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Malika und Stina (40 Jahre alt) fahren jedes Jahr in einen Skiurlaub und genießen neben den herrlichen Berglandschaften und den wunderschönen Abfahrten auch die Après-Ski Partys. Sie beobachten humorvoll die menschliche Spezies, die hier scheinbar losgelassen wird, um ihr tristes Leben zu Hause auszublenden. Homo sapiens im Ausnahmezustand! Die mächtigsten Grundinstinkte haben hier Priorität. Urlauber werden hormonell von Endorphinen überschwemmt. Frei von moralischer Verantwortung sind die beiden Frauen nicht abgeneigt, komplett in die Flirt-Baggerstimmung und die abenteuerlichen Erlebnisse abzutauchen, aber sie sind doch auch geprägt von gesellschaftlichen, erzieherischen, konservativen Mustern. Ob es ihnen gelingt, diese abzulegen? Die skurrilen Erlebnisse und Begegnungen in diesem Ausnahmezustand bringen Sie in eine Lebendigkeit, Freiheit und auch an Ihre Grenzen, während sich nebenbei zu Hause bizarre Dinge abspielen. Ein Buch für Skifahrer und Snowboarder, die nicht nur auf der Piste ihren Spaß suchen, sondern auch das collaterale, gesellige Vergnügen beim Après-Ski begehren. Es ist jedoch sinniger, es zu Hause zu lesen, denn in einem Skiurlaub kommt man in der Regel nicht dazu.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2018
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„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können,
muss man vor allem ein Schaf sein.“
Albert Einstein
Vorfreude
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Nach Hause
2 Monate später
Schweiß rinnt mir von der Stirn. „Atme - atme und lass los ...!“, sage ich mir. Ich bin allein und liege in Rückenlage im Schnee auf einer einsamen Piste irgendwo in Österreich. Es ist kalt in meinem Rücken, aber grelle Sonnenstrahlen wärmen meine vordere Körperseite. Jetzt kommt wieder eine Welle - oh nein - schon wieder atmen ... tief ausatmen, immer Betonung auf Ausatmen. Ich habe das Gefühl, dass ein vaginales Vakuum meine Gebärmutter rauszieht. Meine Adduktoren schmerzen und drohen, zu zerreißen. Das Kreuzbein und meine Bänder an der Lendenwirbelsäule zerren. Das saugende Vakuumgefühl wird immer stärker ... Ich schließe die Augen, atme und versuche, loszulassen. Alles unter dem Bauchnabel loslassen … die Welle geht, und dann lässt ganz langsam der Sog wieder nach. Der Schmerz reduziert sich. Wahnsinn, was der Körper mit einem machen kann. Die gefühlte 1000´ste Wehe habe ich überwunden. Es kommen Menschen in weiß, die mich in einen Helikopter verfrachten. Ich bekomme nicht mit wie - nur, dass ich dann in diesem schwebenden Gefährt unterwegs bin. Nun sagt eine dunkle, raue Frauenstimme neben mir bestimmend: „Muttermund ist einen halben cm geöffnet. Das reicht nicht!“
Wieder kommt das Vakuum, ein Sog mit einer unvorstellbaren Wucht … dann Druck. Druck als wenn mein Beckenboden gesprengt wird und mein Zwerchfell mir die Lungen unter den Hals drückt. „Pressen“, brüllt mich diese Frau an.
„Los – pressen!“, ich denke noch: Lohnt sich das bei einem halben cm Muttermundöffnung? Das meint die doch wohl nicht ernsthaft! Ich presse, was das Zeug hält, einmal, zweimal ... und dann ist ein kreischendes, wütendes Kind auf der Welt, das gerade ein mega Geburtstrauma hinter sich hat bzw. noch immer erlebt. Auf einmal sind viele Leute um mich herum. Alle Gesichter sind glücklich und freuen sich mit mir. Ich höre das monotone Motorgeräusch des Hubschraubers. Wir fliegen.
Mein Schmerz ist vergessen vor Glückseligkeit. Zum einen, weil ein neues Lebewesen auf dieser Welt ist und zum anderen, weil ich das Ganze unbeschadet geschafft habe. Ich bin stolz auf meine Leistung und total glücklich. Aber - das geborene Kind ist es nicht. Es brüllt, und die dicken Tränen kullern aus den kleinen, verklebten Augen.
Kurz darauf gucke ich in entsetzte, enttäuschte, verzweifelte, tief traurige Gesichter, die eben noch so glücklich waren. Mein Kind ist auf einmal ganz ruhig und grinst runzelig. Es erschlafft. Die faltigen Beinchen fallen gebeugt auseinander, die dünnen Arme liegen entspannt und reglos neben dem Körper. Die anderen Menschen schreien panisch: „Es atmet nicht … es stirbt...!“ In diesem Moment landet der Hubschrauber hart auf Beton. Das Kind bewegt sich nicht mehr, hat aber einen zufriedenen, glücklichen Gesichtsausdruck. Es lacht aufeinmal laut und fröhlich auf - ein Freudenjuchzer. Dann ist es tot.
Stina bekommt einen starken Verlustschmerz im gesamten Körper und schreckt mit weit aufgerissenen Augen hoch. Schnell realisiert sie, dass sie im Bett liegt. Zu Hause - allein.
„Entspann dich“, denkt Stina, „du hast zwei gesunde, tolle Töchter von 11 und 14 Jahren!“ Sie legt sich schweißgebadet zurück in ihr orthopädisch, ökonomisch, wertvolles Kopfkissen. Das war ja eine ganz derbe Symphonie in ihrem Hirn.
Erneut öffnet sie etwas die Augen und blinzelt zur Uhr: 7.00 Uhr.
Sie liegt einen Moment da und ist so erleichtert, dass sie in einer anderen Realität ist. Wie kann so etwas Grausames in ihrem Unterbewusstsein hausieren. Ihr Leben ist zwar nicht gerade normal und entspannt, aber lebbar. Langsam erreicht der Adrenalinpegel in ihrem Körper wieder den Normalzustand und ihr Muskeltonus senkt sich.
Sie dreht sich auf die Seite, um rückenfreundlich aufzustehen. Sitzend an der Bettkante erkennt sie etwas wage ihren offenen Trolley, der darauf wartet, fertig gepackt zu werden. Heute ist Freitag, und sie fährt mit ihrer Freundin Malika in den Skiurlaub. Da ist sie doch gleich in Höchstform. Sie hört leise ihre Töchter auf dem Flur, die mittlerweile aufgestanden sind und sich für die Schule fertig machen. Wo sich ihr Mann aufhält, entzieht sich auf Grund getrennter Schlafzimmer ihrer Kenntnis. Er ist mit Sicherheit schon zur Arbeit gefahren.
Heute Vormittag muss Stina noch arbeiten und dann trifft sie sich mit Malika um 17.30 am Bahnhof Kiel.
Schnell huscht sie ins Bad, geht unter die warme Dusche und braust sich zum Schluss kurz kalt ab. Das empfindet sie erfrischend nach dem desaströsen Traum. Sie nimmt ein kleines Frühstück mit einem großem Becher Kaffee zu sich und freut sich auf den Skiurlaub in den Bergen.
Nach der Arbeit steckt sie Sonnen - und Skibrille in ihre Skischuhe, und das Ganze quetscht sie in den Trolley. Dann verstaut sie ein Piccolo Fläschchen Sekt für den Abend und ein leckeres Honigbrötchen für den nächsten Morgen in ihrem Handgepäck.
Von ihren Kindern verabschiedet sie sich und hofft, dass alles, was sie in der kommenden Woche ohne sie erleben, tragbar für sie sein wird.
„Viel Spaß Mama“, sagt Greta, die Älteste und Lina, die Jüngere nimmt sie in den Arm und säuselt: „Hab dich lieb!“
„Habe euch beide auch total lieb. Bis in einer Woche, ihr Schnuckelschens...!“, erwidert sie, und sie küssen sich noch mal herzlich.
Manchmal hat Stina Momente im Leben, an denen sie sich vorstellt, ihre liebsten Mitmenschen nie mehr wieder zu sehen. Sie bekommt einen kleinen Kloß im Hals und ein leichter vegetativer Tumult setzt in ihrem Körper ein. Dies ist gerade wieder so ein Moment, aber sie weiß, wenn sie ihr Befinden äußern würde, bekämen auch ihre Kinder diese subtilen, überflüssigen Verlustängste. Sie reißt sich also zusammen, nimmt sie aber noch mal ganz tüchtig in den Arm und drückt sie fest an ihre Brust. Das Taxi steht auch schon vor der Tür. Sie winkt so fröhlich wie möglich und dann beruhigt sich auch ihr vegetativer Verlustalarm. Der Fahrer mustert Stina, bevor er das Gepäck in den Kofferraum hievt.
