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Gratis-Ermittlungen, rätselhafte Verbrechen und ein Detektiv, der mehr ist, als er scheint Jim Barnett ist ein ungewöhnlicher Privatdetektiv: brillant, exzentrisch und arbeitet ohne Honorar. Mit seiner Agentur übernimmt er Fälle, an denen andere scheitern, und liefert Lösungen, die stets auf Täuschung, psychologischem Scharfsinn und perfektem Timing beruhen. An seiner Seite, oder ihm im Weg, steht Inspektor Béchoux, Freund und Gegenspieler zugleich. Doch Barnett ist mehr, als er vorgibt zu sein. Hinter der Fassade des Detektivs verbirgt sich Arsène Lupin selbst, der mit Ironie und Eleganz zwischen Gesetz und Eigennutz navigiert. Die Agentur Barnett & Co. versammelt pointierte Kriminalgeschichten voller Witz und überraschender Wendungen. Ergänzt wird dieser 13. Band der Lupin-Collection um eine zusätzliche Erzählung, die ursprünglich nur in der amerikanischen Ausgabe enthalten war, ein besonderes Extra für Lupin-Kenner. Zur Lupin-Collection Die Lupin-Collection vereint nahezu alle Romane und Erzählungen rund um Arsène Lupin in einer sorgfältig kuratierten Reihe und ist in diesem Umfang im deutschen Sprachraum einmalig. Sie enthält auch bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte Bände. Die Serie folgt der Chronologie der Erscheinungsjahre und zeigte die innere Entwicklung der Figur vom jungen Abenteurer über den brillanten Meister der Täuschung bis hin zum reifen Strategen und Ermittler. Klassiker, seltene Texte und spätere Werke stehen gleichberechtigt nebeneinander und machen sichtbar, wie vielfältig und wandelbar Lupin ist: Gentleman-Gauner, Detektiv, Patriot, Liebhaber und Spieler mit Identitäten. Die Collection lädt dazu ein, Arsène Lupin nicht nur als legendäre Figur, sondern als literarisches Gesamtwerk neu zu entdecken.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Maurice Leblanc
Arsène Lupin
Die Agentur Barnett & Co.
Detektivgeschichten
Ehre, wem Ehre gebührt…
1 Die fallenden Tropfen
2 Der Liebesbrief König Georgs
3 Die Bakkarat-Partie
4 Der Mann mit den Goldzähnen
5 Béchoux’ zwölf Afrikanerinnen
6 Der Zufall wirkt Wunder
7 Weiße Handschuhe… weiße Gamaschen…
8 Die Brücke, die brach
9 Béchoux verhaftet Jim Barnett
Cover
Hier folgt die Geschichte einiger Fälle, die wenige Jahre vor dem Krieg die öffentliche Meinung in Aufruhr versetzten, nicht zuletzt, weil man nur Bruchstücke erfuhr und die Berichte sich widersprachen. Wer war dieser merkwürdige Jim Barnett, der auf so vergnügliche Weise in die kühnsten Abenteuer geraten konnte? Und was ging tatsächlich vor in jener geheimnisvollen Privatagentur Barnett & Co., die ihre Kundschaft anzulocken schien, nur um sie umso gründlicher auszunehmen?
Da die Umstände es nun erlauben, das Rätsel vollständig zu lüften, wollen wir uns beeilen, Caesar zu geben, was Caesar gebührt, und die Untaten des Jim Barnett dem einzigen zuzuschreiben, der sie wirklich begangen hat: dem unverbesserlichen Arsène Lupin. Er wird es gewiss verkraften…
Die Glocke am Hoftor des weitläufigen Stadtpalais im Faubourg Saint-Germain, wo die Baronne Assermann wohnte, ertönte. Fast gleichzeitig erschien das Stubenmädchen mit einem Umschlag.
„Da ist ein Herr, den Madame auf vier Uhr bestellt hat.“
Madame Assermann öffnete den Umschlag und las auf einer Visitenkarte:
Agentur Barnett & Co. – Auskünfte gratis.
