Arzt aus Jaffa - Ibrahim Lada'a - E-Book

Arzt aus Jaffa E-Book

Ibrahim Lada'a

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Beschreibung

In seiner Autobiografie legt Ibrahim Lada’a Zeugnis darüber ab, was es heißt, als arabischer Christ, als Palästinenser, in einem von Besatzung und Konflikten zerrissenen Land zu leben. Sein Leben ist eng verknüpft mit der jüngeren und jüngsten Geschichte Palästinas. Er berichtet über den Alltag zwischen Checkpoints, Mauern, Häusersprengungen, Verhaftungen und dem Versuch des Aufbaus einer palästinensischen Zivilgesellschaft. Eingestreut in den Bericht sind Erläuterungen der historischen Hintergründe und politischen Zusammenhänge, so dass auch jene Leser, die mit der (Zeit-)Geschichte des Nahen Ostens wenig vertraut sind, einen Einblick in die oft komplexen Ereignisse erhalten. Im Vordergrund stehen jedoch nicht die nüchternen historischen Fakten, sondern die Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle des Autors, die untrennbar mit dem Schicksal Palästinas verbunden sind.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ibrahim K. Lada’a

Arzt aus Jaffa

Geschichte eines palästinensischen Vertriebenen

Verlag auf dem RuffelEngelschoff 2022

Ibrahim K. Lada’a

Arzt aus Jaffa

Geschichte eines palästinensichen Vertriebenen

Zweite, unveränderte Auflage als e-Buch: November 2022

Verlag auf dem Ruffel

Deutsche Originalausgabe

Lektorat: Ulrike Mitter

Korrektur: Bahar Bayram

Bilder im Textteil: Archiv des Autors

Umschlagsfoto: Christa Lada'a, Ramallah

Umschlag: Bahar Bayram, Hamburg

Herstellung: Ruffel

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Für meine Kinder und Enkelkinder

Inhalt

Danksagung

Vorwort

1. Ein langer Abschied

Exkurs über den Zionismus

Exkurs über Palästina und Israel

2. Kindheit im Westjordanland

3. Der Schatten des Haram asch-Scharif

4. Von Licht und Dunkelheit

5. Geliebte Heimat

Bilder aus dem Familienalbum

6. Rückkehr nach Palästina

7. Arafat am Apparat

8. Im Krieg und im Frieden

9. Erneuter Abschied

10. Zwischen Deutschland und Palästina

Anmerkungen

Literatur zum Weiterlesen

Danksagung

In uns Menschen kämpft ständig Widersprüchliches. Soll ich niederschreiben, was ich in über 70 Jahren erlebt habe, oder ist es besser, die Erinnerungen ruhen zu lassen? „Mensch“ heißt auf Arabisch „insan“. Dieses Wort soll, so sagt man, von dem Verb „nasiya“ stammen, was „vergessen“ bedeutet. Vielleicht ist es ein Segen, dass der Mensch vieles vergisst und die Zeit die Wunden heilt. Denn ist es nicht so, dass die guten Erinnerungen mehr als die schlechten haften bleiben? Wie das arabische Sprichwort sagt: „Die Zeit vergoldet die Erinnerung.“ Soll ich dennoch die über sieben Jahrzehnte wieder aufrollen, mit ihren vielen guten, aber auch schlechten Erinnerungen?

Mit dem Gedanken, meine Lebensgeschichte – als Kapitel der palästinensischen Zeitgeschichte – aufzuschreiben, spielte ich schon seit vielen Jahren.

Rüdeger Baron gab den Anstoß dazu. Er und seine Frau opferten viele Arbeitstunden, wofür ich ihnen meinen tiefsten Dank und meine Wertschätzung ausdrücken möchte.

Mein größter Dank gilt meiner Frau Christa, die einen sehr großen Teil von dem, was in diesem Buch erzählt wird, in den über 40 Jahren unseres Zusammenlebens mit mir gemeinsam erlebt hat. In stundenlangen Gesprächen während der Entstehung dieses Buches hat sie mich außerdem immer wieder an Erlebnisse erinnert, die ich ihr in unserer Jugendzeit erzählt hatte und die ohne sie aus meinem Gedächtnis verschwunden wären. Ihr gehört ein ganz besonderer Dank auch für die Ausdauer, Geduld, und Weitsicht die sie stets bewiesen hat bei unserem nicht immer einfachen Leben zwischen den Kulturen, in das ich sie hineingezogen habe.

Dank auch an meinen Sohn Munir, der die historischen Fakten recherchierte.

Dank an Ulrike Mitter und Mohammed Abu Zeid für die Lektorierung des Buches.

Schließlich möchte ich auch all jenen Freunden danken, die mir mit Ideen und Rat und Tat geholfen haben, die Fakten so objektiv und getreu wie möglich niederzulegen. Die in diesem Buch eingenommene Perspektive ist natürlich meine eigene, ebenso gehen mögliche Fehler auf mein Konto.

Ramallah, im Januar 2018

Ibrahim K. Lada‘a

Vorwort

Was ist Identität? Was bedeutet Herkunft, was Heimat? Auf diese Frage habe ich mein Leben lang nur eine Antwort gehabt: Ich bin Ibrahim, ein Arzt aus Jaffa und zugleich auch ein palästinensischer Flüchtling, der in Deutschland studierte, nach Palästina zurückging, um das Leben der Menschen in seiner Heimat zu verbessern, vertrieben wurde, zurückkehrte, wieder vertrieben wurde und doch stets zurückkehrte. Diese drei Identitäten haben mein Leben bis heute geprägt: Arzt, Palästinenser, Flüchtling. Über diese Identitäten und ihre Wirkung auf meinen Lebensweg will ich schreiben. Zugleich möchte ich über meine Heimat Palästina schreiben, jenes sonnenverwöhnte Land am Meer mit den duftenden Orangenhainen, den Feigenbäumen und den von Olivenbäumen bedeckten sanften Hügeln.

Ich kenne den Osten und den Westen, ich kenne die deutsche und die palästinensische Gesellschaft, und als arabischer Christ habe ich einen besonderen Blick auf die vergangenen und aktuellen Ereignisse im Nahen Osten. Deshalb schreibe ich dieses Buch auch als eine Art “Gatekeeper“, als ein Mittler zwischen den Kulturen und als jemand, dessen Leben auf das Engste mit der jüngsten Geschichte seines Heimatlandes verbunden ist.

Rückblickend betrachtet würde ich auf die Frage, ob ich, wenn ich noch einmal leben könnte, denselben Lebenslauf wählen oder lieber nach meinem Studium in Deutschland bleiben, eine Praxis aufmachen und ein sicheres Leben in Wohlstand führen würde, Folgendes antworten: Ich würde keine einzige Minute meines Lebens in meinem Land Palästina gegen eine in Deutschland eintauschen. Warum? Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen meine Herkunft und die Geschichte meiner Vertreibung, die das Wesen meines Seins und meiner Identität als Palästinenser festlegte. Zum anderen wäre ich in Deutschland immer der Araber, der Ausländer geblieben, wäre ich nur einer unter insgesamt fünftausend HNO-Fachärzten gewesen.

Ich kam nach Deutschland, um zu studieren und nicht, um zu bleiben. In meiner Heimat gab es für ausgebildete Ärzte mehr als genug zu tun. Bei der Rückkehr nach Palästina nach meinem sechzehnjährigen Aufenthalt in Deutschland Anfang 1979 gab es dort schlecht funktionierende Gesundheitsversorgung. Wir lebten – und leben immer noch – in einem ständigen kriegsähnlichen Zustand unter israelischer Besatzung, und das seit 1967.