Stina ist nicht dick und auch nicht dürr, sie trägt nicht Damen Schickimicki-Klamotten, sondern kleidet sich eher sportlich. Jeans und T-Shirt oder ein lockerer Pullover wird häufig von ihr aus dem etwas chaotischen Kleiderschrank gezogen. Ihre kurzen Haare koloriert sie manchmal selbst ganz unspektakulär mit der Farbe hellbraun, aber alle acht Wochen muss sie zum Friseur und dort die Klatschzeitschriften lesen, während die Farbe für Ihr Begriffe viel zu lange einwirkt. Eine Haarkur tut sie sich dann in extremer Halswirbelextension angelehnt am „Friseurbidet“ auch noch an, sonst würde sich ihre strapazierte Haarpracht nie erholen. Spaß macht ihr dieser Gang nicht, aber um einigermaßen gesellschaftsfähig zu bleiben, nimmt sie diese etwas sinnlos verbrachte Zeit in einem Salon in Kauf. Zur Kosmetik geht sie alle sechs Wochen, aber das genießt sie in vollen Zügen. Trotzdem zeichnen sich leichte Lippen - und Lachfalten in ihrem Gesicht ab, die sie aber nicht sonderlich stören. Dazu steht sie, denn sie lacht gern mit ihren strahlenden Augen. Sie hat eine enorme Mimik, woher auch die Falten rühren. Ernste Gespräche kann sie führen und auch viel dummes Zeug reden, dennoch ist sie eine gute Zuhörerin, die in der Lage ist, wichtige Anliegen des mitteilenden Gegenübers zu reflektieren und die unwichtigen Dinge einfach durch ihr Hirn ungefiltert rauschen zu lassen. Insgesamt hat sie eine herzliche, offene Art, aber sie kann auch sehr introvertiert sein. Ohne Sprechen zu verbringende Stunden, sind für Stina ein gewisser Luxus. Ihre Gedanken kann sie dann freilassen, und das inspiriert sie zu einer Kreativität.
Ihre Mutterrolle bewertet sie nicht über, sie würde sich als gängiges Modell bezeichnen. Sie hasst es aber als Versorger zu fungieren. Kochen macht ihr unter Zeitdruck selten Spaß, aber irgendetwas bekommt sie meistens heiß auf den Tisch. Sie lässt ihren Kinder viel Freiheiten und kommt dabei selbst auch nicht zu kurz. Sie empfindet sich nicht als Helikopter-Mutter, sondern vertritt die Ansicht, dass Kinder selbst Erfahrungen machen müssen, ohne dass ständig Eltern mit drohenden Zeigefingern im Nacken ihrer Zöglinge sitzen. Ungeduldig ist sie oft mit sich selbst, aber leider auch mit anderen.
Nachdem der Taxifahrer Stina abgescannt hat und sie geistig in eine Emanzen-Schublade geschoben hat, fährt er sie zum Bahnhof.
Während der Fahrt denkt Stina über eventuell wichtige, vergessene Dinge nach. Sie beruhigt sich dann aber damit, dass man fast alles vor Ort kaufen kann. Vielleicht nicht unbedingt die EC-Karte oder Reiseunterlagen, aber die hat sie mit Sicherheit bei sich. Oder doch nicht? Sie schaut noch mal zwanghaft nach. Sie stecken im vorderen Fach ihrer Handtasche, und sie entspannt sich wieder. Der Taxifahrer regt sich über viele andere Verkehrsteilnehmer auf. Er hat wohl heute keinen guten Tag, aber das ist Stina egal. Sie fährt in Urlaub und fertig.
Malika trifft fast gleichzeitig mit ihr ein, und nach einer fröhlichen Begrüßung schreiten beide vergnügt zum Gleis.
Malika ist eine langjährige Freundin von Stina. Sie ist auch 43 Jahre alt, dünn, aber sportlich, dunkel blondes schulterlanges Haar und Brillenträgerin. Im Dunkeln kann sie wenig erkennen und im Hellen sollten die Gläser gereinigt sein, damit sie sich orientieren kann. Sie ist auch Mutter, aber auch keine Glucke, die permanent über ihre Kinder nachdenkt bzw. sie ununterbrochen reglementiert. Sie arbeitet in einer Firma als Ingenieurin ihre 30 Stunden in der Woche und ist damit sehr zufrieden. Ein gewisses Helfersyndom kann man ihr zuschreiben und ihre offene Art auf Menschen zuzugehen ist phänomenal. Immer hat sie etwas mitzuteilen auch wenn es manchmal überflüssig ist. Meistens gibt es aber dem Gegenüber einen anderen Blick auf die Dinge, und damit fördert sie die Reflexion des Kommunikationspartners.
Sie hat die Fähigkeit sich außergewöhnlich zu kleiden. Wenn die Farbe des Fingerringes nicht zum Nagellack passt, wird der Ring dementsprechend farblich angepasst. Einen blauen Müllsack stülpt sie sich hemmungslos über den Kopf, falls sie auf eine Party mit Kostümpflicht gehen muss. Für die alltäglichen Dinge braucht sie immer sehr viel Zeit. Ihr Toilettengang gleicht dem zeitlichen Aufwand eines wöchentlichen Großeinkaufes in einem 5000 Quadratmeter großen Supermarkt und ein normaler Duschvorgang dem eines Reise-check-in am Flughafen einschließlich der Gepäckaufgabe, Passabfertigung, Wartezeit, Boardingtime und Platzfindung im Flugzeug. Ein besonders intensiver Duschvorgang einschließlich Augenschminken beinhaltet dann noch zusätzlich den Flugstart einschließlich Sicherheitsunterweisung der Flugbegleiter bis zum Boardservice in der Zielhöhe und Verkauf von zollfreien Waren mit anschließender Tomatensaftbestellung.
Sie ist in vielen Dingen sehr perfekt und kann sich deswegen zB. bei der Gurkenwahl in der Gemüseabteilung nie spontan entscheiden, sondern dreht jede einzelne auf der Suche nach Makellosigkeit um ihre eigene Achse. Man kann sich aber sicher sein, dass man von ihr eine perfekte zuverlässige Beratung in allen Lebensbereichen bekommt und auch eine einwandfreie knackige Gurke.
Stina und Malika sind ein Dreamreiseteam. Malika macht den zeitintensiven Plan und Stina setzt ihn kurzfristig um.
Viele Skiurlauber sind im Bahnhof unterwegs. Sie schleppen und rollen ihre langen Skisäcke und Hartschalenkoffer zu den Gleisen. Am Bahnsteig sieben wird es quirlig. Malika kennt wieder die halbe Meile am Gleis, aber von den vorhandenen Bekannten fahren alle woanders hin als sie. „Gott sei dank", denkt Stina - dazu später mehr. Der Zug kommt, und nun geht es erst einmal bis Hamburg - dort müssen sie dann umsteigen in den heiß begehrten Party-Schneeexpress nach Österreich.
Im Zug nach Hamburg sitzend, kommen Stina einige Erinnerungen. Für Malika und Stina ist es nicht der erste Skiurlaub. Beide haben schon einige gemeinsame einzigartige hinter sich.
Im Grunde geht es auf der Hinfahrt ins Skigebiet schon los. Der Schneeexpress fährt an einem Freitag um 21.00 Uhr von Hamburg ab. Reservieren muss man schon, sonst kommt man definitiv nicht mit. Man hat normalerweise die Wahl zwischen Flug, Zug, Eigenanreise oder Bus. Die beiden Freundinnen buchen meist über einen Sportreiseveranstalter eine Gruppenreise mit Hotel, Halbpension, Zugfahrt und Skipass.
Wenn der Zug einfährt macht es Sinn, schon mal nach dem Partywagen Ausschau zu halten, damit man ihn später flott findet. Nach einigem Palaver sitzt man endlich im gebuchten Abteil mit den ausklappbaren Sitzen und lernt die tollsten Mitfahrer kennen. Mit ihnen muss man sich nämlich die tuckernde Residenz die Nacht über teilen.
