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Apygárda - Aufstieg der Ral-Kadór ist der Auftakt einer neuen Fantasyreihe. Klappentext: Dunkle Mächte bedrohen den Kontinent Apygárda. Ein uralter, längst vergessener Feind schlägt seine Klauen in die magischen Wälder Paradóns: Die Ral-Kadór. Aus den Ruinen einer zerfallenen Stadt versuchen die mysteriösen Nebelgesichter dem Kontinent das Licht abzuringen und ihrem Volk zu neuem Leben zu verhelfen. In einer Zeit der Intrigen, des Verrats und des Schwindens der Hoffnung weiß niemand, wem er noch trauen kann. Als der Deserteur Garvis durch Zufall eine Entdeckung macht, für die er von den Feinden gnadenlos gejagt wird, unternehmen er und seine Gefährten alles, um den Kontinent vor dem Untergang zu bewahren. Es entbrennt ein Kampf, der das Schicksal der Völker Apygárdas für immer verändern soll.
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Seitenzahl: 819
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Nach vielen Jahren der Arbeit, in welchen die Welt von Apygárda immer realer wurde, möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Personen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass das Buch verwirklicht wurde.
Besonderer Dank gehen an Michael Hiermüller, der mit seiner Arbeit das Cover Wirklichkeit werden hat lassen und mit viel Engagement an dem Projekt mitwirkte. Außerdem möchte ich mich bei Stefanie Sujer für ihre konstruktive Kritik, das tolle Feedback, sowie ihre Unterstützung bei der Korrektur bedanken.
Daneben gilt mein Dank auch meinen Eltern und meiner Lebensgefährtin, die mich immer unterstützt haben und ohne deren Hilfe dieses Buch vielleicht niemals vollendet worden wäre.
Aber auch allen Lesern, die die Reise nach Apygárda antreten und sich für dieses Buch interessieren, möchte ich an dieser Stelle danken und wünsche euch ganz viel Spaß!
Die Menschen
Garvis Caldór, Krieger
Norgal Vard, Krieger
Irgesto Hervaresta II, König von Paradón
Aurelian Sâlink, Vertrauter Irgestos
Malkásh Amórko, Abgeordneter der Obiden
Tashila Oriváta. Fürstin des Fünf-Seen-Tals
Irven, oberste Heilerin der Aqua Amara
Kapitonas Regios, Befehlshaber der Streitkräfte Tambaruns
Sequigâs Raudonas, Abgeordneter aus Syrtax
Perisko Glauth, Vertreter von Sequigâs Raudonas
Halvor, Kommandant der Stadtwache von Syrtax
Jurinak Lopas, Abgeordneter aus Furta Allégra
Jokardy Scurra, stellvertretender Anführer der Schwarzen Augen
Myla Skauts, Mitglied der Schwarzen Augen
Kalásh Suboko, Koordinierungsoffizier der Obiden
Danastré Vartis, Krieger
Tarinka, Schankwirtin aus D'uril
Tirgot, fahrender Händler
Zandil, Dieb und Diener der Ral-Kadór
Larvátras, Heerführer der Ral-Kadór
Altraîr, Fürst von Carvás Cándth
Otalin, Fürst von Carvás Cándth
Anessa Benaîr, Fürstin von Carvás Cándth
Hurtgar Zetrôph, Fürst von Carvás Cándth
Sadedziná, Fürstin von Carvás Cándth
Endriáte, Königin von Turalién
Argâmas, König von Autamar
Die Ral-Kadór
Dardánor, Kaszoc-Vhinás
Argátor, Kaszoc-Kásk
Xardanas, Kaszoc-Brágh
Die Zwerge und Elfen
Eély Vêrnith, Elfenkriegerin
Feámeon Banâreth, Elfenabgeordneter
Sârgalor, Vádaz der Dunkelelfen
Tergor Erzfaust, Abgeordneter der Zwerge
Bjófur, Wolkenschmied
Bandáril, Wassersteinschleifer
Die Magier
Torgadol
Necrodin Maandús
Jaliá
Mithridál
Lipjûda
Kîskîla
Cémpionaûs
Zylúx
Die Eantî
Vadovas, Anführer
Rexic, Techniker
Slyness, Spion
Zäglys, Dieb
Zudykâs, Mörder
Die Orks
Ushgodh, Krieger
Oshgil, Krieger
Kandosh, Krieger
Helden und einstige Herrscher
Aramas Karstiras, Lichtbringer und Einer der Welt
Pandus, König von Paradón
Urgámar Hervaresta, Vater von Irgesto
Alenáte, ehemalige Königin von Turalién
Ladán Caldór, Vater von Garvis
Karák Kazór, Vorfahr von Dardánor
»Liegt eine Welt nur lange genug in Frieden, bedarf es allein eines winzigen Flügelschlags, um die tosende Gewalt des Krieges zu entfesseln und schon bald kriechen die Kreaturen der Finsternis aus ihren Löchern, bereit, die friedvolle Übersättigung aus der Wiege des Lichts zu entreißen.«
- Aramas Karstiras, König von Paradón, Lichtbringer, Vertreiber der Dunkelheit, Einer der Welt -
Nördlicher Teil Paradóns, Frühsommer, 2152. Zyklus
Steppe, nahe des Helions, Paradón, Frühsommer, 2152. Zyklus
Steppe, Paradón, Frühsommer, 2152. Zyklus
Helion, Steppe, Paradón, Frühsommer, 2152. Zyklus
Sturmgebirge, Paradón, Frühsommer, 2152. Zyklus
Region Furta Allégra, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Furta Allégra, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Südlich Iscadars, Hauptstadt Paradóns, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, 2152. Zyklus
Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152.
Nördlicher Teil Paradóns, Sommer, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Steppe, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Steppe, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Wald von Amenáur, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Steppe, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Sommer, 2152. Zyklus
Steppe, westlich von Tralia, Paradón, Sommer, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Syrtax, Stadt der Gladiatoren, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Tralia, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Herbst, 2152. Zyklus
Syrtax, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Fünf-Seen-Tal, Paradón, Herbst 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Nordöstlich von Syrtax, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, und Carvás Cándth, Stadt des Grauens, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Fünf-Seen-Tal, Paradón, Herbst, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Winter, 2152. Zyklus
Duril, Wüste des Bergol-Tals, Winter, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Winter, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Winter, 2152. Zyklus
Tambarun, Fünf-Seen-Tal, Paradón, Winter, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Winter, 2152. Zyklus
D'uril, Wüste des Bergol-Tals, Paradón, Winter, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Paradón, Winter, 2152. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Winter, 2152. Zyklus
Raskatan, Wald von Amenáur, Frühling, 2153. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Frühling, 2153. Zyklus
Carvás Cándth, Zangengebirge, Paradón, Frühling, 2153. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Frühling, 2153. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Frühjahr, 2153. Zyklus
Rughars Licht, Paradón, Frühjahr, 2153. Zyklus
Iscadar, Hauptstadt Paradóns, Frühjahr, 2153. Zyklus
Epilog
Es regnete bereits die ganze Nacht hindurch, als er endlich den schütenden Wald erreichte.
Er musste unbedingt schnellstmöglich ein Lager aufschlagen, damit er am Morgen rasch wieder aufrechen konnte.
Sie waren schon seit Tagen hinter ihm her und er wusste nicht, ob sich die Distanz zwischen ihnen schon verringert hatte.
Seine Flucht hatte stark an seinen Kräften gezehrt, er brauchte dringend eine Pause, um sich etwas zu erholen. Ihm war völlig unklar, weshalb die Fremden hinter ihm her waren, aber seit er seine Flucht begonnen hatte, plagten ihn schreckliche Albträume.
Er sah Menschen, denen er noch nie begegnet war, Menschen, denen schreckliche Qualen zuteil wurden. Gestalten in weinroten Roben trieben sie auf einem großen Platz in einer einst prunkvollen Stadt zusammen. Die Angst in den Gesichtern der Gequälten war so real, dass es ein Martyrium für die Seele war.
Die Träume waren jedes Mal anders, aber es spielte sich immer das gleiche Schema ab. Jeder Traum endete mit einem grellen Leuchten, als die Gestalten in den Roben kunstvoll gravierte Stäbe überkreuzten und mit einem Donnern auf den Boden krachen ließen.
Im Moment dachte Garvis jedoch nur daran, wie er den Unbekannten möglichst rasch entkommen konnte.
Er mochte sich gar nicht ausmalen was passieren würde, wenn sie ihn in die Hände bekämen. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Wer waren die Unbekannten? Was wollten sie von ihm? In wessen Auftrag handelten sie? Garvis' Hoffnung, ihnen zu entkommen, war nicht gerade hoch und wenn es sich bei den Unbekannten um die Ral-Kadór handelte, waren die Chancen fast Null, dass es für ihn gut ausgehen würde. Die Wahrscheinlichkeit war zwar nicht hoch, doch er dachte, er hätte in den alten Ruinen von Raskatan etwas gesehen, was ihn an die mysteriösen Wesen erinnerte. Während seiner Flucht war er viele verschiedene Möglichkeiten durchgegangen und musste an die abwegigsten Wesen der Mythologie denken.