Ich wollte etwas erreichen und zuhause etwas Sinnvolles tun, etwas Grundsätzliches, ja auch etwas Großes. Ich habe nie daran gedacht, mit meiner Arbeit Reichtum zu erlangen. Geld ist wichtig, aber es war nie das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe all die Jahre immer das Gefühl gehabt, die Ausbildungsjahre, die Arbeitszeit sind nur notwendige Vorbereitungen, um mich auf ein sinnvolles Leben in Palästina, in meiner Heimat, vorzubereiten. Die Tatsache, dass ich an einer deutschen Universität nicht nur das Medizinstudium, sondern auch die Facharztausbildung abschloss, was nicht jedem Ausländer möglich ist, die Liebe meines Lebens in Deutschland fand und wir gemeinsam vier Kinder bekamen – das alles sind Reichtümer, die ich mit nach Hause nehme. Gott hat mir eine Frau gegeben, die mich von Anfang verstand und tief liebt.

In den Jahrzehnten, die ich in Palästina verbrachte, habe ich etwa 25.000 Patienten behandelt. Ich habe mehrere tausend HNO-Operationen durchgeführt, darunter mehrere hundert mikrochirurgische Eingriffe, besonders im Bereich der Mittelohrchirurgie. Für diese Art von Operationen, gelte ich immer noch als führend in der Region und sie haben mir einen Ruf als HNO-Facharzt eingebracht, der über die Grenzen Palästinas hinausreichte. Ich war der erste palästinensische Arzt, der, im Januar 1980, eine Trommelfellperforation in Jerusalem operierte. Ich habe Patienten von den besetzten syrischen Golanhöhen in Jerusalem behandelt und palästinensische Patienten aus israelischen Gefängnissen. Ich habe etliche sogenannte „Gummigeschosse“ der israelischen Besatzungstruppen aus den Nasen und Nasennebenhöhlen palästinensischer Jugendlicher entfernt, sowie zahlreiche Mittelgesichtsfrakturen, Jochbein- und Nasenbeinfrakturen gerichtet, verursacht durch Schläge und Schüsse der israelischen Soldaten.

Meine Patienten kamen aber auch aus anderen Ländern der Region, unter anderem aus Kuwait, Saudi-Arabien und Jordanien. Jeder dieser Patienten war mir wichtig, für jeden von ihnen wollte ich das Beste – obwohl mir dafür anfangs nur allzu oft so gut wie keine Mittel, ja noch nicht einmal die einfachsten Instrumente zur Verfügung standen.

Eines Tages im Jahr 2007, als ich nach meiner zweiten Rückkehr aus Deutschland in meiner Praxis in Ramallah saß, kam eine ehemalige Patientin vorbei. Sie begrüßte mich herzlich und öffnete ihre alte Handtasche, aus der sie einen vergilbten Zeitungsausschnitt von vor etwa fünfundzwanzig Jahren hervorholte, in dem ein Wort des Dankes für den operierenden Doktor Lada’a stand. Ich hatte ihr seinerzeit das Mittelohr operiert und sie von einem gutartigen Tumor befreit. Sie bedankte sich nochmals, wünschte mir ein langes Leben und sagte, dass sie all diese Jahre relativ gut gehört hätte. Begegnungen wie diese vermitteln ein unvergleichliches Gefühl der Befriedigung, dass man einem Menschen über mehr als zwei Jahrzehnte geholfen hat, seinen Gehörsinn zu schützen.

Ich kann auf vieles zurückblicken, das mich mit Stolz erfüllt: Da wäre zunächst die Gründung der HNO-Abteilung im Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg in Jerusalem zu nennen. Dies war die erste Abteilung ihrer Art in der medizinischen Geschichte des palästinensischen Volkes. Auch die Ausbildung von fünf Assistenzärzten zu HNO-Fachärzten mit Hilfe ausländischer Universitäten war ein höchst zufriedenstellendes Unterfangen. In der Abteilung wurden nicht nur Routine-HNO-Fälle operiert und behandelt, sondern wir unternahmen auch mikro- und tumorchirurgische Eingriffe. Ebenso arbeiteten wir bereits in den 1990er Jahren mit modernen audiologischdiagnostischen Methoden wie der Hirnstammaudiometrie. Diese Methode zur Hörprüfung für Kinder und Neugeborene war damals einmalig in Palästina.

Nach meiner zweiten Rückkehr nach Palästina im November 2007, nachdem ich nach meinem Weggang aus Jerusalem rund zehn Jahre in Deutschland verbracht hatte, wurde ich gebeten die Aufgabe des Generaldirektors einer der größten palästinensischen Nichtregierungsorganisationen, des Health Work Committees (Komitee für das Gesundheitswesen, HWC), zu übernehmen.

Eine weitere, große Ehre widerfuhr mir, als man mich zum HNO-Vertreter des Palästinischen Medizinischen Rates (Palestinian Medical Council) ernannte. Der Rat ist unter anderem verantwortlich für die Abnahme von Facharztprüfungen zur Erlangung der palästinensischen Facharztanerkennung. Ich hatte diesen Posten sechs Jahre lang inne und prüfte in dieser Zeit rund zwanzig HNO-Fachärzte. Es war eine für mich sehr erfüllende Lebensaufgabe, in dieser Funktion an dem Fortbestand und der Weiterentwicklung der HNO-Medizin in Palästina mitzuwirken.

Wir Mediziner haben die Chance, mit jedem in der Gesellschaft in nahen Kontakt zu kommen, sei er reich oder arm, Mann oder Frau, ungeachtet seines Glauben, seiner politischen Überzeugung oder seiner Hautfarbe. Dieser gesegnete Beruf gibt jedem Arzt die Gelegenheit, die gesellschaftlichen und sozialen Unterschiede zu erkunden und somit in gewissem Maße auch auf die Entwicklung hin zu einer sozial gerechteren Gesellschaft Einfluss zu nehmen. Insbesondere aus diesem Grund habe ich mich im Jahre 1995, als ich noch medizinischer Direktor und Leiter der HNO-Abteilung des Auguste-Viktoria- Krankenhauses war, entschlossen, ja es als mein Pflicht angesehen, mich aktiver in die Politik einzumischen, um auf diesem Wege eine sozial gerechtere Gesellschaft in meiner Heimat Wirklichkeit werden zu lassen.

Um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, muss ich zurückkehren in meine Kindheit, in das entscheidende Jahr 1948, das Jahr, das als die tragischste Zäsur in die palästinensische Geschichte eingehen sollte: das Jahr des Verlustes der Heimat, der Würde und der Selbstständigkeit. Dieses Buch schreibe ich als Arzt, weil ich mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Ländern zu tun hatte und es Teil meines Berufes ist, nicht auf Stellung, Vermögen oder Herkunft meiner Patienten zu achten, sondern jedem Menschen, so gut ich es vermag, zu helfen, seine Gesundheit wiederherzustellen und zu schützen. Ich schreibe dieses Buch als Palästinenser, weil mich eine tiefe Liebe mit meiner Heimat verbindet und ich schreibe es als Flüchtling, weil ich vertrieben wurde und doch immer wieder zurückkehrte, wenn auch nicht gleich zu meiner Wiege, nach Jaffa.

