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Marie ist eine von rund 410.000 Ärzten in Deutschland. Doch ausgerechnet ihr erscheint ein mysteriöser Patient buchstäblich aus dem Nichts. Zufall? Wer ist der Mann, der schwerstverletzt mit den Stigmata Christi vor ihr liegt und für den sie seltsame Gefühle hegt, obwohl sie ihn gar nicht kennt? Sie beschließt, seine Identität zu ergründen und ihm bei der Bewältigung seines Traumas zu helfen. Doch sie selbst birgt ein grausiges Geheimnis, das sie bald einholen wird.
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Seitenzahl: 685
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ars Vivendi
Oder eine Geschichte über das Leben
Von Nadine Berger
1. Auflage, 2026
Text: © Copyright by Nadine Berger
Umschlaggestaltung: © Copyright by Nadine Berger
Verlag:
Nadine Berger
Trierer Str. 21
54316 Pluwig
Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Buchbeschreibung:
Marie ist eine von rund 410.000 Ärzten in Deutschland. Doch ausgerechnet ihr erscheint ein mysteriöser Patient buchstäblich aus dem Nichts. Zufall? Wer ist der Mann, der schwerstverletzt mit den Stigmata Christi vor ihr liegt und für den sie seltsame Gefühle hegt, obwohl sie ihn gar nicht kennt?
Sie beschließt, seine Identität zu ergründen und ihm bei der Bewältigung seines Traumas zu helfen. Doch sie selbst birgt ein grausiges Geheimnis, das sie bald einholen wird.
Nenne nicht das Schicksal grausam,
Nenne seinen Schluss nicht Neid;
Sein Gesetz ist ew’ge Wahrheit,
Seine Güte Götterklarheit,
Seine Macht Notwendigkeit.
Blick umher, o Freund, und siehe
Sorgsam, wie der Weise sieht!
Was vergehen muß, vergehet,
Was bestehen kann, bestehet,
Was geschehen will, geschieht!
Johann Gottfried von Herder
(1744 - 1803)
Die Gedanken sind frei ...
Die Gründe, ein Tagebuch zu schreiben, sind ebenso vielfältig, wie die Menschen selbst. Einige tun es, um ihre Gedanken im stressigen Alltag zu ordnen. Um wichtige oder schöne Ereignisse nicht zu vergessen, die ansonsten darin untergehen würden. Oder um sich, ähnlich eines Terminkalenders oder einer To-do-Liste, Notizen zu machen. Manche nutzen ein Tagebuch zur optimierten Lebensführung und protokollieren ihre Workouts, Essgewohnheiten sowie derlei andere Dinge. Der ein oder andere nimmt sich einen oft zitierten Satz aus Selbsthilfebüchern zu herzen: „Schreiben Sie jeden Tag zehn Erlebnisse auf, die gut waren“. Ein nettes Gespräch, der erfolgreiche Abschluss eines Projekts oder einfach mal ein ruhiger Tag, an dem nicht wie sonst das Chaos über einen hereingebrochen ist. Daneben existiert das Bedürfnis, den Frust über dieses und jenes ungehemmt rauslassen zu können, ohne Angst haben zu müssen, dem Kollegen, Freund oder Ehepartner auf den Schlips zu treten und damit Streit hervorzurufen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein literarisch wertvolles Werk handelt. Jeder ist in seinen Gedanken frei und jeder hat das Recht, über das zu schreiben, was ihn bewegt. Vielleicht mögen manche trotzdem zaudern. Trauen sich nicht, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, was durchaus nicht leicht ist. Haben Hemmungen, den eigenen Fehlern ins Auge zu blicken, fürchten sich davor, Rechenschaft abzulegen, und sei es nur vor sich selbst. Manche mögen sich auch fragen, was passieren wird, wenn brisante Gedanken in die Hände Unbefugter gelangen, fürchten sich vor der dann unvermeidbaren Konfrontation, vor den unschönen Dingen, die folgen werden.
Andere wiederum legen es genau darauf an. Hoffen darauf, gefunden, gehört zu werden. Sei es im Privaten oder weil sie ganz offen ihre Seelen mit der Welt teilen wollen. Ich war nie ein Freund allzu öffentlicher Offenbarungen, bei denen man den Eindruck hat, dass es dem Verfasser lediglich um Aufmerksamkeit des Ruhmes und des Geldes Willen geht. In gewissen Kreisen gehört es schließlich zum guten Ton, sein Leben in ein Hochglanzcover zu verpacken und es der Welt auf dem Silbertablett zu präsentieren. Ganz gleich, ob man tatsächlich etwas Interessantes und Lehrreiches zu erzählen hat, was die Allgemeinheit wissen sollte, oder nicht. Doch private Beziehungen auszuschlachten und mit anderen abzurechnen sollte definitiv privat bleiben.
Ich persönlich muss auch nicht wissen, wie es ist, als Sänger, Model, Fußballer oder was auch immer entdeckt zu werden und ganz groß rauszukommen. Aber natürlich ist es deren gutes Recht, den geneigten Leser auf ihrem harten Weg zum Ruhm teilhaben zu lassen. Sei es drum.
Ich bin diejenige, die die Öffentlichkeit fürchtet, diejenige, der es schwerfällt, mich selbst meinem engsten Umfeld zu offenbaren. Ich bin diejenige, die in ihrem stillen Kämmerlein sitzt und nach Worten sucht. Nichts erscheint passend. Nichts kann annähernd beschreiben, was in mir vorgeht. Ich fühle mich lächerlich, schäme mich meiner. Niemand würde das so unvollkommene Werk je zu Gesicht bekommen, dennoch messe ich mich an anderen Biographien und literarischen Meisterwerken. Suche nach einem Ausdruck, der es über die eigene Scham und Unzulänglichkeit heben und zu etwas Bedeutendem machen würde. Ein Werk, so tiefgründig und genial, welches mir ermöglichen würde, wie ein Schmetterling aus dem Kokon zu schlüpfen und in die Freiheit zu fliegen.
Ich blättere durch die Seiten des Buches, vieles durchgestrichen, korrigiert und wieder gestrichen. Ich bin frustriert und wütend, weil es nicht das ist, was mir vorgeschwebt hat. In meinem Kopf kenne ich die Geschichte ganz genau, jedes noch so kleine Detail. Ich sehe die Bilder vor meinen Augen als würden sie gerade passieren, aber die Worte können sie nicht annähernd beschreiben. Ein Gedanke gleich einem hoffnungsvollen Funken huscht durch meinen Verstand: Wenigstens habe ich es versucht. Ich habe mich nicht versteckt, sondern mich mit ihr auseinandergesetzt. Wenn dieser Versuch alles ist, was ich zustande bringen kann, dann ist es nun vielleicht an der Zeit, in die Realität zurückzukehren. Seufzend schmeiße ich das Buch in den Mülleimer und hole zum ersten Mal seit drei Monaten die Unterlagen des letzten Semesters hervor.
Sechs Jahre später bin ich kein Stück weiser. Arbeit ist mein Ventil geworden. Es fällt mir leichter, über das Schicksal anderer Menschen nachzudenken, als über mich selbst. Und lieber wühle ich in den Körpern meiner Patienten, als in der gut verschlossenen Truhe in meinem Kopf.
Ich atme, gehe meinem hektischen Alltag nach, übernehme gerne Überstunden, treibe meine Karriere voran. Dann und wann gehe ich aus und habe Sex. Ich merke nicht, wie sehr ich einem Roboter gleiche. Ich versuche nicht, mein Leben zu ändern, bitte nicht darum, erhört und erlöst zu werden. Glaube nicht an Absolution. Erst recht nicht an die Liebe.
Teil 1
Begegnungen
Kapitel 1
Pling ... pling ...
Das EKG gab unentwegt den stumpfen Ton des Lebens von sich. Es war mir bisher nie aufgefallen, wie hypnotisch es sein konnte ...
„Wie lange sitzt du schon hier?“
Ich schrak auf und erblickte aus müden Augen eine Frau in weißem Kettel und mit krausem schwarzen Haar. Ich hatte mich so in das Geräusch und das bedauernswerte Antlitz des Mannes verloren, der da in dem Bett lag und über den ich wachte, dass ich nicht einmal bemerkt hatte, wie meine liebste Kollegin hereingekommen war. Ich reckte und streckte mich und gähnte intensiv.
„Du weißt, dass es nicht gesund ist, so eine enge Beziehung zu einem Patienten aufzubauen?“ Doktor Leyla Abadi bedachte mich mit strengem Blick.
Selbstverständlich wusste ich das. Mitleiderregende Schicksale bot ein Krankenhaus viele, der Trick war, sie nicht zu sehr an sich heranzulassen, um nicht irgendwann als psychisches Wrack zu enden. Eigentlich fiel es mir nicht besonders schwer, denn für mich war die Medizin ein reizvolles Feld voller wissenschaftlicher Herausforderungen, ein nach wie vor großes Rätsel, das es zu lösen galt. Bei ihm war es irgendwie anders. Vielleicht lag es daran, dass er sonst niemanden zu haben schien, oder vielmehr an den Umständen, die mehr als mysteriös waren. „Schau mich nicht so an. Ich frage mich nur, wer er ist und wer ihm das angetan hat, das ist alles.“
Sie betrachtete mich auf eine Weise, als wüsste sie, was in mir vorging. „Das wüsste ich auch gerne. Aber ... du machst dir Gedanken, wie du ihm helfen kannst, wenn er aufwacht. Über das Medizinische hinaus, meine ich. Du möchtest es am liebsten ungeschehen machen, aber dann wärst du ihm nie begegnet. Du fühlst dich schuldig deswegen, kannst aber nicht anders und gleichzeitig fühlst du dich wahnsinnig hilflos und hast Angst um ihn. Du weißt, wie man das nennt?“
„So ein Blödsinn.“ Ich sprang auf und stolzierte aus dem Krankenzimmer, wie um ihr zu beweisen, dass ich noch anderes zu tun hatte und außerdem ganz gewiss nicht voller Anteilnahme in Trübsal zerfließen würde.
