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Eine aufschlussreiche Offenbarung für alle, denen diese Arbeitswelt schon immer suspekt war! Ein neuer Job ist wie ein neues Leben. Und es könnte alles so schön sein, wäre da nicht die gähnende Langeweile. Aber offenbar steht in dieser Firma die Zeit still, während einem die Kollegen das Leben schon mal schwer machen können. Da hilft nur eins: Zurückschlagen! So setzt sich von Episode zu Episode ein buntes Bild über das Arbeiten im Büro des deutschen Mittelstandes zusammen.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2022
Der Autor
Daniel Reinke hat in den 15 Jahren nach seinem Studium mehr Jobs gehabt als so manche in ihrem ganzen Leben. Viele unterschiedliche Branchen und Unternehmen mit ihren Eigenheiten durfte er so kennenlernen und voller Neugier betrachten.
Der promovierte Kommunikationswissenschaftler bewegt sich dabei gerne im Mittelstand. Nach Zwischenstationen in Hannover und Berlin ist das Emsland zu seiner Wahlheimat geworden. Dort lebt Reinke mit seiner Familie, arbeitet für verschiedene Unternehmen als Berater für Employer Branding und Marketing, macht Musik mit seiner Band und schreibt Geschichten über das Leben und Arbeiten.
Nach der Veröffentlichung von Fachbüchern zur Musikindustrie ist „ARBEITEN VERBOTEN“ sein erster Roman.
Daniel Reinke
ARBEITEN VERBOTEN
Ein Tatsachenroman
© 2022 Dr. Daniel Reinke
Satz & Layout: Fripada Publishing
Coverdesign von: United Design Ensemble (www.u-d-e.de)
Nach einer Idee von Daniel Reinke
Verlagslabel: fripada publishing (www.fripada.de)
ISBN Softcover: 978-3-347-71623-0
ISBN E-Book: 978-3-347-71632-2
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen oder Unternehmen ist reiner Zufall und absolut unbeabsichtigt.
Für Anna, Frida und Paul
Inhalt
Die andere Hälfte
I love Mittelstand
Der Anfang vom Ende
Die Zentrale
Tagesziel: Feierabend
Die Bürobabys
Gizmo
Can you speak DEUTSCH?
Eine Minute
Telefon! TÄ - LE- FOHN!!
Die Zeitmaschine
Neuland
PEH - DEH - EFF!
Der Listenchecker
Sommerfest
Montag
Autopilot
Radio macht gaga!
Kekse!
„Ich glaube nicht an Google!“
Von Haufen und Stapeln
Es werde Licht!
Der frühe Vogel
Bluescreen, Baby!
Saukalt im Hochsommer
Make Your Chef Happy
Rabotten Rabotten Rabotten
Kindergarten
Ghosting
Es gibt Eis, Baby!
Das Seminar
Urlaub
Pretty in Pink
Die Dienstreise
Blindflug
The Final Countdown
Abflug: This is the end
Epilog
Die andere Hälfte
Arbeit ist das halbe Leben. Sagen sie immer. Wenn das so ist, möchte ich gerne mal wissen, was die andere Hälfte zu bieten hat.
I love Mittelstand
Am Rande jedes Dorfes in Deutschland findet sich ein Industriegebiet. Dessen Ausmaße lassen oft nicht erahnen, mit welchem Kaff man es zu tun hat.
Große, breite Straßen und riesige Firmengebäude, die Familiennamen in Großbuchstaben schultern. Gesäumt von unendlich langen Hallen aus grauem Wellblech oder schwarz glänzendem Glas, von polierten Stahlträgern eingerahmt. Mit gigantischen Parkplätzen voller gepflegter Mittelklasse-Neuwagen und rostenden gebrauchten Luxuslimousinen.
Das ist das Zuhause des deutschen Mittelstandes.
An jeder Einfallstraße stehen Informationstafeln, die das GlasfaserZeitalter preisen. Schnelles Internet in Reinform dort, wo das Leben sonst im Schneckentempo verläuft.
Überall, wo man hinsieht, entstehen noch mehr Hallen aus Blech, Bürogebäude aus Backstein und Parkplätze aus Schotter. Die Straßen aus dunkelblauem, glattem Teer werden gesäumt von grauen Kabelverteilerschränken, in denen sich irgendwelche Mbits tummeln.
Wo kommen bloß all die Unternehmen her, die sich in der Provinz ausbreiten wie Unkraut? Wo kommen all die Menschen her, die in den Rändern der ländlich zerfasernden Dörfer arbeiten?
