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Klappentext: Das Leben als Engel ist nicht immer leicht. Und wenn du dann auch noch die größte Aufgabe der Geschichte auferlegt bekommst, und diese mit deinem nervigen Bruder erledigen sollst, laufen die Dinge schon mal aus dem Ruder. Doch Sid und Tiberius lassen sich von all diesen Problemen nicht beirren und machen sich auf, ihr größtes Abenteuer zu bestehen. Weder der Teufel, noch die Bürokratie können die beiden aufhalten und wenn auf der Erde noch etwas Hilfe dazu kommt, kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Oder?
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2026
Edwin van Bargen
Apocalypse later
aller Ende ist schwer
Ich hoffe, dieses Buch
findet seinen Weg in die Hände all jener Menschen, die frei
über sich selbst lachen können. Zu jenen, denen
Regeln nicht alles in der Welt bedeuten. Denn gerade weil
jeder ist wie er ist, haben wir diese Welt. Also sei
einfach der Mensch, der du sein willst. Und bitte gehe
nicht immer mit der Masse. Sei nicht taub
neuen Klängen gegenüber. Die Wahrheit stand schon, ehe
Yamamoto sagte: »...weil du dich auf dem rechten Pfad verirrst.«
Edwin van Bargen
Apocalypse later
aller Ende ist schwer
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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 01 / Seite 006:____der ewige Garten
Kapitel 02 / Seite 022:____Vorbereitung ist alles
Kapitel 03 / Seite 043:____los geht es
Kapitel 04 / Seite 067:____alle Wege führen nach Rom
Kapitel 05 / Seite 101:____Petrus II und andere Sorgen
Kapitel 06 / Seite 132:____der Teufel steckt im Detail
Kapitel 07 / Seite 177:____und ewig währt der Ewige
Kapitel 08 / Seite 267:____himmlisch Roulette
Kapitel 09 / Seite 297:____da ist was faul in Euphoria
Kapitel 10 / Seite 334:____der Schleier fällt
Kapitel 11 / Seite 368:____du kannst die Welt gestalten
Kapitel 12 / Seite 369:____der schlechte Hirte
Kapitel 13 / Seite 391:____der gute Hirte
Kapitel 01: der ewige Garten
Der Erzengel Salomon Ignacius Domenicus, auch Sid genannt, wühlt im Schuppen durch die Werkzeuge.
Sein weißes Gewand ist schmutzig, eine Nummer zu groß und hängt wie ein alter Lappen an ihm herunter. Sid hat kurzes, blondes Haar, welches momentan in alle Richtungen steht.
Er ist sichtlich genervt.
Der Engel wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Seine grauen Augen wirken erschöpft und über seinem Kopf schwebt ein Heiligenschein in Schieflage. Zusammengefasst kann man das derzeitige Erscheinungsbild des Engels mit einem Wort beschreiben.
Lausig.
Der Schuppen ist unübersichtlich und es fehlt an Ordnung. Alles liegt durcheinander. Der Staub von Jahrhunderten bedeckt die Geräte und es liegt modriger Gestank in der Luft.
Der Engel erinnert sich an die Zeit, in der das Paradies noch jung war. Damals war alles besser. Jedenfalls herrschte Ordnung. Alles war gepflegt, geölt und geschliffen. Über die Jahrhunderte kamen aber immer mehr Gerätschaften zur Gartenpflege hinzu und zuletzt wurde alles nur noch durch die klapprige Tür hineingeworfen.
Lautstark fluchend schiebt Sid ein paar Schaufeln beiseite und greift nach der alten Sense, welche ganz hinten an einer Wand lehnt. Misstrauisch beäugt er die rostige, stumpfe Schneide.
»Unglaublich«, grummelt er. »Wasser in Wein geht, Blinde sehen lassen, auch kein Problem, ganze Welten erschaffen, nichts wie ran, aber ordentliches Werkzeug besorgen, das ist zu viel verlangt. Unheiliger Schrott. Das ist bestimmt die alte Sense vom Tod. Der Herr Gevatter musste ja unbedingt so ein modernes Teil haben. Mit persönlicher Gravur und Neon-LED. So eine Verschwendung. Ich verstehe gar nicht warum. Eigentlich kehrt der alte Knochensack doch nur die Seelen zusammen. Das kann doch jeder Affe.«
Schnaufend verlässt er mit der Sense in der Hand den alten Holzschuppen und macht sich an die Arbeit.
Immer wieder lässt er die Schneide schwungvoll über das Gras gleiten. Doch so sehr Sid sich auch bemüht, die stumpfe Klinge reißt lediglich ein paar Büschel aus der Erde. Resignierend wirft er die Sense von sich und bläst verächtlich Luft durch die Nase.
Das darf doch alles nicht wahr sein, denkt er und setzt sich ins Gras. Zum Gärtner degradiert. Ätzend.
Er denkt über die glorreichen Tage nach. Das Universum war gerade erst erschaffen, da metzelte der Engel sich schon, gekleidet in seine goldene Rüstung, durch unzählige Horden dämonischer Kreaturen. Sicher, der Krieg zwischen dem Himmel und der Hölle war nicht der sauberste, aber er war ruhmreich. Der Gedanke an sich selbst zu diesen Zeiten zaubert Sid ein dümmliches, überhebliches Lächeln ins Gesicht.
Der Engel starrt an sich hinunter. Mittlerweile verdeckt ein Bauch die Sicht auf seine Füße und er fühlt sich unglaublich alt. Und fett.
Sein Blick schweift über die Unendlichkeit des Garten Edens. Die erinnert ihn daran, dass er noch sehr viel Rasen vor sich hat. Vorsichtig schaut er sich um. Es ist niemand zu sehen. Der Engel schließt die Augen und konzentriert sich auf das Gras. Wie von Zauberhand ziehen sich die Halme einige Zentimeter in die Erde zurück.
»Du weißt, dass es dir verboten ist, deine Macht zu nutzen?«, ertönt plötzlich eine tiefe Stimme neben dem Erzengel. Erschrocken fährt Sid zusammen.
»Meine Fresse, Meta!«, ruft er. »Willst du mich umbringen!?«
Neben dem Gärtner steht ein weiterer Engel. Dessen Gewand ist kostbar verziert und mit Gold verwoben. Zudem ist er größer als Sid und seine ganze Aura wirkt deutlich erhabener. Die Haut des Engels glänzt wie die Oberfläche einer Perle und seine Augen sind stechend schwarz. Haare hat er keine. Es ist der Metatron, das Sprachrohr des Herrn. Er schaut sich im Garten Eden um.
»Du bist noch nicht sehr weit gekommen, Sid.«
»Wie soll man mit diesem Zeug auch ordentlich arbeiten?«, schnauzt der Gärtner und tritt gegen die Sense. »Da kann ich das Gras auch mit einem Löffel schneiden. Oder ich fresse es persönlich ab! Wäre das Buße genug? Wäre das angemessen? Glaub mir, wenn ich dadurch schneller wieder auf meinem alten Posten landen würde, lecke ich die ganze Fläche blitzeblank.«
Der Metatron zieht eine Augenbraue hoch.
»Wenn du dich etwas besser unter Kontrolle hättest, müsstest du nicht die Gartenarbeit verrichten.«
»Ich kann mich sehr gut beherrschen, aber machen wir uns nichts vor, dieser Kerl hatte es verdient.«
»Dieser Kerl ist immerhin dein Bruder, Sid.«
»Ach, hör auf«, winkt der Erzengel ab. »Wir sind Engel. Wir können gar nicht wirklich Brüder sein. Wir haben keine ... na du weißt schon. Also könnten wir auch keine Schwestern sein. Genaugenommen sind wir nicht mehr, als ein paar Knetfiguren, die zufällig im selben Moment fertiggestellt wurden. Und ich hasse es, wenn man mich beim Pokern übers Ohr hauen will.«
Der Metatron atmet tief ein und verschränkt die Arme vor der Brust.
»Glücksspiel ist in den heiligen Hallen ebenfalls verboten. Dein Bruder Tiberius und du habt die Strafe wirklich verdient.«
»Strafe!?«, ruft Sid entsetzt. »Er musste eine Woche lang in die Wäschekammer! Das ist doch keine Strafe! Ich bin seit zweihundert Jahren damit beschäftigt, den Garten auf Vordermann zu bringen. Bist du am Ende des Rasens angekommen, wächst er vorne schon wieder nach! Das ist eine Strafe! Oder der Fluss! Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie schwer es ist, das Wasser so klar und frisch zu halten? Oh, und glaub ja nicht, dass ich nicht weiß, dass die anderen da immer mal reinpinkeln. «
»Bist du jetzt fertig?«, unterbricht der Metatron den wetternden Erzengel und zieht eine Schriftrolle unter seinem Gewand hervor. Das Pergament wurde versiegelt.
Sid erkennt sofort, dass es von höchster Stelle kommt.
»Du willst das jetzt aber nicht hier verlesen, oder? Du vertreibst mit deinem Gebrüll die Wildpferde.«
»Halt die Klappe, Sid. Diese Nachricht ist nur für dich bestimmt. Nur er allein weiß, warum ausgerechnet du diese Aufgabe erledigen sollst.«
Sid verzieht das Gesicht und mustert den Metatron skeptisch.