Das Kennenlernen besteht neben einem Austausch von Namen und Erfahrungen vergangener Skiurlaube aus Flasche Wein, Sekt, Käse, Schinken, Baguette. Bierfässchen und Chips werden meist von den männlichen Gästen bevorzugt. Es ist für Malika und Stina immer wieder schön, neue Leute kennen zu lernen, aber manchmal kommen auch sie an ihre Grenzen. Auf der Zugreise hatten sie schon einiges an menschlichen Spezies in ihrem Abteil. Von der „sich Übergebenen“ 60 jährigen, die eine Putenzucht zu Hause betreibt, bis hin zu schielenden Männern, bei denen man nicht weiß, auf welches Auge konzentriert man sich denn nun am ehesten, wenn sie mit ihnen reden. Dann gibt es aber auch noch die Variante von „Plappermaul“, die überhaupt nicht schnallt, dass es für keinen wichtig ist, ob sie sich im letzten Urlaub auf 1587m Höhe ein Salatblatt einverleibt hat oder ob sie die Skischuhe der Marke „Head“ komplett toller findet, als die von „Kufstein“. „Mauerblümchen“ gibt es auch noch, aber die stört ja nicht. Die kaut ihr Vollkornbrot, trinkt Wasser und liest eine wertvolle Biographie.
Interessant sind die Männlein, die vermeintlich alles im Griff haben und in jedem Fall zeigen wollen, dass sie klüger sind als alle anderen Mitreisenden. Sie sind die großen Kavaliere und Helfer und wollen so ihr Selbstwertgefühl steigern. Sie gucken häufig lässig aus dem Fenster in die nichts sagende nächtliche Finsternis und geben zu allen Themen einen vermeintlich intellektuellen Kommentar ab. Aber nett!
Zwei Ostfriesen waren auch mal dabei. Unglaublich nette Burschen. Malika und Stina konnten sie damals schon auf dem Bahnsteig an den auffälligen „50er Jahre Pudelmützen“ leicht erkennen, dass diese nicht von ihrer Welt waren. Für die Freundinnen war es mit den beiden so unterhaltsam, aber für die beiden die alltägliche Normalität. Das war ja der witzige Unterhaltungswert. Sie schnackten immer wieder Platt und des öfteren wurde erwähnt, was ihre Oma zu diesem und jenem meinte. Sie fuhren wohl häufig mit dem Fischkutter auf die Nordsee raus und fischten was Fischiges, was natürlich Mama und Oma zubereiteten. Kleine Fischkunde - Treckerkunde, und sogar Hochräder waren ein mega Thema. Stina fand das interessant - die einen haben als Hobby Joggen, Schwimmen,Tischtennis, Fußball, aber diese beiden fuhren mit einem Hochrad in konventionellen Kostümen historische Altstadtfeste ab.
Malika holt Stina aus den Gedanken raus: „Was läuft bei dir nun eigentlich zu Hause. Alles im grünen Bereich?“
Das sollten sie mal besprechen, denkt Stina. Ihre Ehe ist ruiniert. Malika weiß natürlich, was bis jetzt alles passiert ist, und Stina antwortet: „Ich würde sagen im rotgelben Bereich.“
„Wissen die Kinder immer noch nichts?“, fragt Malika.
„Doch. Einen Brocken des Wahrheitsfindlings haben wir ihnen letzte Woche zugerollt. Wie soll man seinen gemeinsamen Kindern sagen, dass man als Eltern nicht mehr den Lebensweg gemeinsam gehen möchte. Wir sind die unfähigen Eltern, die eine dauerhafte Beziehung nicht hinbekommen haben und traumatisieren damit unsere Kinder. Mein Mageninhalt dehnte sich bei diesem Gespräch aus und komprimierte einen Teil des Zwölffingerdarms. Mir war vor und nach dem Gespräch übel. Es war und ist nicht leicht.“
„Ja, das glaube ich, aber den ersten Part habt ihr dann ja schon mal geschafft. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken!“, meint Malika
„Ich möchte auch manchmal alles stehen und liegen lassen, aber dann gucke ich meine Kinder an und denke: Ich schaffe das! Die ganze Wahrheit können wir ihnen noch nicht zumuten. Aber die halbe. Ich ziehe es vor, den Kindern in Häppchen das Desaster zu vermitteln“, erklärt Stina.
„Das ist intelligent, ihr macht das schon richtig. Lieber etwas mit Behutsamkeit und Rücksicht!“, erwidert Malika.
In Hamburg steigen Stina und Malika aus und gehen zu dem Gleis, wo der Schneeexpress gleich anrauschen soll. Sie warten nur ca. fünf Minuten und als er endlich hält, ziehen, heben und schieben sie ihre Trolleys in den Zug. Sie suchen ihr gebuchtes Abteil Nummer 32.
S chweißgebadet und dicht gedrängt mit den anderen Reisenden stehen sie nun im Gang, in dem kein Durchkommen mehr möglich ist, da sämtliche Koffer der Mitfahrer alles blockieren. Der Zug fährt ab. Ein verdammt attraktiver Mann empfängt sie nun auf dem Gang vor ihrem Abteil. Sie vermuten er ist der „Reiseleiter“, weil er sie so selbstsicher anspricht: „Ihr seid sicher Malika und Stina aus Kiel - herzlich willkommen in unserem phantastischen Abteil. Ich freue mich, euch zu sehen. Schön, dass ihr da seid. Ich bin Matze." Stina dreht sich erstaunt zu Malika um, die ihren Mund auch nicht mehr zu bekommt. „Hi - das ist ja eine nette Begrüßung", sagt sie freundlich, und Malika summt auch so etwas in der Art.
„Wer ist denn nun Malika?", fragt Matze. „Ich", antwortet Stinas Freundin. „Dann wirst du Stina sein." „Genauso ist das", sagt Stina sehr charmant, aber immer noch mit trockenem, leicht geöffneten Mund. Wupdiwupp ... hat er auch schon ihre Trolleys und Skisäcke im vorgesehenen Skiabteil der Deutschen Bahn verstaut und bittet sie in das Abteil. So etwas hat Stina noch nie erlebt - eine reizende Begrüßung und dann noch von so einem attraktiven, netten Mann ...! Er ist schlank, muskulös, hat dunkel blonde, kurze Haare, ganz nette blaue, leuchtende Augen und trägt einen kleinen, schwarzen Ohrstecker im rechten Ohrläppchen. Diese Ohrlochstecherei ist eine schmerzhafte fürchterliche Angelegenheit. Manchmal kommt es zu Entzündungen, eitrigen Flüssigkeitsabsonderungen und Schwellungen. Früher hatten Piraten und Handwerksleute diese Art Standessymbol, wo der Ohrring im Todesfall immerhin das Begräbnis sicherte. Stina trägt auch einen Ohrring, aber beim weiblichen Geschlecht ist es eher ein modisches, aufmerksamkeitserregendes Charakteristikum. In den 70er Jahren signalisierte Ohrschmuck auch Homosexualität, was auf Matze ja eindeutig nicht zutrifft, es sei denn er lebt überhaupt nicht authentisch.
Unglaublich offen und herzlich ist Matze und nicht der Reiseleiter wie sich schnell herausstellt, sondern selbst Reiseteilnehmer. Er hat aber sämtliche Reiseunterlagen vom Reisbüro zugeschickt bekommen, denn alle sind als Gruppe gebucht, die auf einem gemeinsamen Ticket fahren. Ein Glück schnallen Stina und Malika gleich, dass seine angetraute Ehefrau auch mit dabei ist, so dass eine minimale Zurückhaltung angesagt ist. Er packt seine Schinkenbrote aus und reicht seiner Frau auch gleich eins. „Möchte jemand mal von meinem Brot abbeißen?", fragt er höflich. Sie verneinen alle dankend. Er ist ein richtig sozialer, netter Kerl.
Matze findet Malika und Stina sympathisch. Er denkt, dass sie es faustdick hinter den Ohren haben und ist brennend daran interessiert, ob sie verheiratet sind, und was sie beruflich machen. „Ich werde es noch auf dieser Reise herausfinden“, sagt er sich.
Es sitzen noch zwei Frauen in ihrem Abteil. Sie hatten im Vorfeld der Reise irgendwie Probleme mit ihrer Kleidung gehabt, worüber sie nun ausführlich berichten. Die eine hatte unendliche Wege zu Hause zurückgelegt bis sie den passenden Mantel für diesen Skiurlaub gefunden hatte. Er war schlicht schwarz mit Knöpfen und knielang. Alle kauen ihre Brote und Stina bietet ihre kleine Piccolo Flasche Sekt an. Man möchte ja auch höflich sein, denn wenn ein Gruppenmitglied mit dem Sozialgehabe oder mit ungebetener Hilfe anfängt, kommt bei ihr auch dieses Verlangen hoch. Die Miniflasche wird dann auch ruck zuck geleert.