„Führen Sie den Herrn in mein Boudoir.“
Valérie, die schöne Valérie, wie man sie seit über dreißig Jahren, ach!, zu nennen pflegte, war eine üppige, reife Frau, reich gekleidet, sorgfältig geschminkt, mit dem Selbstverständnis derer, die gewohnt sind, Eindruck zu machen. Ihr Gesicht zeigte Stolz, manchmal Härte, oft aber auch eine gelöste Unbefangenheit, nicht ohne Charme. Als Gattin des Bankiers Assermann war sie stolz auf Luxus, Beziehungen, Palais, kurz: auf alles, was sie umgab. Die Klatschspalten unterstellten ihr pikante Affären. Man munkelte sogar, ihr Mann habe die Scheidung gewollt.
Zunächst schaute sie beim Baron vorbei, einem alten, kränklichen Mann, den seit Wochen Herzanfälle ans Bett fesselten. Sie erkundigte sich, rückte zerstreut Kissen zurecht. Er murmelte: „Hat es nicht geklingelt?“
„Doch. Der Detektiv, den man mir für unsere Angelegenheit empfohlen hat. Er soll ausgesprochen gut sein.“
„Umso besser“, sagte der Bankier. „Die Sache lässt mir keine Ruhe. Je mehr ich grüble, desto weniger begreife ich.“
Auch Valérie wirkte besorgt. Sie verließ das Zimmer und ging in ihr Boudoir. Dort erwartete sie ein ungewöhnlicher Besucher: gut gewachsen, breitschultrig, robust, in einem schwarzen, ins Grünliche spielenden Gehrock, dessen Stoff glänzte wie der Seidenschein eines Regenschirms. Ein junges, energisch gemeißeltes Gesicht, doch von rauer, geröteter „Ziegelhaut“ gezeichnet. Kühle, spöttische Augen hinter einem Monokel, das er gleichgültig mal rechts, mal links trug, blitzten bisweilen in jugendlicher Heiterkeit.
„Monsieur Barnett?“, fragte sie.
Er verbeugte sich, und ehe sie die Hand entziehen konnte, küsste er sie mit eleganter Geste, ein kaum hörbares Schnalzen, als koste er den Duft dieser Hand.
„Jim Barnett, zu Diensten, Madame la Baronne. Ich erhielt Ihren Brief. Ich musste nur noch meinen Gehrock bürsten …“
Verblüfft erwog sie, den Eindringling hinausweisen zu lassen. Doch er trug eine so lässige Grandezza zur Schau, den Habitus eines Weltmanns, der den Code mondäner Höflichkeit beherrscht, dass sie nur sagen konnte:
„Man sagte mir, Sie seien es gewohnt, komplizierte Angelegenheiten zu entwirren …“
Er lächelte selbstgefällig. „Bei mir ist das eher eine Gabe, die Gabe, klar zu sehen.“
Die Stimme war weich, der Ton gebieterisch, in allem ein feiner Zug von Ironie. Er wirkte so sicher seiner selbst, dass man sich schwer entzog. Valérie spürte, wie sie vom ersten Augenblick an unter seinem Einfluss stand, eines einfachen Detektivs, Inhabers einer Privatagentur. Um die Balance zu wahren, ließ sie anklingen.
„Vielleicht sollten wir vorab … die Bedingungen klären …“
„Völlig überflüssig“, entgegnete Barnett.
„Aber Sie arbeiten doch nicht für den Ruhm allein?“
„Die Agentur Barnett ist vollkommen unentgeltlich, Madame la Baronne.“
Sie wirkte enttäuscht. „Mir wäre wohler, wenn unsere Vereinbarung eine Entschädigung vorsähe.“
„Ein Trinkgeld“, höhnte er leise.
„Ich kann doch nicht …“
„In Ihrer Schuld stehen? Eine schöne Frau steht nie in jemandes Schuld.“
Um die kühne Spitze zu mildern, fügte er hinzu: „Fürchten Sie nichts, Madame la Baronne. Welche Dienste ich Ihnen auch leiste, ich werde schon dafür sorgen, dass wir am Ende quitt sind.“
Was bedeutete das? Wollte er sich selbst bezahlen? Und womit?