Sie folgte mir ohne Mühe. „Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.“ Leiser Humor lag in ihrer Stimme. „Hast du es etwa schon vergessen?“
„Natürlich nicht.“
„Dann weißt du ja, dass es in Ordnung ist, so zu fühlen. Aber du musst aufpassen, dass dein Urteilsvermögen nicht getrübt wird. Gib den Fall ab, wenn er dir zu nahe geht. Du kannst besser für ihn da sein, wenn du nicht für ihn verantwortlich bist.“
„Es ist nicht so, wie du denkst“, erwiderte ich gereizt. „Ich habe mich nicht in ihn verliebt.“
Sie hielt mich zurück. „Sicher? Du verbringst sehr viel Zeit bei ihm ... sehr viel mehr als notwendig wäre.“
„Er steht unter kontinuierlicher Beobachtung. Anordnung von Doktor Phillips.“
„Klar, aber dafür gibt es das Pflegepersonal.“
„Das chronisch unterbesetzt ist.“
„Wir auch.“
Ich seufzte entnervt. „Er ist mein Patient. Nichts weiter. Mein Urteilsvermögen ist nicht in Gefahr.“
Leylas mandelförmige Augen betrachteten mich weiterhin mit Argwohn. „Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist schon genauso blass und dünn wie er.“
„Ich bin immer blass und dünn, erzähl mir was Neues.“
„Du weißt, wie ich das meine. Geh zu Doktor Phillips und lass dich von dem Fall abziehen. Versuch Abstand zu gewinnen, um deinetwillen.“
Ich blieb stehen und gestikulierte wütend. „Leyla, wirklich! Es geht mir gut! Ich werde schon nicht durchdrehen.“
Damals war ich diejenige gewesen, die Leyla davon abgehalten hatte, vor Sorge um einen ihrer Patienten durchzudrehen. Damals, in unserem Praxisjahr, als der berüchtigte Herr Doktor Sauer ihr deswegen maßlose Inkompetenz und weibische Hysterie vorgeworfen und ihr nahegelegt hatte, doch besser zu ihren türkischen Kolleginnen der Putzkolonne zu wechseln. Abgesehen davon war es weder auf meinem noch auf Doktor Phillips Mist gewachsen, dass ich quasi die Rundumbetreuerin für John Doe spielen musste, aber das wusste Leyla nicht.
Der Mann, der mir das eingebrockt hatte, bog gerade um die Ecke und steuerte auf uns zu. „Ladys!“
„Professor!“, nickte Leyla höflich. „Wollen Sie zu uns?“
Man sah den Chefarzt des Klinikums, wenn überhaupt, in letzter Zeit nur noch mit angespannter Miene und finsterem Blick herumlaufen – die wirtschaftliche Lage, die Personalsituation, das anstehende Audit des Qualitätsprüfers. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Auf ein Wort in mein Büro, Doktor Wagner“, sagte er knapp und machte auf dem Absatz kehrt. Mir blieb nichts anderes übrig, als Leyla stehen zu lassen. Er schritt energisch voran.
„Professor, ich möchte mich noch mal entschuldigen für mein Verhalten heute Vormittag“ hechelte ich atemlos hinterher. „Aber wie ich Ihnen schon sagte, ich hielt es für das Beste –“
„Darum geht es jetzt nicht, Doktor Wagner. Jemand möchte Sie sprechen.“
„Wer?“ Wenn es darum ging, konnte ich mir nicht vorstellen, weshalb sonst ... außer ... aber ich hatte ihnen doch schon alles gesagt.
Um mich abzulenken, dachte ich an das, was Leyla gesagt hatte. Sie lag falsch. In meinem Leben gab es keinen Platz für romantische Gefühle. Nicht bloß wegen der Arbeit. Mein Vertrauen in Partnerschaft und Männern allgemein war arg erschüttert worden. Ich verzieh ihr Unwissen. Ich hatte ihr nie von Fabian erzählt. Warum eigentlich nicht? Sie hatte nicht gezögert, ihr dunkelstes Geheimnis vor mir preiszugeben. Als sie sich schluchzend in der Besenkammer vor Doktor Sauer versteckte und trotzig bemerkte, dass sie keine Türkin, sondern Iranerin war. Die Erbin einer edlen, persischen Familie, die zu einem Sumpf aus Kriminalität verkommen war. Der Vater und die Brüder herrschsüchtige, brutale Tyrannen mit einem kruden Sinn für Ehre, wenn es um ihre Frauen ging. Sie war mit ihrer Mutter zusammen nach Deutschland geflüchtet, als sie gerade mal dreizehn war. Geflüchtet vor einer Zwangsheirat mit einem wesentlich älteren Cousin. Sie hatte sich nicht gescheut, von den grauenvollen Dingen auf der Flucht durch die Wildnis bis zur Grenze der Türkei zu erzählen. Beide, Mutter und Tochter kämpften wie persische Löwinnen und schafften es, endlich in Deutschland angekommen, sich etwas aufzubauen, worauf sie stolz sein konnten. In der Schule war Leyla der Inbegriff einer Streberin, im Studium ebenfalls. Dann hatte sie sich in ihrem Praxisjahr in einen Patienten verliebt und wenig später heirateten sie. Er war ein anständiger Mann, der sie auf Händen trug.
Ist der Fremde verheiratet? Er trägt keinen Ring am Finger. Ist er ein Flüchtling? Hat er die Schlepper verärgert? Was ist geschehen?
Er sah aus wie ein Araber. Galt nicht in manchen dieser Länder Auspeitschen als übliche Strafe? Doch wie war er hierher gekommen? Von seinen Henkern war weit und breit keine Spur. Niemand suchte nach ihm, niemand vermisste ihn. Nicht einmal eine Ehefrau, eine Familie. Wieder musste ich daran denken, wie er mich angesehen hatte, in dem Moment, als ...
Der Professor öffnete die Tür zu seinem Büro. „Das ist Hauptkommissar Haupelt von der Kriminalpolizei. Er hat noch einige Fragen an Sie.“
„Guten Tag, Doktor Wagner.“ Ein sehr großer und sehr durchtrainierter Mann in Jeans und lässig über der Hose hängendem Hemd reichte mir freundlich lächelnd die Hand. Ein bulliger Typ mit rasiertem Schädel. Mein Blick fiel auf die Andeutung des Holsters an seiner Hüfte, in der sicherlich seine Dienstwaffe steckte. „Nicht schon wieder“, entfuhr es mir.
„Freut mich, Sie kennenzulernen. Sie haben meine Kollegen ganz schön in Verlegenheit gebracht.“
„Zu recht.“ Voller Genugtuung dachte ich daran, wie mir während der Befragung die Hutschnur geplatzt war und ich mich auf den unterschwelligen Vorwurf der Mittäterschaft, zu dem sarkastischen Kommentar verleiten ließ, ich hätte beim Frühstück beschlossen, einen Mann halb zu Tode zu foltern, nur so zum Spaß, ihn dann vor dem Krankenhaus abgelegt und mich an seiner Rettung beteiligt, um mich damit zu profilieren. Natürlich hätte ich auch Gammastrahlen gefrühstückt – wie Hulk – um überhaupt in der Lage zu sein, einen über achtzig Kilo schweren bewusstlosen Mann auf dem Fahrrad von meiner Wohnung hierher transportieren zu können. Quer durch die Stadt, damit jeder uns sehen könne. Doch sicherlich waren die Karnevalisten auf den Straßen bereits so betrunken gewesen, dass es ihnen gar nicht aufgefallen war.
Der Kommissar grinste, als würde er meine Schlagfertigkeit feiern. „Ich muss mich entschuldigen, meine Kollegen haben nur ihren Job gemacht.“
„Das haben die auch gesagt“, murrte ich unglücklich. Ich wollte gerade nichts mehr als schlafen.
„Ich sehe schon, ihr kommt klar“, sagte Professor Lorenz. „Ich muss zu meinen Patienten.“
Der Kommissar nickte und wies auf eine Gruppe schwarzer Ledersessel um einen gläsernen Tisch. „Setzen wir uns doch.“
Ich verdrängte die unangenehme Erinnerung an das Gespräch mit meinem Vorgesetzten von heute vormittag und steuerte auf genau denselben Sessel zu, in dem ich noch vor wenigen Stunden gesessen hatte, um mir meine Strafe abzuholen. Ich war mir nicht sicher, was ich von dem Riesen zu erwarten hatte. Noch eine Befragung gewiss, Fragen, auf die ich keine Antwort besaß. Sollte ich mir deswegen Sorgen machen? Der Typ wirkte wie ein Berserker aus alten Sagen und doch funkelten seine blauen Augen unschuldig drein, wirkten gar kindlich. Das Modell eines Skeletts grinste mir von der Ecke neben dem Bücherregal entgegen. Was meinst du, Kumpel? Welche Sorte Polizist ist er?
