Asiatische Nächte - Hans J. Unsoeld - E-Book

Asiatische Nächte E-Book

Hans J. Unsoeld

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Beschreibung

Das Buch lässt sich nicht eindeutig als fiktiv oder Sachbuch einordnen. Bewusst wurden zahlreiche Themen miteinander verflochten: -Die Suche nach einem persönlichen Paradies- -Die Parallelen in privaten und öffentlichen Lebenserfahrungen- -Autobiografische "Enthüllungen"- -Whistle-Blowing in der Politik- -Gedanken zur Naturphilosophie- -Logisches Denken (Europa) / ganzheitliches Empfinden (Asien)- -Gibt es einen Anfang und ein Ende der Welt?- -Wo sind die Grenzen von Raum und Zeit?- Früher glaubte man, das Paradies sei ein ferner, kaum zu erreichen­der Garten. Dort gäbe es alles,- paradiesische Zustände. Sein Symbol wurde der Baum des Lebens. Befindet es sich aber etwa dort, wo wir das Leben selbst und unsere "kleine" Welt verstehen und vielleicht sogar genießen lernen? Ist es in uns oder in weiter Ferne? Haben wir den Traum vom Paradies aufgegeben? Sich abgrenzen statt das Paradies und seinen Genuss zu suchen, - ist es das, was die Menschen in Wirklichkeit tun und was uns traurig macht? Aber kann es ein Paradies ohne schwer zu überwindende Zäune geben? Das Gerücht von seiner leichten Erreich­barkeit würde sich schnell verbrei­ten. Jeder könnte kommen und allein dadurch, dass so viele kommen, das Paradies zerstören. Es würde nötig sein, die Freiheit der Menschen zu beschränken. Ist jede Annähe­rung an das Paradies mit einer Einengung von Freiheit zu bezahlen? Oder ist gar einfach die Freiheit selber das Paradies? Ist es überhaupt möglich, ein Paradies zu haben? Ja, wir wissen, dass es glückliche Momente im Leben gibt, in denen man sich wie im Paradies fühlt. Aber diese Art von Paradies scheint immer wie ein Geheimnis zu sein, sich als begrenzt zu erweisen.. Ist alles nur eine Frage unserer eigenen Offenheit und im Grunde damit ganz einfach? Ist die Offenheit selber solch ein einfaches "Ding"? Vielleicht, vielleicht! Einerseits wurde der Baum des Lebens zum Symbol des Paradies. Ein Baum lebt.

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hans J. Unsoeld

Asiatische Nächte

Gedanken und Erfahrungen 2010-2013 in Südost-Asien

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Asiatische Nächte

Vorwort

Nicht Casanova

Nicht Barenboim

Nicht Einstein

Kap. 1 Vorweg-Gedanken

Kap. 2 Dumme Fragen: Ein amerikanischer Krieg?

Kap. 3 Geld bzw. Gold

Kap. 4 Der Dschungel

Kap. 5 Der Rabe

Kap. 6 Die Panterkatze

Kap. 7 Das Kätzchen

Kap. 8 Von Reis und Enten

Kap. 9 Kein Glück?

Kap. 10 Kultur ?

Kap. 11 Nai und Prai - Bosse und Bauern

Kap. 12 Die Amart

Kap. 13 Das Militär

Kap. 14 Waffen

Kap.15 Aufmärsche

Kap. 16 Der erste Barrikadenkampf

Kap. 17 Ferne Welten

Kap. 18 Die dreigeteilte Welt

Kap. 19 Schöne Fassaden gehen in Flammen auf

Kap. 20 Rückkehr nach Thailand

Kap. 21 Forcierter Tourismus

Kap. 22 Gemeinschaft

Kap. 23 Indonesien

Kap. 24 Bali

Kap. 25 Viele schöne Katzen

Kap. 26 Die Raubkatze

Kap. 27 Die Löwin

Kap. 28 Intermezzo

Kap. 29 Leben und Tod

Kap. 30 Entwicklung

Kap. 31 Chaos

Kap. 32 Kultur, Politik und Privatleben

Kap. 33 Multipolar

Kap. 34 Die Pfeife blasen

Kap. 35 Spiegelbilder

Kap. 36 Tabuzonen

Kap. 37 Vertrauen - eine Illusion?

Kap. 38 Zusammenschlüsse

Kap. 39 Die Großen und die Kleinen

Kap. 40 Ohne Raum und Zeit

Kap. 41 Mini ist modern

Kap. 42 Der schwarze Schwan

Kap. 43 Raubtier-Attacke

Kap. 44 Das Ende von Raum und Zeit

Kap. 45 Entwicklung wohin?

Kap. 46 Auseinandersetzungen

Kein Paradies?

Kein Tod?

Impressum neobooks

Asiatische Nächte

Die Suche nach dem Paradies

jenseits von Raum und Zeit

"Fantasy is what people want, but reality is what they need"

Vorwort

Ein Paradies,- gibt es das? Früher glaubte man, das sei ein ferner, nur schwer zu erreichen­der Garten. Dort gäbe es alles,- paradiesische Zustände sagen wir heute. Sein Symbol wurde der Baum des Lebens. Ist es etwa dort, wo wir das Leben selbst und unsere „kleine“ Welt verstehen und vielleicht sogar genießen lernen? Ist es in uns oder in weiter Ferne?

Haben wir den Traum vom Paradies aufgegeben? Sich abgrenzen statt das Paradies und seinen Genuss zu suchen,- ist es das, was die Menschen in Wirklichkeit tun und was uns traurig macht? Aber kann es ein Paradies ohne schwer zu überwindende Zäune geben? Das Gerücht von seiner leichten Erreich­barkeit würde sich schnell verbrei­ten. Jeder könnte kommen und allein dadurch, dass so viele kommen, das Paradies zerstören. Es würde nötig sein, die Freiheit der Menschen zu beschränken. Ist jede Annähe­rung an das Paradies mit einer Einengung von Freiheit zu bezahlen? Oder ist gar einfach die Freiheit selber das Paradies?

Ist es überhaupt möglich, ein Paradies zu haben? Ja, wir wissen, dass es glückliche Momente im Leben gibt, in denen man sich wie im Paradies fühlt. Aber diese Art von Paradies scheint immer wie ein Geheimnis zu sein, sich als begrenzt zu erweisen. Woher rühren diese glücklichen Momente? Kommen sie von dem, was wir tun, von dem, was wirerreichen, von dem, was wirfühlen, oder von dem, was wirdenken? Alle diese vier Wege wären vielleicht möglich. Ist alles nur eine Frage unserer eigenen Offenheit und im Grunde damit ganz einfach? Vielleicht, vielleicht! Ist die Offenheit selber solch ein einfaches “Ding”? Vielleicht, vielleicht, vielleicht! Fragen über Fragen,- doch zuvor sollten wir festhalten, was am Anfang gesagt wurde.

Einerseits wurde zum Symbol des Paradies der Baum des Lebens. Ein Baum lebt. Er entsteht aus einem Samen, wächst durch immer neue Verzweigungen, produziert neuen Sauerstoff und neue Samen, und stirbt schließlich. Je nach seiner Todesart hinterlässt er Humus oder Rauch. Hoffentlich ist das nicht zu viel Detail für ein Symbol. Andererseits muss das Paradies eine Art Zaun haben. Das kann sehr verschieden aussehen. Ein weiter leerer Raum, eine dünne Haut, ein Maschendraht, eine Wand mit Türen, eine überwachte Gebietsgrenze, ein hohes Gebirge,- was alle gemeinsam haben, ist eine beschränkte Durchlässigkeit. Schon wieder zu viel Detail? Und noch mehr gilt das für die vier viel­leicht möglich erscheinenden Wege.

Bringt uns das, was wirtun, in ein Paradies? Kann es einen perfekten Job geben? Unter einem Job verstehen wir im allgemeinen eine abhängige Arbeit. Fehlende Selbst­bestimmung ist gewiss kein Paradies. Was ist, wenn wir müde, faul, lustlos oder gar krank sind? Doch alleine tun, was wir gerade möchten? Teamarbeit ist mehr und mehr gefragt, soziale Sicherung ebenso. Für was sind wir offen?

