Åsa Stryg - Winterblume - Silke Katharina Weiler - E-Book

Åsa Stryg - Winterblume E-Book

Silke Katharina Weiler

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Beschreibung

»Åsa, er verfügt über ein Heer. Du bist kein Heer!« »Mag sein, aber verdammt wütend!« Söldnerin Åsa Stryg hält sich mit der Jagd nach Hühnerdieben über Wasser und träumt von ruhmreichen Schlachten, wie ihr Vorbild Eloann Khrom sie geschlagen hat. Da kommt ihr der Auftrag, den brutalen Mord an einer Mutter zu rächen, mehr als gelegen. Er wird nicht nur gut bezahlt, alle Spuren deuten auf Eloanns Todfeind hin. Die Mission steht allerdings unter keinem guten Stern: Der Gesuchte bleibt unauffindbar und ihr aufdringlicher Begleiter Reid entpuppt sich als Gauner. Als Åsa darüber hinaus eine Verschwörung aufdeckt, gerät sie in tödliche Gefahr …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Silke Katharina Weiler

Åsa Stryg

Winterblume

Band 1

© 2024 Silke Katharina Weiler

c/o WirFinden.es, Naß und Hellie Gbr

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

E-Mail: [email protected]

Web: www.silke-k-weiler.de

Cover: Renee Rott (cover-and-art.de)

Karte und Illustrationen: Silke Katharina Weiler

zusätzlich unter Verwendung von Illustrationen und Vektorgrafiken von agass und OpenClipart-Vectors (Pixabay)

Alle Rechte vorbehalten.

Unseren Träumen gewidmet. Dass ihnen Flügel wachsen.

Dass wir nie aufhören, zu träumen.

Inhaltsverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

1.

»Efa Dreck? Nie gehört! Wer foll daf fein?«

Dieser taube und zahnlose Wirt raubte mir den letzten Nerv. Ich holte Luft. »Nicht Dreck!«, brüllte ich in sein Hörrohr. »Stryg! Åsa Stryg!«

Der Wirt starrte mich konzentriert an und schüttelte langsam den Kopf. »Kenn if nift. Wer ift daf?«

»Das bin ich. Ich heiße Åsa Stryg und ich möchte mich einschreiben. Einschreiben!«, erhob ich die Stimme erneut, da mich der Mann noch immer verständnislos ansah. »Ich bin doch in Hulther?«

»Fo ift ef.«

»Na also. Graf Lohferd sucht fähige Leute im Kampf gegen die Banden aus Beray, die seine Lehen verwüsten. Darum bin ich hier. Um mich einzuschreiben.«

Hinter mir kicherte jemand. Das passierte mir nicht zum ersten Mal, inzwischen hatte ich gelernt, es zu ignorieren.

»Tut mir leid, mein Kind. Lohferd hat feinen Trupp längft komplett.«

Das Kichern schwoll zu unverhohlenem Gelächter an.

»Die Einschreibung endete bereits vor vier Wochen«, klärte mich ein Gast auf.

»Die Taverne ist aus allen Nähten geplatzt«, ergänzte ein zweiter.

»Da war sie bestimmt mit ihren Lockenwicklern beschäftigt«, prustete ein dritter.

»Ja, lustig.« Frustriert strich ich eine Locke, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte, hinters Ohr. Sie rutschte mir sofort ins Gesicht zurück. »Wenn deine Klinge so präzise trifft wie dein Mundwerk, kann in Hulther ja nichts schiefgehen. Wer bist du? Lohferds Hofnarr?« Ich bedachte den Idioten mit einem vernichtenden Blick und wandte mich nochmals dem Wirt zu. »Habt Ihr wenigstens ein Zimmer für mich? Einen Waschzuber …«, wieder Gekicher, »… außerdem Bier und etwas zu essen?«

»If habe einige Fimmer frei.« Das wunderte mich nicht. »Fuber koftet ekftra.« Der Wirt zeigte auf den Kessel, der über dem offenen Feuer simmerte. »Heute gibt ef Bohnenfuppe«. Nicht schon wieder …

Ich nickte dem Alten zu. »Bestens. Dann Suppe und einen Krug Bier, guter Mann.«

In einer ruhigen Ecke suchte ich mir einen freien Platz, verstaute mein Gepäck unter dem Tisch und ließ mich schwer auf den Stuhl sinken. Ein Rundblick bestätigte mir, in was für einem Loch ich gelandet war. Kannte man eines, kannte man alle: Niedrige Decke, Dämmerlicht, rauchgeschwängerte Luft, wacklige Holztische, zusammengehalten von den Essensresten, die im Laufe der Jahre in die Ritzen eingedrungen waren und dort wie Leim klebten. Als der Wirt mir auf krummen Beinen die Bestellung brachte, hing sein Daumen in der Suppe. Das Bier war gestreckt, die Bohnenstücke ähnelten weich gekochten Fußnägeln und schmeckten auch so, die schwarzen Brocken mit dem rauchigen Aroma, die ich für Mettwurststücke gehalten hatte, entpuppten sich als Angebranntes vom Kesselboden. Ach, und das Brot, die Scheibe war so dünn, ich konnte durchgucken.

Auch die Kundschaft erfüllte meine Erwartungen. Da wurde gewürfelt, gesoffen, gegrölt und der einzigen Schankmaid an Busen oder Hintern gegrabscht. Schweißgeruch mischte sich mit Pfeifenrauch, den Rest des Duftgemenges bestritten zu gleichen Teilen ungewaschene Socken, Unterhosen und faule Zähne. In den dunkelsten Ecken lungerten schweigende Gestalten, irgendwelche Spitzbuben, die man gegen Bezahlung für alles anheuern konnte, von einer Tracht Prügel bis zum Mord.

Mein Blick kehrte zur Schankmaid zurück, die sich mit Müh und Not von einem Gast losriss. Gerade überlegte ich, ob ich einschreiten sollte, da versetzte sie dem Mann solch eine saftige Ohrfeige, dass es ihn rücklings vom Hocker fegte. Das Mädchen wusste sich zu helfen, so viel stand fest. Bei dem Rotschopf in ihrer Nähe, einem jungen Mann, der eben unverschämt zu mir rübergegrinst hatte, war ich mir nicht so sicher. Vier für diese Spelunke recht gut gekleidete Männer umringten ihn und nahmen ihn eindringlich ins Gebet. Ich tippte auf Spielschulden. Rotschopf sah aus wie einer, der sich gern übernahm.

Lustlos tauchte ich den Löffel in die Suppenschüssel und schöpfte von der trüben Brühe. »Ich habe da von einem todsicheren Auftrag gehört, drüben in Hulther«, hatte Tilvor gesagt und dabei so bekräftigend genickt, als wollte er Läuse aus dem Haar schütteln. Danke, dass du mich für nichts und wieder nichts durch das ganze Land gehetzt hast. Den Auftrag hatte es wohl gegeben, Tilvor hatte sich allerdings im Monat geirrt.

Zehn Tage war ich unterwegs gewesen. Meine Füße waren mit den Stiefeln verbacken, die Kleidung pappte mir am Leib. Und wenn ich ehrlich war: Ich passte in dieses Drecksloch wie der Finger in die Nase, die Faust aufs Auge und der Fuß in den Arsch.

Ich nahm einen tiefen Schluck aus meinem Krug, der einen Moment lang meine Sicht einschränkte. Als ich ihn wieder absetzte, hatte ich Gesellschaft bekommen. Zwei Männer standen bei meinem Tisch und grienten auf mich herab. Einen erkannte ich als denjenigen, der die Schankmaid belästigt hatte. Die beiden schwankten sacht von links nach rechts wie Ähren in einer leichten Brise. Sie hatten mir einige Krüge voraus. Ich wusste, was jetzt kam. Warum wiederholte sich alles? Warum war mein Leben eine Abfolge von Straßendreck, löchrigen Sohlen, Aufträgen, die ich verpasste, Sold, den man mir schuldig blieb, versifften Spelunken und besoffenen Kerlen, die mir an die Wäsche wollten?

»Ist da frei?«, fragte der erste und wies auf einen der beiden Stühle bei Tisch.

Ich zog das Möbel zu mir heran und legte einen Fuß auf die Sitzfläche. »Nein.«

Derselbe Kerl verzog keine Miene und wies stattdessen auf den zweiten Stuhl. »Und da?«

Ich stand auf, ging zur anderen Seite des Tisches, nahm den Stuhl, stellte ihn neben den, nach dem er zuerst gefragt hatte, setzte mich und legte die Beine quer über beide. »Nein.«

Die beiden waren auf Zack. Sie gingen zu einem freien Tisch, schnappten sich zwei Hocker und setzten sich zu mir. Dann unterzogen sie mich einer gründlichen Musterung.

»Sag mal, wie kommt es, dass ein Frauchen wie du in diesem Aufzug hier auftaucht, um sich für eine Söldnertruppe einzuschreiben?«

Ich ignorierte »Frauchen« und dachte über die eigentliche Frage nach. »Indem ich diese Sachen hier angezogen«, mit dem ausgestreckten Zeigefinger wies ich auf meine, zugegebenermaßen abgewetzte, Lederbrigantine, das wattierte Hemd, die Lederhose, den Schwertgürtel und die Schaftstiefel, »und mich auf den Weg gemacht habe, um mich in dieser Taverne für besagte Söldnertruppe einzuschreiben.« Lächelnd nahm ich einen Schluck Bier.

Die beiden sahen einander kurz an. Ihre Mundwinkel hatten sich deutlich abgesenkt und über den Nasenwurzeln bildeten sich steile Falten wie Keile.

