ARECIBO - Sascha Ginter - E-Book

ARECIBO E-Book

Sascha Ginter

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Beschreibung

Nicht ganz 50 Jahre, nachdem vom Radioteleskop in Arecibo eine Botschaft in die Weiten des Alls gesendet wurde, nimmt eine fremde Zivilisation Kontakt mit der Erde auf und bittet um Landeerlaubnis. Beim Anflug explodiert das Raumschiff in der Atmosphäre und Teile stürzen in den Pazifik. Was wie ein Unfall aussah war die geplante Landung einer fremden Spezies in unseren Ozeanen um auf der Erde zu bleiben. Sie wollen zwar keinen weiteren Kontakt mit uns Menschen, werden aber von Zahnwalen gebeten, doch mit der Menschheit in Verbindung zu treten um für einen besseren Umgang mit der Erde zu werben. Zwischen den zweckrational-denkenden Aliens und den wertrational-denkenden Menschen fällt es jedoch schwer, eine gemeinsame Sichtweise für die Probleme der Erde zu entwickeln. Die Geschichte wird größtenteils von Sarah in der Ich-Perspektive erzählt. Sarah ist eine junge Journalistin, die in den Ablauf der Geschichte direkt involviert ist. Sarah, überdenkt durch die Auseinandersetzung mit der fremden Spezies ihre Einstellung zu vielen Aspekten des "Mensch-Seins".

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MOBI

Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sascha Ginter, Janine Ginter

ARECIBO

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Sarah Simon (29, Journalistin)

Pedro Ochoa Körner

Onkel Manolo, Puerto Meloxo

Mein dreißigster Geburtstag

Die Arecibo-Botschaft

Cerro Paranal

Die Ankunft

Neustart

Tardies

John Smith

Besucher

Überlebende

Neue Welt

Das Ende

Nachwort der Autoren

Impressum neobooks

Vorwort

Über dieses Buch: Die Personen, Ereignisse und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden oder verstorbenen Personen in diesem Buch wären rein zufällig.

Über mich: Ich bin als Kind in Südamerika als Sohn eines deutschen Lehrer-Ehepaars im Ausland aufgewachsen. Den Teil meiner Kindheit, an den ich mich gut erinnern kann, verbrachte ich unbeschwert in einer glücklichen Familie in Arequipa, Peru. Als Erwachsener hatte ich das Glück bislang in mehr als 50 Ländern auf 5 Kontinenten beruflich tätig zu sein. Wie Sie sich denken können, habe ich dabei mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Sichtweisen zu tun gehabt. Vor allem in meinen ersten beruflichen Jahren war ich bestimmt nicht immer ein angenehmer Zeitgenosse. Für viele war ich wahrscheinlich ein arroganter Schnösel, der mit geliehener Macht rumspielte. Im Laufe der Jahre habe ich mehr und mehr gelernt, was mir am wichtigsten sein sollte: Respekt und Toleranz. Respekt, weil jeder Mensch und jedes Lebewesen irgendwie versuchen das Dasein zu meistern. So richtig einfach ist es wohl für nichts und Niemanden. Toleranz, weil es mir und keinem zusteht so einfach ein Urteil über etwas zu fällen, was nur zum Teil nachvollziehbar ist. Es ist immer leicht zu sagen, dass etwas falsch ist. Schwierig ist es aber, die eigenen Fehler zu erkennen und als erste anzugehen.

Ich habe trotz der bescheidenen Auseinandersetzung mit vielen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen noch nicht DIE Wahrheit gefunden. Was ist richtig, was falsch, was ist gut, was böse? Das Verstehen der Antworten liegt wohl vor allem im Verstehen der Fragestellenden. Viele Fragen bewegen mich in meinem Alltag als Vater mit der Verantwortung für sechs Kinder, die alle mal diesen Planeten für sich entdecken und als Heimat akzeptieren und gestalten müssen. Einige meiner Fragen und Antworten habe ich in diesem Buch aufgearbeitet und dabei die Geschichte von der Auseinandersetzung mit einer fremden Zivilisation als Projektionsfläche genutzt, die einen grundsätzlich anderen Blickwinkel ermöglicht.

Die meisten Orte in diesem Buch habe ich im Laufe meines Lebens persönlich sehen dürfen. Um ein aktuelleres Bild zu bekommen, habe ich mich vor allem Google Earth bedient.

Einen großen Dank an Google für diese neue „Art des Reisens.“

Noch ein ganz wichtiger Hinweis:

Liebe Leser*innen, Betrachter*innen, Kritiker*innen und Sprachexpert*innen bitte verzeiht uns. Wir wollen weder Leser*innen beleidigen oder ausschließen und sind des Genderns durchaus mächtig.

Autor*innen dieses Buches sind meine Frau Janine Ginter und ich, Sascha Ginter. Der/Die/Das Leser*in wird viele Möglichkeiten finden, sich über unsere sprachlichen Unzulänglichkeiten aufzuregen. Der Verzicht auf eine gegenderte Sprache sollte nicht dazu gehören. Dieser Verzicht war im Sinne der Lesbarkeit eine bewusste Entscheidung.