Bringen uns gesellschaftlicher oder privaterErfolgin ein Paradies? Beide Male gibt es zwei völlig verschiedene Möglichkeiten. Der gesellschaftliche Erfolg bedeutet Gewinn von entweder nur Einfluss oder sogar Macht. Leben Menschen, die in dieser Hinsicht viel erreicht haben, in einem Paradies? Der private Erfolg hat ebenfalls zwei Gesichter, entweder im Familienleben oder sexueller Erfolg. Für was sind wir offen?

Bringen unsGefühlein ein Paradies? Wie unterschiedliche Arten von Gefühlen es gibt! Ein unauslöschliches Erleben oder eine ebensolche Meditation sind grundverschieden, das Bestehen von Gefahren und das Erlangen eines höheren “erleuchteten” Zustandes charak­te­ri­sieren sie, beide Arten kämen infrage. Und wie steht es mit dem Glück? Zufälliges oder ge­schaf­fenes Glück sind wieder zwei entgegengesetzte Möglichkeiten. Für was sind wir offen?

Bringen unsAufgaben, neue Wege, Einstellungen oder Erkenntnissein ein Paradies? Hier spielt immer der Kopf eine große Rolle. Aufgabenstellungen für Andere oder für einen selber, neue Wege zur allgemeinen Weiterentwicklung oder zur eigenen Vervoll­kommnung, Glaubenseinstellungen einer Gruppe oder individuelle Überzeugungen, Natur- oder geistige Erkenntnisse,- wieder stoßen wir auf eine verwirrende Vielfalt. Für was sind wir offen?

Was begrenzt unsere Suche nach einem Paradies? Ist es dadurch, dass es an Leben gebunden zu sein scheint, der Vergänglichkeit unterworfen? Ist es nur die wiederholt gestellte Frage nach unserer eigenen Offenheit, gleichbedeutend mit der wohlbekannten Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, wie es seit langem die Humanisten postulieren, oder gibt es im Zuge moderner, vor allem von den Naturwissenschaften getragener Entwicklung, hier möglicherweise ganz neue Aspekte?

Ein mögliches Paradies scheint in solcher Sicht begrenzt zu sein hinsichtlich des Raumes, der Zeit und all seiner Dimensionen, die sowohl spirituell sein oder sich ebenso ins Reich der Künste erstrecken oder die scheinbar endlosen intellektuellen Räume der Wissenschaften einbeziehen können.

Dürfen wir die Geheimnisse eines besseren Lebens nicht verraten? Niemandem erzäh­len, dass es jenseits der Grenzen von Raum und Zeit ein Paradies gibt? Die Mächtigen werfen ins Gefängnis, wer zu laut die Pfeife bläst. Andere gehen alleine irgendwo in die Wüste oder die Wälder und kümmern sich den Teufel um jene Gesellschaft. Sollen die Anderen doch selber für sich sorgen! Wenn es denen schlecht geht, was tut das? Ist das nicht das Ende von sozia­lem Leben, das doch auf der Einschränkung von Freiheit zugunsten der Übernahme von Verantwortung beruht?

Müssen wir entweder die Kommunikation einschränken oder nur begrenz­tem materiellen Erfolg hin­nehmen? Inzwischen haben wir gelernt, dass Kommunikation etwas mit Ener­gie zu tun hat. Geht es um die alles durchdringende Wechselwirkung zwischen Ener­gie und Materie, die überall im Univer­sum herrscht? Das mag uns klar machen, dass die Transfor­mation zwi­schen beiden das wesentliche Ele­ment ist, das hinter allem steht, was die Welt bewegt.

Die entscheidende Frage würde einfach sein, ob wir volle Freiheit und das ersehnte Paradies durch die mehr oder weniger vollständige Umwandlung von materiellen Dingen in Energie und Information finden können. Ebenso könnten wir umgekehrt fragen, ob wir praktisch endlos mate­rielle Güter produzieren können mit Hilfe von Energie und Information? Das klingt wie eine schöne Utopie. Aber solche Vorgänge ten­dieren dazu, wenn sie einmal Fahrt aufgenommen haben, sich wie alles in unserem Universum immer weiter zu beschleu­nigen. Wie alles? Streben nicht sogar alle Galaxien, von denen wir heute Kenntnis haben, immer schneller ausein­ander? Muss das zwangs­läufig in einer Explo­sion enden oder in einer Implosion, was im Grunde gleich bedeutend sein mag? Man mag diese Krieg nennen oder Supernova oder Annihilisierung, aber es wäre aus unse­rer Sicht immer destruktiv.

Konstruktivismus oder Dekonstruktivismus,- sind sie die Kennzeichen der Welt in dieser Sichtweise? Es gibt nur Oszillation und Transformation, keiner hat jemals gesehen, dass irgendetwas aus nichts erzeugt wird. Ebenso lebt alles, was zerstört wird, in Form von Energie und Information weiter.

Werfe dich zu Boden, hier beginnt Religion! Doch sofort wird jemand kommen und schreien: Das ist alles esoterischer Unsinn! Und andere Menschen werden dich strafen, indem sie sagen, du zerstörst ihr Paradies und ihre Freiheit.

Um welche Art von Religion oder besser gesagt Religiosität handelt es sich? Sie könnte basieren auf einer modernen Form von “Dreieinigkeit”, - derEinfachheit, derSchönheit, und demGleichgewicht. Kleine oder größere Störungen dieser Basiselemente würden Entwicklung in Gang setzen. Durch Entwicklung entstehen auch Raum und Zeit. Erst in Raum und Zeit gewinnt der Begriff Leben seine Bedeutung.

Weder Einfachheit noch Schönheit noch Gleichgewicht werden von den meisten Menschen als Grundlage des Lebens akzeptiert. Das Streben nach Einfachheit als treibendes Element, die bevorzugte Stellung von schönen Menschen und die aktive Suche nach Gleichgewicht, also die gleich große Bedeutung dervier Anteileim Menschen von Tätigkeit, Sex und Macht, Gefühlsleben und Gedanken,- all diesedrei Zielescheinen den meisten Leuten mehr ein Dorn im Auge als erstrebenswert zu sein.

Besonders kritisch und deswegen weitgehend tabuisiert scheint der Anteil von Sex und Macht zu sein. Der vorliegende Text beschäftigt sich vorwiegend, jedoch absolut nicht ausschließlich mit diesem. Wer nicht möchte, dass über Sex und Macht offen geredet wird, sollte das Buch zur Seite legen.

Die drei folgenden einleitenden Geschichten und die letzten beiden Kapitel sind wie in dem vorausgegangenen Buch “101 Nachkriegsnächte” eine Rahmengeschichte, die absichtlich verstören soll, denn nur durch Störung kommt Entwicklung zustande. Die erste von ihnen ist weitgehend, die beiden folgenden teilweise fiktiv. Der Kernteil des Buches ist einerseits wieder autobiografisch und geht andererseits in Bereiche der Naturphilosophie und Kultur,- zwei Begriffe, die es in Ostasien in dieser Form gar nicht gibt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Sex istnichtdas Hauptthema.

Nicht Casanova

Das Paradies auf Erden? Gibt es das wirklich? Oh ja,- mann muss nur an der richtigen Stelle eine Eintrittskarte lösen. Kann das nicht ganz einfach sein, oder? Aber alle Zwei­fel zurückgestellt,- wo könnte es das denn geben?

Es gibt in Europa nicht wenige Menschen, die meinen, dass die italienische Toskana diejenige “geheime” Landschaft ist, die dieses Prädikat am ehesten verdient. Aber was ist denn dort so paradiesisch? Pinien und Zypressen in unvergesslichen langen Reihen auf geschwungenen Hügel­ketten, malerische kleine Städtchen hoch oben auf Bergkuppen, ein ewig blauer Himmel, der perfekt zu den sanften Pastelltönen der Landschaft passt? Schöne Menschen, die in voller Harmonie zu dieser Landschaft leben? Sind das nicht bürger­liche Illusionen?

Oh Wanderer, kommst du nach Aventurina, so tritt auf die Bremse! Die große Durch­gangsstraße dort schaut zwar absolut nicht paradiesisch aus, ist laut, vom Verkehr über­lastet, auch nicht gerade schön. Aber der Name des Ortes sollte dich hellhörig machen. Hat er nicht mit aventura, mit Abenteuer zu tun? Doch wahrscheinlich wirst du mit der Schulter zucken und dich fragen, wo denn auf dieser Lastwagenpiste Pinien oder Zypressen, malerische Bergkuppen oder schöne Pastelltöne zu sehen sind. Nichts als gehetzte Berufstätige, bürgerliche Realität.

