Apprentice to the Villain - Hannah Nicole Maehrer - E-Book
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Apprentice to the Villain E-Book

Hannah Nicole Maehrer

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Beschreibung

Grumpy meets Sunshine

In der Fortsetzung zu Hannah Nicole Maehrers New York Times-Bestseller »Assistant to the Villain« müssen sich Evie und der Schurke neuen Herausforderungen stellen.

Enthaltene Tropes: Morally grey, Grumpy x Sunshine, Morally grey, Workplace Romance
Spice-Level: 2 von 5

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EPUB
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Seitenzahl: 575

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Evie Sage ist glücklich in ihrem Job als Assistentin des Schurken. Wer hätte gedacht, dass die Arbeit für einen unverschämt attraktiven Bösewicht so erfüllend sein würde? Dennoch, das Geschäft mit dem Bösen ist eine tägliche Herausforderung, die Mächte des Guten sind geradezu nervtötend hartnäckig, und besagter Schurke ist Out-of-Evil-Office. Damit nicht genug: Etwas Seltsames passiert mit der Magie im Königreich Rennedawn. Die magischen Barrieren um das Schloss des Schurken lassen nach, was sie für ihre Feinde angreifbar macht. Wenn Evie den Schurken und seine fiesen Machenschaften (und hey, vielleicht sogar das gesamte Königreich, aber pssst!) retten will, muss sie sich weiterbilden – in Verrat, Dolchstoß und Verschwörung mit dem Feind …

Hannah Nicole Maehrers VILLAIN-Reihe:

Band 1: Assistant to the Villain

Band 2: Apprentice to the Villain

Die Autorin

Hannah Nicole Maehrer ist in Pennsylvania aufgewachsen, wo sie an der Pennsylvania State University Psychologie studierte. Sie hat eine Schwäche für Disneyfilme, Fantasyromane und Märchenbösewichte. Auf ihrem TikTok-Kanal begeisterte sie mit ihren Clips über einen finsteren Bösewicht und seine sonnige Assistentin Hunderttausende von Fans, woraufhin sie beschloss, den beiden einen ganzen Roman zu widmen. Mit ihrem Debüt Assistant to the Villain eroberte sie Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste.

HANNAH NICOLE MAEHRER

ROMAN

AUSDEMAMERIKANISCHENVONKERSTINWINTER

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Titel der Originalausgabe:

APPRENTICETOTHEVILLAIN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe 02/2025

Redaktion: Michelle Stöger

Copyright © 2024 by Hannah Nicole Maehrer

Copyright © 2025 dieser Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München, unter Verwendung des Originalmotivs von Elizabeth Turner Stokes

Karte: Elizabeth Turner Stokes

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32143-7V003

www.heyne.de

Meinen Brüdern Avery, Jake und Ben für jedes Mal, wenn ihr mein Herz selbst im allerschwersten Zustand leichter gemacht, und für jedes Mal, wenn ihr mir gesagt habt, ich stinke (was nur der Code für »Hab dich lieb« war, wie ich genau weiß).

Und für euch alle. So stelle ich mir das Dasein als Auszubildende eines moralisch fragwürdigen Fantasy-Schurken vor.

PROLOG

Es war einmal …

Es war ein ganz normaler Tag für den Schurken, abgesehen davon, dass sein Körper in Flammen stand. Evie Sages erste Arbeitswoche war furchtbar – zumindest für Trystan Maverine. Wachs tropfte von einer Kerze vor ihm auf das Pergament, das er gerade durchsah, anstatt sich vom schmalen Rand des Halters bremsen zu lassen, und Trystan lächelte höhnisch darauf herab. Die Aufsässigkeit erinnerte ihn an die Frau, die er eingestellt hatte, als er im Hickory Forest beinahe verblutet und nicht mehr er selbst gewesen war.

Ein hervorragender Moment, um lebensverändernde Entscheidungen zu treffen.

Zu seiner Verteidigung musste man einräumen, dass er sicher gewesen war, sie würde fast sofort wieder kündigen. Aber die Frau war einfach nicht kleinzukriegen. Er hatte alles versucht, Mord nicht ausgeschlossen. Aber nicht einmal eine Leiche auf ihrem Schreibtisch hatte sie oder ihr elendes Lächeln vertreiben können. Was immer er ihr auch aufhalste, welche Gefahren sich daraus ergaben oder welchen Widerwillen es hätte verursachen sollen, sie lächelte. Und schlimmer noch: Sie blieb! Ihre beständige Anwesenheit erzeugte in ihm ein Gefühl, aus dem er ums Verrecken nicht schlau wurde.

Er spürte sie neben sich stehen; sie glühte praktisch vor Hitze wie eine Matrix aus flackerndem Licht – und er musste dagegen ankämpfen, hinsehen zu wollen, weil dieses Licht seine Aufmerksamkeit regelrecht einforderte. Aber er würde sich nicht ablenken lassen. Stattdessen starrte er auf das tiefe Schwarz der Onyx-Schreibtischplatte, auf die gerade ein weiterer Wachstropfen herabplumpste. Er stand kurz vor dem Kipppunkt – es war, als würde jemand Feuerzeugbenzin neben einem Pulverfass auskippen.

Die Korrespondenz in seinen Händen war auch nicht hilfreich. Blöde Adelige. Wieder eine Einladung von Lord Fowler, dem einzigen Edelmann im Land, der gewillt war, mit dem Schurken zu verkehren. Es hätte für ihn gesprochen, wenn er ihm nicht ständig Einladungen zu Dinnerpartys geschickt hätte – ebenso gut hätte er ihm Dynamit schicken können. Zum Glück ließ sich briefliche Freundlichkeit leicht ignorieren. Ganz im Gegensatz zu einer Freundlichkeit, deren Quelle sich nur ein, zwei Meter von ihm entfernt befand, lächelte und … o ihr Götter, summte sie etwa vor sich hin?

Niemand sollte so fröhlich sein. Das war nicht normal.

Unwillkürlich fragte er sich, ob die Assistentin, die er eingestellt hatte, kein Mensch war, sondern irgendeine durchgeknallte Lichtelfe, die noch nie die Dunkelheit gesehen hatte. Und dummerweise blieb diese unnatürliche Grundhaltung nicht auf sie beschränkt. Ihre ansteckende Energie breitete sich im Büro schneller aus als die Mystische Krankheit, die in den vergangenen zehn Jahren so viele Bürger Rennedawns grausam dahingerafft hatte. Er schien der Einzige zu sein, der gegen sie immun war. Seine Arbeiter waren besser gelaunt, die Morddarstellungen auf den Buntglasfenstern heller, und selbst seine Garde schien liebenswürdiger und weniger blutrünstig.

Heute Morgen hatte er einen Praktikanten durchs Büro hüpfen sehen. Das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.

Er hörte ein weiteres Summen. Am liebsten hätte er Sage an den Schultern gepackt und gefragt, woher der bloß kam, dieser unerschöpfliche Quell angenehmer Gefühle. Wieder summte sie, und sein Auge zuckte. Er hatte sich geirrt. Das war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.

Er wandte sich vom Schreiben ab und machte den Mund auf, um sie zurechtzuweisen, hielt jedoch inne, als er ihre verträumte Miene wahrnahm. Sie lehnte sich aus dem weit geöffneten Bürofenster, ihr Profil von Mond und Sternen erleuchtet. Die nächtliche Brise liebkoste ihr dunkles Haar und erzeugte die Illusion, dass sie flog. Er starrte auf ihren Nasenrücken, fast … bezaubert?

Es musste etwas geschehen.

Er riss seinen Blick von ihr los. »Der Papierkram erledigt sich nicht von selbst, Sage«, grollte er, und seine schwieligen Finger fuhren über das glatte Pergament, als er so tat, als würde er die Seiten durchsehen. Eine Leiche auf dem Schreibtisch war nichts, was sie abschrecken konnte? Na schön. Vielleicht hatten abendliche Überstunden mit öder Büroarbeit eine bessere Chance.

Ihr Gesicht tanzte in sein Sichtfeld, als sie sich seinem Tisch näherte, und sie zog die Nase kraus und legte den Kopf schief, sodass ihr die schwarzen Locken über die Schulter fielen. »Aber wäre das nicht praktisch?«, antwortete sie fröhlich.

Er würde sich übergeben müssen.

Hustend und angewidert von der Wärme, die sich in ihm ausbreitete, blickte er zu Kingsley auf seinem Tisch – einer seiner ältesten Freunde und in den vergangenen zehn Jahren praktisch sein ständiger Begleiter. Der einst menschliche Prinz war im Prinzip schuld daran, dass Trystan sich in dieser Misere befand. Kingsleys eigensinnige Spaziergänge hatten die Amphibie direkt in die Arme der königlichen Wache geführt. Was wiederum Eve Sage in Trystans Arme geführt hatte. Buchstäblich. Er konnte noch immer ihren warmen Körper an seinem spüren. Ihr Haar hatte nach Rosen gerochen.

Momentan saß die Krone des ärgerlichen Froschs gefährlich schief, als er eins seiner Schilder hochhielt. Auf diesem stand: HÜBSCH.

»Meinst du, das bemerke ich nicht?«, brummelte Trystan, nahm dem vorlauten Frosch das Schild aus den Schwimmhäuten und rammte es mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch, ehe Sage es sehen würde.

»Was bemerkt Ihr nicht, Sir?«, fragte sie.

Mist.

