Art-City - Tom Hochberger - E-Book

Art-City E-Book

Tom Hochberger

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 2050. Nur noch wenige Monate bis die hypermoderne Metropole Art-City ihr 25-jähriges Bestehen feiern wird. Speziell zu diesem Anlass erhält der ehrgeizige und aufstrebende Journalist Christopher Summer den Auftrag eine Studie über die Zufriedenheit der Bürger Art-Citys auszuarbeiten. Diese anfangs wenig Spannung versprechende Aufgabe lässt den Reporter in ungeahnte Abenteuer hineingeraten. Dabei lernt er die atemberaubend schöne und überaus herzerfrischende Fitnesstrainerin Helen Buckley kennen. Nur kurz darauf verschwindet Summer auf unerklärliche Weise und ist nicht mehr auffindbar, während gleichzeitig ein feiger Anschlag auf Helens Wohnung verübt wird. Die einst schillernde Heldenfigur Art-Citys und Sicherheitsbeamter im Dienste der Stadt, Bruce Garner untersucht den Fall. Mysteriöse Indizien lassen Buckley und ihn die Möglichkeit erwägen, der Journalist könnte etwas mit dem Überfall zu tun haben. Doch der dringt zwischenzeitlich unbeabsichtigt immer tiefer in die dunklen Seiten der Modellstadt ein und findet sich irgendwann an einem Punkt wieder von dem aus es kein Zurück mehr in sein normales Leben zu geben scheint. Bis dahin ahnt er nicht welch tiefgreifende Konsequenzen sein Handeln für seine eigene Zukunft und derer noch anderer, ihm liebgewonnener Menschen haben wird. Garners Frau Kim schließt Freundschaft mit Helen Buckley und manövriert sich somit ebenfalls in eine folgenschwere Lage. Hat tatsächlich die Association of progressive People, welche die Metropole 25 Jahre zuvor unter strengster Geheimhaltung, unvorstellbar großem finanziellen Aufwand und gigantischem Idealismus gegründet hatte, die Kontrolle über Art-City? Ist an den kursierenden Gerüchten, Menschen würden auf unerklärliche Weise verschwinden und deren Existenz nicht mehr nachweisbar sein, etwas dran? Ist die, unter den Bürgern der Stadt, weit verbreitete Meinung, Art-City sei so etwas wie das Paradies auf Erden nur eine Utopie, die angezweifelt werden muss? Muss diese Anschauung etwa genauso in Frage gestellt werden wie die Tatsache, dass scheinbar niemand weiß, ob die Cosmopolitan-Titan jemals wirklich geflogen ist?

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Seitenzahl: 630

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Tom Hochberger

Art-City

und der zweifelhafte Flug der Cosmopolitan-Titan

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Rückzug

Auftrag und Zuflucht

Cybercarpet*

Mr. Noname

Die Absoluten

Knast

Kaffepause

Impressum

Kapitel 1

Tom Hochberger

Art-City

und der zweifelhafte Flug der Cosmopolitan-Titan

Der Inhalt und die Figuren der folgenden Erzählung sind vollkommen frei erfunden und rein fiktiv. Alle Handlungsstränge, soziale, technische, wirtschaftliche, geschichtliche und ökologische Entwicklungen sind rein spekulativ und beruhen nicht auf Tatsachenrecherchen. Eventuell auftretende Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit lebenden Personen oder real existierenden Begebenheiten sind nicht beabsichtigt und erfolgen rein zufällig.

Einzige Ausnahme: das Cybercarpet, mit freundlicher Genehmigung der Max-Planck-Gesellschaft Tübingen

Herzlichen Dank an das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, insbesondere Herrn Professor Doktor Heinrich Bülthoff - Direktor - und Frau Bertenbreiter - Pressesprecherin - für die Erlaubnis den Namen zu nutzen.

Ein ähnliches Gerät wie beschrieben existiert dort bereits.

1

Mein besonderer Dank gilt:

Allen voran Dagmar Saalmüller, einer alten Schulfreundin aus der Realschulzeit. Sie hat sich die sicherlich nicht leicht zu lesende Erstversion meines Romans vor einiger Zeit angetan und mir viele Tipps gegeben, was ich besser machen kann und muss.

Herzlichen Dank dafür, liebe Daggy!

Des Weiteren einem meiner allerbesten Freunde, Tobias Staudenmayer, in der Fim- und Theaterwelt als Requisiteur zu Hause. Unermüdlicher "Wie läuft´s mit deinem Buch-Nachfrager", Korrekturleser, Tippgeber und sonstiger "zur Seite-Steher".

Herzlichen Dank dafür, lieber Tobi!

 Jacek Kleczek, einem weiteren Freund. Er hat sich geduldig von mir nerven lassen, bis er auf seinem Mac ein Cover erstellt hat, welches letztendlich meinen Gefallen gefunden hat.

Herzlichen Dank dafür, lieber Jacek!

Außerdem Herrn Rolf-Jürgen Lang, Inhaber der PRM Mediaberatung, der mir mehrere Testleseexemplare meines Romans in gedruckter Form erstellt hat und Angela Scheibenbogen, die den Kontakt zu ihm hergestellt hat. 

Weiter allen Testlesern:

Andi Thomik, Sonja Babos, Martina Vogl, Moni Stark, Pamela Glätzle, Elke und Markus Münzer, Heike und Martin Heilscher, Carsten Lex, meinem Onkel Gerhard Stieber, Andrea Nkayilu, Susanne Kanyo, Nicole Reichenbach, Joachim Müller-Daubermann und Karin Sindel.

Herzlichen Dank euch allen!

Außerdem allen, die hier nicht namentlich aufgeführt sind, aber immer wieder nachgefragt haben, wie es läuft, mir Mut gemacht haben oder mich sonstwie unterstützt haben.

Rückzug

„Farell!“

„Ja, Kotto.“

„Weißt du, was ich an dir bewundere?“

„Nein“, keuchte Farell.

„Deine unermüdliche Ausdauer, die Dinge zu Ende zu bringen!“

Farell gab keine Antwort, sondern konzentrierte sich darauf, gleichmäßig ein- und auszuatmen, um eine konstante körperliche Kraft aufrechtzuerhalten. Es war nicht einfach, den scheinbar immer schwerer werdenden Kotto auf dem Rücken zu tragen und sich dabei noch möglichst schnell fortzubewegen. Warm und klebrig tropfte Kottos Blut in Farells Nacken. Farell ignorierte einfach alles, was ihn hätte aufhalten können. Er biss die Zähne zusammen und achtete nicht auf das dornige Geäst, das ihm ins Gesicht peitschte. Auch nicht auf die größer werdenden Blasen an seinen Füßen. Sein Verstand wurde nur von einem Gedanken bestimmt:

„Rette Kotto, bevor es zu spät ist!“

Etwa drei Kilometer hatten die beiden noch zu bewältigen, bis sie das Lager erreichen würden. Kotto versuchte sich bei Bewusstsein zu halten, indem er sich vorstellte, Vergiles zarte Hände würden mit sensibler Behutsamkeit seine Wunden behandeln. Langsam verschwamm das wunderschöne Antlitz dieser außergewöhnlichen Frau vor seinem geistigen Auge. Er wurde schwächer und schwächer, bis er schließlich bewusstlos war. Für Farell wurde die Angelegenheit somit anstrengender, denn Kottos schlaffer Körper fühlte sich dadurch noch schwerer an. Dankbarkeit machte sich in Farells Herz breit, als er die markante Baumgruppe, die die auffällige Form eines Karos bildeten, passierten. Jetzt wusste er, dass er höchstens noch zehn Minuten zu laufen hatte, bis er den rettenden Eingang der Höhle erreichen würde. Belebt von der Vorfreude auf das Lager erhöhte er das Tempo. Seine kräftigen Beine flogen regelrecht über den weichen, moosigen Waldboden. Er dachte nur noch daran, anzukommen. Was sollte ihn jetzt noch aufhalten? Er stellte sich den Geruch von gebratenem Fleisch vor und schwelgte darin. Aber er wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen.

Farell schrie zornig und entsetzt auf, als sein Fuß an einer Wurzel hängen blieb und ihn zu Fall brachte. Durch seine körperliche Gewandtheit konnte er zwar verhindern, dass er Kotto verlor. Das führte aber dazu, dass dieser direkt auf ihm lag und ihn mit seinem gesamten Gewicht zu Boden drückte.

Farells Nase funktionierte noch, denn feuchtmoosiger Geruch stieg ihm jetzt in das entsprechende Organ. Aber was mit dem Rest seines Körpers los war, konnte er in diesem Moment nicht sagen. Verschiedenste Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

„Hätte ich langsamer laufen sollen, mit dem Risiko, dass wir es vielleicht nicht schaffen werden? Hätte ich vielleicht sogar in der Stadt um Hilfe bitten und dabei riskieren sollen, dass sie uns eventuell nicht mehr rauslassen? War alles meine Schuld?“

„Hör auf jetzt“, dachte er sich, „du weißt, dass dich das kein Stück weiterbringt, also nimm alle deine Kräfte zusammen! Bündele sie auf den einen hoffnungsvollen Moment des Aufbäumens, leg´ deinen ganzen Willen und die Kraft deines Herzens hinein und wisse schon vorher, dass du es schaffst!“

Kottos schlaffer Körper lag auf Farell wie eine fleischgewordene Depression, die ihn mit aller Macht zu Boden drückte. Außerdem wusste Farell noch nicht, ob er selbst verletzt war. Sein Wille befahl seinen Muskeln, alle potenzielle Kraft, die in ihnen steckte, zu mobilisieren. Er wartete auf diesen Moment des Energieschubs. Als er ihn spürte, bäumte er sich auf wie ein Grizzlybär, der gerade dabei war sein Junges vor Feinden zu verteidigen. Langsam aber sicher gelang es ihm, wieder sicheren Halt unter den Füßen zu gewinnen. Für einen kurzen Moment tanzten Sternchen vor seinen Augen. Er besann sich kurz, mobilisierte seine Kräfte erneut und setzte seinen Marsch fort.