Die beiden exotisch aussehenden Frauen in ihrem kleinen Auto mit offenen Verdeck wussten genau, an welcher Stelle frau zu der Therme abbiegen muss. Weil der Blinker seinen Geist aufgegeben hatte, streckte die Fahrerin kichernd den Arm aus dem offenen Fenster und reihte sich auf der Abbiegespur ein. Der heftige Berufsverkehr am einsetzenden Abend brachte sie nicht aus der Ruhe. Wenige Minuten später stiegen sie auf dem staubigen Parkplatz bei der Therme aus ihrem bescheidenen Gefährt, angelten sich große Handtücher vom Rücksitz, warfen sie sich über die Schultern und begaben sich zur Kasse. Nur wenige Leute kamen um diese Tageszeit hierher.

Recht verschieden schauten sie aus, im Alter wohl beide um die Dreißig, aber nicht genau einschätzbar. Ein erfahrener Asienreisender hätte gewiss sofort gesehen, dass am Steuer eine Thailänderin saß und ihre Freundin eine Balinesin war. Die kleine Thailänderin trug einen fast elegant wirkenden Minirock aus Jeansstoff und ein enges kurzes tief sitzendes Hemdchen. Was sie im Wunder-Bra zu bieten hatte, ließ sich so voll in Augenschein nehmen. Die etwas größere Balinesin stand ihr in Schönheit nicht nach. Doch sie war völlig anders gekleidet, eher europäisch mit einem „kleinen Schwarzen“, einem eng anliegenden Abendkleidchen aus Synthetik-Stoff. Zusammen boten die beiden einen hinreißenden Kontrast, ohne jedoch in dieser italienischen Umgebung unangenehm aufzufallen. Ein akzent-behaftetes, aber charmant klingendes Englisch sprachen sie miteinander.

„Hast du genug Geld für die Eintrittskarten?“, fragte die Thailänderin ihre Freundin.

„Natürlich nicht“, gluckste diese, verdrehte ihre malaysischen Augen wie ein Schalk und zog gleichzeitig einen Geldschein aus dem Portemonnaie.

„Ich habe aber wirklich kein Geld dabei, habe gestern alles meiner Familie geschickt. Aber der Typ muss ja zahlen. Kannst du hier für mich auslegen?“

„Weißt du, ich bewundere, wie du das immer tust,- so viel Geld denen schicken. Ich bin da etwas egoistischer. Du siehst ja, dass ich für das Kleid einiges ausgegeben habe, und morgen ist es vielleicht hinüber.“ Beide lachten laut los. Sie wussten genau, dass keiner von den Umstehenden verstand, was sie wirklich meinte. Das lag gewiss nicht an man­geln­den Englischkenntnissen.

Kaum hatten sie den Kasseneingang passiert, lag wirklich ein nicht einmal ganz kleines Paradies vor ihnen. Ein nur ungefähr rundes, von Natursteinen umgebenes Wasserbecken von ansehnlicher Größe grenzte hinten an eine kleine Felswand, aus der ein dampfender Quellbach sprudelte. Die beiden Frauen interessierten sich nicht für das Schild, welches besagte, dass diese Therme bereits vor 2000 Jahren von lebenslustigen Römern frequentiert wurde. Offensichtlich mit dem Ort vertraut, prüften sie, ob das Wasser im Becken genauso warm wie beim letzten Mal war. Doch die im rötlichen Abendlicht romantische Felsenkulisse und der plätschernde Wasserzufluss im Hintergrund nahmen sie auch diesmal gefangen, so dass sie im ersten Moment ihren Bekannten Igor gar nicht bemerkten, der an einem Tisch am vorderen Beckenrand bereits auf sie wartete. Das Zwitschern von Vögeln schien sich dem rhythmischen Geplätscher anzupassen, der entspannende Anblick und die Töne fügten sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

„Hallo Enni, was gibt es Neues in Thailand?“ ließ Igor sich aus dem Hintergrund vernehmen. Als würde er keine Antwort erwarten, fügte er hinzu: „Du siehst wieder so schön aus.“ Er legte seinen Arm um sie, was ihr offensichtlich ebenso wie dieses Kompliment gefiel.

„Na, nimmst du mich auch noch zur Kenntnis?“, frotzelte nun Anjali ein wenig unsicher, schien aber nicht eifersüchtig zu sein, dass er sich zuerst ihrer Freundin zugewandt hatte. Doch ihre größere Zurückhaltung ließ sich nicht übersehen.

„Ihr wisst doch, dass ich euch alle beide mag“, flüsterte Igor fast, als er sich kritisch angeschaut fühlte. Die beiden Frauen kannten sein Alter nicht, hielten ihn für etwa doppelt so „jung“ wie sie selber, denn sein kurz geschorenes Haar und seine gebräunte Haut machten eine Schätzung schwierig. Nicht nur älter, auch einen Kopf größer als sie war er. Doch er fühlte, dass sie ihn trotzdem mochten, und das gab ihm vielleicht Sicherheit.

Sie setzten sich zu ihm an seinen Tisch und wurden sogleich mit Cocktails verwöhnt, die sie ohne Zweifel gerne mochten. Die Stimmung wurde schnell noch lockerer als am Anfang. Neues aus Thailand war nicht zu erfahren, und aus Bali ebenso wenig. Kleine Anzüglichkeiten kamen ihnen dafür umso leichter über die Lippen. Und keiner hatte etwas dagegen, als diese nach etwas Alkohol erheblich saftiger wurden. Doch es wurde nicht viel nachbestellt. Ganz klar hatten alle Drei etwas ganz anderes im Sinn.

Enni platzte als erste damit heraus: „Ich möchte jetzt baden!“ Dazu reckte sie sich so sinnlich, dass kaum Widerspruch kommen konnte.

„Ihr habt mal wieder kein Badezeug dabei“, grinste Igor.

„Das macht doch ohne Badezeug viel mehr Spaß. Das weißt du doch ganz genau“. Sie legte ihre Uhr ab, stellte die Sandalen unter ihren Stuhl, und gluckste zu Anjali: „Du passt hier schön auf alle Sachen auf.“ Man merkte, mit wie viel Spaß sie an den Beckenrand ging, sich genüsslich streckte, langsam mit den Händen über ihre Kleidung strich und dann kopfüber hinein sprang.

Kaum war sie im Wasser verschwunden, fühlte er, wie sich Anjalis Blick veränderte. Da gab es keinen Zweifel, wie gern sie mit ihm baden würde. Igor gefiel das. Er erwiderte ihre Blicke gern, zog sich gleichzeitig aber seine Jeans und sein Oberhemd aus und sprang ebenfalls ins Wasser.

Wenige Minuten später lag am hinteren Rand des großen Beckens Enni in seinen Armen. Hier konnte man von ihnen nicht viel sehen, vollends nicht die wilde Erregung, die beide nun packte. Die Slips auszuziehen war für beide kein Problem. Ganz fest packte er sie unter ihrem kleinem Rock und führte sie voller Sinnlichkeit an sich heran. Sie machte keinen Hehl daraus, wie gern sie es hatte, als er immer tiefer in sie eindrang.

Als sie triefend nass zum Tisch zurück kamen, schien es, als ob Anjali eingeschlafen war. Doch ein kleines Blinzeln ihrer Augen machte schnell klar, dass sie die Situation zumindest vage beobachtet hatte. Enni beugte sich zu ihr, nahm sie liebevoll in die Arme und hatte gleichzeitig vollen Spaß daran, wie nass nun auch ihre Freundin in dem schönen Kleid war. Lachend ging sie um den Stuhl herum, beugte sich nun von hinten über ihren Rücken und sorgte dafür, dass auch hier nur wenig trocken blieb. Ihr lautes Gelächter erzeugte einige Aufmerksamkeit an den Nachbartischen, doch es schien, als ob hier im wesentlichen alle mit sich selbst beschäftigt waren. Und wenn nicht mit sich selbst, dann mit der Speisekarte. Inzwischen war die Dämmerung eingebrochen, und zahlreiche italienische Gäste nahmen an den Tischen entlang der Vorderseite der Therme Platz. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass sie diesen Ort auch als eine Diskothek der gehobenen Sorte ansahen. Tanzen und Baden gehörten hier zusammen. Auch die hier eher seltenen Besucher aus den Gebieten nördlich der Alpen hielten sich an diesen Standard. Genauso selbstverständlich gehörten hier Essen und Trinken dazu und ebenso eine unaufdringliche Barmusik im Hintergrund.

