Aschebraut - Caroline Kemps de Escalante - E-Book

Aschebraut E-Book

Caroline Kemps de Escalante

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Beschreibung

Spätestens zur Adventszeit erinnern wir uns wieder und freuen uns auf ein Wiedersehen mit den Helden unserer Kindheit. Die Faszination der Geschichte von dem Mädchen, das von seiner Schwester und seiner Stiefmutter aus dem ihr zustehenden Leben gedemütigt wurde und, wie in den Märchen üblich, doch zu einem glücklichen Ende geführt wird, ist wahrlich eine alte Geschichte. Caroline Kemps de Escalante hat mit 'Aschebraut' die altbekannte Erzählung von Aschenbrödel packend weitergeschrieben. Die Geschichte war einfach noch nicht zu Ende erzählt.

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Seitenzahl: 549

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Aschebraut

von Caroline Kemps de Escalante

Buchbeschreibung:

Spätestens zur Adventszeit erinnern wir uns wieder und freuen uns auf ein Wiedersehen mit den Helden unserer Kindheit.

Caroline Kemps de Escalante hat mit viel Herzblut die altbekannte Erzählung von Aschenbrödel weitergeschrieben, packend, mit vielen alten Bekannten. Die Geschichte war einfach noch nicht zu Ende erzählt.

Über die Autorin:

Caroline Kemps de Escalante lebt in Berlin. Sie schreibt, seit sie denken kann, und das für ihr Leben gern. Es ist für sie ein wunderbarer Weg, sich auszudrücken. So kam sie nach diversen Kursen der Romanwerkstatt zum Studium an der Schule des Schreibens.

Eine ihrer besten Entscheidungen.

Nach 'Schneesturm des Herzens', einer 40-seitigen Novelle und einigen Anthologie-Beiträgen, veröffentlicht sie nun ihr erstes längeres Werk.

Impressum

© 2023 Baltrum Verlag GbR

BV 2312 – Aschebraut – Caroline Kemps de Escalante

Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR

Lektorat: Baltrum Verlag GbR

Korrektorat: Baltrum Verlag GbR, Dr. Hans-Jörg Springer

Herausgeber: Baltrum Verlag GbR

Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch

Internet: www.baltrum-verlag.de

E-Mail an [email protected]

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Aschebraut

von Caroline Kemps de Escalante

Baltrum Verlag

Weststraße 5

67454 Haßloch

Prolog

Die Wärme des Kaminfeuers tanzte auf ihrem Rücken und hüllte Ninotchka ein. Mit einem leisen Knacken löste sich ein Scheit aus dem glühenden Holzhaufen und verteilte einen Funkenregen über den gekachelten Boden. Ninotchka trat einen Schritt zur Seite und stieß mit dem Fuß das brennende Holzstück in die Mitte der Feuerstelle. Um die Asche würde sie sich später kümmern. Sollte nur ein Körnchen die Bettwäsche berühren, zöge das wieder Beschimpfungen nach sich.

Vor dem Fenster direkt in ihrem Blickfeld stand das Taubenhaus auf einem Holzpfahl. Ihre gefiederten Freunde waren zusammengerückt und trotzten der Kälte dieses eisigen Winterabends. Sie wünschte sich, eine von ihnen zu sein. Nichts würde sie hier halten. Sanft drang das Gurren der Tauben durch das Fenster und aus weiter Ferne hörte sie die Stimmen der Gutsbewohner vom Innenhof.

Sie genoss das Alleinsein. Die Herrin und ihre Tochter wurden erst lange nach Anbruch der Dunkelheit zurückerwartet.

Den klammen Waschkeller hatte sie gegen den Salon getauscht. Weiche Baumwolltücher dienten als Bügelunterlage auf dem Mahagoni Esstisch. Leicht glitt das heiße Eisen über die letzte weiße Stoffbahn. Wie jedes Mal, wenn sie die eingestickte Rose mit den Initialen RS ihrer Mutter berührte, durchbohrte ein Stich ihr Herz. Die Vorstellung, dass sie nun die Betten ihrer Stiefmutter Ludmila und Stiefschwester Dora zierten, hinterließ einen faden Geschmack. Mit einem Seufzer strich sie über den rauen Leinenstoff und spürte die Restwärme an ihrer Handfläche.

Ihr Blick fiel auf den hohen Stapel der sauberen Wäsche, den sie den ganzen Nachmittag gebügelt hatte. Ihre Knochen schmerzten. Was gäbe sie darum, in ihrer Kammer in einen Tiefschlaf zu gleiten.

Mit einigen Handgriffen hatte sie die Feuerstelle, ohne Staub aufzuwirbeln, gerichtet und wandte sich dem Korb mit der restlichen Wäsche zu. Die Standuhr schlug. Jeder Gong eine Mahnung, dass Eile geboten war. Die Pferde im Stall brauchten Futter, die Betten der Herrin und ihrer Tochter warteten auf den heißen Stein. Wenn sie schnell genug war, konnte sie heimlich einen in ihr Bett schmuggeln.

Leise öffnete sich die Tür und Ninotchka schrak auf. Erleichtert atmete sie aus, als sie Ira, die Kammerzofe entdeckte. Einladend hielt sie ihr einen Krug mit einem warmen Getränk, nebst einem Korb ofenfrischer Pastete entgegen. Süßer Duft nach Zimt und Muskat füllte den Raum.

»Du bist es. Dem Himmel sei Dank.«

Mit ihrem ausladenden Hinterteil gab Ira der Holztür einen Stoß, die dumpf scheppernd ins Schloss fiel. Die Zofe strahlte über beide Wangen. »Ruhig Blut, die Herrin und ihr verwöhntes Töchterchen sind noch lange nicht in Sicht.«

Ninotchka verkniff sich ein Lächeln.

»Radka schickt mich. Du sollst ihre Pasteten probieren.«

»Sind die denn nicht abgezählt? Ich sterbe vor Hunger.« Resigniert zeigte sie auf das letzte Laken auf der Bügelvorrichtung. »Lass mich noch rasch …« Ira unterbrach sie mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Papperlapapp, Aschenbrödel. Keine Widerrede. Das ist nicht normal, wie du dich ohne Unterlass für die beiden Kröten aufreibst.«

»Arbeit ist immer noch besser, als mich von den Herrschaften drangsalieren zu lassen«, antwortete Ninotchka eine Spur zu heftig.

Die stämmige Zofe baute sich vor ihr auf und starrte sie an. »Irgendetwas ist anders an dir.«

Ninotchka wich ihrem Blick aus. »Ich bin hundemüde, mein Kreuz bricht gleich durch.«

Ira lächelte. »Kein Wunder! Trotzdem. Du strahlst, als ob …«, sie rang nach Worten, »… ein inneres Feuer in dir brennt.« Ninotchkas Wangen röteten sich und sie biss herzhaft in die dampfende Pastete.

»Radka sagt, du hättest gesungen? Hört, hört! Wenn das nicht anders ist.«

Ira plumpste auf den Sitz vor ihr und stützte das Kinn in die rechte Hand. »Ich bewundere dich.«

Erstaunt zog Ninotchka die Augenbrauen zusammen.

»Wofür?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Dass ich mich hier zur Närrin mache? Mich herumschubsen lasse und wie ein Dreckspatz durch die Gegend laufe?«

Ira tätschelte ihrer Freundin den Arm und senkte die Stimme.

»Im Gegenteil, du bist immer freundlich und hilfsbereit, ihre Demütigungen scheinen an dir abzuprallen.«

»Wen interessierts? Erzähl mir lieber von deinem Tag.« Ninotchka hob die Pastete zum Mund und nickte der Zofe aufmunternd zu.

Ira kam in Fahrt, redete ohne Unterlass und gab sich mit dem stummen Nicken der Zuhörerin zufrieden.

In Gedanken war Ninotchka im Wald. Den heutigen Stadtausflug der verhassten Stiefmutter mit Tochter Dora hatte sie genutzt, um mit ihrem Pferd Mikuláše heimlich in den Wald zu reiten. Ihre Hoffnung, ihn noch einmal zu treffen, hatte sich erfüllt. Auf einer Lichtung stieß sie wie durch ein Wunder auf den Prinzen. Die Begegnung verfolgte sie bis nachts in ihre Träume.

Ninotchka seufzte bei dem Gedanken. Fragend schaute Ira sie an. »Findest du es angebracht, wenn ich den ersten Schritt tue?«

Wovon, zum Teufel, redete die Freundin? Ninotchka gaukelte Interesse vor und murmelte zustimmend, doch ihre Gedanken verloren sich augenblicklich wieder.

Ihre Vorbereitungen für die Flucht vom Gut mit Mikuláše waren nach diesem Treffen mit dem Prinzen für einen Moment in den Hintergrund getreten. Die täglichen Demütigungen der beiden Kröten, wie Ira die Stiefmutter und Schwester so treffend beschrieben hatte, ließen die Pläne erneut aufflammen. Das war kein Leben auf dem Gut. Über drei Jahre litt sie unter der Gängelei, seit ihr Vater Boris, von einer Geschäftsreise nicht zurückgekehrt, für tot erklärt worden war und sie ihrem Schicksal überlassen hatte. Ihr Herzklopfen für den Prinzen war eine dankbare Abwechslung, auch wenn sie sich der Sinnlosigkeit bewusst war.