Benommen taumelte Farell in die Höhle, nicht mehr fähig, seine Freunde richtig wahrzunehmen. Er steuerte Richtung Liege und machte eine gekonnte Drehung, wodurch Kotto etwas unsanft aber sicher auf der Pritsche landete. Farell kämpfte jetzt nicht mehr gegen die Erschöpfung an. Mit Erleichterung ließ er seinen Körper auf das am Boden liegende weiche Lammfell fallen. Dann warf er einen letzten Blick auf das wärmende Feuer und versank in einen Tiefschlaf.

Um Kottos Körper hingegen begann jetzt ein äußerst reges Treiben. Er hatte viel Blut verloren und sie mussten ihn dringend behandeln. Bolko kam mit seiner medizinischen Ausrüstung und machte sich sofort daran die zwei Kugeln, die Kotto getroffen hatten, herauszuoperieren. Alle anderen standen jetzt um ihn herum und assistierten ihm. Das Lager glich einem OP-Saal und dementsprechend ging es auch zu. Nur einen schien das ganze Gewusel nicht zu stören, Farell. Er schlief tief und fest und träumte davon, auf dem wunderbar moosig-weichen Waldboden zu liegen, über den er kurz zuvor noch gehastet war und die warmen Sonnenstrahlen zu genießen, die durch die Bäume schimmerten.

Auftrag und Zuflucht

Bruce wälzte sich hin und her, er war schweißgebadet.

„Hey Bruce, was ist los mit dir?“

Er wachte auf, blickte tief in Kims smaragdgrüne Augen und war heilfroh, nicht mehr zu träumen. Daraufhin fing er sich und küsste sie.

„Bruce sagst du mir, was du hast?“

„Es ist nichts, Schatz. Ich hab nur schlecht geträumt.“

„Aha“, erwiderte sie.

„Dann bleib liegen, bis ich das Frühstück gemacht habe.“

Das morgendliche Sonnenlicht fiel gleisend hell durch das Schlafzimmerfenster und traf mit stechender Wärme das Gesicht des stämmigen Mannes, was ihn dazu bewegte, aufzustehen. Er duschte ausgiebig und genoss es, das heiße Wasser über seinen muskulösen Körper laufen zu lassen, während der Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen durch die Ritzen der Badezimmertür kroch. Nachdem er das morgendliche Ritual beendet hatte, zog er sich seine Uniform über und folgte dem Geruch bis an den Frühstückstisch.

„Wie war´s gestern?“, wollte Kim wissen.

„Ach, nichts Besonderes.“

„Du bist spät heimgekommen.“

„Ja, wir hatten noch eine außerplanmäßige Besprechung.“

„Und um was ging es dabei?“

„Du weißt, dass ich über bestimmte Dinge nicht reden darf.“

„Ja, das weiß ich und das ist ein Problem für mich.“

„Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“

Nachdem sie gefrühstückt hatten, schnallte er sich das Halfter um die Hüfte, steckte seine Waffe hinein und gab Kim einen sanften Kuss.

„Ich liebe dich, bis heute Abend.“

Dann verschwand er durch die Haustür, während sie noch darüber nachdachte, wie sein Tagesablauf wohl aussehen würde.

„Hallo Bruce, zum Job?“, tönte es wohltuend dumpf aus einer nicht sichtbaren Tonquelle, als er in sein druckluftmotorbetriebenes Fahrzeug stieg.

„Genau“, antwortete er emotionslos, woraufhin sich das Vehikel von selbst in Bewegung setzte. Er dachte über sein gutes, aber mindestens genauso schwieriges Leben nach, während der Autorobot das Gefährt unspektakulär in das Parkhaus seiner Firma manövrierte. Das Fahrzeug war gerade in eine kleine Parklücke geschlüpft, als ein hochgewachsener Mann auftauchte.

„Guten Morgen Mister Garner, ich bin Christopher Summer vom Dailys. Wie geht es Ihnen heute Morgen? Sehr gerne würde ich ein Exklusiv-Interview mit Ihnen durchführen. Hätten Sie demnächst Zeit für einen Termin?“

Bruce fühlte sich überrumpelt und in die Ecke gedrängt und das ließ er Summer auch spüren.

„Tut mir wirklich sehr leid für Sie, Mister, aber ich habe jetzt zu tun und für so etwas echt keine Zeit.“

Genervt ließ er den aufdringlichen Fremden stehen und verschwand in den Aufzug. Während der Reporter unbeeindruckt in seinen Wagen stieg und davon fuhr, drückte Bruce auf den Knopf mit der 5. Auf dieser Etage durften sich die Safeguardians anhören, was ihre Vorgesetzten zu sagen hatten. Oben angekommen rückte er seine Uniform zurecht und trat durch die silberne Schiebetür, die sich mit einem angenehm leisen Surren öffnete. Vor ihm lag der schlauchartig angelegte Korridor, dessen Fußboden mit blauem Teppich belegt war. Die Strahler, die in regelmäßigen, kurzen Abständen von der Decke hingen, tauchten den Gang in ein sanftes, nicht zu helles Grün. Aus den Lautsprechern, die in den Wänden verborgen waren, ertönte eine beruhigende, sich stetig wiederholende Melodie. Die Decke des Gangs war zu einem Rundbogen geformt und die Wände waren mit einem Putz versehen, der Tausende von kleinen Vertiefungen aufwies. Bruce hatte das Gefühl zu schweben, wenn er diesen Gang entlanglief. Immer wieder aufs Neue genoss der Safeguardian dieses Erlebnis. Nach etwa 25 Metern befand sich die vermeintlich gleiche silberne Tür wie am Aufzug. Als Bruce sich dem Portal näherte, tat sich eine Öffnung in der Wand auf und eine kleine Kamera kam zum Vorschein. Er legte seinen linken Zeigefinger auf den Fingerabdruckscanner, der ebenfalls aus der Wand ragte. Gleichzeitig lugte er in die Linse der Kamera, welche die Iris seines Auges scannte. Nachdem Garner seinen Namen genannt hatte, öffnete sich die Tür und er verschwand dahinter.

Summer fuhr indessen zum Bürogebäude des Dailys. Statt sich vom Autorobot chauffieren zu lassen, zog er es vor, selbst Gas zu geben. Nachdem er das Gefährt in der Tiefgarage abgestellt hatte, brachte ihn der Aufzug in das Erdgeschoss. Gelassen betrat er die große Empfangshalle, wo die warmen Sonnenstrahlen hell durch das Glasdach fielen. Zahlreiche kreuz und quer verlaufende Stahlträger zierten das Foyer. Zügig, aber nicht überhastet ging er in sein Büro, das sich im 9. Stock des Gebäudes befand, wobei er den Saal durchquerte, in dem all die anderen Reporter arbeiteten, die kein eigenes Büro hatten. Der eine oder andere schaute von seinem Schreibtisch auf und wünschte ihm einen guten Morgen. Als er sein großzügig angelegtes Arbeitszimmer betrat, erschien sofort das Konterfei seines Chefs auf der Projektionsfläche mitten im Raum.

„Guten Morgen Mr. Summer“, schallte es durch das Arbeitszimmer des Reporters, „bitte kommen Sie in mein Büro, ich habe einen neuen Auftrag für Sie.“

„Was, aber wieso? Ich bin doch an einer Story dran!“

„Ja, das weiß ich, aber vergessen Sie das erst mal. Wir haben einen großen Auftrag bekommen, und da ich das nicht versauen will, brauche ich den besten Journalisten, den der Dailys zu bieten hat. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Also kommen Sie bitte jetzt gleich rauf in mein Büro, danke.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, beendete Dangler das Gespräch. Die virtuelle Bildfläche zog sich blitzschnell wie ein angeklicktes Icon zusammen und verschwand im Nichts.

„Kaffee, schwarz!“, sagte Summer in den Raum hinein, woraufhin sofort heißes Wasser durch die Maschine rauschte und das gewünschte Getränk produzierte. Summer war sauer, als er die Tasse aus dem Gerät holte, setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte sich zu beruhigen. Gerade jetzt, wo er langsam Spaß daran fand, über die Safeguardians zu recherchieren. Er war sich so sicher, dass er ein Exklusivinterview mit Garner bekommen würde. Aber er wusste, wenn der Chef einen Auftrag für ihn hatte, gab´s daran nichts zu rütteln. Dennoch schmeichelte selbst einem hartgesottenen Reporter wie Summer die Aussage seines Chefs, er sei der Beste. Schmunzelnd trank er die Tasse leer und sein Ärger verflachte. Durch einen leichten Stoß mit dem Fuß gegen die Schreibtischkante versetzte er seinen Bürostuhl in Bewegung, sodass dieser eine halbe Umdrehung verrichtete. Er schaute durch das große Glasfenster direkt auf die Innenstadt von Art-City. Sein Blick schweifte zwischen den riesigen, hochmodernen Bauten umher. Direkt unter seinem Büro befand sich so etwas wie eine Fußgängerzone, die überspannt war von diagonal verlaufenden Aufzügen, genannt Hoverwalks. Diese Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Gebäuden waren komplett aus Glas gebaut. Auch die Beförderungsbänder dieser Transportmittel waren aus einem durchsichtigen Material geschaffen. Aufgrund dieser Bauweise entstand beim Betrachter der Eindruck, dass die Fahrgäste von einem Gebäude zum anderen durch die Luft schweben würden. Art-City hatte noch vieler solcher bizarren Kuriositäten zu bieten. Summer benutzte den Anblick dieses Szenarios als Anregung zur Meditation. Nach wenigen Minuten der Entspannung drückte er auf seiner Multiquantwatch herum. Ein Gerät, welches er am Handgelenk trug und so ziemlich alle rechentechnisch möglichen Vorgänge in einem winzig kleinen Quantencomputer verarbeitete. In diesem Fall benutzte er es als Aufnahmegerät und legte eine neue Datei unter dem Namen „neuer Auftrag“ an. Der kleine Supercomputer war in der Lage, eine virtuelle Projektionsfläche in den Raum zu zaubern, mit der man mittels Gedankenübertragung interagieren konnte. Vorausgesetzt man hatte sich den zugehörigen Chip ins Hirn implantieren lassen. Summer hatte das bisher nicht in Erwägung gezogen und agierte lieber mit althergebrachten Bedienelementen wie der Sprachsteuerung oder den manuellen Bewegungsbefehlen auf der Projektionsfläche, über die man Internet- und GPS-Funktionen empfangen, telefonieren, fotografieren, filmen und noch unzählige andere, rechentechnisch machbare Funktionen ausführen konnte. Dann verließ er sein Büro und machte sich auf den Weg zu Dangler.

