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Kriegserfahrungen an nachfolgende Generationen weiterzugeben, sollte hohe Priorität haben, um künftige Konflikte zu vermeiden. Die unmittelbar nachfolgende Generation steht ihren Eltern oft sehr kritisch gegenüber und verdeckt mit Schuldzuweisungen die eigentliche Problematik, so dass die Weitergabe solcher Erfahrungen an die Enkelgeneration erhöhte Wichtigkeit bekommt. Das ist nicht einfach eine Frage von Information, welche verbal oder heute eher audiovisuell vermittelt werden kann, sondern beinhaltet vor allem tiefe Emotionen in allen Bereichen menschlicher Auseinandersetzung. Diese lassen sich intellektuell in ihren komplexen Wechselwirkungen nur beschränkt begreifen. Die unkonventionelle Ansicht, dass trotz des großen Altersunterschiedes Sexualität hier noch eine wichtige Rolle spielen kann, ist konfliktreich. Tabuisierungen behindern die menschliche Kommunikation mit Eltern und Großeltern in voller Breite. Die zögerlich hier und da erfolgende Auseinandersetzung, vor allem junger Frauen, mit der bisweilen noch erstaunlich fitten vorletzten Generation, kann heutzutage durchaus eine sexuelle Beziehung mit großem Altersunterschied einschließen, sogar eine schöne und spannende, und so in viel tiefere Zonen vorstoßen. Während die orientalische Sammlung 1001 Nacht eine eher auf wahren Begebenheiten beruhende Rahmenerzählung mit eingelagerten fiktiven Märchen ist, besteht dieses Buch umgekehrt aus einer weitgehend fiktiven Rahmenhandlung, in welche jedoch nur 101 autobiografische, also wahre Erzählungen eingelagert sind. Der neugierige Leser kann sich auf Entdeckungsreise begeben, wo sich Fiktion und Realität einander treffen und wo sie völlig divergieren. Thematisch angesiedelt zwischen B. Schlinks „Der Vorleser“ und Ch. Roche's „Feuchtgebieten“, zwischen „Casanova“ und besagten „Märchen aus 1001 Nacht“, erhebt es nicht deren literarische Ansprüche, sondern fühlt sich eher H.G. Wells darin verpflichtet, vor allem die wesentlich erscheinenden Ideen vermitteln zu wollen, ohne ideologisch zu sein. Sowohl die Fiktion als auch das reale Erleben können wichtige Einsichten vermitteln. Das vollständige Bild ergibt sich erst aus beiden zusammen. Die vorliegende zweite Edition wurde in sachlicher und stilistischer Hinsicht 2016 revidiert, umfasst aber inhaltlich weiterhin nur die Jahre bis 2009. Die Folgejahre fanden in weiteren Büchern ihren Niederschlag.
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Seitenzahl: 719
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Über… und von…
Vorwort
Rahmengeschichte
Nicht Lolita
Nicht Romeo und Julia
Nicht Liz Taylor
1. Nacht - Die Mutter
2. Nacht - Die ältere Nachbarin
3. Nacht - Die Flüchtlings-Cousine
4. Nacht - Die Klassenkameradin
5. Nacht - Die Großmutter
6. Nacht - Das Nachbar-Mädchen
7. Nacht - Schulkameradinnen
8. Nacht - Die Tanzstundendame
9. Nacht - Die Töchter des Kunstsammlers
10. Nacht - Zwei erste Küsse
11. Nacht - Als Kinder kennengelernt
12. Nacht - Flötenspiel
13. Nacht - Die Freundin im Saarland
14. Nacht - Unverbindliche Bekanntschaften
15. Nacht - Zwei geliebte Freundinnen
16. Nacht - Heiße platonische Liebschaften
17. Nacht - Nicht Brigitte Bardot
18. Nacht - Die kleinbürgerliche Griechin
19. Nacht - Junge Sowjetrussinnen
20. Nacht - Gemeinsam hatten sie nur die dunklen Haare
21. Nacht - Sie fand mich
22. Nacht - Seitensprünge
23. Nacht - Madonna in der Schweiz
24. Nacht - Nur ein Anknüpfungspunkt
25. Nacht - Die Griechin mit dem Säugling
26. Nacht - Die französische Linguistin
27. Nacht - Keine Studentin, kein intellektueller Quatsch
28. Nacht - Allein in Mexiko
29. Nacht - Die junge mexikanische Lehrerin
30. Nacht - Der Traum von der Meerjungfrau
31. Nacht - Der Stewardess in der Tempelstadt
32. Nacht - Die jüdische Biologin
33. Nacht - Die Adoptivtochter
34. Nacht - Eine große Enttäuschung
35. Nacht - Die liberale Soziologie-Studentin
36. Nacht - In Ecuador und Peru
37. Nacht - Nur eine zerrissene Beziehung
38. Nacht - Die Studienanfängerin
39. Nacht - Die zu viel Bier trinkende Bayerin
40. Nacht - Die geschiedene Lateinamerikanerin
41. Nacht - Gemeinsam Filme machen
42. Nacht - Die schwedische Königin
43. Nacht - Leni Riefenstahl
44. Nacht - Die Koreanerin
45. Nacht - Die schöne und kluge Jüdin
46. Nacht - Probleme in Mexico City
47. Nacht - Identitätssuche
48. Nacht - Die Adoptivcousine
49. Nacht - Kein Glück mit Italienerinnen
50. Nacht - Das behinderte Mädchen
51. Nacht - Schwangerschaft
52. Nacht - Die Verwandtschaft
53. Nacht - Treue bei der Geburt
54. Nacht - Andere Partner
55. Nacht - Die WG-Mitbewohnerin
56. Nacht - Die einsame Französin
57. Nacht - Die Erzählung der Prostituierten
58. Nacht - Der gestörte Anfang
59. Nacht - Nicht der ersehnte Typ
60. Nacht - Bekanntschaften durch Anzeigen
61. Nacht - Schwierigkeiten in der Toskana
62. Nacht - Die Freundin mit dem Motorrad
63. Nacht - Eine imaginäre Freundin
64. Nacht - Liebe auf dem Friedhof
65. Nacht - Sie antwortete mit Gähnen
66. Nacht - Russisch lernen auf Distanz
67. Nacht - Frustrierende neue Erfahrungen
68. Nacht - Maschas veränderte russische Welt
69. Nacht - Weiblichkeiten verschwanden aus dem Blickfeld
70. Nacht - Mutter mit Tochter im Angebot
71. Nacht - Einsam auf dem Filmfest
72. Nacht - Zukunftsträume ohne Traumfrau
73. Nacht - Die Traumfrau als beste Medizin
74. Nacht - Ausbruch aus der freudlosen Isolation
75. Nacht - Körpertouch und gründliche Küsse
76. Nacht - Knusprig, aber unverschämt
77. Nacht - Sie liebte nur fernsehen und rauchen
78. Nacht - Kein Glück bei der Reiseleiterin
79. Nacht - Die Zahnärztin japanischer Abstammung
80. Nacht - Die Leiterin des Russischen Klubs
81. Nacht - Beziehungslosigkeit
82. Nacht - Waren wir Dickköpfe?
83. Nacht - So etwas wie Liebe
84. Nacht - Von der sinnlichen in die abstrakte Welt
85. Nacht - Die Donzella genoss es selber
86. Nacht - Nicht gerade wenig Alkohol
87. Nacht - Die Freundin der Schwester
88. Nacht - Die Verführung durch die Akademikerin
89. Nacht - Die im Orient geborene Malerin
90. Nacht - Sex und andere Ansprüche
91. Nacht - Die jüdisch-asiatische Jungfrau
92. Nacht - In einem abgelegenen Tal
93. Nacht - Wie ein Blitz tauchte die junge Russin auf
94. Nacht - Neue Ufer in Italien
95. Nacht - Das traurige Ende der Russlandreise
96. Nacht - Bei leichten Mädchen
97. Nacht - Chulpan Khamatova
98. Nacht - Heiße Küsse im Gewitterregen
99. Nacht - Unangenehme Erlebnisse mit Frauen
100. Nacht - Annabelle
101. Nacht - Die Liebe zur Naturphilosophie
Kriegserfahrungen auf nachfolgende Generationen weiter zu geben sollte hohe Priorität haben, um künftige Konflikte zu vermeiden. Die unmittelbar nachfolgende Generation steht ihren Eltern oft sehr kritisch gegenüber und verdeckt mit Schuldzuweisungen die eigentliche Problematik, so dass die Weitergabe solcher Erfahrungen an die Enkelgeneration eine erhöhte Wichtigkeit bekommt. Das ist jedoch nicht einfach eine Frage von Information, welche verbal oder heute eher audiovisuell vermittelt werden kann, sondern beinhaltet vor allem tiefe Emotionen in allen Bereichen menschlicher Auseinandersetzung. Diese lassen sich intellektuell in ihren komplexen Wechselwirkungen nur beschränkt begreifen.
Die unkonventionelle Ansicht, dass trotz des großen Altersunterschiedes Sexualität hier noch eine wichtige Rolle spielen kann, ist konfliktreich. Tabuisierungen behindern die menschliche Kommunikation mit Eltern und Großeltern in voller Breite. Die zögerlich hier und da erfolgende Auseinandersetzung vor allem junger Frauen mit der bisweilen noch erstaunlich fitten vorletzten Generation kann heutzutage durchaus eine sexuelle Beziehung mit großem Altersunterschied einschließen, sogar eine schöne und spannende, und so in viel tiefere Zonen vorstoßen.
