Inhalt
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
22. Epilog
Nachwort
Impressum © 2025 Loa Imago
Impressum © 2025 Loa Imago Alle Rechte vorbehaltenDie in diesem Buch dargestellten Figuren und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder toten realen Personen ist zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch, fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise übertragen werden. Die Publikation und Verbreitung erfolgt im Auftrag der Autorin erreichbar unter der Anschrift: Aline Hess, Fredersdorferstr.16, 15345 AltlandsbergWebsite: Nyralim.deInstagram: loa.imagoCoverdesign von: Loa Imago
Für alle meine Lieben
ARDOREM-
Das Lied der Flammen
Sie rannte.
Die Nacht war ihr Freund.
Sie rannte barfuß durch den Wüstensand. Sie hatte unbemerkt die Stadt verlassen. Der Segen des Mondes verbarg sie in den Schatten der Nacht. Am Körper trug sie nichts als ein weißes Nachthemd. Sie rannte über die Sanddünnen und durch die Geröllwüste. Als der Morgen anbrach und die Sonne wütend und erbarmungslos auf sie niederbrannte war sie schon Meilen von Curiya entfernt. Auch jetzt blieb sie nicht stehen. Ihre Entschlossenheit, war aus zwei Jahrhunderten Knechtschaft im Namen des Sonnengottes erwachsen. Er hatte ihren Geist gebrochen. Er hatte ihre Gedanken kontrolliert. Er hatte sich tagtäglich daran ergötzt, wie ihre Haut verbrannte. Sie hatte ihre Gedanken und Erinnerungen in den hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins gedrängt. Dort wo es nur Schatten gab. Er glaubte sie gebrochen zu haben. Aber da lag er falsch. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet. Dies war ihre Chance!
Kapitel 1
Die Sonne spendet Leben. Ihr Licht und ihre Wärme vertreibt die Kälte der Nacht. Sie ist das Zentrum unseres Sonnensystems. Sie ist allwissend. Sie offenbart uns, was die Dunkelheit zu verbergen sucht. Wer sich ihrem Willen widersetzt, der wird bestraft. So wie sie Leben spendet kann sie auch Leben nehmen. Ihr werdet unter ihrem Blicke verbrennen!
Das Licht war allumfassend, grell und blendend.
Es raubte ihr die Sicht und nichts anderes existierte als Licht.
Sie blinzelte. Bunte Lichter flackerten vor ihrem inneren Auge. Vor der Kontur kam die Farbe. Nun sah sie den Himmel, gnadenlos blau und wolkenlos. Es gab nur zwei Stadien der Existenz: das Licht und den Himmel. Dann erschienen die beiden hohen Türme des Sonnentempels mit ihren goldenen Dächern, die das Licht der Sonne reflektierten. Zwei Elemente aus Schatten und Glanz, die die Wirklichkeit, die zuvor nur aus grellem Sonnenlicht und Blau zu bestehen schien, in viele Facetten teilten. Sie senkte den Blick und sah hinaus auf die Stadt, die sich unter ihr erstreckte, dort unten, wo sich in den engen Gassen das Leben tummelte. Ihr Blick wanderte weiter in die Ferne, wo hinter den Palmengärten die Hitze über der Wüste flimmerte. Sie sah das endlose geschwungene Muster der Sanddünnen, dass sich bis zum Horizont erstreckte und sich im hellen Licht der Sonne verlor, als gäbe es nur diese eine Realität. Nur das, was das Licht ihr offenbarte. Die Stadt unter ihr: Curiya war eine Oase inmitten der Wüste. Ein Juwel in diesem sonst so dürren Land. Der Sitz des Kultes der Sonne war in den letzten Jahrhunderten zu einer der wichtigsten Handelsstädte geworden. Kaum zu glauben, dass sie damals eine kleine unbedeutende Oase am Rande des roten Gebirges war. Sie hatte gesehen, wie diese Türme erbaut wurden, wie diese Stadt erblühte, und doch kam es ihr gerade alles vor wie ein Traum. Der Gott Solar, welcher der Erde die Wärme und dass Licht schenkte, hatte diese Stadt wahrlich gesegnet.
Sie erhob sich. Ihre Knie waren ganz taub, so lange hatte sie hier verharrt, den Kopf gen Himmel erhoben im Zwiegespräch mit dem Licht.
Eine Dienerin eilte aus dem Schatten herbei, um sie zu stützen. Sie wandte sich von der Stadt und der Wüste ab. Hinter ihr kniete Helena, eine schöne junge Frau. Helles blondes Haar fiel ihr in sanften Locken über die Schultern. Helena erhob sich ohne Hilfe und beendete ihr Mittagsgebet mit der entsprechenden Handgeste. Helenas Blick wanderte zu ihr. Es dauerte einen Moment, bevor das Mädchen ihren Hohn verstecken konnte. Die angehende Priesterin war die Tochter einer reichen Adelsfamilie und hatte lange trainiert, um morgen ihre Rolle als Solaris von Curiya zu übernehmen. Sie hatten drei Jahre zusammengelebt, gebetet und meditiert. Sie hatte Helena alles beigebracht, was sie wusste.
Zumindest hoffte sie, dass die Stadt unter Helena eine Zukunft hatte. Die junge Frau hatte einiges gelernt. Ihren Hochmut hatte sie jedoch behalten. Die Anwärterin war aufgeregt. Sie wollte eine Menge verändern. Zu Gunsten der Elite, versteht sich. Sie verstand nicht, dass die Regeln, die in Curiya seit dreihundert Jahren herrschten, der Grund für den anhaltenden Wohlstand der Stadt waren.
„Geh und ruhe dich aus. Morgen wird ein wichtiger Tag“, sagte sie zu Helena. Helena hob den Kopf noch etwas weiter, als würde sie sagen, „Du hast mir nichts zu befehlen“.
Sie ignorierte Helenas Respektlosigkeit. Es kümmerte sie nicht. Es war Helenas Art, um ihre Unsicherheit zu verstecken. Das merkte sie an kleinen Gesten. Wie als sie nun an ihr vorbeiging, Helena einen Schritt zurückwich und die Hände zu Fäusten ballte. Dienerinnen öffneten das goldene Tor für sie und sie ging durch den langen Säulengang, hinaus aus dem Heiligtum, zurück in Richtung des Palastes.
