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Was würdest du tun, wenn der größte Held deines Volkes in dir weiterleben soll? Dem Glauben der Zentauren nach, werden ihre Seelen nach dem Tod wiedergeboren. Doch die junge Zentaurin Aralona wehrt sich gegen das Vermächtnis des großen Helden Aralon, das ihr nachgesagt wird. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als ihre eigenen Abenteuer zu erleben und dabei herauszufinden, wer sie wirklich ist. Als Nomaden von einem Tierschwinden berichten, das das Überleben in der Wüste und Steppe bedroht, bekommt sie ihre Chance, sich zu beweisen. Begleite Aralona und ihren vorwitzigen Freund Kriktex auf eine Reise durch Divoisia. Dabei wirst du nicht nur neue Freunde gewinnen, sondern dir auch Feinde machen – und schließlich vor einem Geheimnis stehen, das kein Zentaur zuvor zu lüften vermocht hat. Das Buch wird von einer kostenlosen App begleitet, mit der ihr die Möglichkeit habt, QR-Codes einzuscannen. Mit diesen könnt ihr zusätzliche Inhalte freischalten, die für das Verständnis der Geschichten nicht notwendig sind, aber euch weitere Einblicke in die Welt Divoisia gewähren. Über zehn Jahre Weltenbau! So lange bastelt die bunt gemischte Truppe hinter Divoisia schon an ihrer Fantasywelt und veröffentlicht jetzt den ersten Roman dazu - geschrieben von Jessica Arndt!
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Aralona! Du bist nach einem der größten Jäger unseres Volkes benannt. Entscheide endlich, was deine Zukunft bringen soll! Das bist du seinem Vermächtnis schuldig.« Kallista verschränkte die Arme vor der Brust.
Aralona verdrehte die Augen und legte die Knochennadel, mit der sie ihre Rückenfelle flickte, beiseite. Nicht schon wieder diese Diskussion. Seit dem letzten Mondwinter lag sie ihr damit in den Ohren. »Musst du schon wieder mit diesem Thema anfangen?«
»Bei Kiresus, ich mache mir doch nur Sorgen um dich!«
Aralona seufzte. »Ich weiß. Aber das musst du wirklich nicht.«
»Du bist nun in einem Alter, in dem andere Fohlen schon längst einem Meister folgen«, beharrte Kallista.
»Na und? Was ist so falsch daran, dass ich mir noch nicht sicher bin?« Sie stapfte in der Hütte auf und ab. Ihre Hufe hinterließen keine Spuren auf dem festgetretenen Boden.
»Die Meister würden sich darum reißen, Aralons Wiedergeburt aufzunehmen. Du wurdest geboren, als er gestorben ist, dir wohnt seine Seele inne. Dieser Seele bist du es schuldig, den richtigen Weg zu wählen.« Ihre Mutter rammte den Vorderhuf geräuschvoll in die Erde und starrte sie durchdringend an.
»Ich stehe in niemandes Schuld. Wie viele haben in derselben Nacht neben dir gelegen, ein Fohlen geboren und dieses Aralon oder Aralona genannt? Ich lasse mir nichts vorschreiben, nur weil in mir vielleicht eine legendäre Seele schlummert.« Mit diesen Worten drehte sich Aralona um und trabte aus der Hütte.
»Aralona, nicht!«, rief ihre Mutter ihr hinterher, doch es war zu spät.
Eine sanfte Brise strich ihr durch die langen, dunklen Haare. Die Sonne neigte sich dem Horizont hinter der Steppe entgegen. Der Abend rückte heran, dann würde der Himmel wie ein Feuer leuchten und die Schatten der hohen Palisadenwände um das Dorf immer länger werden. Sie roch das trockene Gras und die kühler werdende Luft, die durch die Gassen der Holzhütten wehte.
Aralona atmete einmal tief durch. Insgeheim war ihr bewusst, dass es ihre Mutter nur gut mit ihr meinte. Alle gleichaltrigen Oritenen wussten bereits, welchen Meister sie wählen würden, doch sie hatte sich noch nicht entschieden. Trotzdem hatte sie nicht das Recht, Aralona zu irgendetwas zu zwingen. Ihre Mutter gab seit ihrer Geburt alles dafür, dass sie in die Hufstapfen des großen Aralon trat. Ihrer Meinung nach hatte sich der Geist des Zentauren, der einst ihr Dorf gerettet hatte, den Körper ihrer Tochter ausgesucht.
Sie wollte frei wählen und sich nicht in eine Richtung drängen lassen. Warum durfte sie nicht tun, wonach ihr gerade der Sinn stand? Wieso sich ein Leben lang auf eine Bestimmung festlegen?
»Na, hast du dich wieder einmal in deinen Gedanken verloren?«, holte eine Stimme sie zurück ins Hier und Jetzt. Ein Zentaur mit hellbraunem Fell näherte sich aus einer Nebengasse.
»Ideros!«, stieß Aralona überrascht aus, als sie ihren besten Freund erblickte. Sie hatte nicht erwartet, ihn noch so spät anzutreffen.
»Was ist es diesmal?«, fragte er und blieb stehen.
»Meine Mutter mal wieder. Ich habe mich noch nicht entschieden«, antwortete sie und folgte ihm, als er sich in Bewegung setzte.
Ideros hob die Augenbrauen. »Immer noch nicht? Es wird langsam Zeit. Ich gehöre erst seit wenigen Tagen zu den Erwachsenen, aber bei dir ist nun schon fast ein gesamtes Jahr vergangen.«
»Ich weiß«, stöhnte sie. »Aber du kennst meine Mutter. Wie ich mich auch entscheiden werde, ich enttäusche sie sowieso. Ich bin nicht der große Aralon, und eigentlich habe ich auch keine große Lust, wie er zu sein.«
»Du musst ja gar nicht sein wie er. Du kannst sein, wer du willst«, versuchte Ideros, sie aufzumuntern und kniff ihr in die Schulter.
»Du hast ja recht. Aber erzähl das mal meiner Mutter.« Aralona verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Woher weißt du eigentlich jetzt schon so genau, dass die Nomaden das Richtige für dich sind?«
Ideros zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mein Vater vermutlich einer von ihnen gewesen ist.« Er deutete zu dem Höcker auf seinem Rücken. Nur die Kinder der Hasaren, deren Unterkörper Kamelen ähnelten, hatten solche. »Daher denke ich, dass ich die langen Reisen durch die Wüste auch gut aushalte. Mir gefallen die Geschichten, die man über die Nomaden erzählt, und heute kann ich sie zum ersten Mal von ihnen selbst hören.« Ideros lief mit federnden Schritten voran und klatschte einmal in die Hände.
»Wie?«, fragte Aralona verwirrt. »So früh wurden die Nomaden noch nicht zurückerwartet.«
»Richtung Norden ist eine Gruppe am Horizont gesichtet worden. Sie müsste bald eintreffen. Und da wir nun alt genug sind, dürfen wir an der Zusammenkunft teilnehmen und uns ihre Geschichten anhören. Vielleicht nehmen sie mich ja schon auf ihre nächste Reise mit! Wäre das nicht auch etwas für dich? Vielleicht kannst du bei ihnen dann doch noch Heilerin werden«, schlug er vor.