Die Ral-Kadór waren Gestalten, über die nicht all zu viel bekannt war. Es wurden Geschichten erzählt, dass ihre Gesichter aus reinem Nebel bestanden, der in ständiger Bewegung war. Die Augen sollen stechend und azurblau gewesen sein, immer ein listiges Funkeln innewohnend.
Ihre Körper waren stark und sehnig. Jeder Ral-Kadór hatte angeblich eine knochige Hand, die nach und nach in einen Arm aus Fleisch, Muskeln, Sehnen und Blut überging. Angeblich handelte es sich hierbei um einen Fluch aus dem vergangenen Zeitalter. Auferlegt von einem uralten Feind, sollte die knöcherne Hand auf ewig als Makel am Volk der Ral-Kadór haften und sie stetig an ihren eigenen Untergang erinnern.
Das waren allerdings alles nur Geschichten und die wenigen, welche die Ral-Kadór tatsächlich gesehen hatten und überlebten, um davon zu berichten, waren zumeist wahnsinnig geworden, weshalb ihre Berichte nicht viel zählten.
Das alles ging Garvis sehr an die Substanz. Hatte seine Flucht überhaupt einen Sinn?
Als Garvis den Wald endlich erreichte, hatte er seit Langem wieder einmal etwas Glück.
Er fand recht schnell eine Stelle, an der er vom Regen und Wind geschützt die Nacht überdauern konnte. Jedoch ließen ihn auch diesmal die Albträume nicht in Ruhe.
Immer wieder schreckte er aus dem Schlaf hoch und als der Morgen schon beinahe graute, machte er sich wenig erholt auf den Weg.
Er hoffte, wenn er schnell genug vorankäme, noch an diesem Tag Mauradin zu erreichen.
Dort wog er sich vor den Unbekannten einigermaßen in Sicherheit, da Mauradin eine der größeren Städte Paradóns war. Selbst wenn seine Verfolger tatsächlich die Ral-Kadór wären, würden sie es sicherlich nicht wagen der Stadt zu nahe zu kommen.
Sollten sie Garvis allerdings vorher einholen, war er nicht gewillt sein Leben einfach so herzuschenken. Er würde es so teuer wie möglich verkaufen.
Garvis war ein erfahrener Soldat und diente einst in der Armee des Königs.
Als sich jedoch herausstellte, dass der König viele seiner Kämpfer in einen scheinbar sinnlosen Krieg gegen eines der fernen Länder ziehen lassen wollte, von dem die wenigsten je gehört hatten, kam die Vermutung auf, dass der Herrscher nicht mehr Herr seiner Sinne war. Daraufin verließen nicht wenige die Armee, auch auf die Gefahr hin, von nun an von den Gefolgsleuten des Königs gejagt zu werden.
Garvis war einer dieser Deserteure. Das störte ihn allerdings nur wenig. Mit den strengen Richtlinien und Vorschriften der Armee war er ohnehin noch nie gut zurecht gekommen, was ihm des Öfteren Probleme eingebracht hatte.
Dies war nun schon etliche Monate her und man hörte nie von jemandem, der vom König verfolgt wurde. Somit dachte auch Garvis nicht daran, dass die Verfolger möglicherweise im Dienste des Königs hinter ihm her waren. Außerdem zählte der Wald der Magie bekannterweise nur noch rein formell zum Königreich. Offiziell setzte mittlerweile kaum jemand einen Fuß hinein.
Er konnte sich nach wie vor keinen Reim darauf machen, warum er verfolgt wurde. Nach seinem Austritt aus der Armee durchstreifte er fast ganz Paradón, aber er tat nie etwas Unrechtes oder Ungesetzliches, was ihm eine Erklärung geboten hätte.
Gegen Nachmittag kam Mauradin langsam in Sicht. Zuerst sah Garvis nur kleinere Rauchschwaden, aber mit jedem Schritt den er tat, erblickte er etwas mehr von der Stadt. Er bedauerte noch immer den Verlust seines Pferdes, doch hoffte er, in Mauradin ein neues erstehen zu können.
Die Stadt war äußerst prachtvoll, voller Handel und bot für jeden Geschmack etwas.
Eine weiße Mauer umzog die Häuser von denen eines strahlender und ansehnlicher als das andere war. Die ganze Stadt vermittelte ein Gefühl der Geborgenheit und Zufriedenheit, dass es schon fast trügerisch war. Nur die schweren Befestigungsvorrichtungen trübten die Idylle ein wenig.
Als Garvis die Tore endlich erreichte, war er völlig außer Atem. Seine Kleidung war an einigen Stellen zerrissen und er bot einen jämmerlichen Anblick. Die schwarzen Haare waren verfilzt und seine Arme und Beine wiesen zahlreiche Schürfungen und Kratzer auf.
Das Tor war mit zehn Wachen besetzt, alle in den Farben Mauradins. Sie waren in blau-gelbe Waffenröcke gehüllt und trugen schwere Schwerter. Einige von ihnen hatten auch Hellebarden in den Händen. Sie boten einen eindrucksvollen Anblick, wie die Stadt selbst, über deren Dächern die blau-gelben Fahnen mit dem Hirsch in der Mitte wehten.
»Was willst du hier, Fremder?«, fragte einer der Wachleute barsch.
»Ich bin lange gereist und möchte mich in der Stadt erholen und anschließend meinen Weg bald fortsetzen« Garvis' Antwort, stellte die Wache jedoch nicht ganz zufrieden. Sein erbärmlicher Anblick bot auch allen Grund genauer hinzusehen.
»Was ist passiert? Du siehst aus als wärst du unter die Pranken eines Kadmanas gekommen. Gesindel wie dich brauchen wir nicht in Mauradin!«
Garvis hielt seinem stechenden Blick stand. »Ich habe einen weiten Weg hinter mir und musste mich mit so einigen Gefahren herumschlagen. Ich habe Geld und bin gewillt es in der Stadt zu lassen, weswegen ich mich jetzt auch gerne hinein begeben würde!«
Das Funkeln in Garvis Augen war von einer solchen Ausdrucksstärke, dass der Wächter nicht mehr weiter nachfragte und ihn durch die Abgabe von ein paar Münzen endlich passieren ließ.
»Mach bloß keinen Ärger«, wurde er noch ermahnt. Garvis quittierte es mit einem Nicken.
Als er das Tor durchschritt bot sich ihm Mauradin in seiner vollen Schönheit dar.
Es gab etliche Blumenbeete und die Straßen waren zu einem größeren Teil gepflastert, was in kaum einer Stadt mit solcher Präzision geschehen war. Mauradin war von Kopf bis Fuß bis ins kleinste Detail durchdacht. Es gab Fluchtwege für den Fall eines Brandes, sowie eine gut organisierte Verteidigungsanlage mit Katapulten, Ballisten und Teerfässern. Auch das prunkvolle Rathaus mit dem großen Versammlungsplatz sprang jedem Besucher sofort ins Auge. Alles in allem war Mauradin eine Stadt in der es sich sehr gut leben ließ.
Garvis' Weg führte ihn geradewegs zum erstbesten Laden. Er wollte sich mit neuem Proviant und Kleidung ausstatten. Er erwarb ein gutes neues Wams und etwas Dörrfleisch, welches er sofort zum Großteil verzehrte.
Danach machte sich Garvis auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er kam am Gasthaus Weißer Schwan vorbei und ging hinein.
Der Wirt stand hinter dem Tresen und polierte ein paar Gläser.
»Seid gegrüßt, ich suche nach einer Unterkunft für die Nacht«, sagte Garvis ohne Umschweife.
»Ihr habt Glück, es ist gerade ein Zimmer frei geworden, mein Herr«, erwiderte der Wirt freundlich und fragte etwas neugierig: »Ihr seid wohl nicht aus der Gegend?«
»Nein, ich komme aus dem Norden und bin nur auf der Durchreise.« Garvis' Antwort war kurz und knapp. Er hatte keine große Lust sich jetzt mit dem Wirt zu unterhalten. Doch der Mann fragte unbeirrt weiter: »Etwa aus Autamar oder dem Freihandelsreich? Oder gar von noch weiter nördlich? Vielleicht Turalién?«
Garvis wich seinen Fragen aus und führte die Unterredung freundlich zu einem Ende. Noch mehr Ärger konnte er im Moment ganz und gar nicht gebrauchen.
Er bezahlte das Zimmer im Voraus und ging dann wieder hinaus auf die Straße.
Ein paar Kinder rannten schreiend vorbei, was eine Katze aufschreckte und in einer Nebengasse einige Holzscheite umstießen ließ. Sie verschwand augenblicklich fauchend über eine Mauer.
Garvis dachte darüber nach, wie schön doch der Tag war und wie traurig der Umstand, dass er ihn nicht genießen konnte. Er fragte sich nach wie vor, weshalb er verfolgt wurde und vor allem von wem. Nicht zu wissen welchem Feind man gegenüberstand machte die Situation erheblich schwerer und Garvis hatte schon genug Schwierigkeiten.
