Ariowist und Inkubus - Lennart Bartenstein (geb. Pletsch) - E-Book

Ariowist und Inkubus E-Book

Lennart Bartenstein (geb. Pletsch)

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Beschreibung

Siebzehn Jahre sind vergangen, seitdem Prinz Aldrin auf die Krone verzichtet und der Herrschaft über Albenbrück ein beschauliches Leben auf dem Land vorgezogen hat. Doch der Frieden zwischen Elben und Menschen droht zu zerbrechen, als eine Gruppe bewaffneter Rebellen die alte Ordnung im Reich wiederherstellen will. Aldrin und seine Frau Juliana werden unvermittelt in die Turbulenzen hineingerissen, als Anhänger der Rebellen ihre Tochter entführen. Eine Odyssee bis ans Ende der bekannten Welt beginnt. Und hinter all dem scheint ein alter Feind zu lauern, den Aldrin längst für vernichtet hielt. Im zweiten Band der Ariowist-Saga gibt es ein Wiedersehen mit vielen bekannten Helden aus "Ariowist und Birkenfeuer", die sich neuen Abenteuern stellen müssen. Ein Muss für Fans des ersten Bandes. Und auch für Neueinsteiger ideal geeignet, um in die einzigartige Fantasy-Welt des Ariowist einzutauchen. "Bei diesem Buch stimmt einfach alles und es lässt das Herz eines jeden Fantasy-Fans höher schlagen." (Rezension zu Ariowist und Birkenfeuer bei amazon.de)

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Lennart Bartenstein

 

Ariowist

und Inkubus

 

 

Inhaltsverzeichnis

Ariowist und Inkubus

Impressum

Frontispiz

Widmung

Inhalt

Dramatis Personae

Maßeinheiten

Von Albenbrück, der alten Stadt… oder: Was bisher geschah

Prolog

Teil I: Ein Sturm zieht auf

1. Skaldbach

2. Hilferuf aus Albenbrück

3. Aufbruch der Bruderschaft

4. Grauen

5. Die Jagd beginnt

6. Wahre Macht

7. Rückkehr nach Albenbrück

8. Herbomir und Brenon

9. Vor der Ratsversammlung

10. Unverhoffte Hilfe

11. Im Haus des Kaufmanns

12. Überfahrt nach Garthland

13. Eine falsche Fährte

14. Reiter auf dem Sturm

15. Die Reise zur schwimmenden Stadt

Teil II: Am Ende aller Dinge

1. Der Fall von Albenbrück

2. Garthland

3. Das Versteck der Bruderschaft

4. Dragoth und der Lindwurm

5. Die Herrscher von Vyroneia

6. Feuersbrunst

7. Schuld

8. Die sehende Hand

9. König der Elben

10. Ariowist und Inkubus

Teil III: Abschied von Albenbrück

1. In den Fängen des Lordprotektors

2. Brenon und Juliana

3. Schlaf der Toten

4. Das Verlies von Albenbrück

5. Verschwörung in der Dämmerstunde

6. Hochzeit und Hinterhalt

7. Der Unschaubare

8. Die Abtrünnigen

9. Sonnenwende

10. In Finsternis verloren

11. Im Schatten der Weide

Anhang

Sprache der Garthen

Danksagungen

Ariowist und Inkubus:

© Copyright by

Lennart Bartenstein (geb. Pletsch)

Saarallee 24c

54470 Bernkastel-Kues

[email protected]

http://ariowist.de/

facebook: Ariowist

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

Umschlagillustration: © Copyright 2017 by Finja Helena Zander

Landkarte: © Copyright 2015 by Frauke Schütz

Die Rechte liegen bei den Illustratorinnen.

 

Erstveröffentlichung des Romans: 17.02.2017 in Kiel

 

Lennart Bartenstein (geb. Pletsch)

(Autor), geboren 1991 in Schleswig, hat nach dem Psychologie-Studium in Kiel 2017 mit der Ausbildung zum Psychotherapeuten an der Uni Trier begonnen. Während der Arbeit am ersten Band des Ariowist entwickelten sich so viele unerzählte Geschichten um die Helden, dass ein zweiter Teil beinahe zeitgleich entstand.

 

Finja Helena Zander

(Illustratorin Umschlag), geboren 1991 in Eckernförde, studiert Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Kiel. Seit ihrer Kindheit begeistert sie sich für das Zeichnen und Malen, sodass sie auch den zweiten Band des Ariowist-Liedes illustriert hat.

 

Für Hannah

 

 

© 2015 Frauke Schütz

Eine hoch aufgelöste Karte zum Ausdrucken findest Du auf http://ariowist.de/map.html

 

Dramatis Personae

Aldrĭn: Sohn König Arkil III, der vor siebzehn Jahren der Krone entsagte und zusammen mit seiner Frau Juliana von Klyenna in ihr Heimatland Dysthirthéth im Norden des Reiches zog, um ein einfaches Leben auf dem Land zu führen. Er war der Ariowist, vom Schicksal dazu be­stimmt, den Inkubus zu vernichten und den Frieden zurückzubringen.

 

Juliana von Klyenna: die Schwester von Ekiredis und Tochter des verstorbenen Fürsten Baldur von Klyenna. Sie kennt Aldrĭn seit ihrer Kindheit und heiratete ihn kurz nach Ende des Krieges.

 

Atli Puk: ein älterer, gemütlicher Hochlandelb, der sein Haus neben Aldrĭns Kate hat

 

Rovinja: Tochter von Juliana und Aldrĭn, siebzehn Jahre alt

 

Galeon: der sechsjährige Sohn von Juliana und Aldrĭn

 

Halldor Granciël: ein Raubritter im Norden von Dysthirthéth, einst Lehnsmann des Baldur von Klyenna. Er diente an der Warge unter Dirions Feldmarschall Eristrian zu Beothin und hat sich nach dem Krieg zu einem gesetzlosen Tyrannen entwickelt

 

Ekiredis von Klyenna: der Bruder von Juliana und ein alter Freund von Aldrĭn. Er war nach Ende des Krieges dem Rat von Albenbrück beigetreten und lebt seit Ende seiner Amtsperiode als reisender Kaufmann.

 

Marius von Jalúa: Graf von Redencia und amtshabender Konsul des Rates von Albenbrück. Aldrĭn, Juliana und Ekiredis lernten ihn einst zusammen mit Kalil Kalyssataria nach einem Schiffbruch auf Triga kennen.

 

Brenon von Asmond: Sohn eines Ritters aus Dysthirthéth und nun Anführer der Geldrischen Bruderschaft

 

Herbomir von Astarwisch: ein altgedienter Ritter aus Baudobriga, welcher Brenon als Wai­senkind aufnahm und für ihn wie ein Vater sorgte

 

Gorakon Esefo: ehemaliger Anführer der königlichen Palastgarde. Da er die rechte Hand des Despoten Egrodt von Asyc war, wurde er von der neuen Ratsversammlung nach dem Krieg lebenslang in den Kerker gesperrt. Bis ihn die Geldrische Bruderschaft freikaufte.

 

Emian: ein Thurse aus Tir’dahall

 

Sherouk Borkensohn: der Ratsherr der Buckler

 

Gastían: Ratsherr der Thursen

 

Illúzian: Ratsherr der Silvaner, auch „Der Unüberwindbare“ genannt

 

Wulvrin von Waren: ein altgedienter Ritter und seit Jahren Mitglied im Rat

 

Joread zu Beothin: Sohn des Feldmarschalls Eristrian, ein umherziehender Jüngling des nie­deren Adels

 

Kalil Kalyssataria: gebürtiger Südländer und früher Zimmermann auf einem Schiff von Jalúa. Er verschwand nach den Abenteuern des ersten Ariowist-Liedes lange Zeit und versuchte zuletzt sein Glück als Zuhälter in Berydor.

 

Grita: Gastwirtin in Jormstatt, der Hauptstadt Garthlands

 

Jutla: eine Küchenmagd von Grita

 

Dragoth: König von Garthland, hat als junger Mann den Lindwurm Gythswil erschlagen

 

Aethel: ein Handlanger der Geldrischen Bruderschaft, der Kalil und Juliana auf Vyroneia auflau­ert

 

Konsul: Kalils Esel

 

Arbadaqk: Magier und oberster Alchemist der freien Akademie von Albenbrück

 

Der König der Elben: auch „Der Unschaubare“ oder „Herr des Waldes“ genannt

 

Ulfried: ein Freund Joreads, der sich als Verräter entpuppen sollte

 

Imizarion: oberster Alchemist der freien Akademie, Nachfolger von Arbadaqk

 

Ezardt: Kerkermeister von Albenbrück

 

Umandel: eine Anführerin unter den silvanischen Kriegern

 

Maßeinheiten

 

Zoll: etwa 3 cm

Handbreit: etwa 10 cm

Fuß: etwa 30 cm

Spanne: eine halbe Elle

Elle: etwa 50 cm

Schritt: knapp 75 cm

Klafter: drei Ellen

Mannshoch: etwa 1,7 m

Albenbrücker Meile: 1524 m

 

Von Albenbrück, der alten Stadt…

oder: Was bisher geschah

 

Vorangestellt sei diesem zweiten Teil des Liedes vom Ariowist, dass Ihr ihn gänzlich ohne Kenntnis dessen Euch zu Gemüte führen könnt, was sich vorher um Aldrĭn, Juliana und ihre Gefährten ereignet hat. Wer dennoch nicht darauf verzichten mag, für den sind im Folgenden die Ereignisse, welche siebzehn Jahre vor diesem Band spielen, noch einmal zusammengefasst.

 

Das Königreich Albenbrück liegt seit Jahren mit der Insel Triga im Krieg. König Arkil von Albenbrück entsendet seinen jüngeren Sohn Aldrĭn auf die Mission, den Herrscher von Triga, den mächtigen Apukunen, mithilfe des heiligen Schwertes Galyndúr zu schlagen. Aldrĭn soll der sagenumwobene Ariowist sein, jener Auserwählte, der es als einziger Königssohn vermag, den Apukunen zu bezwingen.