Bisher hatte sie nie erwogen, ein Leben als Nomadin zu führen. Es hatte nie infrage gestanden, dass sie in diesem Dorf bei ihrer Mutter blieb. »Ich glaube nicht. Zumindest hat mir Casantes während der magischen Übungsstunden immer wieder gesagt, dass zwar das magische Potential in mir schlummert, ich es aber zu nicht mehr als einem leichten Glühen bringe und er nicht versuchen würde, es zu entfachen.« Aralona zuckte mit den Schultern. »Seitdem ist mein Talent für die Ausbilder wohl irrelevant. Dass die Nomadenheiler mich ausbilden würden, wage ich zu bezweifeln.«
Darauf erwiderte Ideros nichts und sie legten den Rest des Weges zum Dorfzentrum schweigend zurück.
Schon aus der Ferne nahmen sie das Hufgetrappel und Stimmengewirr wahr. Als sie eintrafen, herrschte reges Treiben und der Duft der Speisen und des Traubensafts mischte sich mit der Abendluft. Zentauren transportierten Essen und Getränke und entfachten wärmende Feuer, während sich der Platz nach und nach mit Schaulustigen füllte. Die Heimkehr der Nomaden wurde vom ganzen Dorf gefeiert.
Einer der Jäger drückte den beiden Fohlen jeweils einen Becher mit Traubensaft in die Hand. »Willkommen bei den Großen«, grölte er euphorisch und zwinkerte Ideros zu.
Aralona schaute hinunter auf den Becher in ihren Händen. Bis es Zeit für sie geworden war, ihren Meister zu wählen, hatte sie den Festen der Erwachsenen nie beiwohnen dürfen. Und seitdem sie dazugehörte, hatte sie es nie gewollt. Vermutlich würde ihre Mutter ihr auch das am liebsten verbieten, dachte sie und nahm trotzig einen Schluck des Traubensaftes. Im ersten Moment schmeckte er ungewohnt, doch dann breitete sich der süße Geschmack in ihrem Mund aus und veranlasste sie dazu, gleich noch einen Schluck zu nehmen.
Nun, da Ideros auch hier sein durfte, traute sie sich zum ersten Mal auf eines der Feste. Bisher hatte sie sich neben den anderen erwachsenen Zentauren fehl am Platz gefühlt, und die Fohlen in ihrem Alter wollten sie nicht dabeihaben. Seitdem sie denken konnte, waren sie alle davon überzeugt, sie selbst würde sich für Aralon halten, und waren entweder neidisch oder machten sich darüber lustig. Es interessierte niemanden, dass sie selbst am meisten hoffte, ihr Name würde nur auf trügerischen Hoffnungen beruhen. Nur Ideros hatte nie ein Problem damit gehabt. Er war der Einzige, dem ihr Name egal war und der sich immer über die anderen lustig machte, weil sie keinen so bedeutungsvollen Namen hatten, sondern nur Lurtus oder Taninka hießen.
»Sie kommen«, rief ein Orite mit langen, spitzen Hörnern, der ins Dorf trabte und aufgeregt in die Luft sprang.
Mittlerweile war die Sonne untergegangen und der Dorfplatz, erhellt von vielen kleinen Lagerfeuern, voller Zentauren, die auf die Geschichten und das Beisammensein warteten. An der Nordseite rückten sie zusammen und bildeten ein Spalier, um die Nomaden in ihre Mitte zu geleiten. Ideros reckte seinen Hals, um die Neuankömmlinge zu erspähen.
Es schritten fünf Hasaren auf den Platz. Jeder von ihnen hatte Felle, Taschen und Beutel um die Höcker gebunden und über Brust und Schultern hingen Bögen. Sie trugen ihre Speere gesenkt. Auch wenn sich ihre Rippenbögen nach der langen Reise unter der Haut abzeichneten, strahlte die Gruppe Macht aus. Aralona musterte die fünf Zentauren voller Ehrfurcht. Sie hatten helles, dichtes Fell, das sie vor der Hitze der Wüste schützte. Ihre Köpfe waren kahlgeschoren und die Haut ihrer Oberkörper besaß einen sonnengebräunten Teint.
»Erhebt die Becher auf Achetrios und seine Männer und Frauen. Willkommen zurück in Parchos«, rief Protus, derselbe Jäger, der ihr und Ideros den Traubensaft in die Hand gedrückt hatte.
Überall um sie herum reckten die Anwesenden ihre Becher in die Höhe und jubelten laut. Sogleich fiel die Anspannung von den Heimgekehrten ab und sie bedienten sich ausgelassen an den Speisen und Getränken, die ihnen an den Lagerfeuern gereicht wurden.
»Und gerade als wir untersuchen wollten, warum die Tiere aus der Wüstenregion des Buchtrückens geflüchtet waren, stürzten sich drei Greife vom Himmel auf uns herab. Sie dachten wohl, wir wären in der offenen Wüste leichte Beute für sie. Aber unser Freund Myletrius hier«, Achetrios hielt kurz inne, um seinem Mitstreiter auf die Schulter zu klopfen, »schoss dem ersten Ungeheuer einen Pfeil direkt in die Brust. Er tötete ihn zwar nicht, dennoch floh er sofort.«
Die Zentauren, die sich um die Nomaden versammelt hatten, kommentierten die Erzählungen mit bewundernden Ausrufen. Sobald sie sich satt gegessen hatten, hatten sie begonnen, von den Abenteuern ihrer Reise zu erzählen. Aralona stand etwas abseits, nippte ab und zu am Traubensaft und lauschte gespannt den mitreißenden Geschichten. Ihre Mutter war ebenfalls eingetroffen und beobachtete sie über eines der Lagerfeuer hinweg. Aralona vermied es, in ihre Richtung zu sehen. Auch Ideros hing der Heldengruppe gebannt an den Lippen. Mittlerweile verstand sie, warum er sie so bewunderte.
Die Nomaden streiften frei durch die Wüste und halfen dabei nicht nur Tieren in Not. Sie unterstützten andere Völker, wie die Kobolde, falls sie diese auf ihren Reisen trafen, und verhandelten mit den Greifen. Nebenbei erlebten sie so viele Abenteuer, dass sie immer eine spannende Geschichte auf Lager hatten.
»Einer der anderen beiden erwischte Sophite mit seinem Schnabel an der Schulter, doch mutig, wie sie ist, riss sie ihren Speer nach oben und schlitzte ihm die Seite auf. Der dritte Greif stürzte wie ein Wirbelwind auf mich herab, sodass mir kaum Zeit blieb, mich zu wehren. Ich rammte ihm meinen Speer ins Auge.«
Einige der Zuhörer schrien angespannt auf, da Achetrios die Geschichte mit Kampfbewegungen und einem plötzlichen Aufwärtshaken seines Speeres untermalte. Aralona folgte fasziniert den Bewegungen und seinem Muskelspiel. Die Speerschwünge wirkten so geschmeidig und wohlplatziert, dass sie erahnen konnte, wie erfahren er im Umgang damit war.
