Arabesken und Türkise - Ines Balcik - E-Book

Arabesken und Türkise E-Book

Ines Balcik

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Was verbindet Spinat, Tulpe und Algorithmus? Dieses Buch führt Sie auf eine unterhaltsame Spurensuche: Wie kamen arabische Wörter und türkische Kultur nach Europa? Wie prägten Begegnungen mit fernen Welten unsere Sprache, die Wissenschaften - und unseren Speisezettel? Von Goethes „West-östlichem Divan“ bis zu Nasreddin Hodschas Schelmengeschichten, von Türkisen über arabische Sterne zu kunstvollen Arabesken – hier begegnen sich Grammatik, Geschichte und Anekdoten. Entdecken Sie, wie es zu „Kruzitürken“ und „Türkenbund“ kam und ob unter Goethes Vorfahren ein Türke ist. Im letzten Kapitel wartet ein überraschender Sprachschatz – mit einem Wort, das seine wahre Herkunft erst auf den zweiten Blick preisgibt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Table of Contents

Arabesken und Türkise

Geschichten um Wörter und Sprache

Ines Balcik

Liebe Leserinnen und Leser,

Hinweise zur Umschrift

Wörter und ihre Wurzeln

Das A und O

Ameisenschrift

Arabesken

Das Gerüst der Sprache

B wie Buchstabe

G wie Grammatik

A wie Angora

R wie Redewendung

Wege zum Wissen

Wissen schaffen

In den Sternen lesen

Fein abschmecken

Gewürze aus Arabien

Früchte genießen

Artischocken

Auberginen

Datteln

Pistazien

Spinat

Zwetschen

Feigen ernten

Nasreddin Hodscha und die Feigen

Alla turca

Begegnungen und Beziehungen

Türkische Türkise

„Turkisierte“ Wörter

Kümmeltürke

Türkenbund

Kruzitürken

Hurra und Heckmeck

Türkenblut

Türkische Bands

Alles getürkt?

Alles germanisiert!

„Hattu Türkenkalender?“

Preußische Jungs

„Beutetürken“ und „Türkenbeute“

Goethe und der Beutetürke

Gretchenfrage

Literatur der Sehnsucht

Die Poesie der Liebe

Goethe und Scheherazade

Berühmte Liebespaare

Jusuf und Suleika

Laila und Madschnun

Mehr Licht!

Kunstvoll und schön

Kunsthandwerk

Eine Maske tragen

Tauschieren

Feine Stoffe aus fernen Ländern

Schal und Mütze

Damast, Baldachin, Musselin, Kattun

Königliches Spiel

Die Schönheit der Tiere

Stolzer Pfau

Ganz schön viele Kamele

Giraffen, Gazellen und andere Tiere

Die Sprache der Blumen

Tulpen aus Istanbul

Rosen für Europa

Magazin und Migration

Eine Schatzkiste

Haymatloz

Adobes

Sprache lebt

Verweise

Links

Bücher

Impressum

Landmarks

Cover

Arabesken und Türkise

Geschichten um Wörter und Sprache

von

Ines Balcik

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Buch öffnet einer über 25 Jahre hindurch gewachsenen Wortschatz-Sammlung eine bleibende Heimat. Den Herkunftsort gibt es in seiner alten Form nicht mehr: das Onlineportal kandil.de. Als interkulturelles Familienmagazin hat die Website ein Stück deutsche Integrationsgeschichte zu Beginn des 21. Jahrhunderts mitgeprägt.

Eine Rubrik bleibt mir als Sprachwissenschaftlerin besonders nah: die Wortschätze. In diesem Buch stelle ich einige Wörter und Begriffe vor, die über die reine Wortbedeutung hinaus zu interkulturellen Boten und Vermittlern zwischen Sprachen und Kulturen wurden. Dass der Fokus auf der arabischen und türkischen Welt und ihrem Austausch mit Europa und der deutschen Sprache liegt, hat persönliche Gründe: Damit kenne ich mich am besten aus, denn ich bin Arabistin, Lektorin, lebe in einer deutsch-türkischen Familie und gucke gerne über den deutschen Tellerrand hinaus.

Für mich sind die Wortschätze das schönste Beispiel dafür, wie Sprachen - und in ihrem Gefolge Kulturen - sich gegenseitig beschenken. Zwei Kinderbücher, „Woher kommst du denn“ (2024) und „Wohin gehst du denn“ (2025), waren erste Versuche, meine Begeisterung für besondere Wörter mit jungen Menschen zu teilen. Nun sind die Erwachsenen an der Reihe.