Der Kommissar betrachtete mich mit professioneller Distanz, aber nicht unfreundlich. „Sie müssen keine Angst vor mir haben. Ich weiß, ich sehe bedrohlich aus, aber eigentlich bin ich ganz zahm.“
„Ich habe keine Angst. Ich frage mich nur, welche Absichten Sie haben“, erwiderte ich geradeheraus und hielt stur den Blickkontakt. Er blinzelte. „Absichten? Ich versuche gerade, eine Straftat aufzuklären.“
„Tun Sie es nur, weil es Ihr Job ist oder weil Ihnen etwas an dem Opfer liegt?“
In ihm regte sich etwas. Nachdenklich lehnte er sich zurück. „Sie sprechen aus Erfahrung, nicht wahr?“
Ich rümpfte die Nase. „Das geht Sie nichts an.“ Sein Ausdruck gefiel mir nicht. Er wusste etwas über mich. So viel zum Thema Datenschutz und Persönlichkeitsrechte. „Ich bin nicht hier, um über Ihre Vergangenheit zu sprechen“, sagte er sanft. „Noch über mich urteilen zu lassen, inwiefern ich Mitgefühl für die Personen zu empfinden habe, deren Interessen ich mit meinem Schwur als Beamter und Polizist vertrete. Unser beider Berufe sind manchmal mehr als nur ein Job. Manche Kollegen mögen das vergessen haben, aber wir beide nicht.“ Er betrachtete mich weiterhin nachdenklich. „Ihr Chef hält große Stücke auf Sie, wussten Sie das? In diesem Sinne wäre es sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir helfen würden. Im Namen Ihres Patienten. Jedes noch so winzige Detail könnte wichtig sein.“
„Aber ich habe doch schon alles erzählt, was ich weiß.“
Es fühlte sich so an, als wäre es erst gestern gewesen, als die uniformierten Beamten vor meinem Krankenbett standen. Ich wusste es noch sehr genau. Es waren eine Frau und ein Mann. Sie löcherte mich mit Fragen, wenig einfühlsam, beinahe vorwurfsvoll, als sei ich selbst schuld gewesen, während er emsig in sein Notizblock schrieb.
Die Herren, die mich vor ganz genau einer Woche zu John Doe befragt hatten, erinnerten mich an die Situation damals, die unterschwellige Unzufriedenheit über die spärlichen Informationen und weil ich ihnen lästige Arbeit verursachte. Ich fühlte mich an die Skepsis erinnert, an das Gefühl, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Jede Frau sollte doch wissen, dass man sich auf so einen Kerl nicht einließ. Und bezogen auf den aktuellen Fall: Jetzt ist die komplett irre geworden, hat einen psychischen Schaden durch ihren Ex davon getragen, dass sie uns was von Geistern erzählen will, statt mit der Wahrheit rauszurücken. Frau Doktor Wagner war nicht imstande, Einzelheiten zur Aufklärung der Tat beizusteuern. So stand es in dem Bericht, den ich unterschreiben musste.
Allerdings machte der Kommissar nicht den Eindruck, als würde er mir auch nur den Hauch eines Vorwurfs machen. Seltsam, wie manche Menschen es schafften, Vertrauen zu stiften, allein durch ihre Ausstrahlung.
Außerdem siegte meine Neugier. Ich wollte endlich wissen, was es mit John Doe auf sich hatte.
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Kalter Wind blies in mein Gesicht und drang durch die dicken Winderhandschuhe. Ich fröstelte und strampelte schneller. Zum Glück war es nicht weit. Ich bog von der Straße am Moselufer nach rechts ab, dann nach einer Weile nach links und schon war ich da.
Mir graute es vor dem heutigen Tag, denn es war Rosenmontag. Karneval. Gebrochene Nasen von Schlägereien, Schnittverletzungen von Stürzen mitten in Glasscherben hinein, Alkoholvergiftungen. Spätestens um elf Uhr würden die ersten Sanitäter mit den Unbelehrbaren und Streitsüchtigen eintrudeln und bald würde sich die Notaufnahme in einen Zirkus krakelender Besoffene in dämlichen Kostümen verwandeln. Ein absoluter Albtraum!
Ich stieg vor den Fahrradständern ab, schloss die Kette um die Sattelstange auf, bückte mich und legte sie um Reifen und Ständer. Eine plötzliche und eiskalte Böe ließ mich fast vornüber kippen. Verwelkte Blätter wirbelten raschelnd im Rinnstein vor mir auf und der Wind zerrte an meinem Mantel. Schaudernd richtete ich mich auf. Dunkle Wolken schoben sich über den Himmel. Eine Krähe krächzte schauderlich. Jäh beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ein dumpfes namenloses Grauen. Wie wenn man einen Horrorfilm schaut und ahnt, dass jeden Moment etwas Schreckliches passieren könnte. Es fehlte nur noch die Musik, die mich immer dazu veranlasste, mein Gesicht unter der Fleecedecke zu verbergen. Ich bekam Gänsehaut. Doch außerhalb von Filmen glaubte ich nicht an böse Vorahnungen, also schob ich das Gefühl von mir und besann mich wieder auf den völlig realen Horror, der die kommenden Stunden meinen Alltag bestimmen würde. Ich wandte mich wieder meinem Fahrrad zu, zog die Kette zurecht, ließ das Schloss klicken. Wie merkwürdig! Noch immer fühlte ich die Gänsehaut unter der dicken Kleidung. Der Wind wirbelte meine Haare ins Gesicht; unwirsch wischte ich sie beiseite, stand auf, verstaute im Gehen den Schlüsselbund in meiner Umhängetasche, hob dann den Blick auf den Weg, den ich ging – und schrie auf. „Oh mein Gott!“
Der Mann lag mitten auf dem Weg, wo ich vor einigen wenigen Augenblicken mit meinem Fahrrad entlang gefahren war, genau vor der verschlossenen Tür des kleinen Geräteschuppens des Hausmeisters. Sonst war niemand zu sehen. Ich hielt mich nicht damit auf, nach einem Täter Ausschau zu halten oder zu überlegen, wie der Mann so plötzlich und unbemerkt hergekommen war – ob er vielleicht aus den Hecken gekrochen kam, während ich mein Fahrrad abschloss, denn andernfalls hätte ich ihn zuvor schon sehen müssen. Sofort griff ich nach meinem Handy, um Unterstützung zu ordern. Danach unterzog ich ihm einer ersten Bestandsaufnahme: Der Puls war schwach, kaum noch zu ertasten. Sein Körper, nackt abgesehen von dreckigen und blutigen Lumpen um seine Hüften, wirkte wie ein einziger Klumpen aus Blut und Schmutz und Blut lief in kleinem Rinnsal aus seinem Mundwinkel. Der linke Lungenflügel war in der Nähe des Herzens durch einen klaffenden Stich perforiert worden. Grundsätzlich war es schwierig, vor lauter Blut und verkrustetem Staub weitere Verletzungen auszumachen. Obwohl ... sein ganzer Körper schien eine einzige große Wunde zu sein, an vielen Stellen sickerte und tropfte es rot auf das graue Pflaster. Die Haut auf dem Rücken hing in Fetzen, bis tief hinunter ins Muskelgewebe; das Stück einer Rippe blitzte inmitten des unförmigen Klumpens aus zermatschter Biomasse hervor. Allein der Blutverlust hätte ihn eigentlich längst umbringen müssen.
Stichwunden, Schussverletzungen, auf allerlei Arten gebrochene Extremitäten, große Mengen an Blut ... alles nichts Neues für mich. Aber das hier ging jenseits meiner Vorstellungskraft! Ich bemerkte, wie ich zitterte, während ich ihn oberflächlich untersuchte. Zur Beruhigung atmete ich tief durch, schloss dabei für eine Sekunde die Augen. Als ich sie wieder öffnete, bot sich mir ein weiterer erschreckender Anblick: Man hatte ihm schwere Zimmermannsnägel durch die Handwurzelknochen und Fersen getrieben, zu welchem Sinn und Zweck, das wollte sich mir nicht erschließen. „Scheiße! Was zur Hölle!“
Die Abschürfungen und geröteten Einschneidungen wie von groben Stricken, die ihn kurz zuvor noch gefesselt hielten, erschienen bei alldem völlig belanglos.
Es mochte kaum mehr als eine Minute vergangen sein, seit er so plötzlich und unerklärlicherweise meinen Weg gekreuzt hatte, doch fühlte es sich so an, als wären bereits Stunden vergangen. Hilflos schickte ich ein Stoßgebet in Richtung des Gebäudekomplexes, wo sich jedoch nichts rührte. Keine Patienten, die draußen herumlungerten, um zu rauchen, keine Kollegen in Sicht. Keine einzige Menschenseele. Was äußerst seltsam war, denn normalerweise herrschte ständig ein reges Kommen und Gehen.
