Artemis Fowl - Die verlorene Kolonie - Eoin Colfer - E-Book

Artemis Fowl - Die verlorene Kolonie E-Book

Eoin Colfer

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Beschreibung

Kehren die Dämonen auf die Erde zurück? Jahrtausendelang lebten sie auf der Insel Hybras in einer Zwischenwelt, doch nun werden mehr und mehr dieser mondsüchtigen Wesen auf der Erde gesichtet. Eine Bedrohung für die Menschen und für die unterirdischen Feen und Trolle? Artemis Fowl ist zutiefst beunruhigt, da kommt ihm auch noch ein zwölfjähriges Mädchen in die Quere. Und dann wird es richtig brenzlig. Entdecken Sie auch das Hörbuch zu diesem Titel!

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Das Buch

Kehren die Dämonen auf die Erde zurück? Jahrtausendelang lebten sie auf der Insel Hybras in einer Zwischenwelt, doch nun werden mehr und mehr dieser mondsüchtigen Wesen auf der Erde gesichtet. Eine Bedrohung für die Menschen und für die unterirdischen Feen und Trolle? Artemis Fowl ist zutiefst beunruhigt. Nur wenn es ihm gelingt, einen der Dämonen zu fangen, wird er Gewissheit über ihre Pläne bekommen. Doch gerade als er auf Sizilien zuschnappen will, kommt ihm Minerva Paradizo zuvor, ein zwölfjähriges, ungewöhnlich kluges Mädchen. Wie konnte das Meisterverbrecher Artemis Fowl passieren? Eine rasante Verfolgungsjagd beginnt, bei der Minerva und er schon bald auf derselben Seite kämpfen. Gemeinsam gelingt es ihnen, die zornigen Wesen zu bannen. Doch Artemis gerät dabei selbst in die Zwischenwelt. Wird er bald auf die Erde zurückkehren? Sein Leibwächter Butler ist fest davon überzeugt, und auch Minerva wartet auf ihn …

 

Der Autor

Eoin Colfer war Lehrer und hat mehrere Jahre u.a. in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet, ehe er als Schriftsteller für junge Leser erfolgreich wurde. Seine Artemis-Fowl-Serie erschien in 43 Ländern, weltweit wurden 12 Millionen Bücher verkauft. Eoin Colfer wurde für sein Werk mit dem Children’s Book Award, dem wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Englands, und 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Frankreich und Irland.

Von Eoin Colfer sind in unserem Hause bereits erschienen:

Artemis FowlArtemis Fowl – Die VerschwörungArtemis Fowl – Der GeheimcodeArtemis Fowl – Die RacheArtemis Fowl – Die verlorene KolonieArtemis Fowl – Das ZeitparadoxArtemis Fowl – Die AkteMeg Finn und die Liste der vier WünscheFletcher Moon – Privatdetektiv

Eoin Colfer

Artemis Fowl

Die verlorene Kolonie

Roman

Aus dem Englischenvon Claudia Feldmann

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,

wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung,

Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Ungekürzte Ausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage April 2008

2. Auflage 2010

© für die deutsche Ausgabe

Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2007/List Verlag

© 2006 by Eoin Colfer

Titel der englischen Originalausgabe: Artemis Fowl – the Lost Colony

(Verlag Viking, Penguin Group, England 2006)

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München (unter Verwendung einer Vorlage

von Hauptmann und Kompanie, Werbeagentur, München – Zürich)

Bildmotiv: © Nikolaus Heidelbach, Köln

Satz: Leingärtner, Nabburg

eBook-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

eBook ISBN 978-3-8437-0155-6

Für Badger. Den Mann. Die Legende.

Kapitel 1

Zeitensprung

Barcelona, Spanien

Fröhlich gehörte nicht zu den Begriffen, mit denen Artemis Fowls Leibwächter für gewöhnlich bezeichnet wurde. Heiter und gelassen ebenso wenig. Schließlich war Butler nicht zu einem der gefährlichsten Männer der Welt geworden, weil er mit jedem, der ihm zufällig über den Weg lief, einen netten Plausch anfing, es sei denn, er wollte etwas über Fluchtwege und verborgene Waffen in Erfahrung bringen.