Valérie fröstelte, errötete. Dieser Mann weckte in ihr eine diffuse Unruhe, das Gefühl, das einen in Gegenwart eines Einbrechers beschleicht. Ein Teil von ihr dachte, mein Gott, ja, er sei vielleicht ein Verehrer, der eine originelle Methode gewählt hatte, in ihr Haus zu gelangen. Doch wie reagieren? Einschüchterung und Vertrauen mischten sich. Also sprach sie, als der Detektiv ohne Umschweife nach dem Grund ihres Hilferufs fragte, ebenso ohne Umschweife – wie er es verlangte: Kurz. Monsieur Barnett schien es eilig zu haben.
„Es war vorletzten Sonntag“, sagte sie. „Ich hatte Freunde zum Bridge. Ich ging früh zu Bett und schlief sofort ein. Gegen vier Uhr, exakt zehn nach vier, weckte mich ein Geräusch, gefolgt vom Zuschlagen einer Tür. Es kam aus meinem Boudoir.“
„Aus diesem Raum?“, fiel Barnett ein.
„Ja. Er grenzt einerseits an mein Schlafzimmer“, Barnett neigte sich respektvoll in Richtung der Tür, „und andererseits an den Korridor zur Diensttreppe. Ich bin nicht ängstlich. Nach kurzem Warten stand ich auf.“
Er verneigte sich amüsiert vor der Vorstellung, wie die Baronne aus dem Bett sprang. „Also, Sie standen auf …?“
„Ich trat ein und machte Licht. Niemand war da, aber dieses kleine Vitrine war umgestürzt. Nippes und Figürchen lagen am Boden, manches zerbrochen. Ich ging zu meinem Mann, der im Bett las. Er hatte nichts gehört. Sehr beunruhigt klingelte er den Maître d’hôtel, der sofort Nachforschungen anstellte. Am Morgen kam der Polizeikommissar.“
„Ergebnis?“, fragte Barnett.
„Folgendes. Kein Anhalt für Kommen oder Gehen. Wie hinein, wie hinaus? Rätsel. Man fand jedoch unter einem Pouf, zwischen den Scherben, eine halbe Kerze und einen Vorstecher mit schmutzigem Holzgriff. Nun wussten wir: Am Nachmittag hatte ein Klempner die Hähne am Waschbecken meines Mannes repariert. Man befragte den Meister, der das Werkzeug erkannte. Bei ihm fand man die andere Kerzenhälfte.“
„Folglich in dieser Hinsicht eine Gewissheit“, fasste Barnett zusammen.
„Ja, aber widersprochen von einer anderen, ebenso unbestreitbaren Gewissheit. Die Ermittlungen ergaben: Der Arbeiter nahm um sechs Uhr abends den Schnellzug nach Brüssel und traf dort um Mitternacht ein, drei Stunden vor dem Zwischenfall.“
„Potztausend! Ist der Arbeiter zurückgekehrt?“
„Nein. Man verlor seine Spur in Antwerpen. Er warf mit Geld um sich.“
„Und das ist alles?“
„Absolut alles.“
„Wer führt die Sache?“
„Inspektor Béchoux.“
Barnett strahlte. „Béchoux? Ach, der vortreffliche Béchoux! Ein guter Freund. Wir haben oft zusammen gearbeitet.“
„Er hat mir tatsächlich von der Agentur Barnett erzählt.“
„Wahrscheinlich, weil er nicht weiterkam, nicht wahr?“
„In der Tat.“
„Der brave Béchoux! Wie glücklich wäre ich, ihm beizuspringen! Und Ihnen, Madame la Baronne, vor allem Ihnen.“
Er trat ans Fenster, legte die Stirn an die Scheibe, trommelte mit den Fingern, pfiff eine kleine Tanzweise. Dann wandte er sich wieder zu Valérie: „Ihre Ansicht – die des Inspektors – lautet, es habe einen Diebstahlsversuch gegeben, nicht wahr?“
„Ja. Erfolglos, da nichts fehlt.“
„Wollen wir’s gelten lassen. Jedenfalls verfolgte der Versuch ein Ziel, das Sie kennen müssten. Welches?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Valérie nach kurzem Zögern.
