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Adar, ist ein vierzehnjähriger Bursche, der viel Humor und Energie braucht um die Abenteuer zu bewältigen, die unerwartet auf ihn zukommen. Mit Freunden, die sich finden, erlebt er seine erstaunliche Welt. Offene Fragen müssen beantwortet werden, Rätsel sind zu lösen, Begegnungen zu meistern und das alles in einem Land, in seinem Land, dass er bis dahin nicht kannte.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Meinen Dank an meine liebe Freundin Iris Roberts, die mich immer wieder ermutigt und angespornt hat.
Kapitel I Reisende
Kapitel II Probleme
Kapitel III Die Bibliothek
Kapitel IV Irritationen
Kapitel V Verwicklungen
Kapitel VI Unangenehmes
Anhang
Arvanische Zeittafel
Die Armee von Arvanien
Arvanische Zeitrechnung
Personen und Bewohner
Arvanische Stammbäume
Gedichte und Lieder (Verzeichnis)
Nachwort
Ein blauer Himmel spannte sich klar und wolkenlos über das Land. Die Sonne brannte, seit Wochen war es heiß, der Regen fehlte und wurde doch so dringend benötigt. Alles war von einer feinen Staubschicht bedeckt, nur an einer Stelle war der Boden dunkel und aufgeworfen, dort wölbte sich ein frischer Hügel Erde.
Ein Grab! Es war an diesem Morgen erst zugeworfen worden.
Darauf lagen als letzter Gruß ein paar Feldblumen die in der frühen Sonne bereits zu welken begannen.
Etwa dreißig Schritte von dieser Stelle entfernt standen drei Personen.
Zwei schlanke blonde Bauernburschen standen vor einer verhärmten Frau und sahen sie zärtlich an. Einer der beiden jungen Männer hielt die von schwerer Arbeit schwieligen und rissigen Hände in seinen. Ihre Augen waren gerötet vom weinen.
Die eher hochgewachsene Frau stand vorgebeugt mit hängenden Schultern ihren jüngsten Sohn traurig ansehend.
Seine Tunika war von schlichtem braunen Wollstoff, Um die schlanke Taille war ein einfaches helles Tuch gebunden. An den Füßen hatte er Sandalen. An den bloßen Armen und Beinen sah man, dass er viel Zeit im Freien verbrachte, denn er war von der Sonne gebräunt. Seine sehr hellblonden Haare und die blauen Augen bildeten einen harmonischen Kontrast dazu. Die Mutter der beiden jungen Burschen war ähnlich gekleidet doch sie trug das schwarze Gewand der Trauer. Ein schwarzes Kleid des gleichen einfachen Stoffes, und eine dunkle Schürze, ihr blondes Haar bedeckte ein dunkles Kopftuch. Die Gesichtszüge dieser drei Menschen verrieten das es Mitglieder einer Familie waren.
>> Du willst wirklich gehen mein Sohn? <<
>>Ja, Du weißt dass es sein muss. Du musst hier für die beiden Kleinen sorgen. Ihr kommt ohne mich besser zurecht.<<
>> Bleib hier Junge. Wir kommen auch so zurecht. <<
>> Ja, irgendwie schaffen wir das schon. << sagte der andere Bursche.
>> So wie in der letzte Zeit? Bei den hohen Kriegssteuern? Nein! << Der jüngere Bauernsohn lachte bitter.
Seine Gedanken schweiften kurz ab. Er dachte an das Grab, dass sie am Tage zuvor ausgehoben hatte. Am frühen Morgen hatte es den Vater aufgenommen. Es war ein ausgezeichneter Reiter gewesen. Doch bei einem Proberitt mit einem jungen, nervösem Hengst scheute das Tier vor einer Schlange. Trodos war doch schon mehrmals vom Pferd gestürzt aber dieses mal war es übel ausgegangen. Er fiel vom Pferd und schlug mit dem Kopf auf einen Stein. Den Schädelbruch überlebte er nicht.
Wie aus der Ferne drangen die Worte seine Mutter zu ihm durch.
>> ... aber wir sind doch dann zusammen. <<
Man merkte der Frau den Kummer an.
>> Nein Mutter! << sagte er so energisch wie möglich.
>> Junge, es ist zu gefährlich. << war ihre bekümmerte Antwort.
Der Halbwüchsige gab sich optimistisch. >> Ich gehe zur Armee.
Mein Vetter Dromeos ist auch dort. Er sagte, der Dienst ist nicht schwer. Außerdem haben wir schon seit vielen Jahren Frieden.
Was soll schon geschehen? <<
>> Ach Kind, << seufzte die Frau. <<
>> Mach dir keine Sorgen. Ich sende von meinem Sold sofort etwas an Euch. <<
>> Das wird doch niemals reichen. Wovon willst Du leben? << warf sein älterer Bruder Tudoros ein.
>> Mach dir keine Gedanken, bei der Armee braucht man nicht viel. << gab sich Comenius optimistisch und sah seinen Bruder durchdringend an. Sein Blick sprach Bände und drückte so viel aus wie >> Halt endlich den Mund und mach es nicht noch schlimmer. << Sie glichen sich sehr, nur das sein Bruder ein Jahr älter war.
Beide waren blond, hochgewachsen und schlank, von der Sonne gebräunt mit weißen Zähnen und einem netten Lächeln. Doch nun war das Gesicht besorgt und bekümmert.
>> Natürlich mache ich mir die, Comenius. << Tudoros legte die Stirn in Falten.
>> Ich habe Angst um dich. << seine Mutter kämpfte mit den Tränen.
Erst heiratete der älteste Sohn Cortinos die Tochter eines Müllers. Da der Müller keine Söhne hatte zog er nach Merian.
Dann starb der Ehemann. Nun wollte der jüngste Sohn zur Armee weil das Geld nicht reichte.
>> Ach was sind schon zwei Jahre? Die gehen schnell um und das Geld können wir brauchen. <<
>> Ja das könnten wir schon << gab Comenius Mutter zu.
>> Mein Bündel ist geschnürt. In zwei oder drei Tagen bin ich in der Hauptstadt. Dort gehe ich zu Dromeos, er wird mir helfen. Ich trete in die Armee ein. Wenn ich Glück habe komme ich zur Palastwache. <<
>> Du willst wirklich gehen? << fragte sie besorgt.
>> Ja! Gibst Du mir deinen Segen? <<
>> Mein Sohn mögen dich die Götter Arvaniens begleiten und beschützen. << Sie seufzte schwer und unterdrückte mühsam einige Tränen.
>> Ich danke dir Mutter. <<
Die beiden Brüder umarmten sich. Sie sahen sich an. Der Ältere sagte leise und zärtlich. >> Pass auf dich auf. << Dann küsste Tudoros seinem kleinen Bruder die Stirn.
>> Pass Du auf Mutter und die Mädchen auf. << erwiderte Comenius. >> Und auf dich. <<
>> Willst Du dich nicht verabschieden? << fragte Tudoros.
>> Nein, die beiden Mädchen würden es nicht verstehen und ich würde nicht gehen können. <<
Der Bauernbursche umarmte und küsste seine Mutter. Er legte einen Moment den Kopf an ihre Schulter. Dann gab er sich einen Ruck, wandte er sich um, hob sein Bündel auf und ging los.
>> Comenius! <<
Er drehte sich noch einmal um. Tudoros ging mit gesenktem Kopf zum Stall, niemand sollte seine Tränen sehen. Seine Mutter kam auf ihn zu, ergriff seine Hand, Comenius spürte wie sie ein paar Münzen in seiner Hand legte.
>> Mutter nicht. << widersprach er.
>> Doch Junge, Du brauchst es. <<
>> Ihr müßt es dringender haben. Für dich Aglaia und Alia. <<
>> Nimm. Es ist gut so. <<
Comenius öffnete die Hand. Es lagen vier Bronzemünzen und fünf Kupferstücke darin. Er nahm zwei der bronzenen Münzen und drei Kupfermünzen und gab sie seiner Mutter zurück.
>> Für die Steuern und euch, ihr dürft nicht ohne Geld sein. << Dann küsste er sie noch einmal zärtlich auf die Wange. Er strich ihr eine Träne weg und sagte >> Passt auf Euch auf. << Comenius drehte er sich wieder um und ging los. Mit festem Tritt und doch mit weichen Knien ging er den schmalen Weg entlang.
So schritt er mit gesenktem Haupt langsam auf den kleinen Hügel hinauf. Auf der Kuppe angekommen drehte er sich um und sah hinunter. Der elterliche Hof lag unter ihm. Das kleine Hauptgebäude lag rechts, ihm Schlossen sich ein Stall für Ziegen und eine Scheune an. Der Pferdestall war offen, sein Bruder kümmerte sich um die Pferde, die nach dem Tod des Vaters nicht verkauft wurden. Ein paar Schritte links vom Wohnhaus war ein Hühnerstall und ein Ziehbrunnen. Alle aus Lehmziegel errichteten Gebäude waren mit Holz und Stroh gedeckt. Die Mauern waren weiß gekalkt. Ein kleiner Garten für Kräuter und Gemüse war neben dem Brunnen angelegt. Um den Hof standen Oliven- und Feigenbäume herum. Seine Mutter zog Wasser mit einem Ziegenfellschlauch aus dem Brunnen hoch. Dann goss sie das Wasser in eine Rinne. Es verteilte sich und lief im Beet in weiteren Rinnen umher, so wurde der Garten einfach bewässert.