»Doch er schaffte es noch, mir mit seinen Krallen den Rücken aufzureißen.« Er drehte sich so, dass alle Anwesenden die Wunden, deren Ränder bereits verheilten, sahen. »Aber was ich ihm angetan hatte, reichte, um ihn in die Flucht zu schlagen. Und feige, wie er war, folgte ihm der dritte Greif wie ein kleines Greifenbaby seiner Mutter.« Das Publikum jubelte und lachte. »Sophites Verletzung war so tief, dass wir beschlossen, unsere Rast früher einzulegen. Nun sind wir hier, um mit euch zu feiern!« Achetrios hob den Becher und prostete den Zuhörern zu.
Aralona bewunderte die verletzte Hasare. Ihr war nicht anzumerken, dass sie vor Kurzem eine schwerwiegende Verletzung erlitten hatte. Auf ihrer gesunden Schulter saß ein riesiger Adler, der aus klugen Augen das Geschehen um sich herum beobachtete. Ihr Seelentier. Nur wenige Zentauren war solch ein enges Band zu einem Tier vorbehalten.
»Was ist mit den verschwundenen Tieren?«, rief jemand aus der Menge. Aralona blickte zu Achetrios. Immerhin war es ihre Aufgabe gewesen, zu untersuchen, warum ihre Schützlinge aus der Wüste flüchteten.
»Das werden wir auf unserem nächsten Abenteuer herausfinden«, donnerte der Nomadenanführer. »Und nun lasst uns sehen, wer uns dabei begleiten wird. Welches Fohlen ist mutig genug, sich uns anzuschließen?« Er schaute auffordernd in die Runde.
Aralonas Herzen klopften, als wäre sie stundenlang durch die Steppen galoppiert. Sollte sie sich melden? War das Nomadenleben das Richtige für sie? Vielleicht sollte sie auf Ideros hören und es doch noch einmal als Heilerin versuchen. Sie erhaschte den warnenden Blick ihrer Mutter, die es gar nicht gutheißen würde, wenn sich ihre Tochter den wilden Nomaden anschloss. Obwohl sie für ihre Heldengeschichten gefeiert wurden, blieben sie in jedem Dorf, in dem sie rasteten, die Außenseiter. Trotzdem hatte Achetrios’ Geschichte sie beeindruckt. Sie könnte frei sein und den Tieren helfen.
»Ich«, rief Ideros neben ihr mit fester Stimme und trat vor. Er hatte die Brust herausgestreckt, um selbstbewusster zu wirken, doch Aralona kannte ihn besser. Sein Schweif zuckte nervös.
Achetrios musterte ihn abschätzend. »Ein kleiner Hasare? Sehr gut. Wie heißt du, mein Junge?«
»Ideros«, antwortete er und seine Schultern sackten in sich zusammen.
Der erfahrene Anführer hob seinen Becher. Gebannt erwartete jeder seine Antwort. »Auf Ideros, den Nomaden!«
Rufe und Jubelschreie hallten durch die Nacht. Myletrius und Sophite kamen auf ihn zu und schlossen ihn in ihre Arme. Aralona bemerkte, dass ihr Freund viel gelöster wirkte, als sie ihn in ihre Gemeinschaft aufnahmen. Sie freute sich für ihn. Sein Traum erfüllte sich, und sie fragte sich, ob es auch der ihre war. Sie könnte nicht nur wie die anderen Zentauren eine Pflicht erfüllen, als Jägerin, Pflegerin oder Sammlerin, sondern alles gleichzeitig erleben, während sie die Welt bereiste. Sie könnte frei sein.
Hatte sie ihre Chance vertan? Diese Nomaden bildeten nun Ideros aus. Aralona biss sich auf die Unterlippe. Würde eine nächste Gruppe früh genug herkommen und sie aufnehmen, ehe sie sich für eine andere Bestimmung entscheiden musste?
Nach vielen Geschichten über üppige Oasen in der Wüste und seltene Tiere im Norden löste sich das Fest allmählich auf. Die Stimmung war ruhiger geworden und einige hatten sich zur Paarung in kleinen Herden abgeschottet, wie es so häufig nach Festen geschah. Die Verbliebenen lauschten gemütlich vor den Lagerfeuern liegend den Spekulationen um die verschwundenen Tiere.
Aralona hatte jedes Wort aufgesogen und träumte bereits von Abenteuern in der Wüste, während der sie Wesen begegnete, die sie nie zuvor gesehen hatte, Konflikte löste und neue Kontakte knüpfte. Sie hatte beschlossen, den Anführer der Nomaden zu fragen, ob er sie auch mitnahm, wenn er mit seiner Gruppe weiterzog. Achetrios unterhielt sich außerhalb der Hörweite aller mit Casantes. Vermutlich fragte er ihn um Rat zu den Wunden, die sie davongetragen hatten.
Aralona nahm ihren gesamten Mut zusammen und stapfte entschlossen auf die beiden Männer zu. Sie räusperte sich. »Achetrios! Ich bitte euch darum, mich mitzunehmen und auszubilden!«
Casantes schnaufte erbost. »Du kannst uns doch nicht mitten im Gespräch …«
Achetrios unterbrach ihn mit einer Handbewegung und fügte hinzu: »Lass uns bitte kurz allein.«
»Wie du meinst«, brummte der Dorfheiler und gesellte sich an ein Lagerfeuer.
»Wie heißt du, meine Kleine?«, fragte der Nomade und musterte sie genauso abschätzend, wie er es vorhin bei Ideros getan hatte, von oben bis unten.
Aralona realisierte erst jetzt, da sie so nahe bei ihm stand, wie groß der Zentaur war. Neben ihm fühlte sie sich klein und schwächlich. »Aralona«, murmelte sie. Vielleicht war das doch keine so gute Idee gewesen.
Er nickte wissend. Jeder Zentaur wusste um die Geschichten ihres Namensgebers. Da noch kein Fohlen als Wiedergeburt Aralons bestätigt worden war, kannte sie seinen Blick nur allzu gut. Achetrios überlegte in diesem Moment, ob sie es wirklich sein könnte. »Warum möchtest du uns begleiten?«
Aralona scharrte mit dem Vorderhuf. »Ich möchte helfen. Nicht nur im Dorf oder im Wald. Ich kann nicht nur an einem Ort bleiben.«
Achetrios lachte laut auf und mit seiner tiefen Stimme klang es fast wie ein Bellen. »Viele Fohlen dürsten nach Abenteuern, und du willst nur hier weg? Sag mir, warum brennst du für das Nomadendasein? Was ist dein innigster Wunsch?«
Sie holte tief Luft. »Ich möchte frei sein, ohne irgendeine Vorbestimmung durch die Welt reisen und dabei erfahren, wer ich eigentlich bin und wohin mein Weg mich führen wird«, brach es aus ihr heraus. Ihr Atem ging schwer und sie blinzelte überrascht. So offen hatte sie noch nie mit jemandem über ihre Zukunft gesprochen.
Achetrios schaute sie nachdenklich an, bevor er seufzte. »Liebe Aralona, deinen Mut in allen Ehren, aber wir können dich nicht mitnehmen. Zwei Fohlen gleichzeitig, auf die wir während der Reise aufpassen müssen, ist einfach zu gefährlich.«
»Ich … ich könnte euch als Heilerin nützlich sein«, stammelte sie und ärgerte sich über ihren flehenden Unterton.