Dieser Teil der Tempelanlage war allein der Solaris und ihrer Dienerschaft vorbehalten. Die Solaris wies den Dienerinnen an sich zu entfernen. Als sie allein war, stieß sie einen tiefen Seufzer aus und straffte die Schultern. Der lange Säulengang endete in einem überwucherten Garten. So ein tropisches Paradies inmitten der Wüste verbrauchte Unmengen an Wasser. Der wohl kostbarsten Ressource in der Wüste. Dennoch bestanden die Priester darauf. Es war ein Zeichen des Wohlstands dieser Stadt und ihres Tempels.
Ein Rascheln erregte ihre Aufmerksamkeit. Aus den Ziersträuchern, trat der Hauptmann der Tempelwache. Sie hätte fast gelacht. So hatte er sich früher immer hineingeschlichen, als er noch ein junger Mann war. Er war ein braungebrannter großer muskulöser Mann, mit schwarzen dichten Locken, die an den Schläfen bereits grau wurden. War wirklich so viel Zeit vergangen? Als junger Mann in ihrer Leibgarde, jetzt als Hauptmann der Tempelwache. Die Solaris war eine schöne Frau und er ein junger gutaussehender Mann, so waren sie sich nähergekommen. Erst als die Jahre vergingen und er älter wurde, die Solaris aber immer jung und schön blieb, begann er zu verstehen, was ihre Unsterblichkeit bedeutete. Sie wusste, dass er früher sehr in sie verliebt gewesen war. Und sie war da bei weitem keine Unschuldsfee. Sie hatte ihn gewähren lassen. Soviel sie wusste, hatte er irgendwann doch geheiratet und Kinder bekommen. Inzwischen war seine älteste Tochter ebenfalls verheiratet und hatte einen Sohn. Und trotzdem stand er nun hier und versuchte in Worte zu fassen, was er fühlte.
Er ging auf die Knie und senkte ergeben den Kopf.
„Gepriesen sei die Solaris von Curiya“, grüßte er sie.
Die Solaris, das war sie für eine lange Zeit. Ihren wirklichen Namen kannte niemand in dieser Stadt und sollte niemand je
erfahren
„Seid gegrüßt, Hauptmann. Was kann ich für euch tun?“, fragte sie. Er erhob sich und sagte:
„Solaris, wir haben einige Bedenken bezüglich Eures Aufstiegs“.
„Macht euch keine Sorgen. Ich werde erst aufsteigen, wenn ich sicher bin, dass alles seinen Lauf nimmt. Die Ewigkeit erwartet mich, also kann sie noch einige Tage warten“, sagte sie und lächelte gütig.
Sie verdrehte innerlich die Augen. Der Hauptmann kannte, wie alle in der Stadt, nur die eine Solaris. Seit Generationen regierte nur sie diese Stadt. Sie, Tochter des Sonnengottes. Unter den Menschen ging das Gerücht um, sie würde, nachdem sie morgen abdankte, in den Himmel hinaufsteigen und den Platz neben ihrem Erzeuger einnehmen.
Einige fürchteten, wenn sie ginge, dann verließ auch der Segen der Sonne die Stadt. Andere wiederum, jene, die die neue Solaris Helena unterstützten, glaubten gar, dass ihre Macht auf die neue Solaris übergehen würde, wenn sie abdankte. Und die Priester hatten ihre ganz eigenen Theorien. Sie glaubten, sie sei nichts weiter als eine Marionette des Sonnengottes. Eine leere Hülle, ausgebrannt von dem unerbittlichen Feuer der Sonne. Sie alle waren Narren! Aber sie würde sie in ihrem Glauben lassen.
Die Solaris wandte sich schon zum Gehen, da hielt er sie sanft am Arm zurück. „Wartet“, sagte er.
Mit einem flüchtigen Blick scannte er die Palmen und Büsche des Gartens ab, um sicherzustellen, dass sie allein waren. Er hatte Zeit und Ort für seinen Überfall genau geplant… Als er sich sicher war, dass sie allein waren, wurde der Ausdruck in seinen Augen sanfter.
„Solaris…“, begann er zögernd, seine Stimme war leise, fast flehend. Sie wusste was jetzt kommen würde, dieses Gespräch hätte sie gerne vermieden.
„Es gibt Dinge, die ich so lange zurückgehalten habe. Dinge, die ich nicht einmal mir selbst eingestehen wollte. Aber jetzt, da ihr fortgeht… da ihr aufsteigt…“
„Hauptmann,“ unterbrach sie ihn sanft, doch bestimmt, „Es gibt nichts, was noch gesagt werden müsste. Die Zeit wird alles in die richtige Ordnung bringen.“
„Ihr versteht nicht…“, murmelte er, seine Augen suchten verzweifelt die ihren. „Ich habe mein ganzes Leben in euren Dienst gestellt. Euch zu verlieren… es ist, als ob ich einen Teil von mir selbst verliere.“
Die Solaris blickte ihm in die Augen, ihre Miene sanft, aber unnachgiebig. „Ihr verliert mich nicht. Ich werde immer ein Teil von Curiya sein. Ihr werdet immer die Erinnerung an mich tragen.“
„Es ist nicht nur die Erinnerung, die ich fürchte“, sagte er, und seine Stimme brach fast. „Es ist das Wissen, dass ihr nie wirklich mir gehört habt. Dass ihr nie wirklich jemandem gehört habt.“
Sie neigte leicht den Kopf, betrachtete ihn mit einem Hauch von Traurigkeit. „Das war nie unser Schicksal, Hauptmann. Weder Eures noch meines. Wir gehören dem Licht, dieser Stadt, und den Menschen, die hier leben. Das ist die Bürde, die ich trage, und die auch ihr getragen habt.“
„Und doch…“, begann er, verstummte aber, als er die Ruhe in ihrem Blick sah. „Ich hätte gewollt, dass es anders wäre.“
„Ich weiß“, sagte sie leise. „Aber manchmal müssen wir akzeptieren, dass das, was wir uns wünschen, nicht das ist, was sein soll. Ihr habt euren Dienst mit Ehre und Treue erfüllt. Ihr habt diese Stadt geschützt, und dafür werde ich euch immer dankbar sein.“
Er senkte den Kopf, seine Schultern sanken ein wenig, als hätte er einen unsichtbaren Kampf verloren. „Was soll nun aus uns werden, wenn ihr fort seid? Was soll aus mir werden?“
„Ihr werdet weiterhin der starke Schild sein, den diese Stadt braucht“, sagte sie fest. „Helena wird ihren Platz einnehmen, und ihr werdet ihr genauso dienen wie mir. Eure Familie, eure Kinder und Enkel brauchen euch. Und ich… werde euch in der Erinnerung bleiben.“
Er nickte langsam, in resignierter Akzeptanz. Solange er denken konnte, hatte er der Solaris von Curiya gedient.