»Ich glaube, dort, wo das vorlaute Frauchen herkommt, haben sie’s versäumt, ihm Manieren beizubringen.«

»Ja, zum Beispiel, dass sie einem Mann gegenüber nicht solche Reden schwingt.«

»Welche Reden? Ich habe lediglich eure Frage beantwortet. Hat der Satz euch mit seiner Länge überfordert?«

Die Spitze hatten sie verstanden, so besoffen waren sie nicht. Die Keile über der Nase verzogen sich wegen der Augenbrauen, die drohend aufeinandertrafen.

»Ich denke, bei der Schlampe ist dringend eine Lektion fällig.«

»Ja. Jemand sollte ihr zeigen, wie das bei uns in Hulther läuft.«

Ich hielt mich für einen genügsamen Menschen, auch in Bezug auf Männer. In der richtigen Stimmung, wenn sie nicht gerade aus dem Mund rochen und ich keine Verpflichtungen einging … Ich erwartete nichts und war nicht bereit, Erwartungen zu erfüllen. Dafür konnte ich genießen und in angemessenem Rahmen verwöhnen. Es gab nur eine winzige Sache, auf die ich Wert legte: Respekt. ›Dieser Stuhl ist nicht frei‹ hieß: Er war nicht frei! Ganz einfach! Selbst wenn niemand darauf saß. Eine Frau, die auf Gesellschaft verzichten und ihre Ruhe haben wollte, war kein Frauchen, keine Schlampe, nichts dergleichen, sondern eine Frau, die auf Gesellschaft verzichten und ihre Ruhe haben wollte. Diese Lektion hatten die Herrschaften vor mir bislang versäumt und ich beschloss, mich der schwierigen Aufgabe zu stellen, die Lücke zu schließen.

Der Vater meines Ausbilders Ruben Gole war in seiner Jugend zur See gefahren. Er hatte seinem Sohn beigebracht, eine Affenfaust zu knüpfen, einen kugelförmigen Knoten, der ursprünglich das Ende einer Schmeißleine beschwerte. Hatten wir, seine Schüler, im Training nicht aufgepasst oder es vorgezogen, uns zu prügeln, hatte Ruben mit den Affenfäusten unsere Aufmerksamkeit zurückerlangt. Die blauen Flecken hatten nach Tagen nichts von ihrer intensiven Farbe eingebüßt, von den Schmerzen ganz zu schweigen. Ich hatte eine weitere Lehre daraus gezogen und trug seitdem ein anderthalb Ellen langes Seil an meinem Gürtel, mit zwei dieser Knoten an beiden Enden. Daran nestelte ich, schwang die Beine von den Stühlen und stand auf.

»Wisst ihr, ich habe einen langen Weg hinter mir, bin müde und mir tun alle Knochen weh.«

»Gleich tut dir viel mehr weh, du-«

»Klappe!« Brüsk hob ich eine Hand und der Mann verstummte. Die Geräuschkulisse im Schankraum flaute merklich ab. Immer mehr Köpfe wandten sich uns zu. »Nochmal: Ich bin müde. Daher kürzen wir die Sache ab. Lasst uns rausgehen.«

»Du meinst rauf«, meinte der eine verdutzt.

Der andere stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. »Nein, raus. Sie mag es lieber an der frischen Luft.«

»Ja, genau«, seufzte ich. »Draußen ist mehr Platz. Nicht dass hier drinnen etwas zu Bruch geht.«

Sein Kumpan verstand. »Grrrr«, machte er dümmlich. »Ein Kätzchen.« Er brach in brüllendes Gelächter aus.

Ich massierte meine Nasenwurzel und suchte den Blick der Schankmaid. »Mädchen«, rief ich, »pass auf, dass niemand in meinen Sachen wühlt.« Ich wies unter den Tisch und warf ihr eine Kupfermünze zu. Sie fing sie auf und nickte. Spätestens jetzt hatte ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. »Auf, meine Herren …« Ohne weiter auf sie zu achten, steuerte ich zwischen den beiden Kerlen hindurch auf die Tür zu. Dem Scharren der Stuhlbeine nach zu urteilen, würde ich ein paar Zuschauer haben.

Neben der Taverne führte ein Pfad hinter das Haus und zu den Stallungen. Zwischen den Gebäuden lag eine freie Fläche, die etwa zehn auf zehn Schritt maß. Die Sonne war bereits untergegangen, ein roter Schleier hing im Westen über dem Himmel. Es roch nach Pferdemist, ein angenehmer Geruch, besser als der Gestank im Schankraum. Mitten auf dem Platz stellte ich mich hin und wartete, bis meine Schüler zu mir aufgeschlossen hatten. Über den Eingängen zu den Ställen hingen Laternen, genug Licht, den fragenden Ausdruck auf ihren Gesichtern zu erkennen. Ich breitete die Arme aus. »Da wären wir. Habt ihr geglaubt, ich gehe mit euch ins Heu?« Belustigt tastete ich nach den Affenfäusten an meinem Gürtel. Ich freute mich darauf, die beiden Schätzchen endlich zu benutzen. Sie waren noch nie zum Einsatz gekommen, schließlich konnte ich nicht wahllos Leute verdreschen, auch wenn es Tage gab, an denen mir danach war.

»Was ist?«, fragte einer der beiden. »Willst du es hier, vor Publikum?« Er drehte sich nach den Gästen um, die sich tuschelnd um uns scharten, grinste, hielt die Hände auf Hüfthöhe, als würde er etwas festhalten, und stieß mit dem Becken vor und zurück. Sein Kumpan fand diesen pantomimisch dargestellten Beischlaf so amüsant, dass er sich lachend auf die Schenkel klopfte.

»Ja«, entgegnete ich, »vor Publikum ist es mir am liebsten.«

»Dann komm her und du wirst dein blaues Wunder erleben.« Einer der beiden trat ein paar Schritte auf mich zu.

Ein Seilknoten fuhr durch die Luft und traf mit einem dumpfen Laut sein Ziel ‒ den rechten Gesäßmuskel des Mannes. Ein sanfter Schlenker, wie ich fand, dennoch entwich ihm ein: »Au! Hure!« Überrascht rieb er sich den Hintern.

»Sonderlich höflich klingt das nicht. Ich hoffe, ihr beiden seid die Ausnahme in Hulther.«

Sie wechselten einen Blick und griffen gemeinsam an. Hatte der eine etwa ein Messer gezogen? Na, dem würde ich Beine machen! Ich tanzte um die Herren herum, wich einem Fausthieb aus, einem Messerstich, einem Tritt und duckte mich unter ihren Armen weg, als sie nach mir langten. Das Seil mit den Affenfäusten wirbelte durch die Luft, klatschte auf Hintern, Schenkel und Oberarme. Ich musste nur aufpassen, dass ich sie nicht im Gesicht traf, die Dinger brachen einem glatt den Kiefer. Das Messer landete bald im Dreck, mit dem Fuß beförderte ich es außer Reichweite.

Die Demütigung hatten die beiden sich verdient, und als mich das Publikum anfeuerte, begann sie richtig Spaß zu machen. Davon angespornt ließ ich meine Gegner näherkommen, bis mich einer an der Schulter erwischte, den Arm um den Hals schlang und dicht zu sich heranzog.

»Jetzt bist du fällig«, knurrte er und schleckte mir mit der Zunge über die Ohrmuschel. Was für ein Widerling! Ich entwand mich seinem Griff und verdrehte mit Schwung seinen Arm. Der Rest des Körpers folgte von selbst. Kurz darauf lag er rücklings vor mir im Dreck, meinen Stiefel auf seiner Brust.

»Immer diese leeren Versprechungen«, murrte ich und warf ihm einen Luftkuss zu.

Der zweite grunzte und stürzte sich auf mich. Es genügte, ihm auszuweichen und den Fuß auszustrecken. Er landete bäuchlings auf seinem Freund, dem er mit einem hörbaren »Uff!« die Luft aus dem Brustkorb presste.

»Habt ihr genug oder wollt ihr einen Nachschlag?« Die Affenfäuste schaukelten erwartungsfroh. Die Kerle rappelten sich auf. Sie starteten einen weiteren halbherzigen Angriff. Ein paar Klatscher mit den Knoten und sie waren bedient. Fluchend trollten sie sich unter dem Gelächter der Umstehenden, wobei sie sich ununterbrochen über Schenkel und Hintern rieben. In den kommenden Tagen wäre jede Kuh neidisch auf diese Flecken.

Entdeckte ich Respekt auf den Gesichtern der Zuschauer? Befremden? Zweifelsohne hatte ich ihnen mit diesem Auftritt etwas geboten. Jetzt wollte ich nur noch zu meinem Bier zurück. Die Menge teilte sich und ließ mich durch. Die meisten mieden meinen Blick, manche grinsten und prosteten mir zu, die Schankmaid zwinkerte. Hatte sie nicht auf meine Sachen aufpassen sollen? Ich beschleunigte meinen Schritt.

Die Sorge um meine Habseligkeiten war unbegründet, ich fand mich als Erste im leeren Schankraum ein, selbst der Wirt war nach draußen gehumpelt, um zuzuschauen, wie ich seine Gäste verprügelte. Ich plumpste in den Stuhl. Das Bier war abgestanden, daher orderte ich ein zweites, obwohl es meine Mittel überstieg.