Aphrodisiaka suchte mann gewiss vergeblich auf dieser Speisekarte, und für die Getränke galt ähnliches. Ebenso wenig fand frau, was sie sich für die schlanke Linie wünschte. Genussvoll den Magen zu füllen stand obenan. Doch Igor hatte noch Anderes im Sinn. Diskret flüsterte er Anjali seine Unersättlichkeit ins Ohr, und sie war durchaus nicht abgeneigt. Eine schwer zu trennende Mischung von Scham und Freude in ihrem Gesicht nahm er deutlich wahr. Doch sie vertraute wie wohl schon gewohnt ihre Schuhe und ein paar kleine Dinge ihrer Freundin an und ließ sich in ihrem kleinen schwarzen Kleid geschickt und unauffällig ins Wasser gleiten, ohne dass Fremde etwas davon bemerkten. Dass Igor ihr auf ähnliche Art folgte, war wohl eine Selbstverständlichkeit.

Was sie am anderen Beckenrand miteinander trieben, schien auf den ersten Blick ebenso eine Selbst­verständlichkeit zu sein. Nur Igor wusste, dass das absolut nicht der Fall war. Anjali zeigte sich viel gehemmter als ihre Freundin, was jedoch kaum etwas damit zu tun hatte, dass sie nun als Zweite an die Reihe kam. Liebe im Wasser zu machen, war sie auch durchaus gewöhnt. An Igor ging aber gar nicht so spurlos vorbei, was er vorher mit Enni gemacht hatte. Wie verschieden die Beiden waren! Ihn erregte Anjalis glattes schlüpfrig-nasses Kleid sehr, aber er spürte auch, wie sich ihre Haut dahinter unerreichbar verbarg. Und wie anders es war, in sie hineinzugehen, das konnte er mit keinen Worten beschreiben. Er spürte vor allem, dass er diese Erfahrung mit keinem anderen Menschen teilen konnte. Mit Enni hatte er Gemeinsamkeit gefunden, mit Anjali fand er Einsamkeit. Auch diese Einsamkeit hatte etwas sehr Erregendes an sich, doch sie endete nicht in einem gemeinsamen Orgasmus.

Als sie wieder gemeinsam rund um den kleinen Tisch saßen, störte ihn Enni's leise Frage ziemlich: „Na, was ist denn nun verschieden zwischen uns?“ Er wusste, dass es darauf viele verschiedene Antworten gab. Enni machte ein ziemlich gelangweiltes Gesicht, als er sagte: „Die Kultur.“ Er kannte sie auch schon länger und hatte akzeptieren gelernt, dass Kultur ein Wort war, dass es in der thailändischen Sprache in dieser Form nicht gibt. Einen kurzen Augenblick später streichelte sie ihn ganz liebevoll. In diesem Moment empfand er, dass seine eigene Liebe ihr galt. Oder war es nur Zuneigung? Wie in einer kurzen Meditation spürte er die Unterschiede zwischen Thailand und Bali.

In Thailand gibt es statt Kultur Tempeldienst, seien es Andacht oder einfach eine Tempelbesichtigung oder eine Opfergabe, um die bösen Geister fern zu halten. Nicht nur die thailändische geschwungene, geheimnisvoll wirkende Schrift,- nein, vor allem auch die Tatsache, dass Thailand als einziges Land auf jener Seite der Erde nie längere Zeit kolonisiert worden ist, verleiht diesem Land einen mythischen, schwer erfassbaren Reiz, von welchem viele Touristen nur wenig mitbekommen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den dort vor allem von den Frauen sehr aktiv gelebten Buddhismus. Bei der dort Thera­vada genannten Form können fundamentalistische Züge gewiss nicht übersehen werden. Dass das Land sowohl von Japan als auch von den USA kurzzeitig mit Beschlag belegt worden ist, tut dem wenig Abbruch, hat aber Ressentiments gegen Fremde bestärkt.

In Bali wissen viele Menschen dagegen inzwischen recht genau, was die Fremden aus dem Westen unter Kultur verstehen. Vor allem gebildete Künstler aus dem deutschsprachigen Raum haben sich dort niedergelassen und eine attraktive Alter­nativ­szene aufgebaut, die viele Brücken zwischen der einhei­mischen und der fremden Bevölkerung ermöglicht. Die Balinesen sind nicht wie die Mehr­zahl der übrigen Indone­sier Moslems, sondern halten ihren hinduistischen Glauben in Ehren. Grausame Kolo­nialkriege bis vor nicht langer Zeit waren für sie schrecklich, haben viel Altes zerstört und auch Neues geschaffen.

Igor fühlte, wie er gar nicht über Sexuelles, sondern darüber, also über kulturelle Eigenarten, sprechen wollte und dies insbesondere in jener Umgebung nicht das geringste bisschen infrage kam. Die beiden Frauen schienen sich nun einig darin, dass sie spendabel eingeladen werden wollten und überhaupt gern die Hand offen hielten. Sie rauchten eine Zigarette nach der anderen und tranken wesentlich mehr Alkohol als er. Äußerlich ergab sich eine ausgelassene lustige Stimmung, doch Igor gestand sich fast schmerzlich ein, dass er die Nacht allein verbringen wollte, was schlussendlich auch geschah.

Beim Abschied fragte Enni, was er denn am nächsten Tag vor hat. Als er sagte, dass er nach Spelunca wolle, konnten die Beiden wenig damit anfangen. Anjali meinte aber nicht ganz unrichtig, das sei sicher ziemlich teuer und habe etwas mit Kultur zu tun. Enni fiel ihr ins Wort und seufzte fast, dass sie sich eben in Berlin selber auch wieder ums liebe Geld kümmern müsse. Wohl wissend, dass das auch ein Signal für ihn war, steckte er allen Beiden je einen Geldschein zu, der so zusammengerollt war, dass er wie eine Zigarette aussah. An ihren Gesichtern sah er, dass sie damit zwar zufrieden waren, aber nicht übermäßig begeistert. Er gehörte eben nicht zu den Reichen. Aber sie schienen auch zu spüren, dass er mehr als nur Geld zu bieten hatte.

Als die Beiden in ihrem kleinen Auto davon gebraust waren, hängte er sich sein Gepäckbündel über die Schulter, kontrollierte, dass Geld und Papiere dort waren, wo sie in seiner Welt hingehörten, und schlenkerte zum Bahnhof. In dem um diese Zeit völlig menschenleeren Gebäude schaute er sich die Übersicht der Zugabfahrten an und warf einen Blick auf die Uhr. Zufrieden lächelnd stellte er fest, dass in einer knappen Stunde ein Nachtzug in den Süden hier hielt. Er holte sich eine Cola und Schokolade aus einem Automaten und wartete auf einer Bank die Ankunft des nur wenig verspäteten Zuges ab. Als dieser einrollte, war es nicht ganz einfach, einen freien Sitzplatz zwischen all den mehr oder weniger laut schnarchenden Südländern zu finden. Er setzte sich zwischen eine halb schlafende Familie. Ein kleines Kind schrie kurz auf, ließ sich dann aber in seinem Schlaf nicht weiter stören. Nachdem der controllore ihm eine Fahrkarte ausge­stellt hatte, dachte er noch einen kurzen Moment an Giulia, die er in Spelunca besuchen wollte, und tat es dann dem Kinde bald nach.

Weil jener Ort nicht an der Eisenbahnlinie liegt, ließ er sich von einem Taxi die letzten Kilometer dort­hin bringen. Er fragte den lustigen Fahrer, wo er sowohl preiswert als auch bei netten Leuten wohnen könne, und wurde dann fast ohne weiteren Kommentar vor einer Pension abgesetzt, die zwar teurer war, als er sich das vorgestellt hatte und auch nicht im alten Stadtkern lag. Doch sowohl die nette Familie als auch deren Speisekarte überzeugten ihn dann schnell, dass es die richtige Wahl war.