Der Detektiv lächelte. „Gestatten Sie mir, respektvoll die Schultern zu zucken?“
Ohne Antwort abzuwarten, wies er auf eines der Stoffpaneele, die das Boudoir oberhalb der Sockelleiste einfassen, und fragte, wie man ein Kind fragt, das etwas versteckt hat: „Was ist unter diesem Paneel?“
„Nichts“, sagte sie verdutzt. „Was soll das heißen?“
Barnett wurde ernst. „Es heißt, dass schon die flüchtigste Besichtigung zeigt, wie die Ränder dieses Stoffrechtecks müde sind, sich stellenweise von der Vertäfelung lösen und dass alles darauf hindeutet, Madame la Baronne, dass dort ein Safe steckt.“
Valérie zuckte zusammen. Wie konnte er das aus so wenig schließen? Mit einem raschen Griff schob sie das Paneel zur Seite. Dahinter: eine kleine Stahltür. Fieberhaft drehte sie an den drei Knöpfen. Eine unvernünftige Unruhe erfasste sie. So unmöglich es schien, hatte dieser Mann, während er kurz allein gewesen war, sie bereits beraubt?
Sie zog einen Schlüssel, öffnete und atmete auf. Ein prächtiges Perlenkollier lag darin. Hastig griff sie zu: drei Reihen glitten um ihr Handgelenk.
Barnett lachte leise. „Nun sind Sie beruhigt. Ach, Einbrecher sind so geschickt, so verwegen! Man muss vorsichtig sein, denn das ist ein sehr schönes Stück. Ich verstehe, dass man es Ihnen gestohlen hat.“
„Aber es gab keinen Diebstahl. Falls man es wollte, misslang er.“
„Glauben Sie das?“
„Natürlich! Es ist doch da! Ich halte es in der Hand! Ein gestohlenes Stück verschwindet. Das hier ist da.“
„Hier ist ein Kollier. Aber sind Sie sicher, dass es Ihr Kollier ist? Sicher, dass es Wert hat?“
„Wie bitte!“ Valérie fuhr auf. „Erst vor vierzehn Tagen hat mein Juwelier es auf eine halbe Million geschätzt.“
„Vor vierzehn Tagen, also fünf Tage vor jener Nacht … Aber jetzt? Ich weiß nichts, ich habe es nicht begutachtet. Ich frage nur: Trübt nicht ein Verdacht Ihre Gewissheit?“
Valérie erstarrte. Welcher Verdacht? Unruhe kroch in ihr hoch. In den geöffneten Händen wog sie die Perlenmasse und plötzlich schien sie leichter. Andere Farbtöne, fremde Reflexe, störende Gleichmäßigkeit, allzu perfekte Rundung, lauter beunruhigende Details. Im Dämmer des Bewusstseins zog eine Wahrheit herauf, immer deutlicher, immer drohender.
Barnett ließ ein kleines Freudenlachen hören. „Vorzüglich! Noch ein Schritt und Sie sehen klar. Das ist so logisch! Der Gegner stiehlt nicht, er ersetzt. So fehlt scheinbar nichts und ohne die vermaledeite Vitriine wäre alles im Dunkeln geblieben. Sie hätten nicht gewusst, dass das echte Kollier verschwunden ist und dass Sie auf Ihren schönen Schultern eine Kette falscher Perlen tragen.“
Die Vertraulichkeit kränkte sie nicht. Sie dachte an anderes.
Barnett verneigte sich und fuhr, direkt aufs Ziel, fort: „Also: erster Punkt gesichert das Kollier ist verschwunden. Bleiben wir im Schwung: Jetzt, da wir wissen, was gestohlen wurde, suchen wir, wer gestohlen hat. So will es die Logik. Sobald wir den Dieb kennen, sind wir dem Wiedererlangen sehr nah … dritte Etappe unserer Zusammenarbeit.“
Er klopfte Valérie freundlich auf die Hände. „Vertrauen Sie mir. Zunächst, wenn Sie erlauben, eine kleine Hypothese – ein ausgezeichnetes Verfahren. Stellen wir uns vor, Ihr Mann habe sich trotz Krankheit in jener Nacht hierher geschleppt, mit Kerze und, fürs Grobe, mit dem vom Klempner vergessenen Werkzeug, den Safe geöffnet, ungeschickt die Vitrine umgeworfen und sei geflohen, aus Angst, Sie könnten etwas gehört haben. Wie hell wird da alles! Natürlich fand man keine Spuren von Kommen und Gehen. Natürlich wurde der Safe ohne Gewalt geöffnet. Der Baron hat im Lauf der Jahre, wenn ihm die Gunst zuteil wurde, Ihre Gemächer zu betreten, oft genug Ihren Umgang mit dem Schloss beobachtet, Klicks und Intervalle gezählt und so die Kombination erkannt.“
Diese „kleine Hypothese“ entsetzte die schöne Valérie umso mehr, je weiter er sie vor ihr entrollte. Man hätte meinen können, sie sehe die Szene wieder und erinnere sich.