1. Ein langer Abschied

Wenn ich von Flucht erzähle, so denke ich stets an die Furcht, an unsere Vertreibung aus Jaffa nach Ramallah im Frühjahr 1948.

Der Krieg, der in Palästina im Winter 1947/48 begann, wird in Israel, Deutschland und der westlichen Welt gemeinhin als „Israelischer Unabhängigkeitskrieg“ bezeichnet. „Unabhängigkeit“ von der britischen Mandatsmacht in Palästina, die schon 1936-39 jede Art von Widerstand seitens der arabischen Bevölkerung Palästinas im Keim erstickte und somit die Niederlage von 1948 im Voraus besiegelte? Mittlerweile reden die Israelis nicht mehr von einem „Unabhängigkeitskrieg“, sondern von einem „Befreiungskrieg“. Von wem haben sie eigentlich das Land „befreit“? Auf Arabisch bezeichnet man diesen Eroberungs-Krieg jedoch als „an-Nakba“, was so viel bedeutet wie „die Katastrophe“ oder „das Unglück“, die Palästina heimgesucht hat. Während der Krieg für die jüdische Gemeinschaft in Palästina die Erfüllung des zionistischen Traumes bedeutete, war er für die arabische Bevölkerung Palästinas eine mehrfache Niederlage. Einerseits wurden rund 950.000 Palästinenser (66% der palästinensischen Bevölkerung) aus ihrer Heimat vertrieben und ihrer Besitztümer und Ländereien beraubt, ohne eine Chance auf Rückkehr oder Entschädigung; anderseits wurden die Hoffnungen und Ambitionen der Palästinenser auf einen eigenen souveränen Staat mit der Gründung Israels und den Nachkriegsabkommen mit den arabischen Nachbarstaaten bis auf Weiteres zunichtegemacht.

Der Krieg begann als eine lokale Auseinandersetzung zwischen irregulären palästinensischen Freiwilligen und den deutlich besser organisierten jüdischen, Verbänden und Terrororganisationen. Die ersten massiven Proteste der arabischen Bevölkerung Palästinas waren eine Reaktion auf den UN-Teilungsplan, der Ende November 1947 von der Vollversammlung beschlossen wurde, der mehr Rücksicht auf die Lage der vertriebenen Juden im Schatten des Holocausts nahm, als auf die Rechte der einheimischen Palästinenser. Laut diesem Plan sollte das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen Staat mit 55,5% und einen arabischen Staat mit 44% des Landes aufgeteilt werden. Jaffa, meine Heimatstadt, wurde, was oft vergessen wird, als Exklave innerhalb des jüdischen Staates, dem arabischen Staat zugewiesen. Jerusalem und Bethlehem sollten als international verwaltetes Territorium keiner der beiden Staaten angehören.

Im Verlauf der ersten Kriegsmonate war eine der meistumkämpften Gebiete die Straße zwischen Jaffa und Jerusalem. Bis Ende April 1948 brachten die jüdischen Verbände diese Straße unter ihre Kontrolle und eroberten sämtliche Städte mit gemischter arabischer und jüdischer Bevölkerung in dem vom Teilungsplan dem jüdischen Staat zugewiesenen Gebieten. Gemäß dem militärischen „Plan Dalet“ der Hagana (Vorläufer der israelischen Armee), der ab März 1948 umgesetzt wurde, sollten strategische Positionen auch außerhalb des designierten jüdischen Staatsterritoriums erobert werden. Arabische Orte, die in diesen Gebieten lagen, sollten erobert und deren Bevölkerungen vertrieben werden. Dazu gehörte auch Jaffa.

Dieser Krieg bedeutete somit für meine Familie und mich, so wie für hunderttausende weitere Palästinenser, die Vertreibung und Entwurzelung – und dies bereits vor der Ausrufung des Staates Israel Mitte Mai 1948.

In einer meiner frühesten Erinnerungen sehe ich mich, den damals erst Fünfjährigen, wie ich mit meiner Familie am Strand saß und wir auf das Meer hinausschauten. Wir warteten auf das Schiff, das uns nach Beirut bringen sollte, in den sicheren Libanon. Wir warteten lange. Wie lange, kann ich nicht mehr sagen, denn für ein Kind ist eine Stunde schon eine Ewigkeit. Ich erinnere mich noch daran, dass es irgendwann dunkel wurde und das Schiff noch immer nicht da war. Was dann geschah, weiß ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern zu berichten. Wir versteckten uns in einer Scheune in den Orangenhainen an der Küste und verbrachten dort eine unruhige und angsterfüllte Nacht, in der Hoffnung, dass das Schiff am nächsten Tag kommen würde. Doch es kam nicht.

Jaffa ist heute ein Stadtteil von Tel Aviv. Die israelische Metropole hat alles um sich herum verschlungen. Lediglich einige alte Hafenviertel werden heute noch als Jaffa bezeichnet. Damals aber, 1948, war Tel-Aviv lediglich eine Ansammlung jüdisch-zionistischer Siedlungen nordöstlich von Jaffa und kaum älter als vierzig Jahre. Jaffa dagegen existiert bereits seit Jahrtausenden. Mit dem wichtigsten Hafen Palästinas, zahlreichen Schulen, einer pädagogischen Hochschule, Krankenhäusern, Märkten, Hotels, Cafés, Kinos, mehreren Zeitungen und politischen Vereinen sowie zahlreichen Kirchen und Moscheen, war Jaffa das zentrale ökonomische, kulturelle und politische Zentrum der Palästinenser.

Bereits im 15. vorchristlichen Jahrhundert war Jaffa ein bedeutender Hafen im östlichen Mittelmeerraum. In der Bibel findet die Stadt unter anderem Erwähnung im Zusammenhang mit dem Propheten Jona sowie dem Apostel Petrus, der seinen göttlichen Missionierungsauftrag dort erhalten haben soll. Sowohl unter den Römern als auch unter den arabischen Kalifen erfüllte die Stadt weiterhin die Rolle als Hafen Palästinas. Sie wurde zur Zeit der Kreuzzüge heftig umkämpft und von den Ayyubiden aus strategischen Gründen zerstört, denn sie war neben Akka (Acre, Akkon) das Haupteinfallstor für neue Kreuzzügler aus Europa. Nach der endgültigen Vertreibung der Kreuzritter aus Palästina durch die Mameluken Ende des 13. Jahrhunderts wurde die Stadt wieder aufgebaut, und war zur Zeit der osmanischen Eroberung 1517 wieder ein bedeutender Hafen der Levante. Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte entwickelte sich Jaffa zu einem wichtigen Exporthafen von Agrarprodukten wie Seide, Baumwolle und natürlich Orangen sowie zu einem bedeutenden Pilgerhafen für Jerusalem.

Im frühen 19. Jahrhundert wurden von der Stadtverwaltung die Sumpfgebiete um den Auja-Fluss (von den Israelis Yarkon genannt) im Norden der Stadt entwässert und urbar gemacht. Der mythologisierten Gründung Tel Avivs 1909 auf einer Sanddüne nordöstlich von Jaffa gingen zahlreiche im 19. Jahrhundert gegründete arabische Wohnviertel auf sandigem Grund rund um Jaffa voraus. Der Reichtum an landwirtschaftlich genutzten Flächen rund um Jaffa, der in zahlreichen europäischen Reiseberichten der letzten zweihundert Jahre überliefert wird, zeugte ebenfalls von den Fähigkeiten der arabischen Bauern, den sandigen Grund in fruchtbares Ackerland zu verwandeln. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Jaffa bereits eine moderne und kosmopolitische Stadt mit einer multikulturellen Bevölkerung aus Arabern und Europäern, Muslimen, Christen, und Juden und einer starken einheimischen Handelsklasse, die sich intensiv an der Verwaltung und Modernisierung ihrer eigenen Stadt beteiligte.