Sarah Simon (29, Journalistin)

Dreißig! Eine schreckliche Zahl - sie schreit mich aus dem Kalender an. Sie beleidigt mich mit Fragen wie „Was hast Du denn bis jetzt geschafft? Wo ist Dein Mann? Wo sind die Kinder, die Du immer wolltest - die Familie, die Du mal geplant hast? Und wenn nicht Familie, dann wenigstens Karriere! Hat auch nicht wirklich funktioniert.“

Ich heiße Sarah Simon, bin noch 29 Jahre alt und arbeite als festangestellte Regional-Redakteurin bei einer Tageszeitung in einer Kleinstadt in Thüringen. Vor etwas über einem Jahr wurde die bis dahin unabhängige Zeitung von einem großen Medienkonzern aufgekauft. Gerüchten zufolge denken die Konzernstrategen gerade darüber nach den Bereich Tageszeitungen über kurz oder lang in reine Online-Medien zu überführen, da die Einnahmen aus Anzeigen immer mehr zurück gehen und die Abonnements nach und nach im wahrsten Sinne wegsterben. Ob und in wie weit dann noch regional, angestellte Redakteure gebraucht werden, ist nicht ganz klar, aber wahrscheinlich bin ich in wenigen Jahren arbeitslos. Eigentlich sollte meine Karriere doch ganz anders verlaufen: Nach meinem erfolgreichen Studium der Geschichte und Philosophie wollte ich ursprünglich an der Uni bleiben. Promovieren, habilitieren und dann eine nette C4-Stelle an einer renommierten Hochschule annehmen. So hatte ich meine Karriere mal vorgeplant.

Aber nach der Master-Prüfung habe ich erst mal Urlaub gemacht. Matthias, ein Bekannter, der ebenfalls an der Uni in Heidelberg studiert hatte, wollte nach seinem Master in Psychologie unbedingt auf einen Selbstfindungstrip nach Spanien. Er wollte den Jakobs-Weg von Irún nach Santiago de Compostela laufen, um „in sich zu gehen“ und fragte mich, ob ich mitlaufe. Er war zwei Wochen vor mir mit allem fertig und wollte dann doch nicht warten. Also beschlossen wir, uns in León zu treffen.

Um uns bloß nicht zu verfehlen, wollten wir uns an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in der Pilgerherberge in León treffen. In der Herberge, die „Albergue“ oder so ähnlich heißt. Naiv! Ich war da, er nicht! Viel später erfuhr ich, dass es in León zwei Herbergen für Pilger mit „Albergue“ in Namen gibt. Ich war in der „Albergue del Monasterio de las Benedictinas“ und er im „Albergue Muralla Leonesa“. Beide sind in León und beide werden für Pilger des Jakobswegs empfohlen.

Also pilgerte ich am nächsten Tag alleine los. So gegen 07:00 Uhr, weil ich dachte, ich erwische ihn dann auf dem Weg. Mein netter Master-Psychologe dachte, Frauen pilgern nicht vor 10 Uhr und lief entsprechend später los, um mich nicht zu verpassen. Die Kurzfassung: wir trafen uns erst in Santiago de Compostela, und das auch mehr oder weniger durch Zufall.

Auf den verbleibenden Etappen zwischen León und Santiago hatte ich Michael kennengelernt. Erst pilgerten wir schnaufend bis Ponferrada fast wortlos nebeneinander her. Dann liefen wir pro Tag etwas weniger und erzählten dafür mehr. In Portomarín an den malerischen Ufern des „Encoro de Belesar“ nahmen wir zum ersten mal ein Dopplezimmer statt zwei Schlafsaalbetten und besiegelten nach einem romantischen Abendessen unsere Partnerschaft. Wenn ich allen Leserinnen einen Tipp geben darf: verliebt Euch nie auf dem Jakobsweg in einen Typen in der Hoffnung, dass er zurück im deutschen Alltag noch der gleiche ist.

Michael und ich verschwendeten einige Jahre aneinander und ich zog aus meiner Studentenbude in Heidelberg zu ihm, in eine Kleinstadt nach Thüringen. Weit weg von jeglicher Möglichkeit zu Promovieren verbrachte ich meine Zeit vor allem mit Haushalt, Hunden, meinem Freund und bekloppten regionalen Ereignissen um die Zeitung zu füllen. Die Highlights meines Lebens waren Vereinsjubiläen, Parteiversammlungen auf Kreisebene, Einsätze der umliegenden freiwilligen Feuerwehren und einmal wurde eine Leiche unweit meines Wohnortes im Wald gefunden. Wie die Gerichtsmedizin schnell ermittelte, war es jedoch kein spektakulärer Mordfall, sondern nur ein Rentner, der alleine im Wald beim Wandern einem Herzinfarkt erlag. Ich will nicht sagen, dass mein Leben langweilig war - es war grauenvoll langweilig.