»Pândrâs zum Gruße, mein Herr. Wollen Sie vielleicht ein paar Gewürze kaufen?«
Eine alte Frau riss Garvis aus seinen Gedanken. Sie war klein und hatte einen Wagen voll verschiedenster Utensilien bei sich. Garvis wusste nicht, warum er überhaupt zu ihr hinüber ging, aber als er näher kam, beschlich ihn ein ungutes Gefühl.
»Junger Herr, tretet näher! Ich habe alles was Euer Herz begehrt!« Die alte Frau sprach mit rauer Stimme als würde man auf einer Schiefertafel entlang kratzen.
»Woher wollt Ihr wissen was ich benötige?« Garvis wurde das ungute Gefühl nicht los und blieb deshalb auf der Hut.
»Ihr macht den Eindruck als wärt Ihr auf der Flucht vor jemandem... oder etwas«, näselte sie verstohlen. Garvis verlor für einen kurzen Moment die Fassung, da er sich ertappt fühlte, bekam sich jedoch rasch wieder in den Griff und fragte: »Wie kommt Ihr auf einen solchen Gedanken?«
»Ihr seht einfach nur so aus, nichts weiter. Vielleicht habe ich ein paar Antworten für Euch!«
jetzt wurde Garvis neugierig. »Was könnt Ihr mir erzählen?«
»Ihr wurdet verfolgt und wisst nicht weshalb, noch wer es auf Euch abgesehen hat!«
»Woher wisst Ihr das, alte Frau?«
»Sagen wir, ich habe meine Quellen. Als Ihr aus der Armee des Königs ausgetreten seid und Euch auf den Weg gemacht habt Paradón zu erkunden, ist Euch da nicht etwas Seltsames passiert?«
»Ihr müsst schon genauer werden, was soll mir passiert sein?«
»Erinnert Ihr Euch nicht an den Wald von Amenáur und die verfallene Stadt Raskatan?«
Mit einem Mal wurde Garvis bewusst, auf was die alte Frau anspielte und schalt sich einen Narren nicht früher darauf gekommen zu sein.
Der Wald von Amenáur war einst auch bekannt als der Wald der Magie. Er war ein Refugium des Wissens und bot eine große Vielfalt an Flora und Fauna. Seinen Namen erhielt er nach dem verstorbenen Kind der Göttin Dephélia, der Schutzherrin der Wälder, Göttin des Einklangs und der Zufriedenheit. Es hieß, Amenáur ertrank in einem tiefen See, nachdem sie einer trügerischen List des dunklen Gottes Vencor aufgesessen war. Ein Krieg entzweite die Götter, während Amenáurs Geist in die Erde überging und einen riesigen Wald voller Magie und Mythen formte. Ihr zu Ehren erbauten die Menschen des alten Zeitalters eine prächtige Stadt, inmitten des Waldes. Doch nachdem Raskatan in einem der alten Kriege gefallen war, wagte sich kaum noch jemand dorthin.
Niemand wusste Genaueres und Aufzeichnungen über den Krieg gab es nicht mehr.
Garvis war in Raskatan gewesen, um sich selbst ein Bild zu machen und herauszufinden, ob den Mythen etwas Wahres anhaftete.
»Woher wisst Ihr all diese Dinge?«, fragte er skeptisch.
»Ich weiß nahezu auf alles eine Antwort!«
»Wie kann das sein? Nur Orakel und ein paar wenige andere magische Wesen sind dazu in der Lage! Aber jeder weiß, dass die letzten Orakel schon vor Jahrhunderten aus Paradón verschwunden sind!«
Die alte Frau lächelte gutmütig: »Ich hätte von Euch etwas mehr erwartet als diese Leichtgläubigkeit!«
»Nehmen wir an, Ihr seid ein Orakel, warum gebt Ihr Euch mir zu erkennen?«
»Sagen wir, ich habe meine Gründe.«
Ihre Geheimniskrämerei nervte Garvis beinahe schon, aber wenn die alte Frau tatsächlich die Wahrheit sprach, war es nicht weiter verwunderlich. Orakel hatten die Angewohnheit in Rätseln zu sprechen und immer nur das zu sagen, was sie für erwähnenswert hielten.
»Da ist er!«, rief plötzlich eine dunkle, laute Stimme. Garvis sah sich sofort um und glaubte seinen Augen nicht.
Um die Ecke kam gerade ein Trupp der Stadtgarde und die Stimme gehörte zu dessen Gardeführer, welcher mit ausgestrecktem Arm auf Garvis zeigte. Ehe er sich versah ließ Garvis die alte Frau stehen und rannte so schnell er konnte davon. Die Garde nahm sofort die Verfolgung auf, doch Garvis war trotz seiner Erschöpfung noch immer schnell genug.
Er rannte so lange, bis er sich sicher glaubte, die Verfolger abgeschüttelt zu haben. Als er in einer kleinen Gasse anhielt, bekam er sofort den nächsten Schock. Quer über der Straße war an einer Hauswand ein Steckbrief angebracht. Es war Garvis' Gesicht darauf zu sehen.
Unter dem Bild stand der Text »Gesucht! Tot oder lebendig! Belohnung 1000 Goldstücke« zu lesen.
Wie konnte das sein, warum war sein Bild auf diesem Steckbrief? Er verstand das alles nicht.
Jedenfalls konnte das nicht der Grund sein, weswegen die Verfolger, vor denen er in die Stadt geflüchtet war, hinter Garvis her hetzten,. Was in Raskatan passierte, hatte nichts mit dem Königreich zu tun und konnte somit auch keine Herausgabe eines Steckbriefes rechtfertigen. Außerdem wären die zeitlichen Abstände dazu viel zu knapp gewesen.
Da der Wald von Amenáur von kaum einem Menschen freiwillig betreten wurde, kümmerte sich auch der König nicht darum, was in Raskatan vor sich ging. Man munkelte sogar, er hätte diesen Teil des Landes aus Paradón ausgegrenzt.
Garvis wusste, dass er nun nicht mehr in Mauradin bleiben konnte. Er schlich weiter durch die Nebenstraßen und kleinen Gassen, in der Hoffnung durch ein Seitentor unerkannt zu entkommen. Er fragte sich, weshalb die Wachen am Tor ihn nicht sofort verhaftet hatten. Vielleicht haben sie mich wegen meines zerschlissenen Aussehens nicht erkannt, kam er ins Grübeln. Als er ein paar Abzweigungen genommen hatte, fand er ein kleines Seitentor, das nur leicht bewacht war und ging so unauffällig wie möglich darauf zu. Er war heilfroh das Tor passieren zu können, ohne dass die Wachen ihn genauer betrachteten. Es ärgerte ihn, dass er das Zimmer schon im Voraus gezahlt hatte und es jetzt dank seiner überstürzten Flucht nicht nutzen konnte, aber wenigstens war er heil aus der Stadt raus. Zu allem Überfluss konnte er allerdings auch kein neues Pferd erstehen.
Als er sich weit genug von der Stadt entfernt hatte, wartete er in einem Versteck im Wald, ob ihm auch niemand gefolgt war.
Während er ausharrte dachte er über die alte Frau und das, was sie gesagt hatte nach.
Warum gibt sich mir ein Orakel zu erkennen? War sie tatsächlich ein Orakel? Immerhin wusste sie Dinge die sie nicht wissen konnte... Die Sache in Raskatan habe ich niemandem erzählt. Die Gelegenheit bot sich ja noch nicht einmal.
Garvis war enttäuscht, nicht mehr von ihr erfahren zu haben. Das Glück, die Stadt unbehelligt verlassen zu haben, hob seine Stimmung jedoch etwas.
Als sich Garvis vor gut acht Wochen durch den Wald von Amenáur geschlagen hatte und nach Raskatan suchte, geschahen verschiedenste Dinge. Er hielt diese zunächst allerdings für nicht so wichtig. Ein Fehler wie sich nun herausstellte. Garvis fand Raskatan, nachdem er einige Tage im Wald umherstreifte. Er erwartete eigentlich, dort auf einige Scheusale zu treffen, fand aber nichts weiter als eine zerstörte und verlassene Stadt. Ganz Raskatan sah aus als seien die Ruinen seit vielen Zyklen in einen tiefen Schlaf verfallen und die Natur hatte sich das Gebiet zurück geholt. Die Zerstörungskraft war auch noch lange Zeit nach dem Krieg so präsent, als wäre es erst vor Monaten geschehen. Doch die überall verstreuten Knochen und überwucherten Straßen zeugten davon, dass bereits seit sehr vielen Zyklen kein Leben mehr in Raskatan herrschte. Um die ganze Stadt lag ein schwarzer Ring welcher sich beim Näherkommen als kraterähnlicher Graben erwies.