Dieses Buch lädt Sie dazu ein, die Welt der Wörter mit neuen Augen zu sehen. Folgen Sie mir auf dem vergnüglichen Weg durch eine eigenwillige Wortgeschichte, die verschlungenen Arabesken folgt.

Hinweise zur Umschrift

Dieses Buch soll für alle ohne Vorkenntnisse verständlich sein, es ist keine systematische wissenschaftliche Abhandlung. Das gilt auch für die Umschrift der arabischen Schrift in diesem Buch: Sie orientiert sich an deutschen Lesegewohnheiten und greift nur im Ausnahmefall auf Sonderzeichen zurück.

Konkret sind dies:

° für den Kehllaut Ayn

ā, ī, ū für lang ausgesprochenes a, i, u

' für den „Knacklaut“ Hamza (Stimmabsatz vor einem Vokal)

Wer es genauer wissen will: Die DIN 31635 regelt die Umschrift des arabischen Alphabets für die Sprachen Arabisch, Osmanisch-Türkisch, Persisch, Kurdisch, Urdu und Paschtu. ( https://de.wikipedia.org/wiki/DIN_31635)

Wörter und ihre Wurzeln

Das A und O

Sind Sie schon mal über den Begriff „Wurzeldeutsche“ in der öffentlichen Debatte gestolpert? Wurzeln können einen ganz schön aus dem Tritt bringen. Als Maßstab dafür, ob ein Mensch „echt deutsch“ ist, sollten sie nicht herhalten müssen.

Dennoch kommen wir an Wurzeln nicht vorbei. Um Sprachwurzeln geht es in diesem Buch, und deshalb beginnen wir mit dem A und O der Sprache – also mit einer Redensart in bester europäischer Tradition. Zur Erinnerung: Alpha war der erste Buchstabe im altgriechischen Alphabet, Omega der letzte, in der Redensart sind sie verkürzt auf ihre Anfangsbuchstaben.

Alpha und Omega gehen wiederum auf die ersten und letzten Buchstaben der noch älteren phönizischen Schrift zurück. Die Symbolik der beiden Buchstaben als Anfang und Ende lebt bis heute in unserem Denken und Sprechen weiter: Wenn wir etwas als „A und O“ bezeichnen, meinen wir damit das Wesentliche schlechthin. Die zwei Buchstaben der Redewendung stehen symbolisch für das ganze Alphabet und darüber hinaus für unser gesamtes Wissen.

Das führt uns zurück zu den Wurzeln, denn sie sind - ob menschlich oder sprachlich - genau das: das Alpha und Omega unserer Identität und unseres Austauschs mit anderen Menschen. Menschliche Wurzeln wie Herkunft, Familie und Gesellschaft definieren, woher wir kommen und wohin wir gehen. Sprachliche Wurzeln tragen eine Kernbedeutung, aus der unsere gesamte Kommunikation erwächst.

In der arabischen Sprache wird dieses Prinzip besonders deutlich sichtbar: Sie basiert auf einem System von meist drei konsonantischen Wurzelbuchstaben. Ein Beispiel: Aus der Wurzel k-t-b für das Verb „schreiben“ entstehen weitere verwandte Wörter und damit ganze Wortfamilien, zum Beispiel kitāb (Buch), kātib (Schreiber), maktaba (Bibliothek) oder maktūb (Brief).

Wie wichtig diese Wurzeln in der arabischen Sprache sind, wird auch an der alphabetischen Anordnung der Wörter deutlich. Arabische Wörterbücher sind in der Regel nach Wurzeln geordnet. Das stellt Lernende der arabischen Sprache vor besondere Herausforderungen: Sie müssen sich nicht nur mit einer ungewohnten Schrift und einem anderen Alphabet abmühen, sondern brauchen auch Grundkenntnisse in einem anderen Grammatiksystem.