Jaffa war umgeben von Orangenhainen. Sie gaben der berühmten Jaffa-Orange ihren Namen, deren erste urkundliche Erwähnung auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgeht, lange vor der Entstehung Israels. Ihre Schale ist dicker als die italienischer oder spanischer Orangen, denn sie verbrachte auf dem Transport nach Europa mehrere Wochen im Bauch eines Schiffes und nur die dickere Schale schützte ihre Frische und ihren Geschmack. Ende des 19. Jahrhunderts ersetzten die Orangen die Baumwolle als Hauptexportprodukt Palästinas nach Europa. Später wurde die Orange, das Symbol Jaffas, von den Zionisten vereinnahmt.

Von den Arabern wird Jaffa auch „Braut des Meeres“ („arusat al-bahr“) genannt. Die Stadt war immer berühmt für die Schönheit ihrer Frauen mit ihrer braunen Hautfarbe und ihren großen schwarzen Augen. Man sagt, dass im Klang des Jaffa-Dialekts das Rauschen der Meereswellen zu hören ist. Dieses Rauschen sollte für meine Familie und mich bald nur noch eine ferne Erinnerung sein. Besonders mein Vater hat das nie verwunden. Er liebte das Meer und er liebte Jaffa. Er schwamm und fischte für sein Leben gern. Seine ganze Familie stammte aus Jaffa. Er selbst besaß ein Lebensmittelgeschäft in unserem Viertel al-Ajami am Mittelmeerstrand. „Arabische und europäische Lebensmittel“ versprach das Schild über dem Eingang, und so führte mein Vater die jahrtausendealte Tradition Jaffas als Handels- und Hafenstadt fort.

Er erzählte mir oft, dass er und seine Freunde bis spät in die Nacht feierten und dabei die verschiedenen, köstlichen Fischsorten zubereiteten, etwa den „Sultan Ibrahim“, die Rote Meerbarbe. Diese kleinen Tiefseefische, die man mit Kopf und Schwanzflosse essen kann, schmeckten am besten mit einem Glas Arak, einem Anisschnaps ähnlich dem griechischen Ouzo. Er schwärmte davon, wie sie am Strand Maiskolben kochten oder grillten oder bei Strandspielen ihre Kräfte maßen. An ein Spiel erinnere ich mich noch besonders lebhaft. Es war das sogenannte „Zuckerrohrspiel“. Dabei nahm ein junger Mann eine Zuckerrohrstange, rannte damit so schnell wie möglich und schleuderte die Zuckerstange bei Erreichen der höchsten Geschwindigkeit mit solcher Kraft und so schnell vor und zurück, dass sie zerbrach. Ich habe das später selbst ausprobiert, und es gelang mir nicht, auch nur ein Zuckerrohr zu brechen, dennoch zweifle ich nicht daran, dass mein Vater und seine Freunde so ihre Zeit verbrachten. Mein Vater besaß sogar ein deutsches Motorrad, und wenn er mir von seiner Jugend in Jaffa erzählte, so hatte ich stets den Eindruck, dass seine Augen zu leuchten begannen. Ich war damals noch ein Kind und konnte kaum begreifen, was die Vertreibung aus jenem geliebten Ort für ihn bedeutete.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in den letzten Jahrzenten vor der britischen Besatzung, entwickelte sich Jaffa weiter in Richtung einer modernen Stadt, integriert in ein regionales Netzwerk aus Handel und Kultur. So stiegen sowohl die Exporte als auch die Importe über den Hafen deutlich an. Auch die Bevölkerung nahm zu – von ursprünglich rund 5.000 Einwohnern Mitte des 19. Jahrhunderts auf 50.000 im Jahre 1913. 1911 gründeten zwei christliche Araber die Zeitung Falastin, die eine entscheidende Rolle bei der Politisierung der arabischen Bevölkerung Palästinas und ihre Reaktion auf die zionistische Kolonisierung ihres Landes spielen sollte. Die wachsende politische Bedeutung und steigende wirtschaftliche Dynamik der Stadt zog Menschen aus allen Ecken der arabischen Welt an, unter anderem auch arabische Juden. Aber auch aus Europa ließen sich immer mehr Menschen in Jaffa und Umgebung nieder. Unter ihnen waren auch die ersten europäischen Juden. Im Gegensatz zu den anderen Neuankömmlingen, die zwar zum Teil neue Wohnviertel gründeten, aber sich in die bestehenden Sozialstrukturen integrierten und als Teil der Stadt Jaffa sahen, hatten einige dieser europäischen Einwanderer andere Pläne. Sie strebten eine exklusive und extraterritoriale Siedlung an und betrachteten diese als Keimzelle eines weit größeren Plans – sie waren die ersten zionistischen Kolonisatoren in Palästina.

Theodor Herzl, ein österreichisch-jüdischer Journalist und Publizist, gilt gemeinhin als Begründer des Zionismus, der modernen jüdischen Nationalbewegung. Im Geiste der entstehenden europäischen Nationalismen im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es auch unter den Juden Europas jene, die das Heil in der Gründung eines exklusiven Nationalstaates sahen. Herzl skizierte 1896 seine Vorstellung von einem jüdischen Staat in seinem Werk „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“. Auf dem ersten Zionistenkongress in Basel 1897 wurden die Grundzüge dieser Ideologie mit der Gründung des Zionistischen Weltkongresses institutionalisiert. Im Gegensatz zu den europäischen Juden, die sich als Teil ihrer jeweiligen Nationalstaaten sahen, die also für eine Assimilation in die christlichen Mehrheitsgesellschaften plädierten, sowie den jüdischen Glaubensgemeinschaften, die ihre jüdische Identität strikt religiös und extra-nationalistisch definierten, konstruierten die Zionisten die jüdische Identität als eine nationale. Diese war zwar mythisch-historisch begründet, war jedoch ein Konstrukt im Sinne des modernen Nationalismus – komplett mit der Wiederbelebung des biblischen Hebräisch.

In diesem Sinne unterschieden sie sich anfangs nicht sonderlich von all den anderen konstruierten Nationalismen die im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts in Europa aufkamen. Ein wesentlicher Unterschied bestand jedoch in der tatsächlichen Bedrohung der sowohl einzelne Juden als auch ganze jüdische Gemeinschaften durch die verschiedenen Ausprägungen des Antisemitismus in Europa ausgesetzt waren. So war beispielweise die Dreyfus-Affäre in Frankreich der Hauptauslöser für Herzl, sein Hauptwerk zu veröffentlichen. Die Pogrome in den westlichen Gebieten des Russischen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren ein entscheidender Faktor für den Zulauf, den der Zionismus anschließend erlebte – wobei die Mehrheit der fliehenden Juden die Auswanderung nach Amerika bevorzugte.