Casantes schnaubte irgendwo hinter ihr. Natürlich hörte er jedes Wort mit. Dass er ihr Vorhaben nicht guthieß, war kein Wunder, schließlich kränkte es ihn, dass er sie trotz ihres Potentials nie richtig ausgebildet hatte. In seinen Augen war die Magie an sie verschwendet und er nahm es persönlich. Magische Fähigkeiten waren unter den Zentauren nur selten stark ausgeprägt.
Achetrios’ Blick wanderte langsam von Casantes zu Aralona. »Auch das wäre für uns viel zu gefährlich. Hannara ist noch eine junge Heilerin. Eine brillante zwar, aber noch nicht bereit, jemanden auszubilden«, erklärte er.
»Ich verstehe«, murmelte Aralona und wandte sich ab. Sie hätte wissen müssen, dass er sie abweisen würde, nachdem Ideros schon mitdurfte. Warum hatte er das nicht gleich gesagt? Als Heilerin hätte sie vermutlich nur eine Chance gehabt, wenn Casantes ihr Rückenwind gegeben hätte. Aber so etwas würde er wohl erst dann in Erwägung ziehen, wenn die Tierwelt vor dem Aussterben stand.
»Warte«, scholl Achetrios’ Stimme durch die Nacht. Sie spürte seinen festen Griff an ihrer Schulter. »Sei nicht enttäuscht. Du wirst noch früh genug erfahren, wie du unserem Volk und Kiresus helfen kannst. Vielleicht sind die Nomaden nicht deine Bestimmung. Mit der Flinkheit und den spitzen Hörnern einer Oritene wirst du bei einem anderen Meister vielleicht noch viel besser aufgehoben sein. Der Wald im Süden benötigt bestimmt eifrige Helfer. Oder du bleibst hier in der Steppe und gibst acht auf verhungerte Wüstennomaden.« Er zwinkerte ihr zu.
Aralona nickte stumm. Natürlich, weil sie keinen Höcker auf dem Rücken trug, war sie nicht gut genug für die Abenteurer.
»Ich bin mir sicher, dass du deinem Namen in genau der richtigen Art und Weise alle Ehre machen wirst.«
Jeder dachte das Gleiche, sobald er ihren Namen hörte und Aralons Vermächtnis im Sinn hatte. Da bildete der große Achetrios mit seinen gefeierten Helden keine Ausnahme. »Das war ja klar«, schnaufte Aralona, riss sich von ihm los und ging wütend davon. Sie hätte wissen müssen, dass auch er so über sie urteilte. Sie würde allen zeigen, wie falsch sie lagen.
Noch bevor die nächtlichen Feierlichkeiten endeten, hatte Aralona alles Wichtige zusammengepackt. Das war ihre Chance, unentdeckt zu verschwinden. Sie verbarg sich am Rande des Dorfplatzes in den Schatten und befestigte einen Sack voll mit Beeren, Broten und getrocknetem Fleisch von Kojoten und Mäusen an den frisch geflickten Lederriemen der Felle, die auf ihrem Rücken lagen. Sie hatte das Essen vom Fest mitgenommen, als niemand hingesehen hatte. Der Bogen ihrer Mutter hing quer über ihrer Schulter und eine Handvoll Pfeile steckte in dem Köcher an ihrer Hüfte.
Aralona war nicht stolz darauf, aber als sie aus der Hütte ihrer Mutter geflohen war, hatte sie den Speer, der an die Nachbarhütte gelehnt war, kurzerhand mitgenommen. Wenn die Nomaden welche nutzten, würde sie vermutlich ebenfalls einen benötigen. Glücklicherweise musste sich Kallista noch auf dem Fest befinden und hatte sie nicht dabei erwischt.
Als sie an ihre Mutter dachte, bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Sie würde sicher verrückt vor Sorge sein, wenn sie bemerkte, dass ihre Tochter nicht mehr da war. Doch sie musste weg und zeigen, dass sie allein zurechtkam.
Normalerweise schützten bei Nacht Krieger an allen Toren das Dorf vor Gefahren, doch in dieser feierten sie noch immer mit den anderen. Lediglich eine Wache wanderte um die Palisade, um die Zentauren im Falle eines Angriffs zu warnen. Ein glücklicher Umstand, der es Aralona erleichterte, unbemerkt ihre Heimat Richtung Norden zu verlassen – und bei Kiresus, sie würde allen beweisen, dass sie stark genug war, allein in der Wüste zu überleben. Und dem Großmaul Achetrios würde sie zeigen, dass sie Taten vollbrachte, die selbst er nicht bewältigte – sie würde herausfinden, was mit den verschwundenen Tieren geschehen war. Im Galopp konnte sie sich schnell genug vom Dorf entfernen, um im Schutz der Dunkelheit nicht mehr auszumachen zu sein. Wenn am Morgen die Sonne aufging, wäre sie nicht mehr am Horizont zu entdecken.
Um in die Wüste zu gelangen, musste sie die Steppe durchqueren. In ihrem Unterricht hatte sie das Dorf nur selten in diese Richtung verlassen, um Tiere zu beobachten. Und war erst recht nicht bis in die Wüste gelangt.
»Na, dann zeig mal, was du draufhast, kleines Fohlen«, murmelte sie und sprengte voran. Mit ihren kraftvollen Sprunggelenken schaffte sie es schnell auf ein hohes Tempo, das sie für einige Zeit hielt. Die kalte Nachtluft peitschte ihr durch die Haare und verlieh ihr das belebende Gefühl von Wachsamkeit und … Freiheit. Sie war endlich frei.
Aralona drosselte ihre Geschwindigkeit erst, als die Lichter der heruntergebrannten Lagerfeuer am Horizont erloschen, denn das bedeutete, dass sie vom Dorf aus nicht mehr zu sehen war. Die halbe Nacht musste mittlerweile vergangen sein. Sie blieb stehen, um zu Atem zu kommen und ihren Puls zu beruhigen. Den Rest der Strecke in den Norden würde sie in einem gemäßigteren Tempo zurücklegen, damit sie nicht direkt nach dem ersten Tag vor Erschöpfung zusammenbrach.
Sie blickte in den Himmel. Die drei Monde standen bereits sehr dicht beieinander, wodurch sie den nahenden Sonnenwinter ankündigten. Nichts deutete auf eine Warnung oder ein Zeichen ihres Schöpfers Kiresus hin, was sie zuversichtlich auf ihre bevorstehende Reise schauen ließ.
Der anbrechende Morgen vertrieb die Kälte der Nacht aus ihren Knochen. Sie hatte nicht ein einziges Mal gerastet, aus Sorge, man würde jemanden hinter ihr herschicken, und der Wind und der Schweiß auf ihrer Haut hatten sie ausgekühlt. Einen Augenblick lang genoss sie die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf ihrem Gesicht, ganz ohne den Schatten, den der Palisadenzaun ihres Heimatdorfs warf, und sog die trockener werdende Luft tief in ihre Lungen ein. Sie musste die Steppe in der Nacht nahezu komplett durchquert haben. Im Westen erhoben sich die fernen Gipfelspitzen des Buchtrückens und der Boden unter ihren Hufen war staubig. Sie wusste, dass sie von hier aus auf das Gebirge zuhalten musste, bis sie an eine Meerenge kam. Nachdem sie diese überwunden hatte, konnte sie sich an der Küstenlinie Richtung Norden orientieren, bis sie die Wüste erreichte. Jedenfalls hatte man ihr das so beigebracht.