»Er? Du meinst seinen Sohn, richtig?«
»Nein, Sid«, antwortet der Metatron und schaut dem Engel dabei fest in die Augen. »Ich meine ihn höchstpersönlich.«
»Das glaube ich dir nicht, er hat seit eintausend Jahren mit niemandem gesprochen.«
»Er war beschäftigt und hat nachgedacht.«
»Oh, der feine Herr hat nachgedacht. Na, das klingt ja nach einem netten Zeitvertreib. Als Boss von dem ganzen Laden hier hat man wohl unglaublich viel zu tun. Wenn er mal wieder Zeit zum Nachdenken hat, kann er gern hier auf der Matte erscheinen und sich um das Unkraut kümmern.«
»Hüte deine Zunge und spar dir den Sarkasmus, Sid«, maßregelt der Metatron. »Zweifele nicht an ihm, oder willst du auch die nächsten zweihundert Jahre das Gras stutzen? Bei seinem Namen, ich weiß wirklich nicht, warum er ausgerechnet dich schicken will.«
»Schicken? Wohin denn?«
»Das wirst du gleich erfahren«, erwidert das Sprachrohr, bricht dabei das Siegel und rollt das Pergament auseinander. Dann holt er tief Luft und verliest die Zeilen. Seine Stimme dröhnt so laut, dass sie den Boden erbeben lässt.
»Siehe, die Zeit ist angebrochen. So stehen wir am Rande des Seins und schauen hinab auf die Wunder des Vergehens. Mögen ihre Stimmen verklingen, ihre Körper zerfallen, ihre Lichter erlöschen. Lasset sie uns heimholen in die Ewigkeit meiner Güte. Verbrennt die Nacht, um den Weg für das Licht eines neuen Morgens zu ebnen.«
Der Metatron schiebt die Rolle wieder zusammen und reibt seinen Hals.
Sid starrt das Sprachrohr skeptisch an.
»Das war es schon? Der Chef schafft es immer wieder, viel zu reden, ohne etwas zu sagen. Ich meine, was meint er denn damit? Und was habe ich jetzt damit zu tun?«
»Ganz einfach, du sollst deinen Arsch in die Zentrale bewegen«, erwidert der Metatron. »Es ist so weit. Wir machen den Sack zu.«
»Was!? Reden wir hier von ...«
»Von der Apokalypse«, fällt der Metatron dem Erzengel ins Wort.
Sid steht einen Moment lang der Mund offen.
»Das ist ein Witz, oder?«
»Wann hat er zuletzt einen Witz gemacht?«
»Na ja, die Nummer mit Abraham war doch ganz lustig.«
»Das war eine Prüfung, Sid.«
»Ja sicher, aber sein Gesicht am Ende war doch ziemlich lustig.«
Der Metatron seufzt leise, schließt die Augen und reibt sich die Schläfen.
»Nun gut, wie auch immer. Du sollst zur Zentrale kommen und deine Instruktionen einholen.«
»Nochmal, was habe ich damit zu tun? Du siehst doch diesen verdammten Garten. Der Rasen mäht sich nicht alleine.«
»Weil er der Meinung ist - und nur er selbst weiß warum - dass du die Organisation und Durchführung der Apokalypse übernehmen sollst. Und bevor du wieder so bescheuert fragst, es ist kein Witz.«
Plötzlich herrscht Stille.
Sid kratzt sich am Kopf und überlegt. Im Gesicht des Metatron kann er lesen, dass der es wirklich nicht glauben kann, dass ausgerechnet er diese Aufgabe übernehmen soll.
»Und wer kümmert sich derweil um den Garten?«
»Du sollst jemanden bestimmen. Er möchte, dass du gut darüber nachdenkst und eine weise Ent-«
»Tiberius!«, platzt es aus Sid heraus. »Da sieht der Penner mal, was passiert, wenn man seinen Bruder bescheißt. Fehlende Pimmel hin oder her!«
»Geh einfach zur Zentrale, Sid. Ich ertrage dieses Gespräch keine Minute länger. Ich werde Tiberius aufsuchen und ihm seine neue Aufgabe zuteilen. Oh, Sid, eins noch.«
»Ja?«
»Sprich mit niemandem über deine Aufgabe. Er hat es verboten. Und geh vorher zur Kleiderkammer und hol dir bitte ein neues Gewand. Du stinkst nach Dünger und modrigem Schuppen. Wenn ich es mir recht überlege, geh lieber auch noch duschen.«
Sid lässt etwas Shampoo in seine Hand tröpfeln, verreibt es und verteilt es in seinem Haar. Es riecht nach Mango. Sein Lieblingsduft.
Sein altes Gewand liegt auf einem Stuhl neben dem Eingang zur Gemeinschaftsdusche und darüber hängt der Heiligenschein an einem Haken.
Der Erzengel denkt über seine neue Aufgabe nach. Die Entscheidung kann er immer noch nicht nachvollziehen. Sid mangelt es sicherlich nicht an Selbstbewusstsein, aber er kann seinen Platz unter den Lieblingsengeln des Herrn doch ganz gut einschätzen. Er belegt mit großer Sicherheit einen der Letzten. Die Sache mit Tiberius ist dabei auch nur der Tropfen gewesen, der das Fass der Geduld zum Überlaufen brachte.
Angefangen hatte es mit Sodom und Gomorrha.
Sicher, Sid hatte am Abend zuvor etwas viel Wein, aber die Anweisung war dennoch etwas ungenau. Er wusste noch, dass er eine der beiden Städte zerstören sollte. Leider war es die Falsche. Und dann ist irgendwie alles aus dem Ruder gelaufen.
Er rubbelt fester über seine Haare und erinnert sich an den Abend in Gomorrha.
Gemeinsam mit Tiberius war er bei einem Mann namens Lot, Abrahams Neffen, und überbrachte die Botschaft, dass sie die Stadt zerstören würden. Der war zwar verwirrt, nahm aber seine Familie und flüchtete nach Sodom. Als Sid und Tiberius mit Gomorrha fertig waren, blödelten sie in ihrer Weinlaune noch herum. Dabei fing leider auch Sodom Feuer. Dieser Lot und seine Familie flohen in die Berge. Die Tatsache, dass Sid dessen Frau auch noch versehentlich in eine Salzsäule verwandelt hatte, verfrachtete die Laune endgültig in den Keller. Er war von der Angelegenheit wirklich nicht begeistert und verdonnerte Tiberius und ihn zu Strafarbeiten. Die zuständige Abteilung im göttlichen Ministerium hatte alle Hände voll zu tun, um diese Geschichte für das Buch der Bücher plausibel umzuschreiben.
Der Erzengel spült sich das Shampoo aus den Haaren, greift nach seinem Handtuch und wickelt es sich um die Hüfte. Als er aus der Dusche tritt, rutscht er mit einem Fuß weg und stürzt mit den Armen rudernd dem Waschbecken entgegen. Im letzten Moment bekommt er sein Gewand zu greifen und reißt dabei den Heiligenschein vom Haken. Scheppernd kracht dieser zu Boden und bricht an einer Stelle entzwei.
»Das auch noch«, keucht Sid und hebt den Schein wieder auf. Er schüttelt ihn kräftig, doch mehr als ein klägliches Flackern kann er ihm nicht mehr entlocken.
»Das wird ja immer besser. Das war eine Sonderanfertigung, den bekomme ich in meiner Größe so schnell nicht mehr ran.«
Sid wischt den Spiegel frei und starrt sich einen Moment lang selbst in die Augen. Sie haben etwas an Glanz verloren, sind aber noch wachsam. Seine Haut ist glatt. Das ist etwas, was er hasst. Immer, wenn er zur Erde geschickt wurde, beneidete er die Erdenmänner um ihre prächtigen Bärte.
Er holt einen schwarzen Stift aus der Tasche seines Gewands, fummelt die Kuppe ab und malt seinem Spiegelbild einen Bart. Erst noch kurz, wird dieses Kunstwerk, Strich für Strich, immer länger. Dann malt sich Sid noch eine Augenklappe dazu.
»Arrrrr!«, brüllt er und imitiert dabei einen Piraten. »Werft diese Kielschweine über die Planke!«
»Störe ich?«, ertönt plötzlich eine Stimme in der Tür.
Mit hochrotem Kopf fährt Sid herum. Gegen den Türrahmen gelehnt steht sein Bruder Tiberius hinter ihm. Er grinst diabolisch.
»Versuchst du wieder, menschlich auszusehen?«
»Ich, äh ...«, stammelt Sid und wischt den Bart und die Augenklappe vom Spiegel. »Was willst du hier, Bruderherz?«
»Ich will mich nur bedanken«, erwidert Tiberius bedrohlich und streift sein Gewand ab.
Unsicher tritt Sid einen Schritt zurück.