An diesem Nachmittag befanden sich Butler und Artemis in Spanien, und die Miene des mächtigen Eurasiers war noch verschlossener als sonst. Artemis machte es Butler mal wieder unnötig schwer, seinen Job zu tun. Über eine Stunde beharrte Butlers junger Schützling nun schon darauf, auf dem Gehweg von Barcelonas Passeig de Gràcia herumzustehen, dessen magere Bäume kaum Schutz vor der prallen Nachmittagssonne oder möglichen Feinden boten.

Dies war die vierte Reise, die sie innerhalb von ebenso vielen Monaten ohne jede Erklärung unternahmen. Erst Edinburgh, dann Death Valley im amerikanischen Westen, gefolgt von einer außerordentlich beschwerlichen Tour durch das in mehr als einer Hinsicht unzugängliche Usbekistan. Und jetzt Barcelona. Und das alles nur, um auf einen mysteriösen Besucher zu warten, der sich bisher nicht hatte blicken lassen.

Die beiden gaben auf dem belebten Gehweg ein seltsames Paar ab: ein riesiger, muskelbepackter Mann um die vierzig im Boss-Anzug und mit kahl rasiertem Schädel, daneben ein schmaler, blasser Teenager mit rabenschwarzem Haar und durchdringenden, blauschwarzen Augen.

»Warum müssen Sie ständig um mich herumlaufen?«, fragte Artemis gereizt. Eigentlich kannte er die Antwort, aber der Besucher, auf den er in Barcelona wartete, hatte sich nach seinen Berechnungen bereits um eine Minute verspätet, und so ließ er seinen Ärger an dem Leibwächter aus.

»Das wissen Sie doch ganz genau, Artemis«, erwiderte Butler. »Für den Fall, dass auf einem der Dächer ein Scharfschütze oder jemand mit einem Richtmikrofon hockt. Ich umkreise Sie, um Ihnen größtmögliche Deckung zu bieten.« Artemis verspürte wieder einmal den Drang, seine genialen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Und so befriedigend solche Demonstrationen auch für den vierzehnjährigen irischen Jungen sein mochten, wer immer sie über sich ergehen lassen musste, war weniger begeistert.

»Erstens ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand einen Scharfschützen auf mich angesetzt hat«, dozierte er. »Ich habe mich aus achtzig Prozent meiner illegalen Unternehmungen herausgezogen und das Kapital auf ein überaus lukratives Portfolio verteilt. Zweitens kann jeder Lauscher gleich wieder einpacken und nach Hause fahren, da der dritte Knopf Ihres Jacketts Soliniumwellen aussendet, die jede Art von Aufzeichnung verhindern, ob oberirdischer oder unterirdischer Herkunft.«

Unwillkürlich wanderte Butlers Blick zu einem vorüberschlendernden Paar, das vor Verliebtheit und Begeisterung über die Schönheiten Spaniens förmlich strahlte. Um den Hals des Mannes hing eine Videokamera. Schuldbewusst tastete Butler nach dem Spezialknopf. »Wahrscheinlich haben wir ein paar Flitterwochenvideos ruiniert.«

Artemis zuckte die Achseln. »Ein geringer Preis für den Schutz meiner Privatsphäre.«

»Gibt es noch ein Drittens?«, fragte Butler mit Unschuldsmiene.

»Allerdings«, erwiderte Artemis leicht gereizt. Immer noch zeigte sich keine Spur von dem erwarteten Besucher. »Was ich gerade sagen wollte, ist: Falls sich tatsächlich ein Scharfschütze auf einem der umliegenden Gebäude versteckt haben sollte, dann auf dem hinter uns. Sie sollten also meinen Rücken decken.«

Butler war der Beste in seiner Branche, und selbst er konnte nicht mit absoluter Sicherheit sagen, auf welchem der Dächer ein möglicher Scharfschütze Stellung beziehen würde. »Nur zu, erklären Sie mir bitte, wie Sie darauf kommen. Ich weiß doch, dass Sie es kaum erwarten können.«

