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Seine Freundin beschließt, ein neues Leben als Model zu beginnen - ohne ihn. Sein Vater will, dass er statt BWL-Studium und entspanntem Leben in Hamburg dessen Zahnarztpraxis in Salzgitter übernimmt. Seine hübsche Untermieterin scheint auf Frauen zu stehen, sodass romantische Tagträume an der kalten Realität zerschellen. Kein Studienabschluss, keine Freundin, keine Kohle. Ob im Visier der Bundespolizei oder spätes Erwachen auf dem Behandlungstisch eines Veterinärs - Tom Scharf fliegen die Arschkarten rechts und links nur so um die Ohren. Bis ihm ein rauchendes Känguru und Lady Gaga den Weg weisen.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2020
Carsten Eicke wurde 1967 in der Löwenstadt Braunschweig geboren und läuft zufällig auch mit demselben Sternzeichen herum. Ansonsten ist er Comedy-Autor und schreibt überwiegend fürs Fernsehen. Weil Brainpool ihn irgendwie lustig fand, schrieb er zunächst für „Die SAT.1-Wochenshow“. Danach folgten „7 Tage – 7 Köpfe“, „Mensch Markus“, „Versteckte Kamera“ und „Die Comedyfalle“. Außerhalb des Fernsehens tobt er sich mit Standup-Programmen und Buchprojekten aus. Er spricht fließend Deutsch, Englisch und Schwedisch, macht einen Killer-Caesar’s-Salad und schmutzt nicht. Viel Zeit verbringt er in Schweden, umarmt Bäume und macht sie zu Papier, falls das Notebook wieder mal ins Wasser gefallen ist und zum Trocknen überm Feuer hängt.
Weiteres Buch von Carsten Eicke:
Der Fuffziger-Codex - Geheime Regeln für alte coole Kerle
„Ich bin gerade dabei, meinen nächsten Schritt
in die Zukunft zu gehen.“
„Heiraten, dick werden, Kinder kriegen?“
„Genau. Was sind deine Pläne?“
„Die gleichen. Nur ohne heiraten, dick
werden oder Kinder kriegen.“
Tom Scharf
Back to the Vergangenheit
Nichts wie weg
Plastikbrötchen an der Tankstelle
Tom allein zu Haus
La femme torture
Eine Hochzeit und ein Todesfall
Schnittchen und Gürkchen mit Star-Factor
Ein Viertel der Weltbevölkerung mit dem Namen Helena
Schöner Wohnen mit Müll
Die Wohnungsbesichtigung
Bienvenidos a Miami!
Sunny six feet under
Von Onkeln und Tanten
Speed
Hamburg, meine Perle
Home, sweet home
Der Grillabend
Skippy ist tot – es lebe Skippy!
Kurzschluss-Karaoke
Katerstimmung
Ich bin ein Star, holt mich hier nicht raus!
Alles auf Anfang
Ein Freund, ein guter Freund
Ein Bett im Kornfeld
Wie ein Elefant in einer Porzellankiste
Bienes buntes Ballaballa- Brötchen-Bistro
There is Hope!
Polternd in Salzghetto
True
Glück ist…
Goldene Zeiten
Die Hochzeit
Wie, was mache ich so? Mich gepflegt langweilen, das mache ich. Erste Symptome: Arschbrennen vom Plattsitzen und fortschreitende mentale Lähmung. Die altdeutsch holzfurnierte Veranstaltungsgruft im „Gasthof zum König“ und ein schwitzender Paul Kuszmarek mir gegenüber machen das alles nicht besser. Überall im angemieteten Saal haben sich Grüppchen gebildet, um über die guten alten Zeiten zu reden – die eigentlich für gute alte Zeiten nichts taugen, da sie erst fünfzehn Jahre her sind. Wir sind da alle schon in Farbe rumgelaufen.
Geschlagene zwei Stunden höre ich mir nun schon von wechselnden, ehemaligen Mitschülern geschönte Lebensläufe an: Männer, Ehefrauen, Scheidung, Wohnwagen, Gartenlaube. Mein Haus, mein Auto, mein dicker Bauch; dazu Mörderkonversationsstücke wie ‚Ist das etwa der Jan-Sören aus der Parallelklasse – nein! Das glaub ich jetzt nicht‘. ‚Rülpst Beate immer noch, wenn sie lacht?‘ und ‚Gibt es ein Leben nach dem Tod?‘
Nein, okay, die letzte Frage nicht. Obwohl die immerhin zu einer halbwegs interessanten Diskussion führen könnte, während Paul mich nonstop zutextet und mir einseitig die Welt erklärt. Im Moment fühlt es sich so an, als ob ich gleich in ein mittelschweres Wachkoma fallen werde. Ich hoffe natürlich, dass ich hier lebend rauskomme. Kann aber immer noch passieren, dass ich mich vors kaltwarme Büfett stürze und tottrampeln lasse.
Wenn mir schon keiner die Frage stellt, dann muss ich es wohl tun: Was zur Hölle mache ich hier? Niemand hat mich gezwungen. Man weiß doch, was bei Klassentreffen abgeht: Immer wieder muss man bunte, actionreiche Schwänke aus seinem Leben erzählen und immer wieder muss man sich aufgepumpte Belanglosigkeiten anderer anhören. Was natürlich die Frage aufwirft, wie interessant das eigene Leben auch für andere ist. Schulzeit und die eigenen Zwanziger reloaded.
Paul hat sein Gebrabbel eingestellt und guckt mich erwartungsvoll an. Ich winke lässig Richtung Menschengewühl an der Tür und tue so, als hätte ich jemanden unglaublich Wichtigen gesehen. Irritiert schaut Paul in die gleiche Richtung. Ach so, ja. Was ich so mache? Also, ich bin der Manager von Adele und demnächst gehe ich mit ihr wieder auf Welttournee. Nächstes Jahr werden wir uns ein Haus kaufen und weitere Kinder kriegen.
Nein, haha, ganz so glamourös ist mein Leben natürlich nicht, aber glücklicherweise bin ich ja der jüngste deutsche UNO-Gesandte in New York und für die Seuchenbekämpfung bei der Weltgesundheitsorganisation zuständig.
Quatsch, jetzt aber die Wahrheit und nichts als die Wahrheit: Ich bin Raketenwissenschaftler und habe den Doppel-Warp-Antrieb für die neue Marsmission der NASA entwickelt.