Der Hauptunterschied zu den Nationalismen Europas bestand jedoch in der Wahl des Staatsterritoriums, der sogenannten „Heimstätte des jüdischen Volkes“. Diese lag in der zionistischen Vorstellung außerhalb Europas. Anfänglichen Überlegungen, die Heimstätte in einer europäischen Kolonie zu gründen – zum Beispiel in Uganda in Britisch-Ostafrika –, wurden im Laufe der ersten sieben Zionistenkongresse verworfen, und die Entscheidung fiel auf Palästina. Obwohl die Zionisten sich als eine säkulare Bewegung sahen, bedienten sie sich religiöser Motive und Mythen und sahen sich in der Tradition der Rückkehrer nach Zion, in das „Land Kanaan“, das von Gott seinem auserwählten Volk versprochene Land.

Die Wahl Palästinas als zukünftige Heimstätte des jüdischen Volkes wurde von Herzl in seinem Roman „Altneuland“ 1902 ausgearbeitet. In der hebräischen Übersetzung hieß dieses Buch übrigens „Tel Aviv“ (Hügel des Frühlings) – der Name der 1909 gegründeten zionistischen Kolonie am Rande Jaffas. Geschrieben nach seiner Reise nach Palästina, entwarf Herzl in diesem Buch eine utopische jüdische Gesellschaftsordnung in Palästina. Die Tatsache, dass dieses Land Palästina, was sich damals unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches befand, bereits bevölkert war, bereitete nur wenigen Zionisten Kopfzerbrechen. Die Akzeptanz des Mythos von einem „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ stellte die Grundvorrausetzung dafür dar, die Ideologie des Zionismus in die Tat umzusetzen – auch wenn es nötig sein würde, dieses Märchen mit Waffengewalt real werden zu lassen.

Der französische Baron Edmond James de Rothschild hatte bereits in den 1880er Jahren russische und ukrainische Juden, die im Zarenreich verfolgt wurden, finanziell bei der Gründung der ersten zionistischen Siedlungen in Palästina unterstützt. Diese beiden landwirtschaftlichen Siedlungen Petach Tikwa und Rischon LeZion lagen unweit von Jaffa, ebenso wie die bereits 1870 gegründete Landwirtschaftsschule Mikwe Israel, die nach ihrem Gründer Charles Netter, einem frühen französischen Zionisten, auch Netter genannt wurde. 1908 gründete die Zionistische Weltorganisation eine Zweigstelle in Jaffa, das Palästina-Büro, das sich um die Beziehungen zum Osmanischen Staat, um die jüdische Einwanderung und um den Landerwerb kümmern sollte. Später wurde aus diesem Büro die Jewish Agency, die letztendlich die bedeutendste Organisation für die Umsetzung des zionistischen Projekts wurde und bis zum heutigen Tag für die jüdische Einwanderung und Ansiedlung verantwortlich ist.

Die jüdische Einwanderung in das damalige osmanisch kontrollierte Süd-Syrien, i.e. Palästina und Transjordanien, nahm bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu. Es waren jedoch erst die Ereignisse in Folge dieses Krieges, die die Verhältnisse in Palästina grundlegend zu Ungunsten seiner arabischen Bewohner verändern sollten.

Im Verlauf des Krieges hatte Großbritannien voreilig unterschiedliche Versprechungen gemacht und Vereinbarungen mit verschiedenen Interessenvertretern bezüglich des Landes Palästina getroffen, noch bevor dieser Landstrich überhaupt unter seine Kontrolle geraten war. Das für Palästina folgenschwerste Versprechen wurde in der sogenannten Balfour-Deklaration von 1917 gegeben1. In diesem Brief des britischen Außenministers Arthur J. Balfour an Baron Walter Rothschild, einem britischen Zionisten, erklärte die britische Regierung ihre Unterstützung für das Ziel der Zionisten, „eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ zu errichten. Es wurde jedoch die Auflage geäußert, dass dies nicht die „bürgerlichen und religiösen Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina“ i.e. die muslimischen und christlichen Araber, beeinträchtigen sollte. Die Reduzierung der Mehrheit der Bewohner Palästinas auf eine Negation, sie also lediglich mit „nicht-jüdisch“ zu bezeichnen, war ein erstes Vorzeichen der ungleichen Behandlung, die die arabische Gesellschaft in Palästina unter der kommenden britischen Herrschaft erfahren sollte.

Nach der endgültigen Niederlage des Osmanischen Reiches gegen die Alliierten im Ersten Weltkrieg und den Friedensverhandlungen von San Remo 1920 fiel Palästina als Mandatsgebiet des Völkerbunds an Großbritannien. De facto verwaltete Großbritannien das Land wie eine Kolonie. Dem Plan der Zionisten, in Palästina einen eigenen Staat für die Juden zu errichten, den Großbritannien in Form der Balfour-Deklaration bereits wohlwollend anerkannt hatte, kam diese Entwicklung sehr entgegen. Die Balfour-Deklaration wurde 1922 in das Völkerbundmandat aufgenommen. Des Weiteren war der erste Hochkommissar (der oberste Verwaltungsbeamte des Mandats), Sir Herbert Samuel, Jude und bekennender Zionist.

Der Schutz der bürgerlichen und religiösen Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina wurde jedoch nicht gewährleistet. Die jüdische Einwanderung nahm im Laufe der 1920er Jahre und besonders mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland in den 1930er Jahren massiv zu2. Diese Einwanderungen wurden von vermehrten Landkäufen und der gleichzeitigen Vertreibung der arabischen Bauern von ihren Ländereien begleitet, was auf Anweisung David Ben-Gurions erfolgte, der 1906 aus Polen in Palästina eingewandert war. Er war der erste Anführer der Zionisten und später des israelischen Staates. Ben Gurion entwickelte das Konzept der „hebräischen Arbeit“, das zum Ziel hatte, auf jüdischen Ländereien in Palästina nur Juden zu beschäftigen. Die arabische Bevölkerung, die zunehmend den Angriffen und der Vertreibung durch die Zionisten ausgesetzt war, ohne dass jemand ihren Schutz gewährte, begann sich zu wehren. An vielen Orten gab es Aufstände gegen die jüdische Kolonialisierung. Diese Aufstände wurden von britischen Truppen mit aller Gewalt niedergeschlagen. Erste Überlegungen zur Teilung des Landes wurden erörtert.

1936 kam es unter Leitung des Arabischen Hohen Komitees, der zentralen politischen Vertretung der Palästinenser während der Mandatszeit, zu einem sechsmonatigen Generalstreik aller arabischen Geschäfte und Arbeiter. Dieser Generalstreik mündete schließlich in dem dreijährigen Arabischen Aufstand (1936-39) gegen die von den Briten tolerierte jüdische Zuwanderung. Nach der brutalen Niederschlagung des Aufstands seitens der Briten und angesichts des drohenden Krieges mit Hitler-Deutschland, veröffentlichten die Briten im Mai 1939 das sogenannte „Weißbuch“. Dieses Strategiepapier, das mit dem Hintergedanken konzipiert wurde, die arabischen Nationen als mögliche Verbündete im Kampf gegen Nazi-Deutschland zu gewinnen, bedeutete eine Abwendung von der Politik der bedingungslosen Unterstützung für das zionistische Projekt. So wurden die legale jüdische Einwanderung und der Landerwerb eingeschränkt und in Zukunft von arabischer Zustimmung abhängig gemacht. Von jüdischer Seite wurde dies als herbe Niederlage und als Verrat angesehen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation weiterhin, da die Anzahl der europäischen Juden, die vor dem Nationalsozialismus flohen, stetig wuchs.