Während die orientalische Sammlung 1001 Nacht eine eher auf wahren Begebenheiten beruhende Rahmenerzählung mit eingelagerten fiktiven Märchen ist, besteht dieses Buch umgekehrt aus einer weitgehend fiktiven Rahmenhandlung, in welche jedoch nur 101 autobiografische, also wahre Erzählungen eingelagert sind. Der neugierige Leser kann sich auf Entdeckungsreise begeben, wo sich Fiktion und Realität einander treffen und wo sie völlig divergieren. Thematisch angesiedelt zwischen B. Schlinks „Der Vorleser“ und Ch. Roche's „Feuchtgebieten“, zwischen „Casanova“ und besagten „Märchen aus 1001 Nacht“, erhebt es nicht deren literarische Ansprüche, sondern fühlt sich eher H.G. Wells darin verpflichtet, vor allem die wesentlich erscheinenden Ideen vermitteln zu wollen, ohne ideologisch zu sein. Sowohl die Fiktion als auch das reale Erleben können wichtige Einsichten vermitteln. Das vollständige Bild ergibt sich erst aus beiden zusammen.
Der 1936 in Norddeutschland geborene Autor hat noch den Krieg erlebt. Er war im Laufe seines Lebens als Physiker, Molekularbiologe, Übersetzer, Filmemacher, Computer- und Internetberater, Taxifahrer und Leiter eines Russischen Klubs für kulturelle Fragen tätig. 2009–2014 hat er sich in Thailand intensiver mit Naturphilosophie beschäftigt, musste das Land jedoch wegen der einsetzenden Diktatur verlassen, und veröffentlichte anschließend in Berlin mehrere Ebooks. Er hat drei Kinder, davon eines allein erzogen, und fünf Enkel.
Ein Volk mit einer normalen Sexualität würde niemals solche Undinge begehen wie die Deutschen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Welcher normal veranlagte Liebhaber könnte schon nachts zu seiner Geliebten kommen und sagen: Du, Liebling, ich habe vorhin ein paar hundert Juden erschossen. Entschuldige bitte die Blutspritzer auf meiner Kleidung! Er würde auch nicht sagen können: Wir haben heute Nacht angefangen, wahllos mit Kanonen auf polnische Städte zu schießen, auf die dort lebenden Familien und Kinder. Ich weiß nicht, was dort passiert ist.
Meiner Generation ist die Jugend weitgehend geraubt worden. Wir selber haben nichts Böses getan. Wir haben das Schweigen unserer Eltern und Lehrer erlebt und sollten selber schweigen lernen. Erst sehr spät kam der Gedanke, dass das etwas mit Sexualität zu tun haben könne, was meist nicht akzeptiert wurde.
Dann wollten wir alles nachholen. Das lief unter der Bezeichnung „Sexuelle Revolution“ und wurde von der älteren Generation nur kritisiert und herunter gemacht.
Schließlich wurden wir älter, und uns wurde freundlicherweise gestattet, einiges zu erleben, was wir früher nicht konnten. Aber ging es nur um Sex? Wir hatten die junge reine unverbrauchte und noch völlig offene Liebe nicht erlebt. Jetzt aber fingen die Menschen um uns herum an, darüber zu wachen, dass wir unsere Erlebnisse nur mit Gleichaltrigen teilten,- mit Menschen, die schon genauso geschädigt waren wie wir selber und die oft noch viel weniger alles verdaut hatte. Manch einer von uns ertappte sich selbst mit dem Wunsch nach einem ganz jungen Mädchen. Und wieder kamen die harten Kritiker: wie pubertär, wie schlüpfrig, wie unreif!
Die übliche Masche einer Partnervermittlung ist, zwei ähnliche Menschen zusammenzuführen. Wir aber begannen zu verstehen, warum unsere Träume und unsere Realität ganz verschieden ausschauten. Wie richtig, Gegensätze ziehen sich an! Und nicht etwa nur die kleinen äußeren Gegensätze wie etwa blond oder dunkelhaarig, nein, spannend wird es erst, wenn es um mehr geht, vor allem eben um großen Altersunterschied. Wie schnell wurde dahinter nur ein „dirty old man“ vermutet!
Die Rahmenhandlung der folgenden Geschichte besteht grob geschätzt zu etwa gleichen Teilen aus Dichtung und Wahrheit. Sie ist zusammengesetzt aus vielen einzelnen Erlebnissen mit verschiedenen Menschen, die durch erfundene Passagen verbunden sind. Gleichzeitig bleibt dadurch deren Identität geschützt. Deshalb wird häufig nicht näher gesagt, wie die Beteiligten genau aussehen oder ausgesehen haben, sondern jeder mag sich das selber mit seiner eigenen Fantasie ausmalen. Diese Rahmengeschichte zeigt in den ersten drei Abschnitten, dass hier der Wunsch nach einem jungen Mädchen nichts mit Nabokovs Lolita zu tun hat, nicht der Wunsch nach ewiger großer Liebe wie zwischen Romeo und Julia ist, und nichts mit dem Wunsch nach Erfolg im Leben wie bei Elisabeth Taylor zu tun hat.
Umgekehrt wie bei den klassischen Märchen von 1001 Nacht bestehen aber hier die eingelagerten Erzählungen aus purer Realität. Sie sind nach bestem Wissen und Gewissen wahr, außer dass wieder Namen und bisweilen auch andere Angaben, die eine Identifizierung ermöglichen würden, geändert sind. Wer seine Nase darüber rümpfen will, dass für einen Siebzigjährigen Feuchtgebiete noch ein Thema sind, kann es tun. Doch eines sollte klar sein: Hier wird kein Ratgeber aufgestellt, sondern ganz einfach erzählt, wie es war und was daraus wurde. Auch in dieser zweiten überarbeiteten Edition wurde nicht weggelassen, was peinlich klingen mag.
I am what I am and what I am needs no excuses. (Amerikanischer Popsong von Gloria Gaynor)
Sein dritter Ferientag. Ein wenig zu lange hatte er an dem schönen See auf dem Landesteg in der Sonne gelegen, war eingeschlafen. Doch zum Glück verkraftete es seine dunkle Haut ohne Sonnenbrand. Jetzt beim Aufwachen fühlte er sich wieder voll als Mann, fühlte den Mann in sich. Wow! Jetzt ein Mädchen für sich haben, - das wäre schön! Ach, was man wirklich möchte, kann mann auch erreichen, dachte er schläfrig, und kramte aus seiner Tasche eine Schachtel mit Viagra-Tabletten heraus. Schwupps - steckte eine in seinem Mund, und er spülte sie mit ein paar Schluck Mineralwasser aus der mitgenommenen Flasche herunter.
Eine Weile später blinzelte er wieder aus seinen Augen. Da hatten sich am Ufer ein paar Grüppchen zum Grillen angesiedelt. Als er sich um blickte, stand vor ihm an der Spitze des Stegs ein junges Mädchen. Keine Sekunde, und er war wie elektrisiert. Bildschön und frech angezogen schaute sie aus. Er rieb sich erst einmal die Augen und fing nur langsam an, alles genauer wahrzunehmen.
Sie trug ein oben gerade geschnittenes und unten kürzer gemachtes enges weißes Hemdchen mit Trägerchen, wohl eine Kindergröße. Aber wie lang die Trägerchen waren! Sie hatte sie selbst sicher länger gemacht, um so viel wie möglich von der darunter liegenden Pracht zu zeigen, dachte er als erstes, und so falsch lag er damit gewiss nicht. Was darunter lag, schien ihm so schön zu sein, wie es nicht schöner vorzustellen war, - einfach perfekt. Nur wenig größer als durchschnittlich, aber so fest, dass ein BH wirklich ein Luxus gewesen wäre. Selbstbewusst zog sie ein wenig mit einem neckischen Blick zu ihm das Hemdchen nach unten, und es ließ sich nicht übersehen, welchen Spaß sie hatte, als dabei die Brustspitzen etwas heraus schauten. Doch als sie losließ, verschwanden sie sofort wieder.
Das Hemdchen war höchstens eine Handbreit lang und ihr Nabel lag frei. Über einem G-String hatte sie ein breites Stoffband aus Jeans um sich herum gelegt und an der Seite oben mit einem einzigen Knopf zusammengehalten. Dieser Minirock bedeckte aus dem Stand gesehen knapp den G-String, doch aus seiner liegenden Perspektive natürlich nicht ganz. Darüber trug sie einen breiten metallenen schräg hängenden Gürtel.
Im nächsten Augenblick sprang sie kopfüber ins Wasser, tauchte kurz unter, kletterte wenig später die Leiter zum Steg wieder hoch und stand wieder genauso wie vorher da. Die Wassertropfen auf ihrer Haut glitzerten in der Sonne und wieder zog sie an ihrem Hemdchen. Wenn das nicht die perfekte Verführung war!
„Sag mal, haben deine Eltern nichts dagegen, wenn du hier so herumläufst?“ fragte er sie halb väterlich, halb bewundernd.