»Wie deine Tagträumerei verhindert, dass wir zeitnah mit diesem Kram hier fertig werden«, brummte er und starrte Kingsley wütend an, der seinen kleinen Kopf schüttelte. Ich lass mich doch nicht von einem verdammten Frosch maßregeln.

Sage schwebte förmlich zu seinem Tisch zurück, der Blick ihrer hellen Augen genauso schelmisch wie aufrichtig. »Ich habe nicht geträumt. Ich hab mir was gewünscht.« Ihr hellgrüner Rock mit den aufgestickten Blümchen schwang, als sie die geballte Ladung Frohsinn auf ihn richtete.

Beinahe hätte er sich geduckt.

Aber er lenkte sich stattdessen mit ihrer Bemerkung ab. »Etwas gewünscht?«

Sie setzte sich auf den neuen Stuhl ihm gegenüber, schob sich die Locken aus dem Gesicht und nahm sich einen Stapel Papiere. »Hat Euch denn niemand beigebracht, dass Sterne auf Wünsche hören?«, fragte sie so verblüfft, als sei er hier der Absurde.

»Diese besondere Lektion hat man mir in der Schule nicht zuteilwerden lassen«, antwortete er spitz und wandte sich wieder dem Bericht Keeleys, Kopf seiner Ruchlosen Garde, zu.

Sie zog die Stirn in Falten. »Oh. Das mit den Sternen habe ich auch nicht in der Schule gelernt. Sondern von meiner Mutter und ihrer Familie. Onkel Vale war darin Experte. Meine Cousine Helena und ich haben jeden Sommer etwas gelernt. Wir haben nachts im Gras gelegen und in den Himmel gesprochen. Das war so schön.« Plötzlich richtete sich ihr fröhlicher Blick in die Ferne, und ihr Lächeln schwand – nur kurz, aber es fiel ihm auf. Seltsam.

Sie sprach dennoch weiter – vielleicht instinktiv.

»Die Schule war nie so spannend, aber sie hat mir trotzdem gefehlt, nachdem ich nicht mehr hingegangen bin.«

Er richtete seinen Blick auf das Kerzenwachs auf seinem Tisch. »Deine Schulbildung taucht in deinem Lebenslauf gar nicht auf.«

Ihre Antwort kam zu beiläufig. »Ich musste abbrechen, als meine Mutter verschwunden war. Mein Vater hatte sein Geschäft, und jemand musste bei meiner kleinen Schwester zu Hause bleiben.«

Nicht nachhaken. Spielt keine Rolle.

»Wie alt warst du da?«, fragte er. Ach, verdammt.

Die Papiere in ihrer Hand raschelten. Sie musste fest zugepackt haben. »Dreizehn.«

Seine Brust wurde eng.

Kingsley nahm ein weiteres Schild hoch, eindeutig für ihn. Der Frosch hielt es ihm vors Gesicht. BLÖDMANN.

»Sage, ich …« Er brach ab. Eine Entschuldigung lag ihm auf der Zunge. Eine Entschuldigung? Der Schurke entschuldigte sich nicht. Allein, dass er es hatte tun wollen, verblüffte ihn derart, dass er den Mund zuklappte.

Ihr Nachname hing mit einem linkischen Nachhall in der Luft zwischen ihnen. Er zerknüllte einen Brief und warf ihn in den Mülleimer, um sie nicht anzusehen, sah aber natürlich trotzdem hin.

Ein entsetzter Ausdruck hatte sich auf ihrem Gesicht breitgemacht, verwandelte sich jedoch in etwas Schüchternes, als sie seinem unbehaglichen Blick begegnete. »Oh – tut mir echt leid. Normalerweise rede ich nicht so viel.«

Also, das stimmte definitiv nicht. Allein in den vergangenen sieben Tagen hatte seine neue Bürde mehr gesprochen als jeder andere Mensch in seinem Bekanntenkreis … und erschreckenderweise konnte er sich an jedes Wort erinnern.

»Ich glaube, du lügst«, sagte er schroff.

»Ja, stimmt« erwiderte sie trocken und kicherte prompt. »Was das Reden angeht jedenfalls, aber leid tut es mir dennoch.«

Diese sonnige Leichtigkeit, über die sie verfügte, diese Bereitschaft, sich zu entschuldigen. Bei ihr fühlte sich das so einfach an. »Schon gut«, grunzte er.

Sie erstrahlte, und er blinzelte. Hatte er das erzeugt?

»Anscheinend fühle ich mich in Eurer Gegenwart wohl«, bemerkte sie. Alter Falter, die Frau war wie die Sonne. Er brauchte getönte Gläser, um sie anzusehen.

Er blinzelte und zog die Brauen zusammen. »Tja, wohlfühlen ist in diesem Büro unangemessen. Vielleicht solltest du dich jetzt doch entschuldigen.«

Obwohl sie sich auf die Lippe biss, gingen die Mundwinkel nach oben. Sie wandte sich zum Fenster um und sah sehnsüchtig zum hellsten Stern hinauf.

Nicht auszuhalten. Er musste sie hinausschaffen. Sofort.

Doch ehe er sie verscheuchen konnte, sah sie zu ihm, und ihre Wangen nahmen einen rosigen Schimmer an. Ihre schmalen Finger lockerten sich um den Papierstapel, den sie noch immer hielt, und als sie sprach, hätte sie nicht aufrichtiger klingen können. »Tut mir leid, aber es ist wahr. Das hier ist die beste Stelle, die ich je hatte.«

Er fluchte unterdrückt. Es hatte sich wie ein Hieb angefühlt, und die Wucht hätte ihn beinahe zurückgeschleudert. Er zerrte an seinem Kragen, der ihm nicht genug Luft ließ.

Das geheimnisvolle Gefühl, das ihn nach jeder Prüfung überfiel, die er ihr auferlegte und sie einfach weglächelte, offenbarte sich ihm endlich: Erleichterung.

Das Hämmern seines Herzens verdeutlichte ihm die Gefahr, die diese Emotion barg, doch er sog scharf die Luft ein und antwortete: »Das … das freut mich.« Und damit erhob er sich und nahm ihr die Papiere aus der Hand. Sie gab sie bereitwillig her. »Für heute bist du entlassen, Sage. Ich denke, ich habe dich genug gequält.«

Ihr Blick schoss zur Bürotür, als sie ebenfalls aufstand, eine Hand in die Hüfte stemmte und eine Braue hochzog. »Ich schätze, die Männer unten in den Kerkern sehen das anders, Sir.«

Er verschluckte sich und schlug sich auf die Brust, um das Lachen zu unterdrücken, das schockierenderweise in ihm aufstieg. Stattdessen presste er die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. »Falls du dich nicht zu ihnen gesellen möchtest, solltest du dich jetzt vielleicht besser verabschieden.«

Sie zog erneut die Nase kraus, ehe sie sich zum Gehen wandte, hielt jedoch noch einmal inne, um aus dem Fenster zu sehen, als würde sie der perlmutterne Sternenglanz, der sich in ihren Augen spiegelte, magisch anziehen.

Er konnte nicht anders, und er hatte keine Ahnung, warum. Er musste es wissen.

»Was hast du dir gewünscht?« Seine Worte kamen in einem harschen Flüsterton heraus.

Sie wandte sich ihm ganz zu, während sie langsam bis zur Tür zurückwich und hinter sich den Knauf fasste. Bei dem sanften Ausdruck auf ihrem Gesicht verwandelten sich seine Glieder in Gummi. »Ich lasse es Euch wissen, wenn es in Erfüllung gegangen ist.«

Die Tür schloss sich leise hinter ihr, und in seinem Augenwinkel funkelten ihm die Sterne noch einmal zu. Er bedachte sie mit einem verächtlichen Schnauben und kehrte rasch zu seinem Tisch zurück, um in der obersten Schublade nach einem Rufkristall zu kramen. Wünsche. Lächerlich.

Der Rubin wurde, wie so viele andere Edelsteine in seinem Besitz, dazu verwendet, mit seiner Garde zu kommunizieren. Die Abteilungen hatten, je nach Status, unterschiedliche verzauberte Juwelen, aber diese Situation erforderte den Rubinsektor. Den tödlichsten. Seinen Favoriten.

Rasch gab er den Befehl aus, Sage in die Dunkelheit zu folgen, um sicherzustellen, dass sie in einem Stück zu Hause ankam. Im Hickory Forest lauerten viele Gefahren, die nur darauf warteten, ihre Klauen in genau jemanden wie diese junge Frau zu schlagen, und er hatte bereits eine Woche seiner Zeit in sie investiert. Die würde er nicht vergeuden.

Ich werde sie nicht vergeuden.

Denn was nützte ihm eine Assistentin … wenn sie tot war?

1

DER RITTER

Evie Sage ist tot.«

Die Worte des Ritters hallten durch den zugigen Eingang zum königlichen Arbeitszimmer und klangen wie ein Wehklagen.

König Benedicts Gesicht war nach unten geneigt, seine makellosen Hände lagen flach auf den Seiten eines aufgeschlagenen Buchs. Das Sonnenlicht, das durch das große Fenster hereinschien, ergoss sich über die silbern eingefassten Blätter, und im Raum war es nahezu unerträglich stickig. Unruhig trat der Ritter in seiner engen Rüstung von einem Fuß auf den anderen, aber als der König den Kopf hob, verharrte er absolut still.

Das hier war ein Fehler.