Die Frau richtete sich auf. Sie sah zum Hügel und winkte. Comenius winkte zurück. Während er sich umdrehte und weiterging sah er nicht wie seine Mutter sich über den Brunnen beugte und dass ihr Tränen über die Wangen liefen.
Er wandte sich in südöstliche Richtung auf die Hauptstadt zu und ging quer Feld ein.
Während er ging dachte er über die Situation nach. Sein ältester Bruder Cortinos hatte Glück auf dem Markt von Antinoos einem wohlhabendem Müller und seiner Tochter aus dem Hafengebiet von Merian zu begegnen. Da der Müller eine Weile in der Hauptstadt blieb konnte Cortinos um die schöne junge Tochter Aurora werben. Sie hatte sich sofort in den hochgewachsen, blonden, jungen Mann verliebt. Sein von der Arbeit muskulöser und von der Sonne gebräunter Körper gefielen ihr. Ihm gefiel die schlanke Gestalt mit dem rabenschwarzem Haar und den dunklen Augen auch sofort. Und wenn das sinnliche Lächeln hielt was der hübsche Mund versprach .... Nach dem Trodos als Brautpreis zwei der schönsten Pferde bezahlt hatte war die Hochzeit. Dann aber kam auch der Abschied. Der Müller hatte keine Söhne und so verzichtete Cortinos auf sein Erbe als ältester Sohn und ging nach Merian.
Kurze Zeit später fiel der Vater, Trodos, der beste Reiter des ganzen nördlichen Arvaniens vom Pferd. Es war ein Unfall, daran gab es keinen Zweifel. Ein junges, nervöses Pferd hatte gescheut und hatte seinen Reiter abgeworfen. Trodos schlug mit dem Kopf auf einen Stein und war sofort tot.
Nun würde Tudoros als nächster das Erbe antreten, er war jetzt der älteste Sohn. Für ihn Comenius, den jüngsten Sohn, würde sowieso nichts bleiben. Fortgehen musste er wenn er etwas erreichen wollte. Warum nicht jetzt? Also ging er. Die Armee brauchte immer Soldaten. Vielleicht hatte er Glück und kam sogar zur Palastwache. Nun musste er erst einmal nach Antinoos in die Hauptstadt und dort seinen Vetter Dromeos finden. Der würde ihm schon weiterhelfen.
So schritt er den ganzen Morgen zügig voran. Es ging durch eine flache aber waldreiche Landschaft, die immer wieder von wilden Wiesen unterbrochen wurde. Bienen und Schmetterlinge schwirrten umher Vögel sangen und hier und da hoppelte ein Hase daher, oder schlich ein Fuchs durchs Gehölz. Es war ein sonniger Tag und Arvanien zeigte sich von seiner schönsten Seite. Er hatte seine Gedanken beiseite geschoben und beschossen die Sonne zu genießen. Nun durchquerte er grade ein größeres Waldstück. Plötzlich hörte er in nicht all zu großer Entfernung ein lautes Krachen und knacken. Verwirrt schaute er sich um und lauschte. Da! Da war das knacken und krachen wieder, aber das Unterholz war dicht und er sah nichts.
Comenius dachte nicht lange nach was er tun sollte, rasch sah er sich um. Dort war ein großer Felsblock, dahinter suchte er Deckung, er kauerte sich dort hin und spähte in die Richtung aus dem der Lärm kam. Angst hatte er eigentlich keine, doch dieses Geräusch war ihm nicht geheuer. Es wurde sogar noch lauter, der Krach kam näher und näher. Und da – wenige Fuß vor ihm brach ein Mammut aus dem Wald hervor. Ein gewaltiges Tier mit zottigem braunen Fell und riesigen Stoßzähnen. Es hatte den Rüssel vorgeschoben und witterte umher. Mit seinen kleinen dunklen Augen schaute es um sich. Misstrauisch setzte es sich wieder in Bewegung. Comenius hielt den Atem an. Ein Mammut.
Hier in Romelium. Er war fasziniert und hatte nun doch etwas Angst. Diese mächtigen Tiere kamen in Arvanien gar nicht vor.
Sie lebten, so hatte der Bauernbursche in alten Geschichten gehört, weit, weit nordöstlich, noch weit hinter Archaja in einer kalten Gegend. Und dass sie selbst dort nur noch sehr, sehr selten zu sehen waren, auch das hatte er gehört. Nicht einmal die ältesten Leute, die er kannte, konnten sagen, diese Tiere je selbst gesehen zu haben. Der Junge atmete nur ganz flach und vorsichtig. Doch das reichte schon. Die riesigen Urwelttiere rochen verdammt übel und Comenius versuchte ein Husten zu unterdrücken. Das Mammut stampfte weiter und gab einen leisen trötenden Ton von sich. Darauf hin brachen noch einige dieser Tiere durch das Unterholz. Es waren sogar einige Jungtiere dabei die sich an die Großen drängten. Immer wieder witternd wanderte die Herde weiter. Acht große Tiere waren es und drei kleine. Comenius atmete tief durch und fing prompt an zu husten.
Während die Tiere bereits um eine Biegung verschwunden waren sank der Bauernsohn am Felsblock herab. Er atmete die wieder besser werdende Luft ein. So saß er noch eine Weile und verarbeitete diese ungewöhnliche Begegnung. Es war toll. Er hatte etwas gesehen von dem alte Geschichten berichteten und selbst die waren schon sehr, sehr alt. Ob ihm das jemand glauben würde? Dann erhob er sich flink und ging weiter der Hauptstadt entgegen.
Kurz vor Mittag kam er an einem Bauernhof, dort erbat er sich sich etwas Wasser und rastete dort. Der Hof glich dem seiner Familie. Er seufzte. Es half nichts. Nach dem er für die Bäuerin Holz gehackt hatte bekam er auch eine Suppe und ein Stück Huhn, dazu aß er ein paar Oliven, ein Stückchen Käse und etwas Brot, anschließend zog er wieder weiter. Abends erreichte er einen Fluss, den Kallistos, einen großen Fluss, der nicht wirklich tief war. Er floss von seiner Quelle im Gebirge der Riesen, sich in drei Arme teilend, bis in die Nachbarländer. Er sammelte etwas trockenes Holz und machte sich ein Feuer, aß ein dürftiges Mahl aus Brot, Datteln und Käse, dann legte er sich zum Schlafen hin. Er dachte an die Zukunft. Was würden ihm die Götter ermöglichen? Ein Käuzchen schrie. Der Fluss rauschte.
Comenius schlief ein. Am anderen Morgen beim ersten Sonnenstrahl aß er von dem wenigen was noch da war, dann löschte er die Glut. Ein rasches Gebet zum Wassergott Aquarion, er möge ihn sicher über den Fluss bringen, danach zog Comenius seine Tunika aus und rollte sie zusammen. Als er sie in seinem Bündel verstaut hatte stieg er splitternackt in den Fluss und watete durch ihn zum anderen Ufer, das Bündel über den Kopf haltend. Immerhin reichte ihm das Wasser noch bis zur Brust. Nach dem er das andere Ufer erreicht hatte setzte er sich ins Gras und lies sich von der aufgehenden Sonne trocknen. Die Tropfen schimmerten in der Sonne auf der gebräunten Haut. Er schaute sich um. Einige Zypressen standen in der Nähe. Am Flussufer standen einige Weiden. Gnome sammelten eifrig Beeren von niedrigen Sträuchern und brachten diese zu einem Baumstumpf, in dem sie verschwanden, andere kamen heraus um weitere Beeren zu pflücken, es war ein reges treiben. Sie beachteten ihn nicht. Am blauen Himmel zogen vereinzelt Wolken und Vögel vorüber. Nach einer Weile zog er sich an und wanderte weiter. Als er an einem Teich vorbei kam flohen kichernd zwei Quellnymphen vor ihm. Sie waren hübsch anzusehen mit den Kränzen aus Seerosen und Wasserlilien auf dem grünlich schimmernden Haar. In dem Hauch eines fast durchsichtigen Gewebes gekleidet blitzten zwei hübsche Hinterteile auf. Die beiden kicherten noch einmal, dann waren sie lachend verschwunden. Er sah sich nach ihnen um aber hörte nur noch ihr lachen. Der Bauernsohn wertete das als gutes Omen. Wer eine Quellnymphe sah, hatte den Segen der Götter, er hatte sogar zwei gesehen. Er war glücklich und schritt kräftig aus. Immer weiter ging die Wanderung.
Kurz vor Mittag dieses zweiten Tages ging er schon auf das Stadttor von Antinoos zu. Er war stramm marschiert und gut voran gekommen.
Die Hauptstadt war beeindruckend. Die Stadt war zweigeteilt. Die eigentliche Stadt lag rings um einen Hügel eingeschlossen von einer wehrhaften Stadtmauer, von der es hieß Zyklopen hätten sie errichtet. Auf dem Hügel waren die sieben Tempel und die Burg angesiedelt. Auch diesen Teil der Stadt umgab eine Verteidigungsmauer. Jetzt schritt er aber erst mal auf die riesigen Mauern zu und diese türmten sich vor ihm schon gewaltig auf.