»Und ... und wie genau willst du dich ... bedanken?«
»Jetzt bilde dir mal nicht zu viel ein. Ich will mich duschen gehen. Wenn wir schon auf Reisen gehen, sollte ich mich etwas frisch machen.«
Erleichtert atmet Sid aus, dann legt er die Stirn in Falten.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine«, zischt Tiberius und dreht den Duschhahn auf, »dass du und ich diese bescheuerte Aufgabe gemeinsam erledigen werden. Als ich mich geweigert habe, den Garten Eden zu pflegen, hat er mich direkt dazu verdonnert, mit dir zusammenzuarbeiten.«
»Aber die wissen doch genau, dass das mit uns nicht so gut funktioniert.«
»Keine Ahnung. Du kannst ja gern mit ihm darüber diskutieren. Das könnte lustig werden.«
»Das hättest du gern«, erwidert Sid und rollt dabei mit den Augen. »Also sollen wir jetzt beide losziehen und die Apokalypse vorbereiten. Das klingt voll super. Ich freue mich schon total darauf.«
»Denkst du denn, ich hätte Lust darauf, mit einem Idioten wie dir zusammenzuarbeiten?«, antwortet Tiberius und schrubbt sich die halblange dunkelblonde Mähne.
»Und was machen wir jetzt?«
»Ich denke, es wäre das Beste, wenn wir beide die Sache zusammen durchziehen.«
»Und du nicht wieder bescheißt«, murmelt Sid leise.
»Was sagst du?«
»Ich sagte, dass es mich zerreißt.«
»Wir sollen dann zur Kleiderkammer kommen und haben direkt danach einen Termin im heiligen Ministerium.«
Die heilige Stadt Euphoria erstrahlt in ihrer ganzen Pracht. Wie aus Marmor und Gold gegossen, haucht sie jedem neuen Besucher nie dagewesene Ehrfurcht ein. In den Straßen und Gassen pulsiert das Leben.
Hier landen sie, die Seelen, die es sich zu Lebzeiten schon verdienten, in die Reihen des Big Boss aufgenommen zu werden. All jene, deren Herz rein und unverdorben war. Die, die sich als würdig erwiesen. Dementsprechend gestaltet sich auch das Leben in dieser Metropole. Die Freundlichkeit und der gegenseitige Respekt der Bewohner triefen förmlich aus jeder Mauerritze.
Die Straßen sind so sauber, dass man den Asphalt nicht nur ablecken könnte, sondern geradezu möchte. Zudem ist die Temperatur immer angenehm. Über Millionen von Jahren hinweg wuchs Euphoria so rapide an, dass das göttliche Ministerium dazu gezwungen war, die Stadt in viele Bezirke aufzuteilen.
Das Zentrum bildet aber von jeher das Ministerium selbst. Es überragt jedes Bauwerk der Stadt um ein Vielfaches und hat seine Augen und Ohren überall. Von hier aus geht jede Entscheidung, jeder Erlass und jedes kleine Papier in die Welten hinaus. Kurz gesagt, das Ministerium ist der Mittelpunkt des Universums und allen Lebens.
Und im obersten Zimmer des höchsten Turmes hat er sein Büro. Dorthin gelangt man nur auf Einladung. Unbefugten ist der Zutritt strengstens untersagt.
Sid und Tiberius laufen eine der schmalen Gassen entlang. Sie sind auf dem Weg zur Kleiderkammer.
Am Straßenrand üben ein paar Jungs neue Tricks mit ihren Skateboards. Aus einem Ghettoblaster dröhnen lautstark göttliche Fanfarenmelodien. Einer der Jungs rempelt versehentlich einen seiner Kumpel an.
»Ey Alter«, ruft der und bläht sich auf. »Ich wertschätze deine Mudda für das Leben, das sie dir gespendet hat.«
»Stabil, Kollege«, erwidert der andere und fordert ein High Five. »Der Stress geht auf meinen Nacken. Möge der Heilige Geist dich bei all deinen Moves begleiten.«
Sid schüttelt verständnislos den Kopf.
»Schau dir das an, Tiberius. Was ist nur mit der Jugend los? Was ist nur passiert in all den Jahren? Weißt du noch, zu unserer Zeit hat man sich noch gegenseitig eine ordentliche Tracht Prügel verpasst.«
»Das ist lange her, Sid. Die Dinge haben sich geändert. Zu unserer Zeit tobte der Krieg, das kann man nicht mehr vergleichen. Wir haben die Dinge noch mit den bloßen Händen geregelt.«
»Wir? Jetzt mach dich nicht lächerlich. Du bist doch jedem Faustkampf aus dem Weg gegangen.«
»Das bin ich nicht. Ich habe lediglich länger darüber nachgedacht, ob sich die Konfrontation lohnt und mich nicht blind in jede bescheuerte Schlägerei gestürzt.«
Als die beiden Erzengel in die nächste Straße einbiegen, kommen sie direkt am goldenen Haupttor von Euphoria vorbei. Ein untersetzter, dicklicher Engel mit kurzen braunen Haaren steht am Einlass und diskutiert mit einer der neuen Seelen.
Es ist Balduin. Seit jeher empfängt er die Neuankömmlinge und überwacht den Einlass am großen Tor. Ein Gürtel kämpft eisern damit, das Gewand des Engels zusammenzuhalten, und ist so fest geschnürt, dass Balduin beinah die Form einer Sanduhr hat.
Als Sid und Tiberius sich nähern, sehen sie, dass an dessen Stirn eine Ader pulsiert.
»Hey Balduin«, ruft Tiberius und legt ihm eine Hand auf die Schulter. »Gibt es Probleme?«
»Dieser Kerl hier will nicht einsehen, dass er hier falsch ist«, erwidert der untersetzte Engel und schnauft dabei durch die Nase.
Hinter dem Tor steht ein Mann und tippt ungeduldig mit einem Fuß. Er trägt ein feines Gewand und schaut die drei Engel ungeduldig an.
»Würden die Herren mich nun endlich eintreten lassen«, grollt er hervor, wobei sein Doppelkinn zu beben scheint.
»Ich kann Sie nicht eintr ...«, beginnt Balduin seinen Satz, beendet ihn aber nicht, weil Sid ihm das Klemmbrett mit der Liste aus der Hand nimmt.
»Wollen wir doch mal sehen. Wie ist denn Ihr Name?«
»Meischner«, erwidert der Mann hinter dem Tor. »Hugo Meischner.«
»Meischner, Meischner«, flüstert Sid und fährt mit seinem Zeigefinger über die Liste. »Ah, hier sind Sie ja.«
»Sehr schön, dann können Sie mich ja nun endlich eintreten lassen.«
»Tut mir leid, das können wir tatsächlich nicht.«
»Aber warum denn!?«, reagiert der Mann mit dem Doppelkinn nun ungehalten. »Ich erfülle doch alle Voraussetzungen!«
»Sehen Sie? Hier«, entgegnet Sid und zeigt dem Mann die Liste.
»Hier steht, dass Sie Bischof sind. Somit haben Sie hier in der heiligen Stadt keinen Zutritt. Ganz einfach.«
»Aber ich habe doch immer nach dem Wort des Herrn gelebt!«
»Wissen Sie, was mich richtig nervt?«, fragt Sid und schiebt sein Gesicht ganz nah an das Gitter heran. »Es nervt mich, dass wir diesen Mist immer und immer wieder zu hören bekommen. Ich weiß nicht, warum Sie und ihre Bande dort unten in Palästen leben, während Menschen verhungern. Warum Ihre Gotteshäuser vor Gold nur so stinken und andere Menschen im Dreck leben. Zweitausend Jahre Korruption, Gier und Schlimmeres und trotzdem taucht ihr immer wieder hier an unserem Tor auf! DAS nervt mich. Und ich sage Ihnen jetzt das, was ich all den anderen auch schon gesagt habe. SIE SIND HIER NICHT WILLKOMMEN. Und jetzt zischen Sie ab, Bischof.«
Der Mann hinter dem Tor ist sprachlos. Seine Lippen beben.
»Aber so steht es doch geschrieben!«
»Sie und die anderen sollten unbedingt dieses Buch besser lesen. Und jetzt hauen Sie ab!«
»Genau!«, ruft Balduin und wendet sich vom Tor ab. Die drei Engel gehen einen Schritt beiseite und ignorieren den Bischof.
»Ach Sid«, flüstert Balduin und zerrt an seinem Gürtel rum. »Ich ertrage diesen Job nicht mehr. Die ständigen Diskussionen, immer wieder die alte Leier.«
»Wenn du möchtest, können wir gerne tauschen. Im Garten Eden hast du wenigstens deine Ruhe.«
»Oh Himmel, nein. Das ist ja noch schlimmer. Bei allen Chören, das würde ich ums Verrecken ...«
»Ja, schon gut«, unterbricht Tiberius Balduin. »Ich denke, wir haben dich verstanden. Sid, wir müssen uns langsam beeilen, die Wäschekammer schließt bald.«
Die beiden Brüder machen sich auf den Weg und lassen den untersetzten Torwächter zurück. Der wirft eine Magentablette ein und widmet sich wieder seiner Arbeit. Sein Gürtel scheint bald seinen Geist aufzugeben.
Als die beiden Engel auf die Hauptstraße kommen, liegt die Wäschekammer direkt auf der gegenüberliegenden Seite.