Die wirkliche Wahrheit will ich eigentlich nicht zum Besten geben, aber irgendwas muss ich ja sagen, denn Paul hier gegenüber schaut mich weiterhin mit seinem runden, dickbackigen Gesicht erwartungsvoll an. Seine Frisur sieht immer noch aus, als hätte jemand mutwillig überall Ecken reingeschnitten. Und dieses Unentspannte, was er schon damals hatte, ist auch immer noch Teil seines durchschnittlichen Daseins. Zehn Jahre sind seit dem Abi ins Land gegangen, aber gerade ist mir wieder eingefallen, dass er mir früher schon auf die Nerven ging. Wie eine Klette hing er immer an einem, wollte grundsätzlich alles bis ins kleinste Detail wissen. Soll ich ihm erzählen, dass ich mit meinem Studium fast fertig bin? Dass ich nur noch zwei Scheine brauche und dann ganz groß Karriere mache? Ganz bestimmt. Also höchstwahrscheinlich.
„Ich studiere BWL und mache was mit Medien“, antworte ich nun und nippe an meiner Cola. „Ist unglaublich interessant, weil man mit total vielen Menschen zusammenkommt.“
„Aha.“
Wie aha? Das ist doch super!
„Und wie lange brauchst du noch?“, fährt er fort.
Geht dich gar nichts an.
„Das müssen doch bis jetzt auch schon…“, murmelt er gedankenverloren vor sich hin, während von seinem Kopf die Schuppen leise aufs blaue Boss-Poloshirt rieseln, „…so roundabout achtzehn Semester gewesen sein.“
Korrekt. Ich arbeite eben sehr sorgfältig. Außerdem waren da noch der drei Semester lange Irrweg ins Psychologie-Studium und die zweimonatige Ausbildung zum Mixologen an der Barkeeper-Schule in Palma de Mallorca. Ich mache jetzt einen super Sex on the Beach. Und der Cocktail ist auch ganz gut. Kleiner Scherz. Meine Eltern wissen weder vom Psychologisieren noch von der Bartender-Lehre etwas. Und deswegen wird auch ein Paul Kuszmarek nichts davon erfahren.
„Oder hast du zwischendrin noch was anderes gemacht?“, bohrt er weiter.
Ja, schon, die vier Jahre Tauchlehrer in einer Club Med-Anlage in Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Sonnenschein, Partys und kurzweiliges Entertainment für Körper und Seele. Sozusagen Murmeltiertag mit animiertem Freizeitprogramm in der Karibik, jeden Tag aufs Neue. Ich gebe zu, das hat mich auf dem Weg in meine immer noch nicht begonnene Karriere etwas Zeit gekostet. Meinten wohl auch meine Eltern, als sie die berechtigte Frage stellten, ob das denn mit dem BWL-Studium bei mir auch noch mal was wird und wie weit ich denn sei. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
„Ich arbeite neben dem Studium in einem großen Verlag“, antworte ich schließlich knapp.
„Interessant. In welchem denn?“
Geht dich ’nen Scheißdreck an. Glücklicherweise denke ich es nur und bleibe nach außen ein charmanter Klassentreffen-Wegplauderer. Ich weiß ja selbst, dass das alles nicht optimal läuft und ich mir manchmal im Weg stehe. Ich hätte schon längst fertig sein sollen. Schon lange. Aber irgendwas ist ja immer.
„Tom, kannst du kurz?“, schiebt sich plötzlich Sina von der Seite ins Bild. Yes! Yes, we can! Mit ihrer schwarzen Jeans, dem einfachen orangen Top und der anthrazitfarbenen Strickjacke wirkt sie, als ob sie gerade aus dem Büro gekommen ist, aber ansonsten hat man bei ihr nicht das Gefühl, dass zehn Jahre vergangen sind. Ihr Gesicht strahlt wie eh und je. Unsere ehemalige Klassensprecherin ist meine Rettung. Fast wie damals, als unser cholerischer Chemielehrer Dr. Vonderheide wegen meines ständigen Zuspätkommens den Bunsenbrenner nach mir geworfen hatte. Sinas astreine Rückhand mit dem Diercke-Weltatlas lenkte das Ding direkt weg von meinem Kopf durchs offene Fenster, wo das Teil die Konrektorin Mathiessen vom Fahrrad schoss. Einer der geilsten Tage meiner gesamten Schulzeit.
Blitzartig springe ich vom Tisch auf.
„Tschuldige, Paul. Sina braucht mich, wie du siehst.“
Es gibt also doch einen Gott, der mit kleinen Gesten eingreift, während er ansonsten die Menschen vergeblich davon abhalten will, diesen Planeten in den Weltraummülleimer zu werfen.
„Aber komm wieder“, mahnt Paul. „Ich muss dir unbedingt noch erzählen, wie ich bei der Salzgitter AG ins Projektmanagement gekommen bin. Total irre, du!“
Ja, darauf wette ich, aber ich will es nicht hören. Also nichts wie weg hier. War ’ne Schnapsidee, hierherzukommen.
Erleichtert trotte ich Sina hinterher. Sie war eigentlich schon immer eine Nette. Nicht übermäßig hübsch, nicht übermäßig pfiffig, aber dafür unter den Top Ten in der Rangliste des örtlichen Tennisvereins. Gut, dass sie damals ihren Aufschlag perfektioniert hatte. Das ersparte mir ein Bunsenbrennertattoo auf der Stirn und meinem Chemielehrer eine Anzeige wegen versuchten Mordes. Für ein paar Wochen waren wir nach ihrer spektakulären Luftabwehr dann zusammen gewesen, schon aus bloßer Dankbarkeit, aber das war es dann auch. Beherzt schnappt sie sich meine Hand und zieht mich im Slalom vorbei an schwafelnden, kichernden Grüppchen.
„Hast du vergessen, dass du Paul noch nie mochtest?“, sagt sie, als wir auf der anderen Seite des Raums anhalten.
„War mir irgendwie entfallen.“
Soweit es mir meine neue Jeans, die im Schritt immer noch etwas eng ist, erlaubt, lasse ich mich möglichst leger neben sie auf die Gelsenkirchenerbarockpolster fallen.