Spelunca liegt am Meer zwischen Rom und Neapel. Wie verschieden das Leben in jenen beiden weltbekannten Großstädten ist, bleibt für Touristen meist ein Geheimnis. Das zu ergründen lockt auch nicht sehr, falls man sich nicht einfach auf die üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten beschränken will. Denn weder gibt es dort Badestrand noch ist es selbst mit Italienisch-Kenntnissen leicht, die Dialekte zu verstehen. Sowohl die führenden Kreise in Rom als auch die Mafiosi in Neapel haben ihre eigene Sprache und lassen Fremde da nicht gern hinein hören, geschweige denn, dass sie das spezielle lokale Vokabular erklären würden.

Spelunca dagegen! Welch ein Traum von einer kleinen Stadt! Hoch auf einem Felsen hinter einer kleinen unbenutzten Zitadelle liegt der Kern des in vielem noch mittelalterlichen Ortes. An beiden Seiten erstrecken sich breite Badestrände und im Land dahinter moderne Gebäude für all diejenigen, die nicht gern hinaufsteigen, um zu den verwinkelten uralten, aber schön renovierten Häusern zu kommen, und die obendrein dort kein Auto vor der Tür haben können. Welche Freude es macht, sich dort hinauf zu bemühen!

Es roch in den engen Gassen nach Kultur. Zumindest bildete Igor sich das ein, als er wieder einmal den steilen Weg hoch stapfte. Nachdem er ein wenig Abstand zu Aventurina gewonnen hatte, zu dem faszinierenden Abend mit seinen zwei asiatischen Schönheiten, schien ihm genau das der Punkt zu sein, der ihm eben dort doch gefehlt hatte: eine gute Prise Kultur. In seinem Kopf blitzten rote Lampen auf. War er in Aventurina bereits im Rotlichtbezirk gelandet? Hatte er sich auf Sextourismus einge­lassen? Ihm schien, dass seine braven Freunde aus früherer Zeit neben ihm standen und mit dem Finger auf ihn zeigten. Aber es kamen keine Argumente. Sie wandten sich ein­fach von ihm ab.

Ihn machten diese Gedanken müde. Er schaute sich um, wo er sich ein wenig hinsetzen könnte, und merkte, dass er genau vor einem Internetcafé stand. Wenig sich darum kümmernd, dass dieser Ort nichts von der eigentlichen Kultur repräsentierte, die er suchte, ließ er sich einen Computer und eine Flasche Cola geben und schaute in seine E-Mail. Drei Mails von seinen Freunden enthielten alle, als hätte es eine geheime Absprache zwischen ihnen gegeben, ganz ähnlich die Frage, ob er ihnen Fotos von seiner Reise schicken könnte, und sie wollten alle wissen, wie es ihm geht. Vage kam in ihm das Gefühl hoch, dass eigentlich niemanden interessiert, was er hier wirklich sucht. Einer machte eine frotzelnde Anspielung, dass er sicher mal wieder eine Frau gefunden habe für . . . .

Ja, für was, das äußerte dieser nicht. Doch die auszufüllenden Punkte sagten alles. Nur für ihn selbst schien das nicht so. Für was hatte er sich denn mit den Beiden in Aventurina getroffen,- für was kam er jetzt hierher? Es stimmte schon, dass der Sex ihm gewaltige Freude gemacht hatte. Aber wenn ihm jemand ins Gesicht gesagt hätte, dass er dort nur Sex suchte, hätte er der Person sicher die Augen ausgekratzt. Er hatte das Gefühl, dass die beiden Frauen genau gespürt hatten, wie ihn der kulturelle Unter­schied zwischen ihnen interessiert, auch wenn sie das sprachlich nicht artikulieren konnten.

Dann schaute er sich die Webseite von Wikipedia über Spelunca an. Er wollte sich doch für die viel­schichtige Kultur dieses Ortes interessieren. Ah, schon die Spartaner und der römische Kaiser Tiberio hatten hier ihre Spuren hinterlassen. Später waren die Sarazenen und die Türken, also islamische Völker, als Angreifer gekommen, hatten den Fischern, die sich hier eine Festung zu ihrem Schutz gebaut hatten, zweimal den Ort verwüstet. Er lag knapp außerhalb des damaligen Vatikan­staates. Die Altstadt bekam ihre heutige Form danach,- also vor etwa 300 Jahren. Später wurde die Gegend ein Zankapfel zwischen den sich bildenden italienischen Regionen Lazio und Campania. Die großen Veränderungen kamen aber erst über 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Bau der Küstenstraße brachte den Tourismus und beendete die große Armut der Bevölkerung.

Noch in dem Intercafé rief er Giulia an und machte mit ihr ein Treffen in einem Lokal auf dem Markt­platz der Altstadt aus. Als er sie zwei Stunden später dort zur Begrüßung liebevoll in die Arme nahm, spürte er deutlich, wie sie ihm mit größerer Reserve als die beiden Asiatinnen begegnete. Fünf Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie schien ihm recht verändert, war fülliger geworden,- eine Vollblut-Italienerin, dachte er. Auch ihren Namen schrieb sie nicht mehr Julia wie in Deutschland, sondern jetzt eben Giulia.

Genau darauf zielte nun seine erste Frage, als sie in der stimmungsvollen Dämmerung zwischen all den gestikulierenden und oft recht lautstarken Italienern an einem Tisch Platz genommen hatten: „Na, wie geht es dir denn hier? Du hast mir doch erzählt, dass du halb eine Italienerin und halb eine Spanierin bist. Als du Deutschland verlassen hast, hast du dich da voll und ganz für Italien und nicht für Spanien entschieden?“ Sie lachte laut los und meinte, wie er denn auf die Idee kommen könnte, dass ein Mensch plötzlich eine Hälfte seines Wesens verliert. „Du erinnerst dich doch, wie ich damals den spanischen Sieg in der Fußball-Europa-Meisterschaft erlebt habe. Aber dieses Mal hat eben Italien gesiegt, und ich habe mit den Italienern gefeiert. Aber wie geht es denn dir? Bist du jetzt ein richtiger Casanova geworden, oder? Bevor du angekommen bist, habe ich mir im Internet kurz die Biografie von Casanova angeschaut. Soll ich dir mal erzählen, was ich davon behalten habe?“ Als er leicht belustigt nickte, fuhr sie fort:

„Casanova war ein Kind von wissenschaftlichen Schaustellern, das älteste von fünf Geschwistern. Als Kind war er mehrmals lebensgefährlich erkrankt, und kam auch durch den damaligen Krieg dreimal in unmittelbare Lebensgefahr, sah, wie Soldaten vor seinen Augen ums Leben kamen und erlebte den Tod von Schulkameraden durch Krankheit. Dadurch hat er aber in seinem späteren Leben kaum mehr Angst gehabt. Auf Wunsch sowohl der Eltern als auch der Großeltern wurde er Wissenschaftler. Der kräftige Alkohol­genuss in den Studentenkneipen der traditionsreichen Stadt Monte Mirtillo schadete seiner Karriere zunächst nur wenig. Er setzte dort und in Colonia, wo er die Schönheit der Basis unseres Lebens zu erforschen lernte, je ein legales Kind auf die Welt. Von der Gesamtzahl seiner Kinder erhielt er laut Wikipedia jedoch nur teilweise Kenntnis.

Später reiste er zu einem wissenschaftlichen Papst in der Nähe von Harvard. Der dortige Vatikan war fest in jüdischer Hand. Die dortigen jüdischen Novizinnen gefielen ihm aber besser als die Kardinäle. Doch mehr und mehr fühlte er sich zur filmischen Schaustellerei hingezogen. Schon in Colonia, als eine Revolution der Untertan das Land nicht sehr blutig erschütterte, war er nach Haschgenuss unter heftigen Lachanfällen aus einem Institut getorkelt. Doch erst nach einigen frustrierten Jahren in wissen­schaftlichen Tempeln verschiedener jungkapitalistischer Länder zog er sich in den bayerischen Sumpf zurück. Er traf auf Roland Emmerich, Werner Herzog und die damals noch lebendige Underground-Szene, die aber nicht das Rückgrat hatte, zu ihrer Life-Verfilmung von Schnitzlers 50 Jahre altem sexy Reigen zu stehen. Wie sehr von Männern dominiert diese Szene war, wo er doch die Frauen liebte! Die wenigen „diesbezüglichen“ realen Möglichkeiten bauschte er zu 101 Nächten auf. Sie sollen hier kein Thema sein. Wie sehr sie dennoch seinem Ruf geschadet haben, ist historisch klar.