Jeder morgendliche Blick in den Spiegel sagte mir außerdem, dass ich weder jünger noch hübscher würde. Auch an Michael ging die Zeit nicht spurlos vorüber. Der Unterschied ist nur, dass Männer angeblich mit zunehmendem Alter reifer und interessanter werden, während wir Frauen Orangenhaut bekommen. Die moderne junge Frau merkt heute an der Menge der eingesetzten Instagram Filter, wie sich das Alter zunehmend in ihrem Gesicht breit macht. Noch hatte ich genügend Filter, um für jedes Foto einige Daumen hoch zu bekommen, aber wie lange noch? Ich sei hübsch, sagte Michael und nicht mehr, dass ich die hübscheste Frau der Welt sei. Dabei achtete ich auf mich, so gut ich konnte. Nur einmal die Woche Fleisch, viel Rohkost, jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio um wenigsten ein bisschen „Bauch-Beine-Po“ zu machen, zweimal die Woche zum Zumba und am Wochenende einen Halb-Marathon, um das Gewicht zu halten. Das Ergebnis waren wohlverteilte 55 Kilogramm auf 1,58 Meter bei einer straff sitzenden Körbchen-Größe D. Meine Augen sind zwar nicht sehr hoch über dem Boden, aber die meisten Männer können den Kopf trotzdem nicht weit genug aufrichten, um mir in die Augen zu schauen, wenn ich die richtige Bluse trage. Noch sieht alles gut aus, aber der Zahn der Zeit nagt zumindest täglich an meinen Nerven.

Michael arbeitete in einer Autowerkstatt als Mechatroniker, schraubte in seiner Freizeit an den Autos der Nachbarn oder an seinem 1968 Ford Mustang Cabrio rum, welches er manchmal mehr zu lieben schien als mich. Er hatte eine sehr klare Vorstellung von unserer Zukunft: Heiraten, zwei Kinder, den Hof der Eltern übernehmen und daraus eine Werkstatt für Oldtimer machen. Ich sollte dann aufhören bei der Zeitung zu arbeiten und mich ganz um die Vermarktung seiner Dienstleistungen kümmern und nebenbei die Kinder groß ziehen. Er würde dafür sorgen, dass es mir an nichts fehlt, und wenn ich unbedingt will, könnten wir auch mal nach Mallorca fliegen. An seinen Plänen war nichts verkehrt, außer seine Partnerin.

Ich wurde in Frankfurt am Main geboren und habe auch meine Kindheit in der „heimlichen Hauptstadt“ verbracht. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer Wohnung in Sachsenhausen, in einem der Hochhausblöcke am „Zum Laurenburger Hof“. Von meinem Kinderzimmer im siebten Stock hatte ich vor allem am Abend einen guten Blick auf die Frankfurter Skyline, die etwas flussabwärts am gegenüberliegenden Ufer vom internationalen Großstadtflair der Main-Metropole zeugte. Entweder war es die Skyline, oder die Flugzeuge im Landeanflug, die ich jeden Tag beobachten konnte, aber ich wollte in jedem Fall in die Welt hinaus und „richtige“ Hochhäuser sehen: New York, Singapur oder Dubai waren die Orte, die mir ständig im Kopf herum geisterten. Ich wollte wenigstens einmal in meinem Leben auf der Aussichtsplattform des Burj Khalifa stehen und über die Wüstenmetropole schauen.

Mit Michael habe ich es zumindest mal bis auf Rügen geschafft. Michael hasste das Reisen in andere Länder. Er sprach nur sehr wenig Englisch, liebte gutbürgerliche deutsche Küche und hatte auch sonst keine Affinität zu fremden Ländern und anderen Kulturen. Michael liebte einfach keine Überraschungen und tat sich mit allem Unbekannten und Neuen schwer. Er hatte nichts gegen Ausländer oder eine Aversion gegen fremde Kulturen. Er verabscheute zutiefst bestimmte politische Gruppierungen im Thüringer Landtag und ihre Protagonisten. Für ihn gehörte ein Döner, wie selbstverständlich zum Speiseplan. Als ich das erste Mal mit ihm in München war, weigerte er sich beständig an einer Weißwurst auch nur zu riechen. Das Neue bereitete ihm Unbehagen, nicht das Fremdländische. Daher war es schon ein sonderbarer Zufall, dass ich Michael ausgerechnet in Spanien auf dem Jacobs Weg kennen gelernt hatte, denn es war seine erste Auslandsreise überhaupt und so lange wir zusammen waren auch seine letzte.

Auf den Pilgerweg führte ihn damals der plötzliche und unerwartete Krebstod seines Vaters. Dieser war für ihn immer eine wichtige Stütze in allen Lebenslagen gewesen. Sein plötzlicher Tod schmiss Michael komplett aus der Bahn und stürzte ihn in tiefe Depressionen. Als ich ihn in León kennen lernte, war er schon mehr als 20 Tage alleine und wortlos unterwegs. Auf der Strecke bis León hatte er sich neben Blasen an den Füßen auch seinen Lebenswillen erlaufen und ich traf ihn genau in dem Moment voller Euphorie, als er seine Gedanken zu frischen Luftschlössern geordnet hatte. Genau diese erzählte er mir und, auch wenn ich es ungern zugebe, unsere Nacht in Portomarín war unheimlich schön. Ich gebe zu, dass ich vielleicht auch in einer Stimmung war, wie sie in den nächsten Jahren nicht wieder aufkommen sollte. Dass ich mich mit Michael so hemmungslos einließ lag zum einen an kleinen Rachegefühlen weil mich mein eigentlicher Schwarm Matthias einfach versetzt hatte und zum anderen daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt gerade wieder fast ein Jahr Single war. Außerdem nagte neben der Zeit auch die Orangenhaut an mir und ich wollte vielleicht einfach die Genugtuung haben, dass mir ein Mann nicht wiederstehen kann.