Nach ca. zwei Stunden haben Malika und Stina das Bedürfnis auf Abwechslung und wollen mal durch den Zug schlendern, denn Malika kennt in der Regel IMMER jemanden, und der Partywagon ist zwischenzeitlich sicher nicht abgehängt worden. Da sie ja nicht wissen, wann sie wieder in ihr Abteil kommen, bereiten sie schon sicherheitshalber die Betten vor, um zu späterer Stunde keinen zu stören. Sie nehmen die beiden obersten Liegen, denn man kann dann erfahrungsgemäß das Spektakel, was am nächsten Morgen unten abgeht, herrlich beobachten, ohne sich einzumischen. „Wir müssen gleich mal gucken, ob wir noch Bekannte finden", sagt Malika. „Ja, klar", erwidert Stina wie abgesprochen. Etwas ungläubig gucken ihnen die Mitreisenden hinterher, als sie das Abteil verlassen, wobei der gut aussehende Matze das vollkommen normal findet und ihnen das Bett vorher noch mal mehr oder weniger kuschelig bereitet. Er denkt: „Das sind zwei Frauen, die hier richtig durchstarten wollen. Die wollen auf jeden Fall ihre Freiheit genießen. So schnell legen die sich nicht ins Bett. Schlafen ist für die Zeitvergeudung.“
Malika hat immer eine sehr nette, emphatische Art den Mitreisenden darzustellen, dass sie unbedingt doch noch suchen gehen müssen, ob sie jemanden kennen. So ganz ohne Wertung. Matze ruft ihnen hinterher: „Treibt es nicht zu dolle und kommt brav wieder" wobei dieser Satz mit einem etwas nicht stimmigem Blick seiner Frau kommentiert wird.
Malika und Stina verlassen das Abteil und wandern unbeschwert los. Aus den Abteilen werden die beiden Freundinnen von manchen meist männlichen Reisenden angesprochen: „Wo wollt ihr denn hin, wollt ihr beide mit reinkommen und was trinken? Wo fahrt ihr Ski?" Nach kurzweiligem Smalltalk ziehen sie weiter. Endlich betreten sie den Partywagen, wo geraucht werden darf.
Sie treffen gleich auf fünf kartenspielende Männer, die Malika natürlich auch kennt. Nachdem sie ihnen fröhlich Platz machen, setzen sie sich mit an ihrenTisch. Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern, frisch gezapfte Bierchen stehen auf dem Tisch und es wird ein Witz nach dem anderen gerissen. Der eine brüllt laut: „Ich will nicht ins Skigebiet - ich will die Woche weiter im Partywagen fahren." Der andere meint: „Euch beiden Mädels nehmen wir mit nach St Anton, saunen nett und passen auf euch auf." Aber wer will schon nach St. Anton und sich gleich von diesen Männern belagern lassen. Aufpassen können sie ja bekanntlich selber auf sich, und sie mögen ja die Vielfalt...! Heute Abend ist ja ganz schön, aber morgen möchten sie doch wohl noch andere kennen lernen - zumal Malika die ja schon kennt!
Der Zug stoppt nun in Frankfurt. Es kommen ein paar andere Männer in den Partywagen. Irgendwie kennt Stina den einen. Er guckt … und guckt - und sie auch. Sie setzt ihr Lächeln auf, bleibt aber dezent zurückhaltend. Ihre Gehirnzellen fangen an zu arbeiten: Woher kenne ich den - Skifahren ist sicher - Apres ist auch sicher - aber wann und wo? Was war mit ihm. Dann fällt es ihr ein: KFZ Mechaniker aus dem Ruhrpott, geschieden, 1 Kind!
In diesem Moment dreht er sich um und geht auf Stina zu: „Dich kenne ich aus Obertauern!", säuselt er. Eine Kribbelei dehnt sich in ihrem Hirn aus – keine tanzenden Schmetterlinge, sondern eher ein unangenehmes Läusegewusel - mit dem hatte sie ein wenig, eigentlich ganz wenig in der „Lürzer Alm“ rum geknutscht. Er nimmt Stina nun in den Arm, als wenn sie seit dem eine Dauerbeziehung führen würden, dabei war es damals doch nur für einen Restabend gewesen! Nun hofft sie auf eine schnelle Beendigung dieser Begegnung, aber nein - er setzt sich im breitbeinigen Kutschersitz zu ihr. Mit diesem „mehr Raum“ einnehmen, signalisiert er Dominanz. Diese Art des Sitzens bewirkt eine Abkühlung der Hoden, was die Lebensdauer der Spermien fördert und damit seine Fruchtbarkeit signalisiert. Primaten verhalten sich so, um anderen Gruppenmitgliedern zu zeigen, dass sie zeugungsfähig sind, und alle Weibchen im Griff haben. Schimpansen präsentieren gern ihren Genitalbereich einem paarungsbereiten Weibchen. Stina ist weit entfernt von einer Paarungsbereitschaft mit einem Primaten.
Der Herr, der auf sie in St. Anton aufpassen wollte, stört dieses ganze Verhalten und wird nervös. Er versucht den Primaten, mit saublöden Sprüchen weg zu ekeln : „Du hast so komische Haare - musst die mal waschen sonst kommst du hier nicht an.“ Der fettige, affige Kurzhaarschnitt lässt sich aber nicht beeindrucken und ignoriert ihn. Daraufhin sagt der St. Anton Aufpasser: „Lass mal die kleine. Die kommt auch ohne dich klar!“ Auch das zeigt keine Wirkung.
Wichtig ist hier zu wissen: Keiner meint irgendetwas ernst.
Es kann durchaus sein, dass wenn Stina auf WC geht und zurück kommt, sitzen die beiden Arm in Arm mit übereinander geschlagenen Beinen und trinken freundschaftlich einen Williams, ohne sie noch zu kennen!
Malika hat tief greifende Gespräche mit einem Mann, der ihr gerade verklickert, dass seine Exfrau gerade mit dem Freund ihres Sohnes liiert ist. Er rückt immer wieder aufgeregt seine Brille zurecht, weil er verbissen meint, beim Kartenspiel gewinnen müssen. Sie spielen MAU-MAU: Erwachsene Männer im Zug, Mau-Mau spielend, Bier trinkend und Sprüche kloppend. Als Stina versucht, sich in das interessante Gespräch von Malika einzumischen, zieht sie doch gleich ein anderer Mann am Arm. Sie guckt ihm ins Gesicht und spürt gleich: Das ist nicht ein Mann, mit dem sie Minuten verbringen möchte. Er trägt ein Sweatshirt auf dem ein großer schwarzer Playboy-Hase abgebildet ist, ein Symbol für den Wunsch nach ein aufregenderes Sexleben und allgemeiner Fruchtbarkeit. Es kann auch nur ein cooler Trend sein, aber für Stina ist dieser Bunny ausschlaggebend für eine Aversion. Sein Gesicht ist voller Besenreißer, die Stina signalisieren, dass er viel raucht und auch dem Alkohol nicht abgeneigt ist. Sie kennt ihn nicht, aber dieser Mann sitzt schon eine ganze Weile vier Meter von ihr entfernt und glotzte sie ständig an! „Wie heißt du"? Dies ist eine Frage, die gleich zu Beginn eines Small Talk in ihr negative, abwehrende Gehirnmembranvibrationen verursacht. Der Typ ist gleich unten durch bei ihr, denn das ist ja so plump - aber was ist hier nicht plump. Stina interessiert nicht wirklich wie er heißt. Schnell kann man solche Gespräche beenden, in dem man kein Interesse zeigt und ein gleichgültiges Gesicht aufsetzt. Ist ja auch egal, was er von ihr denkt! Er hat ja nicht das gleiche zu Hause wie sie.
Stina sagt: „Wozu willst du das wissen?“ Wie gemein, denkt sie. „Interessiert mich. Möchte dich kennen lernen“, ... er kommt nach ihrer Frage aber nicht auf die Idee, dass sie ihn nicht kennen lernen möchte. Sie wird deutlicher und sagt: „Ich heiße „Frag-mich-nix“, und hofft, dass er es nun geschnallt hat, dass kein Interesse ihrerseits besteht.
„Hm“, erwidert er mit leichter Schnappatmung und wendet sich nun unverfänglich anderen zu.
Im Hintergrund werden die Skihits gespielt, die ja wirklich selbst für einen Schlagerfan manchmal sehr gewöhnungsbedürftig sind.
„Hey ...wir woll‘n die Eisbären sehen...“, brüllen die Leute an der Theke.
Durchgeknallte homo sapiens tanzen juchzend an der Bar, und es wird eine Runde Bier nach der anderen geschmissen. Stina kann nicht mehr trinken, ist aber definitiv nicht betrunken. Sie weiß, wo ihre Grenzen sind und Malika sowieso. Die beiden teilen sich in der Regel ein Bier, wobei von teilen nicht die Rede sein kann. Malika nippt permanent, und Stina nimmt einen großen Schluck permanent - also dann Malika eher 20% und Stina 80%.