König Benedict schlug das Buch zu, und die Sonne dimmte ihr Licht etwas, als wäre sie enttäuscht. Er erhob sich langsam, und ein mitfühlendes Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln.

»Eine Schande«, sagte er und fuhr sich mit der Hand durch sein sandfarbenes Haar. Nur wenige graue Strähnen waren darin zu sehen, was erstaunlich war für einen Mann in seinem fortgeschrittenen Alter. »Das arme Ding – vom Schurken verdorben. Vermutlich war der Tod auf seine Weise barmherzig. Man kann niemanden mehr retten, der der Finsternis so nah gekommen ist. Nun kann sie in Frieden ruhen.« Es war selbstzufrieden, das Lächeln des Königs.

Ich hasse Euch.

Der Ritter ballte die Fäuste an seinen Seiten, lockerte sie jedoch wieder, ehe der König etwas bemerken konnte. Er nickte. »Ihr seid wie immer gnädig, mein König.« Die Worte brannten auf seiner Zunge.

Benedict verengte die Augen und deutete auf einen gepolsterten Stuhl. »Bitte setzt Euch. Der Ritt zurück zum Palast muss sehr anstrengend gewesen sein. Wie geht es Sir Ethan? Er war bei Euch, als Ihr den Auftrag erledigt habt, war es nicht so?«

Der Ritter ging vorsichtig auf den roten Samtsessel zu. Das Polster gab nach, als er sich darauf niederließ. Unter dem Helm waren nur grüne Augen sichtbar, als er behutsam korrigierte: »Sir Nathan, Eure Majestät.«

»Ach ja. Sir Nathan.« Der König gluckste.

»Tot«, fügte der Ritter schroff hinzu.

Die Brauen des Königs schossen aufwärts. »Aha?«

Die Ritter wiederholte die Worte genau so, wie er sie geübt hatte. »Otto Warsen ist, fürchte ich, ein wenig blutdürstig geworden. Ich habe mich seiner persönlich entledigt, nachdem er sich gegen Sir Nathan und mich gewandt hat.« Er war stolz, dass seine Stimme trotz der Lüge nicht zitterte.

Der König wirkte nicht besonders traurig, was niemanden schockierte – nun, zumindest niemanden, der sich im Raum befand. »Gut. Je weniger lose Enden, umso besser. Ich gehe davon aus, dass Ihr Euch um Mr. Warsens Leichnam gekümmert habt?«

Die Lippen des Ritters zuckten unter dem Helm, als er daran dachte, wie sich vor allem um Mr. Warsens Kopf gekümmert worden war. »Ja, mein König.«

Noch mehr Schweiß sammelte sich in seinem Nacken. Er wusste, was der König als Nächstes fragen würde.

»Und Evie Sages Leiche? Kann ich sie sehen?«

Streulicht vom Fenster strich über die Handrücken des Ritters, die in frischen Handschuhen steckten. Keine Blutspritzer. Das Licht gab ihm eine gewisse Ruhe, als er antwortete. »Die Heiler werden noch etwas Zeit brauchen, um die Wunden zu versorgen und sie vorzeigbar zu machen, wie Ihr es verlangt habt. Sie bitten um Euer Wohlwollen, ihre Arbeit ungestört fortsetzen zu können.«

Eine Stille folgte. Der Ritter hielt den Atem an, damit der König nicht bemerkte, wie rasch sich seine Brust hob und senkte. Reiß dich zusammen, befahl er sich, überzeugt, dass der König das Hämmern seines Herzens hören musste.

Nun lächelte Benedict, auch wenn das Lächeln nicht bis zu den Augen reichte. Das tat es nie. »Ich denke, das kann ich ihnen gewähren. Sorgt nur dafür, dass sie für die Demaskierung am Ende der Woche bereit ist.«

Der Ritter nickte und atmete kontrolliert aus. »Ja, mein König.« Er musste nicht fragen, was es mit der »Demaskierung« auf sich hatte. Der König war ziemlich gut darin, mit seinen Erfolgen zu prahlen.

Okay, ich geb ihm drei, zwei, eins …

»Noch am Ende dieser Woche werden wir den Schurken vor allen bedeutenden Edelleuten dieses Landes entlarven.« Hui.Ich dachte, er schafft es nur bis zwei. Aber Seine Majestät war beseelt von seinen eigenen Worten, und etwas Irres leuchtete in seinen Augen, als er sprach.

»Wahrlich ein echter Geniestreich, mein König.« Der Ritter kniff die Augen zusammen, um ein Lächeln vorzutäuschen. »Glückwunsch.«

Der König stand schwungvoll auf, und sein mit Fell verbrämter Umhang bauschte sich hinter ihm, als er das Buch von seinem Schreibtisch auf den kleinen Beistelltisch vor den Ritter warf. Das Tischchen schrammte über den Boden, und die silbernen Kelche, in denen sich nur noch Weinreste befanden, klirrten.

Er hätte einen Becher vertragen. Oder auch mehrere.

»Das ist der Beginn einer neuen Ära für Rennedawn.«

Die Augenbrauen des Ritters schossen bis zum Haaransatz hinauf. Das klang allerdings … unheilvoll.

Der König sprach weiter. »Evie Sage als Opfer zu präsentieren, wird den Hass des Volkes auf den Schurken untermauern. Endlich der Beweis für seine Schandtaten, endlich der Beweis für …« Er deutete auf das Buch, dessen Einband in prächtigen Farben gestaltet war. »Die Geschichte Rennedawns.«

Dieses Kindermärchen? Die Geschichte Rennedawns war ein Epos über die Entstehung des Reichs und den magischen Reim, der die schwindende Magie retten sollte. Angeblich war er von den Göttern selbst überliefert worden – obwohl die Story eher von Eltern erzählt wurden, um ihren Kindern Angst zu machen. Jedes der magischen Reiche auf dem Kontinent Myrtalia hatte eine solche Entstehungsgeschichte, und die meisten waren ebenso schräg und abwegig. Dem Ritter war bisher noch keine gedruckte Version von Die Geschichte Rennedawns untergekommen, aber der knallbunte Einband trug nicht viel zu dem Eindruck historischer Authentizität der Schrift bei. Hatte der König Schwierigkeiten, Fakt und Fiktion auseinanderzuhalten?

Vielleicht sitzt die Krone ein bisschen zu straff.

Obwohl es Gerüchte gab, dass Rennedawn tatsächlich zu schwinden begann. Und wenn die Geschichte wahr sein sollte …

Konnte an den Gerüchten etwas dran sein?

Der König seufzte. »Um sicherzustellen, dass wir das stärkste der magischen Königreiche bleiben, muss ich Euch leider um einen sehr großen Gefallen bitten.«

Der König hatte den Ritter schon um sehr viele sehr große Gefallen gebeten, und jedes Mal lautete die Antwort des Ritters ausnahmslos: »Ja, mein König.«

»Ihr müsst für mich zu den Sages gehen und mir Nura Sages Briefe holen. Ich brauche sie bis heute Abend.«

Der Ritter wählte seine Worte behutsam. »Wie Seine Majestät befiehlt. Aber darf ich fragen, wozu Ihr sie benötigt?«

»Ich hatte gehofft, dass die ältere Sage-Tochter die gleiche Kraft wie ihre Mutter besitzt, aber trotz Griffins Bemühungen ist das Mädchen nutzlos gewesen.« Benedict tippte sich ans Kinn und zog gespielt die Stirn in Falten. »Nun, zu Lebzeiten zumindest.« Der Ritter ließ sich keine Regung anmerken. »Jedenfalls werden die Briefe uns dabei helfen können, Nuras Aufenthaltsort herauszufinden. Sie ist seit Jahren nicht mehr gesehen worden.«

Die Stimme des Ritters war kaum mehr als ein Flüstern. »Und die jüngere Tochter?«

Der König machte eine wegwerfende Handbewegung. »So gut wie tot. Die Horde des Schurken hat sie verschleppt.«

Die stickige Luft war inzwischen kaum noch zu ertragen, und dem Ritter wurde schummrig. »Und was ist mit den Guivres? Mit dem Gift eines Guivre-Jungen? Wie man hört, braucht Ihr das auch. Schicksal und Sternenlicht oder so – nicht wahr?«

Eine Ader pochte an der Stirn des Königs, aber seine Miene blieb ausdruckslos. Er nahm das Buch vom Tisch und stellte es behutsam in eine gläserne Vitrine am Fenster. Sein klarer, fast melodischer Bariton ließ die Wände mit seiner Verachtung erbeben.

»Zum Glück habe ich dafür genau den richtigen Mann in meiner Gewalt.«

Der Ritter wusste, wen er meinte, aber der Schauder kühlte dennoch die Hitze in seinem Blut.

Den Schurken.

2

DER SCHURKE

Der Schurke vermisste nicht das Licht. Er vermisste Farbe.

Trystan richtetet den Blick nach oben, und sein Schädel dröhnte von den Schreien der anderen, die mit ihm in der Finsternis gefangen waren. Der Stein an seinen feuchten Handflächen war rau und das Einzige, was ihn in dieser endlosen Schwärze erdete. Es war wie der Tod, das Dunkel. Der Tod ohne Frieden, Dunkelheit ohne Licht – der Schmerz in seinen Gliedern war der einzige Hinweis darauf, dass er noch lebte.

