwierigkeiten gerät, dann ist das sein Problem und nicht meines.
Doch Tully ist schon immer ein sehr hilfsbereiter Mensch gewesen. Er hat so viele böse Dinge auf dieser Welt gesehen. In weiten Teilen des Landes regiert das Recht des Stärkeren. Das Töten ist zur Selbstverständlichkeit geworden – ein Urelement des menschlichen Daseins.
Tully ist sicher kein Heiliger, er hält keine Predigten. An seinen Händen klebt Blut. Viel Blut. Doch er hat dabei nie seinen moralischen Kompass verloren. Jeder, der sich eine Kugel von ihm eingefangen hat, hat es auch verdient. Für Tully ist es wichtig, sich gegen das Böse zu stellen, das im Herzen dieses Kontinents wie ein Krebsgeschwür wuchert und sich langsam, aber sicher ausbreitet. Er muss so etwas wie ein Fels in der Brandung sein. Das Gegengewicht. Wenn er keinen Beitrag dazu leistet, wer soll es dann tun? Dann wird alles ins Chaos stürzen. Er hat gesehen, was die Revolution in Mexiko angerichtet hat, und musste grausige Dinge miterleben, als Kaiser Maximilian gestürzt wurde.
Während er Schwinn beim Essen zuschaut, wird ihm klar, dass es sein Beitrag zur Schöpfung ist, diesen Mann vor seinem vorzeitigen Ableben zu bewahren. Altruismus in seiner reinsten Form. So war es bei Terry Wells und Angus Horner gewesen, so war es bei Irvine Drummond und den MacPhee-Zwillingen gewesen. Wenn jemand Hilfe braucht, ist Tully zur Stelle.
Vielleicht ist dieses altruistische Hilfeverhalten aber auch nur eine Fassade. Denn es gibt noch eine dunkle Seite in ihm. Da ist der Mann, der kaltblütig seine Gegner über den Haufen schießt und danach ein Bier trinken geht. Manchmal erfüllt ihn das Töten auch mit einer tiefen Befriedigung – und das ist etwas, das ihm Angst macht. Möglicherweise versucht er, sein Gewissen reinzuwaschen, indem er hilfsbedürftigen Menschen hilft.
Er will nicht über die zwei Seelen in seiner Brust nachdenken. Das ist ihm zu mühselig. Es ist gut, dass er so selbstlos ist. Das ist alles, was zählt. Vielleicht ist sein Verhalten auch gar nicht ganz so altruistisch, wie er immer denkt. Schließlich ist Tully ein sehr neugieriger Zeitgenosse. Neugier war es auch gewesen, die dafür gesorgt hat, dass er Terry Wells nach Bitter Ridge begleitet hat. Er wollte das Ende der Geschichte sehen, wollte wissen, ob es diesem Kerl mit dem übergroßen Adamsapfel wirklich gelingen würde, das Herz seiner Angebeteten zu erobern.
Ganz so selbstlos ist er also doch nicht. Das beweist schon die Tatsache, dass er sich von Earl Huntington hat anheuern lassen. Er ist ein Dollarwolf geworden. Zumindest zeitweise. Das ist aber kein Problem für ihn, solange er nach wie vor seinem moralischen Kompass folgt. Und er ist auf den Job angewiesen. Seine finanziellen Mittel waren nach seinem Ausflug in die Smokey Mountains fast aufgebraucht. Er hat zwar ein Schließfach mit einer stattlichen Summe in Chicago, doch das liegt gefühlt am anderen Ende der Welt. Dass mit diesem Job wieder Geld in die eigenen Taschen fließt, ist eine enorme Entlastung und befreit ihn von jeglicher existentieller Selbstreflexion.
»Wie sieht dein Plan für den Tag aus?«, erkundigt sich Tully und wischt sich den Mund an der Serviette ab. Die Kopfschmerzen sind noch da, aber er kann sie mittlerweile wenigstens ausblenden. Der volle Magen ist eine Wohltat.
»Ich werde sehen, wo ich Roggen herbekomme«, meint Schwinn nachdenklich. »Ich werde als Erstes den General Store besuchen. Vielleicht werde ich dort fündig.«
»Gut, ich werde ein paar Schießübungen im Canyon hinter der Stadt machen.« Er ballt seine beiden Hände zu Fäusten und lockert sie wieder. »Ich darf nicht außer Übung kommen.«
»Wann beginnt deine Schicht?«
»So wie gestern.«
»Gut, dann treffen wir uns später im Saloon.«
»In Ordnung.« Tully will sich erheben, doch Schwinn kommt ihm zuvor und fragt:
»Wäre es vielleicht möglich, dass du mir ein paar Dollar leihst? Seit unserem gemeinsamen Abenteuer in den Smokeys bin ich … ähm … etwas klamm bei Kasse.«
Tully nickt bedächtig. »Dafür, dass ich deine Mathilda auf dem Gewissen habe, bin ich dir noch einiges schuldig, mein Freund.«
Bei dem Namen Mathilda verfinstert sich Schwinns Miene schlagartig. Der Heißluftballon, den er Mathilda getauft hatte, ist und bleibt seine größte Erfindung bislang. Und Zack Tully hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als diese glorreiche Königin der Lüfte in einem explodierenden Feuerball vergehen zu lassen. Eine Schande!
Vielleicht ist das der Grund, warum ich den Kerl einfach nicht im Stich lassen kann.
Der Gedanke drängt sich ihm förmlich auf. Tully ist gar nicht so selbstlos, wie er immer tut. Schließlich hat er eine Schuld gegenüber dem Deutschen zu begleichen.
Tully greift in die Brusttasche seines Hemdes.