»Komm, Sid, wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren.«
Beim Öffnen der Tür schlägt diese gegen ein kleines Glöckchen. In der Wäschekammer liegt Feuchtigkeit in der Luft und es ist heiß.
Hinter dem Tresen steht eine Frau und blättert in einem Auftragsbuch. Ihr silbernes Haar ist zu einem Dutt gebunden, die Gesichtszüge streng. Sie trägt eine Brille, an deren Bügeln eine goldene Kette baumelt und ihre Nägel sind knallrot lackiert.
Als Sid und Tiberius eintreten, wirft sie beiden über den dunklen Rand ihrer Brille hinweg einen eisigen Blick zu.
»Hallo Margo«, ruft Tiberius freundlich und tritt an den Tresen heran.
»Was willst du?«, erwidert die forsch. »Ich habe dir gesagt, dass ich dich hier nicht nochmal sehen will. Wasch deine Unterwäsche gefälligst selbst.«
»Die freut sich ja richtig, dich zu sehen«, flüstert Sid seinem Bruder zu.
»Sie hat mir die Sache mit ihrer Katze noch nicht verziehen. Das Vieh lag in einem der Wäschesäcke und ist mit in einer der Maschinen gelandet.«
»Lebt sie noch?«
»Was ist das denn für eine bescheuerte Frage? Wir sind hier im Himmel. Keiner von uns lebt.«
»Schon gut, hat sie es überstanden?«
»Sie hat ihr Fell verloren.«
»Sie ist nackt!? Wie ist das denn passiert!?«
»Sehe ich vielleicht aus wie ein Tierarzt? Was weiß ...«
»Seid ihr beiden Klatschweiber jetzt fertig?«, unterbricht Margo das Gespräch der Brüder. »Nochmal, was willst du hier?«
Tiberius hebt beschwichtigend die Hände.
»Entschuldige. Wir beide wurden hergeschickt, um zwei neue Gewänder abzuholen. Der Metatron müsste sie in Auftrag gegeben haben.«
Margo leckt über ihren Zeigefinger und fährt damit über die Seiten ihres Auftragsbuchs.
In diesem Moment springt eine Katze auf den Tresen. Sie trägt einen Strickpullover mit Blumenmuster. Ihr Kopf ist nackt, bis auf ein paar Fellbüschel, die hier und da wie Flicken aussehen.
Tiberius zuckt zusammen.
»Oh, da ist ja der kleine Schatz«, sagt er mit liebevollster Stimme und will der Katze über Kopf streicheln. Das Tier faucht und schlägt mit ihrer Tatze zu. Der Erzengel zieht die Hand schnell wieder zurück.
Margo fährt mit ihrem Finger über die Zeilen.
»Ah, hier seid ihr beiden Spinner ja«, schnauft sie verächtlich und schlägt das Buch wieder zu. »Ich hole eure Gewänder. Und Finger weg von meiner kleinen Cherry.«
Eine Minute später kommt Margo mit den beiden Gewändern wieder zurück zum Tresen.
»Hier. Und jetzt raus hier.«
»Danke, meine Liebe«, antwortet Tiberius freundlich und zieht Sid am Ärmel. »Wir danken dir vielmals.«
Als die beiden Engel die Tür öffnen, hören sie die Katze noch ein letztes Mal hinter sich fauchen.
Kapitel 02: Vorbereitung ist alles
»Warst du schon mal im Ministerium?«, fragt Sid seinen Bruder, während die beiden die lange Eingangshalle entlanglaufen.
Tiberius zuckt kurz mit den Schultern.
»Nur einmal. Mir war damals das Glas mit der Pest umgefallen und über Europa ausgelaufen. Das gab ganz schön Ärger.«
»Ach ja, ich erinnere mich«, nickt Sid verständnisvoll. »Du hast für deinen Bericht gut drei Wochen gebraucht.«
Als die beiden Erzengel das Tor zur Haupthalle erreichen, baut sich ein riesiger Kerl vor ihnen auf. Er ist knapp zwei Köpfe größer als die Brüder, trägt eine schwarze Rüstung und eine silberne Klappe über dem linken Auge. Sein Blick ist streng und seine Haltung militärisch.
»Halt«, bellt er und streckt seine Hand dabei aus. »Ihr Begehren?«
»Ganz ruhig, Großer«, sagt Tiberius und zwinkert freundlich. »Wir werden erwartet. Und zwar von höchster Stelle.«
Die Wache mustert die beiden Engel skeptisch.
»Namen?«
»Tiberius und Salomon Ignacius Domenicus.«
Die Wache holt eine Liste hervor und wirft einen finsteren Blick darauf.
»Ah«, grummelt der Riese. »Hier stehen Sie. Können Sie sich ausweisen?«
Tiberius und Sid tauschen unsichere Blicke aus.
Die Wache starrt beide ungeduldig an.
»Hören Sie, ich kann Sie nicht reinlassen, wenn Sie sich nicht ausweisen können, oder eine gültige Einladung vorlegen.«
»Himmel, ich hasse diese Bürokratie«, flüstert Sid und tastet auf der Suche nach seinem Ausweis sein Gewand ab.
Auch Tiberius wühlt in seinen Taschen herum, doch die Brüder tragen nichts bei sich, was beweisen könnte, dass sie sind, wer sie sind.
»Schon gut, Ruben«, mischt sich der Metatron ein und stellt sich neben die beiden Brüder. »Diese Herren haben einen wichtigen Termin mit ihm.«
Die Wache hebt verwundert die Augenbrauen.
»Mit ihm? Das ist ja Wahnsinn! Er hat so lange nicht gesprochen und jetzt hat er sich zu Wort gemeldet? Das ist fantastisch! Aber was will er von den zwei Vögeln?«
»He!«, protestiert Sid, doch der Metatron kommt ihm zuvor.
»Lass das mal meine Sorge sein, Ruben. Oder willst du seine Entscheidung in Frage stellen?«
»N-nein, Sir. Auf keinen Fall, Sir«, stammelt die Wache, geht einen Schritt beiseite und öffnet das große Haupttor.
»Sehr weise, mein lieber Ruben«, nickt der Metatron zufrieden und deutet den Brüdern an, ihm zu folgen.
In der Haupthalle herrscht reges Treiben. Überall rennen Engel mit Akten und Papieren umher. Es riecht nach Weihrauch und Kaffee und riesige Kronleuchter tauchen die gesamte Halle in kühles Neonlicht. Die unverkennbaren Geräusche von Druckern und Aktenvernichtern erfüllen den Raum und es ist unglaublich warm.
»Meine Güte«, staunt Tiberius und schaut sich um. »Hier wurde also das Burnout erfunden?«
Der Metatron würdigt den Engel keines Blickes und führt beide weiter durch die Gänge.
»Wir legen hier sehr viel Wert auf Effizienz. Ein Paradies zu führen ist harte Arbeit, nichts womit ihr beide euch auskennt.«
»Ich kümmere mich um den Garten«, erwidert Sid mürrisch. »Erzähl mir nichts von harter Arbeit. Und wenn wir schon dabei sind. Ihr könntet mal ein paar neue Werkzeuge und Geräte besorgen.«
»Tut mir leid«, sagt der Metatron und biegt um eine Ecke herum. »Dafür ist die nächsten zweihundert Jahre kein Budget vorgesehen. Wir müssen derzeit viel reinvestieren, um das Wetter zu regulieren und die Abfindungen für die heilige Streitmacht sicherzustellen.«
Ein letztes Mal biegt der Metatron ab und Sid und Tiberius folgen ihm wortlos. Dann erreichen sie eine Tür. Sie ist klein und nicht gerade prunkvoll.
»Das ist sein Büro?«, fragt Tiberius unsicher. »Ich hatte mir das etwas pompöser vorgestellt.«
»Mach dich nicht lächerlich, Erzengel. Das ist das Büro des Leiters des Ministeriums. Ihr könnt nicht direkt mit ihm sprechen, Eure Köpfe würden beim Klang seiner Stimme platzen. Aber hier werdet ihr alles zu eurer Aufgabe erfahren. Ich gehe derweil einen Kaffee trinken und ein wenig mit Janice aus der Buchhaltung reden.«
Sid schaut dem Metatron nach. Dieser Kerl ist ihm genauso suspekt wie das ganze Ministerium.
»Tja, dann wollen wir wohl mal«, sagt er zu Tiberius und klopf gegen die Tür.
»Hereinspaziert!«, erklingt von drinnen eine fröhliche Stimme.
Sid öffnet die Tür und betritt das Zimmer. Es ist gestaltet wie eine Kifferhöhle aus den sechziger Jahren. Alles ist bunt und wirkt spirituell und psychedelisch.
»Wow, das ist ja wie ein schlechter Trip«, sagt Tiberius und starrt einen der Wandteppiche an, auf dem ein wildes Muster zu sehen ist.
Ein Mann kommt den beiden entgegen und macht mit den Fingern ein Friedenszeichen zur Begrüßung.
»Willkommen, meine Brüder«, ruft er mit einer süßen Singsangstimme und zeigt dabei sein breitestes Lächeln. »Ich bin Stanley, der Leiter dieses Ministeriums.«
Sid hebt ebenfalls seine Hand zum Gruß.