Tilvor … wie gern hätte ich ihn einen Kopf kürzer gemacht, auf der Stelle. Ich hatte so viele Hoffnungen in diesen Auftrag gelegt. Die Reise nach Hulther hatte meine gesamten Geldreserven aufgefressen. Wovon sollte ich in den nächsten Tagen leben? Ich hatte keine Wahl, ich musste hierbleiben und mir Arbeit suchen. Ob ich nach der Schlägerei heute Abend gute Karten hatte, stand auf einem anderen Blatt. Hing davon ab, wie eingeschworen die Gemeinschaft hier war.

Das frische Bier stimmte mich zuversichtlich. »Geht aufs Haus.« Die Schankmaid lächelte.

Ich lächelte zurück. »Danke.«

»Die beiden machen ständig Probleme. Es war an der Zeit für eine Abreibung.«

»Kam mir auch so vor. Fraglich ist, wie die anderen das sehen.« Ich wies auf die Gäste, die wieder Platz genommen hatten und in meine Richtung starrten.

Sie zuckte die Schultern. »Du hast ihnen Gesprächsstoff geliefert, der sie für eine Weile beschäftigen wird, mehr nicht.« Mit einem Nicken verließ sie den Tisch.

Bildete ich mir das ein oder war die Schaumkrone fester? Und der Geschmack … Ich hatte richtiges Bier im Krug! Unter diesen Umständen würde ich die beiden jeden Abend verprügeln. Ich lehnte mich zurück, schob alle Gedanken an meine prekäre Lage von mir und genoss das herbe Aroma von Gerste und Hopfen. Bis ich spürte, dass ich erneut Gesellschaft bekommen hatte. Ich öffnete ein Auge einen Spalt breit. Vor mir stand jemand und blickte auf mich herab. Die Person war schmal und nicht sehr groß, gehüllt in einen Mantel mit gepolsterten Schultern, dessen Kapuze ihr tief ins Gesicht hing. Ein Mann? Der Kleidung nach zu urteilen, ja, allerdings passte sie vorne und hinten nicht. Das Kerlchen kam mir bekannt vor, bei der Schlägerei hatte es in vorderster Reihe gestanden.

»Wenn du noch länger starrst, kostet es«, meinte ich und öffnete das zweite Auge.

Das Kerlchen zuckte zusammen. »Darf ich mich setzen?«, würgte es hervor.

Nicht schon wieder … Ich atmete tief durch. »Schau mal, du hast eben mitbekommen, was da draußen los war, oder? Das wäre nicht passiert, hätten die beiden Herren akzeptiert, dass ich keine Gesellschaft wünsche. Ich hoffe, bei dir muss ich nicht auch-«

»Nein, so ist es nicht. Ich … es geht um einen Auftrag. Ich brauche Hilfe. Ich … ich kann zahlen.«

Ich stockte. Ein Auftrag? Ich kann zahlen? »Was sagst du?«, murmelte ich, nahm die Füße vom Stuhl und beugte mich vor.

Das Kerlchen sah sich verstohlen um. »Darf ich mich setzen?«

Mit dem Fuß schob ich ihm den Stuhl hin und nickte. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich es mit einem Mann zu tun hatte. Die Stimme kam mir eigenartig vor, genau wie die geschmeidige Bewegung, mit der er, bevor er sich niederließ, den Mantel zurückschlug und den Blick auf zwei Geldkatzen freigab, die schwer an einem breiten Gürtel hingen. »Damit wir wissen, worüber wir sprechen.«

»Wissen wir nicht.« Ich lehnte mich wieder zurück. »Da könnten auch Kieselsteine drin sein.« Während ich den Krug ansetzte, musterte ich meinen neuen Gesprächspartner. Wie er auf der Kante des Stuhls saß, bereit, aufzuspringen, wenn es sein musste. »Also? Du sagst, du hättest einen Auftrag.« Abwartend wippte ich mit dem Fuß.

»Ich …« Mein Gegenüber schob die gefalteten Hände zwischen die Knie und presste sie zusammen. »Ich suche den Mörder meiner Mutter.« Wir schwiegen uns einen Moment an. Dann nahm er die Hände wieder aus dem Schoß und lüpfte die Kapuze.

Hatte ich doch geahnt, dass etwas nicht stimmte. Trotzdem musste ich den Krug, den ich lässig in der Hand hielt, rasch abstellen, sonst wäre er mir entglitten. Langes dunkles Haar, vor dem die weiche, fast kindliche Linie der Wangen hell hervorstach. Große Augen mit dem Ausdruck eines geprügelten Welpen …

»Du bist ein Mädchen«, raunte ich. »Ein Kind.«

Ihre Augen blitzten auf. »Ich bin dreizehn«, stellte sie klar. Dabei erhob sie die Stimme so sehr, dass die Unterhaltungen um uns, die langsam wieder in Fluss gekommen waren, erneut unterbrochen wurden.

»Na dann. Wenn du so erwachsen bist, solltest du deine Stimme zügeln können.«

Sie warf mir einen giftigen Blick zu und sah unter sich.

»Was soll dieser Unsinn, du würdest den Mörder deiner Mutter suchen und bräuchtest meine Hilfe? Soll das ein Scherz sein?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, es wäre einer. Aber es ist keiner. Ich habe vorhin mitbekommen, dass du wegen der Einschreibung hier bist, ganz umsonst. Und ich habe zugesehen, wie du die beiden Männer … jedenfalls, ich denke, ich brauche jemanden wie dich: eine Söldnerin, um den Mörder meiner Mutter zu töten.«

»Eben sollte ich ihn noch suchen.«

»Suchen und töten.«

»Und womit willst du mich bezahlen? Mit deiner Kieselsteinsammlung?«

Sie presste die Lippen aufeinander, hantierte an einer der Geldkatzen, griff hinein und drückte mir etwas in die Hand. Meine Augen weiteten sich. Auf meiner Handfläche lag ein blanker Gulden. Ich schloss die Finger darum. »Ich habe mehr davon«, flüsterte sie. »Viel mehr.«

»Bitte erzähl mir nicht, dass du mutterseelenallein durch die Lande ziehst, vollgestopft mit Gulden.« Ich gebe zu, ›mutterseelenallein‹ war ein ungeschickter Ausdruck.

Sie antwortete nicht.

»Wie heißt du?«, fragte ich.

»Liobhan.«

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass alle uns anstarrten. Obwohl ich aus den Augenwinkeln nichts Ungewöhnliches bemerkte, hielt ich es für besser, die Unterhaltung an einem anderen Ort fortzuführen.

»Hör zu, Liobhan, wir sollten an die frische Luft gehen, weg von den vielen Ohren, die gleich bei uns auf dem Tisch liegen.« Ich beugte mich vor. »Ich bringe mein Gepäck in den Schlafraum. Du wartest hier auf mich. Ich will nicht, dass du allein draußen herumstehst, verstanden?«

Sie nickte und so stand ich auf und zog meine Habe unter dem Tisch hervor. Ich musste mich dringend um die Kleine kümmern, bevor ein anderer es tat. Wenn ich mir ausmalte, was Liobhan hier Übles widerfahren konnte, kribbelte mein Rückgrat, als würde ein Heer Ameisen daran entlangspazieren. Gleichzeitig interessierte mich die Geschichte. Nicht wegen der Gulden. Natürlich auch wegen der Gulden, aber ich fragte mich, was ein junges Ding dazu trieb, in Spelunken wie dieser Fremde als Auftragsmörder anzuheuern. Was war dran an dem angeblichen Mord an ihrer Mutter? Oder steckte doch nur ein dummer Scherz dahinter

2.

Karla! Oder doch Niéra? Oder ganz anders? Ich kam nicht auf den Namen. Jedenfalls besaß sie vier Brüder. Das erfuhr ich aber erst, als sie mich aufgestöbert hatten. Sie trugen maßgeschneiderte Reiseumhänge, waren alle vier geschniegelt und gestriegelt, gut gebaut und standen voll gerechtem Zorn an meinem Tisch. Handelte es sich um die Brüder derjenigen, die ich meinte, hatten sie sieben Tagesreisen auf sich genommen, um mich zu finden.

»Reid Learham?«

War das eine Fangfrage? Sollte ich leugnen? Erst einmal berichtigen. »Reid Learham, Graf von Mittel-Althegon.« Ich setzte ein gewinnendes Lächeln auf und zog eine eng gerollte Urkunde aus einer Seitentasche meiner Weste. »Landadel«, fügte ich erklärend hinzu und überreichte dem größten der vier das wichtige Dokument. »Was kann ich für die Herren tun?«

Der Große entrollte die Urkunde und betrachtete sie kurz. Anschließend tat er etwas sehr Hässliches: Er packte sie an den einander gegenüberliegenden oberen Ecken, zerriss sie und ließ die beiden Hälften zu Boden flattern. »Kann man für zehn Schilling kaufen, drüben in Nelcoe. Für zwanzig Schilling bescheinigen sie dir sogar, dass du über zehn Ecken mit dem König verwandt bist.«

»Ich muss doch sehr bitten!«

Meinen Protest ignorierend beugte sich der Große zu mir herab und brachte sein Gesicht dicht vor meines. »Wir wollen das Geld, das du unserer Schwester entwendet hast«, erklärte er und ergänzte auf meinen fragenden Blick ein »Nasja«.