In Santiago übernachteten Michael und ich in der Casa de la Troya vom Hotel Carris, welches seinen Ausgang auf die Rua da Troia hatte. Einige Häuser weiter lag auf der gegenüberliegenden Seite das Cafe Dair. Da ich vor Michael munter war, beschloss ich im Dair einen Kaffee und ein Hörnchen zu frühstücken. Auf dem Weg stieß ich fast mit Matthias zusammen, der in der Casa do Peregrino neben dem Cafe Dair übernachtete. Ich schwärmte damals seit bestimmt zwei Jahren schon für den blonden Wuschelkopf, der an der selben Uni wie ich studierte. Er war in einer anderen Fakultät, aber ich hatte ihn mal auf einer Uni-Fete über eine gemeinsame Bekannte kennen gelernt. Seit diesem Fest, zwei Jahre vor dem Jakobsweg mit Michael, habe ich versucht an ihn ran zu kommen. Aber als ich ihn kennenlernte, steckten wir beide in Beziehungen: Ich war mit Holger zusammen und er mit Miriam. Wir sahen uns eher selten auf dem Campus. Über die Semester entwickelte sich eine lockere Freundschaft zwischen Kommilitonen unterschiedlicher Fakultäten. Nach meinem geheimen Plan sollte der Jacobs Weg „das gemeinsame Projekt“ werden, an dem ich ihn erobern wollte - aber, wie sagte John Lennon mal so treffend: „Life is what happens, while you are busy making other plans." (Leben ist das, was Dir passiert, während du damit beschäftigt bist andere Pläne zu machen.)

Pünktlich sieben Jahre nach meinem Zusammentreffen mit Michael und wenige Tage vor meinem dreißigsten Geburtstag hielt ich es einfach nicht mehr aus in Thüringen. Ich beschloss meinem Leben eine neue Richtung zu geben, um nicht völlig zu verzweifeln. Michael war auch nicht ganz unschuldig. Er eröffnete mir eines Tages, dass wir schon so lange zusammen seien und er sooo unendlich glücklich ist mit mir und dass er findet, dass es jetzt wirklich mal Zeit ist, über Heirat und Kinder mit ihm nachzudenken. Das war ein Fehler, dachte ich und beschloss zu gehen. Ich war so lange bei Michael geblieben, weil ich genau wusste, dass ich ihm das Herz brechen würde, wenn ich ihn verlasse. Er war kein schlechter Mensch - eigentlich war er sogar richtig liebenswürdig. Er war treu, sorgte sich um mich, machte mir Komplimente, sagte mir bis zu einhundert mal am Tag, wie sehr er mich liebt, hatte einen Job, ein Haus, einen 1968 Mustang, volles Haar, eine Riester Rente, kurz alles, was sich das prototypische Dorfmädchen wünschen könnte. Er hatte halt nur die falsche Freundin.

Ich beschloss erst einmal zu gehen. Ich beantragte unter einem Vorwand meinen Resturlaub für dieses Jahr, was mir erst mal drei Wochen Zeit für mich schenkte. Über das Internet buchte ich ein Ticket über Ryan Air von Frankfurt Hahn nach Santiago de Compostela und flog schon eine Woche nach meinem Entschluss - gleich an meinem ersten Urlaubstag - nach Spanien zurück. Ich glaube meine Idee war einfach dort weiter zu machen, wo ich mich sieben Jahre zuvor auf Michael eingelassen hatte. Nur eben ganz anders. Diesmal wollte ich den Weg zurück laufen, zum Beispiel von Santiago zurück nach Portomarín, um sozusagen ab dort eine ganz andere Gabelung auf meinem Lebensweg zu nehmen und eine alternative Zeitlinie anzutreten. In Portomarín angekommen, ging ich in das Lokal wo sieben Jahre zuvor alles mit einem romantischen Abendessen begann. Ich traf, genau auf meinem Platz von vor sieben Jahren sitzend, Pedro aus Los Ángeles.

Pedro Ochoa Körner

Mein Herz fing an schneller zu schlagen, als ich einen jungen, sehr gut aussehenden Mann genau an dem Tisch im Restaurant „O Mirador“ in Portomarín sitzen sah, an dem ich meinen verkorksten Lebensabschnitt mit Michael eingeleitet hatte. Auf den ersten Blick schätzte ich den Mann auf Anfang dreißig, was sich einige Zeit später auch als fast richtig herausstellen sollte. Tatsächlich war Pedro erst 27 Jahre alt.