»Hi ... äh ... Stanley. Ich bin Salomon, aber du kannst mich Sid nennen. Und das hier ist mein Bruder Tiberius.«
Der nickt dem Ministeriumsleiter kurz zu und ringt sich ein Lächeln ab.
»Ich weiß, ich weiß«, antwortet Stanley und zündet ein paar Räucherstäbchen an. »Ich bin voll im Bilde, was euch beide angeht. Er hat mir einen vollständigen Bericht zukommen lassen und die ganze Projektzuteilung überlassen. Ich weiß alles, ich sehe alles und ich kann alles besorgen.«
Unbehagliche Stille.
»Das war nur ein kleiner Scherz, Jungs. Ihr müsst euch locker machen! Wir haben viel vor und ich will eure Motivation spüren. Wie wäre es mit einer Siara-Massage?«
»Vielleicht später«, lehnt Sid dankend ab. »Könnten wir vielleicht einfach zum Punkt kommen? Versteh‘ mich nicht falsch, Stanley, aber Tiberius und ich sind noch nicht ganz so gut im Bilde.«
»Ach natürlich«, winkt der Ministeriumsleiter ab und kichert dabei wie eine Henne. »Dann schnappt euch mal ein Sitzkissen und wir reden über eure Aufgabe.«
Die beiden Engel lassen sich auf zwei große, braune Sitzsäcke fallen und sinken darin ein.
Stanley läuft um seinen Tisch herum und greift nach einer Akte. Auf der Hülle sind Abdrücke einer Kaffeetasse zu sehen und etwas Asche rieselt davon herunter. Dann lässt auch er sich in einen Sitzsack fallen und schlägt die Akte auf.
»Mhm ... mhmmmm ... mhmhmmmmm ...«, murmelt er vor sich hin und überfliegt die Zeilen. »Also, wie ihr ja wisst, wollen wir die Menschheit auslöschen. Dieses Projekt braucht viel Vorbereitung. Und für mich bedeutet das alles einen riesigen Haufen Papierkram. Aber nun gut, dafür sind wir ja da, nicht wahr?«
»Und was genau ist denn jetzt unsere Aufgabe dabei?«, fragt Sid und rutscht dabei in seinem Sitzsack hin und her.
Stanley lehnt sich nach vorn.
»Ganz einfach, meine Brüder. Ihr seid quasi die Projektmanager bei dieser ganzen Geschichte. Ihr habt freie Hand bei der Gestaltung der Apokalypse. Feuer, Wasser, explodierende Sonnen ... völlig egal. Wichtig ist nur, dass ihr gründlich seid und die Rahmenbedingungen einhaltet.«
»Und die wären?«
»Die Klassiker. Wir benötigen die vier Reiter, das Flammenschwert und einen gültigen Vertrag mit dem Fürsten der Finsternis, Luzifer.«
Sid kneift die Augen zusammen.
»Und was ist der Haken dabei?«
»Es gibt keinen. Das ist ein Arbeitseinsatz, kein Geschäft. Er hat das Sagen und ihr führt es aus. So war es immer und so wird es immer sein, kapiert?«
Sid und Tiberius nicken. Trotzdem haben sie weitere Fragen.
»Warum will er jetzt eigentlich die Apokalypse? Ich meine, erst hört man ewig nichts von ihm und dann so eine Aufgabe. Das kommt ganz schön plötzlich. Zumal er die Menschen doch immer so verhätschelt hat.«
Stanley lehnt sich zurück und reibt sich die Hände.
»Habt ihr euch in letzter Zeit mal angeschaut, wie es bei den Menschen zugeht? Das ist nicht mehr zu ertragen. Diese Fleischsäcke nerven einfach nur noch. Wir haben uns das alles lange genug angeschaut und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es jetzt reicht. Egal was wir unternommen haben, die Menschen lernen einfach nicht. Meine Güte, muss ich euch daran erinnern, was sie mit seinem Sohn angestellt haben? Sowas machen die ständig.«
Die beiden Brüder tauschen verständnisvolle Blicke aus.
»Na gut«, erwidert Tiberius. »Also machen wir uns wohl mal an die Arbeit. Aber wo fangen wir an?«
»Das«, fährt Stanley fort, »liegt ganz bei euch. Ihr habt zwei Wochen Zeit, dann ist dieser Planet so leer wie meine Kaffeetasse hier. Und nun raus mit euch, ihr Racker. Ich habe gleich noch ein Meeting mit dem Gremium zum Ausbau des Südflügels vom Universum. Dort geht alles drunter und drüber.«
Tief im Reich der Finsternis liegt die Burg von Luzifer, dem Herr der Qualen. Mächtige Türme ragen wie schauerliche Grabsteine in die Höhe und ein breiter Lavastrom umschließt das Gebäude.
Das gesamte Bauwerk ist aus Knochen errichtet und der Eingang besteht aus einem mächtigen schwarzen Tor in Form eines Totenschädels.
Links und rechts neben dem Eingang ragen zwei massive Säulen in die Höhe, welche von blühenden Schlingpflanzen umrankt werden. Auf den Säulenspitzen stehen Blumenkübel mit wunderbaren Sonnenblumen und Lilien.
Es riecht nach Schwefel und verbranntem Fleisch.
Die Schreie und das Stöhnen von unzähligen gefolterten Kreaturen sind zu hören. Doch trotz all der lodernden Flammen ist es eiskalt.
Ein Schatten huscht durch die Dämmerung ins Innere der Burg und durchquert den Innenhof.
Es ist Sorak, einer der Spione des Teufels. Ein buckeliger, glatzköpfiger, einäugiger Speichellecker, der hinterlistiger nicht sein könnte.
Hastig nähert er sich der Haupthalle und betritt diese.
»MEISTER!«, ruft Sorak mit krächzender Stimme und bleibt am Fuß der großen Haupttreppe stehen. In der Burg ist es so abartig warm, dass der Spion Mühe hat, tief durchzuatmen. Schweiß bedeckt die ganze Glatze.
»MEISTER!«, wiederholt sich Sorak.
»WAS ZUR HÖLLE IST DENN!?«, ertönt plötzlich eine grollende Stimme.
Am oberen Ende erscheint plötzlich eine Gestalt. Es ist der Hausherr. In all seiner infernalischen Pracht steht Luzifer dort oben und schaut mürrisch auf Sorak herab.
Der Fürst der Hölle trägt eine Grillschürze mit der Aufschrift hell is where the heart is und hält einen riesigen Löffel in der Hand. Genervt schnauft er durch seine Schweinenase.
»Sorak! Wie oft muss ich es noch sagen? Ich will nicht gestört werden, wenn ich die Sünder zubereite! Ich habe ein paar Gangmitglieder auf dem Herd stehen. Wenn die nicht ständig gerührt werden, sind sie ungenießbar.«
»GNADE! ES TUT UNS LEID!«, schreit es schmerzerfüllt aus der Küche.
»DAS HÄTTET IHR EUCH FRÜHER ÜBERLEGEN SOLLEN!«, ruft Luzifer über seine Schulter hinweg. »UND JETZT RUHE! ICH KOMME GLEICH!«
»Es tut mir leid, mein Herr«, entschuldigt sich der Spion demütig und verbeugt sich dabei so weit, dass er mit der Stirn beinah den Steinboden berührt. »Aber ich habe wichtige Neuigkeiten. Von ganz oben.«
Luzifer kneift die Augen zusammen und spitzt seine Fledermausohren.
»Wenn du sagst von ganz oben, meinst du dann von ihm?«
»Jawohl, mein herrlichster Herr der Schmerzen.«
»Hör auf mit dem schleimigen Gewäsch! Er hat seit tausend Jahren nicht gesprochen! Also, spann mich nicht auf die Folter! Raus damit!«
»Ich hatte mich unter sein Federvieh gemischt und habe bei den Gesprächen mitgehört, dass er wohl die Apokalypse der Menschheit einleiten will, mein Herr der Dunkelheit.«
Die Augen Luzifers weiten sich. Sein Maul steht vor Verblüffung offen und er denkt gar nicht mehr an seine Gangmitglieder. Dann schlägt er freudig die Hände ineinander.
»Bist du dir sicher, Sorak? Kein Zweifel?«
Der Spion schüttelt sanft den Kopf und lächelt dabei teuflisch.
»Ich bin mir ganz sicher, oh mein infernalischer Imperator. Ich habe gehört, wie der Metatron mit der Verkündung beauftragt wurde. Es ist ganz klar, der Chef macht den Laden Erde zu.«
»Sorak! Weißt du, was das für uns bedeutet?«, ruft Luzifer freudestrahlend und reibt dabei seine Hände. »Wir sind wieder im Geschäft! Er kann die Menschheit nicht ohne mich auslöschen! Er ist gezwungen, sich wieder mit mir an einen Tisch zu setzen!«
»Ja, mein dunkler Prinz aller Schmerzen. Ihr habt wieder die Möglichkeit, ins Himmelreich zurückzukehren.«
»Was? Bist du irre? Ich will doch nicht wieder da hoch. Da oben ist alles so voller Liebe, dass man nur noch kotzen möchte. Außerdem bin ich hier unten das Maß aller Dinge. Hier unten bin ICH das Gesetz, nicht er!«
Dabei wedelt Luzifer bedrohlich mit dem Zeigefinger.