Ira brabbelte unbeirrt weiter über den Stallburschen, auf den sie ein Auge geworfen hatte. Wie herrlich wäre es, so unbeschwert über ihre aussichtslosen Gefühle zu sprechen. Was gab sie sich solch romantischer Gefühlsduselei hin? Der königliche Ball stand an. Ohne sie. Der Gedanke, ihn nie wiederzusehen, schmerzte. Außer dem grauen Kittel an ihrem Leib besaß sie ohnehin nur das Jagdkostüm. Kaum angemessen für so einen festlichen Anlass. Die Vorstellung, wie sich ihre Stiefschwester anbiedern würde, verdarb Ninotchka endgültig den Appetit.

Ein Schatten löste sich von der Eingangstür und nahm Gestalt an. Wann war ihre Stiefschwester Dora in den Salon gekommen?

Doras Hand hielt mit spitzen Fingern den Griff des Bügeleisens. Höhnisch grinsend ließ sie es fallen. »Ich störe die Damen ungern«, näselte sie.

Ira fuhr herum. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihr loses Mundwerk erstarb.

»Ihr seid zurück«, stotterte sie und stolperte in Richtung Tür. »Ich wollte eh gerade gehen.«

Grauer Rauch gepaart mit beißendem Geruch stieg von dem weißen Leinenstoff auf. Mit einem Sprung stand Ninotchka am Bügelbrett und riss entsetzt das heiße Eisen vom Laken. Ein Stück Kohle sprang heraus und zog einen grauen Streifen über den blütenweißen Stoff. Glut fraß sich hindurch. Ninotchka stieß Dora beiseite und pustete es weg.

Die Stiefschwester schüttelte den Kopf. »Aschenbrödel, Aschenbrödel.« Verächtlich trat sie einen Schritt vor und blickte auf das Brandloch.

»Jetzt ist die schöne Bettwäsche deiner Mutter wohl hin.«

Das geheuchelte Mitleid trieb Tränen der Wut in Ninotchkas Augen. Sie packte das Eisen. Es juckte ihr in den Fingern, es dem Miststück entgegenzuschleudern. Iras mahnender Blick hielt sie in letzter Sekunde davon ab.

Dora schlenderte betont langsam auf die Zofe zu, die sich den Krug schnappte und sich mit der Andeutung eines Knickses zum Ausgang bewegte. Wie zufällig streifte die Stiefschwester sie und das Gefäß fiel Ira aus der Hand. Der Inhalt ergoss sich über die gestapelte Wäsche.

»Huups.« Dora zuckte bedauernd mit den Achseln. »Der Stallbursche ist entlassen. Wir dulden hier kein Techtelmechtel. Richte es ihm aus.« Händereibend schwebte sie aus dem Raum und hinterließ die beiden Frauen sprachlos.

Ankunft im Schloss

Strahlendblau erstreckte sich der Himmel bis zum Horizont. Ein sanfter Wind strich über die Baumwipfel. Ninotchka und Prinz Jaroslav ritten Hand in Hand über das weiße Feld. Wie Diamanten glitzerte der Schnee in der Morgensonne.

Es kam ihr vor wie ein Traum, aus dem sie jeden Moment erwachen könnte. Einzig die kalte Luft erinnerte sie, dass sie wach war. Befreit nahm sie einen tiefen Atemzug. Die Bewegungen ihres Pferdes Mikuláše gaben ihr das Gefühl zu schweben. Ihr Blick wanderte zu den Baumwipfeln am Rande des Waldes, die sich unter der Last des Schnees bogen. Ein Eichhörnchen hüpfte zwischen den Ästen und eine Wolke wie aus Puderzucker rieselte herab. Der Schnee kitzelte auf ihrer Haut.

»Darf ich meine Braut nach Ihrem Namen fragen?«

Ninotchka warf den Kopf in den Nacken und schüttelte belustigt den Kopf.

»Gefällt dir Aschenbrödel nicht?«

Der Prinz neigte den Kopf und zog als Antwort eine Augenbraue in die Höhe. Auffordernd sah er sie an.

»Ninotchka«, sagte sie. Der Name wirkte wie ein Zauber. Es war ungewohnt ihn nach so langer Zeit wieder in den Mund zu nehmen. »Tochter von Freiherr Boris von Schewrinkov und Freifrau Rosinka von Schewrinkova. Mein Vater war Kaufmann.« Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht. Die weiße Mähne ihres Pferdes Mikuláše wippte im Takt mit den Hufschlägen, die mit dumpfen Laut den Schnee aufwirbelten.

»Warum sind sie nicht bei dir?« Elegant hielt Prinz Jaroslav die Zügel in der linken Hand und verschmolz mit den Bewegungen seines Pferdes.

Ninotchka deutete mit dem Kinn zum Himmel. Eine kleine zerrupfte Wolke zog vorbei. »Sie leben in meinem Herzen.«

Der Prinz folgte ihrem Blick. »Das tut mir leid.«

Sie schwiegen.

»Wer hat sich um dich gekümmert? Die Herrin des Gutes?«

Eine Welle des Unmutes breitete sich in Ninotchka aus. Nie wieder würde sie sich von den beiden Widersacherinnen schikanieren lassen müssen. Grimmig schüttelte sie den Kopf. »Ich brauche niemanden.« Sie löste ihre Hand aus seiner und drückte ihre Ferse in die Flanken des Pferdes. Das Aufsetzen der Hufe verlor sich knirschend im weichen Schnee. Sie verscheuchte die unliebsamen Erinnerungen und kniff die Lippen zusammen. Für einen kurzen Moment meinte sie, Asche auf ihrer Zunge zu schmecken. Sie schloss die Augen, spürte die beruhigende Wirkung der Kälte. Nur sie selbst sein. Für den Moment den Frieden genießen. Der Prinz brachte sie völlig durcheinander. Dabei hatte er nur eine Frage gestellt. Der Zopf aus ihrer Hochsteckfrisur strich über ihren Nacken und sie hielt die Stirn in den Himmel.

Jaroslav holte sie mühelos ein und streckte einladend seinen Arm aus. Sein Blick zwang sie sanft zum Schritt. »Verzeih meine Neugier.«

»Es ist sicher verwirrend. Das verstehe ich.« Ein Zittern rann durch ihren Körper, diesmal nicht vor Kälte. Unter all den vornehmen heiratswilligen Damen hatte er ausgerechnet sie als Braut gewählt. Der Gedanke zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht. Sie klopfte Mikuláše den Hals, um es zu verstecken.

»Warum bist du vom Ball weggelaufen, als ich dich fragte, wer du bist?«, wollte Jaroslav wissen.

Ninotchka legte den Kopf schräg. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an den Tanz dachte. Ihre Angst, von Ludmila und Dora entdeckt zu werden, hatte sich im Takt der Musik im Nichts aufgelöst.

Sie grinste. »Das war sicher eine große Unverschämtheit.«

Die Äste warfen Schatten auf den verschneiten Waldboden. Ein Reh sprang erschreckt auf und verschwand zwischen den Bäumen.

»Hand aufs Herz, mein Prinz. Du hast mich nicht erkannt? Kleider machen Leute, aber das war mir nicht genug.«

Ungläubig verzog Jaroslav das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Du meinst nur dein bemerkenswertes Ballkleid hätte es mir angetan? Gewänder beeindrucken mich nicht.«

»Es war mir wichtig, dass du weißt, wer ich bin«, fuhr sie fort. »Ob im Kartoffelsack oder Ballkleid. Ich bin ich.« Trotzig schob sie die Unterlippe vor.

»Ob im Ballkleid oder im Kartoffelsack. Ich habe meine Prinzessin gefunden.«

Er beugte sich zu ihr. »Ich habe gespürt, dass ich dir schon einmal begegnet bin. Das Mädchen im Wald ging mir nicht aus dem Kopf.« Erkannt hast du mich trotzdem nicht, dachte Ninotchka traurig. Zweifel zuckten ihr durch den Kopf, ob sie vielleicht zu voreilig ihrem Herzen gefolgt war, doch der Glanz in seinen Augen verwandelte die Verunsicherung in Abenteuerlust.

Sie warf einen Blick über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass ihr altes Zuhause hinter dem Hügel verschwand. Einzelne Rauchschwaden schlängelten sich in den Himmel. Sie dachte an die Bewohner des Gutes und deren ehrliche Freude über ihr Glück. Ihr altes Zuhause war als ferner Punkt zu sehen.

»Jetzt beginnt ein neues Leben«, sagte der Prinz und drückte ihre Hand.

Sein dunkles glattes Haar fiel ihm in die Stirn. Der blaue, reich verzierte Hut stand ihm. Sie schüttelte das Gefühl von Wehmut ab. Geschickt wich Ninotchka einem Ast aus, der über den Weg rankte. Jaroslav ließ sie passieren und reihte sich hinter ihr ein. Sie drehte sich im Sattel zu ihm um. Der Prinz holte auf. »Es ist sicher nicht leicht, das alles hinter dir zu lassen. Du hast Besseres verdient. Verrätst du mir etwas von deinem Leben?«

»Es war nicht immer schlecht«, erwiderte sie. Sie erzählte von den Ausflügen in den Wald mit ihrem Vater, der ihr dort das Bogenschießen beigebracht hatte.

»Ich bin ein Wald- und Wiesen-Mensch.« Sie biss sich auf die Lippe. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Das raue Leder der Zügel schnitt in ihre Haut.

»Das trifft sich gut, Prinzessin. Ich liebe die Natur.«

Als Antwort tauchte über den Baumwipfeln eine Eule auf, die sich vor ihnen auf einem Ast niederließ und den Kopf zur Seite neigte. Ninotchkas strahlte. »Rosarina, meine Freundin. Weist du mir den Weg?«

Verdutzt sah Jaroslav dabei zu, wie sich die Eule auf Ninotchkas Schulter niederließ.