Der Mann sah überhaupt nicht aus, wie ein Pilger. Er wirkte, wie ein Geschäftsmann, der nach einer gepflegten Runde Golf noch in den Club ging. Glatt rasiert, in seiner Markenjeans und einem Paul & Shark Polo wirkte er in Portomarin ziemlich deplatziert. Eine meiner vielen inneren Stimmen sagte noch so etwas wie: „Eigentlich bist Du hier, um Dich aus einer Beziehung zu lösen, nicht um gleich den nächsten Fehler zu machen!“ Sie ging aber unter in dem Sturm der anderen inneren Stimmen, die einfach nur „Wow!“ brüllten. Wahrscheinlich war er sowieso nicht mehr zu haben, dachte ich. Was hab ich also zu verlieren?

Der junge Mann saß offensichtlich noch an seiner Vorspeise, einer Portion Zamburiñas. Da ich mich sowieso gerade in so einer Art „alles egal Euphorie“ befand, beschloss ich einfach, ihn anzusprechen: „Entschuldigen Sie, Sie sitzen auf meinem Platz.“ Sagte ich in meinem Urlauber-Spanisch mit hartem deutschen Akzent. Er blickte auf, während er sich ein Stück Muschelfleisch in den Mund steckte und sagte mit sanfter aber fester Stimme: „Sorry!“. Nach dem er in Ruhe den Bissen mit einem Schluck Albariño heruntergespült hatte, sagte er in akzentfreiem amerikanischen Englisch, dass da aber noch ein weiterer Stuhl sei und er niemanden sonst erwarte.

Das Restaurant O Mirador in Portomarin verfügt nicht nur über eine sensationelle Aussicht, sondern auch über eine wirklich gute, wenn auch einfache asturianisch-galizisch-internationale Küche. Richtig günstig ist es nicht, aber Essen und Aussicht sind ihren Preis wert. Ich zögerte nicht, die Einladung des Fremden anzunehmen und setzte mich ihm gegenüber. Zu meiner Linken, das stilvoll eingerichtete Restaurant und zu meiner Rechten, eine große Panoramascheibe mit Blick auf den Stausee, der eher wie ein großer, ruhiger Fluss Portomarin umspielte.

Die Speisekarte hatte sich in den sieben Jahren vor allem in der Optik geändert, so dass ich mich schnell für eine Portion Pimientos de Padrón als Vorspeise und einen Chuletón de Ternera als Hauptgericht entschied. Zum Nachtisch bestellte ich noch einen flan de café - der hatte mich schon bei meinem Besuch vor vielen Jahren begeistert. Dazu bestellte ich einen Rotwein und ein Wasser. Für einen kurzen Moment hatte ich bei der Auswahl des Hauptgerichtes gezögert. Was, wenn mein Tischnachbar Vegetarier mit einem Hang zu Meeresfrüchten war? Ich müsste ihm ja geradezu bestialisch vorkommen, wenn ich meine Zähne in blutiges Kalbsteak haute? Aber dann dachte ich, bloß nie wieder eine Sarah vorspielen, die Du nicht bist, nur um einem Typen zu gefallen. Wenn er zu Dir passt, dann nur, weil er Dich so nimmt, wie Du bist. Und ich war nun wirklich keine Vegetarierin. Mein Tischnachbar hatte zum Hauptgang einen Spieß mit gegrilltem Seehecht und blieb bei Weißwein.

Während wir aßen, entschuldigte ich mich für mein forsches Auftreten und erzählte dem noch unbekannten Herrn, jetzt auf Englisch, dass ich mich vor sieben Jahren an diesem Tisch in einen Mann verliebt hatte, von dem ich mich gerade trenne. Einmal angefangen zu reden, sorgte der Rotwein für meinen weitersprudelnden Wortfluss. Ich erzählte und erzählte, von meinem Studium, Matthias, dem Jakobsweg vor sieben Jahren, Michael, meiner traurigen beruflichen Situation in Thüringen, meiner aktuellen Gefühlswelt, meinen Wünschen, Träumen, Sehnsüchten, kurz von allem, was sich so in den letzten Jahren angestaut hatte. Er saß da und hörte zu. Zwischendurch fragte er mal nach zusätzlichen Informationen, wie zum Beispiel wo genau ich in Thüringen wohne, wo ich studiert hatte und was ich genau studiert hatte. Fragen, die nur zeigen sollten, dass er zuhört und dass es ihn interessiert. Ich bekam gar nicht mit, dass ich mich geradezu um Kopf und Kragen redete.