Ein sympathischer Mann, dunkelhaarig, setzt sich neben Stina auf die Bank. Er beobachtet zunächst ein wenig die feiernde, tanzende Gesellschaft und fragt dann Stina: „Na? - Auf der Flucht?“
Sie ist etwas überrascht, denn diese Art des Ansprechens ist unüblich und zeugt von einer gewissen intellektuellen Denkweise. Sie antwortet: „Sehe ich so aus?“, er sagt „Ein wenig.“ Was sieht er in mir, denkt sie und erwidert: „Auf der Flucht würde ich nicht sagen, aber vielleicht mal ein wenig auf Verdrängungstour.“
„Eine Woche Verdrängungstour, das klingt gut, aber was dann? Zu Hause gibt es dann wieder den Blumenstrauß voller Probleme?“
Was will der, aber gleichzeitig empfindet sie Tiefgang und Vertrauen. Er hat sie wenigstens nicht gleich nach ihrem Namen gefragt! Stina sagt: „Daran denke ich doch nicht jetzt, möchte mal abschalten. Und du? Auf Verarbeitungstour?“ Er schmunzelt niedlich und atmet etwas tief durch: „Nein, habe meine Verarbeitungstouren hinter mir und ...ja ..., es geht mir jetzt gut.“ Sie schweigen sich einen Moment an. Stinas Interesse wächst. Sie fragt: „Wieso weißt du, dass ich einen Blumenstrauß voller Probleme habe?“
„Ich weiß es nicht, aber ich beobachte dich schon eine ganze Zeit und habe das Gefühl, dass du zwischendurch einen traurigen, ernsten Blick hast... weiß nicht.“ Stina stellt fest: „Das sagen viele. Ich brauche nur normal gucken, und schon denken alle Menschen ich bin traurig und unlustig. Ich bin nicht so, aber erscheine oft so. Sicher ist der Gesichtsausdruck genetisch bedingt.“
„Warum?“, fragt er doch glatt. Der Typ will es ganz genau wissen, dann wird sie ihm nun einmal ein paar Sachen um die Ohren hauen, weswegen man mal abgenervt aus der Wäsche gucken kann, und wie es ist, wenn man einen genetischen Abdruck mit sich rumträgt.
„Bin gerade in einer Phase meines Lebens angekommen, in der sich viel verändert und nichts mehr so ist, wie es war. Sicher, das kennen viele, aber wenn man drin steckt, ist es kein Zuckerschlecken. Ich habe zwei Töchter, mein Mann und ich haben gerade festgestellt, dass unsere Ehe ruiniert ist, und Freundinnen sind auch nicht immer das, was sie vorgeben.“ Er unterbricht sie: „Du brauchst mir das nicht erzählen.“ Sie sagt weiter: „Weiß ich, ich kenne dich ja auch nicht, aber vielleicht ist es ja gerade dann leichter. Willst du mein Therapeut sein?“ Sie grinst ihn an und meint diese Frage nicht bösartig.
„Ich will mich nicht aufdrängen, aber du bist eine Frau, die mich brennend interessiert, vielleicht hast du eine Aura, die mich anmacht!“
Sie muss lachen: Das hat noch keiner zu ihr gesagt: Aura, die anmacht.
Sie fragt: „Bist du Psychotherapeut?“
„Nein, aber vielleicht könnte ich es sein. Wer war denn die treibende Kraft, die darauf gekommen ist, dass die Ehe am Ende ist?“
„Es war ein sehr langer Prozess, aber letztendlich war ich wohl treibende Kraft. Das entscheidet man nicht von heute auf morgen.“
„Bist du etwa nicht spontan?“
„Nein, in diesem Falle jedenfalls nicht. Man überlegt schon mal in meinem reifen Alter Sekunden länger. Es hängen zwei Kinderleben an dieser Entscheidung. Zuerst fällt einem ja auch gar nicht auf, was es ist, weshalb man unzufrieden ist. Man macht einfach weiter und dicht. Ich hatte da so meine Schlüsselerlebnisse, die mich dann zum Handeln gezwungen haben. Du musst wissen: Mein Mann ist kein Unmensch, und ich habe ihn geheiratet, weil ich mich bei ihm sicher und geborgen fühlte. Er wußte alles und konnte alles, jedenfalls scheinbar. Ich war um die 27, als ich ihn kennen lernte und war noch nicht reif, wie es so schön heißt. Ich dachte, wenn dann der. Er ist immerhin 15 Jahre älter als ich. Ich denke das hat auch viel ausgemacht. Ich glaube das Desaster begann, als ich mich weiter entwickelt habe und sich die Situation umkehrte. Ich ließ mir nicht mehr alles sagen, fällte alleine Entscheidungen, die er selten positiv aufnahm. Er suchte bei mir nach Fehlern, und ich fühlte mich oft kontrolliert. Als die Kinder kamen wurde das Kontrollfeld größer. Ich musste nach Jahren feststellen, dass ich ihm nicht mehr juchzend in die Arme fiel und mich riesig freute, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Das war für mich ein Signal: In unserer Beziehung stimmte etwas nicht mehr.“
Mit seiner rechten Hand streicht er sich die dunklen Haare aus der Stirn. Irgendwie erinnert er Stina an den grandiosen Schauspieler Jürgen Vogel mit dichterem Haar und verwegener Zahnlücke.
„Warum erzähle ich dir das. Das willst du nicht wirklich alles wissen!“ Seine Augen sind so vertrauensvoll und haben so ein warmes Funkeln. Seine Mundform ist besonders frech, wenn er lächelt. Er nimmt einen Schluck von seinem Bier und sagt: „Du weißt ja gar nicht, wie Gespräche mit Menschen einen weiter bringen. Ich darf hier an deinem Leben teil haben. Sicher, es ist nicht das gleiche, als wenn man es selbst erlebt hat, aber ich ziehe mir viel aus solchen Unterhaltungen. Es ist eine gewisse Horizonterweiterung, wenn du verstehst. Ich habe auch schon einiges mit gemacht, und wenn du magst, werde ich dir das auch mal erzählen, falls es dich interessiert.“ „Ja gern, interessiert mich.“ erwidert sie.
„Wie ging es nun weiter mit deiner Ehe,... bitte erzähl“, bohrt er weiter.
„Unzufriedenheit,Traurigkeit - ich war nicht mehr ich selbst. Da kamen dann die Fluchtreisen, die mich weiterbringen sollten.“
„Fluchtreisen, interessant - erzähl!“
„1999 kam mir der Gedanke: Raus aus dem Haus, raus aus dem
Familienleben, ich sein, Frau sein und mal nicht Ehefrau, Mutter, Hausfrau, Arbeitgeber, Therapeutin!“
Er fragt „Du bist Therapeutin? Was machst du?“
„Nimm es mir nicht übel, aber ich werde meinen Beruf grundsätzlich im Urlaub nicht benennen, denn damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht!“ Er guckt überrascht, aber akzeptiert es sofort. „Hast du auch Kinder?“, fragt sie ihn. Er antwortet etwas zögernd: „Ich hatte zwei - aber das erzähle ich dir ein anderes Mal.
Stina ist fassungslos und kann nicht einfach mit ihrer Unterhaltung fortfahren, wenn er „ich hatte“ sagt. Sie fragt: „Wie ...? Du hattest?“
„Ja, meine Frau und mein einer Sohn sind vor fünf Jahren verstorben.“ Stina schluckt und er sagt weiter: „Ist schon lange her. Es war ein Autounfall. Erzähl du weiter...!“ Stina ist geschockt. Wie belanglos und unbedeutend ihre Erzählungen sind. Was hat denn dieser Mann schon erlebt. Furchtbar. Sie nimmt einen großen Schluck aus dem Bierglas und guckt ihn etwas verwirrt an: „Das empfinde ich aber jetzt als etwas sehr daneben, über mich zu plaudern!“„Nein, es ist lange her, und ich möchte jetzt nicht darüber sprechen. Erzähl weiter.“ „Ich stülpe dir mein Leben über und du erzählst mir nichts!“ Äußert Stina sich zögernd. Er nickt: „Ja, genau“, sagt er lächelnd. „Ich kann es dir ein anderes Mal erzählen, aber nicht jetzt. Okay?“
Sie zieht ihre Augenbrauen hoch und denkt, dass er wirklich nicht darüber sprechen möchte. Das muss sie wohl akzeptieren. Sie schwatzt etwas gehemmt weiter: „Ich habe Reisen gemacht und festgestellt, dass ich dieses zu Hause nicht mehr möchte. Durch eine Krankheit bzw. tagelanges Erbrechen musste ich ins Krankenhaus und habe mich dort buchstäblich erholt und viel nachgedacht. Meine damalige Freundin Rita hat mich sehr in meinen Gedankengängen unterstützt, und mir ist es nicht aufgefallen, dass sie mir eigentlich immer ähnlicher wurde.“
Stinas Gegenüber ist immer noch hell wach, und sie selbst reibt sich mit diesen alten Geschichten ein wenig auf. Er guckt sie fragend an: „Und? Weiter? Diese Frau scheint eine wesentliche Rolle in deinem weiteren Leben zu spielen?“
„Ja, wohl wahr..., sie hat eine Affäre mit meinem Mann!“ Er guckt sie etwas fragend an.