„Lebt wohl, Solaris“, sagte er schließlich und sank erneut auf ein Knie.
„Lebt wohl, Hauptmann“, erwiderte sie sanft und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Möge die Sonne euch und eure Familie weiterhin segnen.“
Dann ließ sie ihn zurück, die Schritte bestimmt, während sie den Garten verließ, zurück in den Palast.
Der Hauptmann blieb einen Moment lang kniend zurück, bevor er langsam aufstand, die Last der Worte, die unausgesprochen blieben, noch immer auf seinen Schultern spürend. Dann seufzte er straffte die Schultern und ging in die entgegengesetzte Richtung davon.
Die Nacht kam und hüllte die Stadt in Dunkelheit. Es war gespenstisch still im Sonnentempel. In einem Sessel am Fenster saß die Solaris und schaute hinaus in die Finsternis. Die Nacht war ihr Freund. Hier war Solar blind. Ihre Gedanken gehörten alleine ihr - der Ort, der ihr Kraft gab. Kraft, noch ein wenig durchzuhalten und diese Charade über sich ergehen zu lassen.
Sie stand von ihrem Sessel auf und ging hinaus auf den Balkon. Die Tage waren in der Wüste brennend heiß und die Nächte oft eisig kalt. Dort sah sie hinauf zum Himmel, wo der Mond hell auf sie herab schien. Das Licht war kühl und sanft; ganz anders als die brennende Sonne. Die schillernde Sichel der Luna spiegelte sich in ihren goldenen Augen und verwandelte sie in zwei silberne Teiche. Wie gebannt starte sie hinauf zum Mond. Es wirkte fasst, als seien sie in einem stillen Zwiegespräch. Der Moment verging so schnell wie er gekommen war und die Solaris sah wieder hinab auf die Stadt und auf ihre Hände, die zitterten. Sie musste mit Mühe ihre Aufregung unterdrücken. Morgen war es endlich soweit!
Zu lange hatte sie auf diesen Tag gewartet.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen da erhob sich die Solaris wieder von ihrem Lager. Wie jeden Morgen wurde sie von ihren Dienerinnen in weiße Gewänder gekleidet. In dem mannshohen Spiegel vor sich sah sie ihr Ebenbild:
Eine menschliche Frau mit jugendlichem Antlitz. Ihre Haut war braungebrannt. Sommersprossen bedeckten ihre Schultern und Arme. Ihr Haar war goldblond und strahlte fast so hell wie das Licht der Sonne. Ihre Augen hatten einen unnatürlichen goldenen Glanz. Das Zeichen, dass in ihren Adern das Blut der Götter floss. Ihr Körper mochte sterblich sein, ihr göttliches Herz hatte seine Zeit jedoch gestoppt. Seit ihrem 25. Lebensjahr war sie kein Tag gealtert.
Diese jungen Dienerinnen, die an ihrer weißen Robe herumzupften, konnten sich diese Zeitspanne nicht ausmalen. Ihre nackten Füße hatten bereits den heißen Sand der verbrannten Erde berührt, als Curiya noch nicht mal eine Idee war.
Sie flochten ihr Diamanten ins Haar, damit sie noch heller strahlte. Eine Dienerin holte eine Goldkette und goldene Armreifen aus einem Kästchen. „Nein!“ Die Stimme der Solaris ließ die Dienerinnen, die gerade noch eifrig umhergewuselt waren, in ihrem Tun Innehalten.
„Die Diamanten sollen genügen. Hebt euch dieses Geschmeide für die neue Solaris auf“, sagte sie unberührt.
Es war seit ihrem ersten Tag als Solaris von Curiya ein Kampf.
Viele Gäste und Bittsteller reichten ihr teures Geschmeide und die Priesterschaft drängte sie, all diesen Schmuck zu tragen, aber für sie war es nur Ballast.
Als sie fertig waren mit ihr, trat sie auf den Gang hinaus. Aus den Gemächern neben den ihren trat ihre Nachfolgerin Helena. Sie trug natürlich viel Goldschmuck. Es war ihr großer Tag. Dieser schwere Schmuck würde ihr gleich beim Aufstieg zum Sonnenaltar zum Verhängnis werden.
Die Solaris ging zu Helena hinüber und grüßte sie.
„Guten Morgen, Helena. Bist du bereit?“, fragte sie.
Helena nickte hochmütig.
„Anwärterin“, zischte eine Priesterin. Eine der vielen Anstandsdamen, die Helena keine Sekunde von der Seite wichen. Zu oft hatte sich das stolze Mädchen schon im Ton vergriffen. Die ständigen Ermahnungen ließen Helenas Frust nur noch größer werden.
„Was?“, fragte Helena irritiert.
Die Solaris winkte ab. „Sie ist jung, waren wir das nicht alle mal? Sie wird ihren Stolz brauchen. Das Licht der Sonne ist unerbittlich“, sagte sie.
Helena hob den Kopf.
Die Solaris seufzte resigniert und ging an ihr vorbei.
Die Zeremonie begann im Tempel und endete in einer großen Prozession zum Palastvorplatz. Dort würde die alte Solaris, der Neuen den Segen der Sonne übergeben. Die Sonne brannte. Sol schaute ganz genau zu an diesem Tag. Die beiden Solaris standen nebeneinander am Fuße der großen Treppe zum Altar. Mit dem dritten Gongschlag begann die beiden Frauen den Aufstieg, den Blick immer ihrem Ziel entgegen gerichtet. Schnell machte sich die Last des vielen goldschmuckes den Helena trug bemerkbar. Hoffentlich schaffte sie es bis zum Altar, sonst hätten sie ein Problem. Zur der Hitze und Anstrengung kam noch, dass sie bei jedem Absatz die Psalmen der Sonne aufsagen mussten.
O ewige Flamme, Ursprung allen Lebens,Dein Strahl durchdringt die Finsternis der Nacht.Du, goldene Krone, erste Hoffnung des Morgens,Die Schatten weichen vor deiner allumfassenden Macht.
Verse, die die Solaris Jahrhunderte lang aufgesagt hatte. Schließlich als die Sonne ihren Zenit erreichte, hatten auch die Solari, alt und neu die Altarplattform erreicht. Hier geschah die eigentliche Zeremonie.