Nasja! Natürlich! Wie kam ich auf Karla? »Welches Geld?«

»Du mieses-« Einer der anderen drei machte einen Schritt vor, doch der Große hielt ihn zurück. »Die zweihundert Gulden, um die du sie gebracht hast«, knurrte er. »Ihre Aussteuer.«

»Zweihundert Gulden.« Ich legte die Stirn in Falten. Das hier war übel, ich sollte gründlich nachdenken, bevor ich weitersprach. »Ach die. Das war eine Schenkung für meine kranke Mutter.«

»Hattest du Nasja nicht erzählt, du seist Vollwaise?«

Richtig. Ein Fetzen Wahrheit, geboren aus einem schwachen Moment. Mir schwante, dass ich aus dieser Sache nicht mehr so einfach rauskam. Da konnte ich die Karten gleich auf den Tisch legen. »Ja, meine Mutter hätte medizinische Hilfe viel früher benötigt. Es war für die Beerdigung.«

Der Große packte mich am Kragen und hob mich ein Stück in die Luft. »Wo ist das Geld?«

»Ich habe es nicht mehr«, sagte ich schnell.

»Was? Wo ist es?«

»Er hat es. Dort hinten der Grobschlächtige mit den Narben im Gesicht. Mit dem würde ich mich an eurer Stelle nicht anlegen. Tja, leider hatte ich heute weit weniger Glück im Spiel als gewöhnlich. Ach ja, er hat auch etwas abbekommen.« Ich wies auf den zahnlosen Wirt. »Bloß einen Bruchteil.«

»Du Dreckschwein hast in einer Woche zweihundert Gulden durchgebracht?« Das war wieder der Gewalttätige, der eben schon die Fäuste gereckt hatte.

Der Große ließ mich los und ich fiel auf meinen Stuhl zurück. »Ich weiß gar nicht, was ihr wollt«, maulte ich und richtete meine Kleidung. »Eure Schwester kann sich glücklich schätzen, ich habe ihr die Nacht ihres Lebens beschert. Geht heim und fragt sie.«

»Sie liegt in ihrem Bett und heult sich die Augen nach dir aus!«

»Tatsächlich?« Ich lächelte versonnen.

»Dem breche ich alle Knochen …«, raunte der Gewalttätige.

»Nicht hier drinnen«, murmelte der Große. »Bringen wir ihn raus.« Erneut packte er mich am Kragen.

»Freunde, muss das sein? Ich versichere euch, ich war jeden Gulden wert.« Warum hielt ich nicht einmal das Maul? Es war zum Auswachsen, der Ernst der Lage drang nicht zu mir durch!

Der Große zerrte mich vom Stuhl. In diesem Augenblick geriet der gesamte Schankraum in Bewegung. Die vier Brüder hielten inne. Die schwarzhaarige, bis an die Zähne bewaffnete Söldnerin, die wegen der verpassten Einschreibung für Heiterkeit gesorgt hatte, stolzierte, alle Blicke auf sich ziehend, zwischen den Tischen hindurch Richtung Ausgang. Die beiden besoffenen Unruhestifter, die den Abend über mit steigendem Pegel die Schankmaid immer wüster belästigt hatten, glotzten ihr kurz hinterher und folgten. Überall wurden Stühle gerückt, standen Gäste auf, selbst der Wirt humpelte hinaus. Da stand doch nicht etwa eine Prügelei an?

»Wollen wir uns das wirklich entgehen lassen?«, wandte ich mich ächzend an die Brüder. »So etwas haben wir hier nicht jeden Abend, da können wir unser kleines Missverständnis auch später bereinigen.«

Ich wurde angewidert gemustert, dann stieß der, an dessen Faust ich baumelte, mich vor sich her zum Ausgang hin. »Du hast unserer Schwester das Herz gebrochen«, grollte er, »du wirst es wieder heilen. Mach dir keine falschen Hoffnungen, du kommst nicht davon.«

Bei seinem Ton wurde mir bang. »Was habt ihr mit mir vor?«

Ich hörte das Grinsen in seiner Stimme. »Na was schon. Da du die Aussteuer hast, kommst du gefälligst mit und heiratest sie. Das ist für einen wie dich die schlimmste Strafe.« Er brachte seinen Mund dicht an mein Ohr. »Und wehe, sie ist nicht glücklich, jeden einzelnen Tag, den du noch lebst.« Etwas drückte gegen meinen Schritt. Ich schielte nach unten. Ein Messer blitzte auf. Ich hatte die wortlose Warnung verstanden. Gut, dass er mich hielt, denn einen Moment lang gaben meine Beine nach.

Benommen taumelte ich meinen künftigen Schwägern voraus in die aufziehende Nacht hinein. Was für düstere Aussichten: Heirat. Kinder womöglich. Verantwortung für eine Familie. Ich? Der Gedanke daran steigerte meinen Herzschlag zu einem irrwitzigen Trommeln. Blut rauschte in meinen Ohren. Das konnten die nicht mit mir machen. Sollte ich ihnen vorschlagen, mich auf der Stelle zu entmannen?

Sie brachten mich nicht zu ihrem Vierspänner, der gegenüber des Gasthauses wartete. Wir folgten den Gästen zu der freien Fläche vor den Stallungen, wo sich die Kontrahenten bereits eingefunden hatten. Dort kämpften wir uns zu einem Platz vor, von dem wir eine gute Sicht auf das Schauspiel haben würden. Kaum angekommen, ging es schon los: Die Söldnerin machte den beiden Trunkenbolden, von denen einer ein Messer gezückt hatte, so etwas von Feuer unterm Hintern, das hatte ich meinen Lebtag noch nicht gesehen. Mit ihrer einfachen Waffe, die, soweit ich sah, aus einem Seil mit zwei fetten Knoten an den Enden bestand, gerbte sie ihnen den Rücken, dass ihnen Hören und Sehen verging. Das Messer flog in den Dreck, bald hoben beide schützend die Arme über den Kopf und duckten sich unter den Schlägen weg, die auf sie herabprasselten. Die Zuschauer machten große Augen, fingen an zu grölen, während die Frau den beiden zeigte, wo der Hammer hing. Und vor allem, wem er gehörte.

Selbst meine zukünftigen Schwäger konnten sich dem Kampfgeschehen nicht entziehen. Scheinbar vergaßen sie darüber meine Anwesenheit. Der Griff des Großen um meinen Kragen lockerte sich. Bald war ich frei und stand zwischen den vieren herum, als wären wir dicke Freunde. Zeit, die Bekanntschaft in andere Bahnen zu lenken. Sobald die Geprügelten unter dem Gelächter der Umstehenden ihr Heil in der Flucht suchten und sich durch das Publikum schoben, machte ich mich klein und verschwand ebenfalls. Ich hatte ein paar Schritte zwischen die Herren und mich gebracht, da hörte ich einen von ihnen schimpfen.

»Wo ist der Dreckskerl hin?«

»Verflucht, sucht ihn!«

Ich schaute nicht zurück, schlüpfte hinter einen Schuppen und presste den Rücken gegen das verwitterte Holz, um durchzuatmen. Der Himmel hatte mittlerweile eine nachtblaue Färbung angenommen, die Sonne sich erfolgreich aus dem Staub gemacht. Im Gegensatz zu mir. Die Lichtverhältnisse spielten mir zwar in die Tasche, meine Schwäger waren hingegen zu viert und konnten sich bequem aufteilen. Genau das taten sie, wie ich bei einem schnellen Blick um den Schuppen herum feststellte. Der Große zwängte sich an einigen Zuschauern vorbei und kam in meine Richtung. Die Dunkelheit ausnutzend ließ ich mich auf alle viere nieder und kroch hinter einen Leiterwagen, auf dem ein Jauchefass ruhte. Zwischen den Speichen hindurch sah ich die Menge sich schwatzend zerstreuen. Geld wechselte den Besitzer, da die Gäste Wetten abgeschlossen hatten.

»Mach es nicht schlimmer, als es ist, Reid!«, rief der Große halblaut. »Wir finden dich!«

Abwarten. Sobald er mir den Rücken zuwandte, krabbelte ich hinter einige Strohballen. Von hier war es nicht mehr weit bis zu den Ställen. Entweder würde ich mir dort ein Versteck suchen oder im Schutz der Gebäude über das freie Feld Richtung Wald rennen. Die zweite Möglichkeit überdachte ich noch einmal. Obwohl es dunkel war, bestand die Gefahr, entdeckt zu werden. Schlimmstenfalls stolperte ich und brach mir den Knöchel.

Die Idee, dass ich mich bei den Ställen verkrochen hatte, war den vieren auch gekommen. Zwei behielten das Gasthaus im Auge, die anderen beiden pirschten sich an meinen Unterschlupf heran. Mit Müh und Not erreichte ich drei Fässer und überlegte, ob ich mich in einem davon verstecken sollte.

Was für ein unsinniger Plan! Ich stellte mir vor, wie sie den Deckel vernagelten, mich aufluden und Nasja direkt in die heiratswilligen Arme kippten. Ein Schauer überlief mich.

Unterdessen hatten sich die übrigen Gäste in die Taverne zurückgezogen. Verständlich, von den Feldern stieg Bodennebel auf, der eine kalte Nacht versprach. Wie ging es nun weiter? Mein Pferd stand in einer Box und ich hatte keine Ahnung, wie ich dem Wirt die Gebühr dafür entrichten sollte.

Erste Idee: Ich sprang wagemutig auf seinen Rücken und preschte davon. Bis die vier Brüder ihre eigenen Rösser abgespannt und die Verfolgung aufgenommen hätten, wäre ich über alle Berge ‒ auf einem anderen Tier zumindest. Mein Gaul war dürr und klapprig, hatte den Weg nach Hulther knapp überlebt und lehnte seit unserer Ankunft an einer Boxenwand. Mindestens ein Eisen war locker, aber ich verfügte nicht über das Geld, es richten zu lassen. Nicht mehr …

Zweite Idee: Ich stahl ein Pferd. Diese Möglichkeit verwarf ich sofort. Hulther gehörte zu einer der Gegenden, in denen ich eher ungeschoren davon käme, würde ich einen Mord begehen. Ich wollte weder gebrandmarkt noch aufgeknüpft werden, sollte man mich erwischen.