Ich zog meinen Mantel aus und breitete den flauschigen Stoff über ihm aus. Er fühlte sich bereits eiskalt an. Schwarze Haare klebten in feuchten Strähnen auf der stoppeligen Wange. Ich wischte sie beiseite und tastete erneut nach der Schlagader am Hals. Besorgt spürte ich das holprige Flattern unter meinen Fingerspitzen. „Wer hat dir das bloß angetan?“
Viel mehr als meinen Mantel und meinen Beistand konnte ich nicht spenden. Während des Studiums hatte ich als Rettungssanitäterin gearbeitet und war daher oftmals in Situationen gewesen, in denen nur der rasche Transport in die Klinik das Überleben sicherte. Das an sich war, ich würde nicht sagen, Routine, doch zumindest vertraut. Nicht vertraut war mir jedoch das Gefühl, als sei ich persönlich betroffen, als sei dieser Mann ein guter Freund, um dessen Leben ich bangte. Jetzt begann ich doch, mir Gedanken zu machen, suchte nach Reifenspuren, nach irgendwas, was sein Erscheinen erklären könnte. Doch da war nichts! Es war wirklich gruselig. Wieder schloss ich die Augen. Bildete ich mir das alles nur ein? Träumte ich und lag in Wahrheit noch in meinem Bett? Über mir zogen die kalten, dunklen Wolken hinweg, der Wind zerrte an mir und ließ mich frieren, vor mir lag nach wie vor der geschundene Mann und nach wie vor hielt mich diese unerklärlich starke Anteilnahme fest.
Irgendwo bemerkte mein Hirn die Schatten charismatischer, ausdrucksstarker Züge unter dem Elend, das jetzt sein Antlitz zeichnete. Die lange, gerade Nase zur Spitze hin ganz leicht nach innen gebogen, die langen Wimpern, die buschigen Augenbrauen in einem kantigen, schmalen Gesicht mit hohen Wangenknochen. Haut, die dunkel wie von einem Südeuropäer oder jemandem aus dem Nahen Osten sein müsste, wenn sie nicht aschfahl von stummer Qual wäre. Ein muskulöser Körper, nicht übermäßig trainiert, genau richtig proportioniert, klein im Vergleich zu den meisten Männern. Ein Körper, der es wohl gewohnt war, harte Arbeit zu verrichten, genauso kräftig sahen seine Hände aus. Hände, die zupacken und doch sanft sein konnten.
Endlich hörte ich das erlösende Rattern von Rädern auf Stein und dann ging alles ganz schnell! Gemeinsam und vorsichtig hoben wir ihn auf die Trage und eilten auf das Gebäude zu.
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Irgendetwas passte nicht.
Normalerweise machte es für mich keinen Unterschied, wer da auf der nüchternen Behandlungsliege lag. Ob ein Bauarbeiter, der vom Gerüst gestürzt war, oder der Präsident der Vereinigten Staaten, falls der sich je hierher verirren sollte, in dieser Situation waren für mich alle Menschen gleich. Aber irgendwie kam mir der Anblick des Mannes, der an all den Geräten und Schläuchen hing, befremdlich vor. Bordeauxroter Lebenssaft rann durch die Kanüle in seine Adern, der Endotrachealtubus pumpte Sauerstoff in seine Lungen, der Monitor überwachte seine Werte und wir erledigten routiniert unseren Job. Es fühlte sich absolut surreal an. Nicht ich war das Problem, obwohl ich mich zunächst fragte, was mit mir los war, ob ich über Nacht irgendeine Psychose entwickelt hatte oder eine Phobie, die mich glauben machte, ich hätte den falschen Beruf gewählt. Aber so war es nicht. Er war hier falsch, völlig falsch. Nein, natürlich war er am richtigen Ort, um seine Wunden versorgen und sein Leben retten zu lassen. Aber dies dürfte eigentlich gar nicht geschehen, eigentlich war etwas anderes für ihn vorgesehen. Das Gefühl verwirrte mich total.
Mit der Pinzette zog ich einen Holzsplitter aus einem der zahlreichen Striemen auf dem Rücken und drehte es fassungslos hin und her.
Eine grausame Art, jemanden hinzurichten. Dass es sich um eine Hinrichtung handeln musste, war mir auf dem ersten Blick klar gewesen. Eine brutale Inszenierung, entweder weil der Mann etwas sehr Furchtbares getan hatte und man sich aus Rache an den Qualen ergötzen wollte, oder eine Machtdemonstration zur Einschüchterung.
Nachdenklich betrachtete ich sein Gesicht. Ein Verbrechen, das eine solche Strafe unter archaischen Moralvorstellungen rechtfertigen würde, traute ich ihm nicht zu. Ich konnte es nicht wissen, aber da war wiederum so eine diffuse Ahnung.
„Nicht träumen, Doktor Wagner!“, ermahnte Doktor Phillips mich. „Wir haben noch viel zu tun.“
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„Können Sie das Gefühl noch näher beschreiben?“
„Nein, das kann ich nicht.“
Das Handy des Kommissars lag auf dem Tisch zwischen uns, erwartungsvoll lauernd; es zeichnete unser Gespräch auf. Er runzelte die Stirn, wirkte enttäuscht. Ich biss mir auf die Innenwand meiner Wange und schmeckte Blut. „Sie denken, ich bin verrückt, nicht wahr? So wie Ihre Kollegen, die meine Aussage aufgenommen haben.“
„Nein, das denke ich nicht. Ich glaube Ihrem Gefühl. Es passt zu dem, dass die Spurensicherung nichts, aber auch gar nichts gefunden hat. Aber das wird nicht reichen.“ Er kratzte sich an der Nase. „Sie sagen, es war eine Hinrichtung? Warum genau kommen Sie zu dieser Einschätzung?“
„Sind ein total zerfetzter Rücken und riesige Nägel in den Gelenken nicht ausreichend genug, um zu dieser Feststellung zu gelangen?“
„Der Begriff der Hinrichtung ist weitaus stärker als Mord, welcher nach dem Strafgesetzbuch nur aus niederen Beweggründen erfolgen kann. Eine Hinrichtung ist ein juristischer oder pseudojuristischer Akt, der eine Verurteilung voraussetzt. Eine Verurteilung für was? Wer hat sich zum Richter erklärt? Wer hat das Urteil vollstreckt?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“
„Wie kommen Sie darauf, dass es eine solche war, davon abgesehen, dass das Ziel offensichtlich nicht erreicht wurde?“
Ich schluckte schwer und erschauderte. „Weil es besonders grausam war. So systematisch. Sie haben ihn regelrecht zerfleischt. Sie wollten ihn möglichst lange am Leben halten bei größtmöglichem Schmerz.“
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Der Körper des Mannes war inzwischen vom Schmutz befreit und sein Rücken dick bandagiert worden. Wir bereiteten ihn gerade für die Operation vor, die Nägel zu entfernen, als er plötzlich das Auge, welches nicht zugeschwollen war, aufschlug. Unter ersticktem Keuchen versuchte er, sich gegen den Fremdkörper in seinem Rachen zu wehren. Für nicht mal den Bruchteil einer Sekunde hatte der Mann mich erblickt, sah mir direkt in die Augen, dann flackerten seine Lider, die Augäpfel drehten sich nach innen und er krampfte. Ein paar Sekunden später gab das EKG dieses durchgehende Geräusch von sich, dass mir noch immer durch Mark und Bein ging.
Die Stromstöße ließen den Mann erbeben. Als das nichts half, warf ich die Paddel weg und reanimierte mit meinen bloßen Händen. Ich kämpfte, wie ich noch nie zuvor um jemanden gekämpft hatte, denn wenn ich es nicht täte, würde ich es mir niemals verzeihen. Der Schleier lüftete sich bereits und das große Unbekannte dahinter wurde greifbar. Ich konnte es spüren. Ich selbst hatte einmal davor gestanden.
Der durchgehende Streifen auf dem Monitor verwandelte sich endlich zurück in den beruhigenden Sinusrhythmus. Fürs Erste zog sich der Schatten zurück.
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„Es war definitiv eine Hinrichtung“, wiederholte ich entschlossen in Gegenwart des Kommissars. „Ich vermute, sie dachten, er sei tot. Denn eigentlich müsste es so sein.“
„Warum haben sie ihn dann vor einem Krankenhaus abgelegt?“
„Tja, das ist die Preisfrage, oder? Es macht absolut keinen Sinn. Hören Sie, können wir es nicht dabei belassen? Ich bin wirklich fertig, ich muss ins Bett.“
Da war es wieder, trotz aller Höflichkeit, diese Unzufriedenheit im Gesicht des Polizisten. „Ich würde gerne unsere Unterhaltung fortsetzen. Irgendetwas muss es geben, was wir, was Sie übersehen haben. Außerdem würde ich mich gerne mit ihm unterhalten, sobald er vernehmungsfähig ist.“ Er reckte sich nach dem Handy und tippte darauf herum. „Passt es Ihnen nächsten Dienstag? Sagen wir um zwölf Uhr?“
Ich massierte stöhnend meinen schmerzenden Nacken. „Von mir aus.“
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Erschöpft starrte ich an die Decke des Schwesternzimmers.
Die trostlosen, nackten Äste eines Baumes wiegten sich vor dem Fenster. Die schmucklosen Lamellen der Jalousie klackerten leise in der Zugluft des gekippten Spalts. Hervorgerufen durch das Gespräch mit dem Kommissar, kehrte ich in Gedanken erneut an die Ereignisse jenen Tages zurück und musste zynisch grinsen. Wie man sich doch in seinen Erwartungen täuschen kann! Von wegen bloß der übliche Wahnsinn zu Karneval.