„Mensch Tom, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen!“
Genau. Schöne Beine hat sie. Ich weiß gar nicht, warum wir nicht mehr in Kontakt geblieben sind.
„Geht’s dir gut?“
„Mir? Ich…“
„Also ich wohne jetzt in Hamburg“, grätscht Sina direkt in meine Antwort.
„Was, echt? So’n Zufall, da bin…“
„…Tolle Stadt! Und nach der Trennung von Klaus, genau das Richtige. Ich liiiiiebe es, da zu wohnen. Die Elbe, die Alster…“
„Also ich finde auch, dass man…“
„…der neue Wall, die Hafencity! Salzgitter ist dann doch nichts auf Dauer. Was will man hier denn auch machen? Hier ist doch so gar nichts los, oder? Lebst du noch hier?“
„Eigentlich nicht, ich bin…“, versuche ich es erneut. Vergeblich.
„Hätte ich auch nicht erwartet von dir“, quäkt sie fröhlich weiter. „Ich hab übrigens ’ne kleine Boutique. Da bin ich mein eigener Herr. Oder Frau, wenn man so will. Haha! Seit Klaus und ich uns getrennt haben…, wir waren zwei Jahre zusammen. Weiß auch nicht, aber er meinte, wir würden nicht so richtig zusammenpassen. Versteh ich gar nicht. Wir hatten doch Pläne. Und so, wie es zwischen uns abgegangen ist. Ich sage dir! Schade eigentlich. Er hat nie viel gesagt. War eher ’n Stiller. Aber ich finde, das muss ja auch nicht sein. Dafür konnte er immer so gut zuhören. Man kann…“
In meinen Ohren rauscht es, und alles dringt nur noch verzerrt zu mir durch. Entweder habe ich gerade einen Schlaganfall oder das ist der Selbstschutzmechanismus meines Gehirns, der in diesem Moment reinkickt. Und mit einem Mal weiß ich auch wieder, warum der Kontakt zwischen Sina, ihren Beinen und mir abgerissen ist: Sie hat schon immer so viel gequatscht. Zu viel. Irgendwie hatte ich komplett verdrängt, wie schrill und durchdringend ihre Stimme ist. Wer Bernadette Rostenkowski-Wolowitz aus der Serie „The Big Bang Theory“ kennt – genau so.
Mit leichtem wiederholten Kopfnicken kann ich die Dauerbeschallung am Laufen halten, während ich mich gedanklich in aller Ruhe Fragen der höheren Mathematik widme: Wenn ich mit Sina zusammen in einem mittelgroßen Raum stehe und sie ununterbrochen redet, wie viel Zeit X braucht es, bis sie den ganzen Sauerstoff Y aufgebraucht hat, ein Unterdruck im Raum entsteht und ich selbst mangels Luft ins Schlafkoma falle? Nein, ich ziehe die Frage zurück. Bis sie diesen Raum verbal vakuumiert hat, bin ich dehydriert, weil ich zu höflich war, ihr ins Wort zu grätschen. Würde Sina es merken, wenn ich mal kurz zur Theke rüberspurte? Ich versuche wirklich zuzuhören, aber ihr verbales Dauerfeuer lähmt meine Ohren so sehr, dass selbst meinen Gedanken langsam schwindlig wird.
„Tomtom, du alte Schabracke!“, sind die ersten Worte, die ich nach ein paar Minuten wieder bewusst wahrnehme.
Zu meiner Rechten tauchen lachend Gregor und Christian aus dem Gewühl auf. Sina hat ihren Soundteppich für einen Moment aufgerollt und untern Arm geklemmt. Mit verschränkten Armen schaut sie meine beiden besten Kumpels der Oberstufe an. Ich kenne diesen Blick. Ich kenne ihn von Yvonne. Die hat ihn auch immer drauf, wenn ich während „Grey’s Anatomy“ die Gitarre stimme.
„Gregor. Christian, ihr auch hier…“, grüßt Sina säuerlich mit einem vorgetäuschten Lächeln. Gregor schaut sie grinsend an.
„Mensch, Sina, gut schaust aus. Läuft alles?“
„Ja, und ich jetzt von hier weg“, entgegnet sie spitz und dreht sich dann wieder schnell zu mir. „Tom, war echt schön, mit dir zu reden.“
„Fand ich auch.“
„Bis später, okay?“, wispert sie mir noch zu, und weg ist sie. Ich grinse bis über beide Ohren und schiebe mich hinterm Tisch hervor, weil mit Chris und Greg hoffentlich endlich Leben in die Bude kommt. Mann, waren wir ein Trio! Die langen Nächte im „Joker“, die legendäre Klassenfahrt nach Florenz und nicht zu vergessen der zugemauerte Eingang beim Abistreich. Gregor war immer der Lautere von den beiden, während man bei Christian genauer hinhören musste. Es war immer das Gleiche, er begann in normaler Lautstärke zu reden und wurde zum Ende hin immer leiser. War so ’ne Macke von ihm. Aber er war auch das Brain, das mich und Gregor davon abhielt, Blödes zu machen. Wie damals, als wir nachts betrunken versuchten, Kisten mit Leergut neben einer Kneipe mitzunehmen und selbst im Supermarkt abzugeben. Man hätte nur unserem ohrenbetäubenden Lärm folgen müssen. Glücklicherweise war Christian da, um uns das auszureden. Vermutlich hat seine leiser werdende Stimme uns damals in den Schlaf gesäuselt.
„Was hat die denn?“
„Sie findet euch immer noch scheiße.“
Gregor winkt ab.
„Ach so. Aber wir sind doch zehn Jahre cooler geworden!“
Echt? Na wenn er meint. Er sieht eigentlich genau so aus wie früher, als ich mit ihm die hinterletzte Reihe der Klasse geteilt habe. Von der er dann die Mädels mit den mit viel Spucke durchgekauten Papierkügelchen per Pusterohr in den Wahnsinn getrieben hat. Sein Faible für verwaschene Holzfällerhemden und gammelige Jeans scheint ihm bis heute auch erhalten geblieben zu sein. Schulterzuckend schaut er mich an.
„Egal. Was geht, Alter?“, sagt er und legt seine Rechte schwer auf meine Schulter. Ich mache es ihm nach, so dass es für einen Moment so aussieht, als wollten wir Sirtaki tanzen. Nun ja, Anstoß zum hoffentlich letzten „Was machst’n so?“-Spiel für heute. Und der Ball ist in meiner Hälfte. Also Anpfiff!