„Wie?“
„Ja, sie hat momentan eine Affäre mit meinem Mann und so gut wie keiner weiß es!!“
„Heftig! So etwas geht doch gar nicht.“
„Ich frage mich, wie falsch ich diese Frau zum Teil wahr genommen habe? Das mache ich mir manchmal zum Vorwurf. Ich dachte immer alles wäre supi toll. Nur mein Mann mäkelte oft an ihr rum, denn sie gehörte ja zu meinem Freundeskreis, und da kann er ja wieder ein Runde Fehler suchen. Er lästerte oft über sie ab. Sie hat mich aber permanent in den Trennungsüberlegungen unterstützt und meine Beziehungsprobleme ernst genommen. Nun finden die beiden sich aber ganz toll. Für mich ist das ganze nicht ernst zu nehmen, also eigentlich sind beide mit rosa-roter Brille auf der Nase in eine naive, dumme Sackgasse gerutscht. Das sind eben Enttäuschungen auf allen Ebenen. Hintergangen fühle ich mich nicht wirklich, denn im Prinzip hatte ich ja die Beziehung bereits zuvor zu meinem Mann beendet. Unsere Kinder wissen aber von dieser Affäre noch nichts. Ich denke es ist eh nicht von Dauer. Warum sie also beunruhigen.“
Malika gibt ihr ein Zeichen, was heißen soll: Schlafen? Stina guckt überrascht auf die Uhr: 2.15 Uhr. So langsam sollten sie wirklich an einen Rückzug aus dem Partywagen denken.
„Wie heißt du?“, fragt sie außergewöhnlicherweise nun endlich den Mann, der nun ein-tausendstel von ihrem Leben weiß. „Frank“ antwortet er. „Ich bin Stina, ich muss jetzt echt ins Bett bzw. in die Liegevorrichtung der deutsche Bahn.“ „Verstehe ich, aber ich möchte deine Geschichte weiter hören - ich denke da kommt noch so einiges.“
Sie wundert sich, aber beruhigt ihn: „Auf der Rückfahrt, da sehen wir uns sicher noch mal!“ Kurz hat sie den Gedanken, dass sie wohl auf der Rückfahrt in der Regel auf Grund des Schlafdefizits der bevorstehenden Woche nicht mehr sprechen kann, aber vielleicht ist sie dann ja noch so fit, dass es funktioniert.
Er gibt ihr die Hand und zieht sie etwas näher ran: „Okay, dann bis zur Rückfahrt. Schön, dich etwas kennengelernt zu haben!“ Er zwinkert ihr zu und sie erwidert: „Es war ja ein Monolog meinerseits“, und lächelt ihn an. Er fragt: „Darf ich deine Handy-Nummer haben – hört sich etwas aufdringlich an, aber würde mir die Sicherheit geben, diese Unterhaltung fortzuführen.“ Nicht jedem Menschen gibt Stina ihre Handynummer, aber er ist echt vertrauenswürdig, außerdem hätte sie sich vielleicht später geärgert, ihm diese nicht gegeben zu haben.
Malika und Stina verabschieden sich von allen anderen und laufen etwas träge, aber amüsiert und glucksend zurück in ihr Liegeabteil. Leise schleichen sie hinein. Alle scheinen zu schlafen, aber Stina ist sich sicher: In Wirklichkeit sind doch alle durch diese Zuggeräusche halb wach. Über eine etwas instabile Leiter steigen sie in ihre Betten. Schlafanzüge haben sie im Trolley gelassen. Stina zieht nur ihre Jeans und ihren Pulli aus und legt sich ganz entspannt unter die Decke.
Matze hat bemerkt, dass die beiden Frauen ins Bett geschlichen sind und nimmt die Alkoholfahne wahr, die sich spontan im Abteil ausbreitet, obwohl er ja auch etwas getrunken hat. „Es ist verdammt spät“, denkt er, „die haben also jetzt schon durchgestartet. Die anderen beiden Frauen im Abteil erscheinen so wahnsinnig kontrolliert, aber mal gucken, ob das so bleibt. Stina ist auf jeden Fall eine Emanze, die weiß, was sie nicht will, und Malika ist eine Frau, die unfassbar kommunikativ ist. Mit der hat man wohl nie Langeweile. Hoffentlich schnarcht keine von den beiden.“
Stina hat ein Lächeln im Gesicht. Der Zug rattert. Ab und an schnellen Lichter am Fenster vorbei. Auf einmal zieht es kalt vom Fenster her. Malika inspiziert die Ursache, und schließt dann das Fenster. Sie hat die Gabe, einziehende Kälte sofort durch gründliche Ursprungsforschung zu stoppen. Eine Stunde später entwickelt sich eine Brüllhitze - irgendwie ist es nicht so einfach die richtige Temperatur und die Ruhe zu finden.
Nebenan sitzt oder bzw. liegt eine Gruppe von Männern, die vermutlich schon sehr viel Alkohol getrunken haben. Ständig rummst es. Irgend etwas fällt zwischendurch runter, und auf der anderen Seite grölen drei Weiber über jeden Mist. Malika und Stina sind froh, einfach zu liegen - schlafen will man ja nicht wirklich. Das kann man mit Sicherheit besser zu Hause.
Stina denkt noch mal kurz an die Begegnung mit Frank. Sie hat ihn echt dicht gelabert, wie kommt sie dazu. Sie schläft ein wenig ein, aber es ist eher eine Grenze zwischen Sein und Nichtsein.
Am Morgen wird Stina durch ein ständiges Gegrummel unter ihrem Bett langsam wach.
„Guten Morgen Stina und Malika", begrüßt sie der gut gelaunte Matze. Alle anderen Skihasen in ihrem Liegeabteil sind schon irgendwie beschäftigt und wollen den Ausstieg nicht verpassen. Stina reibt sich sanft ihre juckenden Augen, um sie auf das Tageslicht vorzubereiten. Sie räkelt sich, setzt sich aufrecht ins Bett und beobachtet Malika. Sie ist bereits wach und steigt vorsichtig die Leiter runter. Sie sieht etwas zerknittert aus, und ihre Haare sind am seitlichen Bereich des Hinterkopfes etwas platt gelegen. Matze gibt ihr unbeeindruckt von der Frisur höflich Hilfestellung. Dann guckt er Stina erwartungsvoll an. „Nun du!“ Sie bewegt sich zur Leiter und tastet vorsichtig mit ihren Füßen die erste Stufe ab. Nachdem sie sich sicher ist, dass ihr Körper funktioniert und sie sich auf ihn verlassen kann, steigt sie langsam Stufe für Stufe runter. Alle bauen die Betten in dem Abteil wieder in Sitze um. Es ist ein kleines Chaos. Der Zugbegleiter kommt ins Abteil und fragt, was sie trinken möchten, das heißt: Die Frage beschränkt sich eigentlich auf Tee oder Kaffee. Stina bevorzugt Kaffee und wartet dann geduldig, wie alle anderen.
Es sind ca. noch 30 Minuten zum Zielbahnhof. Ungeduldig denkt sie: „Warum dauert der Kaffee so lange? Vor der Ankunft möchte ich nur einen banalen Kaffee - das muss doch möglich sein.“
Malika wird auch etwas nervös und lamentiert: „Der Zugbegleiter hat doch heute Morgen sonst nichts zu tun, außer die Kaffeemaschine in Gang zu bringen. Wo hat der ein Problem?“
Die eine Frau in ihrem Abteil trinkt vor lauter Verzweiflung die Reste vom gestrigen Sekt.
Stina vermutet, dass es vom Ankunftsbahnhof noch etwa eine halbe Stunde mit dem Taxi oder Bus in den Skiort sein wird. Ohne Kaffee würde ihr diese Fahrt sehr missfallen.
Nach 15 Minuten ist es aber dann endlich so weit, es geht ein Kaffeeduft durch den Zug. Kurz darauf schlabbert Stina endlich den relativ unleckeren, mega heißen Kaffee aus einem Plastikbecher und kaut ihr mitgebrachtes, nicht mehr ganz frisches Honigbrötchen. Die schneebedeckten Berge draußen begrüßen sie - eine atemberaubende, schöne Landschaft. Noch schöner ist es natürlich endlich auf einem Berg zu stehen und mit Höchstgeschwindigkeit abzufahren, als in diesem Zug zu sitzen! Es ist einfach ein gewisses Gefühl der Freiheit, wenn einem der Fahrtwind beim Skifahren um die Nase weht und einen anschließend eine Sturmfrisur beschert.