Was war der Grund, weshalb ich so erbittert um sein Leben kämpfte? Wieso bedeutete es so viel, dass ich es sein musste, die ihn zurückgeholt hatte? Wieso zitterte ich so sehr bei der Erinnerung an den Moment? Ich zog die Decke enger um mich. Wieso war es so wichtig, dass ich mich um ihn kümmerte?
****
Nico und ich wollten unseren Facharzt in der Unfallchirurgie machen und waren begierig auf jede Operation. Mit Enthusiasmus und gesunder Konkurrenz suchten wir nach jeder sich bietenden Gelegenheit, uns zu beweisen. Es war ein Wettbewerb und wir puschten uns gegenseitig, spielten einander aus, auf freundschaftliche Weise. Dieses Mal trieben mich weder persönlicher Ehrgeiz noch medizinische Faszination. Vielmehr war die Operation wie ein ganz persönlicher Albtraum, die ganze Situation ein grausiger Splatter, ein blutiges Massaker im Schlachthaus, und doch konnte ich nicht anders. Ich durfte ihm nicht von der Seite weichen. Das Gefühl hielt an, als wir ihn auf die Intensivstation brachten.
Ich ließ mich von Nico entschuldigen und half, die Maschinen anzuschließen, die Infusionen anzuhängen, wusch sein Gesicht, seine Haare, die verfilzt waren mit getrocknetem Blut, Schweiß, Dreck und Erbrochenem.
„Ich bin für dich da“, hörte ich mich flüstern und kämmte zärtlich durch die schwarzen Strähnen. „Ich lass dich damit nicht allein.“
Kapitel 2
Pling, pling, pling ... Was ist das? Pling, pling, pling ...
Wärme ... Wohlige Wärme ... Keine Schmerzen ...
Pling, pling, pling ... Ein beständiges Piepsen und dazwischen ... Eine Stimme ... Undeutlich ... Unverständlich ... Die einer Frau.
Dichter Nebel in seinem Kopf ließ nur bruchstückweise Eindrücke zu. Er fühlte sich schwer, körperlos und doch physisch existent. Sein Mund fühlte sich trocken an. Rau.
Irgendwoher kam ein merkwürdiges Röcheln. Verzögert erkannte er, dass er selbst dieses Geräusch verursachte, indem er heiser hustete.
Ein Gedankenblitz huschte durch seinen trägen Verstand. Oder eher eine Frage: Muss man husten, wenn man tot ist? War er überhaupt tot? Es fiel ihm schwer, seine Gedanken zu sammeln. Kaum versuchte er, sie zu packen, sich zu erinnern, wie es war, ein denkendes, lebendes Wesen zu sein, zerrannen sie wie Sand, der durch die geöffneten Hände fließt und nichts hinterlässt als vielleicht ein paar winzige Körner, die in den Falten hängen bleiben. Wie hatte er sich den Tod vorgestellt? Er brauchte lange, die richtigen Worte zu finden. Ja ... Frieden, Glückseligkeit. Aber er fühlte sich eher so wie ... als hätte er zu viel Wein getrunken. Benommen. Müde. Schwach.
Er spürte die weiche Unterlage, auf der er lag, die Wärme, die ihn einhüllte; er spürte seinen Körper als ein merkwürdiges, taubes Ding, existent und auch wieder nicht. Seine Ohren jedenfalls funktionierten, sein Geruchssinn ebenfalls, nur konnte sein Verstand die Informationen nicht einordnen. Er atmete, nur so viel war sicher. Träge bewegte er seinen Kopf. Hob sachte die Hand von der Unterlage. Er versuchte, seine Finger zu krümmen – es gelang ihm nicht.
Wieder musste er husten. Er hatte schrecklichen Durst. Langsam öffnete er die Augen. Blinzelte gegen die plötzliche Helligkeit an. Alles war undeutlich, lag unter Nebelschlieren verborgen. Feuerrote Haare und grüne Augen; die Gestalt einer zierlichen Frau war das Einzige, was er wirklich wahrnehmen konnte. Sie drückte einen Becher an seine Lippen. Kühle Flüssigkeit rann wohltuend seinen wunden Rachen hinunter. Wer war sie? Ein Engel? Sein Verstand formte ein Wort und seine Kehle einen heiseren Laut: „Adonai?“
Sie sagte etwas, aber er verstand die Bedeutung ihrer Worte nicht. Er wollte noch etwas fragen, aber er fühlte sich so furchtbar müde. Schlafen. Er musste nur ein wenig schlafen ...
****
Pling, pling, pling ...
Er zuckte, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen, die ständig um ihn herum sauste. Eine Erinnerung kämpfte sich aus den Tiefen seines Verstands empor. Er hatte das Piepsen schon mal gehört. Begleitet von dem dumpfen Gefühl, dass Körper und Geist noch existierten. Er noch lebte. Vielleicht hatte er es zuvor schon geahnt, doch erst jetzt wurde ihm diese Tatsache wirklich bewusst. Und mit diesem Bewusstsein wurde er von allen anderen Erinnerungen eingeholt, nein, überflutet! Sie zerrten an ihm wie die unbarmherzige See an Noahs Arche, rissen ihn fort zu den letzten Stunden seines Lebens. So klar und grausam, als sei er noch mittendrin. Als würde er gerade in diesem Moment in Staub und Blut kauern, während die Schläge auf ihn nieder prasselten. Er schnappte nach Luft, kämpfte gegen die tosende Gewalt und das Ersticken, stemmte sich gegen die unbarmherzigen Qualen, mit allem, was er noch an Kraft aufbringen konnte. Ein Gedanke, ein einziger Gedanke trieb ihn: Nicht noch einmal!
Doch als er die Augen aufschlug, erblickte er nicht die vertraute und grausame Welt, deren Teil er gewesen war, für die er dieses Martyrium auf sich genommen hatte. Weder zeigte sie den staubigen überhitzten Platz, wo sie ihn folterten, noch das Gefängnis, den Tempel oder das Haus eines Menschen, ob Freund oder Feind, der ihn aufnehmen würde; kein Mensch würde an so einem Ort wohnen. Was immer das für ein Ort war. Welche Wesen sie auch waren und welche Absichten sie verfolgten, die ihn hergebracht und – er hob einen Arm in sein Blickfeld – seine Wunden mit dickem strahlend weißen Verband versorgt hatten. Es war kein Ort, der Zuversicht in ihm auslöste. Im Gegenteil, bei dem Anblick der bizarren Einrichtung, für die er nicht einmal Wörter kannte, und der Dinger, die an und in seinem Körper steckten, die mit dem blinkenden und piependen Kasten verbunden waren, auf dem fortwährend Kurven schwammen, wurde er abermals von den tosenden Fluten überwältigt. Es gab nichts mehr zwischen ihm und den gewaltigen Massen, die sich zu Ungeheuern auftürmten. Zu Monstern, die ihre Mäuler aufspannten, um ihn zu verschlingen. Er war ihnen schutzlos ausgeliefert. Verzweifelt schlug er um sich und traf einen von ihnen, der sich grollend zurückzog. Doch ein stechender Schmerz ließ ihn kraftlos niedersinken, während sich die Leviathane boshaft herunter beugten und die Zähne fletschten. Aber dann – ein roter Feuerball teilte die aufgepeitschte See. Die Ungeheuer wichen zurück. Er rang nach Atem, kroch von ihnen fort, bis er mit dem Rücken gegen etwas Hartes stieß.
Schlagartig verschwand das Wasser und ließ ihn in dem seltsamen Raum zurück, japsend wie ein Fisch, der an Land gespült worden war. Keine Leviathane. Zwei Männer in grüner Kleidung, einer von ihnen, der sich an etwas klammerte, um nicht zu fallen, blutete heftig aus der Nase, der andere diskutierte aufgebracht mit einer Frau. In seinem Wahn hatte er sich aus dem hohen Gestell gestürzt, war über den Boden gekrochen, hatte dabei eine frische rote Schleifspur hinterlassen. Hatte mit den Männern gerungen, die ihn festhielten und versucht hatten, ihm etwas zu verabreichen. Seine Hand zitterte unkontrolliert, weigerte sich beharrlich, zu gehorchen, Schweiß tropfte in seine Augen, sein Rücken brannte höllisch. Wie war es ihm möglich gewesen, einem von ihnen die Nase zu brechen? Er atmete hastig und doch schrie seine Brust nach Luft, die ihn kaum erreichte. Schon verdunkelte sich sein Blick. Einzig die Angst hielt ihn bei Bewusstsein. Und widerwillig fasziniert starrte er auf die Frau. Ihre Haut war so weiß, dass das Grün ihrer Kleidung umso intensiver leuchtete. Ihr Haar hingegen schimmerte so prächtig wie reines Kupfer, das sie zu einem Zopf geflochten, aber ohne Bedeckung präsentierte. Während alles um ihn finster wurde, strahlte sie umso heller; sie kam ihm bekannt vor und es schien irgendwie wichtig, für sie wach zu bleiben. Er konzentrierte sich darauf, wie sie leidenschaftlich argumentierte, auch wenn er nichts davon verstand, wie sie sich offenbar letztlich durchsetzte, und sich ihm zuwandte. Wie sie auf ihn zukam und sich mit etwas Abstand auf den Boden hockte, ihn ihrerseits betrachtete. Er starrte sie weiterhin an, registrierte dumpf ihre seltsame Aufmachung. Sie tat nichts.