„Ppp! Bin doch gerade achtzehn geworden. Jetzt kann ich endlich tun, was ich will, und keiner kann mir mehr Vorschriften machen.“
„Was meinst du damit?“
„Als erstes bin ich hingegangen und habe mir die Brüste schön machen lassen, erst vor zwei Wochen. Alle sagen, dass die jetzt super sind!“
„Und wie hast du das bezahlt? Verdienst du schon selber so viel Geld?“
„Nee, nicht einmal die Hälfte habe ich bezahlt. Aber der Arzt glaubt mir, dass er die Kohle kriegt, sobald ich sie habe.“
„Und hast du keine Angst vor der dauernden Anmache der Jungs?“
„Nee, macht doch Spaß. Schließlich bin ich jetzt in dem Alter, wo ich Erfahrungen sammeln muss. Aber ich passe schon auf.“ Und wieder sprang sie ins Wasser und tauchte unter.
Nur einen Moment später schwamm er neben ihr. „Wie alt bist du?“ fragte sie ihn, ohne mit dem duzen zu zögern, obwohl er gewiss erheblich älter als sie war.
„So alt wie ich mich fühle“, war seine lachende Antwort, und er schwamm schneller als sie auf den See hinaus.
Sie folgte ihm. „Du bist noch gut bei Kräften. Hast sicher schon viel erlebt. Und außerdem scheinst du mir ein Pfund Viagra gefressen zu haben.“
„Magst du mit mir? Magst du ältere Männer?“
Lachend prustete sie: „Ich könnte jetzt sagen, dass nur die mir helfen können, meine Arztrechnung zu bezahlen. Aber Gegensätze ziehen sich an.“. Und dann verschwanden sie beide von der Oberfläche.
Nach einer Weile saßen sie nebeneinander auf dem Steg und ließen die Füße ins Wasser baumeln. „Du gehst mir zu sehr ran. Ich mag das nicht. Du bist sicher aus dem Osten. Wie heißt du eigentlich?“ „Igor“, kam die leicht verschüchterte Antwort.
„Siehst du, habe ich mir doch gedacht. Im Fernsehen haben sie gesagt, dass es dort viel mehr Vergewaltigungen gibt. Aufpassen müssen wir hier auch, aber nicht ganz so viel Angst davor haben. Übrigens heiße ich Julia. Aber das hat dich ja noch überhaupt nicht interessiert.“
Er schaute etwas verschreckt auf, fasste sich dann aber schnell wieder: „Du hast ein ganz schön loses Mundwerk. Aber ich mag das.“
„Ich interessiere mich eben wirklich für die Dinge. Viele von meinen Freundinnen halten nichts davon, aus Erfahrungen anderer Menschen was zu lernen. Sie wollen alles selber ausprobieren. Aber das kann man doch gar nicht immer. Was schon vor längerer Zeit gelaufen ist, ist gelaufen und lässt sich nicht genauso wiederholen.“
„Und was interessiert dich denn, Julia?“
„Jemand wie du hätte bei uns im Westen bestimmt die Studentenrevolte mitgemacht. So was gibt es ja nun nicht mehr. Jetzt geht alles so brav und langweilig und spießig vor sich.“
Als hätte es einen Startschuss gegeben, richtete er sich auf und platzte heraus: „Weißt du, dass mich das damals auch im Osten ganz wahnsinnig interessiert hat? Wir haben alles mitzukriegen versucht, was nur möglich war.“ Und ein wenig nachdenklich meinte er: „Das hat bis heute seine Spuren in uns gelassen.“
„Sag mal, Igor, kannst du mir ganz kurz und ohne viel Blabla sagen, was denn das wichtige an der ganzen Studentenrevolte ist? In der Schule haben wir gelernt, dass das was mit dem komischen Existentialismus zu tun hat.“
Er schaute leicht verwirrt zu ihr, als bemerkte er erst jetzt ihr schlaues Gesicht, riskierte wieder einen Blick auf ihr kurzes Hemdchen, kratzte sich dann am Kopf und schien nachzudenken: „Doch, das kann ich. Pass auf! In der Schule haben wir bei uns immer nur gelernt, was entweder richtig oder aber falsch ist, - in der Natur und wenn wir nachdenken und wenn etwas geschieht. Und dann sind die Leute mit der Moral angekommen und mit den Religionen, und bei denen geht es darum, was entweder gut oder böse ist. Und so ist eigentlich alles gewesen, was im Unterricht beigebracht wurde,- entweder richtig und falsch oder gut und böse. Um mehr ging es nicht.“
Julia nickte mit dem Kopf. Er mochte, wie sie aufmerksam zuhörte, und fuhr fort: „Na, das war alles schon lange vor der Zeit, als die Studenten zu rebellieren anfingen. Denen ging es dann aber um etwas ganz anderes. Sie wollten echt sein, wollten das verlogene Gequatsche und das autoritäre Getue von den Professoren und Politikern los sein. Kennst du das Wort authentisch? Sie wollten authentisch sein, ganz so sein, wie sie wirklich sind. Und das war was ganz Neues, was nichts mit richtig und falsch oder mit gut und böse zu tun hat. Verstehst du?“
Sie nickte wieder mit dem Kopf: „Du kannst wirklich gut erklären. Das gefällt mir. Jetzt gefällst du mir überhaupt viel besser.“ Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und schaute ihm in die Augen und flüsterte plötzlich: „Jetzt möchte ich mit dir alleine sein. Magst du mitkommen?“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er streichelte ihre Hand und es schien ihr zu gefallen. Sie nahm den glänzenden Metallgürtel ab, beide zogen sie ihre T-Shirts und Jeans über die noch feuchte Badekleidung, dann hängte sie den Gürtel wieder um sich, und sie zogen miteinander los.
Immer tiefer wanderten sie in den nahen Wald hinein, bis sie an eine kleine, von Büschen umstandene sonnige Lichtung kamen. Im Gras leuchteten unzählige bunte Blumen. Sie stellte ihm neckisch ein Bein, damit er hinfiel, und küsste ihn auf dem Boden wie eine Wilde. Als sie schließlich voneinander ließen, streute sie lachend Blumen auf ihn. Er küsste ihre Brust durch das Hemdchen hindurch, bis es wieder so feucht wie nach dem Baden war, dann auch die andere Brust. „Oh, das tut gut, damit nach der Operation wieder das volle Gefühl hineinkommt“, flüsterte sie. Er schob wie zur Antwort das Hemdchen nach unten und fing wie ein kleines Kind an ihr zu saugen, immer länger und dann auch an der anderen Brust, während sie ihn wie eben ein solches kleines Kind streichelte und nicht verheimlichte, welch Vergnügen sie daran hatte.
Als er in sie eindrang, hatte sie einen kurzen Moment Angst, er könne ihr wehtun. Doch er ging nicht tief in sie hinein, als wolle er sie streicheln, wo sie am allerstärksten erregt wurde. Ja, er streichelte sie dort wirklich, bis sie vor lauter Erregung von einem sanftem Krampf geschüttelt wurde, Er blieb ganz ruhig und setzte die gleiche Bewegung fort, scheinbar ohne erregt zu sein, bis sie erneut starke Gefühle bekam und fast die Besinnung zu verlieren schien. Als er sie ein drittes Mal zu einem so schönen Orgasmus brachte, flüsterte sie schließlich: „Aber du?“ Da fing er mit fast unbarmherzig starken Stößen an, wieder und wieder, bis es sie fast zu zerreißen schien. Plötzlich brüllte er auf wie ein wildes Tier, und sie zitterte, als er sich Stoß für Stoß in sie hinein entleerte, mehr und mehr und noch mehr.
Als sie wieder zu sich kamen, zwackte es sie beide am Unterleib ganz schrecklich. Ameisen hatten die Flüssigkeit entdeckt und betrachteten diese als ein Festmahl. „Lieben und leiden gehören zusammen,- das habe ich mal gelesen!“ lachte sie und ging mit dem Handtuch gegen die Quälgeister vor „Aber das war unglaublich schön. So habe ich das noch nie erlebt, so lange und so wild, unglaublich! Saugst du jetzt ganz oft an meinen Brüsten, wie ein kleiner Säugling, ganz lieb und stark, aber nicht zu sehr? Sie brauchen das.“
„Aber sag mal, darf ich dich was fragen? Hast du wirklich Viagra genommen, du lieber alter Bock?“ Er gab es verschämt zu. Sie bohrte gleichsam in ihn hinein: „Du hast doch aber vorher gesagt, wie wichtig es ist, echt zu sein, - authentisch, wie du sagst. Ist das denn nun echt, also authentisch, wenn du das Zeug nimmst?“ Einen kurzen Augenblick schaute er verlegen aus, doch dann meinte er: „Wenn uns etwas hilft, ist das doch was ganz anderes. Dann können wir vielleicht noch viel mehr wir selbst sein, - können Sachen machen, zu denen wir sonst gar nicht fähig wären. Wenn du deine Brüste nicht so toll gemacht hättest, vielleicht wäre ich dann auch im ersten Moment achtlos an dir vorbei gelaufen und du schon für den Rest des Lebens aus meinem Gesichtskreis verschwunden. Du bist doch selber ebenfalls eine absolut echte Type, obwohl du da hast nachhelfen lassen. Nein, nein, sowohl deine Brüste wie auch mein Viagra helfen uns, authentischer zu sein und mehr zu erleben. Und das war ja auch der ganze Sinn der Sexwelle im Jahre 1968. Damals haben sie anfangs über die Antibabypille so abfällig geredet, wie jetzt über das Viagra. Und jetzt nimmst auch du diese doch sicher ganz selbstverständlich?“
Aus ihrem Lachen hörte man heraus, wie sie dem zustimmte. „Komm, wir gehen weiter und ich zeige dir was schönes“, sagte sie, zog sich wieder ihren frechen Badedress an und rollte die übrigen Sachen zusammen. Als er auch wieder sein T-Shirt und seine Shorts an hatte, zerrte sie ihn voller Vergnügen hinter sich her.