»Oh nein, Sorak. Ich will viel mehr. Ich will eine Entschuldigung! Er hat mich fallen lassen. Das kann doch nicht sein! Millionen Jahre lang habe ich mir als Erzengel den Arsch aufgerissen und zack, einen kleinen Verrat später, wird man gleich aussortiert!? In was für einer Welt leben wir denn? Das ist doch Willkür! Allen wird ständig vergeben und ich soll aber die volle Strafe aussitzen? Nicht mit mir, Sorak, nicht mit mir!«
Der Spion nickt nur stumm. Er kennt diese Monologe seines Herrn nur zu gut und weiß, dass es nicht klug ist, sich da einzumischen.
»Wir werden uns vorbereiten müssen, Sorak«, fährt der dunkle Fürst fort. Er wird jemanden schicken, um mit mir zu verhandeln. Wahrscheinlich wird er den cleversten Strategen aus den Reihen der Erzengel schicken. Darauf müssen wir vorbereitet sein. Vielleicht schickt er Danyel. Oder sogar Uzyel. Eventuell auch Azazyel. Wie dem auch sei, wir werden meine Forderungen direkt aufsetzen.«
»Jawohl, mein düsterer Gebieter der Flammen«, erwidert Sorak und holt einen Block und einen Stift unter seiner Kutte hervor. »Gibt es etwas, was ich vorher erledigen kann?«
Nachdenklich läuft Luzifer die Treppe hinunter, kratzt sich dabei am Kinn und murmelt vor sich hin. Unten angekommen denkt er noch kurz im Stillen nach. Dann kommt ihm ein Geistesblitz.
»Oha«, platzt es aus ihm heraus. »Er kann die Apokalypse nicht ohne das Flammenschwert durchführen.«
Sorak presst die Lippen aufeinander.
»Meint Ihr das Flammenschwert, was Ihr bei Eurem Rauswurf geklaut habt?«
Luzifers Mine verdunkelt sich. Dann nickt er mürrisch.
»Verdammt, das konnte ja keiner ahnen. Das Ding hatte schon Staub angesetzt und niemand von uns hat noch daran geglaubt, dass es jemals benutzt werden würde. Er hat seine menschlichen Schäfchen doch immer so sehr in Schutz genommen.«
»Und was machen wir jetzt?«, flüstert Sorak. »Er wird das sicherlich nicht lustig finden mit dem Schwert.«
»Wir pokern, Sorak. Passiert ist passiert und wenn er es wirklich ernst meint, wird er das Schwert wohl quasi freikaufen müssen.«
Dabei lacht Luzifer so diabolisch, dass es sich beinah vor sich selbst erschreckt.
Der buckelige Spion rümpft die Nase.
»Riecht es hier verbrannt?«
»Mach dich nicht lächerlich, Sorak. Das ist die Hölle. Hier riecht es immer so.«
»Nein, mein dunkler Engel der Finsternis, es riecht irgendwie anders verbrannt.«
»Ach, verdammt! Die Gangmitglieder!«
Sid und Tiberius sitzen am Bahnhof und warten auf ihren Zug. Seitdem der Herr ein Flugverbot für alle Engel erteilt hat, ist das Reisen deutlich umständlicher geworden.
»Hast du gar keine Tasche?«, fragt Tiberius und mustert Sid dabei.
»Für was denn? Wir sind Engel, wir brauchen doch nichts.«
»Das mag sein, aber wenigstens eine Zahnbürste und frische Unterwäsche sollte doch auch ein Engel immer dabei haben, oder nicht?«
»Pfff«, winkt Sid ab. »Ich habe nicht vor, das Ganze ewig in die Länge zu ziehen. Wir haben doch einen Plan. Fünf bis sechs Stunden, dann dürfte das alles erledigt sein.«
»Du willst in sechs Stunden die komplette Apokalypse organisieren? Das klingt etwas unrealistisch.«
»Bruderherz, du denkst zu klein. Wir sind Erzengel. Apokalypsen gehören doch quasi zu unserem Alltag. Wir sind Organisationsmaschinen. Talente!«
»Aber die Fahrt zu den vier Reitern dauert schon knapp zwei Stunden«, gibt Tiberius zu bedenken.
»Jetzt beruhig dich mal. Wir fahren einfach bis zur Stadtgrenze und ab da fliegen wir selbst.«
»Bist du verrückt geworden!?«, zischt Sids Bruder flüsternd. »Du kannst dich doch nicht schon wieder über ein Verbot hinwegsetzen! Wenn er das erfährt, sind wir beide dran.«
»Das denke ich nicht. Er will seine Apokalypse? Dann bekommt er sie auch. Mir wurde gesagt, dass wir Freiraum in der Gestaltung haben und wenn ich denke, dass es effizienter ist, zu fliegen, dann kann er ja wohl kaum etwas dagegen sagen, richtig?«
Tiberius hebt die Augenbrauen und starrt einen Moment lang vor sich hin. Er kann seinem Bruder nicht immer etwas zugestehen, aber diese Argumentationskette wirkt doch sehr stabil.
»Na schön, ich vertraue dir. Aber wenn er ausflippt, schiebe ich alles auf dich.«
»Das ist ein Deal.«
In diesem Moment fährt der Zug ein. Es ist eine alte Dampflok, die so viel Rauch ausspuckt, dass der Bahnhof einen Moment lang verdunkelt wird. Quietschend und dröhnend kommt das eiserne Schwergewicht zum Stehen und öffnet schnaufend seine Türen.
Die beiden Engel erheben sich und steigen in den ersten Wagen ein.
Im Inneren des Zuges herrscht reges Getümmel. Sid und Tiberius schieben sich an den anderen Reisenden vorbei und lassen sich auf einem Zweierplatz fallen.
»Man«, beschwert sich Sid. »Warum sind diese Züge eigentlich so beschissen für Engel. Man weiß immer gar nicht, wohin mit den Flügeln. Alles ist eng und unbequem.«
»Jetzt hör mal auf zu heulen. Knick die Dinger etwas ein und setzt dich auf das untere Ende drauf.«
»Das sagst du so leicht. Du mit deinen kurzen Hühnerflügeln hast ja diese Probleme nicht, aber ich, mit meinen mächtigen Schwingen, habe immer wieder damit zu kämpfen. Er hätte uns ruhig noch zwei Gelenke mehr geben können. Dann könnte ich sie zweimal falten und gut.«
»Halt die Klappe und setz dich endlich hin. Ich hoffe, dass ich dieses Gejammere nicht die ganze Reise über ertragen muss. Und es kommt übrigens nicht auf die Größe an, sondern wie man damit fliegt«.
Tiberius wühlt in einer Tasche seines Gewands herum und holt einen kleinen Notizblock hervor.
»Also«, beginnt er und schiebt sich eine Lesebrille auf die Nase. »Wir sollten unseren Plan nochmal durchgehen und festhalten.«
»Ah, Herr Oberschlaumeier will wieder eine Liste erstellen«, erwidert Sid und lehnt sich entspannt zurück.
»Mach dich nicht lustig. Wenn es nach dir ginge, würden wir beide wieder völlig kopflos ins Geschehen rennen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was wir eigentlich tun. Wir sind jetzt erwachsen, Sid. Erwachsene machen Pläne.«
»Ist ja gut. Dann schieß mal los.«
Tiberius leckt kurz an der Mine seines Kugelschreibers und notiert den ersten Stichpunkt.
»Die vier Reiter rekrutieren«, murmelt er vor sich hin. »Und weiter?«
»Na ja«, sagt Sid und gähnt dabei. »Dann müssten wir das Flammenschwert besorgen.«
»Das Flammenschwert«, wiederholt Tiberius und kritzelt auch das auf den Block.
»Dann geht es ab zum Höllenfürsten. Der Vertrag und so weiter.«
Tiberius nickt zustimmend und setzt einen neuen Stichpunkt.
»Die Trompeten dürfen wir nicht vergessen«, ergänzt er. »Wir müssen schauen, wer die spielt.«
»Guter Einwurf«, antwortet Sid. »Was noch?«
»Na, wir brauchen auf jeden Fall noch eine ganze Menge Heuschrecken, müssen die Meere in Blut verwandeln, die Sonne etwas aufdrehen und ein richtig dickes Erdbeben auslösen.«
»Stimmt«, nickt Sid. »Und wir müssen die letzte Schlacht zu Harmagedon vorbereiten, das wird auch nicht einfach werden. Da brauchen wir dann ja auch das Flammenschwert.«
»Genau.«
»Puh, das klingt doch alles nach einer Menge Arbeit.«
»Ich habe dir doch gesagt, dass du wenigstens eine Zahnbürste dabei haben solltest.«
Vom Bahnsteig her ist das schrille Pfeifen des Schaffners zu hören und mit einem kräftigen Ruck setzt sich die Lok in Bewegung.
Stumm liest sich Tiberius noch mal alle Stichpunkte durch. Dann stutzt er.