Bruce Garner knurrte der Magen. Es war um die Mittagszeit als er seinen Rundgang durch Statton Vacation, dem östlichen Stadtteil von Art-City, beendet hatte. Die Stadt war in vier Suburbs aufgeteilt. Nord-, Süd-, Ost- und Westbereich rund um den Centralcore. Bruce langweilte sich meist, wenn er in Vacation arbeiten musste, denn nachdem dort seine Firma stationiert war, passierte hier kaum etwas. Hier traute sich niemand auch nur ein Papierkügelchen auf den Boden fallen zu lassen, weil die Sicherheitsbestimmungen hart geworden waren in der Modellstadt. Aber dafür konnte man sich in diesem Teil der 4,5-Millionen-Metropole wunderbar erholen, denn hier befand sich der George-Washington-Park, benannt nach dem 1. Präsidenten der USA. Darin waren die verrücktesten und innovativsten Anlagen untergebracht, die ausschließlich dazu dienten, den menschlichen Akku wieder aufzuladen. Garner interessierte das aber nicht. Er war der Meinung, dass er so etwas nicht brauche. Lediglich wenn er für Statton Vacation eingeteilt war, betrat er dieses Gelände. Auch heute hatte er den Kontrollgang durch den Park schon hinter sich gebracht und wunderte sich, wie man an solch vielen albernen Dingen wie zum Beispiel der Moon-Hall Spaß haben konnte. In diesem riesigen Kuppelbau, der kilometerweit zu sehen war, betrug die Erdanziehungskraft nur 1/6 der gewöhnlichen Gravitationsstärke. Genau wie auf dem Mond. Die Besucher hatten einen Riesenspaß daran, wie aufblasbare Riesengummibälle schwebend durch die Gegend zu hüpfen. Garner fand das albern. Sein knurrender Magen zwang ihn stattdessen dazu, sich in Richtung Red Dot zu bewegen, wo es den besten Lunch gab, den er kannte. Jedem, der die Straße entlanglief, stach die große, knallrote Tür ins Auge und die wenigsten kamen daran vorbei. Die kulinarischen Düfte, die sich einen Weg durch die Ritzen der Tür suchten, sogen jeden Passanten auf magische Weise ins Innere des Lokals. Das Red Dot war kein normales Haus, es war eine große Kugel mit verschiedenen Ebenen. Sie waren verbunden durch Mini-Hoverwalks, die kreuz und quer durch das Gebäude verliefen. Bruce schwebte auf seinen Lieblingsplatz, der sich auf der 3. Etage des Restaurants befand. Das Red Dot war für den bulligen Safeguardian ein Ruhepol, an dem er ausspannen konnte, weil er durch die runde Bauweise und der samtig roten Ausstattung das Gefühl von Geborgenheit verspürte. Er bestellte einmal Bruce-Garner-Special, woraufhin ein etwas verbraucht aussehender, aber durchaus attraktiver Mann ihm das Essen brachte.

„Hey Bruce, alter Freund. Wie geht´s dir? Schön, dass du wieder mal vorbei schaust. Du siehst so nachdenklich aus, was ist los mit dir? Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Nein, mir gehts gut. Ich hatte nur wahnsinnig Hunger und dachte mir, das ist die Gelegenheit, dich mal wieder zu besuchen. Dein Laden scheint ja ordentlich zu brummen, alles voll mit den verschiedensten Gestalten. Da drüben zum Beispiel, der etwas Untersetzte mit den aufgestylten schwarzen Haaren und dem Nadelstreifenanzug, das krasse Gegenteil zu dem Gast am Nachbartisch, langhaarig, groß und einen etwas herrischem Blick. Läuft da immer alles ruhig bei so viel Unterschiedlichkeit?“

„Ja, normalerweise schon, und wenn ein Safeguardian von deinem Kaliber anwesend ist, dann sind die Menschen brav wie Lämmer. Aber warum fragst du überhaupt? Du weißt doch am allerbesten darüber Bescheid, was die Ordnung in Art-City betrifft.“

Gedankenversunken und etwas durcheinander stocherte Bruce in seinem Essen herum, er gab keine Antwort.

„Hey komm schon, wenn dich nicht mal mein Spezialteller, den ich extra für dich kreiert habe, aufmuntern kann, dann stimmt was nicht mit dir. Rede mit mir!“

Bruce wusste nicht, was er sagen sollte. Er vertraute niemandem, nicht mal seinem alten Freund Aaron Altinghaus. Aber es verlangte ihn, zu reden.

„Aaron, hast du es jemals bereut nach Art-City gezogen zu sein?“

„Nein, wieso auch. Weißt du nicht mehr als wir uns damals gemeinsam auf den Weg machten? Wir lebten auf der Straße und hatten keine Perspektive. Art-City war doch damals genau das, was wir brauchten. Ich glaube kaum, dass wir es anderswo so weit gebracht hätten. Was ist bloß los mit dir, alter Freund?“

Garner hatte bis dahin die Hälfte seines Gerichts verzehrt, es war eine Mischung aus schönen, großen Gambas, gebratenem Huhn und mediterran zubereitetem Gemüse, angerichtet auf Safranreis. Abgerundet wurde das Mahl mit einer süßsauer und dennoch scharfen, geheimnisvollen Soße. Zu trinken hatte sich Garner Red-Rocket bestellt, das Erfrischungsgetränk des 21. Jahrhunderts. Ein äußerst vitalisierender und schmackhafter Durstlöscher, den Aaron Altinghaus kreiert hatte und den er mittlerweile in die ganze Welt exportierte. Die Zusammensetzung kannte nur der Erfinder selbst und ausschließlich er war es, der die Grundzutaten bei jeder neuen Mischung höchstpersönlich zugab. Das Red Dot war im Grunde nur sein Hobby.

„Ja du hast Recht, Aaron. Deine Mahlzeiten sind wirklich klasse. Na ja, ich dachte nur, vielleicht hätten wir es ja auch an einem anderen Ort zu etwas gebracht.“

„Nein, ganz sicher nicht und ich glaube, dass dir das vollkommen klar ist. Irgendwas stimmt doch nicht mit dir, oder?“

„Nein, mit mir ist alles in Ordnung. Ich wollte mich nur mal wieder mit dir unterhalten. Der Spezialteller war allererste Sahne, was bin ich schuldig?“

„Willst du mich beleidigen, Mann? Für einen alten Freund wie dich natürlich nichts, aber willst du etwa schon gehen? Komm, ich lass dir noch ´nen Espresso bringen.“

„Okay.“

Die beiden Freunde lehnten sich gemütlich zurück, während sie auf ihren Kaffee warteten und amüsiert das multikulturelle Treiben im Lokal beobachteten.

Cybercarpet*

Christopher Summer saß indessen wieder in seinem Büro und starrte nach draußen auf die Hoverwalks. Er war sauer, stocksauer sogar. Den Auftrag, den er erhielt, empfand er als Degradierung. Der Reporter sollte eine Studie über die Zufriedenheit der Bevölkerung von Art-City durchführen und hatte dafür ein halbes Jahr Zeit. Pünktlich vor dem 25-jährigen Bestehen am 1.07.2050 sollte die Arbeit publizierfähig an Danglers Account geschickt worden sein. Der Top-Journalist sah sich schon gelangweilt bei diversen elitären Persönlichkeiten sitzen, die ihm von ihrem süßen Leben in Art-City erzählen würden. Oder jenen eingebildeten Freaks, die es nur durch die Modellstadt zu etwas gebracht hatten. Im Gegensatz zur üblichen Bevölkerung lebte Summer noch nicht lange in Art-City. Vor ungefähr einem Jahr hatte er sich für den Posten beim Dailys beworben und somit gleichzeitig auch um eine Wohnmöglichkeit in der Stadt. Im Gegensatz zur Gründerzeit der Millionen-Metropole wurde nur noch aufgenommen, wer eine ganze Reihe von Auflagen erfüllte. Damals bekam jeder eine Chance, der es nach Art-City schaffte. Die Aufgabe beim Dailys reizte ihn sehr. Am meisten interessiert hatten ihn die Safeguardians. Nachdem man ihm versichert hatte, dass er auch in Eigenregie arbeiten konnte, hatte er sich erst vor kurzer Zeit dazu entschlossen, etwas über diese Elitetruppe zu schreiben. Ein nicht lange währendes Vergnügen. Ausgerechnet jetzt, da er so nah an Garner dran war, bekam er diesen anderen Auftrag. Er beschloss, an diesem Tag nicht mehr zu arbeiten. Immer noch wütend packte er seine Sachen und fuhr nach Hause in sein hypermodernes Penthouse hoch über der Stadt. Arm war in Art-City zwar so gut wie niemand, aber er gehörte - ebenso wie Altinghaus und Garner - mit zu den Topverdienern.