„Nicht viel, aber dafür scheinbar bei dir. Ist Groß-Karo wieder in Mode? Oder kommst du gerade aus den schwedischen Wäldern?“
„Nee, direkt vom Büfett im ‚Ritter St. Georg‘.“
„Na dann, heb an, Knappe! Und tue geschwind kund: War’s lecker?“
„Das ist so ein Nobelschuppen in Braunschweig“, nuschelt Christian dazwischen, während er beiläufig seinen Blick über den Saal gleiten lässt. In seinem dunkelblauen Anzug mit hellblauer Krawatte sieht er aus, als ob er gerade aus der Fußgängerzone vom Wahlzettelverteilen gekommen ist.
„Ach, sach an!“
„Kennst du den etwa?“
„Schon vergessen? Auf der Einladung steht ‚Klass-sentref-fen‘. Das bedeutet? Hier. Aus. Der. Gegend.“
„Du bist ausgewandert“, springt ihm Gregor zur Seite. „Also haste deinen Eingeborenen-Status verwirkt.“
„Die Nobelschuppen vergisst man nicht. Lassen die dich da mit so ’nem Holzfällerhemd rein? Und viel wichtiger, kannst du dir sowas leisten?“
„Ich bin der Souschef da.“
Langsam schlendern wir durch den Raum. Ich versuche die Infos zu verdauen. Wollte er damals nicht bei seinem Vater im Schreiner-Betrieb anfangen? Ich weiß ja nicht, wie gut er kocht, aber ich denke mal, das war ’ne gute Entscheidung. Seinem Bauch nach ist es eher das Gebiet, in dem er sich auskennt.
„Echt? Du machst jetzt einen auf Jamie Oliver für die Braunschweiger Schickeria? Aber musst du auch immer alles selbst probieren?“
Beherzt klopfe ich gegen seinen mittelprächtigen Bauchansatz, in dem sich ein sechs Monate altes Baby verstecken könnte.
„Schicksal als Koch“, grinst er unbeeindruckt. „Apropos probieren: Was gibt’s vom Fass?“
Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung. Hab mich bis jetzt zurückgehalten. Muss ja noch fahren. Zielstrebig steuert er auf die Bar im Vorraum zu.
„Ja, ich weiß, mit Auto hier“, sagt Gregor. „Aber egal jetzt, eins geht.“
Wie früher kann der Gregster meine Gedanken lesen. Christian und ich stellen uns an einen Stehtisch, während er sich dreist an der Bar vordrängelt, wie damals in der Cafeteria. Verlernt hat der nix, das steht mal fest.
Dagegen wirkt Christian irgendwie verdammt spießig. Fast hätte ich ihn in seinem Anzug nicht wiedererkannt. Sein ständiges Umherschauen im Saal lässt mich zu der Annahme kommen, dass er entweder von einer herumstreunenden Herrenausstatter-Gang verfolgt wird oder jemanden Spezielles auf dieser Revival-Sause sucht.
„Is was?“, will er stattdessen von mir wissen.
„Nee, bei mir ist alles klar. Suchst du den Ausgang oder warum guckste so?“
„Hast du Marion schon irgendwo gesehen?“, fragt er, um im nächsten Moment wieder den Raum abzuscannen.
„Nee, keine Ahnung. Schwärmst du immer noch für die?“
Er schaut mich an, als hätte ich gerade Hochverrat begangen.
„Natürlich nicht.“
„Bist du in einer Beziehung?“, will er schließlich wissen.
„Wieso? Willst du mich auf ’nen Drink einladen?“, frage ich lachend. Schade, dass er den wenigen Humor, den er hatte, auch noch verloren hat. Also denn:
„Beruhig dich, nur ein Scherz. Ich hab seit zwei Jahren ’ne Freundin. Läuft spitze, kann nicht klagen.“
„Gut.“
Sein „Gut“ klingt aber nicht gut.
„Und selbst, alles gemütlich unterm Schirm?“
Christian schüttelt den gegelten Undercut.
„Frauke hat sich von mir getrennt.“
Strike! Tom 1, Christian 0.
„Schade. Lag’s am Anzug?“
„Wichser!“, erwidert er und schaut mich wütend an. War der schon immer so furztrocken humorlos?
„Das is’n Boss-Anzug. Du könntest auch mal in deine Optik investieren.“
Wie jetzt? Ich? Funkelnagelneue Jeans, Adidas-T-Shirt, Turnschuhe. Damit ist man doch immer richtig angezogen. Das ist so was von zeitlos!
„Außerdem komm ich gerade von der Arbeit“, murmelt Christian gereizt. „Überstunden.“
Eigentlich ist das die Stelle, an der ich Christian fragen müsste, was er denn so macht, aber ich lasse den Satz einfach mal ein wenig in der Luft hängen, denn…
„Ich bin bei der NordLB, im Immobilienbereich.“
…er erzählt es eh von sich aus.
„Ja, unser Krischi macht ganz schön Karriere“, grinst Gregor, der aufs Stichwort drei frische Pils vor uns auf den Tisch knallt.
„Und wer hätte das nach’m Vierer-Abi-Schnitt gedacht, häää?“
„Und du?“, kontert Christian in meine Richtung. „Bohrst du jetzt Patientinnen an wie dein Alter?“
Nur, wenn es nach meinem Vater ginge, der als unangefochtener Lieblingszahnarzt in Salzgitter-Lebenstedt sämtlichen Schulfreunden die Kreisamalgambomben rausgesprengt und feste Klammern verordnet hat.
„Nee, ich studiere BWL.“
Oha, ist das da ein kritischer Blick aus Christians schlicht genadeltem Boss-Zwirn? Ich glaube, er legt sich den Ball zurecht und… ja, stößt ab zum Gegenangriff.
„Und vorher?“, fragt er interessiert, während er sich lässig an einen Pfeiler zu lehnen versucht und die zehn Jahre älter gewordenen Mitschülerinnen mit seinem Blick durchröntgt. Ich bin nicht sicher, ob ich gerade was auf den Ohren habe.
„Wie vorher?“
„Ich hab auch BWL studiert. UND vorher meine Banklehre abgeschlossen.“
„Konntest du dich nicht entscheiden?“, versuche ich lustig zu sein.