Die Schritte meiner Verfolger kamen näher. Ich schaute mich um, dann stieg ich vorsichtig auf eines der Fässer, hangelte mich aufs Dach und schob mich auf den Schindeln bis zum First hoch. Das alles ging leise vonstatten, ich war geübt im Klettern auf Dächern. Zu meinem Glück wieherten zwei Pferde in ihren Boxen, was die Aufmerksamkeit der Brüder, die nach mir suchten, auf das Innere des Stalls lenkte. Ich drückte mich eng an die Holzschindeln, presste meine Wange dagegen und wartete ab.

Die beiden wühlten im Heu, ich hörte ein Poltern und Scheppern, sie schienen jede Ecke zu durchforsten. Ihre Anwesenheit beunruhigte die Pferde, immer wieder schnaubte oder wieherte eines. Das Gemurmel der Brüder klang unzufrieden, als sie durch die Tür nach draußen traten und um das Gebäude herumgingen.

»Habt ihr ihn gefunden?« Der Ruf kam vom Gasthaus.

»Nein«, lautete die Antwort. »Sicher, dass er nicht in eure Richtung gelaufen ist?«

»Absolut sicher.« Die zwei bei der Taverne hatten Laternen aufgetrieben. Alle vier sammelten sich in der Mitte des Platzes und sahen sich um. Ich machte mich auf dem Dach so flach wie möglich.

»Der kann sich nicht in Luft aufgelöst haben«, schimpfte der Große.

»Ich bin mir sicher, dass er hier irgendwo steckt. Außerdem liegt sein Gepäck in der Taverne. Und das Pferd steht im Stall. Er hat gar keine andere Wahl, als zurückzukommen.«

Der Große hob die Laterne. Das Licht warf unheimliche Schatten auf sein Gesicht. »Er ist hier. Ich weiß es. Ich spüre, wie uns der Dreckskerl beobachtet.«

Ich schloss die Augen. In diesem Moment raschelte es vernehmlich in den Hecken, die hinter den Ställen das angrenzende Feld säumten. Zwei Tiere, Marder womöglich, sprangen heraus und balgten sich unter dem Dachüberstand. Dabei warfen sie einen Besen um, der einen Eimer traf. Das Geklapper erschreckte sie, wie der Blitz schossen sie ins Gebüsch und über das Feld davon.

»Habt ihr das gehört?« Die vier Brüder hasteten hinter den Stall.

»Seht ihr das? Dort, auf dem Acker! Bewegt sich da etwas?«

»Bisschen klein für einen Menschen, meinst du nicht?«

»Vielleicht hat er sich zu Boden geworfen.«

Die vier diskutierten, ob es sinnvoll wäre, die Suche nach mir auf den Wald auszudehnen, und überlegten, ob einer zurückbleiben und weiter Taverne und Ställe observieren sollte. Letztlich entschieden sie, gemeinsam zu gehen, damit ich ihnen in der Dunkelheit nicht entwischte, und dafür mein Gepäck in Gewahrsam zu nehmen. Großartig! Das bedeutete, ich musste mir in den kommenden Tagen Garderobe zusammenklauen, wollte ich nicht wochenlang dieselben Socken tragen. Ich stöhnte unterdrückt auf, als mir einfiel, dass auch mein Mantel drinnen hing. Just bei diesem Gedanken fing ich an zu frösteln. Wie gern säße ich nun in der Taverne beim Herdfeuer, umhüllt von den Stimmen, die zu mir herüberwehten.

Ich blieb auf dem Dach liegen und wog meine Möglichkeiten ab. Die Auswahl war gering. Ich musste hier weg, irgendwohin, wo die vier mich nicht aufspürten. Bloß wohin? Und wie? Mein Pferd hatte ich abgeschrieben, blieben die eigenen Füße. Ich könnte die Kutsche stehlen … Nein! Brandmarken und aufknüpfen, Reid! Fünf Stockhiebe für den Diebstahl eines Stück Bratens verheilten schnell, ein Seil, das sich um den Hals zuzog, richtete bleibende Schäden in Form des Todes an.

In der Kutsche befand sich vielleicht Geld. Oder wenigstens ein Umhang oder eine Decke. Eine Pferdedecke. Dann musste ich nicht frieren.

Erstaunlich, wie tief ich innerhalb eines Tages gesunken war. Morgens im Besitz von einhundertfünfzig Gulden, abends mittellos, obdachlos, hoffnungslos. Während ich überlegte, ob ich einen Blick in die Kutsche riskieren sollte, hörte ich Schritte. Kamen die Brüder etwa zurück? Nein, die Söldnerin mit den schwarzen Locken schritt über den Platz, neben ihr eine Gestalt in einem Mantel. Was trieben die beiden hier? Und warum schauten sie sich so sorgfältig um?

Bitte, kein Schäferstündchen im Heu, mir stand gerade nicht der Sinn danach, anderen dabei zuzuhören. Ich seufzte innerlich.

»Niemand hier. Wir können ungestört reden.«

Reden, gut. War das die Söldnerin gewesen? Interessante Stimme. Samt und Sand, weich und kratzig zugleich.

»Also, was ist das für eine Geschichte mit deiner Mutter?«

Stille folgte. Dann sprach eine zweite Stimme. »Meine Mutter wurde ermordet und mein Stiefvater … anstatt etwas zu unternehmen, zieht er es vor, sich zu verkriechen.« Der Sprecher machte eine Pause. Sprecher? Das klang eher nach einem Mädchen.

»Und da hast du beschlossen, auf eigene Faust loszuziehen?«

»Ja. Ich habe Nachforschungen angestellt. Rumgefragt.«

»Wie lange liegt der Mord zurück?«

»Nicht lange. Ich bin seit sechs Wochen unterwegs.«

Jetzt war ich mir sicher, einem Mädchen zuzuhören.

»Sechs Wochen? Dann ist der Mörder über alle Berge.«

»Ich kenne seinen Namen.«

»Ja und? Raus mit der Sprache!«

»Ramir Vylos.«

Beinahe hätte ich durch die Zähne gepfiffen. Ramir Vylos … kaum einer kannte ihn nicht. Er war maßgeblich in eine Intrige gegen König Ulric verwickelt gewesen. Dessen jüngster Sohn hatte versucht, Einfluss auf die Thronfolge zu nehmen – zu seinen Gunsten, verstand sich. Er hatte ein Söldnerheer unter Ramirs Führung angeworben, um den Vater zu entmachten. Die Schlacht in der Narrenschlucht, legendär! Ulrics Heer hatte Vylos’ Männer aufgerieben und jeden einzelnen getötet, nur Ramir war entkommen. Wie hieß der Kämpfer noch, der sich auf Ulrics Seite so hervorgetan hatte? Aldonn? Emiron?

»Ramir Vylos«, wiederholte die Söldnerin. »Wie kommst du ausgerechnet auf den?«

»Mein … er … es gab Zeugen, die ihn gesehen haben.«

Ob ihr das Drucksen des Mädchens auffiel?

Die Schwarzhaarige atmete hörbar durch. »Liobhan … versteh mich nicht falsch … ich weiß schon, was ich kann, so ist es nicht, aber Ramir Vylos … ich bin mir nicht sicher, ob der Inhalt zweier Geldkatzen da ausreicht. Du brauchst wesentlich mehr Söldner als mich, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben.«

Geld? Jetzt wurde es interessant!

»Ich habe mehr«, lautete die geflüsterte Antwort. Mein Herz machte einen Satz. Dort unten standen zwei Frauen … eineinhalb Frauen, von denen die halbe über solch beträchtliche Geldmittel verfügte, dass die Söldnerin überhaupt mit ihr redete. Hatte die Kleine ihr das Geld gezeigt? Wie kam es in den Besitz des Mädchens?

»Woher stammt das Geld denn?«

»Das Erbe meiner Mutter. Mein Stiefvater wollte es für mich verwalten, bis ich achtzehn bin, ich fühle mich allerdings reif genug, selbst zu entscheiden, was damit geschieht.«

»Über welche Summe sprechen wir?«

Das Mädchen schwieg.

»Damit ich weiß, was geht und was nicht«, erklärte die Schwarzhaarige.

»Eintausendfünfhundert Gulden.«

Eintausendfünfhundert … wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus, wie sie nur Geld und Geschmeide hervorzurufen vermochten.

Die Stimme der Söldnerin klang belegt. »Eintausendfünfhundert Gulden … ich hoffe, die hast du nicht in deinem Schlafraum unter die Matratze gestopft.«

»Nein«, antwortete Liobhan. »Ich habe das meiste im Wald verbuddelt.«

Ihre Gesprächspartnerin schnaufte. »Na, dann will ich für dich hoffen, dass sie zwischenzeitlich kein Eichhörnchen ausgebuddelt hat. Auf jeden Fall ist es eine hübsche Summe.«

»Wirst du mir helfen, Åsa?«

Stimmt, die Söldnerin hieß Åsa. Schöner Name.

»Puh, Ramir Vylos … ich muss mir das durch den Kopf gehen lassen. Reden wir morgen weiter, jetzt nehme ich erst einmal ein Bad.«

»Es gibt da allerdings noch etwas«, fuhr das Mädchen zögerlich fort.