Die Solaris hob das Gesicht gen Himmel. „Oh allmächtiger Vater, Bringer des Lichts. Trage mich zu dir in deinem Licht“
Das Brennen auf ihrer Haut wurde noch stärker. Ein Feuerkranz erschien um ihren Kopf. Ein Taschenspielertrick, aber symbolträchtig. Die Solaris hob ihren Feuerkranz vom Kopf und setzte ihn der Helena aufs Haupt. Die neue Solaris erhob sich aus ihrer knieenden Position und hob stolz den Kopf. In ihren Augen flackerte Triumph. Die alte Solaris verbeugte sich vor der Neuen. Während die neue Solaris ihr Gebet und Lobeshymnen fortführte wandte sie sich der Stadt zu. Schon jetzt spürte die alte Solaris eine unsichtbare Last von ihren Schultern genommen. Den Rest der Zeremonie fühlte sie sich wie ferngesteuert. Im Nachhinein hätte sie nicht mehr sagen können von welchen Würdenträgern sie warme Worte entgegengenommen hatte, welche leeren Floskeln sie runterbetete und wer Tränen vergoss und wer nicht.
Am Abend zog sie sich in ihre Gemächer zurück. Die Dienerinnen wünschten der ehemaligen Solaris eine geruhsame Nacht und entfernten sich. Eine der Dienerinnen Maomi, deren Mutter und Großmutter schon der Solaris gedient hatten, drehte sich noch einmal zu der Solaris um, die ganz allein mitten in ihren Gemächern stand und sie freundlich anlächelte. Sie schluckte. Dies war ein Abend wie jeder andere. Sie halfen der Solaris bei ihrer Abendroutine und ließen sie dann allein. Warum hatte sie bloß das Gefühl die Solaris nie wieder zu sehen?
Es war mitten in der Nacht und die Stadt hatte sich zur Ruhe gelegt, als ein Windhauch die weißen Vorhänge aufbauschte und den Sand aufwirbelte, der den Mosaikboden bedeckte. In den Gemächern der Solaris war es gespenstisch still.
Dass die Tochter des Sonnengottes verschwunden war, bemerkte niemand bis zum nächsten Morgen, als eine Dienerin die Türen aufstieß und erschrocken nach Luft schnappte. Von dem kostbaren Mobiliar war nichts übriggeblieben als feiner weißer Wüstensand und von der ehemaligen Solaris war keine Spur zu sehen.
***
Sie rannte.
Die Nacht war ihr Freund.
Sie rannte barfuß durch den Wüstensand. Unbemerkt hatte sie die Stadt verlassen. Der Segen des Mondes verbarg sie in den Schatten der Nacht. Am Körper trug sie nichts als ein weißes Nachthemd. Sie rannte über die Sanddünnen und durch die Geröllwüste. Als der Morgen anbrach und die Sonne wütend und erbarmungslos auf sie niederbrannte war sie schon Meilen von Curiya entfernt. Auch jetzt blieb sie nicht stehen. Ihre Entschlossenheit, war aus zwei Jahrhunderten Knechtschaft im Namen des Sonnengottes erwachsen. Er hatte ihren Geist gebrochen. Er hatte ihre Gedanken kontrolliert. Er hatte sich tagtäglich daran ergötzt, wie ihre Haut verbrannte. Sie hatte ihre Gedanken und Erinnerungen in den hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins gedrängt. Dort wo es nur Schatten gab. Er glaubte sie gebrochen zu haben. Aber da lag er falsch. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet. Dies war ihre Chance! Kein Kamel und nicht die schnellsten Pferde Curiyas konnten sie einholen so eine weite Strecke hatte sie in einer Nacht und einem Tag zurückgelegt.
Sie gönnte sich keine Ruhepause. Am Abend des zweiten Tages, erreichte sie die Ausläufer des roten Gebirges. Abweisend und unerbittlich ragten die Felsen in den Himmel. Eine Mahnung an all diejenigen, die es wagten diese Grenze zu überqueren. Um diese Zeit des Jahres war der Pass eine Todesfalle und keine Karawane oder Bergführer wagte die gefährliche Reise. Nur ihr blieb keine andere Wahl!
Der Aufstieg war hart. Der Wind heulte zwischen den Felsen des roten Gebirges und trieb feinen Steinstaub in alle Richtungen. Sie kämpfte sich voran, barfuß, ihr weißes Nachthemd zerfetzt und schmutzig von der langen Reise. Der Mond hatte sie bis hierher geleitet, aber nun war sie auf sich allein gestellt. Ihre goldenen Augen suchten den Weg in der Dunkelheit, die nur gelegentlich vom schwachen Licht der Sterne durchbrochen wurde.
Der Pass war schmal und steil, und jeder Schritt war ein Balanceakt auf scharfkantigen Steinen. Doch sie kannte keine Angst. Diese Entschlossenheit war aus zwei Jahrhunderten Knechtschaft erwachsen Sie würde frei sein oder sterben. Jeder Atemzug schmerzte in ihrer Brust, ihre Füße waren blutig und wund, aber sie spürte keinen Schmerz mehr. Die Nacht wurde kälter, und der Wind trug nun Schnee mit sich, als sie die Pforte der beiden Giganten erreichte. Zwei Felsen ragten vor ihr auf. Durchschnitten wie von einem scharfen Messer, ragten sie senkrecht in den Himmel. Sie markierten die Grenze des Reiches der Sonne. Sie sammelte ihre letzten Energiereserven und stemmte sich gegen den Wind. Er heulte und fauchte, als sie die dunkle Klamm betrat. Mit ihren tauben Fingern suchte sie halt am kalten Stein. Jetzt schon spürte sie wie der stählerne Griff von Solars Macht von ihr abfiel. Ein Teil ihrer selbst, der unterdrückt wurde kehrte zurück und erfüllten sie mit neuer Kraft, während sie sich voran kämpfte. Am anderen Ende erspähte sie in der Ferne die Lichter einer Hütte. Das Schneetreiben war nun noch intensiver geworden.
Kapitel 2
Es war tiefster Winter; um diese Zeit des Jahres gab es keine Wanderer, die den Pass überqueren wollten. Die Gaststube war leer, bis auf einen großen bärtigen Mann, der am Kamin saß und sich die Hände am Feuer wärmte. In dieser Jahreszeit verirrten sich nur wenige Gäste hierher. Es gab nur ein schmales Zeitfenster, in dem der Pass überhaupt passierbar war. Dann kamen die Karawanen aus der Wüste und den Hochebenen.