Zur gleichen Zeit soll sein älterer Bruder, Prinz Dirion, einen Angriff der Triganer zurückschlagen, die sich am Fluss Warge zusammengerottet haben. Während Aldrĭn sich mit seinen Gefährten Juliana und Ekiredis auf den gefährlichen Weg nach Triga macht, hadert Dirion mit seinem Schicksal. Sein jüngerer Bruder wird von seinem Vater, dem König, zum Helden gemacht, während er selbst auf ein Himmelfahrtskommando entsendet wird. Vielmehr noch zürnt es ihn, weil zur gleichen Zeit seine Hochzeit mit seiner Verlobten Kyjera stattfinden sollte. Kyjera hingegen lässt sich nicht unterkriegen und begleitet Dirion kurzerhand an die Front, für den altmodischen Hofstaat von Albenbrück ein unerhörtes Gebaren.

Dirion hofft im Geheimen darauf, dass er Unterstützung vom Grafen Egrodt von Asyc erhält und den Krieg binnen Monaten entscheiden kann. Dies nämlich hat er Kyjera versprochen: zum Fest des Birkenbrennens sollen sie heiraten. Egrodt von Asyc indes hat mit Dirion einen Plan geschmiedet, die geheimnisvollen Elbenvölker um Hilfe zu ersuchen, obwohl der König es verboten hat.

Aldrĭn gelingt es, zusammen mit seinen Freunden den Apukunen zu schlagen, der sich als der Dämon Inkubus entpuppt. Der Inkubus war in ein Kind gefahren und hatte in dessen Gestalt die Schlachten gegen Albenbrück geführt. Zum Schrecken unserer Helden handelte es sich jedoch nicht um irgendein Kind, sondern den Sohn des Egrodt von Asyc. Bald zeigt sich, dass Egrodts Pläne, Dirion im Krieg zu unterstützen, vor allem von seinem Rachedurst an den Triganern getrieben werden, die sein Kind entführt hatten.

Dirion verliert inzwischen viele seiner besten Männer gegen die Triganer an der Warge. Bei einem Überraschungsangriff fällt ihnen sogar Kyjera zum Opfer. Nun verliert Dirion die Kontrolle über sich. In der Überzeugung, vom König und den Fürsten verraten worden zu sein, reitet er zurück in die Stadt Albenbrück und bringt die Ratsversammlung um, wie auch seinen Vater. Der Einzige, der sich zur Wehr setzt, ist Egrodt von Asyc. Als Dirion aus seinem Wahn wachgerüttelt wird, ist er Egrodt im Entsetzen über seine Taten wehrlos ausgeliefert. Doch der Graf lässt ihn laufen.

Dirion taucht in einem Kloster unter, krank an Leib und Seele. Inzwischen kehren Aldrĭn und seine Gefährten zurück. Anstatt als Helden gefeiert zu werden, können sie nur knapp einem Anschlag von Egrodt entgehen und müssen fliehen. Der Graf sieht nun die Stunde seiner Rache gekommen und setzt sich an die Spitze des königlosen Reiches. Niemand kann ihn nunmehr daran hindern, die Elben zu seinen Verbündeten zu machen. Und das erste Ziel dieses neuen Bündnisses soll die Vernichtung Trigas werden.

Durch seinen Sieg über den Apukunen ist Aldrĭn nun aber der Schutzpatron der Insel geworden und will den Völkermord mit allen Mitteln verhindern, doch noch sind ihm Egrodts Häscher auf den Fersen. Hilfe findet er bei der Armee, welche Dirion an der Warge zurückgelassen hat und die Aldrĭn als neuen Anführer anerkennen.

Auf Triga kommt es zur Konfrontation zwischen Aldrĭn und seinen Verbündeten mit Egrodts Elbenheer. Egrodt selbst kann Aldrĭn schließlich nur allein stellen, doch unterliegt er ihm im Zweikampf. Ehe er durch die Klinge des Grafen stirbt, erscheint jedoch Dirion und rettet seinen Bruder. Wieder bei Kräften, hat er entschieden, sich seiner Vergangenheit zu stellen und Egrodt gemeinsam mit Aldrĭn aufzuhalten. Dirion kann Egrodt zwar bezwingen, doch verliert er dabei selbst das Leben.

Die Insel Triga ist gerettet. Zurück in Albenbrück dankt Aldrĭn als Thronfolger ab und überlässt einer neuen Ratsversammlung aus Menschen und Elben das Regieren. Er selbst zieht sich aufs Land zurück, zusammen mit Juliana, mit der sich zwischenzeitlich mehr als nur Freundschaft entwickelt hat.

Das Reich Albenbrück sieht einer friedlichen Zukunft entgegen, in der Elbenvölker und Menschen in Eintracht zusammenleben…

Prolog

Aldrĭn setzte bedächtig einen Schritt vor den anderen und spürte, wie die Feuchtig­keit des hohen Grases seine baren Füße benetzte. Er hatte sich nichts als die Hose und ein Hemd übergezogen und war dann aus dem Haus geeilt. Irgendetwas, glaubte er, hatte ihn gerufen. Irgendetwas war dort in der Dunkelheit, das seinen Namen gerufen hatte, weswe­gen er klopfenden Herzens aus dem Schlaf geschreckt war. Doch nun konnte er nichts mehr hören. Nur das Gefühl war noch da, das sich eingestellt hatte, als er den Ruf vernommen hatte. Ein Gefühl, das ihm zwar vertraut erschien, jedoch seit Jahren tief im hintersten Win­kel seines Herzens geschlummert hatte.

Über den saftigen Wiesen hingen dichte Nebelschwaden. Das fahle Mondlicht konnte nur mit Mühe hindurchbrechen und ließ die Schatten der spärli­chen Bäume erkennen, die am Ufer standen. Nichts regte sich und bloß das leise Plätschern der Wogen, die an die Böschung des Sees schwappten, durchbrach die Stille.

Er sah hinauf zum Himmel und betrachtete die schwarzen Wolken, die wie mächtige Dreimaster im kräftigen Seegang am Mond vorbeifuhren. Es mussten Schiffe von weit her sein, die dort über das Himmelszelt in die Heimat eilten. Je länger er die Umrisse der Kähne beobachtete, desto realer schienen sie ihm, bis er schließlich glaubte, das Rauschen des Windes zu hören, der in die Segel ging. Immer lauter wurde das Geräusch, bis es beinahe wie das Schlagen von Flügeln klang, die zusehends näher kamen.

Plötzlich verdunkelte sich der Mond und ein riesiger Schatten tauchte über Aldrĭn auf. Die Dunkelheit schien ihn mit einem Mal ganz und gar zu verschlingen und ihn überkam ein kalter Schauer. Die düstere Gestalt blieb noch einen Augenblick über ihm in der Luft und schlug die weiten, gefiederten Schwingen. Dann ließ sich der Schatten beinahe lautlos im Gras nieder und richtete sich nur wenige Schritt vor Aldrĭn auf. Auf seinen Hinterbeinen ste­hend und mit angelegten Flügeln war das Geschöpf noch immer um einiges größer als er und allein dieser Umstand verlieh ihm eine unheimliche Erscheinung in der Nacht. Doch noch furchteinflößender waren die leuchtenden gelben Augen, die wie zwei Diamanten aus der Unterwelt glühend auf der Stirn prangten.

„Ariowissssst“, zischte die Gestalt und Aldrĭn erkannte einen krummen Schnabel an­stelle eines Mundes. Instinktiv griff er zu seinem Gürtel, wo er sein Schwert glaubte. Doch hatte er Galyndúr in der Truhe zurückgelassen, wo er es seit Jahren verwahrte. Die Präsenz seines Gegenübers aber schleuderte ihn mit einem Mal weit zurück in die Vergangenheit. Er empfand dieselbe Furcht, die ihn überkommen hatte, als er auf dem großen Turm des Apukunen auf Triga dem Inkubus gegenübergestanden hatte. Vor nunmehr über siebzehn Jahren.

„Deine Waffe…“, sprach das Ungeheuer mit heiserer Stimme, „sie wird dir nichts nüt­zen.“

Er wollte flüchten, zurück ins Haus eilen und sein Schwert hervorholen. Es hatte den Dämon schon einmal vernichtet, es würde ihm seinen Dienst auch ein zweites Mal erwei­sen! Er würde die Nachbarn rufen, sie warnen. Und er würde seine Familie in Sicherheit bringen!

Doch konnte er sich keinen Schritt von der Stelle rühren, noch vermochte er um Hilfe zu schreien. Die Angst hatte ihn ganz und gar gelähmt und ließ ihn wie angewurzelt vor dem Ungeheuer dastehen.

„Du willst mich vernichten“, raunte der Inkubus ihm verachtungsvoll zu, „doch das wirst du nicht, denn ich bin weit weg. Unter die Erde hast du mich verbannt.“ „Und ich werde es wieder tun!“, brachte Aldrĭn endlich hervor. Die Furcht war plötzlich einem unbän­digen Zorn gewichen. Wäre dieses Ungeheuer nie auf Erden gewandelt, so wäre nie all das Leid über ihn gekommen. So viele seiner Lieben wären noch am Leben. Ein brodelndes und zischendes Geräusch erklang aus dem Adlerzinken des Dämons und es erschien Aldrĭn, als würde das Ungetüm lachen: „Du begreifst nichtsss, du jämmerlicher Tor! Ich bin tief unter der Erde gefangen, am Fuße des Gramrok, wo Grimm und Anxius zusammenfließen.“ Aldrĭn kannte die sagenhaften Ortsbezeichnungen der Unterwelt. Doch glaubte er kein Wort von dem, was die unheimliche Erscheinung dort behauptete. Wenn es tatsächlich der Inkubus und dieser in die Unterwelt gebannt war, dann konnte er sich kaum zugleich vor Aldrĭns Haus am Bengadesch aufhalten. Es sei denn… es handelte sich tatsächlich bloß um eine Erscheinung.