»Ich komme dich bald besuchen, versprochen.« Die weichen Federn kitzelten durch ihren Handschuh. »Sie ist meine Glücksfee«, murmelte sie. Als der Prinz sich näherte, breitete Rosarina die Flügel aus und stieg in die Luft. Sie kreiste über den beiden und setzte sich abwartend auf den obersten Ast einer Baumkrone.

»Diese Eule hat mich vorhin zurück zu dir geführt.«

»Und jetzt führt sie uns zum Schloss.«

Jaroslav tippte sich, den Blick zur Eule gerichtet, mit zwei Fingern an die Stirn und streckte seine Hand nach Ninotchka aus. Sie erwiderte seinen festen Druck mit vollem Herzen.

Den Rest des Weges legten sie in gelöster Stimmung zurück. Jaroslav brachte Ninotchka mit seinen amüsanten Erzählungen über Tanzstunden, Anekdoten über Unterricht in Hofetikette und vornehmem Benehmen zum Lachen.

»Wann ist deine Ausbildung beendet?«

»Ein Monarch lernt nie aus, sagt mein Vater immer. Ich bevorzuge es, mich um mich selbst zu kümmern. Das Leben ist voll von Schönheiten, die entdeckt werden wollen, und nicht in verstaubten Bibliotheken zu finden sind.« Sein Blick verriet, wen er soeben für sich entdeckt hatte. »Mein Vater führt die Regierungsgeschäfte. Wenn meine Zeit gekommen ist, bereite ich mich dafür vor.«

Kurze Zeit später erreichten sie die Allee zum Schloss. Einladend schwangen sich am Ende zu beiden Seiten gebogene Treppen, die zu einem Vorplatz führten.

Das imposante Schloss mit seinen vier Zwiebeltürmen lag in der Morgendämmerung. Der zugefrorene See, der es umgab, glänzte schwarz unter der verwehten Schneedecke. Die Dächer waren winterlich weiß bedeckt und die Fenster mit einer Eiskruste überzogen. Es strahlte Macht und Erhabenheit aus und war so gänzlich anders als das Gut, dass Ninotchka seit Jahren nicht mehr hatte verlassen dürfen. Aus den Augenwinkeln musterte sie den Prinzen und fragte sich erneut, ob sie nicht zu überstürzt eingewilligt hatte. Hier kannte sie niemanden. An einem der vereisten Fenster erahnte sie den Umriss ihres gehauchten Kreises, der vor Stunden die Sicht auf Dora an der Seite des Prinzen beim Tanz frei gegeben hatte. Eine erneute Eisschicht hatte sich in dem Bereich gebildet.

Auf dem Platz vor dem Hauptportal kamen die Pferde zum Stehen. Jaroslav stieg ab und streifte die Zügel über den Hals seines Pferdes. Aus einer Tür eilten zwei Dienstboten auf sie zu. Jaroslav würdigte beide keines Blickes, als er ihnen sein Pferd übergab. Er trat auf Ninotchka zu und streckte seine Arme nach ihr aus. Sie glitt aus dem Sattel. Ihre Füße in den Tanzschuhen waren von der Kälte taub. Beim Aufsetzen auf dem Boden brachte sie der stechende Schmerz zum Stolpern. Jaroslav fing sie auf. Ohne Mantel zu reiten, rächte sich. Seine Wärme war so verlockend, dass sie an seine Brust sank und dem plötzlichen Verlangen, sich in ihm aufzulösen, nachgab. Eine Kältewelle erfasste sie, als sie sich von ihm schob.

»Willkommen in deinem neuen Daheim!« Er löste seinen Mantel von seinen Schultern und schwang ihn um sie. Seine Körperwärme steckte in dem Futter und verströmte einen Duft nach Lavendel und Zedernholz. So fühlte sich Ankommen an. Sein Herzschlag pulsierte an ihrer Brust. Sie hob ihren Kopf und ihr Blick versank in seinem. Nur ein Lufthauch trennte ihre Lippen. Seine waren kalt und rau und so verführerisch in ihrer Verheißung, dass sie sich auf Zehenspitzen stellte, um die Lücke zu schließen. Jaroslav legte einen Arm um ihre Taille. Vorsichtig küsste er sie. In dieser Berührung lag ein Funkenregen, der Ninotchka die Kälte vergessen ließ. Ihr Blut pulsierte in ihren Adern. Mikuláše scharrte mit den Hufen und gab ein Schnaufen von sich. Sein Maul stupste sie am Rücken und drückte sie an den Prinzen. Sie umschlang Jaroslavs Taille und verschmolz in einer Blase der Unendlichkeit.

Der erste Tag auf dem Schloss

(Ninotchka im Schlafgemach)

Mit einem leisen Klicken rastete das Türschloss des Schlafgemaches ein und trennte Ninotchka von dem Prinzen. Sie drückte ihren Rücken gegen die Tür und atmete tief durch. Ihre Wangen glühten mit dem Kaminfeuer um die Wette. Freundlich prasselnd hieß es sie willkommen. Kerzenschein durchflutete den Raum.

Was für ein Tag. Ihr Körper schmerzte und verlangte nach Schlaf, doch jede Faser ihres Geistes war hellwach. Vierundzwanzig Stunden Aufregung forderten ihren Tribut. Der ungewohnte Weingenuss bei der Begrüßung packte sie immer noch in einen Zustand aus Watte.

Die gemusterte Stoffbespannung an der Holztür drückte weich in ihren Rücken. Ihre Hände strichen über die Polsterung. Wie ein Schwarm Bienen summten die Geschehnisse der letzten Stunden durch ihren Kopf.

Sie war im Schloss. Raus aus der Hölle, die ihr ehemaliges Zuhause für sie geworden war. Die süßen Töne der Musik im Ballsaal bei ihrer Ankunft pulsierten in ihren Adern. So herzlich das Königspaar sie auch willkommen hieß, spürte sie doch auch die höflich zurückgehaltene Skepsis. Die Adjutanten Karel und Viktor hatten mit ihrem Gerede über ihr Aschenbrödel-Dasein, nicht gerade dazu beigetragen, Vertrauen zu schaffen. Die beiden Gelehrten hatten sie misstrauisch beäugt. Es war an ihr abgeprallt. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Wie ein ständiges Knistern spürte sie – immer noch – die Präsenz des Prinzen. Seine Berührungen brannten wie Feuer auf ihrer Haut.

Ninotchka seufzte und glitt auf den Boden. An die Tür gelehnt umschlang sie ihre Knie. Das Zimmer wirkte wie für einen Gast hergerichtet, den man erwartet hatte. Durch die Eingangstür drang kein Laut, und befreit hob Ninotchka die Arme und stieß einen Freudenschrei aus. Sie kam auf die Beine und drehte sich um sich selbst, bis sie an dem gedrechselten Pfosten des Himmelbettes stieß. Seinen Baldachin schmückten Edelsteine, die im Schein der Kerzen wie Sterne funkelten. Eine prall gefüllte Daunendecke in ein weißes Spitzenlaken gehüllt, lag einladend zurückgeschlagen auf dem Bett. Rücklings ließ sich Ninotchka in die Kissen plumpsen und breitete die Arme aus. Die Wärme rann durch ihre Glieder. Lieblicher Schlaf streckte die Arme nach ihr aus. Widerwillig drückte sie sich hoch und strich das Kleid glatt. Erneut ließ sie die Erinnerung an den Klang der Stimme des Prinzen auf sich wirken und begrüßte die flatternden Schmetterlinge im Bauch.

Mit einem Seufzer streifte sie die silbernen Tanzschuhe von den Füßen und wackelte einen Moment mit den Zehen, die in den weißen Strümpfen steckten. Ihr Blick blieb an einem Gemälde über dem Kamin hängen. Es zeigte das Schloss mit seinen vier Zwiebeltürmen. Auf dem See, den es umgab, ruderte ein Mann in einem kleinen Fischerboot. Sein Gesicht war dem Ufer zugewandt. Zwischen Seegräsern öffnete sich eine Lücke, die bei genauem Hinsehen die Umrisse eines Pferdes zeigten. Im Hintergrund war die Stadt angedeutet. Ninotchka erkannte sie an dem Stadttor, welches undeutlich aber dennoch in seinen Umrissen unverwechselbar war. Die Linien waren asymmetrischer gezogen als gewohnt und weit entfernt von der Art der Gemälde, die sie in ihren jungen Jahren gesehen hatte. Es spiegelte auf unerklärliche Weise ihre Sehnsucht nach Freiheit wider. Unten links zierte in kleinen geschwungenen Lettern die Handschrift des Künstlers das Bild, Juri.

Ninotchka blieb vor dem Kamin stehen und nahm jede Kleinigkeit der Komposition in sich auf. Über diesen Maler wollte sie auf jeden Fall mehr erfahren.

Eine erneute Welle der Müdigkeit überfiel sie. Sie stieß sich vom Sims ab und sah sich erneut in dem pompösen Schlafgemach um. Sie zog an der goldenen Troddel eines blauen Samtbands. Klingeln drang gedämpft zu ihr. Gespenstisch leise öffnete sich eine Tür neben dem Bett und gab den Blick in einen hell erleuchteten Raum frei. Ninotchka kaute auf ihrer Unterlippe.

»Ist da jemand?« Ihre Frage blieb unbeantwortet. Beherzt setzte sie einen Fuß über die Schwelle und betrat ein Ankleide- und Waschzimmer. Wasserdampf hüllte die Umgebung in einen feinen Nebel. Die Wände zierten goldgerahmte Spiegel, die das Licht der Kerzen reflektierten. Ihr Blick glitt über einen Waschtisch zu ihrer Linken mit einem prunkvoll geschnitzten Stuhl davor. Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf eine gusseiserne Wanne, die bis zum Rand mit heißem Wasser gefüllt war. Sie stand frei in der Mitte des Raumes auf einem Podest und wurde von goldenen Löwenfüßen gehalten.