Der riesige Mann am Feuer, war einer der wenigen Bewohner dieser Berge. Er verdiente sich sein Geld, in dem er den Karawanen und verirrten Reisenden half, die Berge zu überqueren. Ansonsten war er Jäger und brachte ihnen die ein oder andere Ziege, die er erlegt hatte. Die wenigen Zwerge, die Wirtin und ihren nutzlosen Ehemann eingeschlossen, die nach dem Krieg in den Bergen verblieben waren und er waren die einzigen Bewohner. Die Wirtin stand hinter dem Tresen und polierte Gläser. Nicht weil sie unbedingt poliert werden mussten, sondern weil es sonst nicht viel zu tun gab. Draußen tobte der Schneesturm und würde noch einige Tage anhalten. Sie überlegte einmal nach der Suppe zu schauen, die über dem Feuer vor sich hin kochte, als die Tür des Wirtshauses mit einem lauten Krachen aufflog und ein eisiger Windstoß begleitet von Schnee und Eis sie fast von ihrem Schemel fegte.
In der Tür stand eine Gestalt. Zuerst dachte sie an einen Eisgeist, so blass und verfroren, sah die Frau aus. Ihre goldenen Augen reflektierten den Schein des Feuers im Kamin und bildeten einen unheimlichen Kontrast zu dem Schneesturm, der hinter ihr tobte und ihr das eisverkrustete Haar ins Gesicht wehte. Sie trug am Leib nichts weiter als ein weißes Unterhemd.
„Bei den Ahnen!“, rief die Wirtin erschrocken.
Sie war zu geschockt von dem plötzlichen Eindringling, um etwas anderes zu tun als zu starren. Das Glas und ihr Poliertuch waren zu Boden gefallen. Die Fremde machte zwei Schritte , bevor ihre Kräfte sie verließen und sie auf der Schwelle zusammenbrach.
Der bärtige Mann am Feuer erhob sich wobei er den Kopf gesenkt halten musste, um nicht mit den Balken zu kollidieren.
Er eilte zu der Frau und hob sie hoch. „Finus Steinherz, komm sofort in die Stube“, brüllte die Wirtin, während sie von ihrem Schemel kletterte und hastig um den Tresen herum eilte.
Aus dem Hinterzimmer hörte man es rumpeln. „Verdammtes Weib, was ist denn jetzt schon wieder?“, grunzte der Ehemann der Wirtin.
Er hatte wie der Riese ebenfalls einen stattlichen Bart und dazu passend buschige Augenbrauen. Sein Haupthaar hatte sich schon vor langer Zeit verabschiedet.
Der Riese hatte die junge Frau vorsichtig vom Boden aufgelesen und mit zwei Schritten zum Feuer getragen. Die Wirtin stemmte sich gegen die Tür, um sie zu schließen. Finus Steinherz nahm dies alles mit erschrockener Miene wahr, bevor er fluchte und sich beeilte seiner Frau zu helfen die Tür wieder zu verriegeln.
„Was, in aller Welten nahmen ist hier passiert? Woher kommt dieses Mädchen?“, wollte er wissen.
„Frag nicht so dummes Zeug. Hohl Decken und lass warmes Wasser in den Zuber. Das arme Ding ist bis auf die Knochen durchgefroren“, fuhr ihn seine Frau an und er beeilte sich ihren Anweisungen zu folgen.
Als der bärtige Riese die halbbewusstlose Frau in das heiße Wasser des Zubers legte begann langsam Farbe in ihr fahles Gesicht zurückzukehren und sie begann zu zittern. Nicht nur der Riese fragte sich wie diese junge Frau den Schneesturm dort draußen überleben konnte. Woher kam sie auf einmal?
Die Wirtin begann die eiskalten Hände des Mädchens zu reiben. Vielleicht konnten sie noch einige Finger vor dem Frostbiss retten. Unter ihren schwieligen Fingern begann die Wärme in die steifen Glieder der Fremden zurückzukehren. Argwöhnisch sah die Wirtin auf und starrte in das Gesicht der Fremden, das vor wenigen Minuten noch blau vor Kälte gewesen war. Sogar eine sanfte röte überzog ihre Wangen. Ihr Körper begann sich zu regen und ihre Finger begannen zu zittern, als das Blut in ihre Glieder zurückkehrte. Die Wirtin schüttelte den Kopf. Sie hatte schon seltsame Dinge erlebt, aber sowas. Sie stand auf und ging, um zu sehen, wo Finus Steinherz mit dem heißen Wasser blieb. Der Schwall des heißen Wassers über ihrem Kopf brachte die Fremde wieder zu Bewusstsein. Sie prustete und blinzelte verwirrt, wobei sie sich die Arme um die Brust schlang. Alle Spuren ihrer Erfrierungen waren verschwunden. Nur oberflächliche Kratzer waren noch zu sehen und ihre Füße waren etwas blau. „Finus! Die Decken!“ , krähte die Wirtin. „Keine Sorge, Liebes. Du bist in Sicherheit, und dir wird’s bald besser gehen“, sagte die Wirtin, um die Fremde zu beruhigen, deren Augen wild und orientierungslos hin und her wanderten. Der Blick ihrer goldenen Iriden blieb an der Wirtin hängen und ein seltsames Gefühl machte sich in ihrer Brust breit. Ihr kamen diese Augen vage bekannt vor, als hätte sie sie schon einmal gesehen. Sie konnte sich aber beim besten Willen nicht daran erinnern wo. Rumpeln und Fluchen lenkte sie ab.
Ihr Mann kam wieder aus der Kammer hervor. Auf dem Arm trug er Decken und Felle. Der Bergsteiger kam ihnen zur Hilfe und gemeinsam wickelten sie das Mädel in die warme Decke und setzten sie ans Feuer, so dass sie sich aufwärmen konnte. Als ihr unkontrollierbares Zittern etwas nachgelassen hatte, reichte ihr die Wirtin eine Schale mit Eintopf, den die Fremde entgegennahm. „Schön langsam essen, wir wollen nicht, dass du dir den Gaumen verbrennst“.
„D-Danke“, sagte die Fremde. Das war das erste Mal, dass sie sprach.
Ihre Stimme war nur ein heißeres Krächzen. Es machte keinen Sinn ihr in diesem Zustand Fragen zu stellen. Der Bergsteiger setzte sich zurück an seinen Platz am Feuer.