Doch bevor Aldrĭn sich nicht absolut sicher war, würde er kein Risiko eingehen. Wenn das Ungetüm ihn hätte töten wollen, so hätte es längst Gelegenheit dazu gehabt. Es musste also aus einem anderen Grund aufgeschlagen sein.

„Was willst du von mir?“, fragte Aldrĭn trotzig. Der Inkubus brummte einige Worte in einer fremden Sprache, dann knurrte er: „Dein Herz rauben werde ich dir!“ „Was will ein Ungeheuer wie du mit einem reinen Herzen?“, pöbelte Aldrĭn stolz zurück und wunderte sich im nächsten Augenblick selbst über seinen plötzlichen Mut. Doch tadelte er sich ebenso in­nerlich dafür, dass er den Dämon auch noch reizte, obwohl dieser ihm doch zweifelsohne überlegen war.

Wieder gab der Inkubus sein glucksendes Gelächter von sich, dann spreizte er ruckar­tig seine Flügel und Aldrĭn erwartete schon, dass er im nächsten Augenblick über ihn herfal­len würde.

Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen zuckte Aldrĭn zusammen, als er einen markerschütternden Schrei hinter sich hörte. Es war der angsterfüllte Schrei eines Mädchens gewesen, das aus seinem Haus zu ihm gedrungen war. Es war der Schrei seiner Tochter! Mit einem Mal überkam ihn wieder die Panik und sie war größer denn je. Ungläubig sah Aldrĭn sich nach dem Inkubus um, doch der Dämon war urplötzlich verschwunden. Vor seinem inneren Auge überschlugen sich die Ereignisse und Aldrĭn malte sich bereits das Schlimmste aus.

Stolpernd eilte er zurück in Richtung seines Hauses, machte einen Satz auf die Veranda und stürzte durch die noch offene Vordertür hinein. Im Zimmer seiner Tochter flackerte Licht, wie Kerzenschein im Windzug und er hörte lautes Poltern, als er näher kam. Alle Muskeln in seinem Körper spannten sich, sein Gesicht zu einer hasserfüllten Fratze verzogen und mit geballten Fäusten stürmte er in das Zimmer, bereit zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Doch gerade, als er die Tür aufstieß, wurde er von einem gleißenden Licht geblendet, das ihn wie von unsichtbarer Hand zurückschleuderte, sodass er rücklings in unergründliche Finsternis stürzte. Schweißgebadet erwachte er.

Teil I: Ein Sturm zieht auf

 

Skaldbach

Blinzelnd sah Aldrĭn aus dem Fenster der Kate, das hereinströmende Licht der Morgensonne blendete ihn. Der Morgentau lag auf den Pflanzen, die im kleinen Acker auf der Ostseite des Hauses gediehen und die aufgehende Sonne ließ einen silbrigen Nebel über dem dunklen Erdboden aufsteigen.

Langsam bahnte sich die goldene Scheibe ihren Weg über die Gebirgskette am Horizont und bald würde der ganze Garten von ihrem lebensspendenden Licht beschienen werden. Aldrĭns Blick wanderte über die sauber gesetzten Reihen von Gemüse und Getreide aller Art: Mohrrüben, Gurken, Kürbisse, Kohlrabi, Kartoffeln, Mais und allerhand andere wuchsen nebeneinander und versprachen eine reiche Ernte im kommenden Sommer.

Der Anblick des Gartens im Sonnenschein strahlte unerschütterliche Ruhe und Friedlichkeit aus. Doch Aldrĭn wurde das beklemmende Gefühl nicht los, das ihm sein Traum beschert hatte. Rasch zog er die Bettdecke beiseite und zog sich die Leinenhose über, welche über einer breiten Truhe unter dem Fenster lag. Dann verließ er das Schlafzimmer und ging durch die Küche in Richtung der Haustür.

Als er die schmale Veranda betrat, knarzte der Dielenboden wie gewohnt laut auf. Als hätte sie auf dieses Signal gewartet, rief eine Stimme vom Grundstück, das westlich an Aldrĭns Kate anlag, herüber: „He, Nachbar! Haben wir heute kein Tagwerk zu verrichten?“

Aldrĭn versuchte die Stimme zu ignorieren, denn sie gehörte zu einem Hochlandelben, der schon in den Morgenstunden die Gabe besaß, anderen ihre Unzulänglichkeiten vorzuhalten. Ungerührt schlenderte Aldrĭn zur Pumpe vor der Veranda und drückte den gusseisernen Schwengel hinunter, sodass sich klares Grundwasser in einen trogähnlichen Bottich ergoss. Dann benetzte er zuerst sein Gesicht mit dem kühlen Nass und wusch sich anschließend den ganzen entblößten Oberkörper.

„Weib und Kinder sind längst ausgeflogen und der Herr des Hauses gönnt sich in aller Ruhe seinen Schönheitsschlaf“, krächzte die Stimme des Elben, „das lob ich mir!“ Dann verfiel er in ein meckerndes Gelächter, bevor die Stimme wieder von einem tiefen Zug aus der Bolmgras-Pfeife erstickt wurde.

Vom kühlen Wasser erfrischt wandte sich Aldrĭn schließlich doch zu seinem Nachbarn um und ging in Richtung der Veranda, auf welcher der Elb mit baumelnden Beinen saß, genüsslich an seiner Pfeife ziehend. Dieser trug das übliche scharlachrote Gewand der Hochlandelben, einen einfachen Mantel aus Filz und dazu die passende Hose. Die rote Elbenkappe, an der eine weiße Möwenfeder steckte, lag neben ihrem Besitzer auf den Holzdielen, sodass Aldrĭn das glatte schwarze Haar sehen konnte, welches hinter dem Kopf zu einem stummelartigen Zöpfchen zusammengebunden war.

„Nun, Atli Puk, wenn meine Familie so fleißig ist, warum sollte ich mich dann nicht dem Müßiggang hingeben?“, fragte Aldrĭn kess.

„Hm, ha!“, machte Atli Puk und verschluckte sich beinahe am Bolmgrasrauch, so amüsiert schien er über Aldrĭns Frage. „Was heißt denn fleißig?“, fragte er scharf zurück, „ich sagte ja nur, dass sie ausgeflogen sind. Ich für meinen Teil will Euch nicht daran hindern den Tag zu genießen. Setzt Euch zu mir und lasst Euch die Sonne ins Gesicht scheinen!“

Bei diesen Worten lehnte sich der kleine Elb gemächlich zurück, strich mit einer Hand über seinen runden Bauch und schloss demonstrativ die Augen, um seinem Genuss Ausdruck zu verleihen. Aldrĭn betrachtete das Männchen eine Weile, wie es so dasaß und sich an den Sonnenstrahlen erfreute. Atli Puk sah aus wie jemand, der in seinem persönlichen Paradies angekommen war, dachte Aldrĭn, auch wenn der kleine Elb auf der Veranda des großen Menschenhauses ein wenig deplatziert wirkte.

Die meisten Hochlandelben in Skaldbach bewohnten Hütten, die sie auf ihre Körpergröße maßgezimmert hatten. Einzig Atli Puk wehrte sich dagegen, sich mit einer kleineren Behausung zufriedenzugeben und hatte vor einigen Jahren schon die Bauernkate neben der von Aldrĭn gekauft. Bei den anderen Elben hatte ihm dies den Ruf eines eitlen Kauzes eingebracht, doch schien sich Atli nicht darum zu scheren, was sein Volk oder auch die anderen Bürger von Skaldbach über ihn dachten.

„Wenn Ihr schon so lange das Treiben auf meinem Grundstück beobachtet habt, werter Nachbar, dann könnt Ihr mir doch sicher sagen, wohin sich meine Familie begeben hat“, stellte Aldrĭn fest.

„Freilich“, gab der Elb zurück, ohne die Augen zu öffnen, „das holde Weib ist bei den Tieren auf der Weide, das Würmchen hat sie mitgenommen. Und das Töchterchen ist geradewegs an meinem Zaun vorbei in Richtung des Marktes stolziert. Wenn sich meine alten Äuglein nicht ganz irren, so schien sie in Aufruhr zu sein.“

Schmunzelnd bedankte sich Aldrĭn und ging wieder in seine Behausung, um sich weiter anzukleiden. Bei aller eigenbrötlerischen Art seines elbischen Nachbarn freute es ihn doch, dass dieser mit ihm redete, als sei er irgendein Bauer aus dem Dorf. Die anderen Menschen in Skaldbach hingegen hatten auch nach siebzehn Jahren, die er nunmehr mit Juliana hier lebte, scheinbar nicht ganz akzeptieren können, dass es einen Prinzen in ihr verschlafenes Nest am See Bengadesch gezogen hatte. Sie behandelten ihn nicht wie einen von ihnen, sondern begegneten ihm meistens mit besonderer Höflichkeit und Unterwürfigkeit. Dadurch konnte er auch nie eine zwanglose und unbeschwerte Plauderei mit ihnen führen, obwohl er wusste, dass die Skaldbacher derartige Unterhaltungen so liebten.

Während er sich sein sandfarbenes Leinenhemd überzog und in die Lederstiefel schlüpfte, betrachtete er argwöhnisch die Truhe unter dem Fenster. Darin lagerte alles, was ihn noch mit der Vergangenheit verband. Und zugleich alles, was ihn von den anderen Bürgern des Dorfes unterschied.