»Nun, da Sie schon danach fragen: Kein Scharfschütze würde direkt hier gegenüber auf dem Dach der Casa Milá Position beziehen, weil das Gebäude für den Publikumsverkehr geöffnet ist und er beim Betreten oder Verlassen vermutlich gefilmt würde.«

»Er oder sie«, korrigierte Butler. »Die meisten Killer sind heutzutage Frauen.«

»Meinetwegen«, sagte Artemis. »Die beiden Gebäude zur Rechten sind zum Teil vom Laub der Bäume verdeckt, warum also unnötige Komplikationen in Kauf nehmen?«

»Sehr gut. Und weiter?«

»Die Reihe zu unserer Linken beherbergt Finanzunternehmen. Dort sind Aufkleber von privaten Sicherheitsdiensten an den Fenstern, und ein Profi wird jede Konfrontation vermeiden, für die er nicht bezahlt wird.«

Butler nickte. Das stimmte.

»Und so komme ich zu dem logischen Schluss, dass Ihr Scharfschütze sich für das vierstöckige Gebäude hinter uns entscheiden würde. Es ist ein Wohnhaus, also leicht zu betreten, vom Dach aus hat er – oder sie – eine direkte Schusslinie, und die Sicherheitsvorkehrungen dürften minimal beziehungsweise nicht vorhanden sein.«

Butler schnaubte. Wahrscheinlich lag Artemis mit seinen Überlegungen richtig. Aber beim Personenschutz war wahrscheinlich nicht annähernd so effektiv wie eine kugelsichere Weste. »Da haben Sie vermutlich recht«, gab Butler zu. »Aber nur, wenn der Scharfschütze genauso clever ist wie Sie.«

»Der Punkt geht an Sie«, räumte Artemis ein.

»Außerdem könnten Sie mir garantiert für jedes Gebäude ein überzeugendes Argument liefern. Sie haben dieses nur ausgewählt, damit ich Ihnen nicht vor der Nase stehe, was mich zu der Annahme führt, dass der geheimnisvolle Besucher vor der Casa Milá erscheinen wird.«

Artemis lächelte. »Gut kombiniert, alter Freund.«

Die Casa Milá war ein Wohnhaus vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, entworfen von dem spanischen Jugendstil-Architekten Antonio Gaudí. Die Fassade bestand aus gewölbten Wänden und Balkonen mit verschlungenen schmiedeeisernen Verzierungen. Auf dem Gehweg vor dem Haus drängte sich eine Schar von Touristen, die für die nachmittägliche Besichtigung des spektakulären Hauses anstanden.

»Werden wir unseren Besucher unter all diesen Leuten überhaupt erkennen? Sind Sie sicher, dass er nicht schon hier ist? Und uns beobachtet?«

Artemis lächelte, und seine Augen funkelten. »Glauben Sie mir, er ist nicht hier. Wenn er es wäre, gäbe es ein ziemliches Geschrei.«

Butlers Miene verdüsterte sich. Wenn er doch nur ein einziges Mal sämtliche Fakten erfahren würde, bevor sie ins Flugzeug stiegen. Aber das würde er bei Artemis wohl nicht mehr erleben. Für den genialen jungen Iren war die kunstvolle Präsentation der Lösung des Rätsels stets der wichtigste Teil seiner ausgefuchsten Pläne. »Verraten Sie mir doch wenigstens, ob unser Kontaktmann bewaffnet ist.«

»Das bezweifle ich«, sagte Artemis. »Und selbst wenn, er wird kaum eine Sekunde bei uns sein.«

»Eine Sekunde? Beamt er sich mal eben aus dem All herunter, oder was?«

»Nicht aus dem All, Butler«, sagte Artemis mit Blick auf seine Uhr. »Aus der Zeit.« Der Junge seufzte. »Aber der richtige Moment ist bereits vorbei. Es sieht so aus, als hätte ich uns vergebens hierhergeführt. Unser Besucher ist nicht erschienen. Nun, es bestand ohnehin nur eine geringe Chance. Offenbar war niemand am anderen Ende des Tunnels.«

Butler hatte keine Ahnung, von welchem Tunnel Artemis sprach, er war nur erleichtert, dass sie endlich diesen ungesicherten Ort verlassen konnten. Je eher sie zum Flughafen von Barcelona kamen, desto besser.