Die Zionisten hatten seit der Gründung des Mandats gewissermaßen einen „Staat im Staate“ aufgebaut, mit allen nötigen staatlichen Institutionen die nach der Gründung Israels nahtlos in Ministerien, Behörden, und in die Armee umgewandelt wurden. Diese Weiterentwicklung des „Jischuw“, der jüdischen Gemeinde in Palästina vor der Gründung Israels, beinhaltete auch die Gründung von paramilitärischen Organisationen. Die erste Gruppierung war die Hagana, die 1920/21 als Reaktion auf gewaltsame Ausschreitungen der arabischen Bevölkerung gegen die zionistische Kolonisation, unter anderem in Jaffa 1921, gegründet wurde. Radikalere Zionisten, die mit der Vorgehensweise Ben Gurions und seines sozialistischen Zionismus nicht einverstanden waren (die sogenannten Revisionisten), spalteten sich Anfang der 1930er ab und gründeten ihrerseits eine eigene Untergrundorganisation, die Itzel (Irgun Tzwai Le’umi, die paramilitärischenationale Organisation), die fortan die arabische Bevölkerung mit Bombenanschlägen in Cafés und Marktplätzen terrorisierte. Anders als die Hagana, verübte die Itzel auch Anschläge auf britische Truppen und Institutionen in Palästina. 1942 kam es zu einer weiteren Spaltung die die Gründung der noch radikaleren Stern-Bande bzw. Lechi (Lechumai Cherut Israel, Kämpfer für die Freiheit Israels) zur Folge hatte. Beide Terrororganisationen, die Irgun und die Lechi, sollten bei der Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas im kommenden Krieg eine entscheidende Rolle einnehmen.

Eines der folgenschwersten Massaker ereignete sich am 9. April 1948. Am Morgen dieses Frühlingstags griffen die Terrororganisationen Irgun und Lechi das Dorf Deir Yasin nahe Jerusalem an und töteten 100 bis 120 Einwohner. Dieses Massaker war bei weitem nicht das einzige, das von den jüdischen Terrororganisationen im Verlauf des Bürgerkriegs in Palästina verübt wurde, es war jedoch das propagandistisch erfolgreichste. Überall im Land begannen Palästinenser aus Angst vor einem ähnlichen Schicksal, ihre Häuser zu verlassen, um in anderen Landesteilen oder in den arabischen Nachbarstaaten Schutz zu suchen.

Auch bei der Eroberung meiner Heimatstadt Jaffa spielte die Itzel eine zentrale Rolle. Wie bereits erwähnt, eroberten die jüdischen Verbände im Laufe des Aprils 1948 sämtliche Städte in der dem jüdischen Staat zugewiesenen Landesteile. Obwohl die Stadt Jaffa laut dem UN-Teilungsplan nicht dem jüdischen Staat zugesprochen wurde, sondern eine arabische Exklave innerhalb des jüdischen Staates werden sollte, richteten die jüdischen Verbände ihr Augenmerk auf die attraktive und strategisch gut gelegene Hafenstadt, die eine Konkurrentin von Tel Aviv und ein unübersehbarer Kontrast zum zionistischen Projekt schlechthin war. Jaffa wurde bereits seit Wochen sporadisch von Truppen der Hagana angegriffen und befand sich somit im Belagerungszustand. Große Teile der Ober- und Mittelschicht waren bereits geflohen, als am Morgen des 25. April 5.000 Itzel-Truppen Jaffa attackierten und das nördliche Küstenviertel Manschiya eroberten, jenen Stadtteil, der das Zentrum von Tel Aviv von der Küste abschnitt. Jaffa wurde von ca. 1.500 Freiwilligen unter dem Kommando Michael al-Issas, eines lokalen Christen, verteidigt. Unser Viertel, al-Ajami, wurde ebenso wie das Stadtzentrum, drei Tage lang mit Mörsern beschossen und stark beschädigt.

Nach den bitteren Erfahrungen bei der Eroberung Haifas eine Woche zuvor, bei der die flüchtenden Bewohner auf dem Weg zum Hafen von den jüdischen Verbänden angegriffen wurden und in eine Massenpanik ausbrachen, versuchten die Briten ein ähnliches Szenario in Jaffa zu vermeiden. Somit wurde in Jaffa ein Großteil der Flüchtlingskonvois durch britische Militäreinheiten beim Verlassen der Stadt in Richtung Osten und Süden begleitet – unter anderem auch unser Konvoi.

Wie erwähnt war es unser erstes Ziel gewesen, Beirut zu erreichen. Doch bald schon mussten wir erkennen, dass es für uns keine Fluchtmöglichkeit mehr dorthin gab. Das uns versprochene Schiff kam nicht und wir mussten eine andere Möglichkeit finden. Vor uns lag das Meer, auf dem kein rettendes Schiff zu sehen war, hinter uns der Krieg und die Bedrohung jüdischen Terrors.

Wir blieben damals noch eine Weile in der Nähe des Meeres, bei meinen Großeltern, und kehrten schließlich, entmutigt und verzweifelt, in unsere Wohnung im Ajami-Viertel zurück. Die meisten Häuser in unserer Straße standen bereits leer. Unsere Nachbarn hatten unter dem immer stärker werdenden Beschuss durch die Itzel sowie nach Berichten über Massaker an Palästinensern die Stadt verlassen. Meine Großmutter Mallake erzählte mir später: „Man hätte einen Reifen die Straße hinunterrollen lassen können und er wäre nirgendwo angestoßen.“

Ich kann nur noch erahnen, wie das alltägliche Leben einst in diesem Viertel war. Es lag direkt am Strand und ein Geschäft reihte sich ans nächste. Fischer brachten am Vormittag ihren Fang an den Strand, um ihn zu verkaufen. Die Sayeghs, die Familie meiner Mutter Linda, kam ursprünglich aus Gaza, an der südlichen Mittelmeerküste Palästinas. Doch als meine Mutter 12 oder 13 Jahre alt war, zog ihre Familie nach Jaffa, in eben jenes Ajami-Viertel, in dem die Familie meines Vaters bereits seit Generationen lebte. Die Familie meines Vaters hatte seit jeher von der Fischerei gelebt, wohl auch deshalb hat die Sehnsucht nach dem Meer meinen Vater nie verlassen.

Meine Großmutter mütterlicherseits war Ägypterin und stammte aus einer wohlhabenden Familie aus Kairo. Die enge Verbindung zwischen Gaza und Ägypten existierte schon zur Pharaonenzeit und diese wurde, genauso wie die unzähligen Verbindungen der Bewohner Großsyriens untereinander, erst mit der Gründung Israels abgeschnitten.

Unser Familienname Lada’a (arab. ) bedeutet übersetzt so viel wie „der Schlagfertige“ oder „der Geistreiche“. Angeblich soll sich einer meiner Ur-Ur-Urgroßväter dadurch hervorgetan haben, dass er stets mit seinem Fang früher als die anderen Fischer vom Meer zurückkam und so die besten Preise von den Händlern bekam. „Lada’ heißt denn auch so viel wie „übervorteilen“ oder „überlisten“.