„Beleuchtung, leicht gedämpft“, sagte er, als er seine Wohnung betrat, woraufhin der gesamte Raum von einem angenehmen und ockergelben Licht durchflutet wurde. Der Hunger trieb ihn in die Küche, er wollte sehen, was seine Haushälterin ihm gekocht hatte. Ein wunderschönes rosa Lachsfilet mit Knoblauchsoße auf einem Nest aus Tagliatelle waren auf einem großen weißen Teller angerichtet. Diesen schob Summer in den Multiofen, der das Essen in wenigen Sekunden erhitzte, während ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlief, denn seine Angestellte kochte vorzüglich. Er schenkte sich ein Glas Chardonnay ein, nahm den Teller und verschwand in sein Wohnzimmer. Das Bild eines riesigen, bunten Lichtermeers bot sich durch die großen Fensterscheiben des Penthouses. Drei Fronten des Raums waren aus Glas, in einer Ecke befanden sich eine weiße Ledergarnitur und ein Beistelltisch aus silbergrauem Stahl. Summer setzte sich und verspeiste genüsslich den leckeren Fisch samt Nudeln, während er die Aussicht genoss. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er hatte alles, wovon er je geträumt hatte und trotzdem bekam er dieses seltsame Gefühl nicht los, dass ihm irgendetwas fehlte. Klar, er war bereits 39 und hatte sich immer noch nicht dazu durchringen können, zu heiraten. Gelegenheiten dazu hätte er genügend gehabt. Die Frauen flogen auf ihn, aber er liebte das Leben, das er lebte, zu sehr. Die weiblichen Wesen wollten nicht ständig auf gepackten Koffern sitzen und einmal hier und einmal da leben. Aber er wusste im tiefsten Inneren, dass es noch etwas anderes gab, das ihm fehlte, aber er konnte es nicht definieren, so sehr er es auch versuchte. Nachdem er gegessen und eine Weile sinniert hatte, stand er auf und besuchte sein Holodeck.

„Superinternet Art-City, Vergnügungs- und Freizeitbereich!“, sagte er in den Raum, woraufhin mit sanftem, kaum vernehmbarem Rauschen sein Cybercarpet hochfuhr.

„Willkommen im virtuellen Art-City. Sie haben den Vergnügungs- und Freizeitbereich gewählt. Wünschen Sie eine spezielle Einrichtung oder soll Ihnen Supercyberspace eine Führung geben?“

„Die Moon-Hall bitte“, entgegnete Summer.

In Sekundenschnelle befand er sich im virtuellen 3D-Bereich der Moon-Hall. Er hatte mal etwas davon gehört, war aber noch nie dort gewesen. Der Stand der Technik machte es möglich, sich die Halle in Originalgröße und -dimension anzusehen. Summer stand auf einer Art Laufband, mit jedem Schritt, den er ging, bewegte sich das virtuelle Gebilde um ihn herum in entgegengesetzter Richtung. So konnte man überall hingelangen und sich umsehen. Die Funktion der Moon-Hall, nämlich die Erdanziehungskraft auf ein Sechstel zu reduzieren, konnte über Superinternet allerdings nicht übertragen werden. Welchen Grund auch hätte dann der Besucher noch gehabt, die Einrichtung vor Ort zu besuchen? Mit purer Lust bewegte sich Summer durch den 3D-Speicher des Vergnügungsprojekts. In der Halle war es dunkel, Sterne waren am Himmel zu sehen und der Boden war dem des Erdtrabanten nachgeahmt. Überall standen Mondfahrzeuge herum.

„Information!“, sagte Summer laut.

„Herzlich willkommen in der Moon-Hall“, ertönte eine weiche, angenehme Frauenstimme.

„Unsere Einrichtung ist täglich geöffnet von 6 bis 24 Uhr. Der Eintrittspreis für einen ganzen Tag beträgt 14 Dellron. Kinder bis 14 Jahre bezahlen nur die Hälfte. Eine Stundenkarte kostet 2 Dellron. Sie erreichen uns vom Zentrum aus mit der Ostlinie des City-Traffic-Systems. Steigen Sie aus bei Exit-Number 36. Von dort nehmen Sie den Hoverwalk Moon-Street, der direkt zu uns führt. Wünschen Sie noch mehr Informationen?“

„Nein“, sagte Summer, „Fitnessbereich von Art-City bitte.“

„Vielen Dank für Ihren Besuch, wir würden uns freuen, Sie bald in unserer Erholungseinrichtung begrüßen zu dürfen, wir leiten Sie jetzt weiter zum Fitnessbereich von Art-City. Was speziell wünschen Sie?“

„Größtes Fitnessstudio der Stadt.“

Wiederum in Sekundenschnelle befand sich der Journalist im virtuellen Raum des „Bodycheck“.

„Hi, du suchst den ultimativen Kick für deinen Körper? Den Powertrip schlechthin? Die Wahnsinnssuperkompensation? Dann bist du bei uns genau richtig. Wir sind Fitness pur!“

Die testosterongeladene Männerstimme wurde unterbrochen von einer aufpeitschenden, neuzeitlichen Powermusik.

„Ein bisschen überzogen“, dachte sich Summer, aber immerhin wurde man von dieser Art der Eigenwerbung wach gerüttelt. Das Bodycheck war kein gewöhnliches Fitnessstudio, so wie man es von früher kannte. Summer befand sich gerade im Erdgeschoss, dort war der Hydrobereich untergebracht. Nichts anderes als ein Sportschwimmbecken, auf den ersten Blick zumindest. Es war riesig und verschiedenste Naturszenarien konnten dort nachgeahmt werden. Angefangen von einem ruhigen, spiegelglatten Gebirgssee bis hin zum sturmgepeitschten Meer. Summer ging in den 2. Stock auf die Spielebene. Dort konnte man sich bei sämtlichen Ballsportarten austoben. Im 3. Stock war der Ausdauerbereich untergebracht. Lauf- und Radbahnen verschiedenster Art. Im 4. Stock der Kampfsport. Sämtliche Budosportarten beispielsweise waren dort zu erlernen. Im 5. Stock dann die klassische Fitnessstudioausstattung. Modernste Geräte zum Aufbau von purer Muskelmasse. Im 6. Stock der Wellnessbereich mit riesengroßer Saunalandschaft.

„Information!“, sagte Summer.

„Du möchtest zu uns kommen? Diese Entscheidung wirst du nicht bereuen. Ein Jahresabo von nur 480 Dellron kannst du hier und jetzt sofort buchen. Möchtest du buchen?“

„Nein, aber ich hätte gerne für morgen ein Tagesticket.“

„Okay, das wären 12 Dellron.“

„Okay, ich überweise direkt. Centralbank Art-City, Giro Christopher Summer bitte.“

„Sie wünschen, Mr. Summer?“

„Direktanweisung, 12 Dellron an Bodycheck bitte.“

„Sprachmodulation Christopher Summer positiv, Anweisung soeben erfolgt, vielen Dank für Ihren Auftrag.“

„Auch von uns vielen Dank, Christopher. Wünschst du für morgen einen Health-Leader? Ein spezieller Service für unsere Kunden ohne Extrakosten. Ein Health-Leader ist ein persönlicher Fitnesstrainer, der dich auf deine Gesundheit überprüft und ein Programm nach deinen Bedürfnissen erstellt. Wenn du diesen Service in Anspruch nehmen möchtest, einfach mit Ja antworten.“

„Ja.“

„Gut, benötigst du noch etwas?“

„Nein.“

„Okay, der Bodycheck wünscht eine erholsame Nacht und viel Spaß morgen!“

„Superinternet aus!“, befahl Summer in den Raum hinein, woraufhin das Cybercarpet herunterfuhr und das Holodeck sich abschaltete. Summer war müde und hatte genug für heute. Der große, gut aussehende Hobbysportler freute sich schon auf den folgenden Tag. Wenn es ihm möglich war, verband er seinen Beruf mit persönlichen Interessen oder Dingen, die ihm Spaß machten. Seine bevorstehende Aufgabe war ideal dafür. Er hatte seinen Ärger bereits verarbeitet und war dabei, sich innerlich auf den Auftrag vorzubereiten. Mit seinem geistigen Auge war er immer schon ein paar Schritte weiter als in der Realität. Sein Gefühl sagte ihm, dass der kommende Tag ein wichtiger werden würde. Er betrat das Badezimmer, in dessen Mitte sich eine kreisrunde Wanne mit einem Durchmesser von ungefähr zweieinhalb Metern befand. Man konnte dieses Ding als Badewanne und Whirlpool benutzen, aber auch als Dusche. Die Toilette verbarg sich in einem abgetrennten Bereich hinter einer Extratür. Hinter der Multiwanne war außerdem noch eine kleine Sauna untergebracht. Der ganze Raum war gefliest, Boden, Decke und Wände. In Weiß untermalt von ein paar dezenten blauen Fließen. Beim Anblick seiner feudalen Nasszelle überkam Summer doch noch die Lust, seine Wanne als Whirlpool zu nutzen.