Der Leibwächter zog ein Handy aus seiner Tasche und drückte auf eine Kurzwahltaste. Die Person am anderen Ende nahm beim ersten Klingeln ab.

»Maria«, sagte Butler. »Abfahrt, pronto.«

»Sí«, kam die knappe Antwort. Maria arbeitete für einen exklusiven spanischen Chauffeurdienst. Sie war unglaublich hübsch und konnte mit ihrer Stirn einen Ytong-Stein zerschlagen.

»War das Maria?«, fragte Artemis betont beiläufig.

Doch Butler ließ sich nicht täuschen. Artemis Fowl stellte selten beiläufige Fragen. »Ja, das war Maria. Was auf der Hand liegt, da ich sie mit ihrem Namen angesprochen habe. Normalerweise fragen Sie so gut wie nie nach dem Fahrer, und jetzt gleich viermal innerhalb der letzten Viertelstunde. Wird Maria uns abholen? Wo Maria wohl gerade steckt? Was meinen Sie, wie alt Maria ist?«

Artemis massierte sich die Schläfen. »Das liegt an dieser verdammten Pubertät, Butler. Jedes Mal, wenn ich ein hübsches Mädchen sehe, verschwende ich kostbare Gedanken an sie. Zum Beispiel das Mädchen da drüben in dem Restaurant. Während der letzten paar Minuten habe ich bestimmt ein Dutzend Mal zu ihr hinübergesehen.«

Automatisch unterzog Butler das besagte Mädchen seinem Leibwächter-Check.

Die Kleine war zwölf oder dreizehn, trug allem Anschein nach keine Waffe und hatte einen Wust blonder Ringellocken auf dem Kopf. Sie futterte sich hingebungsvoll durch eine Auswahl von tapas, während ihr männlicher Aufpasser, möglicherweise ihr Vater, Zeitung las. Ein weiterer Mann an ihrem Tisch mühte sich gerade damit ab, ein Paar Krücken unter seinem Stuhl zu verstauen. Butler kam zu dem Schluss, dass das Mädchen keine direkte Bedrohung für sie darstellte, wohl aber indirekt für Schwierigkeiten sorgen konnte, falls Artemis’ Konzentration durch sie beeinträchtigt wurde.

Butler klopfte seinem jungen Schützling auf die Schulter. »Es ist ganz normal, dass Mädchen einen ablenken. Wenn Sie in den letzten Jahren nicht damit beschäftigt gewesen wären, die Welt zu retten, wäre das schon eher passiert.«

»Ich muss das trotzdem in den Griff kriegen. Ich habe schließlich Wichtigeres zu tun.«

»Die Pubertät in den Griff kriegen?«, schnaubte der Leibwächter. »Da wären Sie der Erste.«

»Das bin ich meistens«, sagte Artemis.

Und das stimmte. Kein anderer Teenager hatte im zarten Alter von vierzehn Jahren bereits eine Elfe entführt, seinen Vater aus den Händen der russischen Mafiya gerettet und mitgeholfen, einen Kobold-Aufstand niederzuschlagen.

Es hupte zweimal. Auf der anderen Seite der Kreuzung hielt eine Limousine. Durch das offene Fenster gab ihnen eine junge Dame ein Zeichen.

»Da ist Maria«, sagte Artemis, dann riss er sich zusammen. »Ich meine, fahren wir. Vielleicht haben wir am nächsten Zielort mehr Glück.«

Butler ging voran und stoppte den Verkehr mit einer einzigen Bewegung seiner riesigen Hand. »Vielleicht sollten wir Maria mitnehmen. Ein fest angestellter Chauffeur würde mir die Arbeit sehr erleichtern.«

Artemis brauchte einen Moment, bis er begriff, dass der Leibwächter ihn foppte. »Sehr witzig, Butler. Sie belieben zu scherzen, hoffe ich?«

»Allerdings.«

»Dachte ich mir, obwohl ich nicht viel Erfahrung mit Humor habe. Abgesehen von Mulch Diggums’ Witzen.«

Mulch war ein kleptomanischer Zwerg, der bei früheren Gelegenheiten für Artemis gestohlen – und ihn bestohlen hatte. Diggums hielt sich für einen witzigen Zeitgenossen. Er bezog einen Großteil seiner Scherze aus dem reichhaltigen Fundus, den ihm seine Körperfunktionen boten.