Der blonde und sportliche Elarion, ein jüngerer Bruder meiner Mutter (die insgesamt vier Schwestern und fünf Brüder hatte), war ein ausgezeichneter Fußballspieler. Er war der Kapitän des griechisch-orthodoxen Fußballclubs in Jaffa, und man nannte ihn „den goldenen Fuß“, weil er so viele Tore schoss. Elarion, dessen Name auf Hilarion von Gaza zurückgeht, einen Heiligen und Asketen des vierten Jahrhunderts, gehörte zum Freundeskreis meines Vaters Khalil – und so lernte mein Vater meine Mutter Linda kennen und lieben. Vielleicht hatte sich mein Vater mit Elarion angefreundet, um meine Mutter besser kennenlernen zu können, vielleicht heiratete er meine Mutter, um einen guten Freund zum Schwager zu bekommen – ich glaube, an Beidem ist wohl etwas Wahres dran. Jedenfalls heirateten meine Eltern und bekamen gemeinsam zwei Kinder, meine drei Jahre ältere Schwester Aida und mich.

Ich kann mich an unser Viertel nicht mehr erinnern, doch ich stelle mir vor, dass es voller Leben war, mit Menschen, die sich auf der Straße unterhielten, einkauften, voller Gerüche, Klänge und Farben, ein Ort, an dem Menschen sich trafen, an dem sie liebten, stritten, handelten und Feste feierten. Bei unserer Flucht 1948 war das Viertel nahezu menschenleer. Diese Vorstellung einer einst belebten und nun aus Angst vor Krieg und Gewalt verlassenen Straße hat sich mir eingeprägt. Ich versuche heute, mir die Gefühle meiner Eltern vorzustellen, die Angst um die Kinder, um die Großeltern und den Rest der Familie, die Angst vor der völlig ungewissen Zukunft.

Irgendwann hieß es schließlich, in einem Bus nach Gaza seien noch zwei Plätze frei. Es wurde entschieden, dass meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter, mitfahren sollten, denn sie stammten ja aus Gaza. Sie wurden begleitet von meiner schönen Tante Malwina, der ältesten Schwester meiner Mutter, deren Schönheit man, als ich sie 1962 in Kairo wiedersah, noch immer in ihren blitzenden grünen Augen und dem dichten, (früher tiefschwarzen) Haar erahnen konnte. Meine ganze Kindheit hindurch kannte ich sie nur aus Erzählungen, bis ich ihr nach meinem Schulabschluss wiederbegegnete. Trotz ihrer unbestrittenen Wirkung auf Männer hat sie nie geheiratet. Meine Mutter sagte immer: „Ich verstehe das nicht. Es gab viele Männer, die um sie warben, doch an jedem fand sie einen Fehler, der eine war ihr zu klein, der nächste zu groß und wieder ein anderer zu schwarz.“

So verließen uns also meine Großeltern mit meiner Tante und wir blieben zurück, in einer Stadt, die bald von jüdischen Terrororganisationen eingenommen werden sollte. Mein Vater musste das geahnt haben, denn er entschied, mit einem seiner Lastwagen selbst die Flucht zu wagen. Zur Belieferung seines Ladens besaß er zwei dieser alten britischen Militärlastwagen, die den Motor zwischen Fahrer- und Beifahrersitz haben. Das englische Militär versteigerte sie regelmäßig, wenn sie für die Armee nicht mehr gebraucht wurden. Mein Vater war nicht nur ein kluger Geschäftsmann, er verstand sich auch auf das Reparieren dieser Autos, so dass sie für ihn eine lohnende Investition waren. Damals, vor unserer Flucht, standen sie aber in Ramle, einer Stadt rund 30 Kilometer landeinwärts. Mein Vater und mein Cousin Mussa, der Sohn seiner Halbschwester Maritia, brachen Ende April auf, um einen der Lastwagen zu holen. Zwei lange Tage warteten wir auf sie, dann kehrten sie mit einem der Wagen zurück, den sie erst hatten reparieren müssen. In der Zwischenzeit hatten sich unsere Nachbarn, die Familie Qahwaji, an uns gewandt, denn auch sie wollten Jaffa verlassen und fanden keine Möglichkeit. So mussten nun insgesamt 45 Personen Platz in unserem Lastwagen finden, doch mein Vater ließ sich nicht entmutigen. Er zog in die Ladefläche einen zweiten Boden ein, unter dem wir das Gepäck verstauten, um allen einen Platz zu ermöglichen.

Am Steuer saß mein Vater, neben ihm meine Mutter mit meiner älteren Schwester Aida. Sie war damals neun Jahre alt. „Aida“ heißt „die Rückkehrende“, deshalb sollten später viele Palästinenser ihre Töchter so nennen. Ich, als einer der Kleinsten, saß auf der Motorhaube zwischen den Vordersitzen. Mein Cousin Mussa, der schon 17 war, fand keinen Platz mehr auf der Ladefläche, sondern stand außen auf dem Trittbrett an der Fahrerseite. Jedes Mal, wenn wir auch nur kurz anhielten und mein Vater den Motor abstellte, um Sprit zu sparen, das zu jener Zeit fast in Gold aufgewogen wurde, musste er herunterspringen. Wollten wir weiterfahren, musste Mussa den Motor wieder ankurbeln. Ursprünglich hatte er sich geweigert, Jaffa zu verlassen, deshalb hatte seine Mutter Maritia ihn zu meinem Vater gebracht hatte, als sie mit ihrer Familie schon einige Wochen zuvor nach Amman in Jordanien geflohen war. Jetzt aber, als wir ebenfalls Jaffa verließen, blieb Mussa keine andere Wahl, als mit uns zu kommen.

An der Ausfahrt der Stadt nach Osten in das Landesinnere Richtung Ramallah, reihten wir uns in einen Konvoi ein, mit dem die letzten Zurückgebliebenen die Stadt verließen. Dies war Ende April. Keine zwei Wochen später, am 13. Mai, wurde Jaffa von jüdischen Truppen eingenommen und war für uns Palästinenser für immer verloren. Unser Treck wurde angeführt von britischen Militärs, denn deren Mandat ging noch genau bis zu jenem 14. Mai 1948, dem Tag an dem der jüdische Staat seine Unabhängigkeit erklären sollte. Als erstes durchquerten wir die jüdische Siedlung Netter, von der aus regelmäßig auf durchfahrende Palästinenser geschossen wurde. Dies weckte bei meinen Eltern Erinnerungen an einen schrecklichen Vorfall, der sich zehn Jahre früher ereignet hatte. Eine weitere Schwester meiner Mutter, meine Tante Lu‘lu‘, deren Name „Perle“ bedeutet, fand mit nur siebzehn Jahren den Tod, als sie 1938 mit dem Bus von Ramallah nach Jaffa reiste, um die Verlobung meiner Eltern zu feiern. Sie wurde von jüdischen Terroristen der Itzel- oder Sternbande in der Nähe von Jerusalem erschossen, wobei der Schuss eigentlich dem Fahrer gegolten hatte. Um die Freude meiner Mutter nicht zu trüben, verheimlichte man ihr damals die Ermordung ihrer jüngeren Schwester, sie erfuhr es erst am Tag danach.