Etwa alle zweihundert Fuß wurde die Befestigung durchbrochen, denn dort ragte ein dicker Turm in die Höhe. Auf jedem Turm wehte die grün – weiße Fahne mit dem goldenen Drachen darin.
Da das Gelände vor den Mauern frei war konnte man recht gut sehen. Heute war Markt. Unzählige Stände waren rechts und links vor der Mauer aufgebaut, Pferche mit Tieren und Händlerkarren. Und dann sah er das Tor. Was für ein Tor. Es konnte mit den mächtigen Mauern die aus mannshohen Quadern bestanden mithalten. Es stand ein wenig nach hinten versetzt. Dort wo die Mauern endeten erhoben sich zwei gewaltige Türme.
Die Mauern bogen sich ein wenig zur Stadt hinein, so das sich eine Art Gasse bildete. Dann kam das hölzerne Tor, dessen Flügel nun offen standen. Eingefasst war es mit Türmen auf denen Wachen standen. Ein angreifender Gegner müsste also in einen Korridor hinein laufen und würde von allen Seiten unter Beschuss genommen. Auch am Tor standen Wachen. Alle Wachsoldaten trugen eine grüne Tunika und darüber bronzene, blitzende Brustpanzer, Arm- und Beinschienen aber keine Umhänge. Der grün – weiß geschweifte Helm blitzte ebenso hell in der Mittagssonne und mit Schwertgehänge und Schild um die Wette. Beim näherkommen sah er das die Soldaten zusätzlich Dolche trugen. Die runden Schilde waren in der Mitte grün und hatten einen weißen Rand. In dem grünen Feld blitzte der goldene Drachen der arvanischen Kaiser.
Er ging sich umschauend erst einmal über den Markt. Es wurden Ziegen, Schafe, Rinder, Pferde, Tauben, Hühner, Enten, Gänse, Hunde, Katzen und Schweine angeboten. Einige Gaukler zeigten ihre Kunststücke. Es war ein Gewimmel von Männern, Frauen und Kindern. Stände boten Käse, Oliven, Trauben, Brot, Wein, Öl, Kräuter und andere Dinge an. Das erinnerte ihn an seinen eignen knurrenden Magen. So ging er durch das Stadttor. Die Wachen ließen ihn ohne sich um ihn zu kümmern passieren. Jetzt betrat er eine andere Welt als die, die er kannte. Staunend sah er sich um. Noch mehr Menschen eilten geschäftig hin und her. Greise saßen vor den Häusern und sahen dem Treiben zu.
Aus einem Schankhaus klang Gesang. Ein Zentaur lief eilig an ihm vorbei. Bauern boten auch hier ihre Waren mit lautem Geschrei feil. Die Händler hatten ihre Läden geöffnet und brüllten mit den Bauern um die Wette um Leder, Wolle, Tuch, Kerzen, Tonkrüge und mehr an den Mann oder die Frau zu bringen. Es gab so viel zu sehen. Kinder, die mit Holzschwertern kämpften. Bettler, Gaukler, Musiker, Soldaten, Frauen die ihre Einkäufe machten, es war ein Gewimmel. Dort ging eine Gruppe Zwerge auf eine Schmiede zu. Er fragte einen vorüber reitenden Mann nach der Kaserne. Der mürrische Mann sah ihn ungnädig an, raffte seine vornehme Kleidung zusammen und deutete nach vorne.
>> Da lang. << sagte er und ritt weiter. Ein schlecht gekleideter Diener folgte ihm hastig zu Fuß.
Comenius bummelte in die angegebene Richtung weiter, sich immer wieder neugierig umsehend. Sänften wurden vorbei getragen, eskortiert von Dienern die mit lautem Geschrei dafür sorgten dass die Leute Platz machten. In einigen Sänften saßen Greise, in anderen schöne Frauen, aus adeligen oder reichen Familien, die immer wieder mal einen Vorhang zur Seite schoben um einen Blick nach draußen zu werfen.
Die Häuser standen ziemlich eng aneinander und hatten zwei und drei Etagen. Auch die öffentlichen Gebäude beeindruckten ihn. Die Bibliothek, das Theater, das Bad, auf dem Hügel die Staatsbasilika, großen Tempel des Reiches, die Burg und das Schloss. Er schaute und staunte. Nachdem er die halbe Stadt durchquert hatte kam er zur Kaserne. Nun stand er vor blendend weiß gekalkten Mauern über denen einige Fahnenmasten erhoben, an denen grün – weiße Banner träge in der kaum vorhandenen Mittagsbrise hingen. Dort blieb er unschlüssig vor dem offenen Tor stehen. Die Soldaten, die am Kasernentor Wache standen schauten ihn an, sprachen aber nicht. Sie waren gekleidet wie die anderen am Tor.
Mittag war grade vorüber. Er kaufte sich etwas zu Essen und setzte er sich auf einen Brunnen, trank etwas Wasser und aß während er sich überlegte was er tun sollte. Der Platz auf dem der Brunnen stand war etwas abseits gelegen, daher war es auch ruhiger. Er beobachtete beim Essen gemütlich das Treiben.
Ein Händlerkarren fuhr in die Kaserne rein, beladen mit Fässern. Der Händler, der das Pferd am Zügel führte, war offenbar bekannt, niemand hielt ihn auf. Von drinnen hörte man Befehle und das klirren von Waffen. Ein Hirte trieb seine Ziegen ebenfalls in Richtung des Kasernentores. Eine Gruppe Reiter verließ die Kaserne. Rasch zählte er sie, drei, fünf, sieben, neun, elf, dreizehn. Vorne weg, der erste war offenbar der Anführer der Gruppe. Sie waren uniformiert wie die anderen Soldaten trugen jedoch Lanzen mit kleinen grün – weißen Wimpeln. Bald würde er mit etwas Glück und Hilfe der Götter ebenso ein Krieger sein.
Er überlegte noch immer was er tun sollte. Ein paar Soldaten traten heraus und gingen in verschiedene Richtungen. Einer davon wandte im vorbeigehen den Kopf, verhielt im Schritt und blieb stehen. Dann änderte er die Richtung und ging auf den jungen Mann am Brunnen zu.
>> Comenius. <<
>> Dromeus. Grade dachte ich an dich. <<
>> Was machst Du hier Vetter? <<
>> Ich will in die Armee, << sagte der junge Mann am Brunnen.
>> Wie geht es deinen Eltern und den Geschwistern? <<
>> Vater ist tot. Mutter und den Mädchen geht es den Umständen entsprechend, Cortinos hat geheiratet und ist nach Merian gezogen, mein Bruder Tudoros nun führt den Hof. <<
>> Verstehe! << antwortete Dromeos. >> tut mir Leid. <<
Er wusste, für den jüngsten Sohn blieb nichts.
>> Danke. Ja, Mutter hat es schwer getroffen. Jetzt wird es hart für sie. Es muss Geld ins Haus. <<
>> Hmm. Verstehe. An welche Truppe hast Du gedacht? <<
>> Ich weiß nicht. Reiterei vielleicht. <<
>> Reiter? Bist Du sicher? <<
>> Ich denke schon, ich kann reiten und möchte etwas von der Welt sehen. <<
>> Reiten kannst Du. Ja. Hmm, in Ordnung. Ich bring dich zum Leutnant. << Er rief seinen Kameraden etwas rüber und diese gingen weiter.
Dann wandte er sich wieder zu Comeníus. Die beiden gingen zur Kaserne, durch das Tor an den Wachen vorbei und wandten sich nach rechts zu einem größeren Gebäude. An mehreren Masten sah er nun deutlicher die Fahnen. Der Posten an der Türe ließ sie ohne Reaktion eintreten. Dromeos und Comenius blieben in dem Raum stehen. Comenius sah sich um. An den Wänden hingen Landkarten. Darunter standen Truhen. Einige waren offen und Comenius sah eine Menge Schriftrollen. Auch auf dem Schreibtisch lagen neben einer größeren Öllampe, Schriftrollen und Karten. Sonst war der Raum, der nur von zwei Fenstern erhellt wurde gefüllt mit Regalen und - einfach weiß gekalkt und kahl. Der Offizier, der am Schreibtisch über Papiere gebeugt saß schaute auf. >> Nun Wachtmeister Dromeos? << Der Angesprochene grüßte in dem er den rechten Arm hob und die Faust aufs Herz legte. Comenius folgte seinem Beispiel.
>> Leutnant, mein Vetter Comenius ist aus Romelium gekommen um in die Kavallerie einzutreten. <<
>> Kann er reiten? <<
>> Ja Leutnant. <<
>> Gut, er soll hier sein Zeichen machen. <<
Der Leutnant wühlte auf seinem Schreibtisch in einem Stapel Papieren, zog eines heraus und hielt Comenius eine Feder hin.
Comenius trat an den Tisch, nahm die Feder und kritzelte seinen Namen auf das Papier. Er war stolz, dass er dieses konnte, sein Vater hatte es ihm beigebracht.