Die Situation erinnert von außen betrachtet ein wenig an einen Kraken im Meer bei Kerkennah. Die Fischer auf dem tunesischen Archipel fangen Kraken, in dem sie Amphoren aus Ton auf den Grund des Meeres gleiten lassen. Die Kraken verstecken sich in den Amphoren und merken gar nicht, dass diese später langsam nach oben geholt werden. Einmal im Boot brauchen die Fischer nur das Wasser aus der Amphore zu kippen, etwas Salz in das Tongefäß zu streuen und schon kriecht der Oktopus als Beute aus der Amphore ins Fischerboot. Ich war der Krake: Um mich vor meinem Leben bei Michael „zu verstecken“, begab ich mich freiwillig in den Bann dieser gutaussehenden Amphore. Ich war gleichzeitig Krake und Fischer, denn ich hatte die Amphore ja in die Tiefen meiner Sehnsüchte gelassen und bin selbst auch noch reingekrochen. Nach dem Essen tranken wir einen Kaffee zusammen und spazierten gemeinsam den Camino de la Capilla entlang bis ans Wasser. Inzwischen war es dunkel und der Encoro de Belasar schimmerte silbern im Mondlicht. Ich versank gerade in romantischen Träumereien, als das Objekt meiner erwachenden Begierde meinte, dass es inzwischen spät sei und er morgen noch ein ganzes Stück laufen wolle. Meine Romantik-Blase zerplatzte und der Abend war zu Ende. Aber wenigstens beschlossen wir, morgen ein Stück gemeinsam zu Pilgern.

Am nächsten Morgen pünktlich, um 7:30 Uhr trafen wir uns an der Pilgerstrecke am Ortsausgang von Portomarín. Der junge Mann sah noch besser aus, als am Abend zuvor und immer noch nicht wie ein Pilger. Er trug Nordwand Pro Zip-off Pants in Anthrazit und darauf ein schwarzes Paul & Shark T-Shirt. Schwarze Doucal’s Wanderschuhe rundeten das exklusive Bild ab. Arm war meine frische Eroberung anscheinend nicht, dachte ich. Mit typisch oberflächlicher, amerikanischer Herzlichkeit begrüßte er mich wie eine alte Bekannte und wir liefen einige Kilometer schweigend nebeneinander her. Ich wollte das Schweigen schon nach wenigen Minuten brechen und ihn ansprechen. Da fiel mir auf, dass ich zwar gestern alles von mir erzählt hatte, von ihm aber noch nicht einmal den Namen wusste. Ich muss knall rot geworden sein, als mir einfiel, dass ich gestern kurz davon geträumt hatte mit ihm aufs Hotelzimmer zu gehen, obwohl ich noch nicht einmal seinen Namen wusste. Irgendwie war ich mir wohl gerade selber peinlich und sehr froh, dass er meine Stimmung gestern nicht ausgenutzt hatte. Anscheinend fiel ihm das Farbenspiel meiner Gesichtshaut auf, denn plötzlich unterbrach er das gemeinsame Schweigen und sagte, dass er Pedro heiße, Pedro Ochoa Körner und aus Los Ángeles stammte.

Aus Los Ángeles! Ich war sofort begeistert und fragte ihn nach Beverly Hills und wie viele Stars er schon kennengelernt hatte. Er sprach sehr gut Englisch, mit deutlich amerikanischem Akzent und nur ein wenig Latino-Einfärbung. Also warum nicht Kalifornien. Er lachte. Er kommt aus Los Ángeles in Chile sagte er. Der vollständigem Name der Stadt ist Santa María de Los Ángeles und sie ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz „Los Ángeles“ in der „Región del Biobío“, etwa 500 km südlich von der Landeshauptstadt Santiago de Chile. Da der vollständige Name etwas sperrig ist, nennen alle die Stadt nur Los Ángeles, wohl wissend, dass es immer wieder zu Verwechslungen und dadurch zu interessanten Gesprächen führt.

Einmal ins Gespräch gekommen, erfuhr ich viel über den hübschen Chilenen. Pedro war etwa 1,85 groß, hatte sehr europäische Gesichtszüge und hätte auch Spanier oder Italiener sein können. An einen Südamerikaner erinnerte er mich gar nicht. Seine Haut war von der Sonne gebräunt, wie bei den meisten Pilgern. Aber er hatte blau-graue Augen. Bei einem Latino würde ich eher dunkel braune Augen erwarten, aber blau? Als ich seinen vollständigen Namen hörte, wunderte ich mich nicht schlecht. Körner klang ziemlich Deutsch und das erkärte vielleicht auch die hellen Augen. Den Nachnamen Ochoa hatte ich auch schon mal in Spanien gehört. Er klärte mich schnell auf: Sein Vater war Galizischer Abstammung und lebte Ursprünglich in Cordoba, Argentinien. Auf Studienreise in Santiago lernte er seine Mutter kennen, die eine Urenkelin von Emilio Körner war. Emilio Körner - eigentlich Emil Körner. Er war ein preußischer Offizier, der 1885 nach Chile entsandt wurde und es dort vom Militärberater zum General brachte. Der Großvater seiner Mutter ging aus der Ehe zwischen Emil Körner und Mathilda Junge hervor, der damaligen Tochter des deutschen Generalkonsuls. Er war also zumindest zu einem Teil spanischer und zu einem kleinen Teil deutscher Abstammung. Schon Pedros Mutter sprach kein Deutsch mehr, so dass er bis auf seinen Namen mütterlicherseits auch kein Wort Deutsch sprach.