In den letzten Jahren seines Lebens widmete er sich nur noch dem Schreiben und der wiederholten Durchsicht seiner Manuskripte. Casanova starb in Deutschland oder Tschechien im Alter von 73 Jahren, wie in „101 Nacht“ beschrieben ist. Danach verschwand er aus seiner Grabkammer, feierte in Asien Wiederauferstehung und wurde zum wirklichen Casanova. Er gab das dort sinnlose Zählen der Nächte auf und widmete sich ihnen fortan auf asiatische Art.

Wegen Königslästerung wurde er in die Bleikammern von Bang Kopf geworfen. Doch der eigentliche Grund war wohl seine Liebe zur Einfachheit. Nicht nur, dass er keinerlei Möbel besaß, nein, auch die Minimal Arts liebte er. Die Liebe zu dieser Art von Musik hatte er von seinem Sohn geerbt, diejenige zur Architektur dagegen von einer Berliner Gespielin, und zum Film von einem ewig brummelnden Freund, der nur zwei Minuten lange Filme am besten fand. Auch die Religion- er verehrte mehr das Unverständliche als das Menschliche- wollte er auf ein Minimum reduzieren, indem er Raum und Zeit aus der Trans­zendenz verbannte. Das Recht dazu nahm er sich durch wissenschaftlich fragwür­dige, vielleicht aber nicht ganz dumme angebliche Spekulationen, die natürlich sofort auf dem Index der peer review landeten. Aber wer glaubte in dieser angeblich gestochen rationalen Welt schon noch an Zusammenhänge zwischen so verschiedenen Gebieten wie Kunst, Religion und Naturwissenschaften?

All die Mini-Päpste dieser etablierten Disziplinen, die in üblicherweise von ihnen bewohnten, bisweilen mit stattlichen staatlichen Gehältern finanzierten aufwendigen Villen im Fernsehen wirksam zu Geltung kamen, fürchteten natürlich dergleichen wie die Rattenpest.“

An dieser Stelle musste Igor bei Giulias mit todernstem Gesicht vorgetragener Story laut loslachen. Doch so ganz war ihm nicht zum Lachen zumute. Durch sein von dem inzwischen ausgetrunkenen Glas Wein leicht verändertes Bewusstsein huschte die schnell wieder verdrängte Frage, ob diese Frau denn hellseherische Fähigkeiten habe.

Er spürte eine merkwürdige Mischung von Nähe und Distanz bei ihr. In dem Wunsch, diese unklaren Gefühle überbrücken zu wollen, rückte er näher an sie heran, legte seine Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr ins Ohr: „Können wir hier wieder so zusammen sein wie damals? Das wäre super!“ Doch ihre Reaktion kam unerwartet schnell: „Du giltst hier als typischer Deutscher. Ich weiß wohl, dass du das nicht bist. Aber ich könnte mich hier auf keinen Fall auf dich einlassen. Schau dich mal um! Hier kommen keine deutschen Reisegruppen her. Ich weiß genau, dass es in Reisekatalogen bei euch kaum Angebote für diesen Ort gibt. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. Die italienische Oberschicht macht hier traditionell Ferien. Das sind Leute sowohl mit viel Geld als auch mit Beziehungen. Denen stinkt, wie die Deutschen sich mit ihrem Geld wichtig tun und aber nicht die lockere Lebensart haben, die hier vorherrscht. Aber sie erinnern sich auch genauer, als ihr ahnt, an die schlimmen Dinge, die die Deutschen hier im Krieg verursacht haben. Hast du mal von Monte Cassino gehört? Und den Wiki­pedia-Artikel über „Deutsche Kriegsverbrechen in Italien“ scheint kaum jemand von den Touristen zu lesen. Das allerschlimmste Verbrechen in Marzabotto bei Bologna ist dort sogar nur in Fußnoten erwähnt.“ Er merkte, wie Giulia sich in Rage redete. Doch diesmal war ihre Rage echt und kein gut gespieltes Theater, wie er es früher bei ihr erlebt hatte. „Nein, Igor, sei mir nicht böse, aber ein Mann deines Alters hat hier in Italien keine Chance bei mir, auch wenn ich wohl weiß, dass du auch damals noch ein Kind warst und selbst unter dem Krieg gelitten hast. Ich könnte mich einfach hier im privaten Bereich nicht mit dir sehen lassen. Verstehst du das?“

Jetzt begann er, in ihr sehr mütterliche Züge zu sehen,- wie eine Mutter, die die Kinder ihres Landes verteidigte. Er hatte immer das Mütterliche der italienischen Frauen so gerne gemocht. Er mochte es auch gern, wenn sie ihm etwas beibrachte. Früher war das die italienische Sprache gewesen. Jetzt aber ging es um solche eher unangenehme Dinge. Doch er achtete sie deswegen, fast wie eine alte weise Frau. Er schloss die Augen, als ihm in den Sinn kam, dass in seinen Vorstellungen bei dieser scheinbar perfekten Traumfrau trotz ihrer unglaublichen Schönheit und ihrem zusätzlich vorhandenen scharfen Verstand hier etwas fehlte, was sie gehabt hatte, als er sie vor Jahren an einem Badesee im Umland seines deutschen Wohnortes kennen gelernt hatte. Ja, sie hatte sich dort als leichtlebiges kleines Luder gezeigt und keinen Hehl daraus gemacht, zwar nicht wie eine Prostituierte, aber doch auch nicht weit davon entfernt, Männer aufs Kreuz zu legen. Gleichzeitig hatte sie sich lebhaft für den Existentialismus interessiert. Wie ihm das gefallen hatte! Ja, eine richtige Traumfrau sollte schön, schlau und sehr sexuell sein,- eine Katze auf dem Catwalk, eine erleuchtete Lehrerin und eine Hetäre! Als er an dieses Wort dachte, erschrak er fast und fühlte den bösen Blick vieler ihm nahestehender Leute auf sich gerichtet, die darunter wohl vor allem einfach eine Nutte verstanden.

Das Ende dieser Episode lässt sich schnell erzählen. Er fühlte sich ganz gewiss nicht als ein Casanova. Am nächsten Tag kehrte er nach Deutschland zurück.

Nicht Barenboim

Als der Zug über den Brennerpass rollte, überlegte Igor schließlich, wo er denn eigentlich hinfahren wollte. Er hatte eine Fahrkarte nach München gelöst. Das war die Endstation dieses Kurswagens. Doch mehr und mehr machte sich in ihm das Gefühl breit, dass diese Stadt nicht mehr zu seinen Traumzielen gehörte. Zu viel Konsum, besonders von Bier. Für ihn hatte die Welt zur Zeit drei Himmelsrichtungen,- Süden, Osten und Westen. Der Norden, im dem er geboren und aufgewachsen war, fehlte auffällig. Er neigte dazu, diese Himmelsrichtung zu scheuen, hatte aber nur fragwürdige Argumente dafür. Zu kalt, zu windig und zu feucht. Als er auf die Bahngleise blickte, kam ihm noch in den Sinn: ein kulturelles Abstellgleis. Nein,- das durfte er nicht sagen! Er genierte sich bei diesem Gedanken.

Dann lachte er in sich hinein. Ja, in jeder “seiner” Himmelsrichtungen hatte er zwei Traumziele,- insgesamt sechs Städte. Und schon wieder musste er loslachen. Hatten diese etwas mit Sex zu tun? Im Süden waren das Aventurina und Spelunca. Aber dort schienen die Träume schon zu Ende zu sein. Im Osten, so wie er die Welt jetzt sah, waren es Berlin und Odessa. Den Westen vergaß er im Moment.

Warum nicht nach Berlin fahren? In die neu installierte Hauptstadt war etwa die Hälfte seiner Künst­lerfreunde umgezogen. Politik und Kunst sind alte Feinde, aber sie brauchen sich auch gegenseitig, schrieben sie. Auch die neu erwachende Kunstszene in Odessa schien etwas mit der veränderten Politik zu tun haben. Warum also nicht seine jüdische Freundin Annabelle aus Odessa, die in Berlin lebte, besuchen?