Der Schock ihres plötzlichen Auftauchens ebbte ab. Ruhe kehrte in die Gaststube ein. Nun mehr waren die einzigen Geräusche das Heulen des Windes und das Prasseln des Feuers. Die Wirtin begann sich nach einer nützlicheren Beschäftigung umzusehen. Da erklang die klare Stimme der Fremden:
„Wo ist er?“
Die Wirtin hielt in ihrer Bewegung inne. Sie überkam wieder ein seltsames Gefühl. Obwohl das völlig unmöglich war, wusste sie, wovon die Frau sprach, und das verunsicherte sie zutiefst.
Jetzt erinnerte sie sich auch, warum ihr diese goldenen Augen so bekannt vorkamen. Diese Frau war schon einmal hier gewesen, und zwar vor sehr langer Zeit.
„Wer fragt denn?“, fragte sie misstrauisch.
„Die Sonne grüßt den Mond“, antwortete die Fremde mit dem korrekten Passwort. Beim Stein! Sie war es tatsächlich.
„Folgt mir!“, sagte die Wirtin.
Die Fremde stellte ihre Schale beiseite und folgte der Wirtin zu Hintertür, wo eine kleine steinerne Treppe in den zweiten Stock führte. Der Bergsteiger beobachtete die Szene mit hochgezogenen Augenbrauen.
Hier drang die Kälte des Sturmes durch die schmalen fensterlosen Lichtschlitze. Die Wirtin blieb vor einer hölzernen Tür stehen. Sie war aus rotem Holz und voller kunstvoll ausgearbeiteter Schnitzereien, von Tieren und Fabelwesen.
„Hier ist es“, sagte die Wirtin.
Sie machte einen Schritt zur Seite, um der Fremden Platz zu machen. Argwöhnisch beobachtete sie wie die Fremde die flache Hand auf die Tür legte und die Augen schloss. Ein kaum wahrnehmbares Beben und Schnurren durchfuhr das Gebäude und die Tür schwang auf. Vor ihnen lag eine kleine Stube. Warme Luft kam ihnen entgegen und ein wohliger Geruch von zuhause umgab sie.
Dort in einem gemütlichen Bett unter einer sauberen Decke lag ein Kind. Die Wirtin lächelte. Ab und zu schaute sie nach dem Kleinen aber sein Zustand veränderte sich nicht. Nichts in diesem Raum veränderte sich. Es war, als wäre die Zeit hier stehengeblieben. Da war kein Staubkorn auf dem Nachttisch, keine Zeichen von Verwitterung an den Blumen auf dem Kaminsims. Es war alles wie vor zwei hundert Jahren.
Die Fremde ging zu dem Bett und beugte sich über den schlafenden Knaben. Sie strich ihm zärtlich durch das schwarze Haar.
Dann beugte sie sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm Worte hinein die die Wirtin nicht hören konnte. Sie zog sich zurück und sah erwartungsvoll auf den Jungen hinab.
Der Junge seufzte im Schlaf. Kurz öffneten sich seine Augen. Die Wirtin schnappte nach Luft, als sie die silberne Iris zwischen den schwarzen Wimpern des Jungens aufblitzen sah. Die Fremde drückte seine Hand und lächelte.
Kapitel 3
„Jona!“, sagte er.
Seine Stimme war klar und hell. Eine reine zarte Knabenstimme. Der Klang ihres eigenen Namens, den sie seit 200 Jahren nicht gehört hatte, erweckte etwas in ihr, was sie nicht ganz fassen konnte.
„Ethan!“, sagte Jona. Ihr lief eine Träne der Erleichterung über die Wange. Ihr Bruder setzte sich langsam auf. Es wirkte, als hätte er gerade ein kleines Nachmittagsschläfen gehalten, nicht 200 Jahre in einer kleinen Dachkammer geschlafen.
„Was ist passiert?“ , fragte er.
Sein Blick wanderte über Jonas zerzaustes Haar und die blutunterlaufenden Augen.
„Schwester!“, rief er erschüttert.
„Es ist alles okay, Bruderherz“, sagte Jona und drückte seine kleine Hand an ihre Brust. Unendliche Erleichterung ließ sie für den Moment die Anspannung und Sorge vergessen. Sie waren wieder vereint. Zusammen konnten sie es schaffen.
Die Geschwister hockten nebeneinander am Kamin der Gaststube und schlürften die Suppe, welche die Wirtin ihnen angeboten hatte. Diese stand wieder hinter dem Tresen. Mit etwas Argwohn beobachtete sie die Beiden. Sie würde die Geheimniskrämerei der Beiden nicht hinterfragen. Sie erinnerte sich, dass sie für den Aufenthalt des Jungen, eine enorme Summe Goldes bekommen hatte, das sollte ihr als Antwort genügen.
Waren sie wirklich verwandt? Der Junge hatte nachtschwarzes Haar. Die junge Frau goldblonde Locken. Und trotzdem war da eine gewisse Ähnlichkeit in ihren Gesichtszügen, die unverkennbar war.
„Was habt ihr beide jetzt vor?“ ,fragte sie geradeheraus.
Jona, so hatte der Junge die Fremde genannt sah auf. Sie musterte die Wirtin. Der Bergsteiger, der sie gerettet hatte, schien ebenfalls interessiert.
„Wir werden aufbrechen, sobald die Sonne aufgeht“, sagte Jona. Der Wind heulte immer noch unerbittlich um die steinernen Mauern des Gasthauses.
„Vor Neumond könnt ihr nicht weiterreisen“, stellte die Wirtin fest. Bei diesem Sturm rauszugehen wäre Selbstmord.
„Wir haben keine andere Wahl“, sagte Jona fest entschlossen. Die Wirtin schüttelte den Kopf. Dieses Mädel ließ ihren Bruder Jahre lang in einem magischen Schlaf hier zurück. Und jetzt hatten sie nicht mal Zeit einen Schneesturm abzuwarten?
„Wir haben nur diese eine Chance!“, sagte Jona.
Die Wochen bis zur vollständigen Sonnenfinsternis waren ihr Zeitfenster, indem sie ihrem Schicksal entfliehen konnten. In dieser Zeit war der unerbittliche Blick des Sonnengottes verschleiert.
„Alleine werdet ihr es nicht schaffen“, sagte der bärtige Mann, welcher sie bisher aus seiner Ecke beobachtet hatte. Überrascht sah Jona ihn an.
„Ich werde euch begleiten, zumindest bis zum Fluss“, sagte er weiter.
Jona wollte widersprechen, aber Ethan legte ihr eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf.