Es vergingen nur wenige Stunden, bis sie die Steppenlandschaft verließ und das fließende Gewässer, das von Moos und hohen Gräsern gesäumt war, erreichte. Bis jetzt war ihre Reise ohne Zwischenfälle verlaufen. Am Abend ihrer Flucht hatte ihre größte Sorge gefährlichen Raubtieren gegolten. Doch entweder hatte sie Glück gehabt oder Kiresus selbst leitete sie, um ihr Vorhaben zu unterstützen. Aralona schüttelte den Kopf. War sie wirklich arrogant genug zu glauben, ihr Gott würde gerade ihr unter allen anderen helfen? Hätte er ihr dann nicht ein eindeutigeres Zeichen geschickt? Welchem Umstand sie ihr Glück auch immer zu verdanken hatte, sie hoffte, dass es bis zu ihrem Ziel anhalten würde.
Sie trat einen letzten Schritt an die Meerenge heran, die sie überqueren musste. Das andere Ufer war einige Schritte entfernt. Das Wasser schien nicht tief zu sein, weshalb sie sich dazu entschloss, es an einer schmalen Stelle zu durchqueren. Frühestens danach würde sie sich eine Rast zugestehen, auch wenn sie die Anstrengungen der Nacht in ihren Beinen spürte.
Um die Felle und Verpflegung vor der Nässe zu schützen, schnürte sie beides höher auf ihren Rücken. Mit Hilfe ihres Speeres suchte sie eine seichte Stelle, an der sie auf die andere Seite konnte. Vorsichtig wagte sie erste kleine Schritte ins Wasser hinein und spürte die kalte Strömung um ihre Beine und die rutschigen Steine unter ihren Hufen. Auf ihren Speer gestützt wagte sie sich tiefer vor.
Mittig in der Meerenge reichte das Wasser bis zu Aralonas Oberschenkeln. Sie war froh, ihr Gepäck zuvor gesichert zu haben, denn sie hatte unterschätzt, wie tief das Gewässer war. Ohne den Speer wäre sie vermutlich mehrmals abgerutscht.
Als sie endlich wieder trockenen Boden unter den Hufen hatte, schüttelte sie sich ausgiebig und schlug ihren Schweif aus. Es machte keinen Sinn, ein Lager aufzuschlagen und Zeit zu verschwenden, um sich zu trocknen. Die Sonne spendete genug Wärme, sodass sie nicht fror und bald nicht mehr triefend nass sein würde.
Ein Blick nach Westen verriet ihr, dass sie dem Buchtrücken nähergekommen war. Nun musste sie nur noch der Küste in den Norden folgen.
Aralona kniff zum Schutz vor der heißen Mittagssonne die Augen zusammen. Die Luft war trocken und sie sank mit ihren Hufen bei jedem Schritt etwas im warmen Sand ein. Sie hatte die Wüste erreicht. Nicht eine Wolke spendete Schatten. War dies vielleicht Kiresus’ Strafe für ihr überstürztes Handeln?
Es wurde Zeit, dass sie nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau hielt. Doch sah sie weit und breit nur eine Ebene, die der prallen Sonne ausgesetzt war. Nirgends entdeckte sie einen Baum oder eine Felsformation, die ihr Schutz bot. Lediglich das hohe Gras am Wasser wiegte im seichten Wind.
Plötzlich machte sie in der Ferne einen unscharfen Umriss aus. Sie schirmte ihre Augen mit der Hand vor der Sonne ab, doch auch das half nichts. War es ein Tier? Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr seit der überquerung der Meerenge kein Lebewesen mehr begegnet war. Nicht einmal Vögel waren über ihr am Himmel gekreist. Aralona streckte ihre Fühler aus, um Verbindung zu den Tieren in ihrem Umkreis aufzunehmen. Doch sie spürte kein einziges. Ihre Energien fehlten. Warum sollte Kiresus auch ungefährliche Tiere davon abhalten, ihren Weg zu kreuzen? Oder hatte sich das Gebiet, in dem sie verschwanden, bereits bis hierher ausgedehnt? Langsam und vorsichtig näherte sie sich dem Schatten.
Als sie nahe genug war, erkannte sie, dass es sich um ein Lebewesen handelte, welches dort im Sand lag.
»Vielleicht benötigt es meine Hilfe?«, murmelte Aralona, doch sie hielt inne. Was, wenn es gefährlich war? »Bei Kiresus, lass es etwas Ungefährliches sein.« Sie verstärkte den Griff um den Speer, in der Hoffnung, ihn so richtig zu halten, und schlich bedächtig auf den kleinen, unförmigen Haufen zu. Das Wesen war grün und lag neben einem Stein.
Das war ein Kobold. Sie hatte schon einmal welche gesehen, als ihre Mutter sie mit zum Walddorf Kuron genommen hatte. Aber was suchte er in der Wüste?
Hastig stürmte sie auf ihn zu, kniete sich vor ihm nieder und bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie drehte ihn auf den Rücken. Er war tatsächlich ein Kobold, doch seine Brust hob und senkte sich nur noch kaum merklich.
Vorsichtig tastete sie den kleinen Körper ab, bis sie etwas Klebriges an ihren Fingern spürte. Es war ein durchsichtiges Sekret, das wie Wasser glitzerte und aus einer Verletzung am Kopf austrat. Dort fand sie auch weitere Abschürfungen, die mit der Flüssigkeit benetzt waren. Natürlich! Kobolde waren die Wächter der Pflanzen und bluteten deshalb auch wie sie.
Und das bedeutete, dass sie ihm helfen und seine Wunden heilen konnte. Schnell bettete sie ihn auf eines ihrer Felle und studierte die Verletzungen genau. Die schwerwiegendste war die an seinem Kopf. Ein Blick auf den Stein hinter ihm genügte, um ihren Ursprung festzustellen. Die restlichen Schürfwunden waren nur oberflächlich.
Was hatte Casantes immer gesagt? »Schüre das Feuer in deinem Inneren, es muss durch deine Adern brennen. Leite es zu der Glut, die du entfachen möchtest, kontrolliere sie, damit du nicht von dem Feuer verschlungen wirst, und heile mit seiner Wärme die Wunden.«
Für sie waren seine Worte immer kryptisch geblieben, doch die grundlegenden Handgriffe kannte sie. Es war ihr noch nie leichtgefallen, einen Zugang zu ihrer Magie zu finden. Jedes Mal, wenn sie versuchte, nach ihr zu greifen, rannen die magischen Stränge wie Sand durch ihre Finger. Sie hatte Mühe, ihren Kräften zu vertrauen und sie zu nutzen. Casantes hatte das nie verstanden, für ihn war der Zugriff auf sein inneres Feuer ein natürlicher Prozess. »Was soll’s?«, seufzte sie und umfasste den kleinen, grünen Kopf mit den riesigen Ohren. »Dann machen wir mal Feuer.«
Als sich Aralona auf ihren Herzschlag konzentrierte, breitete sich ein leichtes Brennen über ihre Haut aus. Zunächst machte sie die Hitze der Sonne dafür verantwortlich, doch das Glühen krabbelte wie eine Gänsehaut von ihrer Brust bis in ihre Gliedmaßen. Das war es! Sie musste dieses Gefühl festhalten und wachsen lassen. Mehrmals verlor sie beinahe die Verbindung zu ihrer inneren Kraft, doch schließlich gelang es ihr, die Energie in ihre Hände zu leiten. Sie wandelte sich erst in eine Taubheit, bis ihre Finger kribbelten. Es fühlte sich an, als stoben gerade Funken an Energie aus ihren Fingerspitzen, mit denen sie die Wunde umringte. Doch plötzlich blockierte irgendetwas ihre heilende Wärme. Sie staute sich in ihren Fingerspitzen an und ließ sich nicht auf den Kobold übertragen. Langsam floss die Energie in ihre innere Mitte zurück und schlummerte weiter. Die Wunde blieb unangetastet. Der Kobold schützte sich mental vor ihren magischen Fähigkeiten und blockierte so die heilende Wirkung.