„Sie sind verrückt!“, stieß sie hervor. „Mein Mann ist dazu unfähig … Wenn in jener Nacht jemand hier war, dann nicht er … Völlig ausgeschlossen …“
„Gab es eine Kopie Ihres Kolliers?“, fragte er sanft.
„Ja. Aus Vorsicht ließ er beim Kauf vor vier Jahren eine anfertigen.“
„Und wer besaß sie?“
„Mein Mann“, hauchte sie.
„Diese Kopie halten Sie in den Händen. Sie ersetzte die echten Perlen. Die echten hat er genommen. Warum? Da das Vermögen des Barons jede Anklage wegen Diebstahls absurd macht, betrachten wir intimere Motive: Rache … der Drang zu kränken, zu strafen. Nicht wahr? Eine junge, schöne Frau kann gewisse Unvorsichtigkeiten begehen, sehr verständlich, die ein Ehemann streng beurteilt. Verzeihen Sie. Es steht mir nicht zu, in Ihre Ehegeheimnisse einzudringen. Ich suche nur mit Ihnen, wo Ihr Kollier ist.“
„Nein!“, rief Valérie und wich zurück. „Nein! Nein!“
Sie hatte plötzlich genug von diesem unerträglichen Helfer, der in wenigen Minuten plaudernd, entgegen allen Regeln, mit teuflischer Leichtigkeit die Geheimnisse um sie her freilegte und ihr, mit hämischem Lächeln, den Abgrund zeigte. Sie wollte seine Stimme nicht länger hören.
„Nein“, wiederholte sie hartnäckig.
Er verneigte sich. „Wie Sie wünschen, Madame. Ich dränge nicht. Ich bin da, um zu dienen, soweit es Ihnen genehm ist. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass Sie meiner Hilfe entbehren können. Da Ihr Mann nicht hinauskonnte, hat er gewiss nicht die Unklugheit begangen, die Perlen jemandem anzuvertrauen. Er muss sie irgendwo in seinem Appartement versteckt haben. Eine methodische Durchsuchung wird sie zutage fördern. Mein Freund Béchoux scheint mir dafür der Richtige. Noch ein Wort: Sollten Sie mich benötigen, rufen Sie heute Abend zwischen neun und zehn an. Ich empfehle mich.“
Er küsste nochmals ihre Hand. Sie wagte nicht, sich zu entziehen. Dann verließ er, die Hüften zufrieden wiegend, mit federndem Schritt das Haus. Bald fiel das Hoftor ins Schloss.
Noch am selben Abend ließ Valérie Inspektor Béchoux holen, dessen ständige Präsenz im Hôtel Assermann nur natürlich wirken konnte, und die Suche begann. Béchoux, ein geachteter Polizist, Schüler des berühmten Ganimard, arbeitete nach Lehrbuch: Er teilte Schlafzimmer, Bad und Arbeitszimmer in Sektoren und durchkämmte sie nacheinander. Ein dreireihiges Perlenkollier ist eine Masse, die sich nicht „wegzaubern“ lässt, zumindest nicht vor einem Profi. Dennoch verlor Béchoux nach acht Tagen erbitterter Arbeit den Mut, und nach Nächten, in denen er, da der Baron regelmäßig Schlafmittel nahm, sogar das Bett und den Raum darunter untersuchte. Das Kollier schien nicht im Haus.
Trotz ihres Widerwillens dachte Valérie daran, die Agentur Barnett wieder zu kontaktieren, den unerträglichen Mann um Hilfe zu bitten. Was machte es, dass er ihr die Hand küsste und sie „teure Baronne“ nannte, wenn er zum Ziel führte?
Doch ein lange erwartetes Ereignis, näher als gedacht, beschleunigte alles. Eines späten Nachmittags holte man sie hastig: Ihr Mann hatte einen bedenklichen Anfall. Zermürbt auf dem Diwan, an der Schwelle zum Bad, rang er nach Luft. Sein entstelltes Gesicht spiegelte furchtbare Schmerzen.