Nach einer Weile kamen sie zu einem kleinen Wasserfall. „Das hier ist mein Lieblingsplatz“, raunte sie ihm ins Ohr, „bist du schon mal hier gewesen?“ Er verneinte das, fast traurig. Sie ging zu dem herunter strömenden Wasser und hielt ihre Hand hinein, dass es kräftig spritzte. „Kannst du mir ganz alleine jetzt Tanzmusik machen?“ fragte sie übermütig. „Nichts einfacher als das!“ kam die schnelle Antwort. Er fing an, im Takt in die Hände zu klatschen und zu singen, - eine Melodie, die sie gut kannte, ohne sie mit Namen nennen zu können. Sie begann vor dem Wasserfall danach zu tanzen, rhythmisch und den Kopf nach oben gewandt. Plötzlich fiel das Wasser mit voller Wucht auf ihr Gesicht. Sie schien das zu genießen und ließ ihren Körper mehr und mehr durchnässen. Wieder wurden ihre schönen Brüste unter dem nassen Hemdchen sichtbar, bisweilen riss das Wasser es ein wenig nach unten, so dass für einen kurzen Moment die Brust ganz zu sehen war. Er konnte seine Augen von diesem Anblick nicht einen Moment abwenden, so wunderbar erschien es ihm. „Ist das nicht die schönste Dusche der Welt?“ rief sie und ließ das Wasser nun in Strömen über sich und ihre sexy Kleidung laufen. Dann lief sie plötzlich auf ihn zu und nahm ihn ganz fest in die Arme und küsste ihn leidenschaftlich, völlig außer Atem. Als sie von ihm ab ließ, jubelte sie: „Jetzt bist du genauso nass wie ich!“
Er zog ihren G-String nach unten, öffnete seine Hose, trug sie vor sich unter den Wasserfall und genoss mit ihr einen Moment das über sie strömende kühle Wasser. Als er gerade in sie eindringen wollte, stieß sie einen kleinen Schrei aus: „Da sind Leute!“ Schnell ließ er von ihr ab, und sie brachten ihre Kleidung in Ordnung. „Diese Lustmolche!“ grölte ein Halbstarker mit einer Bierflasche in der Hand. Sie packten schnell ihre Sachen zusammen und rannten fort, in das dichte Gebüsch hinein.
Immer weiter rannten sie durch das Unterholz, wie zwei Gejagte. Plötzlich knallte ein Schuss los. Igor krümmte sich vor Schmerzen und griff an seinen linken Arm. Eine Schrotladung hatte mehrere kleine Löcher in das Fleisch gebohrt und in jedem konnte man ein kleines Bleistück sehen, das aber bald von hervor quellendem Blut bedeckt wurde. Igor warf Julia zu Boden und legte sich wie zum Schutz auf sie. „Nicht schießen!“ rief er laut, „ seid ihr denn völlig verrückt?“
Zwischen den Büschen tauchte ein Förster auf, mit einem Tiroler Hut, Vollbart und grün gekleidet. „Was treibt ihr denn hier in meinem Jagdrevier?“ brüllte dieser los. Igor sprang auf und riss ihm die Schrotflinte aus der Hand. Dann nahm er diese am Lauf und hielt sie zum Schlag hoch. Jetzt warf sich der Förster zu Boden und schrie: „Sind Sie denn völlig verrückt?“
Igor trat, sich vor Schmerzen kaum halten könnend, auf ihn zu: „Du alter Bock, versprichst du mir, nie wieder einem armen Tier dieses gemeine Schrotzeug in sein schönes Fell zu jagen?“ „Wie könnte ich das, das ist doch mein Beruf“, jammerte dieser kleinlaut. „Versprichst du es, oder ich tue dir genauso weh, wie du den armen Tieren und heute sogar Menschen weh tust!“ Es kam keine Antwort. Da schlug Igor dem Förster mit voller Wucht mit dem Gewehrkolben auf dieselbe Stelle am linken Arm, wo er selber verletzt war. Dieser stieß einen lauten Schrei aus, um den sich aber keiner kümmerte.
Igor nahm die zitternde Julia in die Arme und küsste sie voller Liebe, ganz lange. Als sie sich umdrehten, war der Förster mit seiner Flinte verschwunden. „Zeig mal her“, stotterte sie und schaute den an drei Stellen blutenden Arm genau an. „Ich kann nichts sehen, aber ich will versuchen, dir zu helfen. Bist du mutig, ein richtiger Mann?“ Er schaute ihr in die Augen. Sie wartete keine Antwort ab, nahm den Arm in ihren Mund und biss genau dort hinein, wo sie die Schrotkugel vermutete. „Ich hab’s“, rief sie jubelnd und spuckte das Bleistück wie zum Beweis in die Hand. Jetzt floss das Blut noch stärker, aber sie schien davon keine Notiz zu nehmen und biss erneut in seinen Arm, wieder erfolgreich. Es blutete noch schlimmer. Sie lachte ihn mit ihrem blutigen Mund an und biss ein drittes Mal hinein, jetzt schon fast routiniert, und am Erfolg gab es keinen Zweifel mehr.
Obwohl er vor Schmerzen zitterte und das Blut nun vom Arm herunter tropfte, ging ein Strahlen über sein Gesicht und er wollte sie wieder küssen. „Jetzt aber ab zum Wasserfall, sonst infizierst du dich“, sagte sie ihm leise ins Ohr, und schon rannten sie los. Trotz der einbrechenden Dämmerung fand Julia den Weg ohne Probleme und hielt sogleich seinen blutenden Arm unter das strömende Wasser. Schon nach wenigen Minuten hörte die Blutung auf. „Du musst den Arm hochhalten“, rief sie, „das ist besser!“ Er blickte sie fragend an: „Dann werde ich aber wieder selbst völlig nass“, raunte er. Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Das möchte ich auch!“.
Und kaum floss das Wasser in vollen Strömen über ihn, da spürte er eine wunderbare Ruhe in sich. Doch nicht lange; denn nachdem sie ihn eine Weile angeschaut hatte und er auch von neuem es nicht lassen konnte, ihren gewagten Badedress zu bewundern, der inzwischen wieder fast getrocknet war, da sprang sie zu ihm unter den Wasserfall und umarmte ihn erneut mit Leidenschaft. Sie genossen zusammen das über sie rauschende Wasser und die einbrechende Nacht.
Als es ihnen zu kalt wurde, legten sie sich zusammen auf ihre Handtücher, und wieder begann ein nicht zu erzählendes Spiel wie zwei Wilde einsam im Wald.
Als sie morgens vom Vogelgeschrei aufwachten, war es noch so dunkel, dass sie nur wenig wahrnahmen. Sie fragte: „Jetzt sag mir mal ehrlich, wie alt du wirklich bist.“ „Machst du es dann trotzdem wieder mit mir?“ kam die etwas ängstliche Antwort. „Klar, abgemacht!“ Er flüsterte ihr ins Ohr: „Achtundsechzig:“ „Wie bitte?“ stieß sie hervor. Er nickte bestätigend. „Das glaubst du nicht,- dann bist du ja älter als mein Großvater! Aber gut in Form, - mit dem konnte ich nie so reden wie mit dir. Cool, jetzt lerne ich langsam, was es heißt, wenn die Leute sagen, Gegensätze ziehen sich an. Aber meinen Freundinnen und meinen Eltern könnte ich das nie erzählen, und meinen Großeltern….. Fünfzig Jahre Unterschied!“ Jetzt lachten sie beide lauthals los. Auf dem Heimweg blieb sie plötzlich stehend und schaute ihn schief an: „Weißt du, dass ich die Lolita von Nabokov gelesen habe. Wenn die Leute uns miteinander sehen würden, denken sie vielleicht, dass ich so eine Lolita bin. Aber das stimmt nicht.“
Er grinste: „Ich kann dir auch sagen, warum das nicht stimmt. Jene Lolita war erst zwölf, also eine Minderjährige, und geistig hat sie auch noch überhaupt nicht gepackt, was sie da gemacht hat.“
„Ja, das stimmt. Darf ich mich mal ein wenig aufblasen? Ich habe jetzt mein Abi gemacht mit „gut“ und habe eine Menge über so was gelesen. So ganz doof bin ich also bestimmt nicht, und ich weiß, was ich tue. Natürlich würden meine Eltern das nicht so ohne weiteres packen, was ich jetzt mit dir gemacht habe. Aber ich selber tue das, und darum fühle ich, dass es richtig ist, was ich mit dir erlebt habe. Doch ich kann denen das nur in kleinen Portionen beibringen. Wenn ich da alles auf einmal erzählen würde, käme das einer Katastrophe gleich. Die realisieren innerlich noch nicht ganz, dass ich volljährig bin und jetzt für mich selber entscheiden kann, was ich tun oder lassen möchte.“
Igor gefiel das: „Und ich bin auch kein Humbert Humbert, obwohl zwischen uns der Altersunterschied fast doppelt so groß ist, wie seiner zu Lolita. In den puritanischen USA sah man das als eine kriminelle Geschichte an, wovon bei uns natürlich keine Rede sein kann. Und du spürst jetzt genauso wie ich, dass wir nicht nur nichts Böses tun, sondern sogar viel Gutes davon haben. Sehr verschiedene Menschen können unglaublich viel voneinander lernen, wenn sie nur offen für einander sind und sich gerne mögen.“
Julia kicherte: „Aber mit dem Sex ist das ja nun doch noch so eine Sache. Die Leute sagen sicher, dass ich nicht nur eine Lolita, sondern sogar eine Nutte bin, weil ich Geld brauche, um meine Operation zu bezahlen. Und das stimmt zwar, dass ich Geld brauche, aber ich nehme keines. Ich hätte sogar gerne noch viel mehr, hätte so gerne ein Motorrad. Ich habe schon den Führerschein für Autos und Motorräder, staunst du da? Den habe ich bezahlt bekommen, weil ich eine Klasse übersprungen und trotzdem alles gut geschafft habe, obwohl ich wirklich keine brave Streberin bin.“ Sie guckte ihn wieder mit ihrem schiefen Blick an, der ihn so zum Schmelzen brachte, dass er ihr am liebsten sofort an der nächsten Straßenecke ein Motorrad gekauft hätte. Doch sie liefen immer noch durch den Wald.