Während bei Unternehmen in Großstädten Mitarbeiterparkplätze ein Entscheidungskriterium für Bewerber sind, schüttelt man hier nur verwundert den Kopf darüber. Denn hier sind sie Grundvoraussetzung für die Provinzpendler.
Oft sind diese Parkplätze nämlich übersät mit Autos, an denen auswärtige Kennzeichen prangen.
Weite Wege werden auf sich genommen, um im idyllischen Mittelstand zu arbeiten.
Offenbar finde nicht nur ich den Mittelstand attraktiv. Es fühlt sich gut an, damit nicht alleine zu sein.
Ich arbeite gerne bei Familienunternehmen mit ein paar hundert Mitarbeitern.
Die Atmosphäre ist freundlicher als in Konzernen mit mehreren tausend Angestellten. Da nimmt man doch gerne jeden Tag ein paar Kilometer mehr in Kauf. Weil das Miteinander angenehmer ist.
Dachte ich. Und dann fing ich diesen Job hier an…
Der Anfang vom Ende
Heute ist mein erster Tag im neuen Job. Ich bin jetzt Abteilungsleiter für Marketing. Mein erster Job als Führungskraft. Mit 32 Jahren ist das gar nicht so schlecht.
Etwas aufregend fühlt es sich schon an, ab morgen der Chef von jemandem zu sein. Wie die Mitarbeiter wohl drauf sind? Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass ich das schon schaffen werde. Schließlich bringe ich Erfahrung mit. Und auch Qualifikationen. Mein Studium liegt zwar schon fünf Jahre zurück, aber ganz umsonst war es dann doch nicht. Allerdings bin ich wegen des Jobs aus der großen Stadt in die Provinz gezogen. Zwar kenne ich hier niemanden, aber ich hoffe, dass ich durch die Arbeit nette Menschen kennenlerne.
Leicht nervös und vor allem sehr neugierig steige ich aus meinem Auto, das ich vor dem Gebäude auf dem Besucherparkplatz abgestellt habe.
Als der Personalchef mich vom Empfang abholt, werde ich schon etwas ruhiger. Immerhin bin ich jetzt schon mal drin.
Bei einer Tasse Kaffee heißt er mich herzlich willkommen und beginnt, seine formalen Themen runterzubeten, hakt dabei irgendwelche ominösen und für mich unverständlichen Punkte auf einem Zettel ab, den er sorgfältig auf einem Klemmbrett vor sich her trägt.
Er ist Ende 50 und macht diesen Job schon seit über 20 Jahren, wie er mir stolz erzählt. Ihm gefällt es hier so gut, dass er den Anfahrtsweg von einer Stunde gerne auf sich nimmt. So kommt er immer ganz entspannt zu Hause an und kann sich dort auf seine Familie konzentrieren.
Die lange Autofahrt hilft ihm beim Runterkommen. Sein Blick schweift zu dem gerahmten Foto auf seinem Schreibtisch, das zwei Kinder mit offenen Grinsemündern zeigt, in denen schiefe Zähne prangen. Ich kann nicht erkennen, ob es Jungs oder Mädchen sind.
Er rückt den Knoten seiner schwarzen, schmalen Krawatte zurecht und streift sich unsichtbaren Staub von den Ärmeln seines weißen Hemdes. Er richtet noch einmal seine Brille und händigt mir ein paar Dokumente aus, die ich sorgfältig lesen und am nächsten Tag unterschrieben in der Personalabteilung abgeben soll.
Der Personalchef spricht die Themen Schulungen und Einarbeitung an, hält plötzlich mitten im Satz inne und blickt auf seine Armbanduhr, die vibriert. „Oh, Frühstückspause!“, sagt er dann mit einem Gesichtsausdruck, den die Models früher bei den ersten Zalando-Werbespots auch hatten, als ihr Paket ankam: Extrem überrascht und hocherfreut - nur dass er nicht vor Glück schreit, sondern schweigt. Er tippt kurz auf seine Smartwatch, legt Klemmbrett und Stift beiseite, um mir sodann zu erklären: „Wir machen immer 15 Minuten Frühstückspause um 9 Uhr 30.“ Dann dreht er sich einfach etwas zur Seite und starrt aus seinem Fenster. Ohne etwas zu sagen. Das Telefon klingelt, aber er geht nicht ran. Ist ja Pause.