„Weiches Wasser, 39,5 Grad, Whirlpoolfunktion an!“

In Sekundenschnelle füllte sich die Wanne mit angenehm weichem Wasser, welches aus dem Zufluss sprudelte. Er machte es sich in dem Becken, in dem locker 3-4 Personen Platz finden würden, gemütlich und ließ den Tag entspannt ausklingen.

4

Mr. Noname

Der Himmel war sternenklar und die Nacht noch lange nicht vorbei, als Bruce Garner sich unruhig im Bett herumwälzte. Er träumte wieder einmal schlecht. Eine Meereswoge beutelte ihn hin und her. So sehr er sich auch wehrte, er konnte nichts dagegen ausrichten. Er fühlte sich dieser Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Ein Gefühl der vollkommenen Verlorenheit erfasste ihn, so als ob es auf der ganzen Welt nichts gäbe, das ihn hätte retten können. Beklemmende Angst eroberte seinen ganzen Körper. Seine kräftigen Muskeln nutzten ihm nichts, einfach gar nichts. Er kämpfte gegen eine Macht, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Ewige Dunkelheit schien ihn zu verschlingen wie ein grässliches Monster.

„Bruce, wach auf!“ Sanft, ganz sanft liebkoste und küsste Kim ihren Geliebten.

„Schau mir in die Augen, Liebster. Wach auf, ich bin da. Beruhige dich und hab keine Angst!“

Bruce brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass er nur geträumt hatte. Als er Kim ins Gesicht sah und von dem Ausdruck der Liebe, der sich in ihren Augen widerspiegelte, getroffen wurde, schwand die Angst langsam aus seinem Körper.

„Schatz, ich liebe dich. Willst du mir nicht endlich sagen, was dich so quält?“

„Das kann ich nicht, weil ich es selbst nicht weiß“, flunkerte er.

„Oder du traust dich nicht, es mir zu sagen. Bruce, bitte rede mit mir.“

Ihre zarten Hände strichen über seine Brust und ihre Zunge berührte ganz sanft sein Ohr.

„Ja, aber nicht heute Nacht“, sagte er leise und erwiderte ihre Zärtlichkeit, indem er ihr langsam über den ganzen Körper strich, gefühlvoll ihre Brüste berührte und seine Hand in ihren Schritt wandern ließ. Während sie sich liebten, verschwand die Angst komplett aus Bruce´ Körper. Nachdem sie den Akt beendet hatten, schliefen beide mit dem Gefühl von tiefer Geborgenheit noch einmal ein.

Dieser wohlige Zustand währte nicht lange, denn kurz darauf schickte das Surroundsystem wachmachende Klänge durch das Schlafzimmer der beiden. Kim stand als Erste auf und machte das Frühstück, während Bruce sich im Badezimmer für den Tag herrichtete. Nachdem er fertig war, setzte er sich an den Tisch und sagte „News“ in den Raum hinein. Der Dailys machte sich auf der Projektionsfläche mitten in der Küche breit und schickte die neuesten Meldungen durch das Netz. Mit einem Auge schielte er aber rüber zu seiner bezaubernden Gattin.

„Was für eine wunderschöne Frau ich doch habe“, dachte Bruce, „aber sie kann so furchtbar neugierig sein.“

Als ob sie Gedanken lesen könnte, sagte sie:

„Ich bin nicht neugierig, ich mache mir Sorgen um dich. Warum teilst du deinen Kummer nicht mit mir?“

„Das würde ich ja gerne, aber es geht nicht.“

„Du weißt, dass ich dich liebe Bruce. Aber ich weiß nicht, ob ich es mein ganzes Leben lang ertragen kann, nie wirklich zu wissen, was in dir vorgeht! Mach dir Gedanken darüber, wie wir dieses Problem lösen können“, entgegnete sie ihm bestimmend.

Bruce war nicht fähig zu antworten, denn er spürte plötzlich wie die Furcht, die ihn in der Nacht zuvor schon einmal bedrohte, langsam wieder in seine Knochen kroch. War es die Angst, Kim vielleicht verlieren zu können? Er war durcheinander. Als er aufstand, schaute er seiner Frau mit durchdringendem Blick in die Augen.

„Kim, ich liebe dich auch!“, sagte er und ging aus dem Haus.

Zur gleichen Zeit ertönte in Summers Penthouse ein E-Gitarrensoli, dass kontinuierlich lauter und rockiger wurde. Der Journalist brauchte Power zum Aufwachen, um so richtig für den Tag motiviert zu sein. Er sprang aus dem Bett, zog sich an und sagte „Kaffee“ in die Küche hinein. Summer wollte fit sein und so schnippelte er sich etwas Gemüse zusammen und warf das ganze mit ein paar Brocken Schafskäse und frischen Kräutern in eine Schüssel. Mit hochwertigem Olivenöl, Balsamicoessig, Salz und Pfeffer würzte er seinen Snack und ließ nebenbei ein paar Orangen durch den Safter. Mit etwas Fladenbrot genoss er sein Frühstück, während er durch seine riesigen Fensterscheiben die großartige Kulisse von Art-City betrachtete. Summer konnte sich nicht entscheiden, ob es ihm heute gut ging oder nicht, weil ihn dieses seltsame, undefinierbare Gefühl – als ob ihm etwas fehlte - erneut überfiel. Trotzdem freute er sich auf den Tag, der vor ihm lag und bevor er das Haus verließ, speicherte er noch ein paar Gedanken in Bezug auf seinen Auftrag auf seiner Multiquantwatch ab. Er liebte seinen Job, so wie andere ihre Frauen liebten. Die Frauen liebte er natürlich auch, manchmal. Er machte sich auf den Weg Richtung „Bodycheck“ und benutzte dafür das ausgeklügelte City-Traffic-System. Das Schwebebahnennetz von Art-City war vom Design her dem der Hoverwalks angepasst. Die Bahnen rasten mit hoher Geschwindigkeit durch runde Glasröhren, die kreuz und quer durch die ganze Stadt angelegt waren. Schwebebahn war ein etwas verwirrender Ausdruck, denn eigentlich wurden sie durch Druckumwandlung angetrieben. Niemand wusste so ganz genau, wie diese Dinger funktionierten, außer natürlich den Ingenieuren, die sie entworfen hatten. In jeder Bahn war ein Druckluftkompensator eingebaut, der sich den Überdruck der durch die Vorwärtsbewegung der Bahn in der Röhre entstand, sofort wieder zunutze machte, indem er diese Energie in Antriebskraft umwandelte. Der Druckluftkompensator war so konzipiert, dass er diese Kraft auch speichern konnte und so jederzeit ein Anfahren möglich war. Diese Technik arbeitete vollkommen umweltbelastungsfrei. Das Benutzen der Schwebebahnen verlieh dem Fahrgast das Gefühl zu fliegen. Summer genoss es und stieg bei Exit-number 49 aus. Über einen Hoverwalk, der direkt an das System angeschlossen war, gelangte er zum Zielort. Beim Anblick des monumentalen Gebäudes, in dem der „Bodycheck“ untergebracht war, fragte sich der Betrachter zwangsläufig, ob das wirklich noch ein Fitnessstudio sein konnte. Als Summer das Foyer betrat, hatte er das Gefühl, im Empfangsraum eines Nobelhotels zu stehen. Summer ging zur Rezeption, die sich direkt gegenüber des Einganges befand.

„Hi, ich bin Christopher Summer. Ich habe gestern einen Tagesaufenthalt gebucht.“

„Ja, einen Moment bitte. Es kommt gleich jemand.“

Der Empfangsmitarbeiter telefonierte kurz, woraufhin es nicht lange dauerte, bis eine wunderschöne, amazonenhafte, schwarzhaarige Frau im Foyer auftauchte.

„Hi Christopher. Ich bin Helen, dein persönlicher Health-Leader. Bei uns ist es üblich, dass man sich mit Vornamen und du anspricht. Ist das in Ordnung für dich?“

„Na klar“, antwortete Summer etwas verdutzt ob der rassigen Schönheit, die ihm da gegenüberstand. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte natürlich auch nichts dagegen, ganz im Gegenteil.

„Zuerst mache ich eine Führung durch unser Center, bei dem ich dir alles zeige. Wir beginnen hier unten im Erdgeschoss mit dem Nassbereich.

Aber zuerst kannst du in die Kabine dort hinten und dich umziehen, ich warte solange hier.“

Der Journalist setzte den Vorschlag in die Tat um und machte sich bereits Gedanken, wie er am besten sein erstes „Objekt“ befragen konnte. Helen zeigte ihm die verschiedenen Ebenen und erklärte ihm alles. Außerdem führte sie ihn in den Check-Room, wo sie ihn auf Herz und Nieren prüfte. Er war topfit. Auf der vierten Ebene angelangt, fragte sie ihn, ob er an der so genannten „Braveheartprobe“ interessiert sei.

„Was soll denn das sein?“, fragte er sie.

„Hast du schon einmal Kampfsport betrieben?“

„Ja, ein wenig.“

„Gut, dann bist du der richtige Mann für unseren `Mr. Noname´“.

Summer wurde stutzig und hatte plötzlich ein etwas seltsames Gefühl im Magen.

„Mr. Noname ist unser Mann mit der Maske. Für Neueinsteiger, die wir als sehr sportlich einstufen, haben wir ein spezielles Begrüßungsritual kreiert. Sie dürfen gegen `Mr. Noname´ kämpfen, und falls es einer schafft, ihn zu besiegen darf er ihm die Maske abnehmen.“

„Und wie vielen ist das bisher gelungen?“

„Bis jetzt noch niemandem.“

„Aha“, Summer schluckte.