Auch aus diesem Grund waren wir froh, dass die britischen Militärs uns begleiteten. Ihre Anwesenheit bot uns einen gewissen Schutz vor jüdischen Angriffen. Immer wieder mussten wir anhalten, weil die britischen Soldaten mit jüdischen Freischärlern oder Angehörigen der Hagana über die Weiterfahrt verhandeln mussten. Nach drei Tagen erst – normalerweise hätte die Reise damals mit dem Auto nur ein paar Stunden gedauert –, am 1. Mai des Jahres 1948, einem Ostersamstag, erreichten wir Ramallah, wo uns mein Onkel Ghattas erwartete. Wir verbrachten die ersten Tage in einem provisorischen Flüchtlingslager auf dem Hof vor der katholischen Kirche. Ramallah war damals noch eine mehrheitlich christliche arabische Stadt mit zahlreichen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen. Nach der israelischen Eroberung des Westjordanlandes 1967 wanderten viele christliche Familien in die USA aus.

Später richtete mein Onkel in seinem Keller zwei Räume für uns ein, wo wir die ersten zwei Jahre in Ramallah lebten. In diesen letzten Tagen des britischen Mandats über Palästina gab es keine organisierte Registrierung, Unterbringung oder Versorgung der Geflüchteten. Dies geschah erst später unter jordanischer Verwaltung durch die im Dezember 1949 gegründete UNRWA, dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten.

Jaffa fiel am 13. Mai 1948 an die Zionisten. Von den ca. 90.000 Bewohnern blieben nur ungefähr 5.000 in der Stadt. Trotz der britischen Vermittlung kam es auch in Jaffa zu chaotischen Szenen während der Vertreibung, insbesondere am Hafen. Dort schossen jüdische Verbände über die Köpfe der Flüchtenden hinweg und trieben sie sprichwörtlich ins Meer. Jaffa wurde zwar von der Irgun erobert, die Hagana war jedoch im Rahmen der „Operation Chametz“ damit befasst, dass dörfliche Hinterland von Jaffa zu erobern und somit die Stadt von jeglicher Unterstützung durch die palästinensischen freiwilligen Verbände abzuschneiden. Sämtliche Dörfer um Jaffa wurden von den Zionisten erobert und entvölkert. Nach der Eroberung der Stadt kam es zu weitverbreiteten Plünderungen seitens der Itzel- und Hagana-Truppen, ebenso wie durch jüdische Zivilisten aus Tel Aviv. Die Hagana übernahm am 14. Mai die Kontrolle und internierte die verbliebenen Bewohner im Ajami-Viertel, wo diese bis 1949 unter Kriegsrecht lebten.

Nach der Unabhängigkeitserklärung Israels am Nachmittag des 14. Mai 1948 und der Beendigung des britischen Mandats über Palästina um Mitternacht desselben Tages begannen die arabische Staaten, darunter Ägypten und Jordanien, miteinander konkurrierend, am 15. Mai in die laut Teilungsplan arabischen Gebiete einzumarschieren. Die anfänglichen Erfolge einiger arabischer Armeen, insbesondere der ägyptischen Streitkräfte, wendeten sich im Laufe des Sommers 1948, und spätestens nach dem ersten Waffenstillstand am 11. Juni, zugunsten der inzwischen aus den zionistischen Verbänden gegründeten israelischen Armee. Entgegen der weitläufigen Meinung im Westen, die diesen Krieg oft als Kampf des jüdischen Davids gegen einen arabischen Goliath darstellt, war die israelische Armee der arabischen zerstrittenen „Allianz“ in fast allen Aspekten der Kriegsführung überlegen. Die israelische Seite war deutlich besser organisiert und koordinierte ihre Militäroperationen zentral von Tel Aviv aus. Die Armeen der arabischen Staaten sowie die arabischen Freiwilligenverbände in Palästina handelten dagegen völlig unkoordiniert und ohne effektives zentrales Kommando. Die rasante Mobilisierung fast der gesamten jüdischen Gemeinde in Palästina war der Grund dafür, warum bereits im Mai 1948 die Truppenstärke der Israelis die der Araber übertraf. Auch wenn die arabische „Allianz“ anfangs mehr Waffengattungen besaß, so holten die Israelis im Laufe des Sommer mit Hilfe privater Waffenkäufe aus den USA sowie Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei schnell auf und begannen überdies mit dem Aufbau einer eigenen Waffenindustrie.

Im Verlauf der nächsten neun Monate eroberten die israelischen Truppen weite Teile Palästinas. Diese gingen weit über die Gebiete hinaus, die laut Teilungsplan dem jüdischen Staat zugewiesen wurden. Aus den ursprünglichen 55,5% wurden 78%, und dies bei einem jüdischen Landbesitz zum Ende der Mandatszeit von 5,5%. Nach diesem eindeutigen Sieg der jüdischen Einwanderer über die einheimischen Palästinenser und die Armeen der arabischen Staaten, deren Rolle mehr als fraglich war, kam es ab Anfang 1949 zu bilateralen Waffenstillstandsverhandlungen auf der griechischen Insel Rhodos. Die Ergebnisse dieser Verhandlungen offenbarten zum Teil die wahren Interessen der arabischen Nachbarstaaten am Krieg um Palästina. Besonders Jordanien, das mit seiner „Arabischen Legion“ unter Führung des englischen Offiziers John Bagot Glubb (Pascha) die einzige ernsthafte militärische Bedrohung für die Zionisten darstellte, hatte bereits vor dem Krieg in Geheimverhandlungen mit der Jewish Agency eine Aufteilung Palästinas beschlossen. Die Soldaten der Arabischen Legion hatten somit den Befehl, nicht die Grenzen des dem arabischen Staat zugeschlagenen Gebiets zu überschreiten, was auch weitestgehend eingehalten wurde. Das Königreich Jordanien übernahm die Kontrolle über die hügelige Zentralregion Palästinas und annektierte diese 1950 unter dem Namen Westbank oder Westjordanland, im Gegensatz zum Ostjordanland, dem eigentlichen Königreich östlich des Jordan. Nur um Jerusalem gab es Unstimmigkeiten zwischen den Jordaniern und den Israelis. Nach harten Kämpfen wurde die Stadt letztendlich geteilt. Die restlichen arabischen Staaten schlossen ebenso separate Waffenstillstandsabkommen mit Israel. Zu einem Friedensvertrag kam es damals nicht. Der Gazastreifen, in den meine Großeltern und meine Tante Malwina geflüchtet waren, jenes kleine sandige Gebiet an der südlichen Küste Palästinas, kam unter ägyptische Verwaltung. Dies markierte den Anfang einer qualvollen Geschichte dieser jahrtausendalten Stadt und ihres Umlands, die bis heute anhält.

Palästina war von der Landkarte verschwunden. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben seiner arabischen Bevölkerung wurde nicht realisiert. Im Gegenteil. Mehr als 950.000 Palästinenser, (das waren 66 Prozent der palästinensischen Bevölkerung) wurden aus dem Gebiet des entstandenen jüdischen Staates Israel vertrieben und lebten von nun an als Flüchtlinge in den Regionen Palästinas unter der Verwaltung Jordaniens oder Ägyptens oder in den Nachbarländern selbst. Rund 150.000 Palästinenser verblieben im jüdischen Staat und lebten bis 1966 unter der Militärverwaltung. Bis zum heutigen Tag sind sie und ihre Nachkommen, die sogenannten „48er Araber“ (auch als „israelische Araber“ bezeichnet), de facto Bürger zweiter Klasse in Israel. Palästina, jenes Land, das hunderttausende jüdische Flüchtlinge aufnehmen musste, wurde selbst zur Quelle von Flucht und Vertreibung.