Erschrocken rief Valérie den Arzt. Der Baron murmelte: „Zu spät … zu spät …“
„Aber nein“, sagte sie, „es wird gut, ich schwöre es dir.“
Er versuchte aufzustehen. „Zu trinken …“, bat er und wankte zum Waschbecken.
„Du hast Wasser in der Karaffe, mein Freund.“
„Nein … nein … nicht dieses Wasser …“
„Warum diese Marotte?“
„Ich will das andere … dieses hier …“
Er sank zusammen. Sie drehte schnell den Hahn auf, holte ein Glas, füllte es, doch er lehnte ab.
Eine lange Stille. Nebenan plätscherte leise das Wasser. Das Gesicht des Sterbenden fiel ein.
Er gab ihr ein Zeichen, sprechen zu wollen. Sie beugte sich. Doch er fürchtete wohl, die Dienerschaft könne hören, und flüsterte: „Näher … näher …“
Sie zögerte, als fürchte sie seine Worte. Sein Blick war so zwingend, dass sie, plötzlich bezwungen, niederkniete und das Ohr an seine Lippen legte. Wirre Worte, deren Sinn sie kaum erfasste:
„Die Perlen … das Kollier … Du sollst es wissen, bevor ich gehe … Siehst du … du hast mich nie geliebt … Du hast mich geheiratet … wegen meines Vermögens …“
Empört wies sie die grausame Anklage in dieser Stunde zurück. Doch er packte ihr Handgelenk und fuhr delirierend fort:
„… wegen meines Vermögens … und das hast du bewiesen … Du warst keine gute Ehefrau, darum wollte ich dich strafen. In diesem Augenblick strafe ich dich … Und ich empfinde eine schreckliche Freude … So muss es sein … und ich nehme den Tod in Kauf, weil die Perlen verschwinden … Hörst du nicht, wie sie fallen und im Bach davongehen? Ach, Valérie, welch Strafe! … die fallenden Tropfen … die fallenden Tropfen …“
Er hatte keine Kraft mehr. Die Diener trugen ihn ins Bett. Bald kam der Arzt. Auch zwei alte Cousinen trafen ein, die das Zimmer nicht mehr verließen. Sie beobachteten jede Bewegung Valéries und schienen bereit, Schubladen und Kommoden gegen jeden Zugriff zu verteidigen.
Das Sterben dauerte. Baron Assermann starb in der Morgendämmerung, ohne weitere Worte. Auf ausdrückliches Verlangen der Cousinen wurden sofort alle Möbel im Schlafzimmer versiegelt. Die langen, düsteren Stunden der Totenwache begannen.
Zwei Tage später, nach der Beerdigung, suchte der Notar Valérie auf. Ernst, bekümmert, sagte er: „Der Auftrag, den ich zu erfüllen habe, ist schmerzlich, Madame la Baronne, und ich möchte ihn rasch vollziehen, wobei ich Ihnen im Voraus versichere, dass ich nicht gutheiße, was zu Ihrem Nachteil geschieht. Aber ich stieß auf einen unbeugsamen Willen. Sie kennen die Hartnäckigkeit Monsieur Assermanns, und trotz meiner Bemühungen …“
„Bitte, Monsieur, Klartext“, flehte Valérie.
„Also gut. Ich habe hier ein erstes Testament, etwa zwanzig Jahre alt, das Sie zur Universalerbin bestimmte. Doch vor einem Monat teilte er mir mit, er habe ein weiteres errichtet … in dem er sein gesamtes Vermögen seinen beiden Cousinen vermacht.“
„Und Sie besitzen dieses andere Testament?“
„Nachdem er es mir vorgelesen hatte, schloss er es in diesen Sekretär. Er wünschte, dass man erst eine Woche nach seinem Tod davon Kenntnis nähme. Die Siegel dürfen erst dann gebrochen werden.“
Da begriff die Baronne, warum ihr Mann ihr vor Jahren – in Zeiten heftiger Spannungen – geraten hatte, ihren gesamten Schmuck zu verkaufen und dafür ein Perlenkollier zu erwerben. Das Kollier war falsch, Valérie enterbt und ohne Vermögen. Sie stand mittellos da.