„Na, interessiert?“

Summer überlegte kurz, während er der durchtrainierten Helen in ihre funkelnden, hellblauen Augen schaute. Sie lächelte, wodurch sie noch attraktiver wirkte, als sie es sowieso schon war. Schließlich sagte er ja. Helen erklärte ihm die Regeln und führte ihn dabei in einen etwas abgelegenen Raum, der mit einer ca. 3x3 Meter großen Matte ausgelegt war. Der Raum war hell und freundlich gestaltet. Links und rechts der Matte befanden sich jeweils 3 Stufen, auf denen Zuschauer Platz nehmen konnten.

„Wir sagen den Kampf für elf Uhr an.“

Es war bereits zwanzig vor elf und Summer wurde es leicht mulmig. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Er absolvierte ein kleines Aufwärmtraining, indem er auf der Stelle lief, seine Arme kreisen ließ und seinen Körper ordentlich durchdehnte. Ein paar Zuschauer nahmen währenddessen Platz. Kurz vor elf betrat `Mr. Noname´ den Raum. Alles, was man von ihm sehen konnte, waren seine Augen. Sein Kopf war von einer weißen Maske umhüllt, der Rest seines Körpers mit einem weißen Kampfanzug. Der Journalist wünschte sich auf einmal, dieses seltsame Begrüßungsritual nicht angenommen zu haben und blickte zu Helen hinüber. Diese lächelte freundlich, aber bestimmt. Sie zwinkerte ihm zu, so als ob sie sagen wollte:

„Ich weiß, was du denkst. Aber jetzt ist es zu spät.“

Obwohl Summer einen halben Kopf größer war, als sein Gegenüber spürte er förmlich, dass er keine Chance hatte. Trotzdem mobilisierte er all seine Kräfte und versuchte sie zu bündeln. Der Gong ertönte. Schon nach Sekunden hatte Noname Summer mit einem gekonnten Griff unter Kontrolle. Dieser wehrte sich nach allen Regeln der Kunst und konnte auch kurze Zeit dagegen halten. Für einen Moment lang sah es sogar so aus, als hätte er eine geringe Chance, den Kampf für sich zu entscheiden. Doch just in diesem Moment packten ihn die gestählten Arme seines Gegners und wirbelten seinen Körper in Bruchteilen von Sekunden umher. Im gleichen Moment noch machte Noname eine Vorwärtsbewegung mit dem rechten Fuß, und kurz bevor Summer den Boden wieder berührte, zog Noname den Fuß nach hinten. Summer fiel. Ganz so leicht machte der es seinem Gegner jedoch nicht. Noch im Fall packte Summer ihn am Kragen seines Kampfanzugs und riss ihn mit zu Boden. Während Summer gekonnt auf den Rücken fiel, ließ er seinen Gegner über ihm rotieren. Dieser rollte sich ebenfalls über den Rücken ab und kam wieder zum Stehen. Verwirrende Gedanken schossen Summer durch den Kopf. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass sein Gegner nicht gegen ihn, sondern irgendetwas anderes kämpfte. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, als sie sich erneut gegenüberstanden. Scheinbar waren sie erstaunt, dass der Fight länger als zwei Minuten dauerte. Das war nicht nur irgendein bedeutungsloser Showkampf. Er spürte das, schließlich war er nicht umsonst Top-Journalist. Und so als ob das Schicksal seine Vermutung unterstreichen wollte, fiel Noname jetzt wie ein wild gewordener Stier über ihn her, packte ihn und wirbelte ihn gnadenlos durch die Luft. Summer schaffte es, wie durch ein Wunder, noch einmal zum Stehen zu kommen. Er startete einen weiteren Gegenangriff, scheiterte aber kläglich. Noname warf ihn endgültig zu Boden. Summer lag mit dem Rücken auf der Matte, Nonames Knie drückte mit Macht auf seine Brust. Der Reporter hob die rechte Hand, was bedeutete, dass er aufgab. Der Kampf dauerte ca. 4 Minuten und scheinbar hatte Summer damit einen Rekord gebrochen. Noname verließ fluchtartig den Raum, als er merkte, dass die Leute nicht ihm Beifall klatschten, sondern Summer. Dieser fühlte sich geschmeichelt, obwohl er verloren hatte. Seltsam dachte er und wandte sich wieder Helen zu.

„Na, schöne Frau, wie war ich?“, fragte er sie. Für ihn war es an der Zeit seinen unwiderstehlichen Charme spielen zu lassen, denn schließlich war er ja nicht nur zum Vergnügen hier. Er musste auch noch etwas für seine Studie tun.

„Gut, aber nicht gut genug“, entgegnete sie ihm kühl. Er hatte den Eindruck, dass sie eine plötzliche Sinneswandlung vollzogen hatte, und fragte sich, ob die Sache mit dem Kampf mehr zu bedeuten hatte, als es nach außen hin den Anschein machte.

„Okay Helen, was hast du denn noch so auf Lager?“

„Ich zeige dir jetzt den Rest, und dann kannst du dich alleine vergnügen, wenn du willst.“

„Und wenn ich auf deine nette Gesellschaft nicht verzichten will?“

„Dann kann ich natürlich auch an deiner Seite bleiben“, antwortete ihm Helen, während sie ihren Kopf nach hinten warf und dabei ihre schwarze Haarpracht leicht sein Gesicht berührte. Sie roch unwiderstehlich. Summer glaubte zwar nicht, dass er ihr vertrauen konnte, dennoch fasste er in diesem Moment den Entschluss, näher an sie heranzukommen.

„Das wäre wirklich sehr nett. Sag mal, diesen `Mr. Noname´, kennst du den auch ohne Maske?“

Helen antwortete nicht spontan, sie machte den Eindruck, als müsste sie sich die Antwort erst ausdenken.

„Nein, niemand des Personals kennt ihn ohne Maske, außer unserem Chef natürlich.“

„Und wie heißt euer Chef?“

„Ron Steele, aber der ist so gut wie nie im Haus.“

Sie waren mittlerweile im Kraftraum angekommen. Summer stählte an verschiedenen Geräten seine Muskeln, während Helen sich mit einem anderen Angestellten unterhielt. Der Blick des Journalisten klebte förmlich auf Helen. Sie hatte etwas an sich, das ihn magisch anzog. Nachdem er sein Training absolviert hatte, wandte er sich wieder an sie.

„Na schöne Frau, was schlägst du vor? Was könnten wir jetzt noch tun?“

Helen blickte ihm tief in die Augen, lächelte verschmitzt und sagte:

„Wir könnten noch eine Runde schwimmen gehen und aufpassen, dass wir dabei nicht untergehen.“

„Warum sollten wir denn untergehen?“

Summer lächelte ebenso und ließ dabei seine tiefblauen Augen blitzen.

„Das Wasser in Art-City kann sehr stürmisch sein.“

Er tat so, als machte er sich nichts aus Helens etwas eigenartigen Bemerkungen.

„Okay, dann lass uns sehen, wer stärker ist, der Sturm oder wir.“

Die beiden sprangen in das kühle Nass im Erdgeschoss und schwammen ein paar Runden um die Wette. Summer war zwar bis zum Schluss eine Nasenlänge voraus, aber er musste alles geben. Helen jedoch schien vollkommen unbeeindruckt zu sein von seiner Leistung. Als er sich umsah, bemerkte er auf einmal, dass sie die einzigen Menschen in dem großen Becken waren. In diesem Moment bauten sich meterhohe Wellen auf und ein künstlicher Sturm peitschte durch die Halle. Summer war wahrlich kein Mann von Furcht, aber jetzt packten ihn die Wellen und wirbelten ihn durch die Gegend wie ein Stück Treibholz. Er fragte sich, ob das ein Attentat auf ihn sein sollte. Angst verspürte er nicht, aber ein leicht beklemmendes Gefühl überkam ihn. Doch just in diesem Moment schlängelte sich ein Arm unter seinen und umklammerte seine Brust. Ohne dass er sich richtig bewusst war, was passierte wurde er ans Ufer gezogen. Es war Helen, sie fischte ihn raus und legte ihn auf den Boden. Wenig später legten die Wellen sich wieder. Er war sichtlich durcheinander und wütend.

„Was war das denn? Gehört das auch zu eurem Begrüßungsprogramm?“ Helen lächelte ihn an.

„Nein, das war ein Einfall von mir persönlich, wollte mal sehen, was du so drauf hast.“

„Sehr witzig!“, sagte Summer.

„Das finde ich auch!“, entgegnete sie ihm und konnte sich ein leicht schadenfrohes Lachen nicht verkneifen.

„Ich würde mal sagen, das kostet dich etwas!“, meinte Summer.

„So, was schlägst du denn vor?“, fragte sie.

„Du lädst mich heute Abend zum Essen ein und ich verzeihe dir.“

„Oh, wie großmütig. Okay, ich bin einverstanden. Wo wollen wir uns treffen?“, fragte sie.

„Ich könnte dich zu Hause abholen“, sagte er.