Ninotchka unterdrückte einen Juchzer. Etwas so Elegantes hatte sie bis zum heutigen Tag noch nie gesehen. Welch Unterschied zum hölzernen Waschtrog, den sie in den letzten Jahren gelegentlich auf dem Gut zum Waschen benutzen durfte. Sie raffte ihren Rock und war mit drei großen Schritten am Rand. Das Wasser rann weich und duftend durch ihre Finger.

Ein leises Hüsteln unterbrach sie. Erschrocken zog Ninotchka die Hand aus dem Wasser und verteilte einen Schwung auf dem Boden und in ihrem Schoß.

An der Tür stand eine Kammerzofe. Der steife Kragen ihres Kleides drückte ihr schmales Gesicht in die Länge, ihr graues Haar wurde von einem Haarnetz gehalten. Die Augen ausdruckslos auf Ninotchka gerichtet, trat sie vor. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment, bis die Zofe zu Boden sah und in einen Knicks sank. Die Schmetterlinge in Ninotchkas Bauch, die eben noch für ein wohliges Kribbeln gesorgt hatten, froren ein.

»Verzeiht, gute Frau. Ich bin hier selbstverständlich hereinspaziert, ich habe niemanden erwartet«, sagte Ninotchka.

Die Zofe rührte sich nicht und verharrte in der Position. Ninotchka sah sie irritiert an. »Braucht ihr Hilfe?« Sie biss sich auf die Lippe. Hier war sie nicht mehr die Magd.

»Erhebt Euch«, deutete sie der Bediensteten mit festerer Stimme an.

Die Frau richtete sich auf und wartete offensichtlich auf weitere Wünsche.

»Meine Ankunft kam doch eher überraschend«, begann Ninotchka zögerlich. »Gibt es ein Nachtgewand?« Fragend sah sie die Zofe an. Waren hier alle so steif?

»Gewiss doch. Ich hoffe, dieses hier entspricht Eurem Geschmack.« Die Zofe strich ein blaues mit Silberfäden durchwirktes Stück Stoff glatt, der sich wie ein Wasserfall über die Lehne eines Polstersessels ergoss. Dann trat sie einen Schritt auf Ninotchka zu.

»Ich habe mir erlaubt, Euch ein Bad einzulassen.« Mit dem Finger zeigte die Zofe auf die Wanne.

»Ich danke Euch für die Aufmerksamkeit. Das ist genau das Richtige nach diesem Tag.« Ninotchka klopfte sich in Gedanken auf die Schultern. Nur nicht einschüchtern lassen.

»Wenn ich Euch aus dem Kleid helfen dürfte?«

Ninotchka schlang die Arme um ihren Körper. Ihr war plötzlich kalt. »Danke, das ist nicht nötig.«

Die Dienerin trat zurück und deutete einen weiteren Knicks an.

»Wie Ihr wünscht. Kann ich Euch mit irgendetwas behilflich sein?«

Ninotchka schüttelte den Kopf. Sie wagte nicht zu fragen, ob sie sich für den nächsten Tag etwas zum Anziehen borgen konnte. Die Zofe nickte. Ihr dunkelgrauer Dutt saß kerzengerade auf ihrem Kopf.

»Legt das Kleid dort hinter den Paravent. Ich bringe es dem königlichen Hofschneider.«

Schützend hielt Ninotchka die Hände über ihr Gewand. »Dies ist mein Brautkleid. Es ist wunderbar, wie es ist.«

Die Zofe blickte sie erstaunt an. »Keine Frage. Doch wünscht Ihr sicher morgen zu erstrahlen, wenn Ihr dem Prinzen unter die Augen tretet. Seine Majestät persönlich wird etwas Passendes für Euch aussuchen. Das Kleid dient lediglich als Maßvorlage.«

Ninotchka stieß hörbar die Luft aus. Die Frau konnte nicht wissen, wie kostbar dieses Kleid, welches sie wie durch einen Zauber erhalten hatte, für sie war. »Das ist sehr aufmerksam«, presste sie hervor. Plötzlich hatte sie Angst das Kleid nie wiederzusehen. Krampfhaft überlegte sie, wie sie die Zofe abhalten sollte, es mitzunehmen.

Die Augenbraue der Zofe schoss in die Höhe. »Bien sûr. Es wird mehr als genug dem Anlass entsprechende Gewänder für Euch geben. Die Hofschneiderei ist bereit. Natürlich lassen wir Eure Garderobe von daheim gerne holen.«

Das vornehme Gehabe brachte Ninotchka durcheinander. Beherzt drückte sie der Zofe ihre Schuhe in die Hand und nahm allen Mut zusammen.

»Ich vertraue Euch. Ihr werdet die richtige Wahl treffen. Könntet Ihr mir bitte auch passende Schuhe vom königlichen Schuster mitbringen?« Inbrünstig hoffte sie, dass es einen königlichen Schuster gab. Doch die Zofe nickte erneut und schien keineswegs irritiert.

»Wie Ihr wünscht, Mademoiselle.« Sie verbeugte sich. »Solltet Ihr mehr heißes Wasser benötigen oder statt des Rosenöls andere Vorlieben haben, lasst es mich wissen ...« Bevor Ninotchka etwas erwidern konnte, entfernte sie sich mit einem knappen Nicken.

Erleichtert streifte sie das Kleid ab und legte es vorsichtig über den Paravent. Mit einem Lächeln strich sie darüber. Sie vergewisserte sich niemanden in der Nähe zu wissen und tauchte in das warme Nass, das die Asche der letzten Jahre mit sich nahm.

Auf der anderen Seite ihrer Zimmertür erhob sich Jaroslav aus der Hocke und seufzte. Ninotchka zu verabschieden war ihm schwergefallen. Für mehrere Augenblicke den Rücken gegen die harte Holztür gedrückt, bildete er sich ein, sie auf der anderen Seite zu spüren. Solche Sentimentalitäten waren ihm normalerweise fremd. Dennoch, er konnte es kaum erwarten, sie in ein paar Stunden wieder zu sehen, und fragte sich, wie er bis dahin Schlaf finden sollte. Den Gedanken, eine Wache vor die Tür zu stellen verwarf er und mahnte sein verwirrtes Herz zur Ruhe. Warum sollte sie fortgehen wollen? Der Erinnerung an den Kuss gab ihm Zuversicht. Ein seliges Lächeln legte sich auf sein Gesicht.

Mit festen Schritten lief er den spärlich beleuchteten Flur zur Kleiderkammer. Er wählte ein himmelblaues Seidenkleid mit einem dezenten Perlenbesatz am Kragen und ausladenden dunkelblauen Ärmeln. Knapp wies er die Schneider an, die notwendigen Änderungen bis zum Mittag vorzunehmen. Länger würde er eh nicht schlafen können und insgeheim hoffte er, Ninotchka auch nicht.

Müde schälte er sich kurze Zeit später in seinem Schlafgemach aus seinem Festgewand, warf sich ein Leinennachthemd über und sank auf sein Nachtlager. Kaum berührte sein Kopf das Kissen, war er eingeschlafen. In seinen Träumen schwebte Ninotchka mit einer Eule auf der Schulter durch Zeit und Raum.

Zentnerschwer lastete Dunkelheit auf ihr. Wie durch zähen Nebel bahnte sie sich einen Weg durch das Unterholz. Die Umrisse der dicht stehenden Bäume tanzten schattenhaft vor ihrem Auge. Der Mond war von Wolken verdeckt und sein Schein drang vage hindurch. Aus Angst, in dieser Ruhe Gespenster zu wecken, wagte sie kaum sich zu bewegen. Wie war sie hier hineingekommen? Angestrengt durchsuchte sie ihre Erinnerungen. Da war nur Leere, nichts als Leere. Eine unbestimmte Vorahnung schob sie wie eine unsichtbare Wand vor sich her.

In Abwesenheit von Blätterrauschen, ließ die vollkommene Stille ihr Atemgeräusch einem Wirbelsturm gleichkommen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Nichts als raus hier war ihr drängender Impuls. Das Unterholz knackte, als sie darauf trat und ihr Herz antwortete mit einem erschrockenen Stolpern.

Vorsichtig setzte sie einen Schritt vor den anderen. Die Bäume standen reglos. Kein Tier weit und breit. Heller Schein des Mondes stahl sich durch das Dickicht. Eine Lichtung tat sich auf. Die unsichtbare Mauer erschwerte ihr Fortkommen. Ein plötzliches Flattern aus der Luft schreckte sie auf. Aus den Augenwinkeln sah sie undeutlich und schemenhaft Bewegungen. Erleichtert hörte sie den ihr so vertrauten Vogelruf. Ein sanfter Windhauch streifte ihre Wange, als ihre Eule Rosarina sie umkreiste und sich auf ihrer Schulter niederließ. Ihre Krallen bohrten sich in Ninotchkas Schultern, doch die Gewissheit nicht allein zu sein, gaben ihr Kraft.

Ein Blitz, begleitet von einem grollenden Donner nahm Ninotchka die Sicht. Schützend legte sie die Hand vor die Augen. Dumpf fiel etwas vor ihr auf den Boden. Sie sank auf die Knie und tastete danach. Ein Körper warm, rund, fedrig und vertraut. Rosarina! Ein Kloß im Hals schnürte ihr die Kehle zu.

Ein Lachen durchbrach die unheimliche Stille.