Chapeau, gut gekontert, meine Abwehr wankt. Jetzt geht es Mann gegen Mann.
„Nein, der Karriere wegen. Gleich in die Oberliga. Nächstes Jahr habe ich meine eigene Abteilung.“
Zu spät, da ist es, das Gegentor! Christian gleicht aus, 1:1! Und er lässt nicht locker, nimmt mir den Ball ab und stürmt wieder auf mein Tor zu.
„Haste Ausland gemacht?“
Ja, im Ausland war ich. Jedes Jahr auf Malle, hab an Teint und Wohlbefinden gearbeitet. Was sagt man in solch einem Moment? ‚Nee du, hatte ich keine Lust drauf. Dafür eher Babes, Margarita-Happy Hour und „Let’s get this party started!“‘.
„Ich mache nebenher was mit Medien“, antworte ich stattdessen.
„Aha. Was denn da?“
Für’n paar Euro im Callcenter die Beschwerdeanrufe von Neckermann-Kunden annehmen. Oder wegdrücken. Aber das muss er ja nicht wissen.
„Unternehmenskommunikation.“
Klingt wichtig.
„Und was genau?“, nervt jetzt auch Gregor mit von der Seite. Da ist es wieder, mein Problem: Ich kann nicht lange eine Lüge aufrechterhalten. Und von daher:
„Ich bin Dialog-Agent im Callcenter.“
„Oh, ja dann, warum nicht? Macht bestimmt auch Spaß.“
Volltreffer! Da ist es, das zweite Gegentor! Voll mit Mitleid oben rechts ins Loser-Eck getroffen. Wortlos schaut mich Christian von der Seite an, ich kann sein Mitleid fast spüren. Glänzende Augen voller Mitgefühl, Eimer voller Tränen, die ihre Enttäuschung ungefiltert über einem auskübeln. 1:2, das Spiel ist aus.
Was ist das für ein Abend, an dem einen sogar die alten Kumpels mit dem Gerede von Karriere anöden? Statt gemeinsam ein paar Bierchen zu zischen, über die ehemaligen Mitschülerinnen zu lästern oder dreckige Witze zu erzählen. Das war es doch eigentlich, warum wir hier sind, oder? Zumindest war es mein Grund.
Früher war ich doch der Bruce Wayne und die anderen meine Robins, die in meinem Batmobil mitfahren wollten. Was ist bloß passiert? Ehrlich gesagt, ich weiß es: Das Leben ist passiert.
Ich sitze in meinem altersschwach röhrenden Corolla und stelle einstimmig fest: Mein Bedarf an Klassentreffen ist für die nächsten hundertfünfzig Jahre gedeckt. Und dann kann ich ja nochmal überlegen, ob ich als einziger Überlebender mich durch den Park schieben lasse und mir selbst ein paar mörderwitzige Geschichten aus der Vergangenheit erzähle. Meine Ohren klingeln noch von dem unsäglichen Jahrtausendwenden-Pop, den der Gastwirt aus den Lautsprechern des Veranstaltungsraums rausrülpsen ließ. Aber vielleicht war es auch Sinas gepflegter Nonstop-Monolog, der sich inklusive Tinnitus in meinen Gehörgang reingefräst hat.
Fassen wir den Abend nochmal kurz zusammen: Susi hat schon drei Kinder, Maike hat meinen Biolehrer geheiratet, René macht jetzt seine zweite Subway-Filiale in Hildesheim auf, Norbert hat Allergien so gegen alles, Britta will nach Indien auswandern, bei Pia steht die zweite Brustvergrößerung an, und Sina heißt jetzt Erwin Lindemann und hat ‚ne Boudieke in Wuppertal. Nee, in Hamburg. Zum Glück ist die ‚Perle des Nordens‘ ja groß genug, dass man sich nicht übern Weg laufen muss.
Warum bin ich überhaupt hier gewesen? Raspel, der mir wichtig und immer noch mein bester Freund ist, hat mit mir den Weg nach Hamburg durchgezogen und sich auch dort niedergelassen. Und nicht mal der wollte mit zum Klassentreffen kommen. Der wusste, was ihn dort erwartet hätte. Das oder Biene hatte ein Machtwort gesprochen. Er könnte ja auf seine Jugendliebe Bettina treffen. Gut, dass Biene nicht meine Angetraute ist. Andererseits hätte sie mir diesen ganzen Mist hier erspart. Egal – meine Wonne ist das genaue Gegenteil, denn sie hat mir sogar noch zugeraten: „Tom, du kommst doch nach der Schulung in Stuttgart sowieso da vorbei. Dann machst du Halt bei deinen Eltern, amüsierst dich nett und kommst am Donnerstag entspannt nach Hause.“ Die Fortbildung für Callcenter-Agenten war ziemlich dröge gewesen, konnte also nicht schlimmer werden. Und der letzte Besuch in meiner Heimat Salzgitter war für mich auch schon ein Weilchen her. Es klang so einleuchtend, als Yvonne es vorgeschlagen hat. Wird aber Zeit, dass ich dem eigenen Bauchgefühl wieder mehr vertraue und nicht irgendwelchen pseudo-plausiblen weiblichen Argumenten.
Während ich vom Parkplatz rolle und Richtung A7 abbiege, überlege ich, wer noch alles nicht dagewesen ist. Fix und Foxi, alias meine Münchner Kumpels Martin und Frank, die offiziellen Nummer 2 und Nummer 3 von meinen Handy-Kurzwahltasten, waren auch nicht da. Die haben offensichtlich Wichtigeres zu tun.
Stellt sich nur die Frage: Warum habe ich eigentlich nichts Wichtigeres zu tun? Hätte man mich nach dem Abi gefragt, wo ich zehn Jahre später sein würde, wäre ganz klar gewesen: New York, Top-Manager einer Firma, die an der Wall Street gehandelt wird, Park Avenue-Loft mit Pförtner, der jeden Morgen meine Limousinentür aufreißt und mir ’nen schönen Tag wünscht. Was wollte ich nicht alles schon geschafft haben! Auf der anderen Seite, was muss man mit Dreißig eigentlich geschafft haben?
Zum Beispiel diese Autobahnauffahrt hochfahren und schnell noch vor dem Laster einscheren. Bloß weg aus Salzgitter. Der Letzte macht das Licht aus.