„Er hat recht“, sagte er. „Wir schaffen es nicht allein!“
Und so geschah es. Gekleidet in dicke Mäntel und Stiefel verließen, die Geschwister und der Bergsteiger das Gasthaus. Als Jona die Tür aufstieß kam ihr schwall eisige Luft entgegen. Ethan neben ihr hielt sich eine Hand vors Gesicht und stemmte sich gegen den Wind.
„Soll ich dich nicht lieber tragen?“, fragte Jona.
„Nein!“, sagte Ethan. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr“. Er stapfte voran immer dem Bergsteiger hinterher, der ihnen einen Weg durch den Schnee bannte.
Der Schneesturm hatte etwas nachgelassen, so kamen sie schneller voran. Von dem Gasthaus war nichts mehr zusehen.
. Der Bergsteiger, führte sie immer weiter durch das unwegsame Gelände.
Sie war überrascht, wie gut Ethan sich hielt. Es war, als müsse er die angestaute Energie von zweihundert Jahren Schlaf loswerden. Jona, die durch ihre übermenschliche Kraft mehr Ausdauer besaß als normale Menschen, wurde vom Bergsteiger und Ethan alle paar Stunden gezwungen eine Pause einzulegen.
Ohne den Bergsteiger, hätten sie sich bestimmt verlaufen. Man konnte keine drei Fuß weit sehen. „Wir werden bald den Saum der Wolken erreichen!“, rief der Bergsteiger. „Der Saum der Wolken?“, fragte Ethan. „Es ist dort wo wir oberhalb der Wolken sind Junge“. Der Moment als der Nebel sich langsam klärte sie den blauen Himmel über sich sahen, war atemberaubend. Jona zog den Schal, den sie um ihren Kopf geschlungen hatte, nach unten.
Es war, als würden sie durch einen Vorhang ins Freie treten. Ethan schnappte nach Luft. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in die Ferne. Zum ersten Mal sah er aus wie ein echter kleiner Junge.
Unter ihnen erstreckte sich das Flusstal. Das Wasser stürzte die Berge hinab und zerschnitt den Fels, bis die Ströme sich trafen und in einem gewaltigen Wasserfall in die Tiefe stürzten, wo der Fluss sich durch Wälder und Wiesen schlängelte. Ihr Ziel war die Fähre am Fuß des Wasserfalls. Der Abstieg würde sicherlich noch einen Tag dauern.
„Lasst uns hier rasten“, sagte der Bergsteiger.
„Ihr braucht die Energie für den Abstieg“, sagte er als Jona widersprechen wollte. Sie hatte wie der einen gehetzten Ausdruck auf dem Gesicht.
„Wer auch immer hinter euch her ist, sie werden nicht durch den Schneesturm kommen, ehe ihr schon weit stromabwärts seid“, sagte der Bergsteiger.
Ethan nickte zustimmend.
„Kein Gott kann die Natur beeinflussen. Haben wir das Flusstal erreicht wird er uns nicht einholen können“.
„Er nicht, aber seine Schergen, Ethan. Wir sind nicht sicher eher wir im Tempel der Luna sind“
Der Tempel der Luna lag auf der anderen Seite des Reiches der Fae.
Fae waren jene sagenumwobenen Wesen, die Magie weben konnten und denen nachgesagt wurde nie einen Tag zu altern. Sie galten als bösartig und trachteten den Menschen nach ihren Seelen. Die Legende besagte, dass einst die Fae die Welt regierten und die Menschen unterjochten. Die Menschen beteten zu den Göttern, sie von ihrem Leid zu erlösen. Die Götter erhörten die Menschen und stiegen vom Himmel, um die Menschen von ihrem Leid zu befreien. Die Fae wurden zurückgedrängt und fast vollständig besiegt. Bis auf das Land, in dem die Geister der Natur herrschten und die Luna ihren Schutz gelegt hatte. Natürlich war dies vor allem Propaganda der Solarianer.
Nachdem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, wärmten sie sich am Feuer, das der Bergsteiger sorgfältig in einer kleinen Senke entzündet hatte, um es vor dem eisigen Wind zu schützen. Die Dunkelheit legte sich über den Berggipfel. In der Ferne hörte man das Donnern des Wassers, das stetig in die Tiefe stürzte. Ethan war schnell eingeschlafen. Jona saß dem Bergsteiger gegenüber am Feuer und schaute hinauf in den sternenklaren Nachthimmel. Sie wirkten so nah und doch so fern. Die Sterne, welche ihr in all der Zeit Trost gespendet hatten und ihre ewigen Bahnen am Himmel zogen.
„Seht Ihr diese Konstellation dort?“, fragte der Bergsteiger und deutete auf eine Reihe hellleuchtender Sterne am Firmament. „Das ist der Herr der Träume“, sagte er. Jona neigte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen, um die Sterne besser erkennen zu können.
„Er weist den verlorenen Träumern den Weg. Sollte man einst in der weiten Welt verloren sein. So zeigt sein Speer immer gen Norden“.
„Dort unten,“ sagte der Bergsteiger und deutete auf die winzigen Lichter, die im Schatten des Tals glühten. „Das ist das Dorf, zu dem wir unterwegs sind. Dort befindet sich auch die Fähre. Ihr könnt euch dort ausruhen und eure Vorräte auffüllen, bevor ihr weiterreist“.
Er legte sich einem Seufzen auf sein Lager und schloss die Augen. „Ihr solltet Euch ausruhen. Morgen wird ein anstrengender Tag“.
Jona hatte kaum ein Auge zugetan. Als die ersten Sonnenstrahlen über die Berghänge krochen, weckte sie Ethan. Nach einem schnellen Frühstück, brachen sie ihr Lager ab und machten sich an den Abstieg.
Die Luft war frisch und klar.
Der Pfad den Berg hinab war schnall und der Stein glitschig. Immer wieder griff Jona nach ihrem Bruder, wenn sie Angst hatte er würde den halt verlieren. Kleine Steine rieselten in die Tiefe.
„Heute bekommt uns das Totenreich nicht“, murmelte sie.
Ethan klammerte sich hilfesuchend an ihre Hand. Sie erreichten den Fuß des Berges als die Sonne schon tief stand und die Schatten lang wurden.