Als er zusammen mit Juliana das Königsschloss in Albenbrück verließ, nahmen sie von allen Reichtümern aus der Schatzkammer nichts als diese eine Truhe mit. Bis unter den schweren, gewölbten Deckel war sie voll mit Goldmünzen und man hätte damit ohne weiteres ganz Skaldbach kaufen können. Doch als das frisch vermählte Paar vor siebzehn Jahren gen Norden aufbrach, konnte ihnen niemand am Hofe sagen, wie viel Gold sie mit sich führen müssten, um einen kleinen Hof zu pachten und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Noch dazu kündigte sich ein Kind an, welches die werdenden Eltern zur größten Vorsicht greifen ließ, sodass Juliana und Aldrĭn auf einen Schlag die wahrscheinlich reichsten Skaldbacher aller Zeiten waren.

Niemand wusste von der Truhe, doch tat dies ihrem Ruf im Dorf keinen Abbruch, denn schon nach wenigen Tagen wusste jede der vierhundert Seelen bescheid, woher die neuen Nachbarn gekommen waren. Oben auf den Münzen, in eine lederne Scheide geschoben und mit Tuchen umwickelt, schlummerte Galyndúr, das Elbenschwert.

Dieser unermessliche Reichtum stand ironischerweise gänzlich ungeschützt im Schlafzimmer herum, nur von den dicken Eichenwänden der Truhe geschützt, sowie einem eisernen Vorhängeschloss, dessen Schlüssel Aldrĭn unter einer der Dielen im Küchenboden versteckt hatte. Doch so bleischwer war der Inhalt, dass Aldrĭn sich sicher war, dass selbst dann, wenn jemand auf die Idee käme, in das unscheinbare Bauernhaus einzubrechen, derjenige schon die Kräfte eines Trolls besitzen müsste, um die Truhe auch nur einen Zoll weit zu bewegen.

Jetzt, wo er sich vorstellte, wie das heilige Schwert dort in seinem düsteren Verlies ruhte, überkam ihn wieder das beklemmende Gefühl, welches der Traum hinterlassen hatte.

Das Töchterchen war in Richtung des Marktes stolziert, wiederholte Aldrĭn innerlich die Worte des Elben, und sie war in Aufruhr. Auch wenn es ihm an Feingefühl mangeln mochte, so hatte der alte Elb doch meist Recht gehabt, was seine Beobachtungen anbelangte. Wenn Rovinja tatsächlich aufgebracht in Richtung des Marktplatzes gegangen war, so war es Atli Puk nicht entgangen. Der Gedanke beunruhigte Aldrĭn. Was hatte seine Tochter dazu veranlasst? Juliana hatte sie doch sicherlich darum gebeten, ihr auf der Weide zu helfen! Und nur eine triftige Ausrede hätte Rovinja davor bewahrt, ihrer Mutter zu folgen, das hoffte Aldrĭn zumindest.

„Das Würmchen hat sie mitgenommen“, wiederholte Aldrĭn murmelnd und musste grinsen, denn in mancherlei Hinsicht schien Atli Puk seiner Zeit lange hinterher zu sein. Das Würmchen, das auf den Namen Galeon hörte, war inzwischen immerhin sechs Jahre alt und wuchs zu einem prächtigen Knaben heran. Galeon hatte das blonde, krause Haar und die wachen Augen seines Vaters, doch sein Gemüt war von energischer und wissbegieriger Natur, worauf offensichtlich Juliana einen großen Einfluss gehabt hatte.

Rovinja hingegen war ein Kind gewesen, dessen Charakter weder dem seiner Mutter besonders geähnelt hätte, noch dem seines Vaters. Ihr waren die edlen und gleichmäßigen Züge von Juliana gegeben, ebenso war ihr Körperbau schlank und elegant wie der ihrer Mutter und das glatte, dunkle Haar, welches sie meist offen über die Schultern fallen ließ, war ganz deutlich ein Erbe von Juliana. Doch schlug ihr Herz in einem Takt, der Aldrĭn manchmal absonderlich erschien. Sein eigenes Kind kam ihm von Zeit zu Zeit erschreckend fremd vor. Seitdem Rovinja lesen konnte, und das hatte sie schon im erstaunlichen Alter von fünf Jahren erlernt, verschlang sie die Schriften und Berichte, in denen Abenteurer ferne Gestade erkundeten und fremde Welten entdeckten.

Einer ihrer liebsten Schreiber war der Gelehrte Amhuin von Albenbrück, der vom Ende der Erdscheibe berichtete, wo grässliche Ungeheuer und Dämonen lebten, aber auch Elben und Lichtgestalten von unglaublicher Schönheit. Je älter das Mädchen wurde, desto größer schien das Fernweh in ihr heranzuwachsen und eine unsichtbare Macht zog sie zu ihren Helden in die unergründlichen Weiten fremder Welten.

Tatsächlich bemerkte Aldrĭn in ihrem unsteten wie träumerischen Wesen wenig Verwandtschaft zu sich selbst, doch mehr noch erinnerte es ihn an jemanden, der sein Leben schon vor langer Zeit verlassen hatte: Dirion. Ja, er hatte regelrecht das Gefühl, dass die Seele seines Bruders in diesem Mädchen weiterlebte und es erwärmte im selben Maße sein Herz, wie es ihn fürchtete.

Das geistige Erbe ihres Onkels war somit ein Grund mehr, ein wachsames Auge auf sie zu haben. Aldrĭn legte sich seinen Gürtel an und verließ das Haus. Inzwischen hatte die Sonne sich über den Bergen im Osten erhoben und ließ die weißen Wände des Fachwerkbaus erstrahlen und sogar das Reetdach schien in seinem schönsten Gelb die Farbe der Sonne selbst zu spiegeln.

Aldrĭn ließ seinen Blick prüfend über das Dach wandern. Er hatte es erst im vergangenen Jahr neu gedeckt, weil es im Unwetter große Schäden genommen hatte, doch schon jetzt hatten die Witterung und Moosflechten es an einigen Stellen fleckig werden lassen. Als er den Gartenzaun hinter sich schloss und den Feldweg betrat, der hinab in das Dorf führte, rief er seinen sonnenbadenden Anrainer wieder auf den Plan.

„Ihr könnt das junge Ding wohl nicht seiner Wege ziehen lassen, was? Das Küken ist flügge, mein lieber Herr!“, rief Atli Puk von seinem Verandaplatz hinüber.

„Passt lieber auf, dass Euch die Sonne nicht zu sehr auf euren kleinen Kopf brennt“, entgegnete Aldrĭn gereizt, „der Geist nimmt sonst womöglich Schaden.“ Kopfschüttelnd stapfte er den breiten Sandweg hinunter, ohne dem Elben weiter Aufmerksamkeit zu schenken.

Doch innerlich schalt er sich für seine Unfreundlichkeit. Denn Puk hatte Recht gehabt, was tat er denn eigentlich? Was genau veranlasste ihn dazu, seiner Tochter auf den Markt zu folgen, nur weil er nicht wusste, was sie dort vorhatte? Immerhin war sie beinahe erwachsen.

Beinahe ist aber eben nicht ganz, sagte eine Stimme in Aldrĭns Kopf, die keine Widerrede zuließ und beendete damit seinen inneren Disput. Noch immer war sein Herz von der kalten Beklommenheit erfasst, die der schreckliche Traum mit sich gebracht hatte. Der Feldweg führte Aldrĭn von seinem Grundstück, das etwas oberhalb des Dorfzentrums auf einem Hügel lag, hinab auf den Marktplatz.

Skaldbach war ein einfaches Dorf, das wie Dutzend andere im Norden des Reiches aufgebaut war. Die meisten der Fachwerkhäuser waren rings um den Markt angeordnet, auf dem die Menschen ihre Waren feilboten. Da fast alle Skaldbacher vom Fischfang oder der Landwirtschaft lebten, häuften sich auf den Ständen und Wagen der Händler auch hauptsächlich Feldfrüchte und Fisch. Zusammen mit dem gemauerten Brunnen in der Mitte des Platzes stellten sie die Ernährung des gesamten Dorfes sicher.

Um den Ring der Häuser, die unmittelbar an den Markt angrenzten, führte eine kopfsteingepflasterte Straße, an die eine zweite Reihe von Häusern anlag. Alle anderen Bürger des Dorfes hatten ihre Behausungen an kleineren Wegen, welche aber allesamt ebenfalls dem inneren oder äußeren Ring zugeführt wurden, sodass die Siedlung aus der Perspektive eines Vogels gesehen wie eine unsauber gezeichnete Sonne aussehen mochte.

Die Kate von Juliana und Aldrĭn lag an eben einem jener Arme, sodass sie nicht unmittelbar vom Trubel des Dorfgeschehens betroffen waren, es jedoch nur ein Katzensprung bis in sein Inneres war. Im Süden grenzte das Dorf an den See Bengadesch, den „Grenzenlosen“, das größte stehende Gewässer des ganzen Reiches. Jetzt funkelten die seichten Wogen des Sees und verliehen ihm etwas Magisches.

Aldrĭn fühlte sich an den Ausblick aus dem Schloss in Albenbrück erinnert, von wo aus er das Meer im Osten an ungezählten Morgen in einem ebensolch prachtvollen Funkeln betrachtet hatte. Vielleicht war es ihm auch deshalb so leicht gefallen, diesen Ort als seine neue Heimat anzunehmen, weil ihm mit den Bergen im Rücken und dem Wasser zu seinen Füßen etwas Vertrautes innewohnte. Er ging zwischen den Häusern des äußeren Straßenringes hindurch, die einen kühlen Schatten auf den Weg warfen. Die Geräusche des Treibens auf dem Markt drangen an sein Ohr. Von dem Gemurmel einer Ansammlung von Menschen hoben sich einzelne Stimmen ab, die lauthals ihre Ware anpriesen. Dazwischen hörte man das Lachen und Weinen kleiner Kinder, sowie den regelmäßigen blechernen Klang eines Schmiedehammers, der auf Metall geschlagen wurde. Der Duft von frisch gebackenem Brot stieg Aldrĭn in die Nase.