„Wer bist du?“, versuchte er zu sagen, stattdessen drangen bloß gurgelnde Geräusche aus seiner Kehle; er hustete schmerzvoll und spuckte Blut. Besorgt rückte sie näher, wollte nach ihm greifen, doch er drängte sich furchtsam von ihr weg, drückte sich gegen das Hindernis, das ihm den Fluchtweg versperrte, was noch mehr Schmerzen in seinem Rücken auslöste. Sterne tanzten vor seinen Augen, die Schatten krochen unaufhaltsam auf ihn zu. Aus ihnen drangen die Männer, die Frau hielt sie unwirsch zurück. Geduldig wartete sie ab.
Er wusste, dass er starb. Endlich. Schließlich hatte es sich die ganze Zeit, sein ganzes Leben lang darum gedreht, sterben zu müssen. Aber alles, was er empfand, war Furcht. Vor dem Tod. Vor dem Bleiben. Vor dem, was geschehen würde. So oder so.
Das Antlitz der Frau glühte, es war loderndes Feuer und doch verbrannte es ihn nicht.
Vielleicht ... vielleicht ...
Mit letzter Kraft reckte er sich nach ihr, versuchte, sie zu erreichen. Dann war es vorbei.
Kapitel 3
Es war dunkel in dem Zimmer. Die einzige Lichtquelle war eine LED-Röhre über dem Bett, die in sanftem Gelb leuchtete.
Der Mann war ruhiger geworden, er warf sich nicht mehr so viel hin und her, aber das Fieber war nach wie vor lebensbedrohlich hoch. Das Seltsame daran: Es gab nichts, was die Heftigkeit des Fiebers erklären könnte. Freilich, die Entzündungswerte waren etwas hoch, was nicht verwunderlich war, wenn man mit rostigen Nägeln traktiert wird und sich schwer verwundet im Dreck wälzt. Doch in Anbetracht der Umstände wiederum erstaunlich niedrig und sie deuteten nicht auf eine schwere Infektion hin. Die Panikattacke hatte mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt und ihm einige gerissene Nähte beschert. Doch als ich ihn vorgestern verließ, war ich einigermaßen optimistisch gewesen. Hatte sogar während des Gesprächs mit dem Kommissar daran gedacht, dass der Fremde bald selbst Licht ins Dunkel bringen könnte, statt das ich noch weiter von der Polizei belästigt werden müsste. Dann würde sich das Mysterium aufklären, meine verwirrenden Gefühle würden sich legen und ich könnte wieder zum Alltag zurückkehren.
Das Gegenteil schien jetzt der Fall. Und mehr denn je bangte ich um sein Leben. Die Antibiotika rannen wirkungslos in seine Venen. Wie viel Zeit blieb ihm noch? Wie lange saß ich schon an seiner Seite?
Es war derselbe Blick, derselbe wilde Schmerz, bevor das Herz stehen geblieben war ... bevor die Ohnmacht kam. Dieser Blick, dieser Moment wollte mir nicht aus dem Kopf. Ich hatte Hoffnung in seinen Augen gesehen; ein kleines Licht am Ende des Tunnels, wonach er zu greifen versuchte. Stattdessen verwandelte sich das, was er zu sehen geglaubt hatte, in ein grausames Feuer, das ihn Stück für Stück verzehrte. Nicht mehr lange, dann würde nichts mehr von ihm übrig sein.
Traurig klammerte ich mich fester um seine Hand und starrte blicklos auf den Monitor, der den schwachen Rhythmus seines Herzens anzeigte.
Was ich gesehen hatte, erinnerte mich daran, wie es mir einst ergangen war. Ich kannte den Gegensatz zwischen der Sehnsucht nach der endlosen Stille und der Hoffnung, im Leben würde der Schmerz doch noch vergehen. Ich kannte die Angst vor dem Weitermachen und gleichzeitig davor, dass der Tod keinen friedvollen Ausweg bietet. Ich kannte die Zweifel, den Widerspruch und wie es einen zerreißt. Damals, nachdem die Ärzte einen Teil von mir entfernen mussten, hatte ich es am eigenen Leib erfahren. Es war notwendig gewesen, um mein Leben zu retten. Aber ohne diesen Teil weiterleben zu müssen, war mir unmöglich erschienen. Dennoch lebte ich. Es war nicht unbedingt so, dass ich diese Entscheidung getroffen hätte. Ich wollte den Tod einige Zeit so sehr, dass ich wirklich versucht hatte. Trotzdem saß ich jetzt hier. Und haderte mit meinem Eid, den ich als Ärztin geschworen hatte.
Unnötig, den Mann so leiden zu lassen. Es könnte so schnell vorbei sein, schmerzlos, wie bei Tieren – er würde nicht einmal etwas merken. Es war unmenschlich, einen Menschen, der nicht leben wollte, am Leben zu erhalten. Andererseits wäre ich dann ebenfalls längst in der Kiste. Jetzt wollte ich nicht mehr sterben, ich hatte mich arrangiert, mein altes Ich begraben und von vorne angefangen.
Mir schien, das Fieber war der Ausdruck eines Kampfes, der in ihm tobte, um die bessere Alternative. Offensichtlich war der Tod drauf und dran, zu siegen. Was war es, weshalb er sein Leben aufgeben wollte? Was hatte er alles erleiden müssen? Wie schmerzvoll muss es sein, den Rücken derart zerfetzt zu kriegen? Wie schmerzvoll, diese Nägel in die Gelenke reingehauen zu kriegen?
Armer Mann ...
Wozu?
Ein leises Keuchen kam unter der Beatmungsmaske hervor, was kein Zeichen der Hoffnung war, dass er demnächst aufwachen würde. Er schien weit, weit weg. Gefangen in finsteren Träumen. Ich strich sanft über seine schweißnasse Stirn.
Geisterhafte Haut, inzwischen fast so blass wie meine eigene, spannte sich um eingefallene Wangen. Den Mann, der bei seinem Erscheinen noch so robust gewirkt hatte, fest im Leben stehend, mit den edlen Zügen eines orientalischen Prinzen und der Physis eines Athleten, der ordentlich Gewichte bewegte, diesen Mann gab es nicht mehr. Ich hoffte, er würde zurückkehren. Doch zu welchem Preis? Traumatisiert, gebrochen.
Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er etwas getan haben soll, was eine solch barbarische Strafe rechtfertigen würde. Bei dem Gedanken an die Täter wurde mir ganz schlecht vor Zorn. Wie würde es dann erst ihm ergehen, wenn er aufwachte? Wie war es ihm ergangen, als das Urteil über ihn gefällt worden war, wie, als er hatte darauf warten müssen – gefesselt, machtlos den Bestien ausgesetzt? Was würde die Polizei herausfinden? Was wäre er bereit, der Polizei anzuvertrauen? Würde er überhaupt je wieder Vertrauen zu irgendwem finden können? Erst recht zu denen, die für Recht und Gesetz zuständig waren? War ihm bewusst, dass ihm hier nicht dasselbe geschehen würde? Er in Sicherheit war? Die kurzen Momente, in denen er wach gewesen war, hatten nicht ausgereicht, es ihm klarzumachen. Nicht erst die Panikattacke verschaffte mir den Eindruck, er sei verwirrt, orientierungslos, was aber lediglich an seinem Zustand liegen könnte. Warum hielt sich das Gefühl so hartnäckig, dass er einfach nicht hierher gehörte? Dass er anders war als normale Menschen?
Da fiel mir wieder ein, was er gesagt hatte, als er einmal kurz aufgewacht war. „Adonai“. Ich hatte es inzwischen gegoogelt. Ein jüdisches Wort für Gott; offenbar war er ein gläubiger Mensch. War das der Grund für dieses befremdliche Gefühl? War er einer von diesen Ultrakonservativen, die sich von der modernen Zivilisation fernhielten und nur in ihrer eigenen rückständigen Bubble blieben? Seit wann besaß ich eine so gute Menschenkenntnis, das erkennen zu wollen? Eigentlich war das nicht gerade meine Stärke und diese typischen Ringellocken besaß er jedenfalls nicht. Selbst wenn, es sollte keinen Unterschied machen, ob er ein orthodoxer Jude war, ein Amischer, Mormone oder zu sonst einer Gruppe gehörte, die ich privat eher ins Mittelalter verordnete. Nicht für mich als Ärztin, nicht solange er mein Patient war.
Es sollte mich nichts angehen, was er womöglich verbrochen hatte, nach welchem archaischen Recht er bestraft worden war. Es war Sache der Polizei, das aufzuklären, und Sache der Psychologen, wenn er ihren Dienst denn in Anspruch nehmen wollte, ihm zu helfen, mental damit fertig zu werden. Egal, welches Geheimnis er verbarg, ich sollte ihn als den sehen, der er war: Ein Patient, wie jeder andere auch. Ich sollte nicht an seiner Seite sitzen, Händchen halten, bangen und in Mitleid zerfließen und mir all diese Fragen stellen. Ich tat es trotzdem.