»Schau her, das Aschenbrödel.« Die Umrisse ihrer Stiefschwester bauten sich vor ihr auf. Das gehässige Kichern schwoll an. Die tote Eule in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen an ihr Herz gedrückt, taumelte Ninotchka zurück und prallte an einem Körper ab. Sie wirbelte herum und sah in das zu einer Fratze verzogene Gesicht der Stiefmutter Ludmila. Eine Aschewolke hüllte sie ein und löste den leblosen Eulenkörper auf. Ninotchka griff ins Leere, als sie ihre treue Kameradin festhalten wollte. Grober Staub rieselte aus ihren Händen.

»Alles, was du liebst, vergeht. Siehst du das nicht?« Ludmilas Worte bohrten sich wie Pfeile durch ihre Brust und entfachten ein nie gekanntes Feuer in ihrem Innern. Sie holte tief Luft und spie ihre geballte Wut in Form eines Feuerstrahles gegen die Aschewolke, den beiden Widersacherinnen entgegen.

Keuchend fuhr sie hoch. Der Schrei hallte in ihren Ohren nach. Ihr Herz trommelte hart gegen die Rippen, dass es schmerzte. Ninotchka schlug die Hand vor den Mund. Heiß strich ihr warmer Atem über die Haut. Es dauerte einen Augenblick, bis ihre Sinne die Umgebung erfassten. Die Glut des Feuers warf einen rötlichen Schein über den Teppich und allmählich beruhigte sich ihr Atem. »Ich bin im Schloss«, murmelte sie in die hohle Hand und legte ihr Gesicht auf die angezogenen Knie. Die Augen geschlossen rückten die Bilder des Albtraumes wieder näher. Sie schüttelte ihn ab und schlug die Decke beiseite. Die Kälte des Bodens kroch durch ihre nackten Fußsohlen und froren sie ein. Sie schlüpfte in die Pantoffeln, die ihr um einiges zu groß waren, und schlurfte zum Kamin. Die aufgestapelten Holzscheite zündeten sofort. Die flackernden Flammen leisteten ihr Gesellschaft und beleuchteten ein Canapé zur Rechten des Kamins. Ein Blick auf das große Bett reichte. Ninotchka schnappte sich Decke und Kissen und baute sich einen Kokon aus Wärme und Geborgenheit. Das Knistern des Kaminfeuers schläferte sie ein. Ihre Augen fielen zu.

»Hast du Angst?« Jaroslavs melodische Stimme holte sie in einen Traum der anderen Art. Nein, sie war voller Vorfreude auf das, was das neue Leben für sie bereithielt.

»Wir sind Nachbarn. Mein Zimmer liegt gleich nebenan.« Er beugte sich zu ihr. »Ich kann durch Wände schlüpfen.«

»Wie lange bist du schon hier?« Der Gedanke, dass der Prinz sie im Traum sprechend vorgefunden hatte, behagte ihr gar nicht. Misstrauisch sah sie ihn an, aber sein Lächeln erhellte ihr Innerstes augenblicklich und verscheuchte jeden Zweifel. Sie erwiderte es reflexartig. Zu gerne würde sie ihre Hände in seinem dunklen Haar vergraben und ihn mit Küssen überhäufen. Verlegen wandte sie den Blick und verbarg ihre sich rötenden Wangen hinter einem Vorhang aus Haaren. Die Matratze senkte sich, als er sich am Fußende niederließ und ihr ein Trinkgefäß reichte.

Krankenbesuch bei Ludmila und Dora

Auf dem sonst so lebhaften Gutshof war bedrückende Stille eingekehrt. Zum wiederholten Male sah Marie aus dem Fenster im Obergeschoß und stieß erleichtert die Luft aus, als sie den Arzt heranreiten sah. Sie warf das Laken auf den Boden und eilte ihm entgegen. Der Leibarzt pochte heftig gegen das Tor. Noch bevor er Aufmachen rufen konnte, riss Marie es auf und wies atemlos zur Treppe. »Gottseidank, dass Ihr da seid. Die Gutsherrin und Tochter haben heftiges Fieber.« Sie trat zur Seite, um ihn passieren zu lassen. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie auf dem Absatz kehrt und stieg die Treppe hinauf. Ungeduldig sah sie sich um.

Der Arzt übergab einem Knecht die Zügel. »Haben die beiden die Kräuter nicht bekommen?«, fragte er und löste seinen Arztkoffer vom Sattel. Verstört blickte sie ihn an. »Gewiss doch. So, wie ihr es aufgetragen habt. Doch Dora behält kaum etwas bei sich. Die Herrin verweigert die Medizin und hat sie mir aus der Hand geschlagen.«

Ein dunkler Fleck auf ihrer Schürze zeugte davon, dass sie die Wahrheit sprach. Sein Blick blieb für einen Moment an ihren dunklen Augenringen hängen.

»Wie lange bist du schon wach, Mädchen?« Besorgt sah der Arzt sie an.

Ihr Schritt verlangsamte sich. »Ich wache Tag und Nacht.« Sie schluckte hart. »Wenn die beiden sterben, was wird dann aus uns?«

Vor einer Tür blieben sie stehen. Trockener Husten drang durch die Ritzen, und die Magd zuckte bei dem Geräusch zusammen. »Sie redet im Wahn«, flüsterte Marie.

Der Arzt nickte. Er schob sich an ihr vorbei und öffnete die Tür. Warmer süßlicher Geruch nach Ausscheidungen, Schweiß und schlechtem Atem stand im Raum. Er blieb im Türrahmen stehen und rümpfte die Nase.

Ludmila zitterte am ganzen Leib. Auf ihrem geröteten Gesicht glänzte Schweiß. Die trockenen Lippen waren aufgesprungen. Ohne Unterlass murmelte sie. Ihre Augäpfel sprangen unter ihren Lidern hin und her.

»Hier sieht es aus, wie auf einem Schlachtfeld«, stellte der Leibarzt ungerührt fest. Mit dem Fuß stieß Marie die Laken vor sich her und trat sie vor die Tür. Der Dunst von Erbrochenem wehte hinter der Wäsche. »Entschuldigt. Ich komme nicht hinterher.«

»Öffnet das Fenster«, wies er Marie an. »Die Luft ist zum Zerschneiden.«

Er griff eine Wolldecke vom Fußende des Bettes und packte Ludmila damit ein.

»Sorg dafür, dass hier regelmäßig gelüftet wird. Sonst ersticken die beiden an ihrem eigenen Atem. Und so blass, wie du aussiehst, liegst du auch bald danieder.«

Das junge Mädchen zuckte unter seinem Ton zusammen und eilte zum Fenster. Die kalte Winterluft zog die Stickigkeit mit sich. Erschöpft lehnte Marie für einen Moment am Fensterrahmen.

Eilig öffnete der Arzt seinen Koffer und legte seine Utensilien bereit.

»Freifrau Ludmila, hört Ihr mich?«

Ein Grunzen war die Antwort. Die Wangen glühten rot, als ob das Blut darunter kochen würde.

Die frische Luft weckte Ludmilas Geist. Sie drehte ihr Gesicht dem Fenster entgegen. Begleitet von rasselnden Geräuschen schnappte sie gierig nach Luft.

Marie lehnte das Fenster an und trat ans Bett. Mit zitternden Händen tupfte sie der Herrin die Stirn.

»Hol frisches Bettzeug«, bat der Arzt und fuhr mit seinen Untersuchungen fort.

Das Mädchen nickte und stieß beim Zurücktreten den Wassertrog um. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie murmelte eine Entschuldigung und warf ein verschmutztes Laken über die Misere. Mit dem Fuß stieß sie die Metallschüssel zur Seite und legte schützend die Hände vor ihren sich wölbenden Bauch.

Der Arzt strich sich die Tropfen von der Robe. »Lass dich nicht ausnutzen, Marie«, sagte er. »In deinem Zustand solltest du genug Schlaf bekommen.«

Ertappt berührte das junge Mädchen ihre Rundung und riss die Augen auf. »Bitte, behaltet es für Euch. Ich kann es mir nicht leisten, die Arbeit zu verlieren.«

Ihr Flehen ging in einem Hustenanfall der Herrin unter. Auf einen Fingerzeig des Arztes reichte Marie einen Becher mit Wasser. Gemeinsam hievten sie Ludmila hoch. Unter kleinen Schlucken beruhigte sich ihr Husten. Von der Anstrengung sank die Kranke wie ein nasser Mehlsack zurück in die Kissen und dämmerte vor sich hin.

Der Arzt sah die Patientin besorgt an. »Ihr Zustand sollte sich längst gebessert haben.« Er setzte ein Hörrohr an ihre Brust und lauschte. Dann schüttelte er den Kopf. »Wascht sie stündlich kalt ab. Reibt ihr den Rücken mit Kampfer ein und seht zu, dass sie tief atmet. Lüftet so oft ihr könnt und setzt sie auf.« Sein Blick glitt über die Statur Maries und er schüttelte den Kopf. »Weiß deine Herrin, dass du in anderen Umständen bist?« Mit dem Kinn wies er zu Ludmila, die mit geöffnetem Mund zu schnarchen begann.

»Gott bewahre. Nein, natürlich nicht.« Marie seufzte. »Auf das Gezeter kann ich gut und gern verzichten.«

»Wenn die Freifrau weiterhin von so einer Übermüdeten wie dir hier betreut wird, hat es sich ausgezetert«, brummte der Arzt. »Es geht nicht an, dass sich ein so junges Ding wie du hier kaputt schuftet.«

Marie hörte ihn nicht. Sie tupfte mit einem feuchten Tuch die trockenen Lippen der Herrin. Dann hob sie den Blick.