Auf der Pflasterstraße kam ihm eine alte Frau entgegen, die mühsam einen klapprigen Handkarren hinter sich herzog. Darauf lagen Rotaugen, Zandern, Saiblinge und natürlich Benga-Forellen übereinander gehäuft. Der morgendliche Fang war offenbar üppig ausgefallen und nun brachte die Fischersfrau die Früchte des Sees zum Markt. Die kreischenden Möwen, die nur wenige Häuser entfernt am Himmel kreisten, zeugten davon, dass die Fischer gerade ihre Netze reinigten und zum Trocknen aufhängten.

Immer, wenn ein Lebewesen sich darin verfangen hatte, das zu klein zum Verkaufen war, wurde es von den Möwen verwertet und manchmal besaßen die Vögel sogar die Dreistigkeit, sich einen der größeren Fische vom Karren zu stehlen. Aldrĭn wünschte der Alten einen guten Tag und sie erwiderte den Gruß mit einem zahnlosen Lächeln.

Schließlich erreichte er den Marktplatz. Im Kreis angeordnet stand ein Dutzend Verkaufsplätze, einige nur einfache Klapptische, andere breite Theken, die von einem Baldachin vor der Sonne geschützt wurden oder gar hölzerne Buden, in denen Händler ihre Ware anboten. Obwohl er den kleinen Markt urig und gemütlich fand, hielt sich Aldrĭn selten hier auf, weil schlicht die Notwendigkeit dazu fehlte. Juliana und er hatten es sich bei ihrem Abschied von Albenbrück zum Ziel gesetzt, ein Leben zu führen, das sie unabhängig machte.

Nicht nur unabhängig von den Verpflichtungen, die sie als Regenten erwartet hätte. Sondern auch unabhängig davon, ob das Korn teurer wurde, ob der Fischer einen guten Fang gemacht hatte oder ob die Warenlieferungen aus dem Süden ausblieben.

Der prächtige Bauerngarten, welcher die Kate umgab, versorgte sie beinahe das ganze Jahr über mit Feldfrüchten. In einer Stallung, die an das Haus angrenzte, lebten drei Schweine und einige Hühner. Außerdem gehörte ihnen die kleine Weide mit Namen Engenshöh, nur zwei Meilen nördlich auf einer Anhöhe gelegen, auf der sie einige Schafe und Ziegen hielten.

Zwischen der Engenshöh und der Kate verlief die Riemsbeek, ein breiter Bachlauf, der schließlich in den Bengadesch mündete. Hier hatte Aldrĭn seit Jahren Reusen ausgelegt, die er täglich überprüfte. Zwar gab es oft mehrere Tage, an denen sich kein Fisch hinein verirrte, doch mit der nötigen Geduld fand er immer ein paar Bachforellen oder sogar Aale in den Netzen.

Dadurch, dass Juliana und Aldrĭn sich mehrere Quellen erschlossen hatten, um die Familie zu ernähren, hatte das junge Paar sich seinen Traum der Unabhängigkeit nach wenigen Monaten im neuen Heim erfüllt. Das Korn, welches sie ernteten, mussten sie natürlich noch immer zum Müller bringen. Und auch wenn Gerätschaften zu Bruch gingen, führte kein Weg am Schmied vorbei.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen Skaldbachern lebten sie hauptsächlich von ihrer eigenen Ernte. Einen Unterschied machten natürlich die beiden großen Höfe, einer davon war im Westen und einer im Norden der Siedlung gelegen. Sie waren seit Generationen schon im Besitz der Familien reicher Großgrundbesitzer. Im eigentlichen Sinne gehörten sie nicht einmal zu Skaldbach, sondern bildeten vielmehr ihre eigene abgeschlossene Welt. Doch da beide Höfe ihre überschüssige Ernte ebenfalls auf dem Marktplatz verkauften und ihrerseits wiederum Waren erwarben, an denen es ihnen selbst mangelte, waren die Großbauern, ihre Familien und ihre Knechte und Mägde fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft.

Gerade fuhr ein Wagen mit einem kräftigen Ochsen davor von einer der Seitenstraßen auf den Platz ein und Aldrĭn erkannte einen der Knechte vom Hof im Norden, den man Erincshof nannte. Neben diesem saß ein junger Mann auf dem Kutschbock, den Aldrĭn nicht kannte, sicher ein neu angeworbener Arbeiter aus einem der benachbarten Dörfer. Der Wagen kam zum Stehen und sofort eilten zwei Knaben herbei, die beim Entladen des Karrens halfen.

Aldrĭn ließ seinen Blick über den Markt wandern. Als er Rovinja an keinem der Stände entdecken konnte, erfüllte es ihn auf einmal mit Scham, dass er ihr derart vertrauenslos hinterhergegangen war. Es bestand doch gar kein Grund zur Sorge! Noch nie hatte sie sich mit irgendeinem der Dorfbewohner Ärger eingehandelt, im Gegenteil, sie war trotz ihrer zuweilen verschlossenen Art bei jedermann gern gesehen.

Um seine Torheit nicht länger vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, entschied er sich dafür, wenigstens ein paar Besorgungen zu machen. Er schlenderte zu einem Tisch, auf dem verschiedene Werkzeuge auslagen und musterte die Stücke. Während er gedankenverloren mit den Fingern über das Eisen fuhr, fiel sein Blick plötzlich auf zwei Personen, die in einer der Gassen standen, welche auf den Marktplatz zuliefen.

Bei der einen handelte es sich um eine Frau in einem moosgrünen Kleid mit den Ärmeln eines weißen Mieders. Sie war von Aldrĭn abgewandt und sah in Richtung des Mannes, welcher ihr gegenüberstand. Bei diesem handelte es sich um den Jüngling, der eben gerade erst mit dem Ochsenkarren auf den Platz gekommen war. Aldrĭn erkannte ihn sofort wieder, da Fremde in dem verschlafenen Ort eine seltene Attraktion waren.

Was jedoch seinen Blick derart gebannt an dem Pärchen haften ließ, war der Umstand, dass es sich bei der jungen Frau – gleichwohl er sie nur von hinten sah- um seine Tochter handelte! Das haselnussbraune Haar, lang und fließend über die Schultern fallend, und die beschwichtigende Art, wie sie ihre Arme im Gespräch ihrem Gegenüber entgegenhielt, verrieten sie.

Aldrĭn wusste nicht, ob er sich freuen oder grämen sollte. Einerseits war er froh, sie augenscheinlich wohlbehalten vorzufinden, nachdem sein Traum ihn Schlimmes hatte ahnen lassen. Doch andererseits stand sie dort in der Seitengasse mit diesem Fremden. Es wunderte ihn nicht, dass sobald ein Unbekannter den Ort betrat, Rovinja sich in seiner Nähe aufhielt. Doch es beunruhigte ihn umso mehr, dass sie das Treffen vor ihm und Juliana geheim gehalten hatte.

Angestrengt versuchte er, etwas von ihrem Gespräch zu verstehen. Dabei musterte er den Jüngling von Kopf bis Fuß. Er hatte schwarzes, krauses Haar, das ihm über die Stirn fiel und seine Augenbraunen ganz bedeckte. In einem schmalen Gesicht mit ebenso schmalen Lippen saßen zwei wache Augen, aus denen mehr Erfahrung sprach, als man dem Jungen anhand seines Alters zugesprochen hätte. Immer wieder wanderte sein Blick umher, gerade so, als würde er sich beobachtet fühlen und Aldrĭn schaute rasch weg, als sich das Gesicht des jungen Mannes zu ihm wandte.

Sein Körper war hager und ausgemergelt und bei genauerer Betrachtung war er zu schmächtig, um sich als Knecht zu verdingen. Auch seine Kleidung war dafür viel zu tadellos, denn er trug eine schwarze Gewandung aus Samt oder zumindest samtähnlichen Tuchen sowie Reiterstiefel aus dazu passendem dunklem Leder.

Mit einem Mal fiel es Aldrĭn wie Schuppen von den Augen. Rovinjas aufgebrachter wie heimlicher Aufbruch, das Treffen in einer der Seitengassen, der fremde Jüngling.

Sie hat sich verliebt, dachte Aldrĭn und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte ihr also nachgestellt, obwohl sie bloß ihre kindliche Verliebtheit vor ihm hatte verbergen wollen. Ob Juliana wohl eingeweiht war? Der Bursche sah ja zumindest ganz passabel aus, nicht irgendein dahergelaufener Taugenichts, ein Spieler oder Tagelöhner, der sich am nächsten Morgen wieder auf und davon machen würde. Viele dieser selbsternannten Glücksritter trieben sich in letzter Zeit in den Dörfern und Städten von Dysthirthéth herum.

Zuerst war Aldrĭn befremdet von der Vielzahl junger Männer gewesen, die so ziel- wie mittellos aus allen Winkeln des Reiches gezogen kamen und den Mädchen in den Dörfern schöne Augen machten. Er hatte nicht verstehen können, wie sehr sich die Zeiten geändert haben mussten, dass solch eine Lebensführung auf einen Schlag eine ganze Generation begeisterte, zumal sie mehr als fragwürdig war.

Doch dann war ihm klar geworden, dass es sich zumeist um junge Kerle handelte, die im Krieg ihren Vater und vielleicht die Mutter, manchmal sogar die ganze Familie verloren hatten und nun herumzogen, da sie kein Erbe anzutreten hatten und zuhause keine Verpflichtungen auf sie warteten.

Seitdem ihm dieser Umstand bewusst geworden war, empfand Aldrĭn regelrecht Mitleid mit den jugendlichen Landstreichern. Eine Generation junger Männer war herangewachsen, die keinerlei Vorbilder in ihrer Kindheit gehabt hatte und beinahe von Geburt an auf sich allein gestellt war.