****
Irgendwann schaute ich auf meine Armbanduhr. Zehn vor zwei. Meine Augen brannten vor Müdigkeit und mein Rücken tat weh vom Sitzen, aber ich wagte es nicht, ihn allein zu lassen. Nicht heute Nacht. Das stete pling, pling des EKG begleitete mich. So hypnotisierend es auch war, so erleichternd war es auch, es noch zu hören. Oder auch nicht? Als ich Patientin im Krankenhaus gewesen war, hatte ich mich gefühlt, als hätte man mir das Herz heraus gerissen. Ich hatte die Töne meines Organs gehört, hatte die Sinuskurven auf dem Monitor gesehen, aber ich fühlte es nicht. Da waren nur Kälte und ohnmächtige Wut!
„Sieh es mal so, jetzt kannst du nach vorne schauen und endlich dein Studium abschließen“, geisterte die Stimme meiner Mutter in meinem Verstand. Für diesen Spruch hatte ich sie aus dem Zimmer verbannt und aus meinem Leben. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Ich vermisste sie, aber ich schämte mich zu sehr, als dass ich auf sie zu gehen könnte. Zu viel war geschehen, zu sehr hatte ich darauf beharrt, dass Mutter im Unrecht war – obwohl, wenn ich von Anfang an auf sie gehört hätte, all das nicht geschehen wäre. Zuerst war ich zu blind gewesen, dann schon zu sehr abhängig von Fabian, dann zu verletzt und zu stolz ... dann war zu viel Zeit vergangen, um den Weg zurück zu ihnen zu finden.
Hatte dieser Mann jemanden enttäuscht? Hatte er seine Familie verprellt? Hatten sie ihn verstoßen? War er tatsächlich Angehöriger einer religiösen Sekte und hatte gegen deren Regeln verstoßen? Allein das, was man zum Beispiel im Allgemeinen von der Scharia hörte, reichte mir, um zu ahnen, dass Folter bis zum Tod in diesem Milieu nicht unrealistisch war. Die Taliban taten das bestimmt täglich. Mit Abtrünnigen gingen sie wahrscheinlich nicht zimperlich um. Wer, abgesehen von radikalen Gruppierungen, würde sonst noch so etwas tun? Welche Organisation? Mir schwirrten Filme durch den Kopf, wo Geheimdienste solche Methoden nutzten, um Informationen zu bekommen.
Ein buchstäblich durch den Fleischwolf gedrehter Mann wird vor einem Krankenhaus abgelegt, ohne dass ich es bemerkt habe, und der Täter ist genauso spurlos verschwunden, wie es überhaupt Spuren von irgendwas in diesem Fall gibt. Ein nackter Mann, der statt einer Unterhose einen schmuddeligen Lendenschurz trägt – was ja wohl völlig aus der Zeit gefallen ist – keine Papiere dabei hat, keiner hat sich bisher nach ihm erkundigt, der beschnitten ist, arabisch aussieht und das einzige Wort, was er bisher gesagt hat, ist „Adonai“. Zu welcher anderen Schlussfolgerung soll das führen, wenn nicht zu einer beschissenen Sekte?
Viertel nach zwei. Ich hängte eine neue Infusion an, erneuerte die Wadenwickel und tupfte ihm den Schweiß von der Stirn. Er zuckte im Traum.
Hat er beschlossen, auszusteigen? Hat er unehelichen Sex gehabt? Hat er seine Frau betrogen? Hat er irgendwelche Rituale missachtet? Zu wenig gebetet? Für eine Weile grübelte ich darüber nach, welche Sünden es geben könnte, die in der widerlichen Gedankenwelt solcher Spinner eine solche Strafe erforderten. Gotteslästerung?
Was immer der Grund war, ich verachtete sie dafür, doch bezweifelte ich, ihm würde Gerechtigkeit zuteilwerden. Zum einen zweifelte ich schon daran, dass der Täter je gefunden würde, zum anderen: Gerechtigkeit und deutsche Justiz waren für mich ein Widerspruch in sich.
Armer Mann ... Traurig betrachtete ich ihn, streichelte über seinen Arm.
Pling, pling ...
Mein Kopf wurde schwer ... Gedanken kreiselten und wurden zu einem wirren Traum ...
Ich schrak auf. Im Schatten bewegte sich etwas. „Leyla? Bist du das?“
Eine Frau löste sich aus dem Schatten. Nicht Leyla. Eine gänzlich fremde Person. Zuerst dachte ich an eine Nonne und musste unweigerlich an diesen einen Horrorfilm denken. „Wer sind Sie? Wie sind Sie hier reingekommen?“
Ich warf einen Blick zur Tür, doch sie war geschlossen. Außerdem hatte ich nicht gehört, dass jemand reingekommen war. Nun, was nicht gerade beruhigend war, wenn man das Bild eines Dämons im Habit vor Augen hat.
„Wer sind Sie?“, wiederholte ich schrill.
Dann fiel mir auf, dass sie kein Gewand der Nonnen trug, sondern etwas, das Ähnlichkeit mit diesen schwarzen Ganzkörperfummeln gläubiger Muslimas besaß, nur aus deutlich gröberem Stoff, dunkelgrau und nicht das ganze Gesicht verschleiernd. Die Frau ignorierte mich komplett. Stattdessen trat sie ans Bett, setzte sich auf die Kante, nahm sein Gesicht zaghaft in ihre beiden Hände und begann leise in einer fremden Sprache auf ihn einzureden. Aus den zärtlich klingenden Worten wurde bald ein leiser Singsang. Hübsch anzuhören, obwohl ich kein Wort verstand. Fasziniert beobachtete ich sie. Offensichtlich war er ihr mindestens so vertraut wie ein enger Freund oder naher Verwandter. Kleiner noch als ich es war und zierlich, wirkte sie doch so robust und hart im Nehmen, wie niemand sonst, den ich kannte. Dieser Kontrast zu der, ja schon mütterlichen Sanftheit, mit der sie ihn behandelte, ließ mich gebannt auf meinen Stuhl zurücksinken. Jetzt bemerkte ich auch die verblüffende Ähnlichkeit ihrer Gesichter. Wenngleich das Leben tiefe Furchen gegraben hatte, waren die edlen Züge und das freundliche Wesen unverkennbar. Es waren derselbe Teint, dieselbe Augenpartie, in der nun Tränen schimmerten, dieselbe sympathische Aura, die auf ehrliche Herzlichkeit und Güte schließen ließen. Leute, die sich für andere einsetzen, für die respektvoller Umgang und Altruismus keine Fremdwörter waren. Vielleicht fiel es mir deshalb so schwer, in ihm einen Verbrecher zu sehen.
Eine ganze Weile hörte ich ihrem Singsang zu. Erneut fühlte ich mich in einen Traum versetzt, obwohl ich dieses Mal hellwach war und mir nichts ferner lag als finstere Gedanken.
Auf einmal zuckte sein Kopf, nicht unbewusst wie im Fiebertraum, sondern er wandte sich ihr zu und schaffte es sogar, die Lider ein Stück weit zu öffnen. Sie lächelte zärtlich auf ihn herab. Ich bezweifelte, dass er sie erkannte, und es war auch nur ein kurzer Augenblick. Aber es war ein Moment der Hoffnung.
Sie verweilte an seiner Seite, hielt seine Hand und sang leise vor sich hin. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn plötzlich war sie fort und vor dem Fenster des Intensivzimmers erwachte ein neuer Tag. Doch er war immer noch am Leben.
Kapitel 4
Nach jener mysteriösen Nacht redete ich mir ein, nur geträumt zu haben. Die Frau war nicht real gewesen, konnte sie nicht sein. Wo sollte sie denn so plötzlich hergekommen sein, nur um dann wieder zu verschwinden, wenn es doch offenbar um einen nahen Verwandten oder sogar um ihren Sohn ging.
Das Fieber allerdings schwand zu meiner Überraschung fast genauso schnell wie die Frau. Schon gegen Mittag war seine Temperatur beinahe wieder im Normalbereich. Er war inzwischen in einen tiefen Schlaf gefallen; seine Atemzüge gingen auch ohne Hilfsmittel ruhig und gleichmäßig.
Ich nutzte die Gelegenheit, frische Luft zu schnappen. Draußen fand ich eine freie Bank und biss genüsslich in ein Sandwich. Während ich kaute, ließ ich den Blick schweifen, beobachtete die Leute, die ein und aus gingen, die vor dem Haupteingang warteten, rauchten oder an ihren Smartphones spielten. Nico und Leyla entdeckten mich, kamen auf mich zu und ohne, dass wir uns absprechen mussten, gingen wir eine Runde um den großen Gebäudekomplex spazieren. Sie waren in ein Gespräch vertieft, ich schloss mich ihnen nur an, kaute an meinem letzten Bissen Schinken-Käse und warf im Vorbeigehen das Brotpapier in einen Mülleimer.
Mir war völlig klar, wie besessen ich von dem Mann war. Ich steckte wieder in diesem Tunnel, wie damals im Studium, nach der Sache mit Fabian, als Fachbücher und meine Mitschriften aus den Vorlesungen meine selbstauferlegten Ketten waren, nur um nicht über das Vergangene nachdenken zu müssen. Um nicht dem Schmerz Tür und Tor zu öffnen. Jetzt war es ähnlich, ironischerweise mit einem Unterschied: Sein Schmerz war mein Schmerz und trotzdem wollte ich schnell wieder zurück zu ihm. Sollte Leyla am Ende Recht behalten?