Das ohrenbetäubende Donnern des Wasserfalls machte die Kommunikation schwierig, während sie sich einen Weg am steinernen Ufer des mächtigen Stroms bahnten, der sich hier aus den zahlreichen Wasserfällen bildete, die sich von der Schneeschmelze der Berge speisten. Sie kamen auf einen Pfad, der von der einen Seite von einer kleinen Steinmauer abgegrenzt war. Auf der hügligen Wiese weideten ein paar vereinzelte Kühe, die neugierig die Köpfe hoben, als die Drei vorbei wanderten.
Das Dorf kam bald in Sicht. Der Bergsteiger blieb an einer Böschung stehen. Fragend drehte sich Jona zu ihm um.
„Weiter kann ich euch nicht begleiten“, verkündete der Bergsteiger. Seine Miene war grimmig. Jona wollte schon fragen weshalb, aber sie besann sich schnell eines Besseren. Er hatte sie bis hierhin begleitet. Wer weiß, wie sie ohne ihn ihren Weg durch die Berge gefunden hätten.
„Danke, für alles“, sagte Jona. „Ich weiß nicht, wie ich es euch vergelten kann“. Die Zähne des Bergsteigers blitzten durch seinen dichten Bart hervor. Er lächelte.
„Es war mir eine Ehre. Ich hoffe ihr findet euren Weg, Jona und Ethan“, sagte er. Ethan trat vor und umarmte den Bergsteiger. Das laute Lachen des Bergsteigers schreckte die Kühe auf. Er verwuschelte Ethans schwarzes Haar.
„Passt gut aufeinander auf. Da draußen warten viele Gefahren auf euch“, sagte er. „Ich verspreche es!“, sagte Ethan ernst.
„Ethan!“, sagte Jona warnend.
„Geht nun. Im Dorf gibt es ein Gasthaus. Dort solltet ihr Vorräte kaufen können“, sagte der Bergsteiger und wandte sich ab, um zu gehen. Sie sahen ihm noch kurz nach, dann wandten sie sich ab und machten sich auf den Weg zum Dorf.
„Wir sollten auf der Hut bleiben. Der Sonnengott hat überall im Land Schläferagenten. Er mag momentan nicht auf der Höhe seiner Macht sein, aber er wird meine Abwesenheit schon bemerkt haben“, meinte Jona grimmig.
Das Dorf lag am Ufer des großen Flusses; es bestand aus nicht mehr als einem Dutzend Steinhütten. Hinter dem Dorf sah sie nichts weiter als dunklen Tannenwald.
Sie liefen durch die leere schlammige Straße des Dorfes zum Dorfplatz und zum Gasthaus aus dessen Fenstern Licht drang. Um diese Uhrzeit waren wohl die meisten Dorfbewohner dort, um zu Abend zu essen.
Als sie die Stube betraten, herrschte dort eine ausgelassene Stimmung. Als Jona und Ethan durch die Tür traten hörten alle Gespräche schlagartig auf. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Fremde kamen um diese Jahreszeit nur selten ins Dorf am Rand der Welt. Ihre dicke Winterkleidung verriet den Bewohnern, dass sie aus den Bergen kamen. Sie erkannte tiefes Misstrauen in den verhärmten Gesichtern der Dörfler.
„Guten Abend“, sagte Jona.
„Seid gegrüßt!“, antwortete der Wirt nach kurzem Zögern. Jona und Ethan bahnten sich einen Weg zum Tresen.
„Reisende um diese Jahreszeit?“, wisperte einer. „Wer weiß“, „Besser nicht mit ihnen sprechen“, sagte ein anderer.
Das Geflüster um sie herum ebbte ab als sie am Tresen ankamen.
„Wir hätten gerne eine warme Suppe und etwas Brot für die Reise“, sagte Jona und half Ethan sich auf einen Barhocker zu setzten. Der Wirt sah den Jungen und der Anblick von dem Kind ließ sein Misstrauen dahinschmelzen.
Bald verloren auch die Dorfbewohner das Interesse und nahmen ihre Gespräche wieder auf.
„Woher kommt ihr?“, fragte der Wirt als er Jona und Ethan ihre dampfenden Schüsseln hinstellte und Jona ihm die Silbertaler hinwarf.
„Aus dem Norden. Mein Sohn und ich sind auf dem Weg zu seinem Vater“, sagte Jona mit einem falschen Lächeln auf den Lippen. Obwohl die meisten Dorfbewohner wieder in ihre eigenen Gespräche vertieft waren, fühlte sich Jona beobachtet.
Sie warf einen Blick über die Schulter. In einer Ecke saß ein Mann, der seinen Blick auf sie fixiert hatte.
„Wer ist das?“, fragte Jona den Wirt.
Der Wirt folgte ihrem Blick. „Ach, der ist so ein Sonderling. Kam vor Ewigkeiten über die Berge aus der Wüste. Und blieb seitdem. Er ist harmlos“. Bei Jona klangen alle Alarmglocken. Sie wusste das immer auf der Hut sein mussten.
Natürlich hatte ihr Vater ihre Flucht vorhergesehen. Er war der verdammte Gott der Vorhersehung. Wie es schien, war der Agent noch nicht aktiviert. Sonst hätte er sie schon angesprochen, oder?
Sie beschloss ihn zu ignorieren und ihre Suppe aufzuessen.
„Vielen Dank!“, sagte sie dem Wirt und deutete an das sie aufbrechen mussten.
„Ihr habt doch nicht vor bei Nacht zu reisen“, sagte der Wirt besorgt.
„Macht Euch keine Sorgen. Wir haben unser Lager ganz in der Nähe“, sagte Jona und schob Ethan vor sich her. Die Dorfstraße war immer noch so still und verlassen, wie vorhin. Schnell zog Ethan hinter sich her und steuerte die nächste dunkle Seitengasse an. Im Zickzack eilten sie durch die dunklen Straßen in Richtung der Fähre.
Kapitel 4
Zu ihrer Überraschung sahen sie den Fährmann am Steg stehen zusammen mit zwei großen Gestalten in dunkelgrünen Umhängen. Zuerst wollte Jona schon wieder umdrehen, doch sie hielt inne. Die beiden Fremden, da war sie sich sicher, gehörten nicht zum Sonnenkult.
„Das sind keine von ihnen“, wisperte Ethan bestätigend. „Ich weiß wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Das hier ist nicht das Traumreich, Ethan.“
Ethan mochte für sein Alter weise sein, und in der Welt der Träume tausend Leben gelebt haben; die wahre Welt hatte ihre eigenen Regeln. Langsam näherten sich die Geschwister dem Steg. Die beiden Fremden und der Fährmann waren in eine hitzige Diskussion vertieft.
---ENDE DER LESEPROBE---