„Mir wäre es lieber, wenn wir uns im Zentrum treffen könnten. Wie wäre es dort um 19 Uhr 30?“

„Ja, geht klar!“

„Also dann, ich freu mich, schöne Frau!“

5

Helens Schicksal

Zuhause angekommen führte Summer noch einige Recherchen über Noname und den Bodycheck durch, aber er fand nicht mehr heraus, als er sowieso schon wusste. Er fühlte sich ziemlich durcheinander, war sich nicht sicher, ob er sich verliebt hatte oder ob Helen einfach nur rein beruflich für ihn wichtig war. Was aber für ihn feststand, war, dass sie eine bemerkenswerte, interessante und gleichzeitig auch ziemlich durchtriebene Frau war. Im Grunde passte es ihm gerade ganz und gar nicht in den Kram, dass er sich mit Gefühlen für das andere Geschlecht auseinandersetzen musste. Das machte ihn auf eine gewisse Art unfrei, andererseits reizte es ihn aber auch. Er nahm sich vor, die Kontrolle über den heutigen Abend nicht wieder aus der Hand zu geben und notierte sich einige Fragen, die er in das Gespräch mit Helen einfließen lassen wollte. Schließlich musste er auch in Bezug auf seinen Job ein paar Schritte vorwärtskommen. Der Journalist machte sich für den Abend zurecht. In seinem nobel ausgestattetem Badezimmer gönnte er sich ein entspannendes Bad. Eine glatte Rasur und ein männlicher Duft sollten Helen ein wenig beeindrucken. Mit Vorfreude auf sie und den Abend sang er gut gelaunt vor sich hin. Seine Kleidung wählte er je nach Stimmungslage, heute hatte er Lust auf rockig. Eine verschlissen aussehende, hellblaue Jeans und ein legeres Hemd. Darüber warf er sich eine lässig geschnittene Lederjacke. Nachdem er sich seine dunkelblonden, halblangen Haare zurechtgemacht hatte, schlüpfte er in braune Lederstiefel und ließ die Jeans darüber fallen. Bevor er seine Wohnung verließ, schaute er sich noch einmal die Kulisse von Art-City durch seine riesigen Fenster an.

Buntes Treiben herrschte im Zentrum der Metropole. Es war ein riesiger Platz, auf dem alles zusammenlief. Trotz klirrender Kälte, es war Winter, waren überall Menschen, die verschiedene Darbietungen zeigten. Summer nutzte die verbleibende Zeit, um sich unter einen Pulk von Zuschauern zu mischen. Eine Akrobatengruppe zeigte ihr Können, sie waren gerade dabei, eine menschliche Pyramide zu bauen. Fünf kräftige Männer stellten sich breitbeinig in einer Linie auf. Es folgten vier weitere, die sich auf den Schultern der Unteren positionierten. Sechs athletische Frauen kletterten jetzt über die unteren zwei Linien hinauf und bildeten noch einmal drei Reihen mit jeweils drei, beziehungsweise zwei und zum Schluss einer Person, die die Spitze des Gebildes darstellte. Als Summer das Szenario beobachtete, begann er zu rechnen. Er malte sich aus, dass jede Person im Durchschnitt etwa fünfundsiebzig Kilo wiegen dürfte. Das wären dann für jeden Mann in der untersten Reihe einhundertfünfzig Kilo. Als er mit seinen Berechnungen fertig war, legte sich ganz zart eine wohlriechende Hand auf seine Augen und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr:

„Je weiter du hinaufkommst, desto akrobatischer musst du sein. Je weiter unten du im Fundament stehst, desto kräftiger. Lass uns essen gehen.“

Er drehte sich um und blickte in Helens verführerische Augen. So faszinierend diese Frau war, sie konnte in gewisser Weise auch leicht verstörend wirken. War diese Bemerkung so etwas wie eine verschlüsselte Botschaft oder war es einfach nur belangloses Gerede? Ihre Kleidung war schlicht und doch sah sie umwerfend aus. Sie hatte eine enge Jeans, schwarze Stiefel und eine legere Jacke an. Ihre schwarze Haarpracht trug sie offen und leicht gewellt. Sie duftete unwiderstehlich, bemerkte Summer, als er ihr näherkam.

„Kennst du das `Red Dot´?“, fragte sie.

„Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich zeigen.“

„Okay, du Riese. Mir nach.“

Helen war zwar mit ihren 1,75m auch nicht gerade klein, aber Summer überragte sie doch noch um einiges. Sie nahmen die Vacationline und stiegen bei Exit-number 17 aus.

„Wie lange lebst du eigentlich schon hier?“

Helen beobachtete ihn unentwegt, während er die Speisekarte studierte.

„Seit etwa einem Jahr, und du?“

„Oh, ich bin schon seit ungefähr zwanzig Jahren hier.“

„Das heißt, du bist gemeinsam mit dieser Stadt groß geworden?“

Helen und Summer hatten sich auf der 3. Ebene niedergelassen, von wo aus die beiden einen einwandfreien Blick auf die Bühne hatten. Im Red Dot konnte man fast jeden Abend eine Live-Band sehen. An diesem Tag spielten die „Intermediate Heroes“. Ihre Musik war gleichermaßen faszinierend wie gewöhnungsbedürftig. Ein groovender Mix aus digitalem Computersound, klassischen Einflüssen und rockigen Elementen. Bei längerem Hinhören geriet man regelrecht in einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen konnte.

„Kannst du mir etwas empfehlen?“

„Kommt drauf an, auf was du stehst. Magst du´s lieber gewöhnlich oder eher exotisch?“

Helen legte dabei ihren Kopf leicht schräg, blickte ihm direkt in die Augen und lächelte verwegen. Summer erwiderte ihren Blick und sagte:

„Ich liebe es, das Unbekannte zu erforschen, deswegen wähle ich exotisch!“

„Gut, dann empfehle ich dir Red Surprise.“

„Hört sich vielversprechend an, und was nimmst du?“

„Ich nehme Seafruits.“

„Oh, eine Meeresfruchtliebhaberin.“

Eine attraktive blonde Frau mittleren Alters näherte sich ihrem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.

„Guten Abend haben Sie schon ausgesucht?“

„Ja, die Dame bekommt einmal Seafruits, ich nehme Red Surprise, dazu eine Flasche trockenen Roten und einen Krug mit Wasser bitte.“

„Sind Sie sicher, dass Sie Red Surprise nehmen?“

Summer legte seinen Kopf zur Seite und schaute die Frau einen kurzen Moment fragend an, sagte dann aber mit Bestimmtheit einfach ja. Die Bedienung nickte und lächelte freundlich. Summer wandte sich wieder Helen zu.

„Erzähl mal, wie kamst du nach Art-City?“

Helens Miene verdunkelte sich etwas und sie zögerte.

„Es geschah im Jahr 2030. Ich war damals 16 Jahre alt, meine Eltern sind in den Urlaub geflogen und ich blieb zum ersten Mal zu Hause. Zwei Wochen wollten sie wegbleiben, doch sie kamen nie wieder.“

Helen stockte und senkte leicht ihren Kopf, sie schaute ihrem Gegenüber jetzt nicht mehr in die Augen. Summer berührte sie mit dem Zeigefinger an ihrem Kinn und hob ihren Kopf behutsam an, bis sich ihre Blicke wieder trafen.

„Du kannst mir vertrauen. Was ist passiert?“, sagte er ruhig, aber bestimmt.

„Sie flogen an einem Samstag. Das Ziel war Hawaii, dort wollten sie schon immer mal hin. Sie freuten sich wie kleine Kinder auf diese Reise. Ich verstand mich sehr gut mit meinen Eltern, an ihrem Abreisetag hatte ich Geburtstag und wollte eine große Party feiern, und das tat ich dann auch. Ich wünschte mir eine Feier ohne Eltern, nur mit meinen Freunden. So als eine Art Abnabelung, verstehst du? Kaum waren sie aus dem Haus, kamen auch schon die ersten Gäste. Die Party sollte ein richtiger Kracher werden, meine Eltern drückten mir einen Batzen Geld in die Hand und sagten: „Gestalte deine Party so, wie es dir gefällt.“

Das Geld, das sie mir gaben, reichte sogar für eine Band. Sie spielte draußen im Garten. Ich hatte für alles gesorgt, was man für eine tolle Party brauchte. Es lief alles nach Plan, so wie ich es mir gewünscht hatte, bis auf einmal so gegen elf Uhr abends ein paar Idioten auftauchten und meinten, die Party stören zu müssen. Ich hatte sie nicht eingeladen, aber wir waren alle schon recht angeheitert und amüsierten uns gut. Keiner von uns hatte Bock auf Stress, also ließen wir sie machen. Sie nahmen sich alkoholische Getränke, soviel sie tragen konnten, belagerten das Wohnzimmer und warfen die Glotze an. Sie zappten die ganze Zeit hin und her und machten sich über alles lustig.“

Mit einem lockeren Hüftschwung und einem Tablett in den Händen näherte sich die Bedienung ihrem Tisch. Zuerst servierte sie Helens Gericht mit den Meeresfrüchten. Dann bediente sie Summer und zog ein Streichholz hervor. Helen und die Bedienung hatten ein listiges Grinsen auf den Lippen.

„Überraschung“, sagte die hübsche Blonde mit einem schwingenden Unterton. Als sie ein Streichholz anzündete und an Summers Teller hielt, zischte es kurz. Eine heftige Stichflamme loderte hoch und orangerot auf, woraufhin der Journalist etwas blass um die Nase wurde. Die Bedienung wünschte einen guten Appetit und entfernte sich. Der Name des Gerichts hatte gehalten, was er versprochen hatte, Summer war überrascht und schaute Helen in die Augen. Sie konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

„Freut mich für dich, dass du deinen Spaß hast“, sagte er und meinte es ernst.

Ihr Blick wurde aber kurz darauf wieder traurig und nachdenklich.