„Wir sollten mal wieder zusammen ausgehen“, sagte Nico unvermittelt. „Das letzte Mal ist schon ewig her und ich vermisse euch.“ Er ging in der Mitte und schlang seine Arme um unser beider Schultern. Leyla lachte vergnügt. „Wir sehen uns doch jeden Tag. Na gut, fast jeden.“
„Das ist nicht dasselbe.“ Nico tat empört. „Es wird Zeit, dass wir mal wieder ein bisschen Spaß haben. Es so richtig krachen lassen.“
Ich fing ebenfalls an zu lachen. „Und was ist mit deiner Freundin? Findet sie es gut, wenn du mit zwei Weibern um die Häuser ziehst?“
„Ach die.“ Er schnaubte und nahm die Arme wieder runter. „Zwischen uns ist es aus.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Ach, nicht der Rede wert. Hat einfach nicht gepasst. Also was ist, hm? Marie?“
„Nee, danke. Hab zu tun.“
„Hat der Lorenz dich etwa zum persönlichen Babysitter von unserem John Doe erklärt? Du willst mir doch nicht erzählten, dass du vierundzwanzig sieben nicht von seiner Seite weichen darfst? Aua!“ Er rieb sich den Hinterkopf, wo er sich einen Klaps von Leyla eingefangen hatte. Sie begann eine Standpauke über „unsensibel“ und „fehlendes Mitgefühl“. Ich hörte kaum zu.
****
Es war gegen sechs Uhr abends, als sich die Tür leise öffnete und Leylas wuschiger Lockenkopf in dem Spalt auftauchte. „Hey, du bist ja immer noch da.“
Ich zuckte leicht zusammen und unterdrückte abermals ein Gähnen. „Oh, hey! Hast du nicht schon längst Feierabend?“
Sie trat ganz ein und an meine Seite ans Bett, wobei ihr Blick auf meine Hand fiel; ich sah nicht ein, warum ich sie von der seinen wegnehmen sollte. Leyla zog nur kurz die Augenbrauen hoch und sah auf zu dem Monitor. „Ja, aber ich wollte noch kurz nach dir sehen und dachte mir, dass du hier bist. Es scheint ihm ein wenig besser zu gehen.“ Prüfend legte sie ihm eine Hand auf die Stirn. „Ich hoffe doch, dass du nicht wieder die Nacht hier verbringst. Sonst kann ich dich bald in ein Bett neben ihn legen.“
Ich grummelte etwas Unverständliches. Leyla schnaubte, sagte aber zu ihrem Glück nichts dazu.
Die Hand in der meinen zuckte erneut, sein Kopf auch und er stöhnte leise.
„Er träumt“, murmelte ich.
„Kein schöner Traum, wie?“
„Eher nicht.“
Einen Moment später durchfuhr ein Schaudern seinen Körper und er schreckte keuchend auf. Ich war zur Stelle, redete beruhigend auf ihn ein, versuchte ihn behutsam zurück auf die Matratze zu drücken. Doch ein Hustenanfall, der viel mehr wie das heisere Stottern eines kaputten Motors klang, schüttelte ihn.
„Ruhig, ruhig“, ich packte ihn an den Schultern.
„Hier.“ Leyla reichte mir einen Becher. Mit der einen Hand griff ich danach, während ich mit der anderen weiter seine Schulter fixierte. „Trinken Sie.“
Allmählich verebbte der Husten zu einem heiseren Keuchen. Der Mann atmete ein paar Mal pfeifend durch, wollte dann nach dem Becher greifen, aber seine Hände ließen sich nicht zur Faust schließen. Daraufhin schien er erneut am Rande eines Panikanfalls zu sein.
„Ganz ruhig. Das ist eine Folge Ihrer Verletzungen. Wir können das beheben. Es wird eine weitere Operation nötig sein und eine anschließende Reha – verstehen Sie mich? Do you understand? Vous comprenez? Leyla, hilf mir mal!“
Sie versuchte, auf Persisch gegen das protestierende Bemühen des Mannes anzureden, sich meinem Griff zu entziehen und zu flüchten. Ich begann zu schwitzen vor Anstrengung, aber es schien nicht so, als würde er auch nur einen Hauch verstehen. Er stemmte sich gegen mich, der Becher fiel herunter. Schließlich waren es seine fehlenden Kräfte und ein erneuter Hustenanfall, die ihn erlahmen ließen. Leyla und ich warfen uns einen ratlosen Blick zu.
„Keine Angst. Sie sind in Sicherheit.“Es machte die Sache nicht besser. „Sehen Sie mich an!“ Mit Nachdruck rüttelte ich an seiner Schulter und drängte mich in sein Gesichtsfeld, sodass er keine Wahl hatte. „Sie sind in Sicherheit! Niemand tut Ihnen was! Wir wollen Sie nur wieder gesund machen!“
Die schwarzen Augen starrten mich misstrauisch an, abschätzend. Sie gruben sich tief in mich hinein, durchbohrten jede Faser meines Seins. Ich schnappte nach Luft. Dann war es vorbei und er schluckte schwer, schloss die Augen und machte plötzlich den Eindruck, als würde er sich jedwedem Schicksal fügen.
Leyla schien den Röntgenblick nicht bemerkt zu haben und reichte mir einen frischen Plastikbecher. Diesmal akzeptierte er, dass ich ihn führte. Meine Hände zitterten leicht. Der Mann war mir unheimlich. „Mein Name ist übrigens Marie Wagner.“ Ich legte meine Hand auf die Brust. „Ich bin Ärztin. Das ist meine Kollegin Leyla Abadi. Sie ist auch Ärztin. Wir wollen Ihnen wirklich nur helfen. Wie heißen Sie?“
Er starrte bloß geradeaus.
„Äh, na gut. Leyla, kannst du mir helfen, die Verbände zu wechseln?“
„Klar. Wo sollen wir anfangen?“
„Mach du die Füße, ich die Hände.“
Wir stellten aus dem Schrank zusammen, was wir brauchten und fuhren es auf einem Rollwagen zum Bett.
„Wir müssen Ihre Verbände wechseln und, da Sie Ihre Hände nicht benutzen können, müssen wir Sie auch waschen“, erklärte ich. Eigentlich war es Aufgabe der Pfleger, doch Nico hatte nicht ganz Unrecht mit seiner scherzhaften Äußerung, Professor Lorenz hätte mich zur persönlichen Babysitterin von John Doe auserkoren. Das war die Strafe dafür, dass ich sie davon abgehalten hatte, ihren Job zu tun. Nachdem John Doe einem von ihnen die Nase gebrochen hatte, hätte man ihn zu unserem und seinem eigenen Schutz sedieren und fixieren müssen. Außerdem hatte ich gezögert, ihm die Wahl gelassen, ob er unsere Hilfe wollte oder nicht, und damit sein Leben aufs Spiel gesetzt. Hinzu kam: Professor Lorenz war nicht entgangen, dass ich seit seiner Einlieferung ständig bei dem Patienten abhing, meine anderen Pflichten vernachlässigte. Mein Chef befand, wenn ich schon von ihm besessen war, dann sollte ich auch vollumfänglich für ihn verantwortlich sein. Nur für ihn, um nicht andere durch meine Nachlässigkeit zu gefährden.
Ich betrachtete den Mann nachdenklich. Die Rückenlehne des Bettes war ein wenig aufgestellt, sodass die Belastung auf die frisch vernähten und reichlich einbalsamierten Wunden nicht zu groß war, zudem bekam er ausreichend Schmerzmittel. Trotzdem und verständlicherweise war er in seiner ganzen Haltung angespannt und vorsichtig. Sein Blick ruhte auf dem Metalltisch, auf den Packungen mit Mullbinden, Salben, sterilen Handschuhen, von denen wir uns welche anzogen, den Scheren und Pinzetten, nicht ganz so gleichgültig, wie er vielleicht beabsichtigte. Als ich meine Hand nach der seinen ausstreckte, zog er sie argwöhnisch zurück, betrachtete mich, als sei er ein Hund, der sich nicht sicher war, ob er Schläge oder Streicheleinheiten erwarten durfte. Als Leyla am anderen Ende des Bettes die Decke zurückschob, flackerte sein Blick zu ihr und er zog die Beine an. Leyla hielt stirnrunzelnd inne. Ich aber schnappte mir energisch seine Hand, hielt sie beharrlich und entgegen seines Widerstands fest, während ich den alten Verband aufschnitt. Ob es meine Hartnäckigkeit oder seine Kraftlosigkeit war, letztlich ließ er uns gewähren. Sein Misstrauen behielt er allerdings bei. Unwillkürlich musste ich lächeln. Er wirkte so unbeholfen, so exotisch, so unsicher und unpassend in seiner Umgebung, dass es fast niedlich war – wenn die Sache nicht so ernst wäre. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich ihm helfen sollte.
Er beobachtete uns abwechselnd und schien zu überlegen, ob er uns trauen konnte. Ich erkannte auch eine morbide Neugier dabei, als er mir zusah, wie ich mit sterilen Tupfern das martialische Loch reinigte, in dem der Nagel gesteckt hatte; verborgen hinter Argwohn, Angst und Abscheu.