Doch trotz aller Anteilnahme sollte seine Tochter nicht in die Finger eines solchen Tunichtguts geraten! Dieser dort aber schien nicht aus mittellosen Verhältnissen zu stammen und das war ja schon mal etwas. Als er all dies so bei sich bedacht hatte, fiel ihm ein Stein vom Herzen und Erleichterung überkam ihn. All sein Unbehagen war umsonst gewesen. Gut gelaunt wollte er sich gerade einem Tisch mit Backwaren zuwenden, als das Geräusch aufschlagender Pferdehufe auf den Marktplatz drang und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog.

Ein brauner Halmgarther trabte auf den Platz und Aldrĭn fühlte sich unweigerlich an Dirions altes Pferd erinnert. Doch dieses Tier konnte es nicht mit Vyliss‘ Eleganz aufnehmen. Es schien gebrechlich und ungepflegt, umso seltsamer wirkte das Erscheinungsbild des Reiters, den es trug.

Ein Mann mittleren Alters, mit vollem Bart und langem, schwarzem Haar, gekleidet in fürstliche Gewandung, sah hochmütig und abschätzig auf die Menschen Skaldbachs hinab. Ihm folgten zwei weitere Reiter, die jedoch ungleich abgerissener erschienen und im Gegensatz zu ihrem Herrn nicht den Anschein von Stolz im Antlitz trugen. Vielmehr blickten sie wie zwei minderbemittelte Schläger drein, bemerkte Aldrĭn. An ihren Gürteln trugen alle drei Männer lange Schwerter und die Hinteren waren in Kettenhemden gekleidet, was bei ihrem Anführer zumindest nicht erkennbar war.

Er trug ein weites Hemd in strahlendem Weiß, über dem ein ebenso weißer, jedoch mit goldenen Pailletten besetzter Umhang wallte. Aldrĭn erkannte den Mann und seine Miene verfinsterte sich. Es war der Ritter Halldor Granciël, früher einmal ein treuer Gefährte und Lehnsmann des Baldur von Klyenna. Er hatte in der letzten Schlacht gegen die Triganer an Dirions Seite das Lager an der Warge gehalten.

Nach dem Krieg, als das Königreich zerfallen und zwischen Menschen und Elben neu aufgeteilt worden war, hatte Halldor dem Rat von Albenbrück entsagt und seine Burg im Norden des Landes gewaltsam von den Hochlandelben zurückgenommen. Es hatte damals einen großen Aufschrei gegeben, denn niemand in Albenbrück hatte es gewagt, den blutrünstigen Ritter davon abzuhalten, die Elben in seiner Burg ausnahmslos abzuschlachten.

Siebzehn Jahre waren seither vergangen und noch immer führte Halldor ungestraft sein Unwesen im hohen Norden. Er überfiel Bauernhöfe, plünderte Reisende und ließ keine Gelegenheit aus, gegenüber den Elben seine grenzenlose Grausamkeit unter Beweis zu stellen. Jeder wusste es, doch niemand klagte ihn deswegen vor dem heiligen Gericht in der Hauptstadt an.

Solange er dabei den anderen Fürsten nicht ihr Herrschaftsgebiet strittig machte, die im Albenbrücker Rat saßen, schienen diese es nicht für nötig zu erachten, gegen den Raubritter vorzugehen. Natürlich waren Warnungen ausgesprochen worden, man drohte ihm mit dem Exil und verbannte ihn schließlich sogar aus dem Orden.

Jeden anderen Ritter hätte dies tief in seiner Ehre verletzt, doch Halldor besaß derer ohnehin kein bisschen, mutmaßte Aldrĭn, weswegen ihn diese Sanktion gänzlich unbeeindruckt gelassen hatte. Er führte weiterhin sein Leben als reueloser Tyrann und spielte sich in den Dörfern, die seinem Herrschaftsgebiet anlagen, auf, als sei er der eigentliche Fürst des Landes.

Möglichst unauffällig versuchte Aldrĭn, sich außer Sichtweite des Raubritters zu bewegen, um nicht erkannt und in irgendeine Auseinandersetzung mit dem verkommenen Geschöpf zu geraten. Womöglich würde er ihn gar nicht mehr erkennen. Sein blondes Haar war kürzer als vor siebzehn Jahren, dafür bedeckte ein zarter Bart sein Gesicht und die Landarbeit hatte seine Muskeln gestählt und seinen Körper härter und kantiger werden lassen.

Halldor machte neben dem Brunnen auf der Platzmitte halt und stieg schwungvoll von seinem Ross ab. Dann richtete er sich mit stolz erhobenem Kinn auf, die rechte Hand auf den Knauf seines Schwertes gelegt, und stolzierte auf einen der Stände zu. Sein Blick wanderte mit der gleichen Geringschätzung über die Menschen wie bei seinem Einritt.

Aldrĭn schien er entweder nicht zu sehen oder nicht wiederzuerkennen, zumindest ging er unbeirrt weiter und blieb schließlich vor einem Stand mit Fischen stehen. Dort hatte soeben die alte Frau ihre Waren abgeladen, der Aldrĭn auf dem Weg zum Markt begegnet war. Halldor zeigte wortlos auf einige der edleren Exemplare, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen, und sofort kam einer seiner Handlanger herbeigeeilt, um den Fisch in einen mitgebrachten Ledersack zu stopfen.

Während der Raubritter vor Aller Augen seinen Diebstahl vollführte, herrschte eine angespannte Stille auf dem Platz. Nur das Kreischen der Möwen und das regelmäßige Hämmern des Schmiedes in einer der Nebenstraßen durchbrachen das Schweigen.

„Eine Frechheit, die sich dieser Teufel erlaubt“, knurrte der Händler, vor dessen Bude Aldrĭn stand, „man sollte ihm den Hals umdrehen.“ Aldrĭn gab keine Antwort, innerlich stimmte er dem Mann jedoch von ganzem Herzen zu. In manchen Augenblicken grämte es ihn, dass er seine Macht als Thronfolger vertan hatte, hätte er sie doch allzu gern darauf verwendet, um solche Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Während er spürte, wie der Zorn in ihm aufwallte, sah er erstmals wieder hinüber in die Gasse, wo er Rovinja entdeckt hatte. Er fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, dass sie sich in der Nähe des ehrlosen Halldor aufhielt. Doch ehe er sie im Schatten der Häuser ausmachen konnte, schritt der Ritter geradewegs in seine Richtung.

Halldor betrachtete mit einem Ausdruck größten Desinteresses die Waren auf den Tischen, an denen er vorbeiging. Doch in seinen Augen konnte Aldrĭn das gierige Blitzen eines Räubers sehen. Der Ehrlose schien es zu genießen, sich von jedem Ort zu jeder Zeit nehmen zu können, was er begehrte.

Nach Skaldbach verschlug es ihn glücklicherweise ausgesprochen selten, da es für einen kurzen Ausritt zu weit im Osten des Landes lag. Doch wenn er dem Dorf einen Besuch abgestattet hatte, dann niemals, ohne den bitteren Hass all seiner Bewohner auf ihn noch vermehrt zu haben.

Aldrĭn bemühte sich, unbemerkt um den Brunnen herum und auf die andere Seite des Marktes zu gelangen. Dort angekommen würde er zu Rovinja in die Gasse verschwinden und sie auf direktem Wege mit nach Hause nehmen, Liebelei hin oder her. Trotz der Anspannung, die sich in ihm aufbaute, setzte Aldrĭn eine ungerührte Miene auf und ging in möglichst großem Abstand von Halldor am Brunnen vorbei.

Da er dessen Aufmerksamkeit nicht zu erregen schien, wagte Aldrĭn einen vorsichtigen Blick zurück. Der Raubritter hatte direkt vor der hölzernen Bude Halt gemacht, an der er selbst eben noch gestanden hatte. Dort bediente er sich nun großzügig an den ausliegenden Fleischwaren. Als beinahe die gesamte Theke leergeräumt war und der Lederbeutel bis zum Bersten mit Nahrungsmitteln gefüllt, machte Halldor kehrt und schlenderte zu seinem Pferd zurück, welches noch immer beim Brunnen in der Mitte des Platzes stand.

Doch hatte er seine Rechnung nicht mit dem Fleischhändler gemacht. „Ihr werdet für die Würste und den Schinken bezahlen!“, rief der dicke Kaufmann erbost. Er hatte seine Bude verlassen und stampfte dem Räuber entschlossen hinterher. Der Händler war ein bärtiger Mann, dessen Leibesfülle davon zeugte, dass er seiner eigenen Ware durchaus nicht abgeneigt war. Unter den Hemdsärmeln des Mannes ragten zwei kräftige Unterarme wie junge Baumstämme heraus und als der Händler Halldor eingeholt hatte, überragte er diesen um einen guten halben Kopf. Mit hochrotem Gesicht schimpfte er weiter, während der Ritter stehen blieb und mit erhobenen Augenbraunen die Tiraden über sich ergehen ließ.

Seine Handlanger standen tatenlos neben ihm und waren sichtlich verwirrt darüber, dass ihrem Herrn so schamlos Paroli geboten wurde. „Ihr seid eine Plage für dieses Land, Granciël!“, wetterte der Händler, „und wir werden uns das nicht mehr bieten lassen!“

Was tut der Mann denn nur?, dachte Aldrĭn. Ihm musste doch bewusst sein, dass Halldor nur einen Wink geben musste, damit seine Gefolgsleute den Kaufmann niederstreckten, der noch dazu unbewaffnet war.

„So? Dann hindere mich doch daran“, sagte Halldor herausfordernd und seine Lippen verformten sich zu einem hämischen Grinsen. Der Händler starrte ihn zornig an, seine Wangenknochen traten hervor und seine Fäuste ballten sich, bereit dazu, den eitlen Pfau wie angespitzt in den Erdboden zu rammen.