Als Garvis auf der Suche nach Hinweisen für die Vorkommen an Magie durch Raskatan streifte, entdeckte er ein stark verfallenes Haus. Dieses Haus unterschied sich nur in zwei Belangen von den anderen. Es war größer und Garvis fand eine unbeschädigt aussehende Falltüre in der Mitte eines breiten Raumes. Er öffnete sie und stieg vorsichtig hinab. Unten angekommen schritt er durch einen dunklen Gang. An der Wand entlangtastend arbeitete er sich vorwärts, in der Hoffnung eine Fackel zu finden. Plötzlich sah er ein leichtes blaues Leuchten. Umso näher er kam,desto heller und greller wurde das Leuchten. Da hörte Garvis schwere Eisenscharniere quietschen und mit Metall beschlagene Stiefel über den Steinboden hallen.
Sofort machte er auf dem Absatz kehrt und ging so schnell, wie es ihm die Dunkelheit ermöglichte, zurück zum Eingang. Als er ihn erreichte und die Leiter hochgeklettert war, verließ er Raskatan schnellstmöglich. Garvis wusste nicht, was das Leuchten war, aber nachdem, was er von der alten Frau erfahren hatte, musste es etwas gewesen sein, was nicht für seine Augen bestimmt war. Diejenigen, deren Stiefelhallen durch den Gang dröhnte, mussten irgendwie von seiner Anwesenheit erfahren und sich an seine Fersen geheftet haben.
Anders konnte Garvis sich nicht erklären wer hinter ihm her war. Er war jedoch gewillt es herauszufinden. Dazu musste er allerdings zurück nach Raskatan und der Sache auf den Grund gehen.
Er wartete noch in seinem Versteck bis sich die Sonne um eine Einheit weiter verschoben hatte und als auch dann keine Wachen aus Mauradin kamen, machte er sich auf den Weg zurück nach Raskatan.
Garvis war nun schon einige Stunden unterwegs, stets auf der Hut nicht gesehen zu werden. Er fragte sich ständig, in was er da nur hineingeraten war.
Ein gutes Stück Weg hatte er bereits zwischen sich und Mauradin gebracht, doch der Wald, in dem er sich befand, war so dicht, dass kaum Tageslicht durch das Blätterdach drang.
Da er immer noch auf der Flucht war, und jetzt sogar von mehreren Parteien gejagt wurde, hielt er sich etwas abseits der Wege, um nicht gesehen zu werden.
Sein Kopf war voll ungeklärter Fragen und so bald würde es wohl auch keine Antworten geben. Wie er durch das Unterholz schlich und sich bemühte möglichst unauffällig zu sein, geriet er just ins Stocken. Garvis hörte ein paar Laute, welche nicht so recht in die friedliche Umgebung des Waldes passen wollten. Die Geräusche wurden lauter und bewegten sich augenscheinlich auf ihn zu. Dies passierte mit einer solchen Geschwindigkeit, dass Garvis den Gedanken an Flucht schnell verwarf und sich lieber nach einem geeigneten Versteck umsah. Eine Mulde unterhalb von ein paar Sträuchern war das einzige, welches ihm halbwegs nütlich erschien. Schnell rannte er hin und kroch hinein. Starkes Hufgetrippel sete ein, begleitet von wildem Grunzen und Schnaufen. Dann sah er wer oder was sich mit solch einer Geschwindigkeit näherte. Es war eine kleine Einheit von Orks. Das Außergewöhnliche, abgesehen von dem widerwärtigen Gestank, war, dass die Orks beritten waren. Orks ritten für gewöhnlich nicht, selbst in Ausnahmesituationen zogen sie es normalerweise vor, sich zu Fuß fortubewegen.
Warum war diese Einheit anders unterwegs? Des Weiteren kam hinzu, dass diese Orks nicht auf Wargen, sondern Pferden ritten, was noch unwahrscheinlicher zu sehen war.
Garvis hielt den Atem an und duckte sich tiefer ins Dickicht. Mit rasendem Tempo preschte die Truppe vorüber, ohne ihn zu entdecken. Nach einiger Zeit des Abwartens wagte sich Garvis wieder vorwärts. Es war ihm ein Rätsel was dort vor sich ging.
Erst das Geheimnis um Raskatan, dann der Steckbrief in Mauradin und jetzt auch noch berittene Orks. In was bin ich da nur geraten?, fragte er sich zum ungezählten Mal.
Nach einigen Überlegungen beschloss er, die Fährte der Orks aufzunehmen, um zu sehen wohin sie wollten. Vielleicht standen sie ja in Verbindung mit der Sache in Raskatan. Die Richtung stimmte jedenfalls.
Akribisch folgte Garvis der Fährte. Sie führte ihn immer weiter nach Osten, hinaus aus dem kleinen Wäldchen und über den Trys, bis er schließlich auf ihr Ende stieß. Die Spur verlor sich auf einem kargen Steinboden. Der Wald lag schon lange hinter ihm und er hatte das Gefühl, dass sich schon bald etwas ereignen würde. Es war ihm, als fühlte er geradezu ein Knistern in der Luft. Auf Dauer konnten die Orks unmöglich ohne Halt unterwegs sein. Bis jetzt gab es jedoch keine Hinweise auf einen Rastplatz.
Garvis überquerte den steinigen Untergrund in Richtung Nordosten und stieß schon bald erneut auf die Fährte. Ein paar Biegungen weiter, hinter einigen größeren Felsen, machte er schließlich einen grausigen Fund. Etwa fünfzehn, schon von den Geiern angefressene Kadaver lagen am Boden verteilt. Die Pferde der Orks! Mit blanken Klauen und Zähnen brutal abgeschlachtet! Offensichtlich hatte die Truppe ihre Reittiere bis zur Erschöpfung getrieben und dann einfach kaltblütig umgebracht. Nicht wenigen Tieren fehlten größere Stücke, welche die Orks aller Wahrscheinlichkeit nach entweder sofort gefressen hatten, oder als Proviant mitnahmen.
ze stellte sich für Garvis nur die Frage, wo der Trupp Scheusale hinwollte.
Er kletterte auf einen der Felsen und suchte alle Himmelsrichtungen ab. Doch zu sehen war nicht viel. Hier fing die Steppe an und das Einzige, was in näherer Umgebung war, war der Helion.
Der Helion war ein Tempelberg, welcher vor vielen hunderten von Zyklen von den Magiern bewohnt wurde. Er war einst so etwas wie ihre heilige Stätte und die Vorkommen an Magie waren dort zu jener Zeit besonders stark. Irgendwann jedoch, noch vor dem größten Krieg, der je über Apygárda hinweg zog, versiegelten die Magier den Helion mit Hilfe einer magischen Barriere um sich anderen Dingen zu widmen. Eines Tages sollte die Barriere wieder fallen und die Magier zurückkehren. Da die Magier jedoch während des Krieges stark dezimiert wurden und die Magievorkommen über die Jahrhunderte zu versiegen begannen, war die Barriere noch immer aktiv und beinahe in Vergessenheit geraten.
Garvis zog in Betracht, sich zum Helion zu begeben, da dort auch die einzige Wasserstelle auf viele Meilen liegen musste. Da der Weg zurück zum Trys wenig einleuchtend erschien, lag der Verdacht nahe, dass die Orks sich ebenfalls Richtung Osten zum Wasser begeben hatten. Vielleicht würde er dort eine weitere Spur finden.
Als Garvis den Helion endlich erreichte, fand er jedoch nicht den geringsten Hinweis auf die Orks. Es schien als seinen sie urplötzlich vom Erdboden verschluckt worden.
Von der Nähe zeigte sich nun, wie beeindruckend der Helion war. Es war nicht so sehr was man sah, sondern eher das, was man nicht sah. Es hing eine dichte Nebeldecke um den gesamten oberen Teil des Tempelberges. Es war unwahrscheinlich, dass sie eines natürlichen Ursprungs war. Die Luft war hier viel zu trocken und der Berg war von der Magie verändert worden. Er war mehr breit als hoch und ein paar weiße Säulen ragten vom Fuß bis in den Nebel hinauf, um sich schließlich darin zu verlieren. Sie hatten einen enormen Durchmesser. Was immer sich im Nebel verbarg, es musste gigantisch sein.
Eine breite, lange, weiße Treppe führte bis in den Nebel und bahnte sich elegant den Weg nach oben. Die Barriere war ebenfalls sichtbar. Blaues und rotes Schimmern zog sich um den ganzen Berg und ließ in majestätisch erscheinen. Garvis konnte nicht widerstehen und ging näher darauf zu. Rotblaues Glitzern war direkt vor seinen Augen. Er stand unmittelbar vor der Barriere und konnte ihre Präsenz spüren. Langsam streckte er den Arm, um sie zu berühren. Er wusste nicht, was ihn dazu veranlasste, doch konnte er sich der Aura der Barriere nicht entziehen. Ein starkes Kribbeln durchfuhr Garvis' Arm und breitete sich langsam in seinem ganzen Körper aus. Es wurde immer stärker und stärker, bis es ihn schließlich schmerzte. Beim Versuch, den Arm von der Barriere zu lösen, erschrak Garvis und wurde leichenblass. Er konnte den Arm nicht mehr lösen. Stattdessen zerrte ihn die Barriere nun unter höllischen Schmerzen immer weiter zu sich heran. Als die Schmerzen so unerträglich wurden, dass Garvis schon dachte, jetzt wäre es um ihn geschehen, gab es plözlich einen lauten Knall und er fand sich auf der anderen Seite der Barriere wieder! Was ist da gerade passiert? Garvis sah lauter schwarze Flecken vor seinen Augen. Mühsam stemmte er sich hoch, doch schon wenige Schritte später war sein Verstand wieder klar und sein Körper standfest.