Verbindet man nun das Sprichwort um die griechischen Buchstaben mit dem Wurzelsystem der arabischen Sprache, so könnte man anfangen zu philosophieren. Die Wurzel wird zur Essenz, von der alles ausgeht und auf die alles zurückführt. Sie ist mehr als ein linguistisches Konzept, sie drückt ein Grundprinzip aus. Alpha und Omega stehen für Vollständigkeit, sprachliche und kulturelle Wurzeln bilden das Fundament menschlicher Gemeinschaft. Die arabische Sprache lehrt uns: wir die Wurzeln verstehen, erschließt sich ein weites Bedeutungsfeld.

Ameisenschrift

Das lateinische Alphabet besteht aus 26 Buchstaben, die chinesische Schrift umfasst tausende Zeichen. Wie wir schreiben, hängt davon ab, mit welcher Sprache wir in der Schulzeit aufgewachsen sind. Aber wie haben sich die Schriftsysteme entwickelt? Wie wir schreiben, ist das Ergebnis jahrhundertelanger Entscheidungen unserer Vorfahren, die sich fragten: Wie übersetzen wir Laute und Ideen in Symbole, die andere verstehen können? Die Antworten, die verschiedene Kulturen in aller Welt fanden, könnten unterschiedlicher nicht sein. Weil Sie gerade dieses Buch in deutscher Sprache lesen, gehe ich vereinfachend davon aus, dass lateinische Schrift das für Sie und mich gewohnte Schriftsystem ist.

Das arabische Alphabet hat 28 Buchstaben. Dass es sich für die türkische Sprache nicht besonders gut eignet, liegt nicht daran, dass die arabischen Buchstaben aus unserer Sicht verkehrt herum, also von rechts nach links geschrieben werden. Das Problem sind die vielen Vokale der türkischen Sprache. Einige kennen wir auch im Deutschen: Neben a, e, i, o, u gibt es im Türkischen ö, ü, i. Ein Beispiel: Görüyorum heißt „ich sehe“.

Äh, und wo bleibt ä? In „Bären“ und „Märchen“, aber nicht in türkischen Wörtern, da gibt es diesen Umlaut nicht. Dafür gibt es zusätzlich ı, eine türkische Besonderheit: Balık heißt „Fisch“, ausgesprochen wird ı fast wie kurzes e in „singen“. Erst 1928 lösten diese Buchstaben die arabische Schrift ab, mit der Türkisch bis dahin geschrieben wurde. Auch in diesem Fall gibt es zwei Seiten einer Medaille: Das Lesen türkischer Texte in arabischer Schrift gleicht manchmal einem Bilderrätsel, aber der von oben verordnete Wechsel zur Lateinschrift führte dazu, dass mit der Einführung des lateinischen Alphabets die türkischsprachige Bevölkerung von ihren schriftlichen Wurzeln über Nacht getrennt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Verglichen mit beiden Sprachen ist die arabische Schrift bescheiden: Sie kennt nur drei Vokale, und die kurzen Vokale werden gar nicht erst geschrieben, sondern durch Zusatzzeichen angedeutet. Ein Beispiel ist das arabische Wort für „Frieden“, das in lateinischer Schrift so umschrieben wird: salām. Der Strich auf dem zweiten a deutet an, dass dieser Vokal lang gesprochen wird. In der arabischen Schrift besteht das Wort nur aus den vier Buchstaben s (sīn), l (lām), a (alif) und m (mīm). Das erste, kurz gesprochene a fehlt im arabischen Schriftbild, kann aber durch ein sogenanntes Fatha angedeutet werden. Das ähnelt dem Akzentzeichen und sitzt auf dem Konsonanten, auf den der auszusprechende Vokal folgt.

Wer soll diese Ameisenschrift lesen? Es war in den 1980ern, als mensch noch viel per Hand schrieb. Mein Mann und ich kannten uns erst wenige Tage, als er schon über meine unleserliche Handschrift stöhnte. Recht hatte er. Das Schreiben mit einem Stift wird überall anders gelehrt, selbst wenn es um lateinische Schriftzeichen geht. Was Schreibende daraus machen, äußert sich in individuell geprägter Handschrift.

Die arabische Schrift ist eine Schreibschrift. Ihr Schriftbild wirkt anders als lateinische Blockschrift mit ihren einzelnen Zeichen (Schreibschrift mit lateinischen Buchstaben entwickelte sich erst im 16. Jahrhundert). Arabisch wirkt flüssiger, schmuckvoller, filigraner.

Wie sah das Schriftbild aus, als ich im Studium versuchte, arabisch schreiben zu lernen? Ungelenk und krakelig wirkten die Buchstaben, Ameisenschrift ähnelte das in den Augen derer, die mit der arabischen Schrift aufgewachsen sind.