◆
Zwei Stunden später drehe ich die dritte Runde um unseren Wohnblock in Hamburg-Eppendorf.
Es wäre alles soviel einfacher, wenn nicht drei Häuser weiter runter in meiner Straße ein Altbau komplett saniert werden würde. Neben riesigen Containern in allen Farben vor der Tür kommen noch aufgeschüttete Sand- und Kieshaufen dazu, so dass alle Anwohner jeden Abend einen Korso veranstalten und sich zu einem nervenaufreibenden „Reise nach Jerusalem“-Spiel treffen. Nur, dass es keine Stühle gibt und die Reise auch nicht nach Jerusalem geht. Wobei ich fast sicher bin, dass ich dort schneller einen Parkplatz finden würde.
Eine halbe Stunde später tut sich geschätzte zweihundert Meter weiter die Straße runter doch eine Lücke auf. Der Weg zurück zum Haus ist in dieser lauwarmen Nacht sogar ganz angenehm. Die Ruhe vor dem Sturm, bevor ich mich in unserem Altbau wieder die fünf Stockwerke hochschleppen muss, weil der Fahrstuhl seit Wochen kaputt ist. Schon beim Reinkommen riecht es nach Bohnerwachs und Bohnensuppe. In diesem Haus kann man nur hoffen, dass das Richtige beim Hausmeister auf dem Teller landet. Endlich oben schließe ich schnaufend die Wohnungstür auf. Da das verfluchte Schloss seit Ewigkeiten klemmt, nehme ich wie immer mit eingedrehter rechter Schulter noch mal Schwung und knalle mit voller Wucht gegen das hundert Jahre alte Holz. Meine Nase und mein rechtes Knie senden synchron schrille Notsignale Richtung Gehirn. Mit aller Gewalt kann ich die Tür gerade mal 20 Zentimeter aufschieben. Der Schmerz lässt nur langsam nach, aber es reicht, um mich humpelnd durch den engen Spalt in die Wohnung zu quetschen. Im Flur steht alles voller Kisten. Ist Tine Wittler mit ihrer Trümmertruppe einmarschiert? Oder ist das hier Wonnes persönlicher Einsatz in vier Wänden?
„Wonnilein? Bist du da? Ich bin zurück!“
Aus der Küche schaut ihr perfekt gestylter, blonder Bubikopf um die Ecke. Ihre perfekten rot geschminkten Lippen formen ein erstauntes Oh. Mir geht es ähnlich, denn als ich vor vier Tagen nach Stuttgart gefahren bin, waren ihre Haare noch in langen Wellen auf den Rücken gefallen. Und auch ihr sonstiges Outfit mit schwarzer Arbeitsjeans und hellblauem College-Sweater weicht stark vom trendigen H&M-Look ab, den sie normalerweise bevorzugt.
„Hast du mich erschreckt!“, begrüßt sie mich. „Wieso kommst du heute schon?“
„Was ist denn mit deinen Haaren passiert?“
„Hab ich abschneiden lassen. Gefällt’s dir?“
Natürlich nicht.
„Sicher, schon.“
Ich halte meinen Arm und schaue dabei wehleidig.
„Bist du gestürzt?“
Ich schüttle ernst den Kopf. Das gepaart mit meiner wohltemperierten Lässigkeit zeigt ihr, was für ein cooler Freund ich doch bin. Mit einem Stapel alter Zeitungen geht Yvonne Richtung Wohnzimmertür.
„Nicht der Rede wert. Die Tür ging nur halb auf. Wegen der Haare, nur mal so nachgefragt, ist was passiert?“
Sie stoppt abrupt und dreht sich zu mir um. Alles wirkt, als hätte ich sie bei etwas ertappt.
„Tom, wir müssen reden.“
Als freudige Begrüßung nach vier Tagen Abwesenheit taugt dieser Satz nur bedingt. Mit gekonntem Hüftschwung dreht sich Yvonne um und geht direkt ins halbleere Wohnzimmer. Ich trotte hinter ihr her. Irgendwie ist alles um mich herum halbleer: halbe Regale, nur eines von den zwei Sofas steht noch da, und auf der erleuchteten Dachterrasse sieht es merkwürdig anders aus – ach ja, da fehlen die Gartenmöbel. Downsizing – scheinbar ein neuer Trend für alle. Ohne mir vorher von unserem neuen Lifestyle etwas zu sagen.
„Was ist denn hier passiert? Will Ikea seine Möbel zurück?“
Yvonne schaut mich bedeutungsschwanger an.
„Ich ziehe aus.“
Ich drehe mich sicherheitshalber kurz um, weil ich auf das Kamerateam mit dem bekloppten Guido Cantz warte, das mit lachenden Gesichtern aus der Deckung springt und mich hochnehmen will. Aber hier springt keiner. Woraus auch? Es gibt ja nichts mehr, wo sich irgendwer verstecken könnte.
„Was meinst du mit Ausziehen? Meinst du… ich meine… ausziehen, echt?“
Ich bin verblüfft. Kann der Tag eigentlich noch beschissener ausklingen?
„Wenn du deine Klamotten meinst, okay, bin dabei. Aber ansonsten… wieso… weshalb?“
Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm. Während ich so vor mich hinstottere, fällt mir nur der Spruch aus der Sesamstrasse ein. Und so fühlt sich die Situation auch an. Ah, da sind sie wieder, die verschränkten Arme! Der säuerliche Blick. Das hab ich doch heute irgendwo schon mal gesehen. Noch ’nen kurzen Moment, ich komm gleich drauf.
„Sei doch mal ehrlich! Was macht das denn alles noch für einen Sinn? Liebst du mich überhaupt noch?“
Da ist sie, die Mutter aller Fragen. Immer ganz knapp in Führung vor dem intuitiv weiblichen „Was denkst du gerade?“. Aber stattdessen stellt sie mich hier vor vollendete Tatsachen. Wenn wir bloß mal drüber geredet hätten!
„Wir haben so oft drüber geredet“, fährt sie fort, ohne auf meine Gedanken Rücksicht zu nehmen. „Aber dir ist das wohl alles egal.“
Okay, so oft nun nicht, aber in den letzten Monaten einmal öfters. Und ich habe das immer bejaht. Was soll ich denn noch tun? Ein Gedicht schreiben? Ihr ein Lied komponieren? Kochen lernen?