»Was war das? Was um alles auf der Welt ist gerade geschehen?«
Garvis' Entsetzen war groß. Nie hätte er gedacht solche Schmerzen empfinden zu können, doch am Erstaunlichsten war die Tatsache, dass er immer noch lebte und die Schmerzen genauso schnell verschwunden waren, wie sie kamen.
»Wie komme ich hier wieder raus?«, fragte er sich. »Dieses Höllenteil fasse ich bestimmt nicht nochmal an!«
Verstört sah Garvis sich nach einem Ausweg um, aber überall um ihn herum war die Barriere.
»Was habe ich mir nur dabei gedacht«, sagte er kopfschüttelnd und blickte sich um.
Der einzige Weg den er einschlagen konnte, führte die weiße Treppe hinauf.
Als er vorsichtig den ersten Fuß auf die Stufen tat und nichts geschah ging er langsam, Schritt für Schritt die lange Treppe empor. Auf Höhe des Nebels fiel ihm allmählich das Atmen schwer, aber jetzt hatte ihn die Neugier gepackt. Er wollte sehen, was wohl schon seit ewigen Zeiten kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen hatte. Im Nebel hatte Garvis die ganze Zeit über das Gefühl beobachtet zu werden, aber er empfand es als zu unwahrscheinlich, da er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Dennoch kam ihm das alles seltsam vor. Es gab keine Geräusche in der Wand aus Nebel. Was ist das nur für eine dichte Brühe, dachte er sich und marschierte unerbittlich weiter. Dieses Gefühl der Beobachtung konnte er jedoch nicht abschütteln.
Da durchbrach er endlich den Nebel und sah mit einem Mal wieder vollkommen klar.
Vor ihm lag der Gipfel des Helions!
Geräusche der verschiedensten Art waren nun wieder zu hören. Vögel zwitscherten und es lag ein eigenwilliges Surren in der Luft. Hier und da zirpten ein paar Grillen und Garvis fragte sich, weshalb oberhalb der Nebelwand ein solches Leben herrschte.
Doch nicht nur das war unerwartet. Es wuchs viel Gras und gab auch ein paar knorrige Bäume hier oben. In der Mitte des Gipfels lag allerdings das Beeindruckendste, was diese Höhen zu bieten hatten.
Die weißen Säulen, welche am Fuße des Helions ihren gigantischen Anfang nahmen, hielten ein Bauwerk wie es Garvis noch nie zuvor je gesehen hatte.
Zwar schien es äußerlich sehr normal zu sein, aus Marmor erbaut und reich verziert an Runen der Magier. Allerdings schien der Marmor nahezu durchsichtig zu sein und glitzerte leicht in der Sonne. Deutlich war zu erkennen, dass dort Wände vorhanden waren, aber zugleich konnte man beinahe mühelos hindurchsehen. Es gab mehrere Türme mit Spitzen und Vorsprüngen und auf den Dächern wehten verwitterte Fahnen mit den Zeichen der Häuser der Magier. Es war eine beeindruckende Feste und wurde nichts gerecht, das Garvis jetzt zuvor gesehen hatte.
Garvis ging näher auf den Zugang der Himmelsfeste zu. Doch auch dieser Schein war trügerisch. Sah es so aus, als seien die Tore gleich vor ihm, musste er dennoch eine nicht zu geringe Entfernung zurücklegen, bis er sie endlich erreichte. Davor angekommen war die Stätte um ihre doppelte Größe angewachsen und Garvis' Verwunderung und Erstaunen wurde immer größer. Auch die Tatsache, dass die Säulen scheinbar durch den Berg wanderten, förderten diese Verwunderung.
»Irgendwie scheint alles auf diesem Gipfel so stark von Magie durchtränkt zu sein, wie ich es noch an keinem Ort erlebt habe!«
Ein paar breite Stufen waren nun das Einzige, was Garvis noch von den Toren trennte.
Sie passten nicht ins Bild der ohnehin merkwürdig anmutenden Feste. Eisenbeschlagene Schienen waren angebracht und mit spitzen Nieten besetzt. Das Holz war dunkel und wirkte bedrohlich. Doch noch etwas fiel Garvis auf: Man konnte zwar durch die Wände der Festung hindurchsehen, jedoch sah man dahinter nur wieder das Plateau des Helions und nicht das, was sich im Innern des Hauses befand.
Soll ich es wagen diese Tore zu öffnen?, fragte sich Garvis. Immerhin scheint es nicht sonderlich gefährlich zu sein. Allerdings reichen mir die Schmerzen von vorhin noch eine Weile.
So blieb Garvis erst einmal auf der Hut und lief nicht geradewegs auf die Tore zu.
Er sah sich um und versuchte auszumachen, ob er irgendeine Art von Falle oder sonstige Unannehmlichkeiten entdeckte, welche diese Tür für ihn bereithalten konnte.
In diesem Moment huschte etwas in ihm vorbei! Garvis warf sich sofort zur Seite und riss sein Schwert aus der Scheide.
Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Neben ihm saß ein kleiner Hase auf einem Stein, huschte aber sofort weiter und verschwand in einem Erdloch.
Garvis rappelte sich wieder auf, steckte das Schwert weg und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er wusste nicht zu sagen, ob dieser von der Anspannung oder den erhöhten Temperaturen kam.
Als er sich gerade wieder den Toren widmen wollte, fiel er jedoch erneut zu Boden.
Der ganze Gipfel fing plötzlich an zu beben und Garvis hatte keine Chance mehr auf die Beine zu kommen. Wie aus dem Nichts sah er links von sich, wie unterhalb des Plateaus ein riesiger Schwall von Geröll seitlich aus dem Berg geschossen kam. Was immer dort unten passierte, es musste ein gigantisches Loch in den Helion gerissen haben. Selbst von Garvis' Position konnte man es deutlich erkennen und das, obwohl die Kante des Plateaus sehr weit entfernt war. Wie weit genau konnte er nicht sagen, da die Entfernungen auf dem Gipfel durch die Kraft der Magie nicht abzuschätzen waren. Nur eins stand fest, es war weit und dennoch konnte er das fliegende Gestein genau erkennen.
Das Beben endete auch dann nicht, als kein Gestein mehr aus dem Berg flog. Im Gegenteil, es nahm an Intensität sogar zu. Garvis hatte das Gefühl als erwache der Helion zum Leben.
Plötzlich war alles genauso schnell vorbei wie es anfangen hatte.
»Was war das nun wieder? Ich sollte sehen das ich hier verschwinde!«, rief Garvis aus und wollte auch schon in Richtung der weißen Treppe rennen.
Er war noch keine zehn Schritte weit gekommen, als er innehielt. Hatte er gerade ein Grölen gehört oder war das nur Einbildung? Nein, da war es wieder! Ein Rumoren, als käme es aus den tiefsten Tiefen von Vencors Schlund. Mit einem Mal gab es ein Scharren an der Felswand, als würde sich etwas sehr Großes dran hochziehen.
Garvis schob langsam den Kopf über die Schulter und als er sich vollkommen umgedreht hatte stockte ihm der Atem. Eine ungeheuerlich große Klaue legte sich auf die Kante des Plateaus und Garvis blieb wie angewurzelt stehen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.
Was kam dort die Felswand hochgeklettert? Die Klaue war so groß, sie konnte einen Menschen mühelos zerquetschen.
Sie hatte sich so fest in den Boden gekrallt, dass dieser Risse bekam, bei denen Garvis dachte, sie würden den gesamten Gipfel auseinanderbrechen lassen.
Da schob sich auch schon eine zweite Klaue über den Rand. Die monströsen Pranken waren auf der Oberseite von zotteligem Fell überwuchert, die Krallen glichen den Fingern eines Skeletts, mit einer ledernen, schwarzen Haut bespannt und mit messerscharfen Spitzen versehen.