>> Wachtmeister Dromeos, führen Sie den Kavalleristen zum Unteroffizier der ersten Deceris, der ersten Suinquas. Einkleiden, Unterkunft zeigen, Pferd, Ausrüstung, und so weiter ... << Dromeos salutierte wieder, Comenius machte es ihm erneut nach und beide verließen den Raum. Sich immer wieder umschauend und alles einprägend folgte Comenius seinem Vetter und befolgte seine Anweisungen. Sie gingen in den Stall, und Comenius bekam ein Pferd zugewiesen. Einen Rappen von hohem Wuchs. Das Tier war schwarz wie die Nacht. Dann ging es weiter in die Rüstkammer, dort bekam er seine Ausrüstung, Helm, Brustpanzer, Arm- & Beinschienen, Sandalen, zwei grüne Tuniken als Uniformen und seine Waffen, anschließend führte Dromeos ihn in den Schlafsaal und stellte ihn vor. Dann sprachen die beiden noch einen Augenblick miteinander.
Dromeos ging. Comenius machte sich mit den anderen vertraut. Er verstand sich auf Anhieb mit seinen neuen Kameraden Dank seiner offenen und freundlichen Art. Dromeos kehrte nach einer Weile zurück und führte die Reiter zum Essen, danach wurde exerziert.
Die Kaserne war groß, sehr groß aber es war einfach sich alles zu merken. Kam man durch das Tor rein, war rechts das Wachgebäude in dem die Wache und Torwache untergebracht war. Daneben waren das Verwaltungsgebäude wo er unterschrieben hatte, dem folgte das Gebäude in dem der Obrist der Garnison lebte, daneben standen drei Gebäude wo in je fünf großen Sälen die Reiter zu zwölf Kriegern untergebracht waren.
Am Schluss standen die Gebäude wo die Unteroffiziere schliefen und das Haus in dem gegessen wurde. Den in einer Reihe stehenden Häusern gegenüber war ein riesiger freier Platz, der auf der anderen Seite von einer langen Reihe hölzernen Ställe begrenzt wurde.
Nun hieß es Befehle lernen, Ställe ausmisten, Waffen schärfen, Kämpfen üben und reiten. Letzteres konnte Comenius gut. Alles andere war neu, fremd und schrecklich aufregend. So vergingen die ersten Tage. Dromeus hatte wenig Zeit für ihn aber in einem Gespräch verriet er seinem jüngeren Vetter, dass die Unteroffiziere mit ihm zufrieden waren.
Eines Abends trat er mit den Reitern zum ersten mal zum Empfang der Befehle für den kommenden Tag an. Das war aufregend, denn der Hauptmann der Reiterei verkündete, dass der Kaiser am anderen Morgen eine Eskorte benötige um von Antinoos nach Armagant zu reisen. Da Comenius zur ersten Deceris der ersten Suinquas gehörte, wurde aus dieser Kompanie die erste Gruppe dazu abgestellt. Der blonde Bursche freute sich. Sein Wunsch ging in Erfüllung und dass es so rasch ging hätte er nie zu hoffen gewagt. Er dankte den Göttern. Er würde herum kommen, die Welt sehen. Comenius war glücklich.
Er ging mit seinen Kameraden zum Essen und dann noch einmal in den Stall zu dem Pferd, das er reiten würde. Nachdem er es gestriegelt, gestreichelt, ihm Heu und Wasser gegeben hatte ging er zurück zu seinem Zug. Dort sprachen sie noch über den erwarteten Einsatz. Alle waren aufgeregt, eine Eskorte für den arvanischen Kaiser, welch eine Ehre. Comenius konnte kaum Schlafen und erwartete mit Ungeduld den Morgen.
BUMM! BUMM! BUMM!
Es klang, als hatte jemand mit dem Vorschlaghammer, vor die Türe geschlagen. Ich rollte mich auf den Rücken. Ich versuchte die Augen zu öffnen. Es ging nicht. Die Helligkeit tat mir in den Augen weh.
>> Geh weg << knurrte ich.
BUMM! BUMM! BUMM!
>> Verschwinde! << BUMM! BUMM! BUMM!
>> Ich will meine Ruhe haben! << Ich blinzelte hinauf zu dem wuchtigen blauen Himmel des riesigen Himmelbettes und drückte die Decke ein wenig weg. Die Anstrengung löste Ströme von Schweiß aus.
BUMM! BUMM! BUMM!
Meine Laune hob sich nicht wirklich bei dem Gehämmer. Ich war nie ein Morgenmuffel aber heute fühlte ich mich ziemlich mies.
Das Abschiedsfest für Fürst Miran von Merian aus der östlichen Provinz war etwas heftiger geworden und mir brummte der Schädel.
BUMM! BUMM! BUMM!
>> Ach geh zum Henker! << rief ich und überlegte den Kopf zu heben und aufzustehen. Aber das war mir zu viel Aufwand. Ich wollte einfach nur sterben.
BUMM! BUMM! BUMM!
Ich erhob mich, mit den Gefühl alle acht Glocken der Staatsbasilika läuteten direkt in meinem Kopf. Dabei hatte ich mich nur hingesetzt. Es war mein Zeremonienmeister der mich auf diese Weise weckte.
>> Ja verdammt! Kommt rein! << Dieser Ruf schmerzte mich sehr. Es war übel. Nein! Mir war übel.
Ein Flügel der großen weißen Türe öffnete sich, ein Diener und der Zeremonienmeister traten ein.
Der Diener zog die Vorhänge zurück und öffnete die Fenster.
Aaahhh es wurde noch heller! Die Wände waren mit Delphinen bemalt. Alles war blau gehalten. Weiße Säulen und weiße Möbel komplettierten den Raum in den nun Sonnenlicht flutete.
Mein Zeremonienmeister, Graf Odiar, war ein hoch gewachsener dunkler Elf. Er war in elegante grüne Gewänder gehüllt und sein schwarzes Haar war zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt.
Unter diesem Turm aus Haaren wölbten sich zwei buschige schwarze Augenbrauen über schwarze Augen. Eine Nase, gleich einem Adlerschnabel ragte aus dem Gesicht hervor, über einem mächtigen Seehundebart Das Gesicht wurde von einem langen Kinnbart beendet.
>> Einen schönen guten Morgen Majestät, << wünschte mir Graf Odiar.
>> Was ist an diesem Morgen gut? << brummte ich.
>> Nun, << grinste der Elf >> in einer Stunde reist Fürst Miran ab und Euer Majestät Weinkeller ist nicht weiter in Gefahr. << Immerhin hatte er Humor.
>> Na toll. << Ich lächelte gequält.
>> Ja Majestät und deshalb sollten Sie nun aufstehen. Sie müssen den Fürsten verabschieden. << Graf Odiar lächelte. Er, als dunkler Elf, hatte keine Probleme mit Alkohol, er trank ihn erst gar nicht.
Ich drehte mich zu Seite, richtete mich mühsam auf und brachte es fertig die Beine aus dem Bett zu bringen. In meinem Schädel wurde jeder einzelne bronzene Gong der sieben Tempel geschlagen. Tapfer unterdrückte ich ein würgen.
>> Können Sie das nicht übernehmen Graf? <<
>> Leider nein, Hoheit, bitte bedenken Sie, dass wir uns den Fürsten gewogen halten müssen. <<
>> Ach verdammt. <<
>> Bitte Majestät? <<
>> Nichts! <<
>> Schön Majestät. <<
>> Ja, ich komme gleich. <<
Schlapp stand ich auf. Mein Zeremonienmeister verließ das Schlafzimmer. Der Diener öffnete bereits einige der riesigen Schränke und verschiedene Truhen und legte Kleidung bereit.
Ich wankte zu dem Raum, der als Waschraum genutzt wird. Ein schlichter Raum aus grauem Stein, mit einem Pool und einem Waschtrog aus weißem Marmor. Es standen zwei Marmorbänke drin und in riesigen Kübeln ein paar Pflanzen. In einer Ecke war eine Nische. Dort schlüpfte ich aus dem weichen, weißen Nachthemd und stellte mich unter eine Vorrichtung, die im Grunde eine durchlöcherte Tonne war. Ich zog an einer Kette, die durch den Zug ein paar Löcher öffnete und kaltes Wasser rieselte auf mich herab. Ohhhh war das kalt aber herrlich erfrischend.
Himmelbett? Diener? Zeremonienmeister? Waschraum?
Verzeihung, ich vergaß mich vorzustellen. Ich bin Adar. Fast fünfzehn Jahre alt, 1,80 groß mit ca. siebzig Kilo. Unter meinem kaum zu bändigendem schwarzen Haarschopf schauten zwei irritierend blaue Augen in die Welt. Man sagte, ich hätte ein hübsches Gesicht. Mein Beruf: Kaiser von Arvanien. Nun, Kaiser war nicht so schlimm wie es sich anhörte. Seit die Entmachtung meiner Familie vor fast drei Generationen begann, saßen wir in Antinoos herum und waren nur noch eine nützliche Fiktion. Die Macht teilen sich vier Statthalter. Eigentlich wurde die kaiserliche Familie nicht mehr gebraucht. Doch die Machthaber hatten begriffen, dass sie, wenn sie die Bevölkerung in ihren Gebieten ruhig halten wollten, das Symbol benötigten. Außerdem konnten sie alle unangenehmen Anordnungen auf den Kaiser abwälzen.