»Zwei der Dienerinnen liegen ebenfalls mit Fieber danieder. Ira kommt mit der Arbeit kaum hinterher. Ich bin für sie eingesprungen.« Der Arzt hatte Recht. Lange hielt sie das nicht mehr durch.

»Seit Aschenbrödel fort ist, ist alles anders. Die hat für drei geschuftet«, stöhnte sie. »Die verbleibenden Angestellten wissen kaum, wie sie die Arbeit bewerkstelligen sollen.«

Der Arzt zog das vom Schweiß angefeuchtete Kissen aus dem Rücken der Freifrau und reichte es mit spitzen Fingern der Magd. »Das Bett muss frisch bezogen werden.«

»Schon wieder?« Marie verstummte. Dann ließ sie die Schultern hängen. »Ich gehe gleich frische Wäsche holen.«

Der Arzt runzelte die Stirn. »Wer ist Aschenbrödel?«

In kurzen Sätzen setzte Marie ihn ins Bild. »Sie war vom Gut nicht wegzudenken. Das wird uns jetzt klar, seit sie mit dem Prinzen fort ist.«

»Na ja, ich hege keine Zweifel, dass sie sich an das Leben auf dem Schloss gewöhnen wird.« Trotz freundlichen Augenzwinkerns zog er die Augenbrauen zusammen. »Erstaunlich, dass sich Prinz Jaroslav ausgerechnet eine Magd als Braut aussucht. Gab es neben Dora nicht noch die Tochter des Gutsherrn? Ich habe sie seit seinem Tod nicht mehr gesehen.«

Ein Lächeln stahl sich auf Maries Gesicht. »Unser Aschenbrödel war die Gutstochter.«

Als hätte sie zu viel verraten, presste sie die Lippen aufeinander. »Könnt Ihr die Herrin wieder gesund machen?«

Der Arzt nickte. »Hol frisches Wasser und die anderen Dinge, die ich dir aufgetragen habe. Und danach ruhst du dich aus«, sagte der Arzt.

Wie eine Klammer legte sich eine Hand um sein Handgelenk. Die Augen der Herrin waren halb geöffnet und süßlich fauliger Atem schlug ihm entgegen.

»Sie reißt uns alle ins Verderben«, murmelte die Kranke.

Erschrocken wich das Mädchen zurück.

Der Arzt versuchte, die Umklammerung zu lösen.

»Aschenbrödel«, presste Ludmila zwischen aufgesprungenen Lippen hervor. Kraftlos sank ihr Kopf auf die Brust und ihr Griff lockerte sich. »Holt sie aus dem Schloss. Das wird ein schlimmes Ende nehmen.«

»Macht Wadenwickel«, rief der Arzt und rieb sich das schmerzende Handgelenk. Marie stand wie erstarrt am Bettende.

»Hol Brühe, Holunder, damit sie zu Kräften kommt.«

Die Magd nickte und klemmte sich die Waschschüssel unter den Arm. Die Herrin schrie unvermittelt auf. Der Arzt und das Mädchen fuhren zusammen. Mit der Hand fächelte er Luft auf die Kranke. Aus aufgerissenen Augen schweifte Ludmilas Blick umher. Ihr Gesicht glich einer Fratze.

»Sie ist verflucht«, stammelte sie und warf die Bettdecke zur Seite. Vergeblich unternahm sie einen Versuch, die Beine aus dem Bett zu schwingen.

Die Schüssel glitt Marie aus den Händen, die scheppernd zu Boden fiel. Den Blick starr auf die Herrin gerichtet setzte sie einen Schritt zurück. In der Tür prallte sie mit der Dienerin zusammen, die einen Korb mit frischer Wäsche abstellte. Eine Entschuldigung murmelnd, rannte Marie hinaus.

Heulend erreichte sie ihre Kammer. Die Herrin flößte ihr schon im wachen Zustand Angst ein, doch in der Nacht an ihrem Bett ihren Fieberfantasien zu lauschen, hatte Befürchtungen geweckt. Wenn die Herrin nicht überlebte, wäre sie verloren. Ein neuer Herr würde sie in ihrem Zustand nicht übernehmen. Eine Welle Tränen rann über ihr Gesicht, und sie schluchzte laut. »Ich hasse sie«, presste sie in das Kissen. Marie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob in dem Gefasel der Herrin doch ein Kern Wahrheit steckte.

»Himmel Herrgott, Mädchen, was ist mit dir los? Bist du dem Teufel persönlich begegnet?«

Ihre Zimmergenossin Ira stand, die Fäuste in die Hüften gestemmt, im Türrahmen. Erschrocken wischte sich Marie über das nasse Gesicht. Ira musterte sie mit einer Mischung aus Unmut und Besorgnis.

Marie stammelte eine unzusammenhängende Erklärung und erntete einen verständnislosen Blick. »Mach mal Butter bei die Fische. Da komm ich nicht mit.«

Das Mädchen atmete durch. Langsam formten sich die Sätze und ergaben ein vollständiges Bild, über das, was sich gerade im Krankenzimmer zugetragen hatte. Ira setzte sich ihr gegenüber auf das Lager. »Du bist völlig erschöpft. War ein bisschen viel. Schlaf, meine Liebe. Morgen sieht die Welt wieder rosig aus. Gib nicht so viel auf das Gefasel. Heiße Luft, mehr nicht.«

Ira nahm Maries Kinn in ihre Hand und hob ihr Gesicht. »Die Frau ist ein Miststück. Von Neid zerfressen, genauso wie ihr Schoßhündchen von Tochter. Glaub mir, ich hatte schon Sorge, dass die dumme Gans den Prinzen abschleppt. Durchtrieben genug sind die beide.«

Maries Augen waren glasig. Dunkle Schatten bedeckten ihr Gesicht. Sie schaute durch Ira hindurch. »Es war so beängstigend«, flüsterte sie. »Und wenn doch was Wahres dran ist?«

»Papperlapapp. Da hat das Fieber den wahren Charakter zum Kochen gebracht. Soll die Herrin es doch selbst abkriegen. Wer anderen Böses wünscht, wird selbst nicht glücklich!«

Erschrocken verzog Marie das Gesicht und brachte ihre Zimmergenossin damit zum Lachen.

»Hochmut kommt vor dem Fall, und der würde diesen beiden Schnepfen mal ganz guttun.« Entschuldigend zuckte Ira mit den Achseln und erhob sich. Ihr Rücken knackte, als sie sich streckte.

»Am besten du vergisst, was du gehört hast. Wir tun, wofür wir hier sind, und päppeln die gnädigen Herrschaften wieder auf. Vergiss nicht, sie geben uns Kost und Logis. Und wer wünscht sich einen Palast, wenn er diesen Traum hier bewohnen darf.«

Herzlich zwinkerte Ira dem Mädchen zu, die kaum noch die Augen offenhalten konnte.

»Aber ich muss doch noch frische Wäsche bringen, und heißes Wasser, Kampfer! Ich muss …«.

»Das übernehme ich. Mach dir keine Sorgen und schlaf.«

Marie lächelte schwach. Eine Taube saß auf dem Fenstersims und putzte sich das Gefieder. Ira klatschte in die Hände und erschreckt flatterte der Vogel davon.

»Glaubst du wirklich nicht an Flüche?«, flüsterte das Mädchen.

Ira schnaubte unwirsch und wischte die Frage mit einer Handbewegung weg. »Aschenbrödel hat den Absprung geschafft. Das ist alles, was zählt.« Sehnsucht stahl sich in ihre Augen. »Ist schon ein schmuckes Kerlchen, dieser Prinz. Aber nichts für solche wie uns.« Sie zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel und reichte es dem Mädchen, die lautstark hinein schnaubte. Dann wischte Marie sich über die geröteten Augen. »Aber wenn er es mit dem Leben bezahlen muss?«

»Bist du verrückt? Hat ihm das die Alte gewünscht?«

Marie nickte müde. »So ähnlich.«

»Aschenbrödel hat genug mitgemacht«, sagte Ira. »Das Maß ist voll. Jetzt hatte der Herr ein Einsehen.« Sie bekreuzigte sich, »Unsere Kleine hat sich aus der Hölle befreit. Und du tust jetzt das Gleiche und sinkst in das Land der Träume. Das bist du auch deinem Würmchen schuldig.«

Maries Kopf war an Iras Schulter gesunken. Behutsam legte die Zimmergenossin das Mädchen hin und deckte sie zu.

Rosenthal

Dicke, rote Vorhänge schluckten die morgendliche Sonne. Schwer stieß der Brokatstoff auf dem mit Teppichen belegten Boden auf. Das Feuer im Kamin glühte schwach. Die Kälte kroch wie eine Spinne in den Raum. Fürst Maran zog die Decke bis zur geröteten Nasenspitze. Vorsichtig streckte er seine Glieder. Seine Gelenke schmerzten. Die Minusgrade setzten seiner Arthritis zu und brachten ihn um den Verstand. Sein Heiler versprach ihm Besserung, wenn er sich an die strengen Anweisungen hielt. Die Kräuter schmeckten abscheulich und immer öfter warf Maran sie ins Feuer. Das Zischen, mit denen sie von den Flammen verschlungen wurden, beruhigte seine Nerven. Er bevorzugte den Kelch Wein, der in seinen Augen eine ebenso lindernde Wirkung entfaltete. Der Morgen strafte seine Selbstlüge. Er wachte regelmäßig gerädert auf und der oberflächliche, traumlose Schlaf verschlechterte seine Laune zusätzlich.