Die Erde bebte erneut und dann schob sich ein Horn zwischen den Krallen hindurch, gefolgt von einen Schädel, welcher dem Kopf eines Löwen glich. Unterschiede gab es aber dennoch genug. Abgesehen von dem Horn hatte das Biest Augen, welche unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnten. Sie verfügten über drei Pupillen und leuchteten in einem dunklen Rot. Die Mähne des Monsters war pechschwarz. Mächtige Reißzähne standen aus dem Maul hervor, bereit alles zu zermalmen. Mit einem Satz zog sich das Ungetüm über die Kante und zeigte sich Garvis in seiner vollen Größe. Sein ganzer Körper war dem eines Löwen nicht unähnlich, wären da nicht auch noch die mächtigen ledernen Schwingen auf seinem Rücken gewesen und der Schwanz mit dem sichelförmigen Metallstachel am Ende. Das Monster stieß einen wütenden Schrei aus und seine Augen fingen noch stärker an zu lodern. Garvis wusste, dass er dieser Kreatur unmöglich gewachsen war, noch ihr entkommen konnte. Sie bestand genauso aus Magie wie der ganze Berg, was eine Flucht von vornherein zum Scheitern verurteilte. So zog Garvis sein Schwert und rüstete sich zu einem aussichtslosen Kampf! Sein schwarzes Haar wehte im Wind und all seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Ihn überkam wieder das Gefühl der Schwerelosigkeit, welches ihn vor jedem großen Kampf erfasste. Garvis wusste, entweder dieses Monster oder er!
Er nahm seine Kampfaltung ein und warte auf den ersten Ansturm seines Gegners.
Doch statt auf ihn zu zustürmen und ihn in Fetzen zu reißen, bewegte sich der mächtige Kiefer des Ungetüms und eine tiefe Stimme ertönte aus seiner Kehle: »Ich bin der Wächter des Helions! Was hast du hier zu suchen, Unwürdiger? Du hast den heiligen Tempelberg mit deiner sterblichen Anwesenheit entweiht! Dafür muss deine Existenz ausgelöscht werden!«
Garvis fröstelte, so unheimlich, gebieterisch und furchteinflößend war die Stimme.
»Ich wollte nichts entweihen«, versuchte Garvis anzusetzen. »Ich wurde gegen meinen Willen durch die Barriere gesogen!«
»Schweig, Unwürdiger! Nichts auf dieser Welt geschieht einfach so! Du bist hier und nur das zählt! Deiner Vernichtung wird nun nichts mehr entgegenstehen! Nur Magier dürfen den heiligen Berg betreten!«
»Aber...« Noch bevor Garvis den Satz richtig beginnen konnte stürmte der Wächter auf ihn zu. Die Erde bebte und Staub wirbelte umher. In letzter Sekunde rollte Garvis sich über seine Schulter ab und hieb nach dem Wesen, verfehlte es jedoch. Der Wächter bremste ab und setzte sofort zu einem erneuten Angriff an. Er rannte auf Garvis zu und hieb mit seinem Schwanz nach ihm. Garvis hechtete darüber hinweg und rannte unter dem Monster hindurch, um ihm mit seinem Schwert eine klaffende Wunde am linken Hinterlauf zu verpassen.
Der Wächter brüllte, kümmerte sich jedoch nicht weiter um die Verletung. Stattdessen erhob er sich nun in die Lüfte und flog nach einer kurzen Schleife im Sturzflug auf den unfreiwilligen Besucher des Berges zu. Für Garvis war klar, wollte er diese Situation überleben, musste er sich schnell etwas einfallen lassen. Das Einzige was er tun konnte, war zu rennen. Er drehte sich um und rannte direkt auf die Treppe zu. Doch der Wächter schien damit gerechnet zu haben und änderte seine Flugrichtung, um direkt vor Garvis auf dem Plateau einzuschlagen. Noch während es landete hieb das Monster mit seinem Stachel und den Pranken nach den vermeintlich wehrlosen Gegner. Garvis parierte die Schläge unglaublich geistesgegenwärtig mit seinem Schwert. Doch der Kraft des Wächters war er einfach nicht gewachsen und so kam es wie es kommen musste. Der Stachel bohrte sich tief in Garvis' Schulter. Vor Schmerzen aufschreiend riss er sein Schwert herum und hieb mit voller Kraft auf den Schwanz ein. Ein Schwall dunkelroten Blutes schoss ihm entgegen und der Druck auf seine Schulter ließ nach. Der Wächter stieg brüllend wieder zum Himmel empor, während Garvis sofort weiter auf die Treppe zu rannte. Er ließ sich von seinen Instinkten leiten und es gab nur noch einen Gedanken: Das pure Überleben! Doch das Ungeheuer ließ nicht locker, es zog erneut eine Schleife und stürzte sich Richtung Boden. Garvis reagierte diesmal sofort, bremste mitten im Lauf ab und lief so schnell er konnte wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Der Wächter schlug auf dem Boden ein. Gestein und Erde flog davon. Diesmal war Garvis allerdings hinter ihm und sprang sofort vor, um ihm wieder einen Hieb in den Schwanz zu versetzen. Seine Schulter schmerzte, doch der Wille zu überleben war größer und so gelang es Garvis schließlich mit einem Hieb, in den er all seine Kraft legte, den Schwanz des Wächters abzutrennen. Dieser brüllte vor Schmerz ohrenbetäubend auf und schlug mit einer seiner Klauen nach Garvis. Der erfahrene Kämpfer machte reaktionsschnell einen Ausfallschritt und stach mit seinem Schwert in die Unterseite der Pranke. Das machte das Monster noch rasender und es erhob sich wieder in den Himmel.
»Das wird dir alles nichts nützen, Sterblicher!«, schrie der Wächter aus der Luft herab. »Mein Stachel hat dir ein Gift injiziert, welches dich innerhalb weniger Stunden zur Strecke bringt! Du siehst also, der Kampf ist bereits entschieden!« Ein diabolisches Lachen erklang aus seiner Kehle und er zog eine weite Bahn über das Plateau.
»Der Kampf ist erst vorbei wenn ich nicht mehr auf den Beinen stehe, aber vorher werde ich dich vernichten!« Garvis gab sich alle Mühe, seine Stimme stark und kraftvoll klingen zu lassen, konnte jedoch ein leichtes Zittern nicht unterdrücken. Er war von der Attacke seines Gegners zu stark geschwächt.
So sehr er sich auch bemühte noch länger auf den Beinen zu bleiben, Garvis konnte nicht mehr genügend Kraft aufbringen und knickte ein.
»Ah, das Gift scheint schon zu wirken!«, erschallte es schadenfroh von oben.
Im nächsten Moment kam der Wächter wieder angeflogen, um Garvis den Rest zu geben.
Dieser war einfach nicht mehr in der Lage sich noch großartig zur Wehr zu setzen. Kraftlos hob er das Schwert, doch die Pranke des Ungetüms erwischte in mit voller Härte.
Garvis flog durch die Luft und rollte auf die weiße Treppe zu. Der Wächter setzte nach und stieß sein Opfer die Stufen hinab in den Nebel. Noch während er fiel verlor Garvis das Bewusstsein... oder schied er schon ins Reich der Toten?
Das Monster wandte sich mit einem zufriedenen Schnauben ab und verschwand wieder dorthin wo es hergekommen war.
Garvis fiel und fiel. Er wusste nicht zu sagen wo oben und unten war. Der Nebel verschluckte ihn voll und ganz und wurde scheinbar eins mit ihm. Er fühlte keine Schmerzen als er auf die Stufen aufschlug. Es war, als würde er schweben und alles Weltliche hätte seine Bedeutung verloren. Garvis war sich sicher auf dem Weg ins Reich der Toten zu sein und bald Pândrâs dem Weisen gegenüber zu stehen. Egal in welche Richtung er blickte, er sah nichts als Nebel und die weiße Treppe unter sich. War es vielleicht doch noch nicht ganz um ihn geschehen? Er wusste es nicht zu sagen und fiel immer tiefer und tiefer, ohne auch nur das geringste Gespür für Wirklichkeit und Fiktion. Es wurde schwarz um ihn herum.
Ein letztes Glitzern und Rauschen und die Dunkelheit hatte ihn vollends verschluckt.
Die Sonne war bereits am Untergehen und eine laue Sommernacht kündigte sich in der Steppe an. Es würde eine ruhige Nacht werden. Alles lag friedlich da und nichts zeugte von all den Veränderungen und anderen Dingen die in Paradón vor sich gingen. Hier gab es nichts als Natur. Mit Ausnahme der einsam wandernden Gestalt am Horizont.
Nachdem die Orks die Pferde abgeschlachtet und sich mit Proviant versorgt hatten, unterließen sie nichts, um ihre Spuren zu verwischen. Als sie am Wasserloch beim Helion waren, rochen sie die Präsenz eines oder mehrerer menschlicher Verfolger und da ihre Meister ihnen befohlen hatten, ohne großes Aufsehen zurückzukehren, hielten sie sich auch penibel genau daran. Nur zu gut war ihnen noch in Erinnerung, was mit der letzten Einheit passierte die sich nicht daran hielt.
Nachdem die Orks alle Spuren beseitigt hatten, die auf die Richtung schließen ließen die sie einschlugen, herrschte Aufbruchstimmung.
Als sie einige Meilen weit durch die Steppe Richtung Norden gezogen waren, entdeckten sie am Horizont eine sich langsam nähernde Gestalt.