Sein Herz begann zu rasen. Er konnte nicht atmen. Es gab kein Gitter, an das er sich klammern, keine Kräfte, die er heraufbeschwören konnte, als wäre sein Nebel eingemauert wie er. Doch er konnte spüren, wie er sich in ihm wand und krümmte. Er wollte hinaus – da waren sie schon zwei.

»Es reicht.« Er taumelte, und seine Schulter prallte gegen eine raue, ungleichmäßige Oberfläche. Ziegelsteine. Den Göttern sei Dank. Hier war eine Mauer, deren verlässliche Feststofflichkeit ihm in seiner schlimmsten Angst, der Dunkelheit, Trost bieten konnte. Seine blasigen Hände folgten tastend der Biegung weiter und immer weiter, aber es war kein Ende auszumachen. Wo war die verdammte Tür?

Er hielt an, um tief Luft zu holen. Atme, Trystan. Er musste hier raus und Sage finden. Evie – Otto hatte Evie und tat ihr weh …

Nein. Darauf konnte er sich jetzt nicht konzentrieren. Noch nicht.

Er tastete sich weiter an der Mauer entlang, fühlte von oben bis unten, bewegte sich in einer endlosen, bewusstseinsverändernden Schleife. Minutenlang? Stunden? Er wusste es nicht.

Vor Erschöpfung fielen ihm einen Moment lang die Augen zu. Was machte es schon für einen Unterschied? Nie und nimmer würde es ihm gelingen, hier auszubrechen – nicht solange seine Magie außer Kraft gesetzt war. Das hier war keine Zelle in der Sommerresidenz des Königs: Dieses Verlies hier war speziell für seine Haft, für seine Folter gemacht.

Die Ironie der Sache entging ihm nicht.

Hoffnungslosigkeit war ein furchtbares Gefühl – und ein nutzloses obendrein. Und doch spürte er, wie ihn die Hoffnung verließ, als er zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Knie sank.

Er stöhnte. Er vermisste die Gleichgültigkeit, vermisste die Fähigkeit, seine Gefühle zu ersticken, wie man ein Feuer eindämmt. Das hätte er dem Brennen, das in ihm wütete, vorgezogen. Aber was Sage betraf, war Gleichgültigkeit unmöglich. Das wusste er inzwischen, genauso wie er wusste – und diese Erkenntnis ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen –, dass er in diesem Verlies nicht mehr allein war.

»Du siehst schrecklich aus, mein Junge.«

Zorn pulsierte hinter seinen brennenden Augen, als er vergeblich versuchte, Benedict vor sich zu sehen. Der König hatte Gerätschaften, um nachts zu jagen, und er hatte sie bei Trystans erstem »Aufenthalt« eingesetzt, um ihn damit zu quälen. In einem anderen Leben hätte er ihn vielleicht für die gekonnte Inszenierung bewundert, in diesem aber hätte er ihm am liebsten die Zähne eingeschlagen.

Er stemmte sich hoch, bis er auf zitternden Beinen stand, und mühte sich, gleichmäßig zu sprechen. »Das sollte dir doch gefallen, Benedict. Als würdest du in den Spiegel gucken.«

Benedict gluckste. »Na, na, na. Kein Grund, ausfallend zu werden. Ich will nur mit dir reden.«

»Ach, die Folter geht schon los?«

Trystan wusste, dass der Hieb kommen würde, und versuchte, die Richtung einzuschätzen. Die Faust landete mit solch einer Wucht in seinem Bauch, dass es ihm den Atem raubte und seine Knie nachgaben. Hatte die Wache einen Schlagring benutzt? Bei den Göttern, das hatte wehgetan.

Benedict gluckste wieder. Ein scharfer, desorientierender Schmerz durchfuhr Trystans Mitte, als er einatmete. Es spielte keine Rolle; er kannte Schmerzen, Qualen, höher als die Wellen im Fliedermeer. Und er hatte schon vor langer Zeit gelernt, sich dem Schmerz hinzugeben, anstatt dagegen anzukämpfen.

Grobe Hände legten ihm enge metallene Manschetten an, die seine Haut aufscheuerten, als die Ketten ihn an die Wand zogen und er sich dagegen zu wehren versuchte. Irgendwie war die Tatsache, sich nicht mehr bewegen zu können, schlimmer als der Schmerz.

Die Stimme des Königs klang spöttisch. »Wie enttäuschend. Ich hatte auf eine höfliche Unterhaltung gehofft.«

»Ich war noch nie besonders gut im Small Talk.« Der splitternde Schmerz pochte jetzt beharrlich in seiner Seite. Na, großartig. Die Garde hatte ihm eine Rippe gebrochen.

Der König gab einen summenden Laut von sich. »Dann komme ich direkt auf den Punkt. Ich brauche das Guivre-Pärchen. Und zwar sofort.«

Nun war es an Trystan zu lachen. »Und warum, beim Totenland, sollte ich dir etwas geben?«

»Soll ich ein wenig Licht in diese Angelegenheit bringen?« Etwas raschelte, dann wurde der Raum plötzlich durch gedämpften Feuerschein erhellt. Trystans empfindliche Augen begannen sofort zu tränen. »So. Jetzt kannst du mich besser sehen.«

»Das Grauen! Mach schnell aus!«

Ein weiterer Hieb in seine Eingeweide, doch da er den Schlag kommen sah, konnte er sich besser wappnen. Yay.

Auch Benedict hielt eine Fackel in der Hand, und Trystan betrachtete die perfekt frisierten Haare und die maßgeschneiderten Kleider, neben denen sein zerrissenes Hemd umso mehr nach einem Lumpen aussehen musste.

»Ich biete dir die Gelegenheit, dich zu rehabilitieren, Schurke. Die Guivres sind für die Zukunft dieses Reiches und seines Volkes wesentlich. Dies ist deine letzte Chance, ein wenig von dem Schaden, den du angerichtet hast, wiedergutzumachen.«

Trystan lachte höhnisch. »Und was ist mit dem Schaden, den du angerichtet hast?« Verächtlich musterte er Benedict von Kopf bis Fuß, wohl wissend, welchen Zorn das bei seinem gegenüber auslöste. »Wahrscheinlich denkst du, deine Verbrechen sind entschuldbar, solange du sie im Verborgenen begehst.«

Der König schluckte, und seine Schultern verspannten sich, als ob er sich körperlich zurückhalten musste, nicht zuzuschlagen. »Du hast keine Ahnung, was auf dem Spiel steht, du verdammter Idiot.«

Benedict balancierte an einem Abgrund, und Trystan spürte, wie sich eine Blase der Wahrheit hinter Benedicts abfällig verzogenen Lippen bildete. Stolz würde der Untergang des Königs sein, das war offensichtlich. Trystan musste bloß auf die richtigen Knöpfe drücken.

Er lächelte. »Holen dich deine Misserfolge endlich ein, Benedict?«

Eine Ader schwoll an Benedicts Schläfe, als er näher kam, jedoch außer Trystans Reichweite blieb. »Von Misserfolgen kann keine Rede sein. Man hat mich im Stich gelassen, erst du, dann dieses Guivre-Weibchen.« Benedict brach ab, und in seinen Augen leuchtete es gefährlich selbstzufrieden. »Doch glücklicherweise lassen sich Fehler beheben. Angefangen mit Evie Sages armer, verblendeter Mutter.«

Es war eine Kriegserklärung, ihren Namen zu erwähnen. Gleißender Zorn durchschoss ihn und lenkte ihn von den Worten ab – von der Wahrheit, die Benedict nicht hätte enthüllen sollen.

Was wollte der König mit Sages Mutter?

Trystan tat sein Bestes, um keine Miene zu verziehen, aber bei dem Namen war er zusammengezuckt, und Benedict grinste über die Reaktion – natürlich wusste er inzwischen, was der Name mit ihm machte, nachdem er so um sie gefleht hatte. Wie abscheulich, ihm seine Schwäche derart unter die Nase zu reiben, wie hinterhältig qualvoll.

Trystan wappnete sich, nahm die Schultern zurück und spielte seine Rolle. »Einen neugeborenen Guivre in Gefangenschaft zu halten, wird dir kaum die Gunst des Schicksals einbringen, Benedict. Und das Weibchen war beinahe zehn Jahre eingesperrt – das kann nicht ohne Folgen geblieben sein.«

Der König lächelte. »Wer sagt, dass es keine Folgen gegeben hat?«

Trystan presste die Kiefer zusammen, wild entschlossen, nichts preiszugeben, obwohl seine Neugier ihn wie ein tollwütiger Hund traktierte.

Benedicts Maske der Vornehmheit bröckelte, als Trystan eisern den Mund hielt. »Du bist ein egoistischer Nichtsnutz«, brachte er angewidert hervor. »Ich habe dich zu meinem Lehrling gemacht. Ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß, ich habe dich nach meinem Abbild geformt. Aber mehr noch – ich habe dir vertraut, das zu tun, was das Beste für dieses Reich ist, und musste zusehen, wie du tragisch gescheitert bist.«

Der Stich in Trystans Brust, das Brennen in seinen Augen – das war nicht real. Er musste das nicht fühlen, wenn er es nicht wollte; er hatte die Kontrolle darüber. Er schniefte und blinzelte die Flüssigkeit weg, die seinen bereits strapazierten Augen die Sicht nehmen wollte, und sein Brustkorb protestierte, als er sich aufrichtete. »Das Reich zu terrorisieren, ist weit erfüllender, als edelmütige Heldentaten zu begehen. Ich bin froh, dass ich da rausgewachsen bin.«

Du wirst mich nicht aus dem Konzept bringen.