Sie atmete einmal tief durch, schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Kribbeln in ihren Armen und Händen. Diesmal streckte sie ihre Fühler aber auch nach dem Schutzwall des Kobolds aus. Noch nie hatte sie einen solchen durchstoßen müssen, aber irgendwie musste sie ihre Kraft hindurchlenken, um seine Verletzungen zu heilen. Es war, als suche sie nach einer Lücke, durch die sie sich zwängen konnte. Und plötzlich fand sie eine. Das Kribbeln entleerte sich schlagartig, als würde etwas ihre Hände aussaugen. Die Blutung versiegte und die Wunde begann an den Rändern zu heilen. Mehr konnte sie nicht für ihn tun. Lediglich beschleunigen, was ohnehin auf natürliche Weise geschehen würde.
Aralona atmete erleichtert auf. Ein sanftes Lächeln huschte über ihre Lippen. Es war schon länger her, dass sie ihre innere Kraft genutzt hatte, und noch nie hatte sie diese im Ernstfall einsetzen müssen.
Da sich die Sonne dem Horizont entgegensenkte, wollte sie den Kobold nicht allein lassen. In seinem Zustand wäre es zu riskant, ihn mitzunehmen, also würde sie endlich rasten, um auf ihn aufzupassen. Erst jetzt kroch die Müdigkeit in ihre Beine und ihren Geist. Es war nun fast einen Tag her, dass sie das Dorf verlassen hatte, und das Durchgaloppieren in der Nacht hatte sie all ihre Kräfte gekostet. Ihre Unterarme kribbelten immer noch. Vielleicht hatte sie ja doch etwas Sonnenbrand bekommen.
Zögerlich stapelte Aralona trockenes Holz und Gräser, die sie aus der Umgebung zusammengesucht hatte. Bisher hatte sie selten selbstständig Feuer gemacht und fürchtete sich deshalb noch mehr davor als ihre Artgenossen. Häufig geschah es, dass Schweifhaare versengt wurden oder Feuer in Hütten ausbrachen. Doch nachts war es in der Wüste sehr kalt und bald würde die Dunkelheit über sie hereinbrechen. Daher blieb ihr keine Wahl. Mit ausgestreckten Armen schlug sie ihre Feuersteine über dem Zunder aneinander. Als die ersten Funken auf das Holz übergingen, nahm sie ein leises Stöhnen wahr. Sofort ließ Aralona die Steine fallen und wandte sich dem kleinen Wesen zu. Vorsichtig hielt sie ihn an den Schultern fest. »Kannst du mich verstehen?«, fragte sie besorgt.
Wieder stöhnte der Kobold und zog die Stirn kraus. »Viel zu deutlich«, krächzte er. Seine Stimme klang, als rieben zwei äste aneinander. »Mein Kopf explodiert noch, wenn du weiter so rumschreist.«
Verdutzt schaute sie auf den Grünling hinab und ließ von ihm ab. Mit so einer frechen Reaktion hatte sie nun nicht gerechnet. »Ich hätte dich auch einfach hier liegen lassen können, anstatt dir zu helfen«, platzte es aus ihr heraus.
Der Kobold öffnete eines seiner großen Augen und musterte sie von oben bis unten. Sie saß ihm gegenüber und streckte ihre antilopenähnlichen Beine seitlich auf den Fellen aus. »Du hast mir geholfen?«, fragte er mit einem belustigten Unterton.
Aralona schnaubte. »Ohne mich wärst du vermutlich verblutet.«
»Streng genommen blute ich ja nicht …« Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach, öffnete sein zweites Auge und blickte sich, so weit er konnte, um. »Aber gut, dann schulde ich dir vielleicht etwas. Ich bin Kriktex.« Er versuchte, sich aufzusetzen, wobei er vor Schmerz das Gesicht verzog. Aralona half ihm, sich gegen den Felsen zu lehnen.
»Freut mich, Kriktex. Ich heiße Aralona.« Sie erwartete schon einen spöttischen Kommentar über ihren Namensvater, doch Kriktex begutachtete interessiert das Feuerholz und ihre Vorräte.
»Was macht ein so junges Fohlen wie du ganz allein in der großen weiten Wüste?« Er grinste schief, wodurch er viele kleine, spitze Zähne entblößte.
Aralona senkte ihren Blick. »Es ist eine Art Prüfung.«
»Eine Prüfung? In der Wüste? Das ist ja mal etwas ganz Neues von euch Zentauren. Erzähl mir mehr«, erwiderte Kriktex prustend.
Sie schaute ihn unsicher an. Konnte sie dem kleinen Kobold ihre Geschichte anvertrauen? Sie verspürte das Bedürfnis, mit jemandem über die Ablehnung der Nomaden und ihren überstürzten Aufbruch zu reden. Nicht einmal Ideros hatte sie sich anvertrauen können, da die Nomadengruppe ihn den gesamten Abend über fest eingespannt hatte. »Die Nomaden wollten mich nicht aufnehmen, weil ich als Oritene und nicht als Hasare auf die Welt gekommen bin. Deshalb möchte ich beweisen, dass ich auch ohne sie überleben kann.«
Kriktex lachte schallend auf, was in ein Prusten und Husten überging.
»Vorsichtig«, hauchte Aralona. »Du bist immer noch stark verwundet.«
»Ach, das geht schon, Mädchen, ich habe Schlimmeres überstanden«, beschwichtigte er sie.
Sie musterte seine Wunden besorgt. »Was ist eigentlich passiert?« Sie reichte ihm einen Becher, den sie mit Wasser aus ihrem Trinkschlauch füllte.
Er sah kurz nachdenklich zur untergehenden Sonne, die den Himmel bereits tiefrot färbte. »Ich wurde angegriffen«, murmelte er und stürzte den Inhalt des Bechers gierig herunter.
»Von wem? Waren es Greife? Oder wilde Tiere?« Aralona setzte sich gerade auf.
»Nein. Hier gibt es weit und breit keine Tiere. Ein Wirbelsturm hat mich angegriffen.«
»Du meinst, du bist in einen Wirbelsturm geraten?« Sie versuchte, seine Worte zu verstehen.
»Nein, nein. Er hat mich angegriffen.«
»Wie? Hat er mit einem Speer auf dich eingestochen?« Sie kicherte ungläubig und trank selbst einen Schluck Wasser.