Seinen Schulabschluss machte er in seiner Heimatstadt und ging dann nach Concepción um Astronomie zu studieren. Eigentlich wollte er in die Millionenstadt Santiago, aber seine Eltern fanden, dass Santiago zu weit weg ist und Concepción, nur etwa eineinhalb Stunden mit dem Auto entfernt, auch über eine sehr gute Universität verfüge. Er schloss an der „Universidad de Concepción“ mit dem Titel „Profesional de Astronomía“ als Jahrgangsbester ab. Während seinem Studium durfte er ein Praxis-Semester im „Cerro Tololo Inter-American Observatory (CTIO)“ forschen. Es ist nicht das beste Obervatorium Chiles, aber es ist das südlichste der drei internationalen Observatorien und liegt damit am nächsten an Concepción. Während des Semesters lernte er Mark Swain kennen. Einen amerikanischen Astrophysiker vom Jet Propulsion Laboratory der NASA, der gerade auf dem 10 km entfernten, rund 500 Meter höheren Cerro Pachòn mit dem „Southern Astrophysical Research (SOAR) Telescope“ jagd auf Exoplaneten machte. Der Kontakt zu Swain riss nie wieder ab, da beide die Leidenschaft für Exo-Planeten teilten und sich zu diesem Thema ein reger Austausch bildete. Swain war es auch, der Pedro half sich erfolgreich auf ein Stipendium an der University of California zu bewerben. Pedro konnte darauf hin in den USA seinen Ph.D. abschließen. Sein Forschungsschwerpunkt blieben Exo-Planeten. Und hier neben der reinen Entdeckung vor allem spektrographische Messungen der Atmosphäre. Planeten außerhalb unseres Sonnensystems aufspüren, war faszinierend. Pedros Traum war es, wie bei fast allen Exo-Planeten-Jägern, einen zu finden auf dem Leben existieren könnte. Noch besser wäre es natürlich, direkt Leben zu finden, aber das sah Pedro mit den aktuellen Instrumenten und Verfahren als eher sehr unwahrscheinlich an.

Wie fast alle Astrophysiker, die sich mit Exo-Planeten beschäftigten, war auch Pedro überzeugt davon, dass es Leben außerhalb unseres Planeten geben musste. Allein die Menge an Galaxien mit ihrer unglaublichen Menge an Sternen um die wahrscheinlich eine noch viel größere Menge an Planeten kreisen, lassen den Gedanken, dass wir der einzig belebte sind, ziemlich töricht erscheinen. Dass wir aber deswegen je auf anderes Leben in den Weiten des Alls stoßen, ist bei den ungeheuren Entfernungen da draußen allerdings ebenso töricht. Noch verrückter ist die Angst vor Außerirdischen oder gar außerirdischen Besuchern der Erde. Wenn wir kurz über unsere eigene Geschichte nachdenken, erklärte mir Pedro mal, dann sind wir von den 4 Millionen Jahren, die es Menschen auf der Erde gibt, gerade mal in den letzten 150 Jahren in der Lage Funkwellen zu senden und zu empfangen. Auf das gesamte Leben auf der Erde mit seinem Alter von geschätzten 3,8 Milliarden Jahren hochgerechnet, heißt das: Die Wahrscheinlichkeit rein zeitlich gerechnet auf Leben mit Funkfähigkeit zu stoßen würden Außerirdische bezogen auf die Erde mit 150 zu 3,8 Milliarden oder 1 zu 2,53 Milliarden angeben. Oder nochmals ganz anders betrachtet, wenn eine außerirdische Zivilisation aus einer Entfernung von nur 300 Lichtjahren die Erde beobachten würde, könnten sie am 2. November der Gründung des Russischen Kaiserreiches beiwohnen und müssten noch mehr als 150 Jahre auf die erste Radiosendung warten. Ein außerirdischer Beobachter von der nächstgelegenen Spiralgalaxie, dem Andromeda Nebel, würde auf der Erde dem „Homo Habilis“ als modernste Primatenform beim Umgang mit Ästen als Werkzeug zuschauen können. Auf die erste Rundfunkübertragung müsste er noch 2,5 Millionen Jahre warten. Diese Entfernungen machen es sehr unwahrscheinlich, anderen Zivilisationen zu begegnen. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Während seiner Zeit an der UCL nahm Pedro an vielen Konferenzen teil und lernte auf einer den Astrophysiker Frank Drake kennen. Frank Drake ist seit 1984 der Präsident des SETI Instituts. Die von Drake entwickelte Gleichung gilt seit den 1960er Jahren als Grundlage aller Diskussionen in Bezug auf die Suche nach extraterrestrischem Leben. Die auch als Green-Bank-Formel oder SETI-Gleichung bekannte Multiplikation verschiedener Faktoren dient zur Abschätzung der Anzahl der technischen, intelligenten Zivilisationen in unserer Galaxie, der Milchstraße. Auf der Green-Bank-Konferenz wurden nach der Gleichung drei Modelle vorgestellt, die von 1 bis 400.000 intelligenten Zivilisationen in unserer Galaxie reichten.