Er schaute ganz nachdenklich aus und meinte: „Du hast wirklich nicht um Geld gebeten. Und wenn ich dir was schenken würde, ist das eine ganz andere Sache und bestimmt kein Handel wie Prostitution. Ehefrauen bekommen doch auch von ihren Männern Geld, und es gibt sogar umgekehrte Fälle, wo die Frau mehr als der Mann verdient und ihm was abgibt. Es wird geteilt, was man hat.“
Immer wenn Julia einen wichtigen neuen Gedanken hatte, blieb sie plötzlich stehen. So auch jetzt wieder: „Weißt du, was für mich ein viel größeres Problem ist? Ich habe Schwierigkeiten mit all meinen Freundinnen. Sie haben Angst, dass ich ihnen ihre Jungs wegnehme. Aber die Jungen kommen ganz von alleine zu mir und wollen mit mir sein. Sie sagen, dass ich schöner bin und schlauer und dass sie mich lieber mögen. Und ich sage natürlich nicht nein, wenn mir einer wirklich gefällt. Ich muss dir gestehen, dass ich schon für mein Alter ziemlich viele Freunde gehabt habe, nicht nur platonisch, nein, richtig miteinander schlafen und so. Ich bin eben ein offener Mensch. Aber dann reden sie so hässlich über mich und sagen, dass ich ein Wanderpokal bin oder noch schlimmer. Ich hasse das und fühle mich jetzt völlig alleine. Vielleicht bin ich auch darum so gern mit dir mitgegangen, mit einem viel älteren Mann.“
Als sie am Waldrand ankamen, tauschten sie noch die Telefonnummern ihrer Handys aus und checkten gegenseitig durch kurzes anrufen, dass diese auch stimmen. In diesem Moment klingelte ihr Handy: „Ach, Mami, du musst dir doch keine Sorgen machen. Ich war heute Nacht bei Freunden. Du weißt doch, dass ich das öfters tue. Grüß die Anderen! Ciao!“ Sie grinste etwas verlegen: „So viele Freunde waren das ja nicht. Aber so eine kleine Schwindelei gehört bei mir zum Schutz des Privatlebens. Doch jetzt müssen wir uns verabschieden. Ich will nicht, dass man uns zusammen auf der Dorfstraße sieht. Ciao, wir rufen uns an!“ Und nach ein paar Sekunden war sie schon aus seinem Blickfeld verschwunden.
Am nächsten Tag fand das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft statt. Ihn interessierte das nicht das geringste bisschen. Er fuhr mit dem Auto los und wollte ein wenig Abstand gewinnen. Am Ortsausgang stand ein Mädchen in deutscher Fan-Kleidung, mit gelben Shorts, einem roten Bustier, einem schwarzen kleinen Tuch um den Hals und dazu schwarz-rotgoldenen Papierblumenketten ebenfalls um den Hals und im Haar. Sah fesch aus, sie wollte per Autostopp mitgenommen werden. Doch dann traute er seinen Augen nicht, - das war Julia.
Er hielt natürlich an: „Na, wo willst du denn hin?“ „Ins Nachbardorf, zu einer Party. Nimmst du mich gerade mit bis zum nächsten Ortseingang?“ Daran bestand natürlich kein Zweifel.
Doch sie klagte: „Ich mag dies schwarze Tuch gar nicht. Und schwarze Blumen auch nicht. Und außerdem trinken die Typen da immer viel zu viel Bier. Das mag ich auch nicht. Na ja, ich werde es überleben.“ Die Strecke dorthin war nicht weit, und schon stieg sie wieder aus dem Auto: „Na, mach es gut! Ruf mich morgen Abend an, wenn du willst! Ciaaao!“ Kaum verschwand sie hinter einer Mauer, da dachte er, wie gern er doch mit ihr mitgegangen wäre. Aber davon war eben überhaupt nicht die Rede.
Abends besuchte ihn, wie verabredet, eine frühere Partnerin. Mit ihr „lief nichts“, sie aßen zusammen und erzählten einander Neuigkeiten. Es herrschte in dem kleinen Ort eine Todesstille. Das verwunderte sie beide; denn normalerweise hörte man doch bei solchen Endspielen Gegröle aus fast allen Fenstern, wenn ein Tor gefallen war. So stellte er zum Schluss den Fernseher an. Das Spiel war gerade beendet, man sah nur bedrückt dreinschauende deutsche Fans und dann jubelnde Spanier Ihn freute das fast, besser gesagt, nicht nur fast, sondern wirklich. Er liebte Spanien und hatte dort gute Freunde und auch schon einige Love-stories erlebt. Umgekehrt ärgerte ihn das, was er deutsche Großkotzigkeit nannte. Wow, er hätte jetzt gerne mit den Spaniern gefeiert!
Am nächsten Abend rief er Julia an, nachdem sie am Badesteg nicht aufgetaucht war. „Ja, ich habe einen alten spanischen Freund getroffen, einen Regisseur, der heißt Julio. Passt doch gut zu mir“, kicherte sie, „sei mir nicht böse, ich kann dir das am Telefon nicht alles erzählen. Ich will ja Schauspielerin werden. Und außerdem ist der Julio wahnsinnig lustig und hat tolle Musik. Und jetzt bin ich hundemüde und muss wieder schlafen. Tschüüs!“
Ihm kam das alles recht merkwürdig vor. Auf der Dorfparty in der Bierkneipe hatte sie doch sicher keinen spanischen Regisseur getroffen. Er nahm sich vor, nicht traurig zu sein, doch ganz gelang ihm das nicht. Er versuchte sich klar zu machen, dass es schließlich ihr gutes Recht sei, ihr Leben voll auszuleben, und dass er alter Bock kein Recht auf sie habe. Überhaupt hat kein Mensch ein Recht auf einen anderen, wiederholte er wie eine Schulaufgabe, und jetzt kamen ihm endlich wieder seine Kinder in den Sinn, die alle weit weg lebten. Und seine Enkel, die er sehr liebte, die aber auch nicht in der Nähe waren. Ja, die Kinder und Enkel hatten ein Recht auf ihn, viel mehr als all die vielen Partner, die er in seinem Leben gehabt hatte. Aber Julia? Ein großes Fragezeichen schien in der Luft zu hängen.
Am folgenden Tag hingen schwarze Wolken über den Wiesen und es regnete Bindfäden, stundenlang. Schließlich wurde es ihm in seinem Zimmer langweilig, er nahm einen Regenschirm und wanderte die Dorfstraße entlang. Ihm gefiel die Stimmung. Überall tropfte es und nur vereinzelt piepste ein Vogel. Da kam ein Fahrrad mit einem zweirädrigen Anhänger daher gefahren. Der junge sportliche gut aussehende Mann, der kräftig in die Pedale trat, trug festes Regenzeug. Doch hinten im Anhänger saß ein Mädchen in einem eng anliegenden roten Sweatshirt mit einer spanischen Aufschrift, das einen regenbogenfarbenen großen Schirm über sich hielt. Es durchfuhr ihn: „Das ist ja Julia!“ Sie bemerkte ihn nicht, und die beiden fuhren aus dem Ort hinaus, am Wald entlang.
Er wusste inzwischen, dass die Straße an der Rückseite des Waldes entlang ganz in die Nähe des Wasserfalls führte. Fuhren die beiden dorthin? Dieser Gedanke kam wie ein düsteres Gespenst über ihn, er musste tief schlucken, kehrte schnell um, und als er in sein Zimmer kam, brachen die Tränen aus seinen Augen, er weinte und weinte immer mehr, es schien gar nicht aufzuhören. Ob Julia dort, an ihrem Platz, mit dem Typen auch….?