Seine frühere Unterkunft in einem Hinterhof eines zunehmend von Türken bewohnten Stadtteiles erwies sich als leerstehend, so dass er dort für ein paar Wochen wohnen konnte,- kein Problem. Doch das erneute Zusammensein mit Annabelle erschien ihm problematischer denn je. Er mochte jüdische Frauen sehr gern. Schon vor vielen Jahren hatte er eine bildschöne und erzschlaue junge kleine jüdische Freundin gehabt und abgöttisch geliebt. Diese hatte mit ihm offensichtlich zwar nicht religiöse, aber dennoch erhebliche innere Schwierig­keiten. Ihre Mutter hatte das Konzentrationslager überlebt, was einen prägenden Einfluss auf ihre Kindheit gehabt haben muss. Nur wenige Jahre nach dem glanzvoll bestandenen Abitur siedelte sie eines Tages mehr oder weniger überraschend nach Israel über. Daran zurück zu denken machte ihn auch jetzt noch trau­rig, auch wenn er verstand, dass das ihrerseits eine wichtige Identitätssuche war.

Annabelle liebte ebenso wie jene frühere Freundin gutes Essen und ganz besonders Sahnekuchen und war ebenso wenig saftiger Liebe im Bett abgeneigt. So trafen sie sich gern nachmittags in einem kleinen Schlemmercafé. Wie Giulia hatte sie eine etwas fülligere Figur, sah jedoch auch blendend aus. Sie kannte Israel trotz ihres höheren Alters nicht. Aber in Gesprächen verteidigte sie dieses Land bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit derart vehement, dass es für ihn wie eine Belastung wurde. Ganz gewiss wollte er einer Auseinander­setzung über dieses Thema nicht ausweichen. Doch jedes Mal verfuhren sich die wechselseitigen Argumente in festen Positionen und nichts bewegte sich. Sie kannte die Geschichte des Staates Israel bis ins letzte Detail, hatte viel darüber gelesen und wünschte sich, dass er dies auch tue. Nur so könne er die aktuelle Situation der Kämpfe zwischen den Israelis und Palästinensern wirklich verstehen. Die historischen Verhältnisse seien viel wichtiger als der Status Quo.

Igor hatte eine Abneigung gegen zu dicke Bücher und ging diesem Studium aus dem Weg, was sie als mangelnde Achtung interpretierte. Heftiger Protest seinerseits! Aber vor allem gab er eben dem Status Quo einen höheren Stellenwert. Anfangs fühlte sich Igor mit seinen Vorstellungen als Deutscher, von dem in der Nachkriegszeit eine demutvolle unterstützende Rolle für Israel wegen des schrecklichen Holocausts als selbstverständlich erwartet wurde, völlig allein mit seinen von der damaligen öffent­lichen Meinung abweichenden Gedanken. Dann fand er im Internet zumindest zwei jüdische Freunde, die er zwar persönlich nie kennen lernte. Doch bei ihnen fand er Unterstützung. Das waren die kanadische Schriftstellerin Naomi Klein und der in Argentinien aufgewachsene Dirigent Daniel Barenboim. Beide wurden von vielen Juden wegen ihrer Positionen heftig beschimpft.

Naomi Klein hatte das Scheitern der Friedensverhandlungen in Oslo zwischen Israel und Palästina ziem­lich ungewöhnlich kommentiert mit einigen provokanten Bemerkungen. Wegen der für Russland wie eine fast tödliche Schocktherapie wirkenden Einführung des Neoliberalismus seien viele Juden aus der früheren Sowjetunion nach Israel gekommen. Nicht zuletzt deswegen, weil diese nie wirklich erlebt hatten, was legale Verhältnisse sind, zogen sie ohne große Bedenken in die neuen Siedlungen im Jordanland. Unter diesen Leuten gab es viele brillante Fachleute. Auf die Palästinenser als billige Arbeits­kräfte konnte Israel nun häufig verzichten, was den wirtschaftlichen Ruin dieser Gegend beschleunigte.

Umgekehrt war Naomi Klein durchaus klar, dass Arafat kein Engel war und heftig dazu neigte, Geld in die eigene Tasche zu stecken. Doch die Kompensationen, die ihm damals in Oslo auf dem politischen Parkett für das verlorene Land angeboten wurden, waren so gering, dass er damit nicht nach Hause zurückkommen konnte. Israel hatte so, wie es die USA in Afghanistan und bereits 200 Jahre zuvor im eigenen Land getan hatten, eine fragile Nomadenkultur ausgelöscht und brüstete sich nun damit, dort habe es ja überhaupt keinen Staat gegeben. Ihre eigene Schuld überspielten die beiden Länder im Duett mit der scheinbar neuen Idee, man müsse gegen den Terror kämpfen.

Igor hatte die Terror-Bombardierugen der deutschen Zivilbevölkerung im letzten Weltkrieg als Kind knapp überlebt. Inzwischen hatte er auch erfahren, dass Nomadenleben zwar nicht mehr sehr zeitgemäß, aber in manchen Aspekten dennoch durchaus vorzuziehen ist. Mit dem letzten Wort „ist“ am Ende des letzten Satzes nahm er trotz seiner humanisti­schen Schulbildung hin, dass dieses einen Ver­stoß bedeutete gegen die „consecutio temporum“, gegen die in seiner Jugend gelernten logischen zeitlichen und zunächst einmal in der Sprache grammatisch niedergelegten Zusammenhänge.

Auch folgende weitere Äußerungen von Naomi Klein akzeptierte Igor. In Israel leben die Reichen wie in einer mittelalterlichen Feudalgesellschaft in einer Festung. Doch jetzt ist das ganze Land die Festung. Noch schlimmer als damals werden die Armen, die Palästinenser, sogar an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert. Die Folge ist, dass denen nichts anderes übrig bleibt, als entweder die üble Situa­tion zu schlucken oder aber wirklich zu Terroristen zu werden. Ein kleiner Teil der Bevölkerung tut letzteres tatsächlich, was de facto einen Krieg bedeutet, bei dem die Genfer Konventionen genauso wenig wie bei jedem anderen Angriff auf eine Zivilbevölkerung eingehalten werden.

Der fehlenden Trennung zwischen ziviler und militärischer Bevölkerung versuchen die USA und Israel nun mit zielgenauen hochtechnischen Waffeneinsätzen zu begegnen. Dokumentationen, wie wenig das in der Praxis möglich ist, gefallen ihnen gar nicht. Wie schrecklich selbst überlebende und nicht verstümmelte Kinder nach solchen Angriffen lebenslänglich traumatisiert sind, wird aus dem Bewusstsein verbannt.

Solche Argumente gefielen auch Annabelle überhaupt nicht. Schon früher hatten solche Gespräche dazu geführt, dass sie und Igor sich tage- und wochenlang trotz aller Liebe aus dem Wege gingen. Wenn Igor in Gesprächen Daniel Barenboim nannte, wurde es vollends schwierig. Er liebte dessen beschwingte und hintergründige Aufnahmen von argentinischen Tangos. Voll und ganz teilte er dessen Ansicht, dass dieser Nahost-Konflikt von Israel nicht militärisch gelöst werden kann. Auf der anderen Seite ist die fortgesetzte Gewaltanwendung durch die Hamas genauso sinnlos und zu verdammen. Der Kern des Problems besteht darin, dass beide Völker zutiefst von ihrem Recht überzeugt sind, auf demselben Stück Land leben zu dürfen. Also müssen sie lernen, dass gemeinsam zu tun.

Die Israelis und die Palästinenser sind beide gleichermaßen gespalten in zwei untereinander völlig verschiedene Bevölkerungsteile,- in Israel als Falken und Tauben bezeichnet, auf der anderen Seite durch Hamas und Al-Fatah angeführt. Die Israelis haben einen ähnlichen großen Fehler wie die Amerikaner in Afghanistan gemacht. Während letztere dort zunächst die Taliban unterstützten, um die Position der Russen zu schwächen, haben die Israelis zunächst die Hamas unterstützt, um Arafat zu schwächen. Versucht man aber jetzt, diese beiden Organisationen gewaltsam zu zerschlagen, so werden sicher andere noch gewaltbereitere und grausamere Vereinigungen an ihre Stelle treten.