»Denkst du, wir brauchen noch jemanden, der die ganze Sache auf der Erde verkündet?«
Sid schaut seinen Bruder skeptisch an.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine damit, dass wir die doch nicht einfach so überrumpeln können. Klar, es sind nur Menschen, aber denkst du nicht, dass sie es verdient haben, zu erfahren, warum sie untergehen?«
»Mutter hat schon immer gesagt, dass du zu weich bist«, erwidert Sid und lehnt sich wieder zurück.
»Wir haben gar keine Mutter, du Trottel.«
»Ich weiß, aber das sagt man doch so. Warum sollten wir uns die Mühe machen und die Menschheit darauf vorbereiten? Das alles geht doch so schnell, dass die das nicht mal mitbekommen. Und wenn wir mal ehrlich sind, in ein paar Jahrzehnten haben die das auch ohne unsere Hilfe geschafft.«
»Ja, das mag sein, aber ich denke trotzdem, dass man es ihnen verkünden sollte. Nenn mich einen Träumer, aber ich denke da eher traditionell.«
Sid atmet schwer durch und lässt die Schultern hängen.
»Na schön, Tiberius. Wie lautet dein Vorschlag? Will du der Kirche Bescheid geben? Sollen die das erledigen?«
»Was? Um seines Willen, nein! Die haben doch in den letzten zweitausend Jahren nichts auf die Reihe bekommen. Wir brauchen jemanden, der authentisch ist. Jemanden, dem die Menschen glauben und vertrauen.«
»Und wer soll das sein?«
»Keine Ahnung, ich kenne die ja jetzt auch nicht alle beim Namen. Einer könnte so gut sein wie der andere.«
»Dann lass doch einfach das Glück entscheiden.«
»Du willst so eine wichtige Aufgabe dem Glück überlassen?«
»Hast du einen besseren Vorschlag?«
Tiberius schüttelt den Kopf.
»Aber!«, wirft er dennoch ein. »Ich finde, wir sollten dem Auserwählten jemanden an die Seite geben. Nur zur Sicherheit.«
Ein untersetzter Herr mit Schnauzer schiebt einen Wagen durch das Abteil, auf dem geschmierte Brote und diverse Getränke liegen. Er stoppt bei den beiden Engeln und lächelt sie freundlich an.
»Möchten die Herren etwas essen oder trinken?«
»Nein, danke«, lehnt Tiberius ab und der Mann mit Schnauzer wendet sich dem nächsten Fahrgast zu.
»Wir sollten Larry fragen«, wirft Sid ein.
»Ist der nicht mit diesem Drachentempel auf der Erde beschäftigt? Der bewacht den doch, oder?«
»Ja, aber da kommt so selten mal jemand vorbei, dass es ihm oft langweilig ist. Er hat mir mal gesagt, er würde sich gern weiterentwickeln. Außerdem ist er der beste Wandler, den ich kenne. Er kann sich so ziemlich in allem festsetzen.«
Tiberius nickt und holt sich dabei das Bild einer steinernen Schlange vor Augen, in die sich Larry derzeit immer verwandelt.
»Das ist gar keine schlechte Idee, Sid. Wir sollten ihn fragen. Das können wir gleich jetzt erledigen.«
»Warum die Eile? Lass uns doch erstmal den Rest erledigen.«
»Nein, das sollten wir jetzt schon machen. Du kennst doch die Menschen. Die fressen nicht immer gleich alles, was man ihnen hinwirft. Es wird eine Weile brauchen, bis die schnallen, dass wir es ernst meinen.«
»Ja, du hast recht«, stimmt Sid seinem Bruder zu und holt einen kleinen Spiegel unter seiner Kutte hervor. Er tippt kurz auf dem Glas herum und plötzlich verändert sich die Oberfläche. Ein weißer Fetzen Nebel ist darauf zu sehen.
»Ja?«, sagt die weiße Wolke mürrisch.
»Hey, Larry«, ruft Sid mit der süßesten Stimme, die ihm möglich ist.
»Was willst du? Ich bin gerade beschäftigt. Der Tempel, den ich bewache, wird gerade angegriffen.«
»Ich hätte da mal eine Frage. Du hast mir doch erzählt, dass du gern mal etwas Abwechslung hättest. Also, ich hätte da ein Angebot für dich.«
Der Nebel ist einen Moment lang still.
»Und was wäre das, Sid?«
»Du kannst uns bei einer großen Sache helfen und kommst mal in einen anderen Körper. Wie klingt das?«
»Treib keine Spielchen mit mir, Sid. Beim letzten Mal, als du mir das versprochen hast, steckte ich sechzig Jahre in einem Seestern fest!«
»Ich weiß, Larry, das tut mir auch leid, aber diesmal ist es anders. Der Auftrag kommt direkt von ganz oben.«
Wieder herrscht Stille.
»Ich brauche jemanden, der einem menschlichen Propheten hilft, das Ende der Welt zu verkünden«, lässt Sid die Bombe flüsternd platzen.
Im Spiegel sieht man deutlich, wie ein Schaudern durch die Nebelwolke geht.
»Das Ende der Welt? Oh man, das klingt ja aufregend! Wo ist dabei der Haken?«
»Es gibt keinen. Wir suchen jemanden aus und du fährst zu Erde hinab und stehst demjenigen mit Rat und Tat zur Seite. Du kannst ja den Körper eines Freundes nutzen. Oder eines Familienangehörigen. Das überlassen wir dir.«
Larry denkt eine Weile nach.
»Ich mache es«, sagt er dann. »Ich wollte mich schon immer mal in einem Menschen einnisten. Ich habe gehört, dass die ziemlich kompliziert sein sollen. Das klingt nach einer Menge Spaß.«
»Prima, dann sind wir uns ja einig. Wir melden uns bei dir!«, ruft Sid und wischt mit dem Finger über die Spiegelfläche. Das Bild verschwindet.
»Zufrieden?«
Tiberius nickt stolz.
»Dann los. Ich habe hier eine Namenskartei auf meinem Spiegel. Ich lasse die Liste durchlaufen und du tippst auf irgendjemanden, das wird dann unser Prophet.«
Sid hält Tiberius die Spiegel hin, der schließt die Augen und tippt mit dem Finger auf das Glas.
»Na, dann schauen wir doch mal, wer das glückliche Menschlein ist, dass das Ende aller Tage verkünden darf. Oh, sieh an, ihr Name ist...«
Mandy Weiler steht in einer langen Schlange am Postschalter und ist sichtlich genervt. Es geht mal wieder so langsam voran, dass sie das Gefühl hat, spüren zu können, wie sie altert. Unter ihrem Arm trägt sie ein Paket gefüllt mit getragenen Socken. Ihr schwarzes Haar hat sie zu einem zerzausten Zopf gebunden und ihr Augen-Make-Up ist ein wenig verschmiert.
Mandy ist seit ein paar Monaten etwas neben sich. Eigentlich war sie immer eine von der cleveren Sorte, die ihr Leben fest im Griff hatte und ihre Ziele kannte, doch vor einer Weile hat sich das alles geändert. Ihren Job in der Bank hat sie verloren und mit ihrer Familie hat sie sich überworfen. All das passierte so schleichend, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, dass ihr Leben Stück für Stück aus der Spur glitt. Seitdem arbeitet sie nachts in einer Bar und verdient sich ein wenig Extrageld, indem sie getragene Socken an schräge Typen aus dem Internet verkauft. So vermittelt sie es jedenfalls auf ihrer Internetseite, aber in Wirklichkeit legt sie die Socken immer nur in das Körbchen ihres Katers, der sich dann darauf herumräkelt und ihnen diesen unvergleichlichen Duft verleiht. Aber das Geld dafür stimmt und sichert Mandy die monatliche Miete.
»Der Nächste!«, brüllt es unfreundlich hinter einem der Schalter hervor, doch der Mann im schwarzen Anzug vor Mandy reagiert nicht und starrt in sein Telefon.
»Man, beweg dich, oder sollen wir hier alle verhungern?«, sagt Mandy und stößt den Kerl dabei mit dem Knie in den Hintern. Der ist davon so irritiert, dass er es nicht wagt, etwas dagegen zu sagen. Irgendwie beschleicht ihn das Gefühl, sich mit dieser jungen Frau lieber nicht anzulegen.
Mandys Telefon vibriert in ihrer Tasche. Genervt von der ganzen Situation stellt sie das Paket neben sich ab und holt das Handy hervor.
»Ja?«
Am anderen Ende erklingt eine männliche Stimme. Es ist Chris, ihr Freund. Wie immer klingt er irgendwie nervös.
»Hey Babe, wann kommst du?«
»Ich bringe nur noch das Paket weg und mache mich dann auf den Heimweg.«
»Kannst du noch ein paar Sachen mitbringen?«
»Was? Du solltest doch einkaufen gehen, Chris! Ich kann mich nicht um alles kümmern! Du bist zuhause. Was hast du denn getrieben?«
»Hey, Babe. Beruhig dich. Ich bin etwas blank, das weißt du doch.«
Mandy verdreht die Augen.