»Im Übrigen habe ich dir auf meine eigene Art durchaus geholfen«, fügte er höhnisch hinzu, als plötzlicher Zorn ihm einen Energieschub verlieh. »Ich bin der Schurke aus der Legende geworden – und ist das nicht genau das, was du wirklich brauchst?«

Der König lächelte und deutete mit dem Kopf auf die Türen, um der Garde zu bedeuten, sich zurückzuziehen. Er wollte nicht, dass sie hörten, was als Nächstes kam, und wartete, bis die Männer draußen waren, ehe er erneut sprach. »Keine Ahnung, was du damit meinst.«

»Ich habe dir geholfen, das Reich nach Sternenlichtmagie zu durchsuchen, falls du dich erinnerst. Ich habe dir geholfen, das Guivre-Weibchen zu fangen. Ich musste zusehen, wie du das Wesen meiner Magie erkannt hast, nur um sie gegen mich einzusetzen. Ich bin kein Idiot, Benedict. Ich wusste damals schon, dass diese Dinge zusammenhingen, und meine Spione haben die Gerüchte von der Geschichte Rennedawns aufgeschnappt. Du brauchst also nicht länger den Schein zu wahren.«

Benedict holte unwillkürlich aus, beherrschte sich aber, schluckte und senkte die Hand wieder. »Du bist deiner Mutter so ähnlich. Aber wahrscheinlich war Arthur einfach nicht oft genug da, dass du viel von ihm hättest abbekommen können.«

Der König redete, als hätte er seine Eltern gut gekannt, aber darüber würde Trystan später nachdenken müssen. Denn nun richteten sich seine Gedanken auf Arthur, seinen Vater, der von den Männern des Königs gefangen genommen und – er spürte, wie sein Magen absackte – fälschlich beschuldigt worden war, der Schurke zu sein. »Nun, da ich hier bin, wirst du Arthur ja sicher freilassen.«

»Alles zu seiner Zeit, mein Junge.« Benedict wandte sich, die Fackel noch immer in der Hand, um und bewegte sich auf eine Wand zu, die zur Seite glitt. Alles Licht ging mit ihm. »Ich kriege die Guivres, was immer es auch kosten wird.«

Als die Dunkelheit Trystan wieder einzuhüllen begann, warf er sich plötzlich verzweifelt nach vorn in seine Ketten. »Benedict.« Der König verharrte, drehte sich aber nicht um. »Meine Assistentin ist für mein Unternehmen sehr wichtig. Wenn ihr etwas zugestoßen ist – wenn sie in irgendeiner Hinsicht zu Schaden gekommen ist –, mache ich dich fertig. Und ich werde es am helllichten Tag und vor aller Augen tun.« Seine Stimme klang ruhig und tief, obwohl sein Körper in Aufruhr war.

Der König schien die Drohung zu spüren und wandte sich nun doch langsam um. Vor Trystans innerem Auge tauchte Evies Gesicht auf; er konnte es nicht länger verdrängen. Ihre Tränen, ihre Schreie, als Otto Warsen seine widerwärtige Hand auf ihren Mund presste. Trystans reale Wunden waren nichts gegen den durchdringenden Schmerz, der sein Herz durchfuhr. Er hatte sich seit über zehn Jahren nicht mehr so wehrlos gefühlt. Der Drang, sie zu beschützen, ohne irgendetwas unternehmen zu können, war unerträglich.

Der König neigte den Kopf zur Seite und zog die Brauen in aufgesetztem Mitgefühl zusammen. »Habe ich etwa vergessen, es dir zu sagen? Ach, verzeih mir …«

Trystan konnte die Worte beinahe spüren, noch ehe der König sie aussprach. Die Vorahnung ließ ihn die drohende Dunkelheit beinahe willkommen heißen. Wie passend.

»Sie ist tot.«

3

DER SCHURKE

Sieben Tage später

Sage ist nicht tot.

Die Sonne war längst am Horizont verschwunden, aber der nächtliche Himmel, der nur so von Sternen strotzte, schien ihn mit seiner Helligkeit zu verspotten.

Die Wachen hatten ihn aus dem Verlies geschleift; seine Glieder waren durch die magischen Fesseln, die ihm die Energie abzapften, wie Sandsäcke. Seinen eigenen Willen hatte er sich nur dank einer unumstößlichen Wahrheit erhalten können, die er sich in den vergangenen Tagen mantraartig immer und immer wieder vorgesagt hatte.

Sage ist nicht tot.

Der König hatte ihn angelogen, um ihn zu quälen – kein übler Versuch, das musste er zugeben. Aber Benedict hatte nicht bedacht, dass Sage und er durch die goldene Tinte miteinander verbunden waren: ein Hilfsmittel, das ursprünglich dazu gedacht gewesen war, sich der Loyalität seiner neuen Assistentin zu versichern, stattdessen aber zu einer Möglichkeit geworden war, ihre Sicherheit zu gewährleisten. Obwohl Sage noch immer glauben musste, dass die Tinte der goldenen Ringtätowierung um ihren kleinen Finger sie töten würde, wenn sie ihn verriet, hatte er sich längst geschworen, ihr die Wahrheit zu sagen, sobald er sie wiedersah.

Und wiedersehen würde er sie.

Natürlich würde es ein Desaster werden. Ihr Gesicht würde sich vor Wut rot färben, und sie würde die Nase rümpfen und ihn anschreien, und die Röte würde sich abwärts ausbreiten bis in ihren Ausschnitt, was ihn selbstverständlich ablenken würde, sodass er nicht mehr zuhören konnte, was sie nur noch wütender machen und in noch mehr Geschrei münden würde.

Er konnte es kaum erwarten.

Die Ketten an seinen Handschellen waren lang genug, um über den Boden zu schleifen, der widerlich schmutzig und schmierig war – nicht einmal seine Verliese waren derart ungepflegt. Aber es gab Fenster, und er konnte etwas sehen, und immerhin fesselten ihn die Ketten auch nicht mehr an die Wand, also im Großen und Ganzen ein nettes Upgrade seiner Unterkunft.

»Kann ich eine Eckzelle haben?«, fragte er die Wachen durch die Gitterstäbe. Er hatte kaum gesprochen in den letzten Tagen, wie viele davon auch verstrichen sein mochten, und man hörte es seiner Stimme an, die wie Sandpapier auf Felsgestein klang.

»Halts Maul, Mistkerl! Ich hoffe, dass der König dich nach der Demaskierung ausweidet und aufhängt.« Der Wachmann zu seiner Linken zerrte an der Kette, und Trystan stolperte.

»Dürft Ihr bei der Demaskierung mitmachen?«, fragte Trystan schroff.

Der Wachmann hob den Helm an und enthüllte sein hageres Gesicht, dessen finstere Miene, wie Trystan annahm, wahrscheinlich Normalzustand war. Sah er selbst auch so aus, wenn er finster blickte?

»Ich trage keine Maske«, antwortete der Wachmann.

Er seufzte. »Schade eigentlich.«

Das Gesicht der Wache verzerrte sich vor Wut, und er hob die Faust. »Du verdammter …«

Doch die Wache an Trystans rechter Seite hielt den anderen auf. »Nehmt Eure Hand runter, Sir Seymore, und beruhigt Euch. Ich werde derjenige sein, der ihn zur Demaskierung in den Ballsaal bringt.« Die Stimme dieser neuen Wache kam ihm seltsam vertraut vor, aber unter dem Helm waren nur die grünen Augen sichtbar.

Hatte er die nicht schon einmal gesehen?

Während Trystan noch darüber nachdachte, schweifte sein Blick zum Ende des Gangs. Sein Sehvermögen war noch getrübt von der langen Zeit im Dunkeln, aber er konnte die braune Tür, die einen Spalt offen stand, erkennen. Er presste die Zunge gegen den Gaumen – ein Fluchtweg! Würde er sofort zur Demaskierung gebracht werden? Er musste nur für genügend Ablenkung sorgen und eine Möglichkeit finden, die Handschellen loszuwerden, die seine Magie unterdrückten und ihm die Blutzufuhr abschnürten …

Sein Blick glitt über ein großes Fenster jenseits der Gitterstäbe, und der nächtliche Himmel zwinkerte ihm zu. Natürlich wusste er, wie albern es war, sich etwas zu wünschen, aber als der Stern dort draußen erneut funkelte und ihn – wie schon einmal – herausforderte, es einfach zu wagen, tat er es dennoch.

Er wünschte sich, Sage zu finden.

Er wünschte sich, ihr sagen zu können, dass es ihm leidtat.

Er wünschte sich, dass er – nach und nach – besser darin werden würde, ihr zu erklären, was er fühlte.

Und vielleicht am wichtigsten: Er wünschte sich, mit ihrer kleinen Schwester Lyssa eine gottverdammte Teeparty zu veranstalten.

Irgendwie lächerlich, aber es war jener Gedanke, der seine trägen Glieder mit frischer Energie versorgte, als der Wachmann mit den grünen Augen seinen Käfig aufschloss.

Noch nicht. Noch nicht.

JETZT.