»Und das wäre?«

»Es heißt, Ramir habe Althegon verlassen. Er … er soll sich auf dem Weg nach Zahr al-Ahub befinden.« Liobhan räusperte sich.

»Zahr al-Ahub?«, entfuhr es Åsa.

»Ja. Wir müssten über den Pass.«

Der Pass. Die Wärme in meinem Innern verflog schlagartig.

Hulther lag im Südosten Althegons in Lohferds Lehen. Ein eher langweiliger Ort mit schilfgedeckten Bauernhäusern, heckengesäumten Feldern, Kuhweiden und Ziegenherden. Geschah etwas von Bedeutung, erfuhr man es hier zuletzt. Ich würde sagen, die Einschreibung vor einigen Wochen war das größte Ereignis der vergangenen Jahre gewesen. Selbst die gefürchteten Banden aus Beray verirrten sich kaum in diesen Winkel. Wäre man nun ein Vogel und flöge weiter nach Süden, käme man irgendwann nach Zahr al-Ahub, der Hauptstadt von Amiaghad, dem Land der Sonne, Datteln, fremdländischen Gewürze, braunäugigen Frauen und milden Nächte, in denen alles möglich war. Diese so unterschiedlichen Orte trennte das Drachenhorn-Gebirge. Und der Pass.

»Das ändert alles«, meinte Åsa. »Um über den Pass zu gelangen, brauchen wir Ausrüstung, Schlitten, Schneeponys, Proviant. Das kostet!«

Vollkommen richtig! Schlitten, Schlittenhunde oder Schneeponys, Felle, Zelte, Geschirr, festes Schuhwerk, ganz abgesehen von einem-

»Und natürlich einen Führer, dem zu trauen ist«, fügte Åsa just in diesem Moment hinzu.

»Schlitten, Schneeponys, ein … ein Führer? Aber …« Liobhans Stimme brach, vermutlich sah sie in ihrer Vorstellung die gesamte Barschaft wie Schnee in der Sonne dahinschmelzen.

»Ohne schaffen wir es nicht bis Zahr al-Ahub, vorher sterben wir im Gebirge. Wenn es das ist, was du willst, erledige ich es sauber auf der Stelle, dann musst du nicht leiden.«

Wie recht sie hatte. Der Pass war tückisch, die Überquerung ohne Ortskundigen ein lebensgefährliches Unterfangen. Ich musste es wissen, immerhin war ich in der Gegend aufgewachsen.

Das Mädchen entgegnete zunächst nichts. Dann sagte sie mit stockender Stimme: »Ich weiß, ich bin ein Kind und … worum ich bitte, klingt vollkommen irrsinnig, aber … ich sitze seit zwei Wochen hier fest und weiß nicht mehr weiter.« Schien, dass es jemandem ähnlich ging wie mir, wenn auch aus anderen Gründen. »Dabei bin ich so weit gekommen und … ich will einfach nicht aufgeben.«

»Ja, für so ein junges Ding bist du erstaunlich weit gekommen, ohne verschleppt oder umgebracht worden zu sein. Das blüht dir nämlich, wenn der Falsche das Frischfleisch hinter deiner Verkleidung wittert. Von dem Geld ganz zu schweigen.«

»Als du im Gasthaus auftauchtest und ich mitbekam, dass du eine Söldnerin bist«, fuhr Liobhan fort, »nachdem du die beiden Männer verdroschen hattest, dachte ich mir, jetzt oder nie.«

»Ach so. Dachtest also: Die will bestimmt einen lebensgefährlichen Pass mit mir überqueren, um einen schier unbezwingbaren Wahnsinnigen zu töten.« Ich hörte das Knarzen von Leder und stellte mir vor, wie die Schwarzhaarige sich in ihrer Montur streckte. »Welches Motiv hatte Ramir für den Mord an deiner Mutter?«

»Ich weiß es nicht.« Das Mädchen schluchzte auf. »Aber sie fehlt mir so sehr! Er soll sie mir wieder zurückgeben!«

Ein erschrockenes »Nicht doch …«, als Nächstes vernahm ich gedämpftes Weinen. Vermutlich flennte die Kleine gerade Åsas Lederrüstung voll.

Während Åsa das Mädchen mit leicht durchschaubaren Floskeln zu beruhigen suchte, überschlugen sich meine Gedanken. Im Takt meines Herzschlages ersann ich mögliche Szenarien, manche davon waren … verwerflich. Ja, ich gebe zu, ich erwog, die beiden zu beschatten und ihnen zu folgen, sollten sie einen Ausflug in den Wald unternehmen, wo ich ihnen nicht beim Graben helfen würde, jedoch bei der Bergung des Geldes, während sie sich geknebelt und gefesselt im Unterholz wälzten.

Ich erinnerte mich an die Prügelei und wie Åsa die Kerle fertiggemacht hatte. Die dadurch ausgelöste Neubewertung ließ den Plan in meiner Liste nach hinten rücken. Dafür schob sich eine völlig idiotische Idee immer weiter nach vorn: Ich könnte mich als Führer anbieten.

Betrachteten wir meine Situation nüchtern: Ich hatte kein Geld. Nicht nur das, mir waren vier Brüder auf den Fersen, die für die Ehre ihrer Schwester kämpften. Ich würde nicht heiraten, weder Nasja noch sonst jemanden, eher sterben, aber das wollte ich auch nicht. Außerdem, was hielt Althegon für mich bereit, das ich nicht schon gesehen hatte?

Zahr al-Ahub jedoch, die sagenhafte Blume des Ostens. In meiner derzeitigen Situation unerreichbar.

Wie Åsa gesagt hatte, Ausrüstung war kostspielig …

Ein Plan nahm Gestalt an, der zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Ich würde die beiden über den Pass nach Zahr al-Ahub führen, dafür Lohn erhalten und zugleich meine Schwäger abhängen. Dass sie mir ins Gebirge folgten, konnte ich mir kaum vorstellen. Weiterhin brauchte ich kein Geld, das ich ohnehin nicht besaß, in Schneeponys und Kochgeschirr zu investieren, sondern würde von der Ausrüstung der beiden Frauen profitieren. Und sollte sich eine günstige Gelegenheit ergeben … die Söldnerin mochte wehrhaft sein, auch sie hatte die Augen nicht überall. Ein Säckchen Gold war schnell verschwunden. So wie ich.

»Geht es wieder?« Das Mädchen hatte anscheinend genickt, Åsa fragte weiter: »Du hast ein Zimmer hier?« Offenbar wortlose Zustimmung. »Dann lass uns reingehen und morgen weiter darüber reden, in Ordnung?«

Schritte, gleich tauchten die beiden in meinem Blickfeld auf und kehrten zur Taverne zurück.

Ich muss mir das durch den Kopf gehen lassen ‒ wers glaubte! Hätte mich nicht gewundert, wäre die Entscheidung längst gefallen. Ich hatte ihr die Enttäuschung angesehen, als sie begriffen hatte, dass sie zu spät zur Einschreibung gekommen war. Die Schmach, die sie hinunterschlucken musste. Diese Frau wollte sich beweisen, wollte Scharten in ihrer Klinge und Narben auf dem Körper, die bezeugten, dass sie kein Mittelmaß war und niemals sein würde.

Ich beobachtete, wie sie um die Ecke bogen, zum Eingang des Wirtshauses.

Lass uns morgen weiter darüber reden …

Jetzt musste ich mir überlegen, wie ich mich den beiden als Führer empfahl. Alternativlos, verstand sich.

3.

In meiner Schlafkammer verriegelte ich die Tür hinter mir, warf mich voll bekleidet aufs Bett und kroch unter die Decke.

Hatte mich das Schicksal nicht umsonst an diesen Ort geführt?

Ramir Vylos, der Name entfachte eine Glut in mir, aus der erste Flämmchen züngelten. Angeworben von Prinz Cedrir, um dessen Vater zu stürzen, hatte er auf dem Weg zu König Ulrics Kastell eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Wie lange war das her? Sechs oder sieben Jahre? Erst Eloann Khrom hatte ihm mit seiner Truppe die Stirn geboten und Cedrirs Putschversuch unter hohen Verlusten abgewandt. Der Sieg war nur ein halber, Ramir war entkommen und in der Folge zog Eloann Khrom sich zurück, da ihm der Feind zu viel abverlangt hatte. Dennoch war er aus der Schlacht als Legende hervorgegangen. Ich hatte alle Schriften und Aufzeichnungen über seine Taten studiert, seine Strategien, die Art und Weise, das Schwert zu führen, manche Passagen kannte ich auswendig. Gut zehn Paraden waren nach ihm benannt und wurden an den Schulen gelehrt. Eloann Khrom nachzueifern, war jede Strapaze wert.

Es gab bloß ein lästiges Detail: Wenn es stimmte, was das Mädchen sagte, und Ramir war für den Tod ihrer Mutter verantwortlich, warum tauchte er nach all den Jahren plötzlich auf? Wieso beging er einen Mord und ließ zu, dass der Verdacht auf ihn fiel?

Es klopfte. Genuschel drang durch die Tür. »Daf Bad’f fertif.«

Was? Wer? Ach so … Ich zog mir die Decke vom Kopf. »Danke, ich komme gleich nach unten.«

Im Waschraum erwartete mich ein dampfender Zuber voll mit heißem Wasser. Welch ein Luxus! Ich lächelte den Wirt an, nachdem er ein paar kratzige Lappen zum Abtrocknen hingelegt hatte, und er wurde ein bisschen rot. Seufzend zog ich die Stiefel aus und löste die Schnallen meiner Brigantine. Es war eine Wohltat, mich aus den Kleidern zu schälen. Was auch immer an der Geschichte des Mädchens dran sein mochte, ich würde mich später damit befassen. Jetzt war ich fest entschlossen, ein heißes Bad zu genießen.