Denn, alles geschah in des Kaisers Namen. Einer dieser Statthalter, Miran von Merian vom östlichen Lehen, war die letzten Tage mein Gast. Ein großer fetter Mann, der gerne aß und viel trank. Sein einziger Vorzug bei seinem unvorteilhaften Äußeren und seiner geschmacklosen Kleidung war, er hatte im kleinsten Gebiet die größte Armee. Die konnte er sich leisten, da in seinem Gebiet große Goldvorkommen lagen. Und so lange ich mit ihm gut stand half es mir in Antinoos zu bleiben. Ich selbst hatte, außer der repräsentativen Palastwache und einiger weniger Polizisten, kaum Truppen in der Hauptstadt. Es gab zwar eine Garnison aber tatsächlichen Kampfwert hatte die wohl auch nicht mehr. Diese Garnison bestand aus weniger als einem Regiment Lanzenreiter und die standen Wache am Tor und auf den Mauern. Polizei und Palastwache dagegen hatten kaum mehr zu tun als dekorativ auszusehen. Meine Polizeibüttel verhafteten höchstens mal ein paar betrunkene Bauern auf dem Marktplatz. Doch darüber machte ich mir keine Gedanken.
Das kühle Wasser hatte mich erfrischt. Ich zog wieder an der Kette und es hörte auf herab zu rieseln. Ich machte zwei Schritte und griff nach dem riesigen blauen Laken und trocknete mich ab.
Das sollte eigentlich ein Diener machen aber das hatte ich schnell abgeschafft, schließlich war ich fast fünfzehn Winter alt.
Ich verließ den Waschraum und ging ins Ankleidezimmer wo bereits zwei Diener standen, die mir beim Ankleiden halfen.
Normalerweise machte ich das auch selbst aber so übel wie mir war hatte ich heute nichts dagegen. Über einen Schurz kam ein langes weißes Gewand. Darüber zog ich einen blauen, mit Goldstickerei gesäumten Umhang mit einer Kapuze, Sandalen mit vergoldeten Lederriemen komplettierten das Bild. Um die Kaiserkrone und das lange Zepter kam ich aber nicht herum. Ich saß vor einer Kommode, vor mir ein Spiegel aus poliertem Silber.
Ich sah hinein und wenn auch nur schwer etwas zu sehen war; ich sah einen wilden, schwarzen Haarschopf und schwarze Augenbrauen. Meine forschenden, blauen Augen sahen in den Spiegel, eine gerade Nase, einen hübschen Mund mit weißen Zähnen und ein schmales Kinn. Aber irgendwie sah das Gesicht ziemlich müde aus. Der Diener nahm eine kleine aber elegante Krone aus einem Kästchen. Ich betrachtete sie. Es war ein glatter goldener Reif mit grünen Edelsteinen verziert. Sie war nicht besonders groß oder schwer aber mit meinem Brummschädel würde mir das Ding noch mehr Kopfschmerzen bereiten. Der Diener zeigte sie mir und setzte sie mir auf. Dann gab er mir aus einem anderen Kasten ein Zepter.
>> Zum Teufel mit dem Krempel, << stöhnte ich. >> Nie wieder saufen! <<
Hatten, nach der kalten Dusche, meine Kopfschmerzen nachgelassen, waren sie mit der Krone wieder da. Ich verließ den Ankleideraum wieder und kehrte zurück ins Schlafzimmer.
Dort zog ich eine Klingel und die Türe zum Vorraum öffnete sich.
Ich trat in den Vorraum, in dem Graf Odiar schon wartete. Zu ihm hatten sich bereits mein Hofmeister Landgraf Amicus und der Marschall Markgraf Axor eingefunden. Beide verneigten sich als ich eintrat. Der Marschall legte seinen rechten Arm quer über die Brust, so dass seine Faust über dem Herzen lag.
Ich begrüßte sie mit einem vorsichtigem Kopfnicken und einem halbwegs freundlichen Lächeln. >> Bringen wir es hinter uns meine Herren. <<
Am Gesicht des alten Marschalls sah ich, dass er mindestens genauso einen Brummschädel hatte. Wir setzten uns in Bewegung und durchschritten die Zimmerfluchten. Vorweg sechs Pagen in grüner Wams und eng anliegenden weißen Hosen gekleidet, dann der Zeremonienmeister Graf Odiar, diesem folgte ich. Hinter mir schritten der Hofmeister und der Marschall. Diesen folgten zwei Diener in weißer Tunika und eng anliegenden grünen Hosen; und sechs weitere Pagen folgten diesen. In dieser Formation kamen wir im riesigen überdachten Halle des Schlosses an.
Als wir aus der mächtigen Doppeltüre traten bot sich ein beeindruckendes Bild. Rechts und links der Türe schwangen sich zwei breite, geschwungene Treppen in den ersten Stock des Gebäudes und gingen in eine die Halle umgebenden Galerie über. Es türmten sich vier Etagen übereinander. Der überdachte Innenhof wurde von gigantischen Säulen aus braunem Marmor getragen. Diese begannen und endeten jeweils in weißen mit Gold beschnittenen Palmblättern. Vor den Säulen standen altertümliche Rüstungen aus den vergangenen Kriegen. Der Boden war mit weißen und braunen Marmorplatten im Schachbrettmuster belegt und blank wie ein Spiegel. In der Mitte der Halle stand ein großer Springbrunnen ebenfalls aus weißem Marmor mit Gold verschnitten. Dieser Brunnen zeigte als Motiv einen dicken, fremdländischen Gott, der Weinreben im Haar hatte und einen überlaufenden Pokal in der Hand. Es stützte sich auf ein auslaufendes Fass. Eine junge Frau füllte aus einer Amphore den Pokal. An diesem Brunnen warteten wir. Wir setzten uns auf weiße Bänke aus Marmor, die um den Brunnen gruppiert waren. Mir war nicht nach plaudern. Also schwiegen wir. Zu hören war nur das plätschern des Brunnen aber auch das konnte die riesige Halle nicht gemütlich machen, genauso wenig wie die mächtigen Kübel in denen Palmen und andere Pflanzen standen. Während wir warteten musterte ich meine Begleiter, die unterschiedlicher kaum sein konnten.
Zuerst sah ich meinen Zeremonienmeister Graf Odiar an, den hochgewachsenen dunklen Elf in seinem eleganten dunkelgrünen Gewand. Sein zu einem kunstvollem Turm frisiertes schwarzes Haar und die buschigen schwarzen Augenbrauen passten zu den undurchdringlichen schwarzen Augen, die so stechend starren konnten. Dazu kam die Nase, die einem Adlerschnabel gleich herausragte, aus dem schmalen Gesicht mit dem mächtigen Seehundebart und einem langen Kinnbart. Dieses stand im Kontrast zur Haut, die grün war wie Oliven. Das brachte ihnen den Namen dunkle Elfen ein. In der Hand trug er einen, fast mannshohen, goldenen Stab der oben in einer Kugel endete. Das Alter des Grafen war nicht zu bestimmen.
Dagegen kontrastierte der stämmige greise Marschall mit seinem grauen Haarkranz und dem gerade oder noch eher eckig gestutzten grauem Bart. Das verwitterte Gesicht zeichnete sich durch eine Narbe und zwei listige blaue Augen aus, wenn auch jetzt der müde Zug in seinem Gesicht lag. Über dem grünen Gewand trug er einen goldenen Harnisch. Er trug den goldenen Helm mit dem grünen Schweif und den weißen Federn in der linken Hand. Als Marschall trug er je drei goldene Kordeln links und rechts, die in je drei goldenen Blättern auf den Schultern endeten. Er war unbewaffnet trug aber in der rechten Hand einen etwa eine Elle langen goldenen Stab, der unten in drei gleich großen Kugeln und oben in drei Blättern endete.
Mein Haus- und Hofmeister Landgraf Amicus stach von den beiden Männern deutlich ab. Er trug ein purpurrotes Gewand mit Silberstickerei und aufgenähten Juwelen. Es dürfte ein Vermögen gekostet haben. Darüber hatte er einen weißen Umhang, der von einer silbernen Spange gehalten wurde. Das rotblonde, an den Schläfen langsam grau werdende Haar biss sich mit seinem immer etwas gerötetem Gesicht. Er war von vorne herein eigentlich schlank aber ein Freund des guten Essens und des Weines, daher war sein hervorstechendstes Merkmal ein ziemlicher Bauch. Ich schätzte das Alter auf Mitte bis Ende dreißig Jahre. Er trug als Symbol seines Amtes einen großen goldnen Schlüssel.
Wir brauchten allerdings nicht lange auf meinen Gast zu warten. Nach einer kleinen Weile kam er, gestützt auf zwei riesige schwarz gewandete Krieger mit goldenen Brustpanzern. Auch die Helme waren aus Gold. Ich betrachtete ihn. Seine Beine trugen den fetten Körper kaum noch. Sein massiger Schädel war kahl und eine fleischige Nase ragte aus seinem Gesicht das von Schweinsäuglein und schweren Hängebacken komplettiert wurde. Sein Doppelkinn quoll über den Kragen seines langen Gewandes aus schwarzem Tuch welches mit einem goldenen Saum aus Eichenblättern abgesetzt war. Der teure schwarze Stoff hätte für ein ganzes Staatsbegräbnis gereicht.