Mit den Fingern trommelte er auf die Bettdecke. Im Kopf ließ er sich zum wiederholten Mal das Gespräch mit seinem Sohn durch den Kopf gehen. So sehr er sich bemühte, er fand keinen Zugang zu ihm. Wie er vor ihm gestanden hatte mit diesem ihm so eigenen abschätzigen Blick, hätte nicht viel gefehlt und dem Fürsten wäre die Hand ausgerutscht. Die fehlenden Neuigkeiten aus dem Nelkenthal enttäuschten ihn. Nichts, was ihn seiner Suche näherbrachte. Dabei hätte er stolz auf ihn sein können. Aus ihm war ein kräftiger Soldat geworden, wenn auch von Ehrgeiz zerfressen.

»Fahr zur Hölle, Vater. Ich übernehme eine Knappenschule, damit irgendwann ein echter Mann die Regierungsgeschäfte übernimmt.«

Maran hatte seinen Sohn angeschrien, doch der hatte nur gelacht und war gegangen. »Weichling«, war das Letzte, was er von ihm hörte. Seit Monaten hatte er nichts von ihm gehört, und es erschrak ihn, wie gleichgültig es ihm war. Tief im Innern wusste er, dass sein Sohn den Kern traf. Viel zu lange war er von der Suche nach seiner verflossenen Liebe zerfressen gewesen. Jetzt hatte er keine Kraft mehr.

Die Einladung zur Hochzeit des Prinzen Jaroslav mit einer Unbekannten, die am gestrigen Tag eingetroffen war, weckten seine Neugier. Die Aussicht auf eine Reise besserte seine Stimmung erheblich.

Gerne hätten einige Grafen und Fürsten eine ihrer Töchter als Braut des Prinzen gesehen. Dies war nunmehr ausgeschlossen. Wäre Maran mit einer Tochter gesegnet gewesen, hätte er ebenfalls eine Vereinigung begrüßt.

Sein Herz wurde schwer. Einen Teil seiner selbst hatte er vor langer Zeit an das Nelkenthal verloren. Vielleicht fand er, was er suchte auf dem königlichen Ball.

Während er sein schmerzendes Bein massierte, zog er kräftig am Klingelseil. Wo blieb sein Diener nur? Er zog noch einmal und länger. Er brauchte ihn. Sein Körper gehorchte ihm immer weniger. Ein Umstand, der seine Seele mit in den Abgrund zog.

Wenig später erschien ein Domestike. Der drahtige Mann verbeugte sich tief und stellte einen Becher mit dampfenden, nach Zimt und süßer Schokolade duftenden Kakaos auf den Nachttisch.

Die schwarzen glatten Haare lagen gekämmt auf seinem Schädel und eine knochige Hakennase lugte zwischen stechenden Adleraugen hervor. Mit geübten Handgriffen entfachte er ein Feuer im Kamin und zog die Vorhänge zur Seite. Wohlige Wärme breitete sich aus. Aufmerksam sah er den Fürsten an, der ihn anwies, die Vorbereitungen zur Abreise zu tätigen.

»Die Schneeschmelze setzt bald ein. Es ist in Eurem Zustand nicht ratsam, die beschwerliche Reise anzutreten«, gab der Diener zu bedenken und zog in Erwartung einer Zurechtweisung den Kopf ein. Der Fürst schlug die Decke zur Seite und setzte seine Beine aus dem Bett.

»Ihr werdet mich begleiten. Die Reise wird mir guttun.« Was genau ihm diese Kraft verlieh, verschwieg er. Der Diener zuckte mit den Achseln und half seinem Herrn aus dem Bett.

Am Abend desselben Tages lag auf der Tafel des Grafenpaares Treuenfels die Einladungskarte. Der Graf besah sie sich skeptisch und stellte sie zurück an die Vase. Seine Frau Emilia saß ihm gegenüber und an der Art, wie sie auf ihrer Lippe kaute, wusste er, dass er vorsichtig mit seinen Worten umgehen musste.

»Liebste, ich verstehe dich nicht. Der Prinz heiratet eine einfache Magd. Was für ein Affront gegen die Thäler. Du wirst nicht im Ernst in Erwägung ziehen, dieser Vermählung beizuwohnen.«

Die Gräfin schnaubte verärgert. »Was gibst du auf das Geschwätz? Ich möchte mit eigenen Augen sehen, was es mit dieser Braut auf sich hat. Es passt zu König Stanislav, in seinem eigenen Thal nach einer Braut zu suchen. Ich sehe dir doch an, wie gerne du eine Verbindung gesehen hättest. Nur leider habe ich dir drei Söhne geschenkt. Unsere Enkeltochter ist mit ihren fünf Jahren wahrlich noch ein wenig jung.«

Graf Treuenfels schob den Stuhl zurück und erhob sich. Mit der Stoffserviette tupfte er sich den Mund und räusperte sich. »Werde nicht albern, Emilia. Aber eine Bürgerliche als zukünftige Königin ist bitter. Natürlich schauen wir uns die Magd an. Nur das Fest soll das Mädchen mit seines Gleichen feiern. Dafür trage ich Sorge.«

Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange seiner Frau verließ er den Speisesaal. Die Gräfin knetete die Stoffserviette in ihren Händen und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit.

Am Morgen der Hochzeit

Ninotchka betrachtete sich im Spiegel und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ihr gepflegtes Äußeres stand im Gegensatz zu ihrem aufgewühlten Inneren. Das viele Lachen tat ihr gut und zauberte einen Glanz in ihre braunen Augen, den sie lange nicht mehr an sich wahrgenommen hatte. Das frisch gewaschene Haar lag in Wicklern. Nichts erinnerte an das Mädchen im grauen Kittel.

Nur ein paar Wochen waren vergangen. Es kam ihr vor, wie ein ganzes Leben. Wie auf Watte schwebte sie durch ihr neues Heim. Das Schloss mit seinen festen Mauern, den weichen Teppichen und Regeln erschien ihr wie ein Labyrinth ihrer Seele, durch das Jaroslav sie sicher hindurch lotste. Sogar Mikuláše hatte einen eigenen Stall. Obwohl er zwischen den fremden Pferden verloren wirkte, gab er ihr ein Gefühl der Vertrautheit. Eine Verbindung zu ihrem alten Ich. Ihr Blick glitt über die hohe Decke ihres Schlafgemaches. Weich drückte sich die samtbezogene Stuhllehne in ihren Rücken. Ihre Hände badeten in einer warmen Seifenlauge. Die letzten Schwielen, die wie eine Mahnung geblieben waren, lösten sich auf. Ungläubig betrachtete sie sie. Sie kamen ihr vor wie zwei Unbekannte. Manchmal wünschte sie sich unter den mitleidigen Blicken der Zofen die Hornhaut zurück.

Für einen Moment schloss sie die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Ungläubig befühlte sie ihre inzwischen weiche Haut. Mit einem Ruck zog sie beide Hände aus dem Wasser. Tropfen verteilten sich auf dem Spiegel und mit dem Zeigefinger malte sie einen Striemen über das Glas. Sie tastete nach einem Tuch und trocknete die Hände. Der Gedanke an die unzähligen geladenen Fremden zur heutigen Hochzeit, legte einen Schatten auf die Vorfreude. Die quirligen Zofen hatte sie hinausgeschickt. Ihr aufgeregtes Geschnatter steigerte Ninotchkas Ängste nur. Das vertraute Hochzeitskleid hing auf einer Kleiderpuppe. Der blaue Diamant in der sternenförmigen Kette schmiegte sich an das Stoffdekolleté. Dass Jaroslav sie in dieser Aufmachung ins Schloss geführt hatte, erschien ihr wie ein hoffnungsfrohes Omen. Die Erinnerungen daran tanzten hinter ihrer Stirn. Ninotchka fröstelte.

Es war so weit.

Heute trat sie mit dem Prinzen vor den Altar. Dem begehrtesten Junggesellen im Nelkenthal. Nicht ein Körnchen Asche klebte mehr an ihr. Bis ihre Haut rot war und wehtat, hatte sie sich am Morgen in der Wanne geschrubbt. Das Rosenöl beruhigte ihre Haut, ihren Herzschlag brachte es nicht zur Ruhe. Die Fürsten und Grafen beim gestrigen Empfang hatten sie angesehen wie ein Insekt. Höflich war sie behandelt worden, doch sie spürte die Geringschätzung, hörte den Spott in ihren gedämpften Stimmen. Jaroslav hatte ihre Hand den ganzen Abend nicht losgelassen, das hatte ihr die Kraft gegeben, es durchzustehen.

Die letzten Wochen waren mehr, als sie sich erträumt hatte. Einige Diener hatten sie anfangs noch misstrauisch beäugt. Nun schenkten sie ihr mittlerweile ein freundliches Lächeln, wenn sie sie erblickten. Jaroslav führte sie herum und seine Nähe war wie ein Elixier. An den gemeinsamen Tafelrunden kam sie ihren künftigen Schwiegereltern näher, wobei sie zugeben musste, dass König Stanislav sie mit seiner natürlichen Präsenz einschüchterte.

Doras hämisches Lachen verfolgte sie bis in die Träume. Sie schüttelte den Gedanken an ihre Stiefschwester ab. Ein Wunder, dass sie sich so still verhielt.

»Aufgeregt?«, eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Ninotchka wollte sich für einen Knicks erheben, doch die Königin drückte sie zurück in den Sessel.