Ich bin irritiert. Leicht seltsam finde ich dieses Verhalten schon, denke mir aber zunächst nichts weiter dabei. Doch als er nach zwei Minuten keine Anstalten macht, irgendeine Art von Kommunikation mit mir einzugehen, entschuldige ich mich ebenso wortkarg und begebe mich auf die Suche nach den Toiletten. So richtig weiß ich nicht, was hier los ist, aber ich versuche, darüber hinwegzusehen. Ich lasse mir etwas mehr Zeit als nötig, wasche mir sehr gründlich die Hände, gehe dann zurück in das Büro des Personalchefs. Dort finde ich ihn noch immer in derselben Position: Er sitzt in stoischer Ruhe auf seinem Drehstuhl, sein Blick schweift aus seinem Bürofenster. Er hat freie Sicht auf den gegenüberliegenden kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieb, der von orangen Fahrzeugen gesäumt und von grauen Betonbauten eingerahmt ist. Ein überaus traumhafter Ausblick.
Ich setze mich wieder auf meinen Platz, fummele ein wenig in den Unterlagen herum, tue so, als ob ich etwas lesen würde, beobachte aber heimlich den Personaler.
Bis er plötzlich wieder an sein Handgelenk fasst und auf seine vibrierende Smartwatch tippt. Sein Gesicht versucht sich an einem freundlichen Ausdruck und ist dabei redlich bemüht. Er räuspert sich kurz, während er sich wieder mir und unseren Unterlagen zuwendet. Seine Ausführungen zu dem, was für mich nach schnödem Papierkram aussieht, lassen keinen Zweifel daran, wie wichtig es ihm ist: „Der Onboardingprozess muss protokollgetreu abgeschlossen werden. Wir wollen uns ja nicht jetzt schon ins Chaos stürzen, nicht wahr?“
Nachdem wir mit unseren Punkten durch sind, bringt er mich runter in die Marketingabteilung, um mich den Kollegen und Mitarbeitern vorzustellen, wie er sagt. Wir finden EINEN Mitarbeiter, der sich als die ganze Abteilung herausstellt. Ich hatte zwar mehr erwartet, freue mich aber, dass ich mir nur einen Namen merken muss. Er heißt Ronnie.
Dass hier heute nur ein Mitarbeiter sitzt, irritiert mich sehr. Beim Vorstellungsgespräch wurde mir die Abteilung noch als Team mit fünf Leuten angepriesen. Was auch einer der Gründe war, weshalb ich diesen Job so interessant fand und ich das Angebot angenommen habe. Daher verwirrt mich diese gähnende Leere an den Schreibtischen der Abteilung ein wenig.
Ich frage den Personaler, wo denn die ganze Truppe ist. Vielleicht sind sie alle im Urlaub? Er kneift die Augen zusammen und verzieht die Mundwinkel. Sein Blick weicht meinem aus. Mit einem Räuspern windet er sich und kommt nur widerwillig zur Sache: „Wir haben die Personalstruktur in den letzten Wochen etwas umgebaut.“
Sie haben was? Bitte einmal fünf Euro ins Phrasenschwein.
Er stammelt weiter drauf los und versucht sich in Erklärungen. „Die Kolleginnen waren nicht mehr zu halten. Und… nun ja - dass Sie als Nachfolger geplant waren, wissen Sie ja.“ Tatsächlich bestand das Team ursprünglich aus vier Leuten, ich wäre die fünfte Person gewesen. Aber meine Vorgängerin hatte offenbar sehr großes Talent darin, Mitarbeiter und Vorgesetzte gleichermaßen zu vergraulen. Daher hatten seit meinem Vorstellungsgespräch zwei Mitarbeiterinnen gekündigt. Meiner Vorgängerin hingegen wurde noch am Tag der Unterschrift auf meinem Arbeitsvertrag fristlos gekündigt. Nur der Kollege Ronnie saß bis heute seine Zeit ab. Deshalb ist er auch als einziger Marketingkollege verblieben.
Ich fange jetzt also einen ganz anderen Job an, als ich dachte. Warum haben die mir nicht Bescheid gegeben? Diese Frage spukt durch meinen Kopf und mengt sich unter tausend Gedanken, die mich ein wenig an meiner Entscheidung für diesen Job zweifeln lassen.
„Am besten, Sie sprechen den Chef gar nicht erst auf Ihre Vorgängerin und die Personalsituation in der Abteilung an. Der ist da ziemlich gereizt.“
Der Personaler schwitzt. Ich kann die Ränder unter seinen Achseln auf dem weißen Hemd sehr deutlich sehen. Es ist ihm mehr als nur unangenehm.