Am Tag vor der vorgesehenen Siegelhebung hielt vor einem bescheidenen Laden in der Rue de Laborde ein Automobil. Über der Tür ein Schild: Agentur Barnett & Co – geöffnet von zwei bis drei Uhr. Auskünfte gratis.
Eine Dame in tiefer Trauer stieg aus und klopfte.
„Herein“, rief es aus dem Hinterzimmer.
„Wer da?“, fuhr die Stimme fort, die sie sofort erkannte.
„Die Baronne Assermann.“
„Ah! Verzeihen Sie tausend Mal, Baronne. Bitte nehmen Sie Platz. Ich bin gleich bei Ihnen.“
Valérie wartete und sah sich um. Das Büro war nahezu leer: ein Tisch, zwei alte Sessel, kahle Wände, keine Akten, kein Papier. Ein Telefonapparat als einziges Arbeitsgerät. Auf einem Aschenbecher Kippen von Luxuszigaretten, in der Luft ein feiner Duft.
Der Vorhang hob sich, und Jim Barnett sprang herein, flink, lächelnd. Derselbe abgetragene, speckige Gehrock, dieselbe schlecht gebundene Krawatte. Monokel am schwarzen Band.
Er stürzte auf eine Hand zu, deren Handschuh er küsste. „Wie geht es Ihnen, Baronne? Eine Freude … Aber … Trauer? Nichts Ernstes, hoffe ich? Ach, mein Gott, ich erinnere mich … Baron Assermann, nicht wahr? Welche Katastrophe! Ein so liebenswürdiger Mann, der Sie so sehr liebte! Und wo waren wir stehen geblieben?“
Er zog ein Notizbüchlein. „Baronne Assermann … ausgezeichnet … Ich entsinne mich … falsche Perlen … Gatten-Einbruch … hübsche Frau … sehr hübsche Frau … Sie wollte mich anrufen …“
„Nun, gnädige Frau“, schloss er vertraulich, „ich warte noch immer.“
Auch diesmal brachte er Valérie aus dem Gleichgewicht. Der Tod ihres Mannes hatte sie nicht gebrochen, aber die Angst vor der Zukunft, der Horror vor dem Absturz, fraßen an ihr. Fünfzehn grauenvolle Tage lagen hinter ihr. Ihr Gesicht trug diese Spuren. Und nun stand vor ihr dieser heitere, flirrende, unbekümmerte Mann, der ihre Lage scheinbar nicht begriff.
Um dem Gespräch Würde zu geben, berichtete sie sachlich die Ereignisse und wiederholte die Aussagen des Notars ohne gegen ihren Mann zu hadern.
„Vorzüglich!“, kommentierte der Detektiv, lächelnd. „Das fügt sich wunderbar. Es ist ein Vergnügen, zu sehen, mit welcher Ordnung sich dieses Drama entfaltet!“
„Ein Vergnügen?“, fragte Valérie fassungslos.
„Gewiss, ein Vergnügen, das mein Freund, Inspektor Béchoux, sicher lebhaft empfunden hat … Denn ich nehme an, er hat es Ihnen erklärt?“
„Was?“
„Wie, was? Den Knoten der Intrige, den Mechanismus! Nun, ist das nicht köstlich? Wie Béchoux gelacht haben muss!“
Barnett lachte seinerseits. „Ah! Der Coup mit dem Waschbecken! Welch Einfall! Eher Vaudeville als Drama, aber wie geschickt gebaut! Ich gestehe, ich roch den Trick sofort. Als Sie vom Klempner sprachen, sah ich den Zusammenhang zwischen der Reparatur am Waschbecken und den Plänen des Barons. Ich sagte mir: Da liegt alles. Während der Baron den Tausch einfädelt, sorgt er für ein perfektes Versteck. Denn das war für ihn das Wesentliche, nicht wahr? Hätte er Ihnen die Perlen nur entzogen, um sie wie Gerümpel in die Seine zu werfen, das wäre nur die halbe Rache. Für die totale, großartige Rache musste er die Perlen in Reichweite behalten, also in ein nahegelegenes, unzugängliches Versteck betten. Und genau das geschah.“