Pedros Zeit in Kalifornien erklärte sein gutes Englisch und sein weltgewandtes Auftreten. Aber warum treffe ich diesen erfolgreichen und attraktiven jungen Astrophysiker ausgerechnet hier?

Vielleicht hängt meine Neugier mit meinem Beruf zusammen, vielleicht ist aber auch der Beruf die logische Konsequenz aus meiner ewigen Neugier. Eigentlich bin ich ein geduldiger Mensch, aber manchmal brennen Fragen so intensiv in mir, dass ich das Gefühl habe zu platzen. Dann muss ich einfach fragen. Also fragte ich Pedro ganz direkt, warum ich ihn ausgerechnet hier treffe, wo er doch gerade seinen Ph.D. am MIT gemacht hatte. Seine Antwort kam etwas überraschend und lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Gott...

Ok, ein wenig komplizierter war sie eigentlich schon: Pedro erzählte mir, dass er aus einer katholisch geprägten Familie stamme. Nicht wirklich tief religiös, aber zumindest seine Mutter war wohl ziemlich gläubig. Er selbst hatte, bei seinem Studium nicht verwunderlich, eher keine Affinität zum Glauben und würde sich am ehesten als Agnostiker bezeichnen. Der Agnostizismus als Philosophie geht davon aus, dass die Existenz oder Nicht-Existenz eines höheren Wesens unklärbar ist oder nicht geklärt werden sollte. Er bezeichnete sich als Agnostiker, weil er religiösen Diskussionen aus dem Weg gehen wollte. Als jugendlicher sagte mir Pedro, hätte er immer behauptet Atheist zu sein und versucht „Beweise“ gegen Gott zu finden. Je älter er wurde, desto unsicherer wurde er, was seine radikale Glaubensposition anging. Heute dachte er, dass die Vorstellung von einem Schöpfergott zwar nett, aber wenig sinnvoll sei. Vor allem für einen Wissenschaftler, der sich mit Exo-Planeten auseinandersetzt.

Im ersten Buch Moses, so erinnerte er sich an seinen Religionsunterricht, brauchte Gotte einen ganzen Tag um die Tiere auf der Erde, einschließlich den Menschen zu schaffen. Und einen Tag für die Tiere im Wasser und die Vögel. Noch einen Tag für die Pflanzen. Dazwischen, am 4. Tag, hat Gott so quasi nebenbei die Sonne, den Mond, einige Billionen Galaxien mit jeweils einigen Billionen Fixsternen geschaffen. Die meisten davon werden wahrscheinlich von Planeten umkreist, von denen wir zwar erst einige Tausend gefunden haben, aber es werden jedes Jahr mehr. Und er hoffte, dass auf denen einiges an Leben zu finden ist - irgendwann. Lustige Vorstellung. Der vierte Tag muss ganz schön anstrengend für Gott gewesen sein. Der Pfarrer aus der Pfarrei, zu der sein Elternhaus in Los Ángeles gehörte, war bei der Lösung dieser Frage auch keine große Hilfe. Schon als Kind hat er ihn gefragt, ob er ihm mal erklären könnte, warum Gott sich drei von sechs Tagen mit der organischen Besiedlung der Erde aufhält, an zwei Tagen den leeren Weltraum und ein paar entscheidende Moleküle erschafft und am vierten Tag mal eben so das restliche Universum? Der Pfarrer antwortete ihm sinngemäß, dass das alte Testament nicht wörtlich zu nehmen sei, und dass das höchstens der „Beleg“ für die Einzigartigkeit der Erde, als einzig belebter, quasi göttlicher Planet im Kosmos sei.

Tatsächlich stellte er während seinem Studium fest, dass die Beweislage für außerirdisches Leben weniger als dünn war und der Glaube an seine Existenz doch mehr mit dem Glauben an Götter gemein zu haben schien, als ihm lieb war. So wie Gläubige davon ausgehen, dass es einen Gott geben muss, gehen Exo-Biologen davon aus, dass es außerirdisches Leben geben muss - alles andere würde für beide Gruppen keinen Sinn ergeben. Als kritischer junger Wissenschaftler wollte Pedro einfach seinen eigenen Kopf frei bekommen. Zu oft hatte er sich darüber aufgeregt, dass allgemein gültige Positionen in der Astrophysik oft zu schön sind um wahr zu sein und nur aus bestimmten Perspektiven heraus wirklich Sinn machen. Eine der prominentesten Thesen in dieser Kategorie: Der Urknall.

Als Astrophysiker meinte Pedro, kann er den Urknall weder beweisen noch widerlegen. Die allgemein als Hinweis auf den Urknall geltende Hintergrundstrahlung im Universum könnte durchaus auch andere Erklärungen haben und neuere Messungen zeigen, dass die alten mathematischen Expansionsmodelle zum Universum nicht mehr haltbar sind. Um an der Urknall-Theorie dennoch festhalten zu können, musste sich vor allem die theoretische Astrophysik neue Kräfte und neue Formen der Materie einfallen lassen - Dunkle Energie und Dunkle Materie.