»Wenn Sie das Humor nennen«, sagte Butler, der sich bei der Erinnerung an seine Begegnungen mit dem explosiven Zwerg trotzdem ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

Plötzlich blieb Artemis stehen. Mitten auf der belebten Kreuzung.

Butler richtete den Blick drohend auf die dreispurige Fahrbahn, auf der sich etwa hundert Autofahrer drängten und ungeduldig hupten.

»Ich spüre etwas«, flüsterte Artemis. »Elektrizität.«

»Ob Sie die vielleicht auf der anderen Straßenseite spüren könnten?«, fragte Butler.

Artemis streckte die Hand aus. Seine Fingerspitzen kribbelten. »Er kommt doch noch, aber ein paar Meter vom Ziel entfernt. Da ist irgendwo eine Konstante, die nicht konstant ist.«

In der Luft begann sich ein Schatten abzuzeichnen. Aus dem Nichts tauchte ein Funkenwirbel auf, begleitet von Schwefelgeruch. In dem Funkenwirbel erschien ein graugrünes Wesen mit goldenen Augen, einem dicken Schuppenpanzer und großen, stachelbewehrten Ohren. Es stand aufrecht, war etwa eins fünfzig groß und von menschenähnlicher Gestalt, doch sonst hatte es nichts Menschliches an sich. Es schnüffelte durch schlitzförmige Nüstern, öffnete sein Schlangenmaul und sprach.

»Ergebenste Glückwunsche an Lady Heatherington Smythe«, sagte es mit einer Stimme, die wie zerberstendes Glas und knirschender Stahl klang. Das Wesen packte Artemis’ ausgestreckte Hand mit einer vierfingrigen Pranke.

»Faszinierend«, sagte der irische Junge.

Butler ließ sich nicht ablenken, er wollte Artemis so schnell wie möglich aus der Nähe dieser Kreatur fortschaffen. »Nichts wie weg«, sagte er brüsk und fasste Artemis an der Schulter.

Doch Artemis war bereits weg. Das Wesen war ebenso schnell verschwunden, wie es aufgetaucht war, und hatte den Teenager mitgenommen. Ein Vorfall, der später überall in den Nachrichten gemeldet wurde, nur gab es seltsamerweise trotz der zahllosen mit Kameras bewaffneten Touristen keine Bilder davon.

Das Wesen schien substanzlos, als hätte es keine wirkliche Verbindung zu dieser Welt. Sein Griff um Artemis’ Hand war seltsam weich, aber mit einem harten Kern, wie von Knochen, die mit Schaumgummi umhüllt waren. Artemis versuchte nicht, sich loszureißen – er war fasziniert.

»Lady Heatherington Smythe?«, wiederholte das Wesen, und Artemis konnte hören, dass es Angst hatte. »Weilt sie an dieser Stätte?«

Nicht gerade eine zeitgemäße Wortwahl ging Artemis durch den Kopf, aber eindeutig Englisch. Woher kann ein im Zeitmeer treibender Dämon Englisch?

Rund um das Wesen knisterte die Luft vor Elektrizität, und weiße Stromblitze durchschnitten den Raum.

Den Zeit-Raum. Ein Riss, ein Loch in der Zeit.

Artemis ließ sich davon nicht beeindrucken – schließlich hatte er bei der Belagerung von Fowl Manor sogar miterlebt, wie die Zentrale Untergrund-Polizei die Zeit angehalten hatte. Was ihn vielmehr beschäftigte, war die sehr reale Gefahr, von dem Wesen mitgezogen zu werden. Weil dann die Aussicht, in seine eigene Dimension zurückzukehren, ziemlich gering wäre und die, in seine eigene Zeit zurückzukehren, gleich null.