Doch noch konnte der Mann seine Wut niederringen, angesichts der Gefahr, in die er sich begeben hatte. Aldrĭn betete innerlich dafür, dass Halldor guter Laune war und den Händler unverrichteter Dinge ziehen ließe. Inzwischen hatte er den Markt einmal halb umrundet und stand direkt vor der Gasse, in der er Rovinja und den jungen Burschen wähnte. Doch als er nach ihnen schaute, war niemand mehr zu sehen, nur eine Katze streunte zwischen den Schatten der Häuser umher.

Dann hat sie hoffentlich das Weite gesucht, als der Schurke ankam, dachte Aldrĭn. Als er sich nun aber wieder Halldor zuwandte, um zu sehen, wie das Schauspiel ausging, schien sein Herz auf der Stelle auszusetzen. Mit Schrecken erblickte er seine Tochter, die sich beinahe neben dem Raubritter an einen der Stände postiert hatte und das Geschehen aufmerksam beobachtete, die Arme in die Hüften gestemmt.

Was sollte er nun tun? Am liebsten wäre er zu ihr geeilt, hätte sie am Arm gepackt und vom Markt geschleppt, doch spätestens dann hätte er sich Halldors ganzer Aufmerksamkeit sicher sein können. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass der Raubritter sich endlich wieder in sein Rattenloch verziehen würde und Rovinja unterdessen nicht Dummes anstellte.

Der Bandit war jedoch noch ganz in den Disput mit seinem Herausforderer vertieft. „Du willst mir also vorschreiben, was ich in meinem Land tun oder lassen soll?“, fragte er mit ruhiger Stimme, „ich glaube kaum, dass irgendeiner dieser Bauerntölpel hier dir zur Seite stehen wird, wenn du dich am Herren von Dysthirthéth vergreifst!“

„Ihr seid nicht der Herr dieses Landes“, entgegnete der Händler.

„Doch ich verfüge über alle Rechte eines Herrschers“, sprach Halldor und seine Miene verfinsterte sich, „und ich nehme mir, was ich will! Zum Beispiel solche süßen Püppchen!“

Mit diesen Worten wandte er sich blitzschnell um und packte in derselben Bewegung Rovinja. Er musste die ganze Zeit bemerkt haben, dass sie ihn beobachtet hatte. Jetzt zog er sie grob an sich, die Hand um ihre Taille gelegt und setzte ein triumphierendes Grinsen auf, während er den zarten Körper grobschlächtig an seine Seite presste.

Das Mädchen versuchte sich aus der Umklammerung zu winden, doch der eiserne Griff des Ritters saß fest wie ein Schraubstock um ihren Leib.

„Was wollt ihr jetzt tun, ihr Wichte?“, spottete Halldor, woraufhin seine Handlanger in glucksendes Gelächter verfielen. Ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken, schritt Aldrĭn zielstrebig auf den Ritter zu.

In dem Augenblick, als Halldor sich Rovinja geschnappt hatte, wurde sein Geist von einem ungekannten Zorn erfüllt, der sein Denken ganz und gar betäubte. Dieses Ungeheuer würde sich nicht an seiner Tochter vergreifen! Wie beiläufig nahm Aldrĭn eine lange Eisenstange vom Tisch mit den Werkzeugen, welche er vorhin betrachtet hatte, und marschierte damit unaufhaltsam auf den Ritter zu.

Dieser bemerkte ihn erst, als er unmittelbar vor ihm stand, doch hätte er beinahe zu spät begriffen, was Aldrĭn im Schilde führte. Ungestüm riss er das Eisen in die Luft und setzte zu einem schwungvollen Schlag nach Halldors Flanke an. Dieser stieß Rovinja zur Seite, die unsanft im Staub landete und zog im letzten Augenblick sein Schwert, um den kraftvollen Schlag abzuwehren.

Der Aufschlag ließ beide Waffen erzittern und ein lautes Scheppern hallte an den Wänden der Häuser wider. Noch einmal holte Aldrĭn zum Schlag aus und ließ die Stange auf seinen Gegner niedersausen, doch dieser war nun vorbereitet und parierte den Angriff geschickt, sodass der Hieb ins Leere ging.

Erst jetzt kam Aldrĭn wieder zu sich und wurde Herr seiner Sinne. Sein Blick wanderte zu Rovinja, die sich augenblicklich wieder aufgerappelt hatte und ihn fassungslos anblickte. Schützend stellte er sich vor seine Tochter, die Stange zum Kampf bereit.

Doch Halldor schien kein Gefecht herausfordern zu wollen, dennoch behielt er sein Schwert schlagbereit in der Hand. Gerade wollten seine beiden Knechte die Waffen ziehen, um Aldrĭn kurz und klein zu hacken, da machte der Raubritter eine abwehrende Handbewegung und die Schläger hielten inne.

„Was für eine Überraschung“, sprach er gelassen, „ihr Bauernleute seid doch immer wieder für einen Spaß zu haben.“ Aldrĭn überlegte, was Halldor vorhatte und weswegen er ihn nicht auf der Stelle erschlagen ließ. Doch dann bemerkte er, dass es eigentlich der Ritter war, welcher in der Falle saß. Ringsum hatten die Dorfbewohner sich den Kämpfenden genähert, viele hatten es Aldrĭn gleichgetan und das Nächstbeste in die Hand genommen, womit man einen wuchtigen Schlag ausführen konnte.

Er sah Bauern, Händler und Fischer mit Hämmern, Messern, Steinen und Holzscheiten in der Hand, allen zusammen war der Hass auf den ehrlosen Halldor ins Gesicht geschrieben. Um kein Blutbad herauszufordern, ließ Aldrĭn das Eisen langsam sinken und legte es wieder auf den Tisch neben sich.

„Verschwindet aus Skaldbach und kehrt niemals wieder!“, befahl Aldrĭn in grimmigem Ton. Halldor zögerte einen Augenblick, dann verstand er die Ausweglosigkeit seiner Lage und schob das Schwert zurück in die Scheide. „Wie Ihr meint“, sagte er und nickte, „doch wer seid Ihr, dass Ihr Euch mit einem Ritter anlegt? Ihr solltet doch wissen, dass Ihr an der Waffe den Kürzeren zieht.“

„Mir ist das Schwert nicht fremd, Halldor“, entgegnete Aldrĭn trotzig, doch im gleichen Moment bereute er seinen Übermut. Der Ritter stutzte, musterte Aldrĭn aufmerksam und auf einmal erhellte sich seine Miene, als er endlich begriff, wen er vor sich hatte. „Prinz Aldrĭn, mein Junge!“, rief Halldor mit erfreuter Stimme aus, „dass ich Euch noch einmal begegne! Noch dazu am Arsch der Welt. Ich hörte ja, dass Ihr Euch im Heimatland Eurer Frau Gemahlin aufhieltet, doch in einem so verschlafenen Kaff? Das ist doch eines Prinzen wahrlich nicht würdig. Kommt zu mir auf die Burg und wir überdenken unseren kleinen Zwist hier noch einmal!“

Aldrĭn war verwirrt, denn mit einer so überschwänglichen Freude hatte er beileibe nicht gerechnet. Halldor schien ernsthaft glücklich darüber, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, dem Ritter wortlos den Rücken zu kehren und ihm seinem Schicksal in der wütenden Meute zu überlassen. Doch dann würden bald Halldors Schergen in Skaldbach einfallen und an jedem Einzelnen ihre grausame Rache nehmen.

Also besann er sich eines Besseren und wandte sich dem Ritter mit aller Höflichkeit zu, die er gerade aufzubringen imstande war: „Ein verführerisches Angebot. Doch fürchte ich, dass ich mit meinen Verpflichtungen derzeit an das verschlafene Kaff gebunden bin.“

„Oh, ich sehe“, sagte Halldor und wandte seinen Blick grinsend Rovinja zu. Sie hatte sich neben ihrem Vater postiert, die Arme vor der Brust verschränkt, und funkelte den Ritter aus zornigen Augen an. Ihr Kleid war dreckig geworden, als er sie zu Boden gestoßen hatte und auch ihre Wange war vom Staub verschmutzt. Umso trotziger und kämpferischer blickte sie drein, was den Ritter offenbar amüsierte.

„Und diese bezaubernde Wildrose ist wohl Euer Sprössling?“, fragte Halldor. Aldrĭn bemerkte angewidert, wie Halldor seine Tochter musterte. Der lüsterne Blick des Mannes wanderte an ihr herunter und auf seinem Gesicht erschien eine Genugtuung, als würde er sie geradewegs mit seinen Händen betasten. Während er noch fieberhaft überlegte, wie er sich der Gesellschaft des Ritters galant entledigen konnte, mischte sich Rovinja ein.

„Ihr seid nichts als ein Ehrloser und solltet Euch mit Eurer Zügellosigkeit zurückhalten!“, schimpfte das Mädchen. Aldrĭn zuckte innerlich zusammen, denn eine derartige Beleidigung würde Halldor nicht auf sich sitzen lassen. Auch wenn er Rovinja in ihrer Feststellung Recht geben musste, so tat sie doch gerade alles dafür, dass dieses Treffen noch ein blutiges Ende finden würde.

Aber Halldor schien Gefallen an ihr gefunden zu haben, was ihn offenbar milde stimmte. „Kratzbürstig ist sie auch noch“, stellte er anerkennend fest und wandte sich wieder Aldrĭn zu, „vom Vater kann das aber nicht kommen, richtig? Ihr wart doch immer der makellose Liebling des Königs, nicht wahr?“

„Ich denke nicht, dass mein Vater einen von uns vorgezogen hätte“, erwiderte Aldrĭn. Innerlich dankte er den Göttern dafür, dass sie ihre schützende Hand über sie hielten, indem sie Halldor so viel Gelassenheit schenkten. Dieser schien des Gesprächs inzwischen überdrüssig und schlenderte wieder zu seinem Gaul zurück.