Er sprintete durch die offene Tür, die Ketten schleiften hinter ihm her, das Metall schnitt in seine Hände, als er danach griff. Die Muskeln seiner Beine brannten bereits, aber er konnte jetzt nicht zu rennen aufhören – der Ausgang war nah. Sein Atem kam in abgehackten Stößen, seine bestrumpften Füße rutschten immer wieder auf dem Steinboden weg. Gott allein wusste, wohin seine Stiefel verschwunden waren.

Dezent peinlich, dachte er, während er keuchend um Atem rang, wie hart ich um die Dinger gekämpft habe. Aber sie waren ein Geschenk von Sage gewesen.

Er war schon fast an der Tür, als er die Wachen hinter sich brüllen hörte. Am lautesten ertönte die Stimme des grünäugigen Ritters, der ihn anflehte, doch anzuhalten. Die pure Verzweiflung – und war das etwa ein Hauch Angst? – in jener Stimme ließ Trystan mit der Hand auf dem Türknauf innehalten.

»Geht da nicht rein, Mr. Maverine. Ihr bereut es, das schwöre ich.«

Ah, Benedict hatte seiner Furchtlosen Garde seinen Namen verraten. Zweifellos würde er sich bald im ganzen Königreich verbreitet haben und seine Familie ruinieren.

Untragbar.

Nicht, dass seine Familie davon betroffen sein würde, sondern dass es ihn kümmerte.

Er drückte gegen die Tür und hörte Benedicts zufriedene Stimme hinter sich. Er hätte warten und zuhören sollen, hätte auf die Alarmglocken in seinem Verstand hören sollen, doch Kopf und Körper waren in Aufruhr, und er konnte seinen Instinkten nicht mehr trauen; sie waren so nützlich wie ein kaputter Kompass.

Weswegen er den boshaften Unterton in Benedicts Befehl ignorieren konnte. »Nein, Männer. Lasst ihn gehen. Er soll es sehen.«

Trystan wartete nicht, sondern riss die Tür auf, die, wie er hoffte, zu einem Treppenhaus führte, doch – nein. Kein Treppenhaus. Sondern eine Kammer.

Und was er darin entdeckte, bewies ein für alle Mal, dass Wünsche für Menschen wie ihn nicht gemacht waren.

Nur das Grauen.

4

DER SCHURKE

Trystan hätte den Tod nie für so schön gehalten.

In seinem Verständnis war der Tod folgerichtig, notwendig – sogar erfreulich, wenn die Person es verdient hatte. Aber niemals schön, niemals so schmerzlich anzusehen, dass sein ganzer Körper erstarrte und seine Muskeln sich so stark verspannten, dass sie unter der Haut zu pulsieren schienen. Niemals so quälend, dass sein Hirn sich weigerte, das, was er sah, zu einem verständlichen Bild zusammenzusetzen.

Denn auf dem weißen Marmortisch vor ihm in dieser Kammer mit den steinernen Wänden und dem gedämpften flackernden Licht lag seine Assistentin Evie Sage.

Tot.

Der Schock setzte sich im Mark seiner Knochen, in der entsetzten Steifheit seiner Glieder fest. Seine Augen brannten erneut, doch diesmal war es nicht das Licht. Diesmal war es der Schmerz. Beweg dich, befahl er ihr, aber sie lag still da, vollkommen und unnatürlich still. So hatte er sie noch nie erlebt. Eine Frau, die vor Energie nur so übersprudelte, aus deren Mund ständig Worte hervorquollen und nun wartete er darauf, dass sie etwas sagte, irgendwas.

Aber ihre rot geschminkten Lippen waren zu einem ausdruckslosen Strich zusammengepresst – so untypisch für sie, dass es ihn verblüffte. Unmöglich.

Er machte einen bebenden Schritt auf sie zu und ignorierte das Knarren der hölzernen Tür hinter sich und das Klirren der Rüstung, das darauffolgte.

»Ich hatte dir diesen Anblick als einen letzten Gnadenakt eigentlich ersparen wollen.« Im Kontrast zu dem Inhalt seiner Worte troff Benedicts Stimme vor Verachtung. Doch Trystan würde sich nicht umdrehen, würde ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenken.

Sein Blick war auf Sage gerichtet, deren Haar kunstvoll um sie herum drapiert war wie ein ätherischer Heiligenschein aus Locken, die mit winzigen bunten Blumen durchsetzt waren. Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle, als er langsam auf sie zuging, und seine Gefühle verbargen sich hinter einer Mauer aus Unglauben. Bis er es sah.

Fingerabdrücke um ihren Hals. Schwärzlich lila Fingerabdrücke.

Er kniff die Augen zu und ballte die Fäuste so fest an seinen Seiten, dass seine Nägel die Blasen auf seinen Handflächen durchstachen.

Benedict sprach erneut, diesmal näher bei ihm. »Mach dir keine Sorgen, mein Junge.«

Trystan atmete tief ein.

»Gelitten hat sie nicht … viel.«

Seine Lider flogen auf. Seine Fäuste lösten sich. Eine seltsame Ruhe machte sich in ihm breit, und einen Moment lang verharrte die Welt still.

Und dann war der Moment vorbei.

»Du Bastard!« Seine Stimme war kehlig, als er auf Benedict zuhechtete, und obwohl die Ketten seine Magie unterdrückten, die unter der Oberfläche tobte, spielte es keine Rolle – er hatte seinen Zorn. Und dieser war ursprünglich, er war gleißend, und er war genug. Flammen leckten über seine Haut, und sein Herz hämmerte, als er sich auf den anderen warf.

Benedict krachte gegen die Wand hinter ihm, und seine Krone rutschte ihm vom Kopf und fiel Trystan klirrend vor die Füße. Angst flammte in Benedicts Augen auf. Gut. Trystan wusste mit Angst weit besser umzugehen als mit den wirren Gefühlen, die in ihm tobten. Die Wachmänner packten seine Arme und versuchten, ihn zurückzuzerren, aber er war stärker.

Er hatte nichts mehr zu verlieren.

Seine Hände lagen um Benedicts Hals, und er drückte so fest zu, wie er mit den angeketteten Handgelenken und den Wachen, die an seinen Armen zogen, konnte. Benedicts Augen weiteten sich, während er röchelnd um Atem rang.

Trystan drückte noch fester zu, als sich sein Gewissen – so wenig ausgeprägt es auch war – meldete. Und plötzlich war es nicht mehr König Benedict, der ihn ansah, sondern Evie. Ihre schönen Augen schwammen vor Entsetzen in Tränen. Sie keuchte, erstickte. O bei den Göttern!

Seine Hände hatten sich nie mehr wie eine Gefahr angefühlt, als er losließ und die Wachen ihn plötzlich zurückzerren konnten. Zurück zu Sage, zu dem Tisch, auf dem sie ruhte, und er taumelte auf sie zu, ohne sich um das Keuchen und Fluchen hinter sich zu kümmern.

Es spielte keine Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle. Er sah nur noch sie.

Schluckend näherte er sich und ließ sich neben ihr auf die Knie sinken.

»Sage«, flüsterte er. »Sage, wach auf.« Er musterte ihr Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen, die dichten Wimpern aufgefächert oberhalb ihrer Wangen, die nun, ihrer üblichen rosigen Farbe beraubt, bleich waren. »Als dein Arbeitgeber befehle ich dir aufzuwachen.«

Er spürte, wie sein Blut härter durch die Adern pumpte, spürte es schneller und schneller durch seinen Körper rauschen, als sein Verstand sich endlich mit der Realität verband. Sage, Evie – die Frau, der sein schwarzes, ramponiertes Herz gehörte – war wahrhaftig und unwiederbringlich tot.

Heiße Flüssigkeit brannte in seinen Augen. »Das ist ein Befehl, Sage«, stieß er heiser hervor, doch ohne auch nur einen Hauch seiner üblichen Autorität. »Mach die Augen auf.«

Er blickte zu ihren Händen, die um einen kleinen Strauß weißer Rosen lagen, und nahm eine. Die Hand war eiskalt, das goldene Band um ihren kleinen Finger verblasst, frei von Magie. Er fühlte es nicht, er konnte ihr nicht helfen. Er hatte geglaubt, dass die tätowierte Verbindung um seinen Bizeps wegen der magieunterdrückenden Fesseln nicht leuchtete, aber das war es nicht gewesen. Sie hatte nicht geleuchtet, weil kein Leben mehr darin war – weil kein Leben mehr in ihr war.

Während er versuchte, das Brennen in seinen Augen zurückzukämpfen, löste sich eine einzelne Träne und rann ihm über die Wange. Er hob ihre Hand an und legte seine Lippen zart wie ein Flüstern an ihre Knöchel, so leicht, dass sie es kaum würde spüren können, sollte sie noch bei ihm sein. »Ich habe dich im Stich gelassen. Verzeih mir. Komm zurück.«

Sie gab keine Antwort, und in diesem Moment wurde Trystan bewusst, dass er ihre Stimme nie wieder hören würde. Ihr aufgeregtes Quieken, ihr ansteckendes Lachen, ihr melodisches Summen, ihre Scherze, ihre Freimütigkeit. All das war Bestandteil seiner Welt geworden, den er für selbstverständlich gehalten hatte, doch nun war er fort. Für immer.

Genau wie jeder, dem er begegnete, und alles, was er berührte, zugrunde gerichtet wurde.

Er war so egoistisch gewesen. Seit dem Tag, an dem er sie eingestellt hatte, hatte er sie zur Zielscheibe gemacht. Er hatte törichterweise geglaubt, dass etwas absichtlich zu ruinieren, ihn davor bewahrte, es versehentlich zu tun. Dass es ihn retten würde, der Schurke zu sein.