Weit und breit war nichts als Steppe und die Person schien allein zu sein. Daher beschlossen die Orks ihrer Mordlust nachzugeben. Sie fürchteten nicht den Zorn ihrer Meister. Wer sollte schon davon erfahren, wenn in der Steppe ein einsamer Wanderer gelyncht wurde.
Voller Vorfreude auf das anstehende Gemetzel stürmten die Orks mit wilden Kriegsschreinen auf den wulstigen Lippen auf die Gestalt am Horizont zu.
Es war zwar nur ein Gegner für fünfzehn mordlustige Orks, aber die Tatsache, dass jeder von ihnen derjenige sein könnte der den Mord beging trieb sie an.
Dann war die Meute heran. Nun konnten sie erkennen, auf wen sie es abgesehen hatten. Es war ein Mensch, gehüllt in einen braunen Ledermantel, der mit etlichen Schnallen versehen war. Sein hellblondes kurzes Haar wehte leicht im Wind. Der Mann war noch recht jung und seine Statur ließ ihn wenig bedrohlich erscheinen. Dennoch, etwas an ihm war sehr respekteinflößend, oder zumindest rief es Verwunderung beim Gegenüber hervor.
Das war den Orks jedoch einerlei. Sie sahen ihn und machten sich bereit ihn in seine Bestandteile zu zerlegen.
Ein oranges Leuchten und schon lag jemand in seinem eigenen Blut in der Abendsonne der Steppe. Doch es war nicht der Wanderer. Die Orks merkten gar nicht wie ihnen geschah und schon gingen vier weitere Scheusale aufgeschlizt zu Boden!
Nachdem die Verwunderung überwunden war, hieben und stachen die anderen Orks wie wild um sich.
Der Kampf war so schnell vorbei wie er begonnen hatte. Er endete allerdings anders als die Orks sich das erhofft hatten, denn von ihnen war kein einziger mehr am Leben!
Der Mann mit dem braunen Ledermantel wischte sein Schwert an der Kleidung eines toten Scheusals ab und die orange Klinge mit den scharfen Zacken auf der Oberkante glänzte majestätisch in den letzten Sonnenstrahlen des Tages.
Dann brach auch schon die Nacht herein und die Steppe wurde wieder zu jenem ruhigen und friedvollen Ort, welcher sie noch zuvor war. Nichts erinnerte an das was geschehen war, bis auf die fünfzehn brutal abgeschlachteten Orks an denen sich schon bald die Geier gütlich tun würden.
Der Mann mit dem Ledermantel hingegen ging unbeirrt weiter.
Die Sonne brannte ihm ins Gesicht und sein Körper fühlte sich ausgedörrt und leer an.
Seine Augen brannten und er hatte das Gefühl, als wären alle Knochen in seinem Leib gebrochen. Er konnte weder nicht einschäten wie lange er hier schon lag, noch ob er noch lebte oder schon tot war.
Als Garvis die Augen aufschlug fand er sich inmitten der Steppe wieder. Er brauchte einige Zeit, um sich zu erinnern was passiert war. Nach seinem Kampf mit dem Wächter konnte er sich an nichts erinnern. Da fiel ihm ein, was das Ungeheuer über das Gift sagte und fasste sich sofort an seine Schulter. Dort war ein frischer Verband angebracht worden.
Erst jetzt sah sich Garvis um und entdeckte nicht weit von sich entfernt einen Mann im Gras siten, der ein seltsames oranges Schwert in seinen Händen hielt.
Der Mann saß sehr aufrecht und konzentriert da, so als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Sein brauner Ledermantel war mit etlichen Schnallen versehen, er trug eisenbeschlagene Stiefel und hatte gut ein halbes Dutzend Ringe in seinem linken Ohr.
Als er merkte, dass Garvis wach war, erhob er sich langsam aus seiner Sitzposition und kam zum ihm herüber. Der Mann wirkte wenig bedrohlich. Es umgab ihn aber eine eigenwillige Präsenz von Ehrfurcht und Respekt. Er war noch recht jung und doch zeigten seine Gesichtszüge, dass er wohl schon so manchen Schicksalsschlag in seinem Leben hinnehmen musste.
»Ah, bist du endlich doch noch aufgewacht!« Der Mann lachte, fuhr sich durchs Haar und kniete vor Garvis' Lager nieder. »Ich dachte schon du würdest nie mehr aufwachen. Als ich dich gefunden habe hielt ich dich erst schon für tot«
»Wo bin ich?«, wollte Garvis wissen, noch immer am Ende seiner Kräfte.
»Du bist inmitten der Steppe, südöstlich des Helion. Ich fand dich an dessen Fuße. Was ist dir denn dort nur widerfahren?«
»Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mit Sicherheit. Alles woran ich mich erinnern kann ist, dass ich durch die Barriere gesogen und von einem riesigen Ungeheuer angegriffen wurde. Danach kann ich mich an nichts erinnern.«
»Was? Du hast die Barriere durchbrochen? Das ist unmöglich! Nur Magier können sie passieren, jeden anderen würde sie einfach in seine Bestandteile auflösen.«
»Dann hatte ich wohl besonderes Glück.« Garvis scherzte mit Galgenhumor.
»Das kann man wohl sagen«, entgegnete der Mann. »Aber reden wir später. Erst einmal musst du wieder zu Kräften kommen!«
Ohne eine Antwort abzuwarten wandte er sich ab und widmete sich wieder seinem Schwert.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, da war sich Garvis sicher. Hatte er nicht ein loderndes Feuer im Auge des Mannes gesehen? Dessen war er sich nicht ganz sicher. Sein Geist war noch stark vernebelt. Immerhin taten ihm sämtliche Knochen im Leib weh und sein Kopf fühlte sich an, als würden ein Dutzend Zwerge wie wild auf ihre Ambosse einschlagen.
Als Garvis wieder erwachte war es bereits Abend. Mühsam versuchte er sich aufzurichten.
Der Mann mit dem Schwert saß immer noch an der gleichen Stelle. Er hatte ein Feuer entfacht und es roch nach gebratenem Fleisch.
»Wie geht es dir?«, fragte er vom Feuer aus.
»Schon etwas besser«, entgegnete Garvis. »Aber es wird wohl noch eine Weile dauern bis ich mich wieder anständig bewegen kann. Zumindest schmerzt meine Schulter nicht mehr so sehr.«
»Deine Schulter... hmm, allerdings. Es gibt mir ein wenig zu denken. Die Wunde sah aus, als wärst du vergiftet worden.«
»Das sagte auch das Monster, welches mich angriff. Es nannte sich selbst Wächter des Helions«.
»Dann hast du wohl größere Schwierigkeiten als ich dachte«, sagte der Mann und wandte sich um. Er ging auf Garvis zu und diesmal war sein brennendes Auge eindeutig zu erkennen. Garvis war sich nun sicher, dass es keine Einbildung war, verhielt sich aber ruhig. Der Fremde machte nicht den Eindruck als würde er ihm etwas antun wollen und selbst wenn, er hätte schon lange die Möglichkeit gehabt ihn umzubringen. Das beruhigte Garvis ein wenig.
Das Auge des Mannes unterschied sich kaum von jedem anderen. Der Unterschied lag darin, dass es schien, als würde statt seiner Iris ein brodelndes Feuer darin wohnen. Sein anderes Auge war mit seiner braunen Farbe dagegen so gewöhnlich wie jedes andere auch.
Garvis fragte sich zunehmend, was es mit dem Fremden auf sich hatte und bemerkte dabei nicht, wie er ihn anstarrte.
»Du fragst dich sicherlich weshalb ich das brennende Auge in mir trage?«, sagte der Mann plötzlich völlig unerwartet.
»Ich werde es dir erklären, aber zunächst müssen wir uns um deine Wunde kümmern. Wenn das Gift tatsächlich von diesem Wächter stammt, dann haben wir keine Zeit zu verlieren.«
»Wie schlimm ist das Gift?« Garvis war nun doch etwas mehr besorgt. So wie der Fremde sprach, schien er mehr darüber zu wissen als er durchscheinen ließ.
»Das Gift hätte dich normalerweise schon längst töten müssen. Es ist schon fast ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst. Nun müssen wir schnell handeln, wenn du noch länger auf dieser Welt weilen willst! Das Gift des Wächters ist nicht natürlichen Ursprungs. Es ist, wie der Wächter selbst, durch Magie entstanden. Deshalb können normale Heilkräuter, wie ich sie bei mir habe, das Gift nicht aufhalten. Nur ein Magier mit viel Erfahrung kann dich noch retten. Das heißt, wenn du Glück hast und das Gift noch nicht deinen ganzen Körper durchtränkt hat!«
»Das ist ja nicht gerade ermutigend!« Garvis empfand es schon fast als Ironie, wie er von einer Misere in die andere geriet.
»Wo sollen wir denn mitten in der Steppe einen Magier finden?«, fragte er deshalb etwas entmutigt.