»Vielleicht gehst du einfach mal arbeiten, Chris. Das würde einiges erleichtern.«
»Hey Babe, mach dich doch mal locker. Ich hab da noch dieses Video, was ich für meinen Account drehen muss. Komm schon, du bist doch meine Süße.«
Mandy lässt resignierend die Schultern hängen.
»Das bist du doch, oder?«, fragt Chris weiter nach und seine Stimme klingt dabei so rau und lieblich.
»Jaaa, das bin ich«, gibt Mandy auf und lächelt.
»Na siehst du. Also alles gut mit uns?«
»Ja, alles gut.«
»Ich liebe dich, Babe.«
»Ich dich auch, Chris.«
»Bis später.«
Mandy wischt über das Telefon und seufzt. Sie ärgert sich. Immer wieder verfällt sie Chris seiner charmant lockeren Art. Dabei weiß sie eigentlich, dass er wahrscheinlich der Grund allen Übels ist. Er hat keinen Job, ist ständig unterwegs und zuhause sitzt er eigentlich nur vor seiner Spielekonsole und dreht Videos für seinen Gameraccount. Das Geld, was Mandy verdient, reicht oft nicht für beide und Chris schmeißt es einfach nur zum Fenster raus. Immer wieder versichert er ihr, dass der große Durchbruch in greifbarer Nähe sei.
Beinah jeden Abend sitzt sie auf der Couch, ihren Kater Mr. Zippy auf dem Arm, und schaut Chris dabei zu, wie er völlig in seinen Videospielen versunken ist und gar nicht bemerkt, ob sie da ist oder nicht. In diesen Augenblicken hasst sie ihn am meisten. Und dann sind da wieder diese anderen Momente. Wenn sie mit ihm unterwegs ist, er sie in der Gegenwart von anderen behandelt wie eine Prinzessin und sie immer wieder zu hören bekommt, was sie doch für ein Glück hat, so einen hübschen Kerl abbekommen zu haben. Chris sieht gut aus, keine Frage. Zudem hat er Geschmack. Und irgendwie schafft er es immer wieder, sich durchs Leben zu schlängeln. Den Menschen im Internet präsentiert er eine perfekte Welt. Ständig setzt er sich vor fremden Luxusautos in Szene, oder zeigt seine Billigimitatuhren in die Kamera. Doch Mandy liegt es fern, sich darüber ein Urteil zu bilden. Gerade jetzt, da sie die Socken in der Hand hält.
»Der Nächste!«, brüllt es wieder hinter einem der Schalter hervor.
Mandy schnappt ihr Paket und läuft einer Frau entgegen, die lustlos auf der Platte lehnt und ihre Nägel begutachtet. Als Mandy das Paket auf den Tresen legt, schaut die Mitarbeiterin auf das Etikett.
»Das ist unleserlich«, kritisiert sie Mandys Handschrift.
»Das kann ihnen doch egal sein. Schicken sie das Ding weg und fertig.«
Die Postangestellte zieht eine Augenbraue hoch, schnappt sich das Paket und wirft es hinter sich auf eine Ablage. Dann druckt sie den Beleg dazu aus und schiebt ihn Mandy rüber.
»Na also, war doch gar nicht so schwer. Schönen Tag noch.«
Als Mandy die Post verlässt, schaut ihr die Angestellte noch nach und schüttelt dabei den Kopf.
Dann brüllt es wieder durch den Raum.
»DER NÄCHSTE BITTE!«
Kapitel 03: Los geht es
Tiberius und Sid haben einen langen Weg hinter sich und sind erschöpft. Nachdem sie den Zug kurz hinter der Stadt verlassen hatten, haben sich die beiden Brüder auf den Weg gemacht und stehen nun am Fuß der heiligen Berge. Hier draußen im Nirgendwo gibt es nichts als wildes Land. Es steht im völligen Kontrast zur prächtigen Natur des Paradieses und wirkt mit seinen trockenen Rissen in der Erde und den verdorrten Pflanzen einfach nur trostlos. Der Berg ragt so weit hinauf, dass seine Spitze mit dem bloßen Auge nicht mehr zu sehen ist. Zudem wird sie von einer dichten Wolkendecke umgeben. Ein paar Vögel ziehen einsam ihre Bahnen und es ist fast schon beunruhigend still. Trotzdem strahlt der Gigant eine seltsame Erhabenheit aus und fordert selbst von den beiden gestandenen Engeln ein gutes Stück Ehrfurcht ein.
»Und wir müssen da jetzt echt hochlaufen?«, fragt Tiberius und schaut dabei auf eine steinerne Treppe, welche mitten in den Felsen gehauen wurde und sich bis zur Spitze des Berges hinaufschlängelt.
»Jepp«, nickt Sid, dem der anstehende Aufstieg ebenfalls Bauchmerzen bereitet. »Über dem Gebirge kann man nicht fliegen.«
»Das hat dich doch bisher auch nicht interessiert.«
»Nein, ich will damit sagen, dass wir über dem Gebirge nicht fliegen können. Es geht einfach nicht. Die Reiter haben ihn damals gebeten, eine Flugverbotszone einzurichten, damit sie in ihren Ruhephasen nicht gestört werden. Über dem Gebirge liegt quasi ein Bann. Wir müssen laufen.«
Tiberius schnauft verächtlich durch die Nase.
»Ruhephasen? Das sind die Reiter der Apokalypse der Erde. Und da es noch nie eine gab, haben die Typen doch noch nie Arbeit gehabt. Denen ihr ganzes Leben ist eine einzige Ruhephase. Und was soll der Mist mit den ganzen Flugverbotszonen überall. Manchmal frage ich mich, wofür wir überhaupt Flügel bekommen haben, wenn wir eh alles zu Fuß oder mit dem Zug erledigen müssen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mich nerven die Dinger einfach nur. Ständig bleibt man hängen, man kann nicht richtig liegen oder sitzen, das ist doch alles zum Kotzen.«
»Ich weiß doch auch nicht wie das alles läuft. Aber je länger wir hier stehen und uns darüber aufregen, desto länger wird unsere Mission brauchen. Also reiß dich zusammen und lass uns loslegen.«
Energisch macht Sid den ersten Schritt. Sein Bruder folgt ihm mürrisch.
Der Weg ist lang und beschwerlich und die beiden Brüder laufen still hintereinander.
»Ob es hier Wölfe gibt?«, unterbricht Sid die Stille.
»Keine Ahnung. Warum interessiert dich das?«
»Ich will nur nicht von einem Rudel gerissen werden.«
»Wir haben jahrtausendelang die übelsten Dämonen der Hölle erschlagen, da wirst du es doch wohl mit ein paar Promenadenmischungen aufnehmen können«, erwidert Tiberius und schnauft etwas.
»Sicher, da hast du recht, aber ich bin irgendwie nicht mehr so gut in Form wie früher. Ich musste mir schon einen Keil ins Gewand nähen lassen.«
»Mir ist schon beim Pokern aufgefallen, dass du ein wenig fett geworden bist.«
»Das konntest du doch gar nicht sehen, du warst viel zu sehr damit beschäftigt zu bescheißen«, murmelt Sid spöttisch.
Tiberius macht ein entrüstetes Gesicht.
»Bitte!? Glaubst du diesen Quatsch etwa immer noch? Nur weil DU der furchtbarste Kartenspieler aller Zeiten bist, musst du mir sowas andichten? Ich hätte dich auch blind vom Tisch gefegt!«
»Du hast Karten in deinem Ärmel gehabt!«
»Das ist eine Lüge! Aber wenn wir schon mal dabei sind. Es war deine Schuld, dass wir uns für die ganze Sache eine Strafe eingehandelt haben. Hättest du nicht so rumgebrüllt, wäre unser kleines Spiel gar nicht aufgefallen. Aber nein, der Herr musste ja wieder rumpoltern.«
Dann herrscht wieder Schweigen. Die Brüder, beide mit finsterer Miene, stapfen weiter die scheinbar unendliche Treppe hinauf.
Sid hält kurz inne und schaut zum Gipfel des Berges hinauf.
»Wir sollten mit der Diskussion aufhören und uns auf den Weg konzentrieren.«
Nach knapp drei Stunden Fußmarsch haben Sid und Tiberius die Spitze des Berges erreicht. Beide lehnen sich gegen einen Felsen und atmen tief durch.
»Warum ist das eigentlich so anstrengend?«, stöhnt Tiberius. »Wir ringen hier nach Luft wie schwächliche Menschen. Sind wir so sehr eingerostet?«
»Ich weiß es nicht«, keucht Sid und lässt seinen Blick schweifen. »Ich verstehe nicht einmal, warum wir manchmal atmen und manchmal nicht. Eigentlich brauchen wir ja gar keine Luft zum Leben.«
»Wahrscheinlich wollte er uns mal wieder nicht zu perfekt basteln.«
Von hier oben sieht das Paradies noch beeindruckender aus. Das Licht wärmt den Brüdern die Gesichter und alles wirkt unendlich friedlich.
In der Ferne ist die Stadt Euphoria zu sehen. Wie ein Denkmal aus Glas und Marmor sticht sie in die Höhe. Um sie herum breitet sich der ewige Garten aus mit seinen endlos grünen Auen und prächtigen Wäldern.