Stattdessen hatte er den einen Menschen vernichtet, der über all das hinweggesehen, der ihn gesehen hatte. Und sie hatte ihn nicht nur gesehen. Sie hatte sich auch nicht davon abschrecken lassen.

Ihr Götter, das würde er sich niemals verzeihen. Niemals.

Sir Seymore packte seinen Arm fest wie ein Schraubstock, aber er spürte es kaum. Zwei weitere Wachen gesellten sich dazu, dann noch zwei – so viele brauchte es, um ihn von ihr wegzuzerren. Er brüllte, bis seine Stimme versagte, wehrte sich, schlug um sich, aber er war nicht stark genug. Nicht mehr.

Und dennoch kämpfte er, kämpfte weiter, bis seine geschwächten Glieder nachgaben und seine Sicht fleckig wurde, bis er, als man ihn rückwärts durch die Tür zurück in seine Zelle schleifte, nur noch den einen verbleibenden Ritter sah, dessen Augen ihm so vertraut erschienen.

Und er bildete lautlos ein Wort mit den Lippen.

Etwas, das verdächtig nach Hoffnung aussah.

Das war so seltsam, dass es Trystan vorübergehend aus seiner Verzweiflung riss. Er runzelte die Stirn, als der Ritter hinter der sich schließenden Tür verschwand.

Hoffnung? Warum sollte ein Ritter der Furchtlosen Garde wollen, dass der Schurke Hoffnung empfand?

Nun, wen kümmerte es. Hoffnung war sinnlos. Evie Sage war tot.

5

BECKY

Der Plan war riskant.

Und die Leute waren aufgeblasene Wichtigtuer.

Aber vor allem war sie nicht ganz dicht, dass sie überhaupt eingewilligt hatte, sich mit diesem fleischgewordenen Personalrichtlinienverstoß hierher zu begeben.

»Du trittst mir auf den Fuß«, knurrte Becky Blade an. Er stand in prachtvollem Aufzug neben ihr, auch wenn sich der kostbare Stoff zu straff über seinem massigen Bizeps spannte. Von welchen Aristokraten auch immer Tatianna ihre Verkleidung geklaut haben mochte, Blades stammte ganz offensichtlich von einem Edelmann, der es noch nie mit der Art von körperlichen Aktivitäten zu tun hatte, denen der Drachenbändiger tagtäglich nachging. Mit einem Reptil von doppelter Hausgröße zu ringen, beispielsweise.

Trotzdem sah er gut darin aus, und Becky durchzuckte ein Anflug von Ärger.

»Ich bitte um Vergebung, reizende Rebecka.« Das tiefe Timbre seiner Stimme verursachte ihr eine Gänsehaut, und es flatterte in ihrer Magengrube, als er ihr nun ein Lächeln schenkte. Warm und neckisch zugleich – eine ziemlich tödliche Kombination.

Und eine unsägliche obendrein. Innerbetriebliche Beziehungen sind höchst unerwünscht, Becky, weißt du noch?

Mit einer steilen Falte auf der Stirn blickte sich die Personalchefin des Schurken um. Der Ballsaal war der größte, den sie je gesehen hatte, und sie hatte in ihrem Vorleben schon eine ganze Menge gesehen. Das Deckengewölbe erzeugte den Eindruck von unendlicher Weite, und in den Kristalllüstern steckten Hunderte von Kerzen. Edelleute wollten für sich nur das Beste, und diese Welt war so gestaltet, dass sie es immer und prompt bekamen. Was dem Rest gegenüber unfair war – und wie sehr Becky es hasste, wenn die Dinge unfair waren!

Das jüngste Beispiel dafür? Die Tatsache, dass sie hier mit Blade zu stehen hatte.

»Du solltest wirklich besser aufpassen.« Sie durchbohrte ihn mit einem tadelnden Blick, ihrem einschüchterndsten Blick, ihrem besten eigentlich.

Seine bernsteinfarbenen Augen, die so oft vergnügt funkelten, wurden eindringlich. »Oh, das tue ich, das kann ich dir versprechen.« Und ohne Vorwarnung streckte er die Hand aus und schob ihr behutsam die Brille wieder die Nase hinauf. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie gerutscht war.

Er schon.

Ihr Herz machte einen Sprung, aber sie wehrte sich sofort dagegen. Lass das, Verräter!

»Danke«, sagte sie, überrascht und alarmiert über die Sanftheit ihrer Stimme. Wo beim Totenland war die denn plötzlich hergekommen?

Blade war anscheinend ebenfalls erstaunt, wie man seinem verdatterten Blick und dem leichten Beben in der Stimme entnehmen konnte, das er mit einem Husten zu überspielen versuchte. »Oh, ähm, gern geschehen.«

Die Verunsicherung, die sie in ihrem Miteinander erlebte, wurde langsam gänzlich unangenehm. Sie hatte eingewilligt, für den Schurken zu arbeiten, um ihrem chaotischen Leben zu entkommen, um Ordnung zu haben. Stattdessen hatte man ihr eine Heilerin aufgehalst, die rosa Rüschenkleider trug, eine Assistentin, die das menschliche Pendant einer Arschbombe war, und einen schmierigen Drachentrainer, der so strahlend lächelte, dass es einem die Hornhaut wegschmurgelte.

Doch nun, da er nicht lächelte, fehlte ihr seltsamerweise etwas.

Das hat man nun davon, wenn man sich zu einem geselligen Beisammensein breitschlagen lässt. Arbeitsbezogen oder nicht, es gefährdet die eigenen Prinzipien.

Als sie ihre Familie verlassen hatte, hatte sie sich geschworen, ein einsames und durchorganisiertes Leben zu führen, das ihr als einzige Möglichkeit erschien, in dieser verrückten Welt zumindest den Anschein von Geborgenheit zu finden. Was ihre Entscheidung, an dieser Mission teilzuhaben, umso verwirrender machte, da sie die anderen selbst an guten Tagen kaum ertragen konnte. Nichtsdestoweniger hatte sie das Gefühl gehabt, dass sie sie nicht allein losziehen lassen durfte. Im Übrigen war es schlichtweg eine weitere Gelegenheit, allen zu zeigen, wo es langging.

Und darin war sie zufällig ziemlich gut.

Sie war ebenfalls ziemlich gut darin, Zeitpläne einzuhalten, eine Fähigkeit, die dem König ganz offensichtlich abging. Wie lange standen sie nun schon hier und warteten darauf, dass es endlich losging?

Blade zog eine Augenbraue hoch und folgte ihrem Blick zu der großen vergoldeten Uhr, die zwischen den verzierten Fenstern hing. Mit schützend an den Mund gelegter Hand neigte er sich zu ihr, sodass sein Atem über ihr Ohr strich. »Wollten die nicht um neun Uhr anfangen?«

»Ja!«, entfuhr es ihr, prompt peinlich berührt wegen ihres untypischen Ausbruchs.

Er schaffte es irgendwie, um ihretwegen empört auszusehen. »Unverschämtheit. Soll Fluffy sie für dich zu Asche verbrennen?«

Sie zog eine Braue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Würde der Drache das denn für mich tun?« Spöttisch neigte sie den Kopf, doch die plötzliche Ernsthaftigkeit in seiner Miene verblüffte sie.

»Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass der Drache so gut wie alles für dich tun würde.« Er blinzelte, als erwache er aus einer Art Trance, ehe seine übliche Fröhlichkeit wieder einsetzte. »Falls er je in der Lage ist, mehr als nur eine Geburtstagskerze anzuzünden, heißt das.«

Es musste ein Bann über diesem Saal liegen – nur so war die Enttäuschung zu erklären, die sie empfand, als er wieder das sonnige Gemüt herauskehrte, mit dem er auf jeden zuging. Die Eindringlichkeit kurz zuvor hatte sich angefühlt, als … als wäre sie nur für sie gedacht.

Hier war dringend ein Themenwechsel vonnöten. »Glaubst du, die anderen haben es geschafft …« Mit einem Aufkeuchen brach sie ab.

Blade hatte sie an den Hüften gepackt und schubste sie nun in eine Nische, bis sie mit dem Rücken an der Wand landete.

Ihr Herz raste, und eine wilde Erregung brachte ihr Blut in Wallungen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn durch die großen Brillengläser an. »Gushiken. Lass mich sofort los!« Sie war ihm zu nah, so nah, dass sie den Zedernduft seiner Haut riechen konnte. Es war entwaffnend.

Er verzog schuldbewusst das Gesicht, gehorchte ihr aber nicht, sondern legte die Hände fast schützend an ihren Kopf. »Wie mir scheint, hat mein Vater ausgerechnet heute zum ersten Mal beschlossen, Feierlichkeiten im Strahlenden Palast beizuwohnen. Damit hätte ich nie und nimmer gerechnet. Normalerweise hält er nichts von solchen gesellschaftlichen Anlässen.« Ah, sie hatte vergessen, dass Blade hier aufgewachsen und sein Vater ein politischer Berater des Königs war.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und sein Blick senkte sich, während gleichzeitig ihr Magen absackte. »Es wäre sicher nicht gut, wenn er Euch erkennt.«

»Nein.« Das Kratzen in seiner Stimme ließ sie schaudern.

Drei laute Schläge hallten durch die Halle und ließen alle Anwesenden aufmerken. Blade nahm eine Hand weg, sodass sie beide König Benedict sehen konnten, der am Kopf der Treppe stand.