„Wir hatten eine tolle Zeit, aber ich denke, es ist besser, wir beenden das jetzt.“
„Warum?“
Nur einen Grund sollte sie mir geben. Damit ich wenigstens weiß, was ich sowieso nicht geändert hätte.
„Das Schlimmste ist, du kommst einfach nicht aus dem Quark.“
„Ich kann mich ändern!“, protestiere ich.
Die kurze Verwunderung in ihren Augen weicht schnell dem Moment des Verstehens, dass ich geblufft habe. Aber wenigstens bemüht sie sich, ein bisschen mehr Drama in die Stimme zu legen.
„Du versuchst es doch gar nicht - für dich nicht, für uns nicht, für gar nichts. Du hast keine Visionen.“
„Visionen? Was denn für Visionen? Es läuft doch alles prima! Ich brauche nur noch zwei Scheine in BWL und Marketing, ich habe einen Job…“
„In einem Callcenter. Ist ja toll. Und dein Studium ist ein Witz. Du wirst 30!“
„Ich kann mich auch nicht zerreißen“, antworte ich genervt.
Spitzenwitz! Wenn ich so weitermache, glaube ich das bald selbst noch. Ich muss zugeben, sie hat da ’nen Punkt, aber ich werfe ihr ja auch nicht vor, dass sie von Daddys Geld lebt.
„Hast du ’nen anderen?“, frage ich stattdessen.
„Das ist ja wieder typisch!“, kontert sie schnippisch. „Nicht, dass ich nicht einen haben KÖNNTE. Aber ich werde demnächst als Model arbeiten. Und ziemlich viel unterwegs sein.“
Model? Ich meine, okay. Wonne sieht gut aus. Aber sooo gut? Klar wollte sie das immer versuchen und hat dauernd irgendwelche Setcards von sich machen lassen. Nur hat sie nicht gerade exakt das Gardemaß dafür; die Beine etwas zu kurz, der Busen etwas zu groß, und jetzt noch die kurzen Haare. Mein ungläubiger Blick scheint sie extrem zu nerven.
„Ich habe schon einen Job für den Klingel-Katalog“, haut sie triumphierend raus.
Ach so, ja dann. Der normale Weg eines Models: Erst wird geklingelt, dann geklotzt. Von den Katalogseiten des sympathischen Pforzheimer Versandhauses ging es schon immer direkt zur New Yorker Fashionweek.
„Na Glückwunsch! Entwickelt sich ja prächtig für dich.“
„Mach’s mir jetzt nicht so schwer, Tom. Ich ziehe erstmal zu meinen Eltern.“
Schwer? Entschuldigung?! ICH werde abserviert und ICH nehme keine Rücksicht? Wo sind bloß meine Manieren?
◆
Noch um vier Uhr morgens sitze ich auf dem einzigen Küchenstuhl neben dem verrosteten Elektro-Grill auf der ansonsten leeren Dachterrasse und gucke Löcher in den Sternenhimmel. Hab ich bei irgendwem für ein Arschkarten-Abo unterschrieben oder was? Was war das denn für ein komplett verschissener Tag? Drei leere Bierflaschen stehen neben mir, die vierte hab ich halbvoll in der Hand. Und fast fallengelassen, als mein Handy in der Gesäßtasche meiner Jeans losvibriert.
„Hallo?“
„Sag mal, wo steckst du denn?“ dröhnt Paul Kusmareks Stimme leicht betrunken in mein Ohr. „Ich hab dich schon überall gesucht. Ich wollte dir doch noch erzählen, wie ich bei der Salzgitter AG…“
Und da ist es wieder, dieses Rauschen im Ohr. Kurze mentale Notiz für mich selbst: Anderen Menschen geht es noch schlechter als mir.
Schinken, Käse, Vollfett-Mayonnaise, ein welkes Salatblatt und das Ganze zwischen zwei gedreieckten Schlabbertoast-Hälften – das in Hartplastik eingeschweißte 70er-Jahre-Sandwich ist mein Frühstück am Tag 1 n. Y. Zum einen, weil es bei mir in Kühlschrank, Wohnung und Bauch gerade vor gähnender Leere hallt, zum anderen, weil es das Zeug in Raspels Tanke gibt, an der ich a) sowieso morgens vorbeikomme und b) die Auswahl an mayonaissierten Snacks groß und der Ort auch ansonsten ein Gourmettempel des ungesunden Schnell-auf-die-Hand-Happens ist. Das Einzige, was nervt, ist der Umstand, dass man die Esspappe noch aus ihrem Hochsicherheits-Plastikgefängnis befreien muss. Zum Glück hat Raspel für solche Fälle einen Bolzenschneider für unkaputtbare Sandwichverpackungen in der Werkstatt.
Und das passt gut, zu ihm will ich sowieso. Denn zufällig ist er mein bester Freund seit dem Kindergarten. Und damit genau der Richtige, um mein wieder ergattertes Junggesellen-Leben mit ihm und ’ner Kiste Pils zum Wochenende hin beim Kickern gebührend einzuläuten.
Raspels Reich liegt praktischerweise gerade um die Ecke zu meinem Callcenter in einem Hinterhof zwischen Pauli und Altona. Die Werkstatt erreicht man entweder durch eine Einfahrt oder – wenn man wie ich vorher noch ein passables Frühstück to go einwerfen will – direkt durch die Tankstelle. Was dann allerdings bedeutet, dass ich an der Drachenlady vorbei muss. Die ist seit drei schrecklichen Jahren mit Raspel verheiratet. Und bei jedem, der sich ihr in den Weg stellt, wird verbales Feuer gespien und die Umgebung systematisch weggebrannt. Bevor dann Eiseskälte über die traute Zweiöde bläst und alle Sympathie für sie gefriert.
Nicht nur, dass ausgerechnet Sabine Sauer mit ihren roten Haaren und hunderttausend Sommersprossen meinen alten Kumpel aus der besten Männer-WG ever in ihre spießige Zweizimmerwohnung in Barmbek gezerrt hat. Nein, sie hat auch innerhalb weniger Wochen seinen perfekt geplanten Lebensentwurf in Schutt und Asche gelegt. Ihretwegen hat er vor fünf Jahren das Studium geschmissen und seitdem auf Schrauber gemacht, weil sich Sabines Vater samt Gattin in Frührente nach Spanien abgesetzt und ihm die Tankstelle überlassen hat. Das Ganze gipfelte dann in einer Hochzeit, an die ich glücklicherweise dank eines reichhaltigen Alkoholangebots während der Feier nur noch sehr schemenhafte Erinnerungen habe.