Er rief nach Butler, doch es war zu spät. Sofern man das Wort spät benutzen kann, wenn Zeit nicht mehr existiert. Der Riss hatte sich geweitet und ihn und den Dämon verschlungen. Die Häuser und Menschen von Barcelona lösten sich langsam auf, und an ihrer Stelle erschien zuerst ein purpurfarbener Nebel, dann eine Sternengalaxie. Artemis verspürte glühende Hitze, gefolgt von eisiger Kälte. Er war überzeugt, wenn er wieder Gestalt annahm, würde er in Flammen aufgehen, und seine Asche würde gefrieren und sich im All verteilen.

Innerhalb einer Sekunde oder eines Jahres – unmöglich, es genauer zu sagen – veränderte sich ihre Umgebung. An die Stelle der Sterne trat ein Ozean, und sie befanden sich auf seinem Grund. Überall um sie herum peitschten seltsame Tiefseewesen mit ihren phosphoreszierenden Tentakeln durch das Wasser. Dann umgab sie ein Eisfeld und gleich darauf eine rote Landschaft, deren Luft von feinem Staub erfüllt war. Schließlich erblickten sie wieder Barcelona. Aber die Stadt sah anders aus. Sie war jünger.

Der Dämon heulte und klapperte mit seinen spitzen Zähnen und gab jeden Versuch auf, Englisch zu sprechen. Glücklicherweise war Artemis einer von nur zwei Menschen in Raum und Zeit, die Gnomisch beherrschten, die Sprache der Unterirdischen. »Beruhige dich, mein Freund«, sagte er. »Unser Schicksal ist besiegelt. Genieß die wunderbaren Bilder.«

Das Geheul des Dämons verstummte schlagartig, und er ließ Artemis’ Hand los. »Du sprechen Unterirdisch?«

»Gnomisch«, korrigierte Artemis ihn. »Und besser als du, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.«

Der Dämon verstummte und starrte Artemis an wie ein Wunderwesen. Was dieser natürlich auch war. Artemis seinerseits verbrachte die möglicherweise letzten Minuten seines Lebens damit, die Szenerie um sich herum zu betrachten. Sie befanden sich auf einer Baustelle. Die Baustelle der Casa Milá, aber das Haus war noch nicht fertig. Scharen von Arbeitern liefen über das Gerüst an der Vorderfront des Gebäudes, und ein dunkelhäutiger, bärtiger Mann stand mit gerunzelter Stirn vor einem Blatt mit Bauzeichnungen.

Artemis lächelte. Es war Gaudí höchstpersönlich. Faszinierend.

Die Szenerie nahm klarere Konturen an, die Farben wurden kräftiger. Jetzt konnte Artemis auch die trockene spanische Luft riechen und das Gemisch aus Schweiß und Farbe.

»Verzeihung?«, sagte Artemis auf Spanisch.

Gaudí blickte von seinen Zeichnungen auf, und an die Stelle des Stirnrunzelns trat der Ausdruck fassungslosen Staunens. Vor ihm tauchte ein Junge aus dem Nichts auf. Und an seiner Seite kauerte ein Dämon.

Der brillante Architekt prägte sich jede Einzelheit des Bildes vor ihm ein, damit er es niemals wieder vergaß. »Sí?«, erwiderte er zögernd.

Artemis deutete auf die Spitze des Gebäudes. »Sie haben ein Mosaik für das Dach geplant. An Ihrer Stelle würde ich das noch mal überarbeiten. Das Motiv ist alles andere als originell.«

Und die beiden verschwanden, der Junge und der Dämon.

Butler zuckte nicht mit der Wimper, als das merkwürdige Wesen aus dem Zeitloch heraustrat. Aber schließlich war er darauf trainiert, in keiner Situation panisch zu reagieren, und sei sie noch so ungewöhnlich. Unglücklicherweise hatte jedoch außer ihm niemand auf dem Passeig de Gràcia die Leibwächter-Akademie von Madame Ko besucht, und so brachen alle Umstehenden nach der ersten Schrecksekunde lautstark in Panik aus – alle außer dem blondlockigen Mädchen und den beiden Männern an ihrem Tisch.