Die Nacht brach herein, er konnte nicht schlafen, es schüttelte ihn wie ein kleines Kind, wieder und wieder traten dicke Tränen in seine angeschwollenen Augen. Als es schon hell wurde, kreisten seine Gedanken immer noch darum, ob sie dort beim Wasserfall wohl mit dem Kerl übernachtete und… Schließlich übermannte ihn die Müdigkeit, und gegen zehn Uhr wachte er völlig verkatert auf. Was war wohl mit Julia los, konnte er sie anrufen? Er tat das nicht, und das war wohl seine einzige vernünftige Reaktion an diesem Morgen. Sein Wunsch, gut zu ihr sein zu wollen, hatte gesiegt. Als er daran dachte, huschte sogar ein Lächeln über sein Gesicht.
Am Abend traf er Julia am Badesteg. Die Sonne trat ein wenig durch die Wolken. Sie trug einen offensichtlich zu kleinen Bikini, wohl noch aus der Zeit vor ihrer Operation. Doch er wagte nicht, sie etwas zu fragen und sprang einfach vor ihren Augen ins Wasser. Fast zu seiner Verwunderung sprang sie hinterher, und sie schwammen ziemlich weit auf den See hinaus. Dort kam sie ihm näher und gab ihm lachend einen Kuss auf den Nacken. „Sag mal, was führst du für ein Lotterleben?“, konnte er nicht lassen, sie zu fragen.
Hier fernab von anderen Menschen schien sie gesprächig zu sein: „Du weißt doch, dass ich ein lockerer Vogel bin. Ich stamme aus einer Künstlerfamilie, und die Liebe gehört in unserer Familie zum Alltag. Mein Vater ist auch so, der hat auch mehrere Freundinnen. Das gefällt meiner Mutter zwar nicht so furchtbar. Aber inzwischen hat sie das gepackt, und seit einiger Zeit kennt sie selber einen anderen Mann. Die Eltern sind nicht mehr soviel wie früher zusammen. Wir Kinder sind ja jetzt erwachsen. Mein Bruder will ebenfalls Regisseur werden. Der ist acht Jahre älter als ich und sagt, ohne das was läuft, kann er mit einer Frau nicht arbeiten. Und ich glaube, dass viele von den jungen Schauspielerinnen gerne mit ihm ins Bett gehen. Ohne das scheint es einfach nicht zu gehen.“
Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Glücklicherweise kam hier im Wasser das Weinen weniger infrage. Er entschied sich dafür, weitere Einzelheiten zu erforschen: „Sag mal, wie bist du denn vorgestern zu dem spanischen Regisseur gekommen?“
„Die Typen in der Kneipe haben sich, nachdem das Spiel für Deutschland schlecht lief, mit Bier voll laufen lassen. Das hat nicht nur mir gestunken, da hat es wirklich gestunken. Da rief mich der Julio auf dem Handy an und sagte, ich solle kommen, weil sie so toll feiern. Ich habe gerade noch die letzte S-Bahn in die Stadt bekommen. Als ich da hin kam, herrschte schon eine Superstimmung. Die haben nicht viel getrunken, aber tolle Musik gemacht.“
„Und bist du über Nacht..?“
„Du, das ist mein Problem. Aber ich sage dir offen, ich brauche einfach, um mich gut zu fühlen, jeden Tag zweimal Sex. Das ist bei mir ganz normal. Ich habe ziemlich jung mit Sex angefangen, schon mit fünfzehn, und da gewöhnt sich der Körper einfach daran, und es tut mir gut. Es geht praktisch gar nicht, dass ich das immer mit demselben mache. Dauernd hat einer von denen irgendwas anderes wichtiges zu tun und dann sitze ich da. So war das auch, als ich dich kennen gelernt habe. Da habe ich fast zwei Tage ohne das herum gehangen. Es gehört sich für Frauen nicht, das zu sagen, aber ich brauche Sex, und ich habe dich natürlich absichtlich angemacht und wusste genau, was ich tue und warum ich es tue. Am Anfang hatte das gar nichts mit dir zu tun, außer natürlich, dass du mir sympathisch und ganz anders als die Jungs vorkamst. Sonst wusste ich ja überhaupt nicht, was mit dir los ist. Aber das reizt mich natürlich auch, ich lerne gerne Menschen kennen und bin eben interessiert.
Jetzt lass uns mal tauchen!“ Schon verschwand sie unter der Wasseroberfläche. Er riss auch die Arme kräftig nach unten und sah ihren schönen Körper in dem grünlichen Wasser. Ohne einander zu berühren, schwammen sie ein Stück nebeneinander her und tauchten prustend wieder auf. Jetzt wollte er sie in die Arme nehmen, aber sie flüsterte, dass sie erstmal ein wenig Abstand brauche und fügte lächelnd hinzu: „Aber bald wieder! Das habe ich ja leichtsinnigerweise auch zugesagt, als du mir dein Alter genannt hast.“
„Und mit dem Typen gestern mit dem Fahrrad hast du auch..?“
„Hast du mich im Regen gesehen? Wo?“
Er gestand es ihr.
„Na ja, du weißt ja jetzt, wie ich bin. Und ich mache es gerne da beim Wasserfall. Im Sommer so oft wie möglich. Du weißt ja, was das für ein prima Platz ist, und es kommen nur selten Leute da vorbei, eigentlich merkwürdig. Hab ja jetzt nach dem Abi auch endlich mal genug freie Zeit.“
Er musste erstmal tief Luft holen. Ein so offenes Mädchen war ihm noch nie über den Weg gelaufen. Er fragte: „Hast du denn keine Angst, dass dir dabei mal was passiert, oder dass du dir irgendeine Krankheit aufgabelst?“
„Nee, du, über so was haben wir zu Hause und mit den Schulkameraden oft geredet. Ich habe schon so viele Menschen kennen gelernt und Geschichten über so was gehört, dass ich mir inzwischen eine ziemliche Menschenkenntnis zutraue. Wenn ich jemanden so einschätze, dass er keine Krankheiten hat, dann erlaube ich es mir auch ohne Präservativ. Das hast du ja gemerkt und weißt, wie viel schöner das ist. Manchmal stelle ich da schon einige bohrende Fragen und achte darauf, ob sie schwindeln. Mir hilft, dass ich verdammt gut merke, wer schauspielert. Will ja selber diese Kunst erlernen.“
„Wann wollen wir denn..?“
Sie fuhr ihm ins Wort: „Der Junge, den du mit mir gesehen hast, bleibt noch zwei Tage hier. Also drei Tage musst du noch warten und ich möchte dich derweil auch eher nicht sehen.“
Er knurrte unüberhörbar, musste aber gleichzeitig lächeln und wunderte sich selbst darüber. Eigentlich müsste er jetzt doch stinksauer sein. Doch ihre Offenheit schien ihm so entwaffnend und bewundernswert, dass er kurz und bündig antwortete: „O.K. Bis dann.“ Mit kräftigen Stößen, wie um seine Power zu zeigen, schwamm er zum Steg zurück. Sie folgte ihm nicht.
Mit den folgenden drei Tagen begann für ihn der wirkliche Urlaub. Sobald die Sonne sich wieder ausgiebig zeigte, ging er an den See, ließ sich von ihr wärmen, schwamm ausgiebig in dem wieder etwas kühleren Wasser und riskierte zwischendurch Blicke auf andere Weiblichkeiten, die das Ufer bevölkerten. Insgeheim verglich er sie mit seiner Julia und kam natürlich zu dem Schluss, dass keine von denen auch nur annähernd mit ihr mithalten könnte. So zog er gutes Essen in dem Ufer-Restaurant vor und gönnte sich statt Küssen ein Glas italienischen Rotwein mit wohlschmeckendem französischem Käse, und dies nicht nur einmal.
Nachts plagten ihn dafür unangenehme Träume. Seine früheren Partnerinnen traten eine nach der anderen darin auf und attackierten ihn, warum er nicht treu ist und warum er dauernd nach jungen Mädchen schielt. Mit zweien von ihnen hatte er Kinder, sie regten sich vor allem über die fehlende Treue auf. Als er aufwachte und sich halb verschlafen die Augen rieb, dachte er im Halbschlaf darüber nach. Mal ist das so, mal auch anders, schien es ihm. Die beiden Beziehungen waren grundverschieden gewesen. Bei der einen suchte er nach der Geburt des zweiten Kindes das Weite, weil die geistigen und beruflichen Interessen völlig auseinander liefen. Die andere fing nach der Geburt seines dritten Kindes an, - das war schon über fünfzehn Jahre später, - die nächtliche Liebe zu verweigern, und er verstand lange Zeit die Gründe nicht, versuchte immer wieder dahinter zukommen.
All die übrigen Partnerinnen stießen sich vor allem an seinem Hang zu jüngeren Mädchen. Nein, darin lag für ihn nichts Perverses; denn sie alle waren schon volljährig. Eher stießen sie sich wohl in Wirklichkeit an seinen Kindern und seinen damit zusammenhängenden möglichen Verpflichtungen. Ganz klar voneinander trennen ließen sich diese Punkte nie. Er fand sich damit ab. Alle Beziehungen in seinem Leben hatten keine lange Dauer im gemeinsamen Leben, selten länger als zwei Jahre, oft dagegen viel kürzer. Doch hielt er, falls möglich, gern Kontakt und traf sie eventuell erneut.