Nach der "Althaus-Hysterie“ fahren 70% mit Helm, der nicht allen Menschen steht, aber darum geht es natürlich nicht, denn die Menschheit ist doch so sicherheitsliebend und vernünftig. Auf jeden Fall gilt es zur Zeit als absolut uncool, keinen Helm zu tragen. Stina und Malika sind uncool, und in den Augen der Helmträger ist es natürlich absolut unverantwortlich, sich ohne Schutz auf die Piste zu wagen. Jahrzehnte ging das gut, und nun ist es auf einmal leichtfertig und gefährlich. Die Menschheit entwickelt sich eben weiter. Stina und Malika sehen das ja ein und werden sich in diesem Leben sicher noch einen kaufen, vor allen Dingen, um sich vor den harten, alkoholisierten, nicht gerade Technik beherrschenden, harten Ski-Helm-Köppen zu schützen.
Stina freut sich. Diese wohlige Bergluft zieht sie sich schon mal in der Vorstellung rein. Noch ist es der Kaffeegeruch mit Bier, Sekt, Parfum und Schlaf gemischt, aber bald sind sie am Ziel, und der Frischluftsport und Apres Ski Wahnsinn kann losgehen.
Dieses Phänomen „Apres Ski“ ist schon seltsam. Man wundert sich über die Menschheit, denn die wird in den „Saalbach-, Ischgl-,Obertauern- und Söldenarenen“ losgelassen. Das Wort „Apres“ ist ja ganz einfach zu erklären: Apres – danach oder später, obwohl es ja schon eigentlich während dessen abgeht, um nicht zu sagen: den ganzen Skitag. Skier sind lange, wohlgeformte, geschliffene, gewachste Latten, die phantastisch auf dem Schnee gleiten und einen gewissen Halt bekommen, wenn man die Kanten in den Berg rammt. Man sagt auch: es sind die Bretter, die die Welt bedeuten. Bei einigen Skifahrern sieht es richtig klasse aus, wie sie so sportlich, dynamisch den Berg hinunter wedeln. Wie kleine stehende Wichtelaale bewegen sie sich. Viele mutieren zum Teil aber auch zu staksigen, langbeinigen, schlitternden Schildkröten, die ihre scheinbar kontrakten Knie nicht aus der Orthese bekommen haben und evt. nie werden. Wichtig ist aber immer nur der Spaß, und da ist es ja egal, wie man die Berge hinunter kommt.
Das Outfit ist auf jeden Fall zu erwähnen. Es gibt mehrere Typologien, die einen auf der Skipiste ins Staunen versetzen:
Das weibliche sexistische „Schneehasen-Schnittenmodell“: schlank, glänzende Skijacke, Schmuck behangen, Pornobrille auf der gepuderten Nase, auffällig geschminkt, airbrush entartete Fingernägel in den glitzernden Handschuhen, ein Gesamtbild mit geringer Ausstrahlung, Schminktäschchen haben sie immer dabei, und in der Regel sind sie überhaupt nicht zum Skifahren hier.
Das weibliche „Vogelexemplar“ gibt es auch noch: unmoderne Sonnenbrille und etwas buckelige Erscheinung, unvorteilhafte Kopfbedeckung, nichts sagende Bewegungen.
Das „Eichhörnchen“ ist auch zu erwähnen: sieht halt so aus, sucht einen Mann zum Kobel bauen und zum Leben.
Die „Normalo Naturfrau“: sportlich, interessant, dynamisch mit sinnvoller Kleidung und natürlicher Ausstrahlung.
Besondere männliche Modelle besiedeln natürlich auch die Pisten.
Der „Coole“: trägt hippe Schlabberkleidung im dunklen Grünton, Baggie-Pant-Hosen, die häufig die Analfalte lebendig werden lässt. Er hat einen Rucksack mit Schlauch, der zum Trinkvorrat führt, bewegt sich etwas rücksichtslos fort, und ist ein häufiger Drängler an den Liften.
Der „esoterische Naturale“: ist schlicht gekleidet, sportlich, farblos, hat aber einen praktischen, sinnvollen Rucksack dabei.
Der „Russe“: Der ist kaum zu übersehen. Insgesamt eine auffallende pelzige, exzentrische, bunt gekleidete Erscheinung und hat meist das Skihasen-Schnittenmodell an seiner Seite.
Der „Machobär“ ist einfach nur prollig, drollig und fühlt sich schön, ist er aber fast für jeden Geschmack nicht.
Die Skisaison geht vor allen Dingen von Januar bis Anfang März. Auf keinen Fall darf man in den Osterferien fahren. Da sind ja die Familien mit ihren Kindern unterwegs. Schlicht weg sind dann die Mütter und Väter beobachtet und haben die Pflicht, sich um Partner und Nachkommen zu kümmern. Also: Fundamental für Menschen, die das besondere Abenteuer erfahren wollen: Nicht in den Weihnachts – oder Osterferien fahren! Der Spaßfaktor ist in dieser Zeit wesentlich geringer.
Es ist 7.45 Uhr. Gleich müssten Malika und Stina am Zielbahnhof sein.
Automatisch entsteht das Drama auf dem Gang des Zuges. Viele stehen dort ganz geduldig mit Koffer oder Trolley und glotzen zufrieden aus dem Fenster, weil sie es mit Gewissheit schaffen werden, den Zug zu verlassen. Die anderen Personen im Abteil, die ihre Nase aus Platzmangel nicht mehr auf den Gang hinaus stecken können, werden nervös, aber Malika beruhigt sie auf österreichischer Art: „Passt schon.“
Endlich hält der Zug. Sie steigen aus, und Matze reicht ihnen die Koffer raus. Dann rödeln sie alle mit ihren Trolleys zum Ausgang des Bahnhofs, wo sie alle einen zuvorkommenden Busfahrer erwarten, der von ihrem Reiseveranstalter geordert wurde, um sie zum Hotel zu fahren.
Dort steht allerdings kein Bus, sondern ein Taxi - etwas größer als ein Kleinwagen. Das dürfte für sechs Personen mit Gepäck etwas sehr eng werden. Stina ringt um Fassung.
„Wie ...?“, sagt sie, „da sollen wir alle rein?“
„Passt schon“, sagt der österreichische Taxifahrer ignorant und drückt die ersten Trolleys in den Kofferraum. Die restlichen befestigt er mit den Skisäcken auf dem Dach. Nun scheinen auch die anderen Mitreisenden leichte Panik zu bekommen. Die Frau mit dem schwarzen Mantel und der Sektfahne möchte ihren Koffer auf den Schoß nehmen, was der Taxifahrer sofort unterbindet und ihn auch noch auf die Koffer schnallt, die bereits auf dem Dach befestigt sind. Die gesamte Gruppe zwängt sich ins Fahrzeug und sitzt dicht gedrängt mit all den wahrnehmenden Gerüchen von der letzten Nacht. Während der ganzen Fahrt stellt Stina sich vor, wie ihr Trolley bzw. die schönen, neuen, mega teuren Skier sich langsam vom Auto entfernen und dem Folgeauto in die Frontscheibe knallen. Sie versucht zu meditieren und vertraut auf die Taxifahrererfahrung. Die eine Frau ist ununterbrochen am nölen: „Also, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Hier dicht gedrängt zu sitzen. Das habe ich nicht bezahlt. Sind die Koffer eigentlich versichert?“ Der Taxifahrer reagiert nicht und hat die nötige Gelassenheit am Leib. Die Musik wird nur daraufhin etwas lauter gedreht, und damit geht es auch Stina besser. Dass ihr Trolley hier auf der Strecke bleiben könnte, kann sie prima verdrängen.
E ndlich sind sie da. Das Hotel liegt buchstäblich an der Hauptstraße und das überladene Auto hält direkt vor der Tür. Die gestressten Insassen taumeln bepackt ins Hotel und melden sich an der Rezeption. Der Herr vor dem leeren Schlüsselregal zeigt ihnen einen ungemütlichen, kalten Raum, wo sie ihr Gepäck abstellen können. Die Ski und Skischuhe bringen sie gleich direkt in den Skiraum im Keller.
Nun wollen sie auf jeden Fall erst einmal einen Cappuccino trinken, denn das Zimmer kann bekanntlich um 9.00 Uhr noch nicht bezogen werden. Erst einmal ankommen und gucken - keinen Stress bitte. Entspannt sitzen sie über ihrem Käsebrötchen und schlabbern ihren Cappuccino im Frühstücksraum.