„Moin Biene“, presse ich mir im Vorbeigehen mein bestes Halbelf-morgens-in-Deutschland-Lächeln für sie raus. Eine Antwort erwarte ich nicht, denn mit der Freundlichkeit hat sie es nicht so, besonders mir gegenüber. Auch jetzt steht sie in ihrem grauen T-Shirt und bordeauxroter Fleece-Weste mit ausdrucklosem Gesicht hinter der Theke, ignoriert mich völlig und trägt – wichtig, wichtig – irgendwas in irgendeine Liste ein. Ihre roten Haare, die notdürftig als Pferdeschwanz aus ihrem Gesicht gehalten werden, geben ihr den Look einer ehemaligen Germanistikstudentin, die keinen Job gefunden hat und jetzt an der Tanke jobbt. Ich drücke mich an ihr vorbei an der Zeitungsauslage, einem Regal mit dem Nötigsten, Öldosenständer und ’ner Kühltruhe mit Eis und panierten Chicken-Wings und nehme Kurs Richtung Werkstatttür.
„Willst du Raspel wieder mal von der Arbeit abhalten?“, unterbricht Biene unvermittelt meine Gedanken. In ihrer Stimme ist wie immer die wohltemperierte Verachtung zu hören.
„Ist er hinten?“
Rein einlullender Smalltalk. Wo soll er sonst sein.
Am Automaten lasse ich schnell noch einen Becher mit Kaffee vollaufen und frage mich beim Betrachten der Knöpfe kurz wieder einmal, wo die Grenze zwischen Latte Macchiato und Milchkaffee verläuft.
„Heh, Moment mal!“, höre ich sie hinter mir rufen, während ich mit dem Kaffee am Hals versuche, die schwere Eisentür zur Werkstatt aufzuziehen. Meine Zunge fühlt sich plötzlich wie ein Feuerball an, der bei einer Explosion aufsteigen will. Verdammt, ist die Plörre heiß!
„Du hast da eine Kleinigkeit vergessen, Tom!“
Dem Ton nach eine verdammt große, enorm lebensbedrohliche Kleinigkeit.
„Oooh Mann!“, keuche ich, während ich versuche, die gefilterte Boilerbrühe ohne weitere Schäden runterzuschlucken. „Muff daff fffetzt ffein?“
Meine Zunge scheint sich aufzulösen.
„Dreiachtzig!“
„Also echt… wenn du bei mir frühstückst, müsstest du nichts bezahlen.“
„Ich hab noch nie bei dir gefrühstückt. Willst du die Schulden, die du noch offen hast, gleich mitzahlen?“
„Nein. Und rein hypothetisch. Bei mir müsstest du auf gar keinen Fall bezahlen.“
„Vermutlich, weil du sowieso nichts im Kühlschrank hast.“
Mag sein. Aber der Grund, warum ich der blöden Ziege nichts anbieten würde, wäre ein anderer.
„Biene, bitte. Schreib’s auf den Deckel.“
„Tom, du bist jeden zweiten Tag hier und frisst dich durch! Irgendwann ist Schluss.“
„Sagt wer?“
„Ich.“
„Eigentlich müsstest du mich dafür bezahlen, dass ich dir dieses Sandwich abnehme und dich niemand auf ungesundes Essen verklagt.“
„Du hättest auch den Salat daneben nehmen können.“
„Salat? Um diese Zeit?“
„Hast du schon mal in den Spiegel geguckt? Weisst du, was da vorne über deinem Gürtel wächst?“
Keine Ahnung, meine Leber vielleicht? Unglaublich, aber diese kleine Biene, die sticht sticht sticht! Ich klaube einen Fünfer aus meiner Hosentasche, werfe ihn auf den Tresen.
„War nett mit dir zu plaudern.“
„Jederzeit wieder“, erwidert sie knapp, ohne eine Miene zu verziehen.
◆
Meine Laune ist echt im Keller, als ich endlich da bin, wo ich hinwollte. Die Hälfte des Kaffees klebt an der Ladenseite der Eisentür, die ganz offensichtlich auch etwas gegen mich hat. Seit gestern Abend sollte ich Durchgänge in Wänden wohl besser meiden. ‚Hallo, ich heiße Tom und ich habe ein Problem mit Türen.‘
‚Hallo Tom. Willkommen hier in unserer Selbsthilfegruppe, bei den Anonymen Halb-Verklemmten!‘
Gott sei Dank ist in der Werkstatt alles wie gewohnt. Der ölverschmierte Boden und die Patina an den Geräten, das Neonlicht verstärkt noch den Eindruck einer Schraubergarage mit Vergangenheit. Dazu die Hebebühne, ein Graben zum Drauffahren, Werkbänke, Schränke. Und hinten in der Ecke, da steht er, mein alter roter 66er Mustang, Holzlenkrad und weiße Ledersitze. Ein Klassiker. Leider ist was mit der Vorderachse. Irgend ’ne Feder, Differential, Scheibenbruch, Rhabarber, egal, Raspel hat’s mir erklärt und ich hab’s schon wieder vergessen. Kohle für die Reparatur habe ich eh gerade nicht.
Raspel ist ein begnadeter Schrauber, da hat er echt Talent. Deshalb ist wie eigentlich immer tagsüber außer seinen Beinen – in diesem Fall unter einem alten hochgebockten VW-Bus T3 – von ihm nichts zu sehen.
Raspel alias Frank hatte während der Schulzeit einen Mecki als Frisur – und der hängt ihm spitznamentechnisch bis heute nach; wenn seine Haare auch mittlerweile einer karg bestoppelten Landefläche für verirrte Zugvögel gewichen sind. Aber die sieht man ja eh meistens nicht.
Beschwingt setze ich mich auf die halbhohe Hebebühne und versuche mit einem Schraubenzieher mein Frühstück aus der Verpackung zu pulen. Währenddessen ruckelt Raspel an irgendwas herum, schnauft und klimpert mit Werkzeug.
„Moin! Schon wach da unten?“