Am vierten Tag kam Julia nachmittags zum Badesteg. Sie trug ein rotes enges Hemd und Khaki-Shorts und sprang sofort, ohne sich nach Igor umzusehen, so wie sie war ins Wasser und schwamm los. Igor folgte ihr vom Ufer aus und in einiger Entfernung vom Ufer begrüßten sie einander mit Hallo und vielen Berührungen. „Na, wie geht es dir denn?“, fragte sie ganz unverfangen. „Habe viel geträumt“, gestand er ihr.
„Da musst du mir nachher von erzählen. Gehen wir später wieder in den Wald? Aber erst wollen wir noch ein wenig relaxen.“ Das gefiel ihm, und er lud sie nach dem Bad zu einem Eiskaffee mit Sahne ein. „Sag mal, was machst du eigentlich, bist du noch beruflich tätig?“ wollte sie wissen, als sie ihm in ihrem noch nassen Dress gegenüber saß.
„Nicht nur einen Beruf habe ich ausgeübt, nein, bestimmt zehn verschiedene, und jetzt mit den Computern kann man ja zu Hause so viel machen, - dauernd kommt noch neues dazu. Das alles zu erzählen würde Jahre brauchen. Vielleicht habe ich immer neue Interessengebiete genauso wie immer neue Partnerinnen gebraucht. Die Welt ist so groß und so unermesslich interessant, und genauso gibt es so unglaublich viele schöne Frauen auf der Welt. Manchmal denke ich, dass das miteinander zu tun hat. Viele werfen mir vor, dass ich mich verzettele und nicht fähig bin, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Genau dasselbe habe ich ja auch mit den Frauen gemacht. Die meisten wollten nur Sicherheit. Damit versuchten sie immer wieder, mir meine Freiheit zu beschneiden.“
Sie fuhr ihm ins Wort: „Genau das machen auch die Jungs regelmäßig, die ich so kennen lerne. Sie wollen mich besitzen, und dann soll ich das nicht mehr und jenes nicht mehr und überhaupt brav und artig werden und bei ihnen alles mitmachen und… Darum bin ich auch gern mit dir, weil du das in deinem Alter nicht mehr tust.“
„Nur darum?“ fragte er fast ängstlich.
Sie guckte ihm tief in die Augen: „Glaubst du das wirklich?“ Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Vor allem möchte ich wissen, was du alles erlebt hast, als du noch klein warst.“
„Das erzähle ich dir nachher im Wald“, flüsterte er nachdenklich, „ gehen wir los?“ Sie nickte, und nach dem bezahlen nahmen sie ihre Sachen unter den Arm. Beide hatten sie eine Decke und warme Kleidung mitgebracht. Zum Schluss nahm er noch einen kräftigen Schluck Mineralwasser und steckte sich eine Tablette in den Mund: „Na, du weißt ja.“
Auf dem Wege zu der Lichtung redeten sie nicht viel miteinander. Beide schienen voller Gefühle und hatten keine Scheu, sie zu zeigen, sich zu umarmen, zu küssen. Und doch gab es eine veränderte Stimmung. Er zögerte: „Weißt du, was ich möchte? Ich möchte, dass wir uns schon ganz bereit machen, aber es noch nicht gleich tun. Ich möchte dir zuerst noch von dem erzählen, was du mich vorhin gefragt hast, - wie es war, als ich ein kleines Kind war. Magst du das auch?“
Sie legte zum Einverständnis ihren Kopf an ihn, breitete ihre Decke aus und entkleidete sich: „Möchtest du mich splitternackt oder bist du auch heute ein kleiner Fetischist?“
Grinsend zögerte er wieder: „Du stellst mir schwierige Fragen.“ Da lachte sie laut los und kicherte: „Nein, jetzt reden wir ohne alle Barrieren miteinander.“ Und als sie beide wie Adam und Eva umarmt beieinander lagen, kam dieselbe Frage: „Wie war das, als du ein Kind warst?“
Er legt seinen Kopf zwischen ihre Brüste und wollte nicht reden. Wieder fing er an, an ihren Brüsten zu saugen, wie ein kleines Kind. Sie mochte das.
Nach einer Weile brummelte er ganz leise mit einem leichten Zittern in seinem Körper: „ Damals war Krieg.“
Und dann schwieg er wieder, bis sie mit ihrem Finger seinen Mund öffnete. Er verstand die Aufforderung zum reden, aber nahm wieder eine Brust in seinen Mund und versuchte ihr alle Liebe zu geben, zu der er fähig war, und dann die andere. Sie ließ ihn gewähren und streichelte seinen Rücken.
„Wir haben nie davon geredet. Nicht mit den Eltern und nicht in der Schule und auch später mit all meinen Partnerinnen kaum einmal. Du bist die erste, die sich dafür interessiert. Vielleicht darum, weil du aus dem Westen bist und ich aus dem Osten, aus Russland. Das ist so schön, dass wir uns heute lieben können und nicht mehr aufeinander schießen. Ich wäre dreimal beinahe umgekommen. Einmal fiel eine Bombe auf unser Nachbarhaus, als wir zusammen gekauert im Keller saßen. Ich war damals sieben Jahre alt. Das krachte unglaublich und ich dachte, unser Haus stürzt jetzt zusammen. <War das bei uns? > fragte ich da zitternd. Doch wir lagen nur unter einer Staubschicht und ein älterer Mann, der über uns wohnte, bemerkte ganz trocken: <Nein, das würde anders klingen.>“
Julia merkte, wie Igor jetzt wirklich am ganzen Leibe zitterte, und hielt ihn fest in ihren Armen. Er drang tief in sie ein, bewegte sich dann aber nicht mehr. „Und einmal haben sie auf dem Schulweg aus dem Flugzeug auf mich geschossen, - tack tack tack tack, aber nicht getroffen.“ Sein Körper schien die Tack-Tack-Bewegungen mitzumachen, und jetzt fing auch Julia an zu zittern. „Und einmal haben die Soldaten vor meinen Augen aufeinander geschossen. Die Russen kamen alle um, weil die Deutschen mehr Munition hatten. Das war schrecklich!“
Igor stieß ein paar mal tief in Julia hinein und entlud sich Schuss für Schuss. Beiden kamen die Tränen, es schüttelte sie und sie weinten wie die kleinen Kinder, sich aufbäumend und wieder gemeinsam zusammensinkend, sich umklammernd und ineinander vergrabend, und nur langsam hörte das Zittern auf. Wie im Halbschlaf, aber nicht schlafend, lagen sie lange Zeit still beisammen.
Inzwischen war es Nacht geworden. „Komm, wir gehen zu dem Wasserfall“, flüsterte Julia, „ich finde den Weg auch im Dunkeln. Kannst du mich sehen? Soll ich mir was anziehen?“
„Ja, hast du dasselbe wie das letzte mal dabei?“ fragte er.
Ohne zu antworten, öffnete sie ihre kleine Tasche und zog wieder das Trägerhemdchen und den Minirock an: „Aber mehr brauche ich jetzt ja nicht.“ Wie zur Antwort ließ er seine Hose offen und sie marschierten los.
Die letzten Meter zum Wasserfall liefen sie und konnten es gar nicht abwarten, zusammen unter das strömende Wasser zu kommen. „Ist das nicht ein tolles Gefühl, so bekleidet das Wasser über sich laufen zu lassen und sich in die Arme zu nehmen und… “ und beide streichelten sich dort, wo es sie am allermeisten erregte. „Ich möchte, dass du jetzt in mich eindringst und dich dann aber nicht mehr bewegst, damit zwischen uns Frieden ist, - den stärksten möglichen Kontakt, aber kein schießen!“
Sie breiten eine Wolldecke aus und legten sich, nass wie sie waren und ohne ihre spärliche Kleidung abzulegen, unter die andere Decke: „Die Kämpfer müssen ihre Uniform im Frieden nicht ablegen“, lachte sie laut los und genoss es zu spüren, wie sie sich vereinigten. Igor spürte gleich darauf eine tiefe innere Ruhe und nicht die geringste Neigung mehr zu schießen.
„Weißt du, wer mir Leid tut?“ fügte sie ganz leise hinzu, „das sind die Moslem-Mädchen. Wir hatten eines bei uns in der Schulklasse. Die werden so etwas nie erleben. Sie dürfen das nicht. Ist das nicht traurig?“
„Jetzt verstehst du auch, warum ich so gerne mit sehr jungen Frauen zusammen bin: weil ich das in meiner Jugend überhaupt nicht gehabt habe. Aber erst mir dir, wo der Altersunterschied ganz extrem ist, sind diese Erlebnisse wieder an die Oberfläche gekommen, wie eine innere Befreiung.“
Als Igor am nächsten Morgen aufwachte, war Julia verschwunden. Er traf sie erst nach vielen Wochen in der Stadt wieder: „Hi Igor, weißt du, dass ich auf der Schauspielschule angenommen worden bin? Super! Ein wenig verdanke ich das vielleicht auch dir!“
Hinter ihr stand ein gut aussehender, leicht orientalisch aussehender Mann, einige Jahre älter als sie: „Darf ich dir Romeo vorstellen? Er ist aus Azerbeidschan, ein Moslem. Wir haben uns bei der Bewerbung für die Schauspielschule kennen gelernt. Große Liebe! Unsere Familien haben sich gleich heftig bekriegt, wie bei Shakespeare.“ Lachend fügte sie hinzu: „Aber wir haben ja beide schon viel Erfahrung. Es ist uns schnell gelungen, den Streit beizulegen. Aber nur unseren eigenen. Hoffentlich kommen wir beide nicht ums Leben, wie in dem Theaterstück.“
Igor kam in den Sinn, sich vorzustellen, was mit Julia jetzt los sein könnte. Wie wohl ihr tägliches Leben aussah? Er hatte keine Ahnung.