Er amüsierte sich köstlich. „Dank seiner Instruktionen, und man hört förmlich den Dialog zwischen Klempnergesellen und Bankier: ‚Sehen Sie diesen Abfluss unter meinem Waschbecken? Er läuft bis zur Sockelleiste, mit leichter Neigung vom Bad weg. Dämpfen Sie die Neigung, heben Sie hier in der dunklen Ecke das Rohr ein wenig an, sodass eine Art Ablage entsteht, in dem bei Bedarf ein Gegenstand liegen bleiben kann. Öffnet man den Hahn, füllt das Wasser die Abslage und reißt den Gegenstand mit. Verstehen Sie? Dann bohren Sie an der dem Blick abgewandten Seite ein Loch, etwa einen Zentimeter Durchmesser … genau hier. Hervorragend! Verschließen Sie es mit diesem Gummistopfen. Fertig? Vorzüglich. Bleibt nur zu danken und unsere kleine Frage zu regeln. Einverstanden? Hier ist genug Geld, um heute Abend um sechs ein Billett nach Brüssel zu nehmen. Und hier drei Schecks zur Einlösung dort, einer pro Monat. In drei Monaten: freie Rückkehr. Adieu.‘ Händedruck. Und noch am selben Abend, jenem Abend, an dem Sie Geräusche hörten, der Tausch der Perlen und die Ablage der echten im vorbereiteten Versteck, sprich: im Bauch des Rohrs! Und nun verstehen Sie? Als er sich verloren glaubt, ruft der Baron: ‚Ein Glas Wasser, bitte. Nein, nicht aus der Karaffe … aus diesem Hahn.‘ Sie gehorchen. Und das ist die Strafe, die Ihre Hand auslöst, indem sie den Hahn aufdreht. Das Wasser läuft, schleppt die Perlen mit, und der begeisterte Baron murmelt: ‚Hörst du? Sie gehen fort … sie fallen in die Finsternis.‘“
Die Baronne hatte stumm und erschüttert zugehört. Doch stärker als der Schrecken über diese grausame Rache regte sich eine furchterregend präzise Erkenntnis aus den Fakten.
„Sie wussten es also?“, flüsterte sie. „Sie kannten die Wahrheit?“
„Nun ja“, sagte er gelassen, „es ist mein Metier.“
„Und Sie haben nichts gesagt!“
„Wie bitte! Sie selbst, Baronne, haben mich daran gehindert, und mich ziemlich brüsk vor die Tür gesetzt. Ich bin diskret. Ich dränge nicht. Und dann musste man nicht prüfen?“
„Und Sie haben geprüft?“, stotterte sie.
„Oh, reine Neugier.“
„An welchem Tag?“
„Noch in derselben Nacht.“
„In derselben Nacht? Sie konnten ins Haus? In diese Wohnung? Aber ich habe nichts gehört …“
„Gewohnheit, lautlos zu arbeiten … Baron Assermann hat auch nichts gehört … Und doch.“
„Und doch …?“
„Um Klarheit zu gewinnen, habe ich das Loch im Rohr erweitert… Sie wissen schon, das Einfüllloch.“
Sie zuckte zusammen. „Dann … dann … haben Sie sie gesehen …?“
„Ich habe sie gesehen.“
„Die Perlen …?“
„Die Perlen waren da.“
„Wenn sie da waren, dann konnten Sie … sie nehmen …“
„Mein Gott“, gestand er harmlos, „ohne mich, Jim Barnett, hätten sie das Schicksal erlitten, das Monsieur Assermann für den Tag seines absehbaren Todes vorgesehen hatte: ‚Sie gehen fort … sie fallen in die Finsternis … fallende Tropfen …‘ Seine Rache wäre gelungen, bedauerlich. So ein schönes Kollier … ein Sammlerstück!“
Valérie war keine Frau plötzlicher Ausbrüche, doch diesmal schüttelte sie Zorn. Sie fuhr auf Barnett zu, als wollte sie ihn am Kragen packen.
„Das ist Diebstahl! Sie sind ein Abenteurer … Ich habe es geahnt … Ein Schwindler!“
Das Wort schien ihn zu ergötzen. „Schwindler … reizend …“, hauchte er.
Aber Valérie hielt nicht inne. Zitternd durchmaß sie den Raum: „Ich lasse mir das nicht bieten! Sie geben es mir zurück, sofort! Sonst alarmiere ich die Polizei.“