>> Ich grüß Euch Majestät! << Ein Bass wie aus dem tiefsten Weinkeller dröhnte mir entgegen.
>> Seid gegrüßt Fürst Miran, ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Nachtruhe? <<
>> Danke Majestät. << Er deutete einer Verbeugung an.
>> Das freut mich Fürst. Habt Ihr gefrühstückt Fürst? <<
>>Ja, ausgiebig. <<
Sehr ausgiebig! Ganz bestimmt! Mir wehte eine Weinfahne entgegen. >> Schön Fürst. Alle Vorbereitungen zur Reise sind getroffen? <<
>> Ja. Ich will mich nun verabschieden und bedanke mich für Eure Majestät Gastfreundschaft. <<
>> Mein lieber Fürst, es war mir wie immer ein Vergnügen Euch zu sehen. << Während wir noch Höflichkeiten wechselten fuhren Kutschen vor.
Wir verließen die Halle durch das große Portal und blieben auf der Treppe stehen. Unten vor den Stufen stand eine schwere schwarze Karosse mit reichen Goldbeschlägen. Hinter dieser folgten zwei Gepäckwagen, die von gepanzerten Reitern eskortiert wurden. Fürst Miran stutzte.
Landgraf Amicus trat mit den Worten vor. >> Im letzten Wagen ist das Beste, für Euch lieber Fürst, was die kaiserlichen Weinkeller zu bieten haben. <<
Während der fette Fürst erfreut strahlte hätten meine Blicke den Hofmeister töten können.
>> Eine kleine Erinnerung an Euren Besuch. << buckelte der rotgesichtige Hofmeister weiter vor meinem Lehnsmann.
Der Fürst bedankte sich mit der Überschwänglichkeit der Trinker und ließ sich in die Kutsche helfen. Die Aufhängungen aus Tauwerk knarrten und knirschten bedenklich. Ich wünschte dem Fürsten eine gute Reise und dieser deutete noch einmal eine Verbeugung an worauf die Kutsche erneut hin und her schwankte. Die Fahrzeuge setzten sich schwerfällig in Bewegung und die Eskorte verteilte sich vor, hinter und zwischen den Kutschen. Dann bewegte sich die Kolonne langsam davon.
>> Gut das wäre ja nun überstanden. Das ging schneller als erwartet. << ich seufzte.
Graf Odiar lächelte, der Marschall schnaubte, während ich mich fragend zu meinem Hofmeister umdrehte. >> Landgraf Amicus?
Was war das? << Der angesprochene lächelte.
>> Ein kleines Andenken um uns den Fürsten gewogen zu halten. << entgegnete er.
>> Aha? <<
>> Majestät? <<
Vielleicht hatte er Recht. Da ich keine wirkliche Macht hatte war es wohl ein guter Gedanke. Wer weiß das schon.. Ich zuckte mit den Schultern. >> Hmm. Nichts. <<
Dann drückte ich Graf Odiar die Krone, den Umhang und das Zepter in die Hand. Sollte der doch den Kram schleppen.
Wir gingen in Richtung Thronsaal und durchschritten mehrere Hallen. Mir war nie aufgefallen wie viel Fahnen und Waffen überall herum standen. Damit ließ sich ja ein ganzes Regiment bewaffnen. Müssen einst kriegerische Zeiten gewesen sein.
Während wir die Säle und Gänge durchschritten fiel mir eine junge schwarzhaarige Frau auf. Sie trug ein weißes, wallendes Kleid mit einem roten Tuch, das sie als eine Art Gürtel trug. Ihr Gesicht war fein geschnitten. Die ganze Person wirkte zart und ätherisch. Noch bevor ich meine Begleiter aufmerksam machen konnte war sie entschwunden. Im Thronsaal angekommen erkundigte ich mich, was nun für den Tag anlag.
>> Übungen in Speer- und Schwertkampf, Astronomie, Reitstunden und arvanische Geschichte << war die Antwort.
>> Na toll. Wieder ein sinnloser Tag. <<
>> Majestät? <<
>> Ach nichts! << seufzte ich. >> Fällt heute alles aus! <<
Ich setzte mich auf den Thron und stützte das Kinn auf die Hand.
Zu regieren hatte ich nichts, zu tun auch nicht. Manchmal dachte ich, jeder Bauer hat es besser, denn er hat wenigstens eine Aufgabe. Ich hatte einen Marschall aber keine Armee, einen Kaisertitel und keine Macht. Wiedereinmal kam ich mir so überflüssig vor. Meine Hofbeamten zogen sich mit einer Verbeugung zurück. Ich sah mich um. Von der Decke hingen die Fahnen der Städte und Gebiete Arvaniens. An den Wänden hingen Fackeln, Schwerter und Schilde. Vor den Säulen standen Rüstungen und Halter die Fahnen hielten. Unter den Fenstern standen Bänke. Das friedliche Arvanien. Ich grinste. Dann dachte ich an die schöne Frau in Weiß. Wer war diese flüchtige Schönheit? Wo kam sie her? Schau dich mal um. Nicht dass eine schöne Frau so etwas ungewöhnliches wäre, wenn nicht einer meiner Vorgänger bestimmt hätte, das unverheiratete Kaiser ohne weiblichen Hofstaat zu leben hätten. Das geschah um Intrigen von Geliebten oder Einmischungen von Kaiserinnen und insbesondere Verweichlichung der Knaben oder Jünglinge auszuschließen. So war mein Hof ein Männerhaushalt, nur Lehrer, Berater, Soldaten und so weiter. Eine Frau in meinem Palast machte mich neugierig. So bummelte ich durch die Gemächer, als erstes vom Thronsaal aus, durch den angrenzenden Festsaal, weiter durch den Speisesaal in die Ahnengalerie. Dort schauten mich meine Vorgänger auf dem Thron ziemlich grimmig und missmutig an. Es war eine deutliche Ähnlichkeit in den Zügen zu erkennen. Lediglich an den Bärten und Rüstungen erkannte man, dass es sich um verschiedene Jahrhunderte handelte. Und noch etwas hatten sie alle gemeinsam. Wenn man an ihnen vorbei ging schienen einem die Blicke zu folgen. Dass die einem immer so muffig hinterher schauen mussten. Mir war nie aufgefallen wie sauer die alle dreinschauten. Meine Ahnherren schienen alle an Magengeschwüren gelitten zu haben oder es lag an ihren Ehefrauen, die ihnen gegenüber hingen. Ich guckte die Portraits nachdenklich an. Langsam kam ich zum Ende der Reihe. Dort hingen mein Urgroßvater, mein Großvater, mein Vater alle in Kriegsrüstung und auch die schauten so verbissen. Als vorläufig letzter hing ich dort. Ich war eine Ausnahme, denn ich hatte keine Uniform sondern die Staatsrobe an. Ich war der einzige der nicht schaute als hätte er in eine Pampelmuse gebissen. Ob es daran lag, dass ich noch nie Krieg geführt hatte? Oder weil ich keine Frau hatte? Das brachte mich auf den Ursprung meiner Wanderung zurück, die schöne, schwarzhaarige Frau im weißen Kleid mit dem roten Gürtel. So latschte ich weiter durch die Räume meines Schlosses und versuchte die Schönheit zu finden. Ich verlief mich prompt ein paar mal in meinem eigenen Schloss so dass ich es irgendwann auf gab. Immerhin hatte ich so die Zeit bis zum Mittagsmahl herum bekommen und ging zurück in Richtung Speisesaal. Während ich so grübelnd daher ging und nachdachte wer sie wohl sein könnte, ertönte bereits der Gong, der ankündigte dass in wenigen Augenblicken aufgetragen wurde. Ich beschleunigte meine Schritte, als Kaiser musste ich schließlich pünktlich sein. Und da, plötzlich war sie da, stand in der Haupthalle auf der Treppe zwischen zwei Säulen und schaute mich an. Ich rief sie an aber sie huschte davon. Ich wollte ihr nachgehen, wurde aber vom Hofmeister angerufen >> Majestät es ist serviert, wenn ich Eure Gnaden dann bitten dürfte. <<
Ich schaute mich um. Weg war sie. >> Mist! <<
>> Majestät? << fragte mein Hofmeister.
>> Nichts! <<
Zähneknirschend ging ich in Richtung Speisesaal, wo mein Gefolge wartete. Ich betrat den weißen Saal als erster, meine Hofchargen folgten mir und stellten sich hinter ihre Stühle. Da ich mich setzte konnten nun auch alle anderen Platz nehmen. Ich sah mich in dem Raum eher gelangweilt um, den Saal kannte ich. Die Wände hatten eine helle Bemalung mit Vergoldungen, in Gold gerahmte Spiegel und goldene Leuchter.
Die zierlichen Möbel aus Zedernholz waren mit Gold verziert. Die lange Tafel war bereits gedeckt. Einfacher als am Tag davor.