Die Blasen brannten, als ich die Füße ins Wasser tauchte. Ich schaffte es bis zur Brust, dann drückte ich mich, die Hände auf dem Rand abgestützt, wieder in den Stand. Mein Herz rumpelte und trommelte gegen die Rippen, mein Atem beschleunigte sich.

Åsa, reiß dich zusammen. Es ist nur ein Bad, das Wasser tut dir nichts. Du steigst hinein, wäschst dich und schon bist du wieder draußen. Vielleicht kurz die Augen schließen, spüren, wie die Wärme deine Muskeln lockert. Denk an etwas Schönes. Ganz langsam ließ ich mich ab.Zum Beispiel an den Nachmittag mit Ruben, als ihr- Ich rang nach Atem und sprang auf. Spätestens wenn das Wasser meine Brust umspülte, griff eine unsichtbare Klaue nach mir, quetschte meinen Brustkorb und presste alle Luft aus mir heraus. Frustriert stampfte ich auf, Wasser schwappte über den Rand. Beim dritten Versuch schaffte ich es kaum bis zum Bauchnabel. Wieder nichts! Wann bekam ich endlich mein verdammtes Bad?

Meine Augen brannten. Wenn du heulst, sind wir geschiedene Leute! Und jetzt raus hier!Ich griff nach einer Bürste, schrubbte über meine Haut, verließ den Zuber, trocknete mich ab und stieg in frische Kleidung. Die getragene ließ ich in der Hoffnung liegen, dass der Wirt sie wusch. Keine Ahnung, wie ich das bezahlen sollte. Auf wackeligen Beinen kehrte ich in den Schankraum zurück. Das Mädchen Liobhan war nirgends zu sehen. Gut so, denn mir stand nicht der Sinn nach wilden Geschichten. Dafür nach etwas Ablenkung.

Ich kramte ein letztes Kupferstück aus meinem Beutel und tauschte es gegen ein Bier. Mit dem Krug schlenderte ich umher, bis mein Blick an einem Mann hängenblieb, der nicht hoffnungslos betrunken schien. Ich steuerte ihn an, sah fragend auf ihn hinab und deutete mit einem Nicken auf den freien Stuhl an seinem Tisch. Er machte eine Geste mit der Hand, die ich als »nur zu« interpretierte.

Eine Zeitlang saßen wir einander schweigend gegenüber. Er musterte mich, ich musterte ihn: kräftigte Brauen, dunkle Augen, braune Locken, eine Narbe am Kinn, geschwungene Lippen. Ein schöner Mund, das musste man ihm lassen. Meine Begutachtung endete bei seinen Händen. Ich hasste es, wenn Männer manikürte Spinnenfinger besaßen. Kräftig sollten sie sein, schwielig und zupacken können. Zu meiner Zufriedenheit vereinte das Paar vor mir all das in sich. Es pochte leicht in meinem Schoß.

»Redest du auch so ungern wie ich?«, fragte ich.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, nahm er einen Schluck aus seinem Krug, leckte sich langsam den Schaum von der Oberlippe und nickte. Das Klopfen wurde stärker.

»Dann sollten wir den Teil überspringen und gleich nach oben gehen.«

Er lächelte. Seine Zähne sahen halbwegs manierlich aus. »Wenn ich danach keine blauen Flecken hab.«

»Nur wenn du mich darum bittest«, entgegnete ich mit kokettem Augenaufschlag.

Er leerte seinen Krug in einem Zug und stand auf. »Dann komm«, meinte er mit einem Blick über die Schulter, bereits auf dem Weg zu den Stiegen.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Alles wäre gut gewesen, hätte er nicht geschnarcht. Ich wäre bis zum Morgen geblieben, hätte etwas von der Wärme seines Körpers gestohlen, versucht, mich in den kommenden Tagen daran zu erinnern. So stand ich halb angezogen neben seinem Bett und blickte im Licht der Öllampe auf den Kerl hinab.

Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Schweiß glitzerte in seinem dunklen Brusthaar, von dem aus eine dünne Linie aus feinen Härchen über den Bauch nach unten verlief. Meine Augen folgten ihr bis zu seinem Glied, das weich auf einem Schenkel ruhte. Ich fühlte mich kein bisschen befriedigt oder abgelenkt. Eher leer. Ratlos. Es war immer das gleiche Spiel. Zwei drifteten wie auf stürmischer See aufeinander zu und klammerten sich in einem kurzen Rausch an dem anderen fest. Sobald der vergangen war, setzte der Fluchtinstinkt ein und beide tauchten wieder ab. Irgendwie ermüdete mich das.

Zurück in meinem Zimmer, in die filzige Decke gewickelt, versuchte ich mir vorzustellen, in jemandes Armen einzuschlafen. Es gelang mir nicht. Was hatte ich für verrückte Gedanken? Sie wanderten weiter zu Ramir Vylos und Liobhan, wo sie sich lange im Kreis drehten. Als mir die Augen zufielen, krähte der erste Hahn.

Liobhans Nacht schien ebenso wenig erholsam gewesen zu sein wie meine. Erneut saß sie in der Ecke, die am weitesten von allen Fenstern und Lichtquellen entfernt war, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Aus dem Schatten darunter glotzten mich ihre Augen wie trübe Funzeln an.

Ich setzte mich zu ihr und gähnte. Mann, war ich schlecht gelaunt. Ich fühlte mich wie ein luftdicht verschlossenes Gärfass, das gleich platzte. »Pass auf, Mädchen, ich habe nachgedacht und sage es geradeheraus: Ich glaube dir kein Wort. Keine Ahnung, was mir dir los ist, aber Ramir Vylos gibt sich nicht mit einem einfachen Mord ab. Hättest du mir erzählt, er hätte euer Dorf bis auf die Grundmauern niedergebrannt und alle Frauen vom Bauchnabel bis zur Kehle aufgeschlitzt, sähe das anders aus. So muss ich annehmen, dass du nur eine Göre bist, mit der die Fantasie durch-«

Stumm griff Liobhan unter ihren Mantel und warf mir etwas zu. Es landete in meinem Schoß, ein länglicher, in Leder gewickelter und mit einem Stück Seil verschnürter Gegenstand. Ich löste den Knoten und hielt kurz darauf ein Messer in der Hand. Gemaserte Klinge, das Heft aus Elfenbein, geschmückt mit rund geschliffenem Onyx und Opalen – mir wurde bei dem Anblick kalt.

»Das Rakitái«, sagte Liobhan tonlos. »Wenn du Ramirs Namen kennst, dann gewiss auch den seines Messers. Damit hat er Mutter aufgeschlitzt, vom Bauchnabel bis zur Kehle, nachdem er einiges mehr mit ihr getan hatte. Es steckte in ihrem geöffneten Mund«, sie wies auf ihren Hinterkopf, »hat den Schädel durchdrungen und sie am Boden festgeheftet.«

»Liobhan, ich-« Weiter kam ich nicht. Liobhan sprang auf und rannte zum Ausgang. Sie stolperte über die Schwelle, rappelte sich gleich wieder auf und lief davon. »Liobhan!« Ich folgte ihr und stieß an der Tür beinahe mit vier identisch aussehenden Herren zusammen. Bis wir alle anständig um Verzeihung gebeten und einander den Vortritt gelassen hatten, war Liobhan verschwunden.

»Verdammt!« Ich stemmte die Hände in die Seiten und schaute mich um. Es war ein sonniger, kühler Morgen. Die Nebelschwaden hatten sich verzogen, jenseits der Äcker erahnte ich die Wälder an den Flanken der Berge als goldene und bronzene Tupfer. Åsa, stell dir vor, du wärest ein verängstigtes dreizehnjähriges Mädchen, wo würdest du dich verstecken? Aus Richtung der Ställe erklang das Wiehern der Pferde. Ein Windstoß trug den Geruch nach Pferdeäpfeln zu mir herüber. Ein Versuch war es wert.

Ich fand sie am Ende der Stallgasse in einer leeren Box. Sie saß auf dem Boden, mit dem Rücken zur Wand, und umschlang ihre Knie so fest, als wäre sie selbst ihr letzter Halt. Ich ging vor ihr in die Hocke. »Es tut mir leid, Liobhan.« Ihren nassen Wangen und dem hochroten Gesicht nach zu urteilen, hatte sie die allerletzten Tränen rausgequetscht. Noch immer hielt ich das Messer in der Hand. »Wie bist du an diese Waffe gekommen?«

»Mein Stiefvater hatte sie. Ich habe sie ihm weggenommen.«

Warum verwahrte ihr Stiefvater die Mordwaffe?

»Aber was interessiert dich das«, fügte sie hinzu, »du glaubst mir ohnehin nicht.«

Tat ich das? Ich setzte mich neben sie an die Wand und streckte die Beine aus. Mit dem Auftauchen dieses Messers lagen die Dinge ein wenig anders. »Weißt du, Liobhan, ich kam nach Hulther in der Hoffnung, etwas bewirken zu können. Ich dachte, gegen diese Banden vorzugehen, wäre eine gute Sache, vielleicht würde ich mir sogar einen Namen machen. Dementsprechend enttäuscht war ich, weil die Truppe längst unterwegs ist. Als hätte mir jemand eine Tür vor der Nase zugeschlagen. Deine Geschichte ist schwer zu glauben, trotzdem beginne ich mich zu fragen, ob sich mit ihr nicht eine andere Tür öffnet.«

Liobhan schniefte und wischte mit dem Ärmel über ihre Nase.