An der arabischen Schrift versuchte sich auch der Übervater der deutschen Kultur und Literatur, kein Geringerer also als Johann Wolfgang von Goethe, an dem auch dieses Büchlein nicht vorbeikommt. Goethe sieht im Arabischen immerhin keine Ameisenschrift, sondern „Fliegenbeine, die gelesen werden“. Ihn begeistert die Schönheit des arabischen Schriftbilds: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert“, schrieb er in einem Brief. (Quelle für beide Zitate: https://blog-archiv.klassik-stiftung.de/goethes-arabische-schreibuebungen/)

Das alles kommt Ihnen inzwischen ziemlich spanisch vor? Ergänzend zu unserem Ausflug in die Geschichte von Wörtern und Schriftzeichen will ich Ihnen die Herkunft dieser Redewendung nicht vorenthalten. Laut Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_kommt_mir_spanisch_vor) war das so: Ein aus Spanien stammender Kaiser behielt die spanische Lebensart und vor allem die spanische Sprache auch am deutschsprachigen Hof bei. Sogar Mitteilungen und Bekanntmachungen wurden auf Spanisch verbreitet. Verstehen konnten diese Mitteilungen nur wenige, den meisten kam das alles, Sie ahnen es bereits, einfach nur spanisch vor.

Oder um es mit Ferdinand de Saussure zu sagen, dem Begründer der modernen Sprachwissenschaft: „Sprache ist arbiträr.“ Ein Satz, mit dem man seine Mitmenschen leicht beeindrucken kann, dessen Kern aber oft vergessen wird. Sprache ist in ihrem Kern willkürlich, besagt das Zitat. Irgendwann haben sich Gruppen von Menschen darauf geeinigt, ein Haus „Haus“ zu nennen oder eben maison oder ganz was anderes. Wie wir sprechen und wie wir schreiben, ist letztlich eine Sache der Übereinkunft.

Arabesken

Zurück zur arabischen Schrift, die so elegant geschwungen ist wie Arabesken. Dieser Begriff wird oft mit islamischer Kunst verbunden, dabei ist er eine europäische Neuschöpfung. Böse Zungen könnten behaupten, dass er nur ein netteres Wort für Ameisenschrift darstellt. Sehen wir es positiv: Die arabische Schrift wird im 18. Jahrhundert als so schön empfunden, dass das Wort Arabesken entsteht.

Eingewandert ins Deutsche ist es aus italienisch arabesco, wörtlich übersetzt bedeutet das „auf arabische Art“. Dahinter steckt die europäische Bewunderung für die kunstvolle Ornamentik, die sich in der islamischen Kunst und Kultur zeigt. Und tatsächlich ist eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der arabischen Schreibschrift und den arabesken Ornamenten nicht von der Hand zu weisen. Dann meist zeigen sich diese als sich regelmäßig wiederholende Rankenornamente mit Pflanzenmotiven oder geometrischen Mustern. Während die europäische Kunst versuchte, in der Kunst die Natur nachzubilden, wurzeln die Merkmale der Arabesken in Endlosigkeit und Abstraktion. Die miteinander verschlungen Ranken und Muster könnten unendlich weiterwachsen.

Arabeske Motive finden sich in kalligrafischer Schrift, in Holz- und Metallarbeiten, auf Wandmalereien und Fliesen. Da bildliche Darstellungen von Lebewesen nach islamischer Tradition nicht gerne gesehen waren, entwickelten sich Arabesken zu einer eigenen Bildsprache, die von Symmetrie einerseits und Unendlichkeit andererseits geprägt ist.

Bald beschränkte sich das Wort Arabeske nicht mehr auf Kunst und Architektur. Im 19. Jahrhundert komponierte Robert Schumann ganz im Geist der Romantik eine „Arabeske in C-Dur“. Von Claude Debussy gibt es gleich zwei impressionistische Klavierstücke, die er „Deux Arabesques“ nennt, denn er versteht ihren musikalischen Stil als „himmlische Verzierungskunst“.

Musikalische Arabesken finden sich auch in einer aktuellen Musikrichtung. „Arabesk“ mit seiner gefühlvollen und ein bisschen schwermütigen Mischung aus türkischer Volksmusik, arabischen Klängen und westlicher Volksmusik ist in der Türkei äußerst beliebt.