Fahrer ließen ihre Autos stehen oder steuerten sie kopflos in das nächste Schaufenster. Eine Menschenwoge wich wie von unsichtbarer Hand gelenkt vom Ort des Geschehens zurück. Wieder reagierten das Mädchen und ihre beiden Begleiter vollkommen anders: Sie liefen sogar auf die Stelle zu, wo der Dämon erschienen war. Der Mann mit den Krücken bewegte sich dabei erstaunlich flink für jemanden, der angeblich eine Beinverletzung hatte.

Butler beachtete das Chaos um ihn herum nicht. Er konzentrierte sich auf seine rechte Hand – beziehungsweise auf die Stelle, wo seine rechte Hand eine Sekunde zuvor noch gewesen war. Denn unmittelbar bevor Artemis in eine andere Dimension entschwunden war, hatte Butler ihn an der Schulter gefasst, und nun hatte etwas wie ein Verschwindevirus sich seiner Hand bemächtigt.

Butler rechnete fest damit, dass auch sein Arm verschwinden würde, doch das tat er nicht. Nur die Hand. Sie kribbelte ein wenig, als wenn sie eingeschlafen wäre, aber er spürte sie noch, und er spürte auch die knochige Schulter seines jungen Schützlings unter den Fingern.

»Nichts da«, knurrte Butler und verstärkte den Griff seiner unsichtbaren Hand. »Ich habe Ihretwegen viel zu viel mitgemacht, um Sie jetzt einfach so verschwinden zu lassen.«

Der Leibwächter langte quer durch die Jahrzehnte und zerrte seinen jungen Schützling aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart.

Artemis machte es ihm nicht leicht. Butler schien es, als schleife er einen Felsbrocken durch ein Meer aus Schlamm, doch so schnell gab er nicht auf. Er stemmte die Füße in den Boden und zog mit voller Kraft. Da flutschte Artemis aus dem zwanzigsten Jahrhundert heraus und landete bäuchlings im einundzwanzigsten.

»Ich bin wieder da«, sagte der irische Junge, als wäre er nur eben spazieren gewesen. »Wie überraschend.«

Butler half seinem Prinzipal auf und musterte ihn kurz. »Alles noch dran, nichts gebrochen. Und jetzt, Artemis, sagen Sie mir, was ist siebenundzwanzig mal achtzehn Komma fünf?«

Artemis rückte sein Jackett zurecht. »Aha, verstehe. Sie überprüfen meine geistigen Fähigkeiten. Sehr gut. Es wäre in der Tat denkbar, dass eine Zeitreise das Gehirn beeinträchtigt.«

»Beantworten Sie einfach meine Frage!«, beharrte Butler.

»Vierhundertneunundneunzig Komma fünf, wenn Sie’s unbedingt wissen wollen.«

»Da Sie es sagen, wird’s wohl stimmen.« Der riesige Leibwächter lauschte. »Sirenen. Wir müssen von hier verschwinden, Artemis, bevor ich gezwungen bin, einen internationalen Zwischenfall zu verursachen.«

Er dirigierte Artemis zur anderen Straßenseite, zu dem einzigen Auto, das dort noch stand. Maria sah ein wenig blass aus, aber immerhin hatte sie ihre Kunden nicht im Stich gelassen.

»Gut gemacht«, sagte Butler und riss den hinteren Wagenschlag auf. »Zum Flughafen. Vermeiden Sie die Autobahn, solange es geht.«

Butler und Artemis hatten noch nicht den Gurt angelegt, da schoss Maria schon mit quietschenden Reifen los, ohne die Ampeln zu beachten. Das blonde Mädchen und die beiden Männer blieben hinter ihnen auf dem Gehweg zurück.

Maria warf einen Blick in den Rückspiegel und fragte Artemis: »Was war denn das?«

»Keine Fragen«, sagte Butler barsch. »Konzentrieren Sie sich aufs Fahren.« Er selbst verkniff sich aus Erfahrung jede weitere Bemerkung. Artemis würde ihm alles über das merkwürdige Wesen und den Funken sprühenden Spalt erzählen, wenn er den Zeitpunkt für gekommen hielt.