Eine Stunde später kommt der Bus der restlichen Reisegruppe vorgefahren. Diese Reisegäste waren zu geizig, den bequemen Zug zu nehmen. Sie steigen nach der 16 Stundenfahrt etwas sehr benommen aus und lechzen auch nur nach einem Frühstück und nach Sauerstoff.
„Die sehen ja echt fertig aus.“, sagt Stina zu Malika. Diese unzumutbare, turbulente, nächtliche Busfahrt hinter sich gebracht zu haben, ist eine echte Leistung, denn es gibt oft Stau, der Bus bremst nachts oft abrupt. Man hat permanent Angst, dass der Fahrer einschläft. Im Sitzen zu ruhen geht gar nicht, denn dort bekommt man echt ein dickes Halswirbelsäulenproblem mit zusätzlichem Venenstau in den Beinen. Die Kniegelenksflächen leiden unter Kompression, man selbst unter Depression und selbst in den Liegeschlafbussen kommt man nicht zur Ruhe.
Malika und Stina bevorzugen jedenfalls den Zug mit Partywagen. Die Busreisenden sind einfach zu bedauern. Die haben ja bereits schon so viel verpasst!
Nach dem Frühstück steigen Malika und Stina im Lobbybereich des Hotels über die Koffer und Skisäcke der neuen, erschöpften Busgäste, verlassen das Hotel und schlendern in den Ort. Die Sonne scheint. Sie setzen ihre Sonnenbrillen auf. Nicht, um sich zu tarnen - nein, das braucht man hier ja nicht. Hier kennt sie ja keiner. Sonnenbrillen sind eine Art Prophylaxe gegen Augenfältchen ab 35.
Im Ort ist es etwas unruhig. Die meisten reisen an, die Touristen von der vorherigen Woche sind schon weg. Ein paar Einheimische machen Besorgungen, alles in allem beherrscht ein reges Treiben die Ortsatmosphäre.
Während sie so durch den Ort schlendern, macht Stina sich Gedanken zu diesen Skireisen und dem Apres Skiphänomen.
„Was meinst du? Warum läuft es hier so anders als zu Hause?“ fragt sie Malika.
Sie erklärt: „Alle Ski - und Snowboardfahrer werden eben losgelassen - endlich frei, unbeobachtet. Sie denken es jedenfalls, und wir nehmen uns da doch auch nicht aus. Sie machen Urlaub unter dem Aspekt: Hier kennt mich keiner. Wenn jemand dann doch den Nachbarn, Chef, Kollegen oder den Freund seines Vater oder seines Kindes überraschend trifft, könnte es riskant grottig werden.“
„Ja, und außerdem ist es doch oft so, dass man gar nicht auf Grund der Kopfbedeckungen und Vermummungen erkannt wird,“ redet Stina schlau, „das ist sicher auch ein Aspekt des Apres Skiphänomen. Hier erkennt mich keiner.“ Malika ergänzt: „Wenn sie dann allerdings endlich die Mützen und die Helme in den Hütten abnehmen, ist das Entsetzen manchmal doch recht groß. Manchmal möchte man auch einigen lieber raten, die Kopfbedeckungen aufzulassen.“
„Wohl wahr.“, sagt Stina „und zusätzlich pulsiert hier der Lebenssaft im Körper eines jeden. Die Physiologie des menschlichen Körpers spielt auch eine Rolle bei dem Phänomen Apres Ski. Den ganzen Tag ist man draußen an der frischen Luft. Es kommt zu einer Sauerstoffüberflutung sämtlicher Muskeln und der inneren Organe. Die Energie und Hormone werden freigesetzt und förmlich schwappt dieser Flüssigkeitsspiegel über den Pegel der im trauten Daheim existiert. Folge: Jeder denkt: ich bin sportlich, toll, schön, attraktiv, offen, ich habe alle Gefahren des Skifahrens überwunden und bin damit stark und mutig. Alle finden mich anziehend und unwiderstehlich. Der Geschwindigkeitswahn trägt dazu bei, alle Sinne zu beflügeln und zusätzlich liegen einem die Berge zu den Füßen. Sicher bekommt man auch durch diese ganztägigen Eindrücke eine gewisse Selbstüberschätzung mit einer Prise Überheblichkeit.“
Malika staunt über diesen kleinen wissenschaftlichen Vortrag und zieht das Fazit: „Genau - letzt endlich denke ich auch, kommt durch diese drei Aspekte dieses „Phänomen Apres Ski“ zustande. Jeder denkt: die anderen sind auch so toll wie ich. Die sportliche Befriedung ist gestillt und nun fehlt es aber an der sexuellen, Durst löschenden, kommunikativen, flirtigen Befriedigung und Bestätigung, denn was soll das wohl bringen, wenn keiner sagt, wie toll man ist! Nicht zu unterschätzen ist auch die lang anhaltende Vermummung über den Tag. Man war unerkannt, und nun kommt man in eine warme, hitzige Hütte mit Heizerstimmungsmucke - da reißt man sich doch gern die Klamotten vom Körper, um wieder mal zu zeigen, wie toll man ist! Alle kommen also auf Grund des erhöhten Testosteron-, Östrogen-, Dopaminspiegels aus sich raus und verhalten sich anders als zu Hause.“
Die beiden sind sich da einig - so könnte das alles zusammenhängen, dass die Leute hier so besonders und anders drauf sind. Ein Ausnahmezustand eben.
Wie geht Stina nun selbst mit diesem Zustand um? In der Regel macht es ihr einfach Spaß, aber es gibt durchaus Momente, in denen sie sich nicht mehr wohl fühlt und auch eine gewisse Sehnsucht entsteht, nach echter Liebe, ernsthaften, tiefen Gesprächen. Nach Männern, die nicht nur rummachen wollen, flirten und einen nur „just for fun“ auswählen. Hier hat eine gewisse Oberflächlichkeit schon Vorrang, und das führt natürlich zu einer enormen Offenheit und auch zu einer gleichgültigen Art des zwischenmenschlichen Umgangs. Für sie ist es eine Woche lang phantastisch, diesen Zustand zu genießen, ohne jegliche Verpflichtung eingehen zu müssen. Aber es gab durchaus auch Situationen, in denen sie doch mehr Tiefgang, Verbindlichkeit und Ehrlichkeit gespürt hätte. Sucht sie doch eigentlich einen Mann, der mit ihr eine ernsthafte, zärtliche Beziehung führen kann und möchte? Oder sucht sie tatsächlich nur Spaß? Sie war und ist noch so unzufrieden mit ihrer Ehe, dass sie diese Abwechslung in diesem Ausnahmezustand gern annimmt und nun ja relativ frei auch leben darf.
Malika und Stina essen eine cremige Tomatensuppe in einem netten Lokal, anschließend laufen sie in das Ortszentrum und suchen sich eine Bank in der Sonne. Die Marktplatzbänke sind zu empfehlen - da kann man schön entspannt mit Sonnenbrille auf der Nase sitzen und die Leute beobachten.
Am Samstag kommt ja sozusagen „Frischfleisch“. Alle sind neu, auch wenn sie schon mal in den letzten Jahren hier Urlaub verbracht haben. Heute ist sozusagen der Startschuss. Alle sind noch mit alltäglichen Dingen von zu Hause leicht belastet, aber das soll um ca.17.00 Uhr vorbei sein.
Die Männergruppen, die vorüberziehen haben schon diese neugierigen, suchenden Blicke und auch dieses hemmungslose Geglotze drauf. Das widerfährt einem zu Hause nicht, denn da könnte sie ja jemand kennen. Wie würde das aussehen: Zu Hause zwei Kinder und eine Ehefrau. Da ist man doch gesittet, unbescholten und anständig. Hier DÜRFEN sie - und das Tolle ist: Stina und Malika AUCH!!
Selten gehen auch mal Pärchen über den Marktplatz. Zu dieser Jahreszeit ist es etwas ungewöhnlich. Malika und Stina gucken ihnen dann bedauernd hinter her. „Die beiden werden nicht so viel Spaß haben in diesem Urlaub", bedenkt Malika.
„Jeder so wie er möchte", redet Stina mitleidig. „Stell dir mal vor, wie die Frau nachts aus dem Hotelzimmer an ihrem Mann vorbei schleicht, sich in die Disco begibt, sich köstlich mit den schon wartenden Männern amüsiert und dann gegen 4.00 Uhr morgens sich wieder neben ihren schnarchenden Mann ins Doppelbett legt."
Grinsend halten sie ihr Gesicht in die Sonne.