Daniel Barenboim ist mit Nachdruck dafür eingetreten, dass beide Völker gleiche Rechte haben und dass beide Seiten behutsam lernen müssen, miteinander zu leben. Dafür hat er sich persönlich mit Aufführungen des von ihm geleiteten Jugendorchesters unter ständiger Kontaktsuche eingesetzt. Viele seiner Schritte sind diffamiert worden, ganz besonders, als er das Preisgeld eines von ihm erhaltenen Friedenspreises zur Erforschung der arabischen Musik gespendet hat.

Annabelle sah aufgrund der schrecklichen Erfahrungen ihrer Familie bei der Judenverfolgung,- es kamen zwölf Angehörige ums Leben,- im wesentlichen nur die grausamen und gewiss sehr zu ver­dammenden Attacken der Hamas gegen die israelische Zivilbevölkerung. Doch selbst, nachdem sie mit Igor den israelischen Film „Waltz with Bashir“ angesehen hatte, in welchem das schreckliche wahllose Töten zur angeblichen Selbstverteidigung gezeigt wird, wollte sie nicht anerkennen, dass jetzt auch Israel schweres Unrecht beging. Die furchtbaren Vergeltungsschläge auf Gaza am Jahres­wechsel 2008/2009 verstärkten dieses Gefühl bei Igor.

In dieser Zeit dachte er sowohl über ihre Vergangenheit als auch über seine eigene Zukunft nach. Er wollte ihre Heimat Odessa näher kennen lernen. Doch sie zögerte, mit ihm dorthin zu fahren. Sein Gefühl war, dass sie sich dort bei ihren früheren Freunden und Bekannten nicht mit einem Deutschen sehen lassen wollte. So flog Igor zu Frühlingsbeginn ein zweites Mal allein in die ihm schon vertraute Stadt. Doch es wurde keine Spurensuche.

Im Stillen spielte er auch mit dem Gedanken, ob er dort längerfristig leben könnte. Seit seiner Pensio­nierung stand ihm nur noch eine sehr kleine Rente zu. Er hatte früher nie ausreichend für die Versiche­rung eingezahlt, weil er damals genügend Geld für seinen Sohn haben und mit ihm reisen wollte. Schon zu jener Zeit und genauso jetzt wäre es für ihn ein erniedrigender Graus gewesen, beim Sozialamt Unter­stützung zu beantragen. Allein bereits die Idee, dass die Bürokraten in seinem Privatleben herum schnüffeln, erregte seinen tiefen Widerwillen. Was diese die-Berechtigung-prüfen nannten, hielt er für etwas Abscheuliches.

In Odessa war der Schnee gerade getaut. Er fand Unterkunft bei einer jungen Familie mit einem aufge­weck­ten zwölfjährigen Kind, wo der Vater gerade das Weite gesucht hatte. Weder hier noch in dem Kul­tur­zentrum, wo er bei seiner vorigen Reise für Gespräche sehr offene junge Leute kennen gelernt hatte, ergaben sich diesmal Momente, die von Interesse gewesen wären. Anders als im Sommer, wenn die Gegend in Wärme und bunte Farben getaucht ist, lastete jetzt ein kaltes Grau auf der Stadt, das alles zu ersticken schien. Er fragte sich, ob das vielleicht an seiner eigenen Stimmung lag, die gewiss nicht die beste war.

Für die dortigen Menschen schien das eine zu dieser Jahreszeit bekannte Situation zu sein. Zu ihrer Bekämpfung hat sich der 1. April als Fest des Lachens und inzwischen als großes Stadtfest etabliert. Schon am frühen Morgen und bis spät in die Nacht hinein zogen singende und tanzende Gruppen von jungen und auch nicht mehr ganz so jungen Leuten durch die Stadt und versprühten mit umwerfen­dem Temperament ihre auf Spaß gesonnene Energie. Sowohl die Musikgruppen als auch die Tanz­ensembles hatten an zahlreichen Stellen höchstes Niveau,- Weltklasse, dachte Igor, unglaublich gut. Lange nicht mehr hatte er so exzellente Musiker gehört, sowohl mit klassischer als mit Popmusik, und an einigen Stellen gab es auch echte jüdische Klezmer-Musik. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung hatte unter politischem und psychologischem Druck in den vergangenen, von steigendem Nationalismus geprägten Jahrzehnten die Stadt verlassen. Doch langsam kamen wenigstens einige von ihnen wieder zurück.

Dennoch fühlte sich Igor hier, obwohl er Russisch sprach, ziemlich verlassen und wurde von den Menschen offensichtlich auch wie ein Fremder behandelt. Generationen lang war den Menschen hier beigebracht worden, Fremde mit Misstrauen zu betrachten und ihnen aus dem Wege zu gehen, weil jeder ja ein Spion sein könnte. Diese Mentalität ließ sich nun nicht wieder so schnell ausrotten.

Sein junger Schwarm von den Sommerferien, die er hier zuvor verbracht hatte, war inzwischen von einem festen Partner mit Beschlag belegt und trug sich wohl mit Heiratsabsichten. Eine andere, an sich nette und liebe etwas ältere Bekannte hätte ihn gewiss gern in zweiter Ehe geheiratet, wonach ihm der Sinn jedoch sehr wenig stand.

Viel mehr als all dieses frustrierte ihn die Stagnation in der Entwicklung dieser Stadt. Man stritt sich, ob Russisch oder Ukrainisch die offizielle Sprache sein solle. Wie gut, dass in Deutschland die Ausein­andersetzungen um Bayerisch oder Plattdeutsch entschärft waren! Die Stadt erstickte im Verkehrs­chaos. Odessa breitet sich in einem schmalen Küstenstreifen über eine weite Strecke aus. Igor sprang in die Augen, dass hier eine Schnellbahn von Nöten war, die die weit auseinander liegenden Stadtteile ohne schreckliche Staus im Zentrum gut miteinander verband. Doch Rückfragen zeigten ihm, dass weder die verantwortlichen Lokalpolitiker noch die deutsche Siemens-AG, für welche ein solcher Bau ein gefun­denes Fressen hätte sein können, zu diesem Zeitpunkt ein großes Interesse daran hatten. Hinter vorgehaltener Hand hörte er immer nur eine Bemerkung: Oh diese Korruption hier!

Auf dem Heimflug in einer ungarischen Maschine schienen Erfahrungen mit der Korruption das Haupt­thema der Unter­haltung zwischen den Passagieren zu sein. So gern Igor das Leben in Odessa gemocht hatte, so deutlich war ihm jetzt, dass für ihn dort kein Platz war. Obendrein hörte er, wie gefährlich es sein konnte, in das Gehege solch korrupter Kreise zu kommen. Er wollte nicht, dass ihm auch die Gurgel durchgeschnitten würde.

Sollte er sich jetzt in Berlin eine langfristige Unterkunft in der Nähe von Annabelle suchen? Er wollte zu ihr stehen und versuchte das tatsächlich. Doch das stellte sich schwieriger als gedacht heraus. Dort hatte gerade das neue Semester an den Hochschulen begonnen. Tausende von Studenten suchten in Kon­kurrenz zu ihm eine preiswerte Wohnmöglichkeit. Wo er sich auch bewarb oder zu Besichtigungsterminen kam, fand er sich von bisweilen bis zu fünfzig meist jungen Mitbewerbern umringt.

Seine Probleme besprach er am Telefon mit guten Freunden. „Warum gehst du nicht mal eine Weile nach Indien? Du kennst Asien überhaupt nicht. Schon manch einer oder eine hat dort beim meditieren eine völlig unerwartete Lösungsmöglichkeit gefunden“, bekam er zu hören. Das fiel bei ihm schnell auf frucht­baren Boden. Seine Sachen verstaute er mit einem überaus hilfreichen lieben Freund in einer Garage und saß nach wenigen Wochen in einem Flugzeug nach Goa. Er fühlte, dass es richtig war, weiteren Diskussionen mit Annabelle und auch mit seinem verständlicherweise davon nicht sehr begeisterten Nachwuchs aus dem Wege zu gehen. Erschöpft durch die Vorbereitungen zur Abreise nahm er das Geschrei von Kindern auf dem Flug kaum wahr.