Diesmal mit weißen Tafeltüchern und Servietten aus feinstem Gewebe, alles verziert mit meinem Wappen. Ein goldener Drache in grün–weißem Feld. Diesmal stand aber nicht das unpraktische Goldservice auf der Tafel. So schön dies anzusehen war, das Essen wurde furchtbar schnell kalt. Es waren einfache Holzschüsseln, nur die Pokale waren aus Gold.
Hinter den Stühlen standen bereits der Marschall, der Hofmeister, der Zeremonienmeister, der, Hofzauberer, der Oberpriester, der Hofbaumeister, der Kommandant der Kasernen und der Polizeigeneral. Es war halt ein Männerhaushalt, da ich unverheiratet war. Wie schon erwähnt, irgendein Ahne hatte bestimmt, dass die Prinzen und Kaiser in jungen Jahren nicht von Frauen verweichlicht werden sollten. Da wir saßen kamen Diener um uns zu bedienen. Während die Hofchargen den gereichten Köstlichkeiten zusprachen, hatte ich keinen Appetit.
Ich dachte an die Frau in weiß.
>> Hofmeister, haben wir neue Diener? << fragte ich so beiläufig wie möglich.
>> Nein Majestät, warum? <<
>> Ach nichts. <<
Alles schaute mich fragend an. Ich schüttelte den Kopf. Nach dem wir meist schweigend gegessen hatten hob ich die Tafel auf.
Die Hofmänner zogen sich zurück und ich nahm meine Wanderung durchs Schloss wieder auf.
Ich stieg hinab in die Gesinderäume, und landete in einer Art Vorraum. Die Diener die dort das Silber putzten sprangen erschrocken auf und ließen das Silberbesteck fallen. Ich lächelte während sie sich verneigten, schaute sie an und ging in den nächsten Raum. Ich latschte in die riesige Küche und war mitten in einem Ameisenhaufen gelandet. Die Menschen in der Küche eilten geschäftig hin und her und bereiteten das Essen für den Abend zu. Ein Ochse wurde über einem Feuer gebraten. War das eine Hitze in dem Raum und es war überraschend für mich wie Leute so arbeiten konnten. Mir begannen sich Schweißerlen auf der Stirn zu sammeln und ich tat nichts. Die Köche bereiteten Speisen vor und ich stand im Weg und schaute mich um. Nicht das ich es bemerkt hätte, war ich doch nie in einer Küche gewesen. Auf jeden Fall war es heiß hier und ich schwitzte heftig. Ich trat an einen Tisch und naschte eine Süßigkeit. Prompt wurde ich angefahren.
>> Bursche, Hände weg. Wie kannst Du es wagen daran zu gehen. <<
Ich drehte mich um. Vor mir hatte sich ein Gebirge von Frau aufgebaut. Ihr imposanter Busen wogte ärgerlich auf und ab. Ihr Gesicht war zornig. Sie wollte gerade zu einem Donnerwetter ansetzten als sie mich erkannte. >> Majestät. Verzeiht. Mit Euch hab ich niemals hier unten gerechnet. << Sie war sichtlich bestürzt und verbeugte sich rasch. Der Kaiser in ihrer Küche. Die Küche war ein Schlachtfeld. Und nun blieb natürlich das ganze Gesinde stehen, drehte sich in meine Richtung und verbeugte sich ebenfalls, worauf das ein oder andere scheppernd zu Boden fiel.
>> Erhebt Euch. <<
Alle erhoben sich wieder und sahen mich höchst erstaunt und erwartungsvoll an. Ich sah mir die Gesichter an, besonders die Frauen. Meine dunkle Schönheit war nicht darunter.
Nun musste ich irgendwas sagen. Aber was? Ich hatte keine Ahnung was ich sagen sollte, doch als Kaiser muss man auch was sagen können ohne was zu sagen. Also begann ich zu sprechen. >> Ihr habt hier in der Küche das sagen? <<
>> Ja Majestät. <<
>> Wie ist Euer Name? <<
>> Aglaia. << Die Köchin bebte.
>> Wie viel Personal habt ihr hier. <<
>> Hmm drei Köche, etwa zehn Mägde und ich. <<
>> Ich muss Euch loben, es schmeckt vorzüglich. << sagte ich.
Die Köchin errötete.
>> Nur weiter so, << sagte ich, dann reichte ich der Köchin die Hand, die sie nur scheu und zögerlich nahm. Sie verbeugte sich wieder. Ich verließ durch eine andere Tür die Küche und landete in einer Vorratskammer. Hinter mir hörte ich ein lautes scheppern. Und um mich herum schepperte es auch.
Peinlich, da war ich doch erst mitten in die Küche und dann auch noch in eine Abstellkammer hinein gestiefelt und vor ein Regal geprallt. So was dummes. Nun ja nicht zu ändern.
Nun, ich verließ die mit Töpfen, Pfannen, Schüsseln und Platten gefüllte Abstellkammer mit einem gemurmelten >> Sehr interessant. <<
Die Köchin war in Ohnmacht gefallen. Wohl wegen mir. Einige hielten die nicht grade leichte Köchin fest. Als ich aus der Kammer kam verbeugte sich natürlich wieder das ganze Personal was zu Folge hatte das die Köchin hörbar zu Boden plumpste.
>> Helft ihr auf und reicht ihr Wasser, << wies ich die Leute an.
Niemand rührte sich, alle standen in der Verbeugung oder knicksend da. Ich wiederholte meine Anordnung. Nichts geschah.
Verwirrt sah ich mich um. Dann seufzte ich.
>> Erhebt Euch! << Jemand hielt Ihr etwas scharfes unter die Nase. Sie schlug die Augen auf. Dann half man ihr wieder auf die Beine.
>> Alles in Ordnung? << fragte ich.
>> Ja Majestät. <<
>> Gut, << sagte ich.
Dann verließ ich die Küche durch eine andere Tür. Im hinausgehen hörte ich sie noch seufzen. >> Der Kaiser war in meiner Küche. <<
Ich betrat grinsend den nächsten Raum und sah mich um. In diesem Raum falteten Dienstmägde Stoffe, im folgenden reinigten andere Mägde Geschirr. Ich trieb mich weiter in den Gesinderäumen herum, es fiel noch einiges zu Boden dabei, und ich ließ viele verwirrte Dienstboten zurück. Jedenfalls lernte ich meinen Palast besser kennen. Das war ja auch schon was. Und es wurde mir klar, das das schöne weibliche Wesen nicht zum Personal gehören konnte, das Kleid war zu schön, es war schlicht aber es war teuer.
Vielleicht war es ja eine Hofdame meiner Mutter oder meiner Großmutter. Wenn hätte sie sich melden lassen. Blödsinn, was sollte sie alleine hier. Mist!
Nun bekam ich prompt ein schlechtes Gewissen, denn dort hatte ich mich nicht sehen lassen. Das hieß, da musste ich mich auch zeigen. Na egal! Ich schlenderte weiter durch den Palast. Wo ich hinschaute hingen oder standen Waffen, Rüstungen oder Fahnen.
Hatte sich eigentlich jeder meiner Vorgänger ständig nur mit irgendwem geprügelt? Sollte dieses Schloss jemals angegriffen werden ging uns eher die Nahrung aus als die Waffen. Irgendwann gab ich die Suche auf und latschte wieder zurück in meine Gemächer. Schön, nun kannte ich mein Schloss besser, dafür war ich todmüde. Und ich kannte es nicht mal zur Hälfte.
So ging es die nächsten Tage weiter. Durch mein umherstrolchen stiftete ich weiter munter Verwirrung. Ich latschte durch alle Stockwerke bis unter die Dächer. Meine Hofbeamten staunten zuweilen nicht schlecht wenn ich staubig irgendwo zum Vorschein kam. Zwar sah ich die unbekannte Schöne hin und wieder wenn sie dastand und mich beobachtete aber immer wenn ich mich ihrem Standort näherte war sie verschwunden. Es war zum verrückt werden.
Als ich eines Abends durch die Ahnengalerie kam und die Bilder meiner Eltern sah, fiel mir ein das ich wirklich mal wieder nach Armagant musste. Ich ging zurück und betrat meine Räume. Dort nahm ich eine kleine silberne Glocke und schellte. Ein Diener erschien.
>> Den Hofmeister bitte zu mir. << Der Diener verschwand. Ich hatte mich gesetzt und in ein Buch über die letzten Religionskriege begonnen als Landgraf Amicus kam. Sein Gesicht war ausdruckslos wie immer. Er trug sein rotblondes Haar glatt auf dem Kopf, nur vorne an der Stirn und seitlich in kleine Locken gelegt. Er verneigte sich und lächelte doch seine grauen Augen lächelten nicht mit.
>> Landgraf, ich wünsche Morgen die Kaiserinmutter zu besuchen. Bereiten Sie bitte alles zur Abreise vor! Kleine Eskorte, kein Gefolge. <<
>> Morgen Majestät? << fragte der Graf überrascht.
>> Warum nicht? Oder liegt etwas an? <<
>> Nein Majestät <<
>> Hätte mich auch gewundert! << brummelte ich.