»Etwas weiter im Südosten lebt Meister Torgadol, der Herr der Winde. Er ist ein sehr weiser und erfahrener Mann, der großes Ansehen genießt. Ich wäre bereits dorthin aufgebrochen, doch ohne Pferde müssen wir es zu Fuß bis zur nächsten Ansiedlung schaffen.«
»Woher weißt du all diese Dinge? Wer bist du?« Garvis wunderte sich über das viele Wissen welches der noch recht junge Mann mit dem brennenden Auge hatte. Alles an ihm schien irgendwie sonderbar und auch ein wenig trügerisch. Garvis war sich sicher, wer diesen Menschen unterschätzte würde eine böse Überraschung erleben.
»Mein Name ist Norgal Vard. Ich gehöre in gewisser Weise zu den Ignis Vylátu und mein Wissen über den Wächter habe ich aus diesem Almanach.« Er zeigte auf ein Buch, welches auf dem Rucksack mit seiner Ausrüstung lag. »Für mehr Erklärungen haben wir keine Zeit, wenn wir wollen, dass du überlebst. Wenn du stark genug bist aufzustehen, sollten wir sofort aufbrechen.«
»Ich heiße Garvis«, erwiderte er und stemmte sich mühsam hoch, doch er war hart im Nehmen und schon bald einigermaßen sicher auf den Beinen.
Sie rafften ihre Sachen zusammen und machten sich auf den Weg nach Südosten.
In der Hoffnung Pferde aufzutreiben, gingen sie zunächst Richtung der kleinen Steppenstadt Laza. Sie war der wichtigste Umschlagplatz der Steppe und Anlaufstelle für jeden Reisenden, der die Ost- oder Westseite Paradóns erreichen wollte.
Nach einem kräftezehrenden Marsch lag die Ansiedlung bald nur noch wenige Meilen vor ihnen und vielleicht würden sie diese noch vor der Morgendämmerung erreichen.
Die Steppe war zum Glück ein Ort, in welchem man sich gut aufhalten konnte, ohne all zu großen Temperaturschwankungen unterworfen zu sein. So schafften Garvis und Norgal es, so gut es mit Garvis' Verletgungen ging, relativ zügig voran zu kommen. Auch wenn sich seine Knochen anfühlten, als seien sie gebrochen, waren es zum Glück nur einige stärkere Prellungen.
So erreichten sie Laza tatsächlich noch vor der Morgendämmerung. Niemand war auf den Straßen zu sehen und der Ort lag friedlich, in Erwartung des anbrechenden Tages, vor ihnen. Anders als die großen Städte des Reiches, umgab Laza keine Mauer. Der Ort war frei von allen Seiten zugänglich.
Garvis' Zustand war wieder schlechter geworden. Das Gift verbreitete sich durch die ständige Bewegung zunehmend schneller.
Norgal machte sich sofort daran ein Wirtshaus der Stadt aufzusuchen. Garvis ruhte sich unterdessen auf einer Bank am Wegesrand aus. Die beiden benötigten um jeden Preis Pferde, wenn der Verwundete den nächsten Tag noch erleben wollte.
Nichts rührte sich in der Ortschaft, nur vereinzelt hörte man einen Hund bellen.
Die Pension war nicht groß, doch es schien einen Stall zu geben. Norgal klopfte an die Tür des Gebäudes und nach kurzem Warten wurde sie von einem mürrischen Wirt geöffnet.
»Was wollt Ihr denn hier zu solchen Uhrzeiten?«, fragte der Mann sichtlich verärgert darüber, schon so früh aus dem Bett gerissen worden zu sein.
»Wir wollen Euch nicht lange aufhalten, geehrter Herr«, sagte Norgal betont höflich. »Wir benötigen nur zwei Pferde, dann brechen wir auch sofort wieder auf.«
»Ah, warum sagt Ihr das nicht gleich, werter Herr.« Ein listiges Funkeln flammte in den Augen des Wirtes auf. »Dann kommt mal mit, ich denke, ich habe da zwei erstklassige Gäule für Euch!«
Er streifte sich einen Mantel über sein Schlafgewand und kam aus dem Haus.
Als der Wirt das Tor zur Scheune öffnete und mit einer Lampe hineinleuchtete, sah Norgal zunächst nirgendwo Pferde.
Doch der Wirt ging ganz nach hinten und kam mit zwei prächtigen Tieren zurück.
»Ich denke diese beiden sind genau das Richtige für Euch, sofern Ihr sie euch leisten könnt!« Der Wirt grinste verschmitzt.
»Macht Euch darüber keine Sorgen, Herr Wirt. Ich werde den Preis schon zahlen.«
Norgal war sich sicher, der Mann würde eine horrende Summe verlangen, doch Garvis' Leben ging vor. Er sollte Recht behalten, der Mann verlangte mindestens das Doppelte, was die Tiere wert waren, doch Norgal zahlte ohne lange Verhandlungen. Die Zeit war zu knapp und sie mussten sich beeilen, um zum Herrn der Winde zu gelangen.
Nachdem die Pferde bezahlt waren, ging Norgal zu Garvis zurück. Dieser war auf der Bank eingeschlafen und reagierte fast nicht auf Norgals Versuche ihn ins Hier und Jetzt zu holen.
Erst eine Ladung Wasser aus der Wasserflasche brachte ihn wieder vollends zu sich.
Sie setzen auf und ließen Laza wieder hinter sich.
Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs als Norgal sagte: »Wir werden seit geraumer Zeit verfolgt!«
Das fuhr Garvis durch Mark und Bein. Trotz seines Fiebers verstand er die Worte klar und deutlich. Die Verfolger, vor denen er nach Mauradin geflüchtet war, hatte er schon fast vergessen.
»Wo sind sie?«, fragte er schwach. Das Gift ergriff immer mehr Besitz von seinem Körper. Die Farben der Umgebung verschwammen und er sah überall bunte Punkte.
»Sie sind noch weit außer Sicht, kommen aber rascher voran als wir.«
»Wie kannst du dann wissen, dass wir verfolgt werden?«
Norgal zeigte auf sein brennendes Auge. »Das Feuer in meinem Auge verleiht mir die Kraft zur Fernsicht. Ich habe sie schon länger bemerkt, allerdings sind sie noch zu weit entfernt, um genauere Details zu erkennen.«
Es müssen die gleichen sein, die mich seit Raskatan verfolgen, dachte sich Garvis, beschloss allerdings zu schweigen, um unnötige Unruhe zu vermeiden.
»Wenn wir das Tempo etwas anziehen, sollten wir es schaffen rechtzeitig beim Herrn der Winde zu sein, bevor sie uns zu nahe kommen. Meinst du, du schaffst es schneller zu reiten?«
»Habe ich denn eine Wahl?«
Garvis grinste verwegen und setze dem Pferd die Sporen. Mühsam hielt er sich im Sattel, während ihm der Schweiß in Strömen den Körper hinab rann.
Nachdem sie fast den ganzen Tag über ohne Rast geritten waren, sahen sie in naher Ferne die nordwestlichen Hügelketten des Sturmgebirges. Der Herrschaftssitz des Herrn der Winde war nun nicht mehr all zu weit entfernt. Von den Verfolgern fehlte noch immer jede Spur.
Auch als die beiden die Steppe hinter sich ließen und die ersten Ausläufer des Gebirges passierten, änderte sich daran nichts.
Garvis war mittlerweile am Ende seiner Kräfte. Er hing mehr im Sattel als dass er saß.
»Wo ist nun dieser Torgadol?«, fragte er Norgal mit zitternder Stimme. Es war ein Wunder, dass er nicht vom Pferd fiel.
»Es ist nicht mehr weit. Wir müssen nur noch diesen Berg hoch. Dort oben kannst du schon seine Feste ausmachen.« Norgal zeigte am Hang hinauf zu einer kleinen Burg mit einem großen Turm in der Mitte.
Garvis hob mühsam den Kopf: »Da soll ich hoch? Das ist unmöglich, ich kann mich ja jetzt schon kaum noch im Sattel halten.«
»Du musst es versuchen. Es sieht weiter aus als es ist.«
Da kippte Garvis zur Seite und schlug hart auf dem felsigen Untergrund auf.
Sofort sprang Norgal vom Pferd und eilte zu ihm. Garvis hatte das Bewusstsein verloren und eine leichte Wunde am Kopf davongetragen.
Ohne zu zögern machte Norgal sich daran, den Bewusstlosen auf sein Pferd zu binden. Er wusste, dass nun jede Sekunde zählte. Schnell nahm er die Zügel von Garvis' Pferd und bestieg sein eigenes. Ein letztes Mal spornte er die Tiere an und preschte den Berg hinauf.
Je näher sie der Feste kamen, desto stärker wurde der Wind. Orkanartige Böen fegten stellenweise über sie hinweg und Norgal hatte alle Mühe die Tiere weiter anzutreiben.
Vor der Burg des Magiers angekommen rief er mit voller Kraft: »Meister Torgadol! Meister Torgadol, seid Ihr da?« Doch es kam keine Antwort.
»Herr der Winde, ich flehe Euch an. Bitte gebt Euch zu erkennen, wir brauchen Eure Hilfe!«