Ich wundere mich zwar sehr über diese neuen Erkenntnisse, sage aber erst einmal nicht viel dazu. Stattdessen versuche ich, für uns beide positiv nach vorne zu blicken: „Dann ist es ja gut, dass ich jetzt da bin!“ Mit einem Lächeln untermauere ich meine halbironische Bemerkung, die vom Personaler mit einem erleichterten Schnaufen samt Kopfnicken quittiert wird.
Am nächsten Tag meldet Ronnie sich krank. Seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. Aber seitlich an seinem Schreibtisch klebt ein sehr großes Foto, das ihn von der Seite zeigt. Wenn jemand das Großraumbüro betritt, sieht er Ronnie an seinem Schreibtisch sitzen, wie er konzentriert arbeitet. Niemandem scheint dieses Foto aufzufallen. Hin und wieder grüßen Kollegen aus anderen Abteilungen den Foto-Ronnie sogar.
Mal sehen, wann der echte Ronnie wieder zurückkommt.
Die Zentrale
Ein paar Wochen ziehen ins Land, während derer ich Tag für Tag tiefer in die Eigenheiten meiner neuen Firma eintauche. So auch heute.
So langsam fange ich also an, meine BüroMitbewohner besser kennenzulernen. Wir teilen uns zu viert das Großraumbüro, das mit 10 Schreibtischen ausgestattet ist. So sitzen hier die Kollegin von der Telefonzentrale samt Azubine, das Marketingteam - also ich - und Kollege Alfred, von dem niemand so genau weiß, zu welcher Abteilung er eigentlich gehört.
Das Telefon in unserem Großraumbüro klingelt. Es ist die Zentrale, die von unserer Azubine besetzt ist. Der Verkauf hat auf die 0 umgeleitet. Offenbar haben die Kollegen keine Lust, mit Kunden zu sprechen. Die Azubine geht ans Telefon, meldet sich freundlich und versucht, zu den Kollegen im Verkauf durchzustellen. Vergeblich. Sie kommt nicht durch.
„Hören Sie, bitte? Herr Michalowsky ist gerade in der Frühstückspause. Er ist gegen zehn vor zehn wieder am Platz. Seine Durchwahl ist die 15 anstatt der 0.“
Sie legt auf und blickt durch das Fenster neben ihrem Schreibtisch nach oben. Dort sieht sie die Kollegen aus dem Verkauf mit einer Tasse Kaffee in der Hand quatschend auf dem Flur stehen. Alle drei, gleichzeitig. Die Azubine schnaubt und ist sichtlich genervt. Sie regt sich kurz auf: „Boah! Gehen die schon wieder ohne mich!“ Dann drückt sie ein paar Knöpfe auf ihrem Telefon und sagt zu mir: „Hab kurz auf dich umgeleitet, bin gleich wieder da.“
Sie verschwindet einfach aus dem Büro.
Ich bin sprachlos. Hat da gerade die 19 jährige Azubine ihr Telefon auf mich umgeleitet? Verdammt! Das ist ganz schön frech.
Irgendwie passt das leider zu ihr. Sie wollte eigentlich studieren, hat dann aber nach zwei Semestern „Internationales Management“ abgebrochen, da ihr das zu theoretisch war. Die kaufmännische Ausbildung ist aber offenbar auch nicht das Richtige für sie. Hier machen ja immer alle alles falsch. Im Studium hätte sie das ja ganz anders gelernt.
Mit ihren fast 20 Jahren ist sie ganz schön altklug. Da wundert es mich nicht, dass die anderen schon wieder ohne sie gegangen sind.
Jetzt drücke auch ich ein paar Knöpfe auf meinem Telefon und zack! - umgeleitet auf die Zentrale. Damit dürfte es jetzt endlos klingeln, wenn jemand anruft. Künstliche Verknappung - kann ich!
Tagesziel: Feierabend
Morgens halb zehn in Deutschland. Kollege Alfred blickt ungeduldig auf seine Uhr. Plötzlich geht die Bürotür auf und Kollege Schmidt kommt rein, was Kollege Alfred ein „Aah! Da isser ja! Wurde aber auch Zeit!“ entlockt. Zusammen gehen sie in den leerstehenden Bürotrakt nebenan – wie jeden Tag um halb zehn. Die nächsten 15 Minuten gehören ganz allein ihnen. Sie spielen Klask, eine Mischung aus AirHockey und Tipp-Kick. Auch sie gehen nicht ans Telefon, zwischen 9 Uhr 30 und 9 Uhr 45, denn sie nehmen ihre Arbeitszeiten sehr ernst - und dazu gehört auch ein festgeschriebener Zeitraum für eine Frühstückspause.