Gestern hatte sie mit Romeo gefeiert. Hundert Tage glückliches Zusammenleben. Sie hatten auf dem Balkon gegrillt, obwohl es draußen schon empfindlich kalt wurde,- zwei dicke Steaks von mariniertem Halsgrat, nicht so teuer, aber trotzdem echt schmackhaft. Romeo schien absolut zufrieden zu sein. „Weißt du, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich innere Ruhe gefunden, die große innere Ruhe. Das ist unglaublich schön und mehr möchte ich nicht. Die große Liebe!“ flüsterte er.
Als sie ins Bett gingen, zog er sich ein warmes Hemd an: „Weil jetzt die große Kälte kommt. Sonst erkälte ich mich so leicht.“ Julia mochte gerne, wenn er sich zufrieden fühlte und kuschelte sich an ihn. Er hielt sie fest in seinen Armen, streichelte sie, ohne sie erregen zu wollen, fühlte sich einfach glücklich.
Als am Morgen der Wecker klingelte, war Julia schon wach. Romeo hatte immer noch seinen Arm um sie gelegt. Sein nur langsam erwachendes Gesicht strahlte eine große Ruhe aus. In seinem Hemd schaute er wie ein Heiliger aus. In der Dämmerung rieb er sich ein wenig seine Augen. Sie hob seinen Arm hoch, richtete sich etwas auf und blinzelte auf ihre neckische Art. Er schaute sie ganz ruhig an, als wollte er fragen, was er für sie tun könne.
Sie schüttelte sich etwas, sprang dann auf und lief unter die Dusche. Während sie den Hahn aufdrehte, ließ sie das noch kühle Wasser sinnlich über sich laufen. Dann richtete sie den vollen Strahl des immer wärmeren Wassers auf ihren Körper und genoss, wie es sie in Erregung versetzte. Nach einer Weile steckte Romeo seinen Kopf durch die Tür. Sie merkte als erstes, dass er schon bekleidet war. „Du brauchst mal wieder lange“, meinte er fast ernsthaft. „Du weißt doch, dass ich ein Wassermensch bin“, kicherte sie. Kaum hatte er das Bad wieder verlassen, ließ sie sich von der Dusche weiter erregen, bis ein kleiner Orgasmus sie ein wenig durchfuhr und sie sich mit Erleichterung zusammen krümmte.
Als er sich nach dem Frühstück verabschiedete, gefiel es ihm, wie auch sie eine große Ruhe ausstrahlte. Er nahm sie in die Arme, zog sie an sich und küsste sie fast väterlich: „Mach es gut! Pass auf dich auf! Es freut mich so, wie du bist.“
Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, fühlte sich Julia leicht verwirrt. „Das Glück scheint eine komische Sache zu sein“, sagte sie halblaut zu sich selbst und räumte die Flaschen vom gestrigen Abend weg, „ich habe mehr getrunken als er. Fast gar nichts hat er getrunken“, und goss sich den Rest aus der Likörflasche in ein Saftglas.
„Romeo sieht in mir den reinen Engel, der ich überhaupt nicht bin“, dachte sie, leise mit sich selbst sprechend, und musste fast über sich selber lachen, dass sie statt zu frühstücken, den Aperitif austrank. Fast mechanisch schaffte sie Ordnung in der Wohnung, hatte aber eine geheime Freude daran, manche Dinge dort stehen zu lassen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören,- einfach weil es gut aussieht. So blieb der mit Wachs voll gelaufene Kerzenleuchter auf dem Küchentisch, und den alten Strohhut legte sie auf das Bücherregal. Erst dann schaute sie auf die Uhr und stellte entsetzt fest, dass sie schon längst auf dem Weg in die Schauspielschule sein musste.
Der Tag verlief für sie dort abwechslungsreich, aber auch anstrengend. Sie mochte es, wenn ihr unerwartete Komplimente gemacht wurden für eine neue Pose. Umgekehrt hatten die anderen Beteiligten auch Freude an ihrer offenen und lockeren Art. Doch als sie spät abends das Gebäude verließ, gefiel es ihr nicht sehr, dass der Bus ihr gerade vor der Nase davon fuhr. Sie war hundemüde. Puuh!
Da sah sie auf der anderen Straßenseite etwas weiter unten beim nächsten Häuserblock ein Taxi, aus dem gerade ein Fahrgast ausstieg. Sie lief hin und erreichte es gerade noch, bevor es wieder anfuhr. „Du bist doch Igor, meine Sommerbekanntschaft vom See. Grüß dich! Na, du bist mal wieder so lustig drauf, als ob du gerade in einer italienischen Bar einen Latte Macchiato getrunken hast.“
„Nicht in einer Bar, sondern selbst gemacht soeben zu Hause“, lachte er, als sie sich neben ihn setzte.
„Fährst du mich nach Hause? Ja? Gut. Ich habe heute so lange zu tun gehabt. Aber dass du Taxi fährst, habe ich überhaupt nicht gewusst“, und als er los fuhr, platzte sie unvermittelt heraus: „ Du, ich habe eine große Liebe gefunden. Romeo heißt er, und er ist ein Moslem. Habe nie gewusst, was das für eine tiefe Kultur ist. Das interessiert mich so sehr. Er ist ein ganz reiner Mensch und hat viele verschiedene Interessen,- Kunstgeschichte, Sprachen, auch mit dem Computer. Er hilft mir viel.“
Igor schaute sie mit fragenden Augen an und musterte ihr schönes südländisches Profil: „Ganz schön schlau schaust du aus. Übrigens eigentlich bin ich überhaupt kein Taxifahrer. Habe Filme gemacht, meist Dokumentarfilme. Doch sag mal, woher stammst du eigentlich? Das weiß ich auch gar nicht. Sehr deutsch schaust du doch nicht aus.“
„Mein Vater ist Italiener und meine Mutter Spanierin. Doch ich lebe eigentlich schon immer hier. Aber so ganz wie eine Deutsche fühle ich mich trotzdem nicht“, und unvermittelt wechselte sie dann das Thema: „Hast du eigentlich Kinder?“
„Drei Kinder und fünf Enkel“, schoss die spontane, unüberhörbar stolze Antwort aus ihm heraus. Es war zu merken, dass ihm gleich darauf Zweifel kamen, ob soviel Offenheit richtig am Platze war. Sie wollte gleich mehr wissen,- wie alt sie sind und so fort, doch er gab sich schweigsam. „Lebst du jetzt allein? Und hast du eine Partnerin?“
„Ja, jetzt habe ich wieder meine volle Freiheit, - und nicht nur eine Freundin. Da will ich dir keinen blauen Dunst vormachen. Bin halt ein richtiger Single.“
Ihr schien das zu gefallen. „Wo wohnst du denn?“ fragte sie, als sie vor ihrem Haus ankamen.
„Dort im Nachbarviertel bei der U-Bahn-Station, in dem Haus mit dem Supermarkt. An der Seite vom Haus sind dort Balkons, und derjenige mit der größten Satellitenantenne und den schönsten Blumen ist meiner. Jetzt weißt du es ganz genau. Aber sag, ich habe deine Handy-Nummer nicht mehr. Gibst du sie mir?“ Sie tat das gerne und verabschiedete sich schneller, als ihm lieb war.
Als er in die Stadt zurück fuhr, standen an den U-Bahn-Stationen ganze Menschentrauben, die auf eine Transportmöglichkeit warteten. In seinen Wagen stiegen drei durcheinander redende Frauen, die sich allem Anschein nach überhaupt nicht kannten. „Können Sie uns alle nacheinander nach Hause fahren? Die U-Bahn ist wieder ausgefallen. Da hat sich mal wieder jemand vor den Zug geworfen. Müssen die sich immer so umbringen?“ Igors Gedanken waren noch ganz bei der unerwartet wieder getroffenen Julia. „Müssen andere Menschen einem immer jemanden wegnehmen, den man sehr gerne mag“, fragte er sich, wurde dann aber von den aktuellen Geschehnissen eingeholt, die die drei Frauen mit fast sich überschlagender Stimme berichteten. Die Stimmung schlug schnell um und wich einer allgemeinen Bedrücktheit: „Ist das nicht schrecklich? Was kann man da nur machen?“
„Warum hat die Julia so schnell ihre Freiheit vergeben und sich von einem Moslem einfangen lassen?“ ging ihm durch den Kopf, „ja, die Liebe! Ist die mehr wert als die Freiheit?“