Nicht umsonst trägt auch dieses Buch „Arabesken“ im Titel. Wir folgen einer verschnörkelten Arabeske aus Wörtern, die nur scheinbar unverbunden sind. Letztlich verbinden sich viele einzelne Mosaiksteinchen zu einem sprachlichen und gedanklichen Ganzen.

Das Gerüst der Sprache

B wie Buchstabe

Schreiben, wie wir sprechen, das ist ein frommer Wunsch. Ein geschriebenes Zeichen entspricht einem Buchstabe für einen gesprochenen Laut, das wäre verständlich und einfach zu lernen. Schrift ist meistens komplizierter. Die deutsche Sprache hat viele Probleme mit der Laut-Buchstaben-Zuordnung, wie jeder weiß, der sich mit deutscher Rechtschreibung abmüht. Dabei ist es völlig egal, ob es um neue oder alte Rechtschreibung geht. Die Rechtschreibreform hat es trotz anfänglichen guten Willens nicht geschafft, mehr Klarheit zu schaffen.

Logisch ist es jedenfalls nicht, wenn drei Buchstaben nötig sind, um einen Zischlaut auszudrücken: Schule wird in Lautschrift, bei der jeder Laut einem Zeichen entspricht, mit nur vier Zeichen geschrieben.

Bei ch sind es nur zwei Buchstaben, dafür birgt diese Kombination andere Probleme. Jemand, der Deutsch als Zweitsprache lernt, muss erst mühsam verstehen und üben, dass die Aussprache variiert: Das ch in „Sprache“ wird anders gesprochen als das in „sprechen“.

Noch schlimmer ist nur die französische Rechtschreibung. Da gibt es viele Wörter, die wegen ihrer lateinischen Wortherkunft umständlich geschrieben werden, während die Aussprache wenig mit dem Schriftbild zu tun hat. Wie hätten Sie heureux geschrieben, wenn Sie das französische Wort für „glücklich“ nur gehört hätten?

Unter den europäischen Sprachen kommt die spanische Sprache einer logischen Laut-Buchstabenzuordnung am nächsten. Deutschen Muttersprachlern mag die Aussprache einzelner Buchstaben (j, x) merkwürdig vorkommen, aber sie ist eindeutig: Ein Buchstabe entspricht einem Laut.

Auch von einer anderen Sprache könnte sich die deutsche Sprache einiges abgucken: von der türkischen Sprache zum Beispiel. Wie Sie schon wissen, wurde Türkisch vor der Gründung der Republik mit arabischen Buchstaben geschrieben. Das bedeutete, ein vokalarmes Schriftsystem auf eine vokalreiche Sprache anzuwenden. Ein schwieriges Unterfangen. Der Vorteil dieses strikten Cuts vor gut hundert Jahren: Die Verantwortlichen konnten ein eigenes System der Laut-Buchstaben-Zuordnung festlegen, das eindeutig logischer ausfiel als die deutsche Rechtschreibung. Die wuchs in hunderten Jahren recht wild gewachsen, bis einheitliche Regeln eingeführt wurden.

In der Türkei setzte ende der 1920er-Jahre eine Kommission für die sogenannte Buchstabenrevolution ein. Neue Zeichen wurden nötig, um bestimmte Laute der türkischen Sprache mit jeweils einem lateinischen Buchstaben schreiben zu können. Genau genommen handelt es sich nicht um neue Buchstaben, denn vorhandene lateinische Buchstaben wurden mit einem sogenannten diakritischen Zeichen versehen. So wurde zum Beispiel das unlogische deutsche sch zur eindeutigen Laut-Buchstaben-Zuordnung mit Cedille: Türkisch ş wird in deutschen Wörtern sch geschrieben. Diakritische Zeichen kennen Sie auch aus anderen Sprachen, diese Häkchen und kleinen Bögen im Tschechischen zum Beispiel oder eben das Cedille in der französischen Sprache, in der es eine andere Aufgabe hat.

Wie sieht es bei Arabisch aus mit seinen ganz anderen Schriftzeichen? Den Zischlaut sch gibt es als eigenen Buchstaben, schīn heißt er und ähnelt im Aussehen dem sīn, dem Buchstaben für s. Deutsch ist verrufen für seine Rachenlaute, die arabische Sprache kennt sogar einige weitere. Sie erinnern sich an das Beispiel der unterschiedlichen Aussprache von ch in Sprache und sprechen? Die arabische Sprache hat eigene Buchstaben für die verschiedenen Laute.