Hin und wieder hört man Jubelrufe oder lautes Stöhnen, wenn eine Chance vertan wurde. Es klingt nach Spaß und Leidenschaft, regelrecht nach Enthusiasmus. Vielleicht entfliehen sie damit ihrem Arbeitsstress?
Die beiden Kollegen sind nicht etwa in der Produktion am Fließband tätig oder in der Hotline des Kundenservice, geschweige denn in der Logistik. Ihre Arbeitstage sind nicht an getaktete Prozesse gebunden. Und dennoch: Sie fangen pünktlich um 06 Uhr 30 an, machen um 09 Uhr 30 Frühstückspause, um 12 Uhr Mittagspause und um 15 Uhr 45 Feierabend. Pünktlich, immer alles auf die Minute genau. Jeden Tag. Denn Überstunden werden nicht bezahlt und dürfen nicht abgefeiert werden. Und damit gibt es auch keine. Punkt!
Je mehr Zeit ich mit Alfred verbringe, desto rätselhafter wird er für mich. Er ist Maschinenbau-Ingenieur. Also eine höchstqualifizierte Fachkraft. Aber soweit ich das erkennen kann, ist seine einzige echte Aufgabe in der Firma das Ausdrucken von Betriebsanleitungen unserer Geräte. Wenn er das tut, sieht sein faltiges Gesicht mit dem nahezu durchsichtig blonden Dreitagebart sehr verkniffen aus. Dann runzelt er die Stirn und schiebt seine randlose Gleitsichtbrille auf seiner Nase hoch und runter. Dabei hält er immer wieder kurz die Luft an und prustet sie dann um so schneller wieder aus. Mit seinem Bürstenhaarschnitt erinnert er mich dabei an einen gealterten Grundschullehrer im Sportunterricht. Fehlt nur noch die Trillerpfeife, die um seinen Hals hängt.
Wenn Alfred dann zum Drucker geht, um eine neue Anleitung herauszuholen, wirkt er plötzlich ganz anders. Als ob er sprinten würde. In diesen Momenten erkennt man, dass er eigentlich ganz sportlich ist. Was ganz und gar nicht zu der unfassbaren Langsamkeit passt, die er sonst an den Tag legt.
Seit er vor über 20 Jahren in dieser Firma angefangen hat, scheint für ihn sein Lebensziel erreicht zu sein. Vielleicht ergötzt er sich deswegen mit Ende 40 so an dem Tratsch, der hier über den Flurfunk geht. Und an seinen Pausen.
Sein Spielkamerad, Kollege Schmidt, ist seit 15 Jahren an Bord. Er ist IT-Fachmann. Beide haben also echt was auf dem Kasten. Sie fahren jeden Tag 45 Minuten zur Arbeit hin und 45 Minuten zurück nach Hause. Manchmal dauert es sogar noch länger. Und das tun sie seit Jahren.
Wenn sie es auf sich nehmen, so viel Zeit im Auto zu verbringen, sollte man doch meinen, dass sie ihren Job lieben.
Aber Fehlanzeige.
Der Enthusiasmus aus den Spielrunden in der Frühstückspause hat im Büro keinen Platz. Keine Leidenschaft, kein Spaß, stattdessen gähnende Langeweile, begleitet von dauerhaftem Gemecker und Geläster. Vielmehr tragen sie diese unfassbare Langsamkeit gepaart mit einem Hauch von Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Arbeit zur Schau. Genau wie fast alle anderen Kollegen im Unternehmen auch.
Das ist für mich im ersten Moment irritierend. Doch im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran. Es ist fast ansteckend. "Das Tagesziel ist immer der Feierabend." So lautet die Devise von Kollege Lehmann aus dem Einkauf, was offenbar bei allen Kollegen hier der Fall ist.
Damit man den Feierabend nicht verpasst, hat ein pfiffiger Kollege ein kleines Computerprogramm geschrieben, das den Feierabend auf die Sekunde genau berechnet. Ein Feierabendberechnungsprogramm.
Dazu muss man nur seine Ankunftszeit eingeben, auf „berechnen“ klicken und fertig! Die exakte Zeit zum Ausstempeln wird angezeigt.
Das also versteht man hier unter Digitalisierung. Leider hat der motivierte Kollege bei der Entwicklung nicht weit genug gedacht. Die wirklich entscheidende Funktion fehlt nämlich: der FeierabendWecker. So muss ich mir jeden Morgen selbst einen entsprechenden Wecker stellen. Was ein Behelf!
Allerdings vermisse ich dabei eine Restzeitübersicht, also ein Feierabendcountdown.