»Die Aufgabe ist jedoch ein verdammt dicker Brocken«, schloss ich, »und im Moment wüsste ich nicht, wie wir sie angehen sollten.«

»Heißt das, du hilfst mir?«, fragte sie und sah mich groß an.

Ich blickte ihr ernst in die Augen. »Liobhan, die Jagd nach Ramir Vylos ist kein Kinderspiel. Daran sind Bessere gescheitert und es wäre verantwortungsvoller, dich zurück zu deinem Stiefvater zu bringen!«

Liobhan wurde blass. »Bitte tu das nicht«, hauchte sie. »Mein Stiefvater ist ein Säufer. Einmal hat er sogar versucht, mich zu schlagen. Das Rakitái hat er dem Büttel gestohlen, um es zu verkaufen! Ich … ich kann nicht zu ihm zurück!«

Ihre Worte machten mich stutzig. »Wenn deine Mutter vermögend war, warum geht er das Risiko ein, solch auffälliges Diebesgut zu verscherbeln?«

»Er ist ein Gauner und hat hohe Spielschulden. Außerdem hat er sich mit den falschen Leuten angelegt. Das Geld meiner Mutter hätte nicht ausgereicht, alles zu begleichen. Ich konnte es gerade rechtzeitig vor ihm in Sicherheit bringen.«

»Kann es nicht sein, dass er deine Mutter umgebracht hat?«

Entschieden schüttelte Liobhan den Kopf. »Er war es nicht. Als Mutter ermordet wurde, war er bei einem Nachbarn und hat ihm für Geld geholfen, das Dach eines Stalls zu reparieren.«

»Und wo warst du?«

»Ich habe ihm sein Essen gebracht und danach mit dem Hofhund gespielt. Als wir heimkamen, wurden wir vom Büttel empfangen.«

»Woher hatte deine Mutter all das Geld?«

Liobhans Gesichtsfarbe wechselte von blass nach Rot. »Sie arbeitete in einem Bordell.«

»In einem Bordell? Das wäre die erste reiche Nutte, von der ich je gehört habe.«

»Sie hat das Bordell geführt. Es lief gut.«

Liobhans Antworten kamen zügig, dennoch tauchten tiefe Risse in ihrer Geschichte auf. Ein gut gehendes Bordell, das ein Vermögen abwarf? Was sollte ich davon halten? Es sei denn, ihre Mutter war in krumme Geschäfte verwickelt.

»Liobhan, wenn ich dieses Wagnis eingehen soll, musst du mir alles sagen, was du weißt.«

»Das werde ich, Åsa, das werde ich!«, rief sie eifrig.

»Und ich muss mich auf dich verlassen können!«

»Das kannst du!«

»Dir vertrauen können …«

Sie runzelte leicht die Stirn. »Du glaubst mir also doch nicht?«

»Schwörst du beim Andenken deiner Mutter, dass kein anderer außer Ramir Vylos für den Mord an ihr infrage kommt?«

Mit festem Blick sah sie mir ins Gesicht. »Ich schwöre es!«

»Das Geld. Schwöre, dass es deiner Mutter gehörte! Dass du es nicht gestohlen hast! Ich habe keine Lust, in zwei Wochen an einem Ast zu baumeln, weil ich einer Diebin geholfen habe.«

»Ich schwöre es!«

»Versprich mir, dass du dich meinem Urteil beugst! Wenn ich es für klüger halte, das Unternehmen abzubrechen, tun wir es. Du wirst nicht mit mir diskutieren, verstanden?«

»Verstanden.«

»Und?«

»Und ich verspreche es!«

Wie sie mich ansah. Die großen Augen, die tiefe Traurigkeit darin. Diesem Mädchen war Schlimmes widerfahren, ohne Zweifel, dummerweise passte ihre Geschichte hinten und vorne nicht. Warum tauchte Ramir Vylos nach all den Jahren auf? Brauchte er Geld? Das Milieu, in dem sich der Mord ereignet hatte, passte zu ihm: Prostituierte, Säufer, Halsabschneider, Spieler, vermutlich fühlte Vylos sich pudelwohl in solch einem Sumpf. Ob er zu den falschen Leuten gehörte, mit denen Liobhans Stiefvater sich angelegt hatte? Hatte er ihre Mutter deswegen ermordet? Warum hatte er das Rakitái zurückgelassen? War er gestört worden? Oder diente es als Warnung? Als Erkennungszeichen? Ich war es, der dir die Frau genommen hat. Unauffällig tastete ich nach meinen eigenen Messern. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eines davon irgendwo zurückzulassen. Aber woher kam das Rakitái, wenn nicht von Vylos selbst?

»Åsa«, Liobhans zaghafte Stimme, »wirst du mir helfen?«

Welche Alternative hatte ich? In Hulther festsitzen? Wochen-, womöglich monatelang? Dieser Auftrag würde ‒ sofern Liobhan mich nicht belog ‒ meine Geldsorgen lösen. Ich musste nur einen guten Sold verhandeln, der mich über Wasser hielt, für den Fall, dass Vylos unauffindbar blieb. »Ich helfe dir.«

»Danke!« Mit einem erstickten Schluchzen fiel sie mir um den Hals und ich merkte, dass ich mich getäuscht hatte: Sie verfügte noch immer über reichlich Tränen, die in den Kragen meines Hemdes flossen.

Ich zählte bis zwanzig, dann schob ich sie von mir. »Liobhan, ich weiß, das ist alles sehr aufwühlend, aber wenn wir das durchziehen wollen, musst du dich zusammenreißen.«

Sie nickte mit verheulten Augen und wischte sich hastig im Gesicht herum. »Ja, ist gut. Das kann ich.« Ein letztes Mal schniefte sie und versuchte sich an einem entschlossenen Blick.

Ich lächelte ihr zu. »Besser. Wir müssen uns genau überlegen, wie wir vorgehen.« Ich wollte sie aufmuntern, daher fragte ich: »Was schlägst du vor? Wo sollen wir anfangen?«

Sie tat einen zittrigen Atemzug. »Wir brauchen einen Führer und … und Ausrüstung.«

»Richtig, darum kümmern wir uns als Erstes. In Hulther werden wir nicht fündig. Zwei Tagesritte von hier entfernt liegt Lostervaale am Fuße des Drachenhorns, ich denke, dort bekommen wir alles, was wir brauchen.« Im Stall klapperten Eimer. Vermutlich der Stalljunge, der die Tiere fütterte. Besenstriche erklangen. Ich senkte die Stimme. »Vorher sollten wir im Wald … du weißt schon … ausgraben. Sei mir nicht böse, aber ich möchte mich vergewissern, dass du mich nicht anlügst. Und wir werden einen Vertrag ausarbeiten. Mit dreizehn erreichst du die erste Stufe der Mündigkeit. Du kannst Verträge schließen und belangt werden, hältst du sie nicht ein!« Ich hatte das Wort »belangt« mit Absicht betont.

Liobhan erstarrte leicht, dann fasste sie sich und nickte.

»Hast du ein Pferd?«, fragte ich.

»Ja, der Braune, direkt in der ersten Box.«

»Sehr gut. Mir gehört die Schecke. Dann schlage ich vor, wir verschwenden keine Zeit und brechen auf. Hast du gefrühstückt?«

Liobhan verneinte.

»Ich auch nicht. Zeit für einen Vorschuss.« Ich grinste und hielt ihr die geöffnete Hand hin.

Als wir die Box verließen, waren Liobhans Tränen versiegt. Wir passierten den hochgewachsenen Stallburschen, der einen breitkrempigen Hut trug und uns beim Fegen den Rücken zuwandte. An der Tür kam mir die Idee, unseren Aufbruch zu beschleunigen. »He Bursche«, rief ich, »sattle unsere Pferde, wir reisen ab. Die Schecke dort gehört mir, der Braune ihr.«

Mit abgewandtem Kopf brummte der Stallbursche etwas Unverständliches.

»Hast du mich verstanden?«, hakte ich nach.

»Wird erledigt.« Dieser ungehobelte Bursche drehte sich nicht einmal um. Sein Glück, dass ich es mit Höflichkeit nicht so genau nahm.

Liobhan spendierte mir ein üppiges Frühstück. Ich hatte zwar schon Besseres gegessen, doch das war lange her. Zufrieden tupfte ich mir den Mund ab und überlegte, ob ich mir vor dem Aufbruch eine Pfeife genehmigen sollte, da kam meine nächtliche Bekanntschaft die Stiegen herunter. Auch bei Tageslicht betrachtet ein hübscher Kerl. Hastig schulterte ich mein Gepäck und verließ den Schankraum mit Liobhan im Schlepptau. Ich wollte weder die Frage beantworten, warum ich so früh gegangen war, noch feststellen, dass es ihn gar nicht interessierte.

Unsere Pferde standen fertig gesattelt und aufgezäumt vorm Stall angebunden. Ich prüfte den Sitz des Sattels und fand alles tadellos. Von dem Stallburschen war keine Spur zu sehen. Damit sparten wir das Trinkgeld. Ich befestigte meine Taschen, löste die Zügel und schwang mich auf den Pferderücken. Kaum saß ich, hob meine sonst friedliche Schecke ruckartig den Kopf, bockte und trat aus. Dank meiner Geistesgegenwart warf sie mich nicht sofort ab.

»Kara, ruhig!«