Artemis saß schweigend da, während die Limousine über Las Ramblas in das Gassengewirr der Altstadt Barcelonas einbog.

»Wie bin ich wieder hierhergekommen?«, murmelte er nach einer Weile nachdenklich. »Warum sind wir nicht dort? Oder vielmehr dann? Was hat uns in dieser Zeit festgehalten?« Er musterte Butler. »Haben Sie etwas aus Silber bei sich?«

Butler räusperte sich verlegen. »Wie Sie wissen, trage ich normalerweise keinen Schmuck, aber da wäre dies hier.« Er zog die Manschette hoch. Darunter kam ein Lederarmband mit einem Silbernugget in der Mitte zum Vorschein. »Juliet hat es mir geschickt. Aus Mexiko. Offenbar soll es böse Geister abhalten. Ich musste ihr versprechen, dass ich es umlege.«

Artemis lächelte breit. »Also war es Juliet. Sie hat uns im Jetzt verankert.« Er tippte auf den Silbernugget an Butlers Handgelenk. »Sie sollten Ihre Schwester anrufen. Juliet hat uns das Leben gerettet.«

Als Artemis das Armband seines Leibwächters berührte, stutzte er. Er sah auf seine Finger. Es waren seine Finger, kein Zweifel, aber irgendetwas war anders. Er brauchte einen Moment, bis er begriff, was geschehen war.

Selbstverständlich hatte er vorher über mögliche Folgen einer interdimensionalen Reise nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass das Original eventuell leiden könnte, wie bei einem Computerprogramm, das zu oft kopiert wurde. Es war denkbar, dass Daten im Äther verloren gingen.

Soweit Artemis es beurteilen konnte, war nichts verloren gegangen, nur war jetzt der Zeigefinger an seiner linken Hand länger als der Mittelfinger. Oder genauer gesagt, der Zeigefinger und der Mittelfinger hatten die Plätze getauscht.

Versuchsweise krümmte er die Finger.

»Hmm«, bemerkte Artemis Fowl. »Ich bin einzigartig.«

Butler schnaubte. »Wem sagen Sie das.«

Kapitel 2

Doodah Day

Haven City, Erdland

Holly Shorts Karriere als unterirdische Privatdetektivin entwickelte sich nicht wie geplant. Das lag vor allem daran, dass Erdlands beliebteste Fernsehshow in den letzten Monaten gleich zwei Sondersendungen ber sie gebracht hatte. Es war nicht einfach, als verdeckte Ermittlerin zu arbeiten, wenn das eigene Gesicht dank der zahllosen Wiederholungen stndig ber den Bildschirm flimmerte.

Wie wrs mit ner Gesichtsoperation?, fragte eine Stimme in ihrem Kopf.

Diese Stimme war nicht das erste Anzeichen beginnenden Wahnsinns, sondern sie gehrte ihrem Partner, Mulch Diggums, und sie drang aus ihrem Ohrlautsprecher.

Was?, sagte sie in das winzige hautfarbene Mikro an ihrem Hals.

Ich habe gerade ein Poster mit Ihrem Konterfei vor der Nase, und da kam mir der Gedanke, dass eine Gesichts-OP keine schlechte Idee wre, wenn wir im Geschft bleiben wollen. Und ich meine das richtige Geschft, nicht diese Jagd nach Kopfgeld. Kopfgeldjger sind das Allerletzte.

Holly seufzte. Der Zwerg hatte recht. Selbst Verbrecher waren hher angesehen als Kopfgeldjger.

Ein paar Implantate und eine neue Nase, und selbst Ihre besten Freunde wrden Sie nicht wiedererkennen, fuhr Mulch Diggums fort. Sie sind ja ohnehin nicht gerade ne Schnheitsknigin.

Kommt nicht infrage. Holly mochte ihr Gesicht so, wie es war. Es erinnerte sie an das ihrer Mutter.

Oder vielleicht Hautspray? Sie knnten es mal mit Grn versuchen und sich als Fee ausgeben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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