>> Bitte Majestät? <<
>> Ach nichts. << Ich winkte ab und schaute wieder in das Buch hinein, >> also, kündigen Sie mich bitte an und bereiten Sie alles vor. <<
>> Das werde ich, << entgegnete mein Hofmeister.
>> Danke das wäre alles Graf! <<
>> Sehr wohl Euer Gnaden. <<
Ganz praktisch Kaiser zu sein. Landgraf Amicus verschwand und ich widmete mich weiter meinem Buch. Der Rest des Tages verlief sehr ereignislos. Des Nachts, ich hatte mich von Dienern auskleiden lassen und schlafen gelegt, wurde ich wach. Meine unbekannte schwarzhaarige Schönheit saß auf meinem Bett und sah mich an. Erstaunt blickte ich sie an. Sie war wunderschön. Ich war von diesem Anblick so entzückt, dass ich mir nicht einmal die Frage stellte wie sie herein gekommen war. Ihr Haar war schwarz wie die Nacht. Sie hatte feine, ebenmäßige Züge und blaue Augen. Ihre Haut war wie Alabaster. Ich sah sie bewundernd an. Sie streichelte mein Haar. Ich wollte ihre Hand nehmen doch sie wich zurück. Ich versuchte wieder ihre zarte Hand zu nehmen. Sie wich erneut zurück und erhob sich. Traurig sah sie mich an. Dann wandte sie sich ab. Ihr Gang war leicht wie eine Feder. Es schien mir als schwebte sie zur Tür. Ich sank in die Kissen zurück und wusste nicht ob ich träumte oder wach war. Ich bekam nicht einmal mit wie sie die Tür geöffnet hatte, sie war entschwunden und ich einfach verzaubert von ihrer Schönheit. Ich hörte das prasseln des Regen und schlief rasch ein. Am anderen Morgen ließ ich mich wecken, stand auf, brauste und ließ mich in ein elegantes, graues Reisegewand kleiden. Nach einem üppigen Frühstück verließ ich das Schloss.
Die Sonne schien aber der Regen in der Nacht hatte den grauen Staubschleier abgewaschen. Die Farben leuchteten und die Luft erschien frischer.
Vor dem großen Portal standen schon die Reisekutsche und eine kleine Eskorte von zwölf Reitern mit einem Offizier.
Die von vier Rappen gezogene Karosse war schwarz mit silbernen Beschlägen und Laternen versehen. An den Seiten war mein Wappen aufgemalt. Es war das gleiche Model wie das des Fürsten, nur mit Silber beschlagen statt mit Gold.
Die Reiter hatten weiße Uniformen mit den üblichen Brustpanzern aus Bronze an und trugen schwarze Sandalen. Ein grüner Umhang hing von einer Spange gehalten über den Schultern. Der bronzene Helm wurde von einem weiß-grünen Helmbusch geschmückt. An den langen Lanzen wehten im Morgenwind grün-weiße Wimpel. Zur Bewaffnung gehörten ein kurzes Schwert und ein Dolch. Alle Pferde waren schwarz und trugen schwarze Sättel. Die Satteldecke war natürlich grün-weiß.
Man wusste in Arvanien zu wem diese Farben gehörten.
Meine Hofchargen verabschiedeten mich am Fuß der Treppe, dann bestieg ich die Karosse. Der Unteroffizier und sechs Kavalleristen setzten sich vor die Kutsche, die andern sechs dahinter. Die Kutsche rollte los. Eigentlich würde ich auf die Eskorte verzichten aber für die Nachrichtenübermittlung kann ein Reiter ganz nützlich sein. Es waren einige Tagereisen zum Schloss der Kaiserinmutter. Ich setzte mich bequem und richtete mich auf eine ziemlich langweilige Fahrt ein.
Es hatte in der Nacht heftig geregnet. Die Straßen waren aufgeweicht und zu schlammigen Bahnen geworden. Als der Morgen erwacht war bewegte sich eine kleine Gruppe eilig voran. Sie hatten kein Auge für die Sonne die in wechselnder Farbe erst rot, dann orange und schließlich goldgelb am Himmel aufstieg. Sie beleuchtete feuchte Wiesen und Weiden und machte aus Tropfen behangenen Spinnennetzen kleine Kunstwerke. Vereinzelt tropfte es noch von den Bäumen. Die Natur hatte aufgeatmet, der Regen kam rechtzeitig, die Götter hatten ein Erbarmen gehabt. Geschäftig huschten kleine Altweltbewohner wie Feen und Gnome umher und ernteten Blütenpollen, Kräuter und Beeren. Vereinzelt zeigte sich Wild. Ein Ur, ein gewaltiger schwarzer Stier blickte umher und bemerkte sie, da sie weit genug entfernt waren griff es nicht an. Doch die eilige Gruppe hatte andere Sorgen. Sie kam nicht so zügig vorwärts wie gewünscht. Die schwer beladenen Karren kamen in dem Matsch kaum voran. Die in graue Mäntel gekleideten Männer mühten sich ab die Ochsen anzutreiben. Das Gesicht des begleitenden Reiters zeigte deutliche Sorgenfalten. Der Regen war nötig denn das Land stöhnte unter der Hitze und der Sonnenglut. Nötig war er gewesen aber zu diesem Zeitpunkt war es nur ärgerlich. Es durchkreuzte die Pläne seines Herren. Doch von seinen Sorgenfalten kamen die schweren Karossen auch nicht schneller vorwärts. Der Weg war schlecht und schmal, der Boden vom Regen einfach zu aufgeweicht. Die Räder sanken immer wieder ein. Die Leute griffen in die Speichen und warfen ihr Gewicht dagegen, doch es ging nur im Schritttempo voran.
Auch die fetten Schlachtochsen, die hinter den Karren her getrieben wurden waren nicht viel schneller. Es schien als würde die große Stadt hinter ihnen nicht verschwinden. Doch die Gruppe arbeitete sich unermüdlich weiter. Der Weg führte durch eine lichte Senke. Die Weiden rauschten mit dem Bach um die Wette. Die Landschaft lag idyllisch im Morgenlicht und auf Teichen und Flüssen stand ein weißer Nebel. Ein paar Faune tanzten in einem Hain in der Nähe. Ein Einhorn graste und Feen schwirrten am Rande eines Waldes. Diese Schönheiten nahm niemand war. Außer dem tobendem Mann zu Pferd wusste niemand wohin es ging. Nach etlichen Stunden mühseliger Quälerei wurde der Boden etwas fester und es ging ein bisschen rascher. Die Sonne tat ihr Werk und der Boden trocknete langsam wieder. Mittags wurde eine Rast eingelegt. Die Männer waren erschöpft.
Ein Reiter kam heran galoppiert. Er hielt sein dampfendes Pferd unsanft an. Dann rief er den Reiter, der die Wagen begleitete herrisch zu sich worauf dieser hastig heran kam und hektisch auf den Ankömmling einredete. Der antwortete zornig, doch der Begleiter der Wagen ließ sich nicht beirren, so das der neu hinzugekommene für das erste nachgab. Doch die Rast war kurz denn der neue fremde Reiter trieb nach einer knappen Stunde seine Leute schon wieder weiter.
Die Männer hatten das Gesicht ihres Arbeitgebers bisher nicht gesehen, immer war die Kapuze des Mantels tief ins Gesicht gezogen, so hörten sie nur seine fast hysterisch klingende Stimme. Der Diener des Fremden, der die Wagen begleitete, hatte die Männer angeheuert und er hatte gut bezahlt und sogar weitere Goldmünzen in Aussicht gestellt. Gierig nach Gold hatten die Männer die Arbeit angenommen. Nun quälten sie sich mit den Karossen voran. Mühsam ging es weiter. Stunde um Stunde ging es langsam vorwärts. Der in seinen schwarzen wallenden Kapuzenmantel gehüllte Mann trieb die ihn begleitenden Leute zur Eile an. So sehr sich Mensch und Tier abmühten, es ging ihm nicht schnell genug. Es machte den Eindruck als würde der in seinen Mantel eingehüllte Mann platzen wollen.
Einer der Männer verhielt und lauschte plötzlich. Dann ein zweiter. Ein dritter. Alle standen da und lauschten. Der Reiter wollte gerade wieder losbrüllen als er in einer größeren Pfütze sah wie das bisschen trübe Wasser darin Wellen warf. Er schaute sich schweigend um und lauschte. Er spähte in die Richtung aus der er Geräusche hörte. Der Lärm nahm zu und nun hörte er hinter sich ein krachen und poltern. Sein Blick wandte sich nach hinten. Er sah einen behaarten Rüssel und riesige Stoßzähne. Panik beschlich ihn.
>> Vorwärts, vorwärts!! << brüllte er.
Die Diener vom gleichen Schrecken erfasst warfen sich noch heftiger in die Speichen und die Kutscher ließen die Peitschen knallen. Mit Stöcken trieben sie die Ochsen an. Hinter ihnen knirschte es. Krachend und splitternd stürzte ein Baum nieder, Sträucher wurden niedergetrampelt und ein gewaltiger Mammutbulle, mit enormen Stoßzähnen, schob sich auf die Straße. Der Boden bebte, der Bulle drehte sich in Richtung Kolonne und ließ ein Mark erschütterndes trompeten hören.