Der Kobold verdrehte seine großen Augen. »Bei Buxios, seine Bewegungen waren nicht natürlich. Eher so, als würde er auf mich zusteuern.« Er zuckte die Schultern und legte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf in den Nacken. »Vielleicht zerbricht das Weltensystem doch schneller, als wir alle gedacht haben. Sonst ist mir das Koboldgerede vom Weltuntergang zu ernst, aber ich sollte meine Einstellung noch einmal überdenken.«
Aralona runzelte die Stirn. »Erlaubst du dir einen Streich mit mir?« Sie wusste nicht viel über die Weltanschauung der Kobolde. Angeblich betrachteten sie die drei Monde als untergegangenes Weltensystem und rechneten deshalb damit, dass ihre Welt ebenfalls irgendwann untergehen würde. Sie konnte sich solch einen Weltuntergang nur schwer vorstellen. Warum würde Kiresus wollen, dass sie die Tiere schützten, wenn am Ende nichts mehr übrigblieb?
»Ginge es nicht um mein Leben, würde ich das liebend gern tun. Aber diese Wunden, um die du dich gekümmert hast, stammen nicht von einem Tier. Und ein Greif hätte mich in einem Happs verschlungen. Denk nach, hier gibt es kein einziges Wesen. Meine Geschichte ist plausibel.«
Aralona nickte langsam. Der Punkt ging an ihn, obwohl ihr gesteuerte Wirbelstürme immer noch merkwürdig vorkamen. Doch da sie nicht wusste, was alles mit Magie möglich war, wollte sie nichts ausschließen. »Was machst du eigentlich allein hier in der Wüste? Die Wälder sind noch weiter entfernt als mein Zuhause.«
»Ein Kobold verrät nicht all seine Geheimnisse.« Da war es wieder, das freche und schiefe Grinsen. »Sagen wir, es ist eine Prüfung.« Damit war das Thema für ihn erledigt.
Aralona schüttelte grinsend den Kopf und reichte ihm eine Handvoll Beeren. Sie mochte diesen Kerl, auch wenn sie ihn kaum kannte und er offensichtlich etwas vor ihr verheimlichte.
»Sag mal, du hast erwähnt, dass dir hier ebenfalls keine Tiere begegnet sind. Darf ich fragen, woher du kommst und wie weit sich dieses Phänomen schon ausgebreitet hat?«, fragte sie ihn.
»Ach, ihr Zentauren. Ihr immer mit euren Tieren. Wundert mich nicht, dass du fragst. Dir ist das bestimmt sofort aufgefallen. Meine Reise habe ich nördlich der Wüste begonnen und dort gibt es noch mehr als genug Tiere, das sag ich dir. Nur hier in der Wüste scheint es ihnen nicht sonderlich gut zu gehen«, antwortete er schmatzend, während er die Beeren genüsslich aussaugte.
»Es ist also nur ein Problem dieser Region«, murmelte sie.
Kriktex gluckste wieder. »Also ich würde vermuten, dass umherirrende Wirbelstürme dafür sorgen könnten, dass Tiere von diesem Ort fliehen.«
Ihre Augen weiteten sich und sie starrte den winzigen Grünling überrascht an. »Das ist es! Solltest du recht haben, dann haben die Tiere einfach nur Angst.« Aber warum hatte Achetrios das nicht in seiner Geschichte erwähnt? Umherirrende Wirbelstürme hätte er mit Sicherheit nicht ausgelassen. Wenn sie also nicht permanent großflächig auftauchten, musste es noch einen anderen Grund geben.
»Was heißt hier ›solltest du Recht haben‹, kleines Mädchen? Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen. Nun … also …« Kriktex kam ins Stocken, als er seinen Fehler bemerkte.
Aralona prustete los und stimmte in sein Gelächter ein. »Ich glaube dir ja. Die Frage ist nur, woher diese Wirbelstürme stammen.«
»Nun, er kam aus der Richtung.« Kriktex deutete in den Westen, zu den Bergspitzen des Buchtrückens, die in der Dunkelheit der nahezu untergegangenen Sonne nur noch schwer auszumachen waren.
Sein Lächeln verblasste. »Mädchen, dein Blick gefällt mir ganz und gar nicht.«
»Ich finde immer noch, dass das keine gute Idee ist«, murrte Kriktex von ihrem Rücken, wo er es sich auf den Fellen gemütlich gemacht hatte.
»Du kannst auch gern absteigen und allein weitergehen«, erwiderte Aralona entschlossen. Sie hatten den Abend gemeinsam am Lagerfeuer verbracht und waren früh schlafen gegangen. Am Morgen hatte sie darauf bestanden, dass er mit ihr zum Buchtrücken reiste. So konnte sie seine Wunden weiterbehandeln. Ihm gefiel der Gedanke, nicht mehr allein durch die Wüste stapfen zu müssen, deshalb hatte er zugestimmt.
Nicht viele Zentauren aus Parchos würden einen Kobold auf ihrem Rücken dulden, doch für sie war es so am einfachsten. Er würde auch ohne seine Verletzungen nicht annähernd mit ihrem Tempo mithalten können. Die meisten wären zu stolz dafür. Auch wenn sie sehr eng mit den Tieren verbunden waren, wollten sie doch nicht als solche behandelt werden.
»Ich kann dich doch nicht allein in die Berge reisen lassen. Das kann der alte Kriktex nicht verantworten«, neckte er sie und spielte an ihren Haaren herum.
»Sag mal, ist dir langweilig?« Sie warf einen Blick zurück über ihre Schulter.
»Bin ich nicht bezaubernd?«, fragte er mit piepsiger Stimme und legte ihre dunkelbraunen Haarspitzen um seinen kleinen runden Kopf.
»Entzückend.« Aralona schmunzelte. Man erzählte über die Kobolde, dass sie Streiche spielten und ein lustiges Völkchen waren. Kriktex passte genau zu dieser Beschreibung.
»Ist dir eigentlich mal ein Kastage über den Kopf gelaufen, oder warum sieht das da oben so aus?«, fragte er und zupfte weiter an ihren Haaren.
»Nein, die Sandkrabbler haben damit nichts zu tun«, antwortete sie und stellte sich vor, wie die kleinen Tierchen mit ihren zwei Scherenpaaren einem Zentauren über den Kopf liefen und dabei zufällig die Haare schnitten. »Bei uns tragen das alle so. Eine Seite geschoren und eine Seite so, wie es einem gefällt.«
»Und da, wo du herkommst, tragen das alle so?«, fragte er erneut ungläubig, während er sich an eines ihrer nach hinten gedrehten, kleinen Hörner hing.
»Sagt der mit drei Haaren auf dem Kopf.«
»Ey!«, stieß er empört aus.
Ein grelles Kreischen ließ die beiden auf der Stelle innehalten. Aralona gefror das Blut in den Adern, während sie sich aufgeregt umblickte. Adrenalin schoss durch ihren Körper.
»Vorsicht!«, rief Kriktex und hangelte sich ungelenk von ihrem Rücken, nur um sich hinter ihren Vorderhufen zu verstecken.