Summer bemerkte es und fragte: „Okay, und was geschah dann?“

„Als ich das Wohnzimmer betrat, lief gerade ein Nachrichtensender. Dort berichteten sie von einem Flugzeugabsturz nahe Hawaii, eine Maschine war in einen Sturm geraten und ins Meer gestürzt. Niemand der Insassen hatte das Unglück überlebt. Panische Angst überkam mich, ich befürchtete sofort, dass es das Flugzeug war, mit dem meine Eltern unterwegs waren. Aber ich hämmerte mir wie eine Irre ein, dass so viele Maschinen durch die Gegend flogen und es sei bestimmt eine andere gewesen. Ich begann mit mir selbst zu diskutieren, versuchte mich selbst zu beruhigen. Ich beschwichtigte meine Vermutung immer wieder mit dem Argument, dass doch Hunderte von Flugzeugen unterwegs waren und sicher auch in der Nähe von Hawaii umher flogen. Die Gedanken machten mit mir plötzlich, was sie wollten, wie in einer Achterbahn schleuderten sie meinen Verstand hin und her, rauf und runter.“

Summer blickte Helen in die Augen, fühlte mit ihr mit und bewegte sich nicht. Vor ihm stand der Teller, dessen Inhalt geformt war wie ein Drache, der Feuer spuckt. Der Leib bestand aus einem Steak, der Hals aus Garnelen, der Kopf und der Schwanz aus verschiedenen Früchten, die Beine aus Gemüse und rundherum war die Speise mit Reis verziert. Durchsetzt war das Ganze mit einer orange bis feurig roten Soße. Die Band spielte immer noch im Hintergrund. Summer fühlte sich, als ob er durch ein imaginäres Loch in eine surreale Welt gesogen worden wäre. Ihm war natürlich klar, wie die Geschichte weitergehen würde, er sah sein Essen vor sich und traute sich in Anbetracht Helens Erzählung nicht, es anzurühren.

„Später bestätigte sich meine Befürchtung, es war tatsächlich die Maschine, in der meine Eltern saßen.“

Chris schaute sie an und sagte:

„Das tut mir wirklich sehr leid für dich!“

Sie erwiderte nichts, doch sie konnte fühlen, dass er es ernst meinte. Sie fühlte sich geborgen. Nach einer kurzen Pause sagte sie:

„Essen wir, bevor es kalt wird.“

Der Journalist erlegte seinen Drachen, indem er ihm Messer und Gabel in den Leib rammte. Gespannt führte er ein Stück zum Mund und begann zu kauen. Der Geschmack war unbeschreiblich gut. Er zerlegte das Tier in alle Einzelteile und wunderte sich etwas über die vielen Früchte, die dabei waren. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Helen grinste. Noch während er sich fragte, was das nun wieder zu bedeuten hatte, wurde ihm heiß und das Wasser drückte sich durch alle seine Poren. Seine Augen tränten und seine Nase lief. Er öffnete den Mund so weit er konnte und rang nach Luft. Hastig ergriff er den Krug mit purem Wasser, der vor ihm stand, schenkte sich ein Glas nach dem anderen ein und leerte es jeweils in einem Zug. Dann wedelte er mit der Hand herum, so als ob er das Feuer löschen wollte, das sich in seinem Mund entfacht hatte. Helen konnte es sich nicht verkneifen, sie prustete vor Lachen. Als sich beide wieder gefangen hatten, schaute Helen ihn an und sagte:

„Die Zunge, die aus Leidenschaft brennt, um Funken der Wahrheit zu versprühen sucht der Törichte zu löschen, weil er es nicht ertragen kann, der Weise jedoch wird sich daran laben, wie der Singvogel an der Morgenstunde, die ihn zum Leben erweckt. Zitat Gerome T. Christian. Du musst die Früchte und das andere abwechselnd essen, dann ist es nicht so scharf.“

„Das hättest du mir auch früher sagen können.“

„Stimmt, aber dann hätte ich nichts zu lachen gehabt.“

„Wirklich sehr witzig, ha ha.“

Summer bemerkte, dass er Gefühle für sie hatte. Er mochte ihren Esprit versprühenden Charme. Gedanken machte er sich allerdings schon. Was war das für eine Frau und welche Geheimnisse barg sie in sich? Er kannte sie erst seit einem halben Tag und doch schien sie sein Leben bereits ziemlich intensiv zu beeinflussen. Warum redete sie so seltsames Zeug? Zuerst heute Morgen dieser Kampf mit Noname, dann der simulierte Sturm im Bad und jetzt dieses Zitat. Hatte das etwas zu bedeuten?

„Schmeckt es dir wenigstens?“

„Ja, das schmeckt unglaublich gut, aber es ist brutal scharf.“

„Weiß ich.“

„Willst du deine Geschichte weitererzählen? Es würde mich sehr interessieren.“

„Ja, klar.“

Helens Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. Sie kaute an einigen Happen, die sie in den Mund geführt hatte, überdurchschnittlich lange, als ob sie versuchte, Zeit zu gewinnen.

„Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen und nichts gehört. Ich trank reichlich Alkoholisches, was aber den Gedankencocktail noch mehr zum Kochen brachte und letztendlich verlor ich die Kontrolle über mich. Ich soff, meine Freunde mit mir mit und die Party eskalierte. Ich schaute wieder ins Wohnzimmer, in dem man die Luft hätte schneiden können. Von den ungeladenen Gästen hatte jeder eine Tüte in der Hand und qualmte die Bude voll. Ich setzte mich zu ihnen und machte kräftig mit. Das ganze Haus begann, sich um mich zu drehen, immer schneller und schneller. Wie von einem wilden Tier gebissen sprang ich wieder auf und versuchte das Haus anzuhalten, aber es drehte sich weiter und weiter. Ich ergriff die Flucht Richtung Garten. Zum Glück waren noch ein paar gute Freunde da, die mich beruhigten. Ihnen war plötzlich klar, dass irgendetwas nicht stimmte, denn dass ich so außer Kontrolle geriet, hatten sie bei mir noch nie erlebt. Sie steckten mich in einen Schlafsack und blieben die ganze Nacht an meiner Seite, bis ich am nächsten Tag irgendwann aufwachte. In Haus und Garten sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall lagen Leute herum und schliefen, der Rasen im Garten war gesäumt von leeren Flaschen. Irgendjemand musste mitten in das Equipment der Band gestürzt sein, Schlagzeug und Mikrofone lagen am Boden herum. Als ich einigermaßen bei mir war, fiel mir die Nachrichtensendung wieder ein. Der Gedanke, dass meine Eltern tot waren, traf mich mit der Wucht einer Bombe. Alle meine Hirngespinste in Bezug auf eine Überlebenstheorie verflüchtigten sich auf einen Schlag. Die pure, nackte Angst packte mich. Wie ein aufgescheuchtes Huhn sprang ich durch die Gegend und schluchzte, denn jetzt wusste ich, dass sie tot waren. Was sollte jetzt nur aus mir werden?

Freunde, die noch da waren, nahmen mich in den Arm, streichelten mich und fragten, was los sei. Ich erzählte es ihnen. Sie versuchten nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen, denn auch sie spürten, dass es die Wahrheit war.“

Helen machte eine Pause, sie war bedrückt.

„Na ja, die Geschichte nahm ihren Lauf. Es war tatsächlich die Maschine meiner Eltern. Sie waren tot. Das war der erste Schicksalsschlag. Der zweite war, dass ich dann innerhalb kürzester Zeit mit rein gar nichts mehr da stand. Das Haus gehörte der Bank. Sie waren knallhart. Nachdem ich ja noch nichts verdiente, konnte ich auch keine Raten zahlen. Sie forderten das Haus zurück und schmissen mich raus. Meine Eltern hatten es versäumt, Vorsorge zu betreiben. Mein Vater verdiente ganz gut und wahrscheinlich haben sie geglaubt, dass es einfach immer so weiter geht. Ich meine, kannst du dir vorstellen, wie das ist? Auf einen Schlag verlierst du deine Eltern und dann dein Zuhause. Es war schrecklich, ich wollte nicht mehr leben. Ich wohnte dann mal hier und mal dort und schlug mich irgendwie durch.“

Summer fühlte mit ihr mit und war sichtlich berührt. Er schaute ihr tief in die Augen, alles um sie herum verlor plötzlich an Bedeutung. Als ob sie in einer Höhle säßen, so kam es ihm vor. Die Musik und das bunte Treiben im Lokal drangen nur noch gedämpft zu ihnen durch.

„Auf einmal hörte ich dann von Art-City. Von Beginn an war ich fasziniert, das ganze System schien mir nahezu perfekt zu sein. Als mir klar wurde, dass es wieder eine Chance für mich gab, entwickelte ich auch wieder Lebenswillen. Mein Wunsch war, kreativ tätig zu sein und so machte ich mich auf den Weg in die Stadt. Damals war es noch einfacher in Art-City unterzukommen als heute. Wer es bis hinter die Pforten der aufstrebenden Siedlung schaffte, war so gut wie dabei. Ich präsentierte meine Vorstellung dessen, was ich tun wollte. Dafür brauchte ich nur ein Atelier, die nötigen finanziellen Mittel dazu und eine Wohnung. Die Sache mit dem Health-Leader kam übrigens erst sehr viel später. Da ich alle Voraussetzungen erfüllte, wurde ich aufgenommen in der großen Gemeinde Art-Citys. Für mich war das damals die Rettung meines Lebens. Die ganzen Formalitäten gingen ziemlich schnell über die Bühne und innerhalb kürzester Zeit hatte ich alles, was ich brauchte. Jeder, der hier lebt, hat die unglaubliche Chance, aus allem, was einem durch den Kopf geht, etwas zu machen. Der Schlüssel zur Stadt ist die feste Entschlossenheit und der Wille etwas zu tun. Von daher ist ein Florieren der Stadt vorprogrammiert.“ In etwa wusste Summer, wie die Stadt funktionierte, jedoch nicht im Detail. Bei ihm genügte die Stelle beim Dailys, um aufgenommen zu werden. Die Atmosphäre an ihrem Tisch war jetzt wieder etwas gelöster.

„Kannst du mir das etwas näher erklären?“, fragte Summer.

„Was soll ich dir näher erklären?“

„Na ja, das System dieser Stadt“, sagte er.