»Dir fehlt deine Mutter, habe ich Recht?«

Ninotchka schluckte. Unauffällig wischte sie sich über die Augen. Das Lächeln von Königin Kadhja schien aufrichtig. Vor dem Fenster tanzten vereinzelte Schneeflocken und schmolzen auf der Scheibe. Durch ein kleines Loch in der sonst dichten Wolkendecke fiel Sonnenlicht und gab den Blick auf ein hoffnungsfrohes Blau frei. Erste mutige Sonnenstrahlen wärmten Ninotchka. Die Königin folgte ihrem Blick. Ihre Hand ruhte auf ihrer Schulter. Begleitet von dem leisen Prasseln des Feuers schwiegen beide für einen Augenblick.

»Das ist ein besonderer Tag«, sagte die Königin leise, »deine Reise ins Ungewisse.« Aufmunternd strich sie über Ninotchkas Haar.

»Es ist sicher nicht leicht, dich an unsere Gesellschaft zu gewöhnen. Die andere Umgebung, die vielen neuen Gesichter.« Ihr Blick war in die Ferne gerichtet, so als spräche sie zu sich.

»Ich habe auch hier gesessen, einige Stunden bevor ich Stanislav geheiratet habe. Gott, war mir bange. Obwohl ich ihn geliebt habe, fragte ich mich, ob es eine gute Ehe wird, ob ich der Aufgabe als Königin gewachsen bin.«

Die Worte kamen voller Inbrunst und lockten Ninotchka ein Lächeln ins Gesicht. Sie betrachtete das Profil ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Geschwungene Augenbrauen überdachten ihre braungrünen Augen, unterstrichen ihre Erhabenheit und schauten so sanft wie die ihres Sohnes. Der schmale Mund hatte die Farbe einer Wildrose. Ihre Blicke trafen sich.

»Obwohl es erst ein paar Wochen her ist, dass du zu uns gekommen bist, hast du bereits unser aller Leben verändert. Ich bewundere dich für deinen Mut. Du hast den richtigen Biss für das Amt der Königin. Das spüre ich.«

Verlegen rückte Ninotchka ein Stück vom Tisch ab. »Momentan bin ich einfach nur aufgeregt.«

Die Tür zum Waschraum öffnete sich. Beim Anblick ihrer Herrin blieb eine Zofe abrupt stehen und knickste höflich. Abwartend sah sie die beiden Frauen an.

»Bringt uns heißen Holunder«, wies die Königin sie an. »Und meinen Schleier.«

Die Zofe nickte und trat mit einer Verbeugung zurück durch die Tür. Lautes Scheppern begleitet von einem Fluchen sickerte gedämpft durch den mit Samt bespannten Durchgang. Theatralisch rollte die Königin mit den Augen und entlockte Ninotchka ein Lächeln.

»Mir fehlen meine Eltern unsagbar.« Mit den Worten löste sich ein Knoten in Ninotchkas Innerem.

»Vor ein paar Wochen erschien es mir wie ein unerreichbarer sinnloser Traum, jemals aus der Asche zu entkommen. Ein nicht enden wollender Strudel, der mich mitriss.« Ninotchka stockte, »Jaroslav zu begegnen, war eine Fügung.«

Verlegen sah sie die Königin an. »Das ist unser Tag. Es kommen so viele Gäste, die mir gänzlich fremd sind.«

»Es geht dir nicht um den Thron, nicht wahr?«

Ninotchka schüttelte den Kopf, die Wickler begannen zu tanzen. Sie sah der Königin in die Augen.

»Nein. Es geht mir um Jaroslav. Ich bin erst so kurz an seiner Seite und habe dennoch das Gefühl, als ob wir uns schon ewig kennen.« Sie rieb sich über die Stirn. »Alle denken nur daran, dass er der Kronprinz ist. Kaum jemand sieht den Menschen, der in ihm steckt.« Ninotchka errötete. »Ich rede Unsinn. Verzeiht Majestät.«

Die Königin schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil, mir fällt ein Stein von der Seele.«

Ihre Hände umfassten Ninotchkas Wangen und zwangen sie, sie anzuschauen.

»Ich kann dir deine Mutter nicht ersetzen, mein Kind.«

»Sie ist ja im Herzen bei mir.«

»Ich weiß. Deshalb verschone ich dich mit klugen Ratschlägen.« Kadhja seufzte. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich dir wohl gesinnt bin und dich unterstützen will, so gut ich kann. Ich hatte auch Angst, als ich Stanislav geheiratet habe. Ich bekam ja nicht nur einen Ehemann, sondern ein ganzes Reich dazu, Verantwortung für so viele. An meinem Sohn hängt das Erbe des Thrones. Das ist nicht zu ändern.«

Liebevoll zog Kadhja an einer Locke von Ninotchka, die sich aus der unfertigen Frisur gelöst hatte. Ninotchka war dankbar für die spielerische Berührung »Ich beschwere mich nicht, Majestät«, murmelte sie, »es ist nur ...«

»Druck, den du gehofft hast, abgestreift zu haben?« Kadhja zuckte mit den Achseln.

Treffender hätte Ninotchka es nicht ausdrücken können.

»Zwischen Euch besteht eine Verbindung. Das ist mehr als ich mir je für Jaro erhofft habe. Mein Sohn betet dich an.«

»Ist das Euer Ernst?«

»Großer majestätischer Ernst«, nickte die Königin vergnügt. »Wir haben ihm alle Freiheiten gelassen. Er hat unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Dich hat der Himmel geschickt.« Ihre Augen blitzten belustigt. »Diese Frechheit, ihn beim Ball auf der Tanzfläche stehen zu lassen«, lachte die Königin. »Herrlich! Wie vom Donner gerührt stand er da. Mein sonst so eloquenter Sohn, den nichts aus der Ruhe bringt.« Sie wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. »Das lässt du heute bitte aus. Das erträgt er kein zweites Mal.«

»Er hat mich nicht erkannt«, rechtfertigte sich Ninotchka kleinlaut.

»Das wird er heute.« Die Königin klatschte in die Hände und drückte Ninotchka zurück in den Stuhl. »Für dich.« Lächelnd zog sie ein kleines Blatt mit einer Zeichnung aus ihrem Ärmel und zwinkerte verschwörerisch.

»Eine Botschaft des nicht minder aufgeregten Bräutigams.«

Ninotchka nahm das Blatt entgegen und faltete es auf.

Unter dem gemalten Strauch mit drei Haselnüssen zierte eine Rose die linke Ecke. In der Rechten stand in Schönschrift: Nach der Trauung fahren wir noch einen kleinen Umweg. Lauf nicht weg, Jaroslav.

Ninotchka strich über das Blatt und bewunderte die Pinselführung.

Ein Hauch von Zedernholz, Maiglöckchen und Rosenduft lag in der Luft, als sich die Königin zu ihr beugte und sie drückte.

»Tu ihm nicht weh, Ninotchka. Er mag gefestigt wirken, unser verwöhnter Königsohn. Durch dich wird er lernen, dass er nicht alles auf dem Silbertablett serviert bekommt. Das ist gut, macht ihn aber gleichzeitig angreifbar. Er muss wissen, dass du hinter ihm stehst. Das Königreich braucht ihn.«

Die Arme vor der Brust verschränkt trat die Königin einen Schritt zurück. Mit dem Rücken stieß sie an die Kleiderpuppe und ihre Augen blieben einen Augenblick an dem königlichen Schleier hängen. »Dies wunderbare Stück hat mir meine Mutter damals eigenhändig gefertigt. Siehst du die feinen Nelken eingestickt? Ich bin stolz, ihn dir heute zu überlassen.«

Wie ein nicht enden wollender Wasserfall ergoss sich der pompöse Schleier über ihr Brautkleid und verdeckte es fast vollständig. Sie schluckte beim Anblick der glänzenden Augen der Königin ihre Besorgnis, darin unterzugehen, runter.

»Er ist wunderschön und es ist mir eine Ehre ihn tragen zu dürfen.« Es stimmte. Die Freude von Kadhja war echt.

Wie eine Warnung schlug die Turmuhr zur vollen Stunde. Das Stimmengewirr des Volkes auf dem Vorplatz trug nicht zur Beruhigung bei. Ninotchka war nicht einmal annähernd fertig. Aber es blieb keine Zeit zum Nachdenken.

Die Tür sprang auf und mit einem Fingerschnipsen mahnte die Königin zur Eile. Ein letztes Mal strich sie über den Schleier und lächelte.

Umringt von Zofen, die an ihr herumzupften, ihr Puder ins Gesicht stäubten, die Locken zu einer Hochsteckfrisur bändigten, kam sich Ninotchka wie eine Puppe vor. Eine Marionette an deren Fäden gezogen wurde. In das Samtpolster gelehnt presste sie den Mund zusammen und atmete vorsichtig durch die Nase. Mit geschlossenen Augen ließ sie sich gefallen, dass ein Pinsel über ihre Wangen strich. Für einen Moment sah sie sich als Mädchen mit ihren Eltern auf dem Gut. Die Erinnerung streichelte ihre Seele und warf gleichzeitig einen Schatten darüber. Wie gerne hätte sie heute beide an ihrer Seite gehabt. Wenn die Hochzeit vorbei war, stand endlich der Besuch auf dem Friedhof mit Jaroslav an. Ihr Herz machte einen Satz bei der Vorstellung, den Mann ihres Herzens ihren Eltern vorzustellen. Vielleicht auf dem Rückweg von der Kirche ins Schloss? Zwischen ihren Fingern knisterte der Brief von ihm, und sie dachte an den angekündigten Umweg.

Durch eine erneute Puderwolke sickerte ein »Alles wird gut, Prinzessin«, an ihr Ohr. Ninotchka hob ihre Hand. Durch zusammengekniffene Augen sah sie ein Mädchen mit Spitzenhaube, das ihre Hand nahm, um sie zu massieren und einzuölen.

»Ja, alles wird gut«, murmelte sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Hochzeit