»Willkommen. Willkommen, meine verehrten Gäste, zur Demaskierung des Schurken!«

Die Menge verbeugte sich, ehe sie in Jubel ausbrach, als Wachen der Furchtlosen Garde durch die offenen Türen hinter dem König traten und eine Gestalt zwischen ihnen hinauszerrten: einen Mann, der von der Maske über seinen Augen bis zu den polierten Stiefeln ganz in Schwarz gekleidet war. Der Jubel verwandelte sich in Buhrufe.

»Der Boss«, flüsterte Blade besorgt.

Der Schurke, die Hände zusammengekettet, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst, wurde die marmornen Stufen hinunter und zu einem Podest an der hinteren Wand gezerrt. Er zuckte kein einziges Mal zusammen, nicht einmal als ein Wachmann ihn an den Pfosten kettete, der sich dort erhob. An einen zweiten Pfosten neben ihm hatte man einen anderen Mann gefesselt – einen mit langen roten Haaren und einem roten Bart.

»Arnold«, flüsterte Blade.

Becky riss sich aus ihren tosenden Gedanken und warf ihm einen Blick zu. »Der Seelenheiler heißt Arthur.«

Blade runzelte die Stirn. »Bist du sicher?«

»Ja. Und dafür ist jetzt wirklich keine Zeit«, schimpfte sie.

Der Drachenbändiger stieß den Atem aus, blieb aber so vor ihr stehen, dass er sie vor dem Rest des Saals abschirmte, als der König fortfuhr.

»Heute Abend nun beenden wir endlich die seit zehn Jahren andauernde Tyrannei des Schurken und trauern um jene, die wir durch seine grausamen Hände verloren haben.« Der König neigte den Kopf in demütiger Ehrenbezeugung, aber Becky hätte schwören können, den Anflug eines hämischen Lächelns auf seinen Lippen aufblitzen zu sehen. »Seht nun des Schurken letztes Opfer!«, verkündete er, als er den Kopf wieder hob. »Ein Licht, das die Dunkelheit für immer gelöscht hat. Die Tochter eines verehrten Ritters. Unsere wunderbare Evangelina Sage.«

Becky fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als durch eine Seitentür ein großer, verzierter, gläserner Sarg in die Mitte des Saals gezogen wurde. Die Menschenmenge schloss sich sofort darum, wodurch es schwer war, etwas zu erkennen.

»So geht das nicht!«, fauchte sie. Die Uhr schlug zehn Minuten nach neun.

»Rebecka!«, rief Blade, als sie sich auch schon durch die Menge zum Sarg drängte, wo sie schließlich stehen blieb.

Evangelina lag totenstill darin. Nein, das kann doch nicht sein!Da muss etwas schiefgelaufen sein. Das war nicht ihr Plan gewesen …

Erneut dröhnte die Stimme des Königs durch den Ballsaal. Blade packte von hinten ihre Schultern und fluchte, als er Evie sah.

»Gemeinsam beginnen wir heute eine neue Ära für Rennedawn, sobald meine Garde und ich uns auf den Weg machen, die Prophezeiung aus der Geschichte Rennedawns zu erfüllen. Denn falls wir scheitern …«

Wieder war ein kleines höhnisches Lächeln auf den Lippen des Königs zu sehen, und ehe es wieder verschwunden war, hatte Becky es sich bereits eingeprägt.

»… wird unser Königreich nicht länger existieren.«

In der Menge breitete sich Entsetzen aus.

6

DER SCHURKE

Sieh mich an!«

Arthur Maverine rief Trystan, aber er tat, als hörte er nichts. Die Augenmaske schränkte sein peripheres Sehen ein und bot ihm nur den Blick auf die Zuschauer, die ihm Essen vor die Füße warfen. Alles fühlte sich langsamer und gedämpfter an, als hätte die Zeit die Welt zu etwas verblassen lassen, das er nicht wiedererkannte.

»Du Schwein!«, brüllte ein Edelmann und schleuderte etwas aufs Podest, das wie ein Windbeutel aussah.

Er runzelte die Stirn. »Was für eine unsägliche Gebäckverschwendung. Warum werfen die nicht mit Steinen?« Er sprach nur, um damit Arthur abzuwehren.

»Trystan. Wir müssen dich hier rausschaffen, ehe du demaskiert wirst.« Ein Flehen durchzog die Stimme seines Vaters, aber es berührte ihn nicht – nichts konnte ihn mehr berühren. Er wusste nicht, ob er je wieder etwas würde fühlen können.

Sage ist tot. Was soll noch eine Rolle spielen?

Er schniefte und blickte erneut auf die Ansammlung von Nachspeisen vor seinen auf Hochglanz polierten Stiefeln. Benedict hatte ihn für den Anlass schick machen lassen – wahrscheinlich, damit er eher furchterregend als schwach und zerlumpt aussehen würde. Der Schurke sollte bei den Gästen auf keinen Fall Mitleid erregen.

»Es ist sinnlos, sich um den Familiennamen zu sorgen, Arthur. Den habe ich bereits ziemlich gründlich zerstört.«

Verdattert setzte Arthur zu einer Antwort an. »D-das ist jetzt ganz bestimmt nicht meine Hauptsorge, mein Junge. Und deine sollte es auch nicht sein.«

Trystan zog unter der Maske eine Braue hoch und sah seinen Vater endlich an.

»Eigentlich gilt meine Hauptsorge den Windbeuteln.«

Arthur zerrte vergeblich an seinen Ketten und bedachte ihn mit einem strafenden Blick. »Nimm die Sache ernst, Trystan. Deine Zukunft steht auf dem Spiel!«

Trystan schnaubte verächtlich. »Was für eine Zukunft?«

Arthur musste gesehen haben, wie Trystans Blick automatisch wieder zum Sarg zurückgekehrt war; er wollte nicht wegsehen, konnte es nicht. »Ach, mein Sohn«, sagte Arthur traurig. »Sie hätte gewollt, dass du …«

»Wag es ja nicht, mir zu sagen, was sie gewollt hätte. Wag es nicht, überhaupt von ihr zu sprechen!« Die wenigen Adeligen, die ihm immer noch Süßes vor die Füße warfen, hielten bei dem Gift in seiner Stimme inne und waren klug genug, die Hände zu senken und ein paar Schritte zurückzuweichen. Die restliche Menge teilte sich bereits, um für den König Platz zu machen, der mit seiner juwelenbesetzten Krone und dem kostbaren Pelzumhang auf das Podest zuging.

Trystan versteifte sich, als Benedict an Sage vorbeiging und in vermeintlichem Mitgefühl mit einer Hand über den Sarg strich. Unwillkürlich lehnte sich Trystan in die Ketten und knurrte, und das Einzige, was er empfand, war Zorn.

»Zu lange habe ich es versäumt, den Schurken zur Rechenschaft zu ziehen und den Gräueln, die er an meinem Volk verübt hat, Einhalt zu gebieten«, rief der König mit donnernder Stimme. »Er ist eine Gefahr für uns alle, seine Magie zielt allein darauf ab, zu schaden, zu töten!« Alle Augen waren nun auf den König gerichtet, sogar die Wachen rückten ein Stück von ihren Posten ab, um besser sehen zu können. »Er hat Adelsfamilien terrorisiert, wertvolle Güter gestohlen und den Hickory Forest – einst ein beliebter Ort der Erholung! – zu einer gefährlichen Gegend gemacht, durch die zu reisen man kaum noch wagt.«

Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort wäre ihm die Schmeichelei vielleicht zu Kopf gestiegen.

»Aber die schlimmste seiner Taten – eine, vor der ich euch mit allen Mitteln zu bewahren versuche …« Der König seufzte schwer, als wären die Worte zu quälend, und Trystan hatte das starke Bedürfnis, ihm eine Tomate an den Kopf zu werfen, so schlecht war seine schauspielerische Leistung. »… ist ein furchtbares Verbrechen, das er vor zehn Jahren begangen hat.« Trystans Kopf fuhr hoch und seine Schultern strafften sich bei dieser Andeutung einer Enthüllung – aber was für einer?

Worauf willst du hinaus, Mann?

»Weil der Schurke vor einem Jahrzehnt einen kostbaren Guivre des Schicksals gefangen nahm, muss das Volk Rennedawns seitdem unter der Rache der Natur leiden.«

Trystans Verstand vertrieb den verzweiflungsbedingten Nebel in seinem Kopf, als er schockiert begriff, was genau Benedict ihm vorwerfen wollte.

»Der Schurke ist der Grund für die Mystische Krankheit.«

Ich glaube, ich spinne!

Die Menge schrie empört auf und stieß vulgäre Beleidigungen aus – nichts, was er nicht gewohnt war; tatsächlich zeugten einige von sehr großer Kreativität –, aber normalerweise kassierte er solche verbalen Attacken für Gräueltaten, die er begangen hatte.

Das hat nichts mit mir zu tun, und das weißt du genau, du Mistkerl!

Benedict trat näher. »Und nun werde ich euch den elenden Verräter enthüllen.« Benedict betrat das Podest und stellte sich zu ihm. »Bereit, mein Junge?«, murmelte er.

Trystan nickte ehrerbietig und antwortete mit ebenso leiser Stimme: »Ich muss sagen, die Rolle steht dir, Benedict.«

Der König verengte die Augen. »Welche Rolle?«