„Er hat seine ganze Hoffnung in Euch gesetzt, Aldrĭn“, erklärte der Ritter, während er sich aufs Pferd schwang. Gemächlich ließ er es in Aldrĭns Richtung traben, wobei er weitersprach: „Womöglich ist es besser, dass er uns so früh verlassen hat. Wie Ihr Euer Leben fristet…“, er ließ seinen Blick noch einmal abschätzig über den Marktplatz schweifen, „…es hätte ihm das Herz gebrochen. Wir leben in traurigen Zeiten.“

Dann schnalzte er und riss die Zügel herum, sodass sein Ross herumfuhr und ungestüm vom Platz galoppierte. Halldors Büttel hasteten ebenfalls zu ihren Pferden und folgten ihrem Herrn so rasch wie möglich. Selbst ihnen musste klar geworden sein, in welch gefährlicher Lage sie sich zwischen den aufgebrachten Bürgern befanden. Als das Knallen der Hufe auf dem Pflasterstein zwischen den Häusern verhallt war, entspannte sich die Menge wieder. Die Menschen legten ihr provisorisches Schlag- und Wurfzeug beiseite und kehrten zu ihren Tagesgeschäften zurück.

Der Platz wurde wieder vom emsigen Gemurmel erfasst, als sei nichts geschehen. Aldrĭn packte Rovinja am Arm und zerrte sie unsanft vom Markt in die Gasse, welche sie nach Hause führte. Mit Unbehagen bemerkte er, dass alle Skaldbacher, an denen sie vorbeischritten, ihm missbilligende Blicke zuwarfen. Waren sie etwa zornig, weil er den Raubritter hatte von dannen ziehen lassen? Hätte er etwa über ihn richten sollen?

Seid froh darüber, dass der Schurke Eure Häuser nicht dem Erdboden gleichmacht!, dachte Aldrĭn verärgert. Jede gewaltsame Konfrontation mit Halldor wäre vielleicht zur kurzfristigen Vergeltung geworden, doch letztlich hätte sie viele Skaldbacher ihr Leben gekostet. Rovinja versuchte sich indes seinem Griff zu entwinden, er aber ignorierte ihren Protest und würdigte sie nicht einmal eines Blickes, bis sie zwischen den Häusern verschwunden waren.

2. Hilferuf aus Albenbrück

Dann ließ er sie los, marschierte allerdings mit ernster Miene weiter in Richtung der Kate. „Was hast du dir dabei gedacht? Er hätte dich umbringen können, wenn ihm danach gewesen wäre!“, schalt Aldrĭn sie.

„Er hätte überhaupt nichts tun können“, erwiderte Rovinja aufgebracht und folgte ihm auf den Feldweg, „dafür waren viel zu viele Leute da.“

„Ach ja?“, fragte Aldrĭn spöttisch, „aber von denen hat keiner etwas unternommen, als er dich gepackt hat! Wenn ich nicht eingegriffen hätte, dann wärst du zu den Würsten in seinen Sack gesteckt worden und jetzt auf dem Weg in seine Burg! Wie kommst du überhaupt auf so einen törichten Gedanken, ihn so herauszufordern?“

„Er ist ein Schurke, dass hast du selbst oft genug gesagt“, wand sie ein und hatte Recht damit, wie Aldrĭn sich gestehen musste.

„Ist es seit Neuem deine Aufgabe, die Schurken ihrer Gerechtigkeit zuzuführen?“, fragte Aldrĭn, „dann solltest du zumindest in der Lage sein, auf dich selbst aufzupassen! Überhaupt solltest du aufpassen, mit wem du dich einlässt!“

Als er seine Worte ausgesprochen hatte, verstummte Rovinjas Aufbegehren für einen Moment und sie schaute ihn bloß fassungslos an. Schließlich wandelte sich ihr Unglaube in Zorn und sie fragte aufgebracht: „Bist du mir etwa gefolgt?“ Sie hatte Aldrĭns Gedanken augenblicklich enttarnt, weswegen sich seine Antwort bloß in einem schuldbewussten Grummeln verlief.

„Ich bin erwachsen“, stellte Rovinja schließlich fest. Daraufhin schwiegen sie sich den Rest des Weges an. Als sie das Haus erreichten, stand ein kräftiger Schimmel auf dem Grundstück und trank aus dem Trog, der unter dem Brunnen stand. Das Tier war noch gesattelt, also musste der Reiter gerade eben erst eingetroffen sein oder bloß auf der Durchreise. Doch Aldrĭn erkannte das Pferd sofort und im nächsten Augenblick trat sein Besitzer auf die Veranda.

„Onkel!“, rief Rovinja freudestrahlend aus und stürzte auf den Mann zu, der grinsend im Schatten des Vordachs stehen blieb, lässig an den Türrahmen gelehnt. Sie fiel ihm stürmisch in die Arme und er wirbelte sie herum, wie er es getan hatte, seit sie auf eigenen Beinen stehen konnte.

„Ronja, hast du zugenommen?“, fragte Ekiredis, als er sie wieder abstellte. Ronja, so nannte nur er sie, dachte Aldrĭn, während er lächelnd auf seinen alten Freund zuging. Und nicht nur dieser exklusive Spitzname verband die beiden. Obwohl Ekiredis ihnen nur alle paar Monate einmal einen Besuch abstattete, waren er und Rovinja sich von Anfang an sehr zugetan gewesen.

Aldrĭn wusste nicht, ob ihr liebevolles Verhältnis dadurch zustande kam, dass Ekiredis und Rovinja sich in ihrer Abenteuerlust so ähnlich waren oder es ganz einfach daher rührte, dass er im Gegensatz zu ihm selbst und Juliana die einzige erwachsene Person in der Familie war, die sich nicht mit Rovinja über Erziehungsfragen ereifern musste. So oder so waren seine Besuche jedes Mal eine Bereicherung, nicht nur für Aldrĭns Tochter.

Herzlich umarmte er seinen Freund. „Wo habt ihr euch denn herumgetrieben?“, fragte Ekiredis, „ich hatte bereits das Vergnügen mit dem Herrn Puk, aber die eigentlichen Hausherren schienen ausgeflogen.“

„Man sollte nicht meinen, dass man sich in Skaldbach aus den Augen verliert, was?“, meinte Aldrĭn. Er wusste, dass Ekiredis wenig von dem kleinen Ort hielt, der noch dazu so weit ab von allen größeren Städten lag. Als seine Schwester und sein gerade gewonnener Schwager sich damals in die nördlichen Lande verabschiedeten, hatte er kein Verständnis dafür zeigen, geschweige denn ihre Begeisterung teilen können, so fernab von Albenbrück sesshaft zu werden.

Ekiredis selbst war dem Albenbrücker Rat beigetreten. Schon nach einer Amtsperiode aber, welche fünf Jahre umspannte, hatte er sich aus der Politik zurückgezogen und hatte inzwischen ein gutes Einkommen als Kaufmann. Doch anstatt sich die Gepflogenheiten eines Patriziers anzueignen, genoss Ekiredis vornehmlich das Leben als reisender Händler. Die reichen und alteingesessenen Kaufmänner von Albenbrück sahen auf ihn herab, weil er ihre Ansichten und Einstellungen gegenüber dem Rat nicht teilte.

Er hingegen machte sich über ihre Selbstgefälligkeit lustig und amüsierte sich herzlich darüber, dass keiner der Patrizier je einen Fuß in die Länder gesetzt hatte, aus denen sie ihre kostbaren Waren empfingen. Somit genoss Ekiredis zwar nicht die Vorteile, welche ihm die Mitgliedschaft in der Kaufmannsgilde geboten hätte, doch war er umso ungebundener und freier in seinen Unternehmungen.

Dadurch, dass er jederzeit sein eigener Herr geblieben war, konnte er auch immer, wenn es ihm beliebte, nach Dysthirthéth reisen, um seine Verwandtschaft zu besuchen. „Gibt es Neuigkeiten aus der großen Stadt?“, fragte Aldrĭn. Sie schlenderten zwischen den Beeten um das Häuschen herum und gelangten in den Teil des Gartens, der hinter der Kate in Richtung Norden lag. Hier bedeckten Dappdill, Mangold und Kohlpflanzen die Erde. Hinter den Beeten blühten Apfelbäume neben den letzten Birnen und ergänzten den hölzernen Lattenzaun um eine Art natürliche Begrenzung des Gartens. Dahinter begann ein dunkler Wald, den die Skaldbacher Geltholz nannten und durch den nur ein schmaler Trampelpfad hindurch führte.

„Leider keine guten Neuigkeiten“, antwortete Ekiredis. Sein Tonfall wurde deutlich ernster und seine sonst so kecke Miene wandelte sich zu einem Ausdruck der Besorgnis. „Du weißt ja, dass immer wieder Stimmen laut wurden, die sich gegen den Elbenrat wandten“, erklärte er, „aber dieses Mal könnte es sich um eine ernstzunehmende Bedrohung handeln.“

Seitdem der Rat von Albenbrück nach Ende des triganischen Krieges auch von Ratsherren der Elben gestellt wurde, hatten sich vielfach Adelige und Ritter der alten Riege dagegen aufgelehnt, ihre Rechte und Privilegien nun mit den Alten Völkern teilen zu müssen.

Insbesondere diejenigen der Edelleute, denen man Land und Reichtümer genommen hatte, um sie den Elben zu überlassen, hegten einen ständigen Zorn gegen die neuen Lehensgenossen. Im einfachen Volk war man geteilter Meinung über die Alten Völker. Doch allein der Umstand, dass sich der abfällige Ausdruck Elbenrat etabliert hatte -trotzdem der Rat natürlich weiterhin auch von menschlichen Edelleuten gebildet wurde- zeigte die weit gestreute Skepsis gegenüber der Einflussnahme der Elben.