Sie hatte ihn ebenfalls bemerkt. Hoch über ihnen in der Luft schwebte ein riesiger Greif. Er breitete seine bläulichen Schwingen aus und seine Vorderpranken schwangen bei jedem Flügelschlag mit.
»Oje, oje, zum Wucher noch eins, oje«, wimmerte Kriktex. Aralona konnte seine vor Angst schlackernden Ohren hören.
»Pssst, vielleicht hat er uns noch nicht bemerkt«, wisperte sie.
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Das war sein Jagdschrei. Und siehst du hier irgendwelche Beute außer uns beiden?«, fauchte er.
Aralonas Hoffnung schwand, als das Raubtier sich auf sie herabstürzte. Mit ihm kam der Wind. Im allerletzten Moment hechtete sie zur Seite, sodass der Greif an ihr vorbeizischte, aber sie spürte den Sturm, der hinter ihm her fegte. Da Kriktex sich an ihrem Bein festgekrallt hatte, zog sie ihn mit sich.
»Wir sollten verschwinden«, rief er gegen das Tosen. Er hatte Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. »Gegen einen Greif können wir nicht gewinnen. Du bist am Boden schnell, vielleicht können wir ihn abhängen.«
Doch Aralona war ein ganz anderer Gedanke gekommen. »Du hattest von einem Wirbelsturm gesprochen«, rief sie dem Kobold entgegen.
»Jetzt ist nicht die Zeit, darüber zu streiten, ob –«, entgegnete er wütend.
»Darum geht es mir nicht. Du hast gesagt, er sei nicht natürlich. Wer beherrscht denn die Winde?«, fragte sie ihn. Und wie auf ihren Befehl hin, zentrierte sich der Tornado um sie herum an einer Stelle. Die vielen Sandkörner, die dadurch aufgewirbelt wurden, scheuerten und piksten auf ihrer nackten Haut. Kriktex schien zu verstehen, denn er schüttelte den Kopf. »Das ist eine Nummer zu groß für dich. Du hältst ja nicht mal den Speer richtig, um ihm gefährlich werden zu können!«
Während sie sich über den tosenden Lärm hinweg anschrien, wendete der Greif elegant in der Luft, legte seine Flügel an und leitete einen erneuten Angriff aus der Luft ein. Aralona wollte nach ihrem Bogen greifen, da war ihr Gegner schon wieder im umherwirbelnden Sand verschwunden. Hektisch schaute sie sich um und versuchte einen Schatten im Sturm auszumachen.
Plötzlich stob er durch die Wand aus Sand und riss sie mit seinen riesigen Tatzen von den Beinen. Völlig überrumpelt verpasste sie die Gelegenheit, zuzustechen. Der Greif schwebte bedrohlich über ihr. Sie konnte noch rechtzeitig ihren Speer hochreißen und ihren Gegner mit der Stockseite schlagen, als dieser nach ihr hackte. Dabei bemerkte sie eine Wunde am Auge, die nur wenige Tage alt sein konnte. Sie erinnerte sich an Achetrios’ Geschichte. Es war dieser Greif gewesen, gegen den die Gruppe gekämpft hatte! Doch anscheinend hatte er keine Wirbelstürme eingesetzt, sonst hätte Achetrios das bestimmt erwähnt. Solch ein magisches Phänomen heraufzubeschwören, musste dem Greif viel Energie kosten. Energie, die er vielleicht nicht immer zur Verfügung hatte.
Mit ihrem improvisierten Gefuchtel hielt sie den Angreifer von ihrem Gesicht fern und mit einem Schrei erhob er sich wieder in die Luft. Verwirrt sah sie, wie Kriktex triumphierend eine Schweiffeder, die länger war als er selbst, in die Höhe hielt. Er musste sie dem Greif während ihres Kampfes herausgezogen haben.
»Kriktex, lenk ihn ab, er ist blind auf der linken Seite!«, rief sie dem kleinen Kobold zu.
»Nichts werde ich tun«, erwiderte er ängstlich.
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit!« Aralona musste die Aufmerksamkeit des Greifs auf Kriktex lenken, damit sie die Gelegenheit bekam, im richtigen Moment anzugreifen. Sie packte den Grünling im Nacken und hielt ihn vor sich in die Luft. »Hier! Den hier willst du doch haben! Einen kleinen Mittagshappen für zwischendurch«, rief sie dem Greif entgegen und warf Kriktex seitlich von sich weg.
Der Kobold schrie wie am Spieß und kämpfte sich aus dem feinen Sand, um wegzulaufen, doch er würde nicht schnell genug sein. Es funktionierte. Raubvogelgleich hatte der Greif seine Beute anvisiert und stürzte sich auf sie hinab.
Aralona erinnerte sich daran, wie Achetrios den Speer bei seinen Erzählungen gehalten hatte. Der Greif war auf den Kobold fixiert und sah mit seinem verletzten Auge nicht, wie sie ihre Waffe gegen ihn führte. Doch sie verschätzte sich bei ihrem Stoß mit der Entfernung, traf auf keinen Widerstand und fiel nach vorne. Dabei ruderte Aralona mit ihren Armen, wodurch der Speer zufällig in die weiche Seite des Greifs stieß.
Er schrie auf, es spritzte Blut, als er sich wieder in die Lüfte erhob, und der Sandsturm um sie herum legte sich.
»Verschwinde!«, rief Aralona, ohne zu wissen, ob er sie überhaupt verstand.
Ihr Gegner hing schief in der Luft und hatte Schwierigkeiten, gleichmäßig mit seinen Flügeln zu schlagen. Er schaute hasserfüllt auf Aralona hinab und stieß einen weiteren Schrei aus. Greife waren kluge Wesen. Er konnte einschätzen, wann es besser war, sich zurückzuziehen. Und genau das tat er.
Aralona atmete tief durch und sank zu Boden. Ihr Körper schmerzte, die Luft brannte in ihren Lungen und sie wischte sich Schweiß aus ihrem Gesicht. Kriktex hatte recht, solch einem Wesen war sie einfach noch nicht gewachsen.
»Schau mich an, ich bin ein gefährlicher Greif«, flötete er.
»Was sagst du?« Sie schaute sich verwirrt um.
Er tanzte neben ihr. Mit der rechten Hand bildete er einen Schnabel vor dem Mund und seine linke hielt die lange, dunkelblau schillernde Schweiffeder an den Rücken.
»Dafür, dass du eben noch geschrien hast wie ein kleines Fohlen, hast du mir jetzt viel zu gute Laune.« Aralona verschränkte grinsend die Arme vor der Brust.
Der Kobold beendete sein kleines Tänzchen, als er zu ihr aufsah. »Verdammt, sieht das gefährlich aus«, fluchte Kriktex. Sorge lag in seiner Stimme, als er sie betrachtete.
Plötzlich fuhr ein stechender Schmerz durch ihre Seite und ihre Schläfe begann zu pochen. Dort hatte der Greif sie getroffen. So wie es sich anfühlte, hatte eine der Krallen knapp ihr Auge verfehlt und die Augenbraue aufgeschlitzt. Ihre Flanke sah gar nicht gut aus, denn die zweite Klaue hatte sich tief hineingebohrt und eine blutende Wunde hinterlassen.
»Du solltest dich darum kümmern«, kommentierte der Kobold ihre Verletzungen.