Mein persönliches Fazit als Arabistin: Arabisch ist eine sehr schöne Sprache, das gilt sowohl für das Schriftbild als auch für den Klang.

G wie Grammatik

Unterschiede zwischen den Sprachen beschränken sich nicht auf die Schrift und das Alphabet. Arabisch, Deutsch, Türkisch und Persisch gehören unterschiedlichen Sprachfamilien an. Während sowohl Deutsch als auch Persisch zu den indoeuropäischen Sprachen zählen, gehört Arabisch zum semitischen Bereich der afroasiatischen Sprachen, während Türkisch Teil der Turksprachen ist. Diese Einteilung beruht auf der Herkunft einer Sprache und sagt wenig über das verwendete Schriftsystem aus. Persisch wird weiterhin mit arabischen Buchstaben geschrieben, den Übergang von der arabischen Schrift im Osmanischen Reich zum lateinischen Alphabet in der Türkei haben wir oben bereits angesprochen. Werfen wir einen Blick auf das Grundgerüst der Sprachen und die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie Buchstaben zu Wörtern und Sätzen zusammenfügen.

Den Aufbau der deutschen Grammatik lernen wir gewissermaßen nach lateinischem Muster: Da gibt es Wortarten, Wortbildung, Konjugation, Deklination, Syntax usw.

Den Aufbau der arabischen Grammatik lernen wir nach einem anderen Ansatz: Da geht es vor allem um Wurzelbuchstaben, Verbstämme und Muster der Wortbildung.

Türkisch zu lernen, ist wieder eine ganz andere Sache. Das besondere Merkmal für Lernende sind die Suffixe, die Wortendungen. Der große Vorteil der türkischen Grammatik: Sie ist unglaublich logisch, es gibt fast keine Ausnahmen. Davon kann die deutsche Sprache nur träumen!

Das klassische Standardwerk zur arabischen Grammatik aus europäischer Sicht verfasste der deutsche Orientalist Carl Brockelmann. Es erschien zuerst im Jahr 1904 und erfuhr zahlreiche Neuauflagen.

Bevor wir uns näher mit der arabischen Grammatik beschäftigen, möchte ich von Ihnen wissen: Wie haben Sie Grammatik gelernt? In der Regel saugen wir unsere Muttersprache symbolisch mit der Muttermilch auf. Das heißt, wir fangen im Kleinkindalter an zu sprechen, ohne uns über ein abstraktes Grammatiksystem Gedanken zu machen. Im Deutschunterricht der Grundschule lernen Kinder theoretisch einige Grundkonzepte der Grammatik kennen. Aber ich fürchte, vielen bleiben schon grundlegende Begriffe wie der Unterschied zwischen Wortarten und Satzteilen ebenso ein Buch mit sieben Siegeln wie die Feinheiten der Konjugation und Deklination. Ganz abgesehen von der Kenntnis einschlägiger Grammatikbegriffe, die aus einer anderen Zeit stammen.

Ich selbst habe die Grammatik meiner Muttersprache Deutsch erst mit dem Lateinunterricht einigermaßen verstanden. Erst im Umgang mit einer toten Sprache also, die sich nicht intuitiv erschließt, weil man sie nicht im Alltag hört. „Unsere“ Grammatik ist lateinisch geprägt, unser sprachliches Weltbild ist eurozentrisch ausgerichtet.

Spannend wird es nun, sich vor diesem Hintergrund mit der arabischen Sprache und Schrift zu beschäftigen. Mit einer semitischen Sprache, die anderen Kriterien der Wortbildung folgt und ein Schriftsystem verwendet, das auch auf Buchstaben beruht, aber gegenüber dem Vertrauten viel Ungewohntes bietet.

Wie lässt sich die arabische Grammatik kurz und knapp erklären? Das Grundprinzip der drei meist konsonantischen Wurzelbuchstaben haben wir bereits im vorigen Kapitel (B wie Buchstabe) angesprochen. Sie erinnern sich: Drei Buchstaben tragen eine grundlegende Bedeutung. Aus dieser einen Wurzel lassen sich durch festgelegte Muster (arab. awzān

---ENDE DER LESEPROBE---