Askendum - Deon R. Murczak - E-Book

Askendum E-Book

Deon R. Murczak

0,0
5,90 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

ASKENDUM: Die große Weltraumoper in vier Akten. Die nahe Zukunft. Während um Terra eine Schlacht tobt, wird inmitten des verwüsteten Planetensystems von Tau Ceti ein uraltes und mächtiges Artefakt gefunden. Vier Kristalle sind zu seiner Aktivierung nötig. Zwei Terraner, eine Xoheanerin und eine Malmanesin beschließen, sich gemeinsam auf die Suche zu machen, und werden auf ihrer abenteuerlichen Odyssee über die Welten des Stellaren Konglomerats mit immer neuen Fragen konfrontiert. Die Zaraten, kriegerische Echsenmenschen, sowie das Artefakt und die Kristalle scheinen nur ein Teil des Rätsels zu sein. Fast ist es zu spät, als die Völker der Milchstraße begreifen, dass sie in einen unfassbaren Konflikt höherer kosmischer Mächte hineingezogen werden … Exotische Völker und Welten, actiongeladene Raumschlachten, Verrat und Intrigen, innige Romanzen, bärbeißige Raumpiraten, niedliche kelatanische Prachthörnchen, schamanische Rituale, planetengroße Lebensformen - ASKENDUM bietet all das und viel mehr. Eine epische Erzählung in einem Universum für sich.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 595

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Deon R. Murczak, Jahrgang 1978, lebt und schreibt in Bochum. Er hat viele Jahre lang mit Behinderten und psychisch Kranken gearbeitet und kann auf einen sehr unkonventionellen Lebenswandel zurückblicken.

Als gewiefter und hoch motivierter Autodidakt hat er sich kreatives Schreiben, Übersetzen, professionelle Recherche, mehrere Programmiersprachen, die Grundzüge des Webdesigns sowie viele andere Fertigkeiten zum Teil schon im frühen Jugendalter selbst beigebracht.

In seiner Freizeit schreibt er fleißig in der Wikipedia mit und beschäftigt sich ausgiebig mit Buddhismus, Schamanismus und veränderten Bewusstseinszuständen.

Weiterhin liest er leidenschaftlich gerne Mangas und interessiert sich generell für japanische Populärkultur.

ASKENDUM ist sein schreiberisches Erstlingswerk. Es basiert in Teilen auf einem nicht veröffentlichten Manuskript, welches bereits in den 1990er Jahren entstanden ist.

Für Reinhard, meinen viel zu früh verstorbenen Vater, welcher sich stets ein schnelles Auto mit Weltraumzulassung wünschte.

Deon R. Murczak

ASKENDUM

Eine Weltraumoper in vier Akten

www.tredition.de

© 2013–14 Deon R. Murczak

Erstellt mit LibreOffice und Inkscape auf Sabayon Linux.

Umschlaggestaltung, Illustration: David Schmelling

Lektorat, Korrektorat: Deon R. Murczak

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7961-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Erster Akt: Saphir

Der Urvater

Zwischenspiel auf Nakruna

Bei den Esrid von Khaud

Sorrek

Eine größere Wirklichkeit

Im Herzen Astas

Die letzten Chriika

Zweiter Akt: Smaragd

Neue Welten

Verrat in der Sabanekya

Der Ruf der Heilerin

In den Händen der Zaraten

Wiedersehen auf Malman

Gelmyatanii

Kristallschlacht

Dritter Akt: Rubin

Ein alter Freund

Gastlichkeit unter Pilzen

Im Tollhaus der Azrani

Reichtum und Wohlstand

Die große Offensive

Am Ende der Welt

Gefangen im Geiste

Vierter Akt: Diamant

Dämmerlicht

Metropole des Wassers

Herzensfragen

Die Feuerprobe

Ein Gehirn namens Prometheus

Askendum

Vermächtnis der Älteren

Die Ursprünge des Artefakts der Älteren verlieren sich im Dunkel des zweiten Jahrhunderts der Universalzeitrechnung. Fest steht einzig, dass es von Malmanesen aus dem Trümmerfeld um den damals als Tau Ceti bezeichneten Stern geborgen wurde, während die alliierte Flotte zur Verteidigung Terras schritt. Es gilt zudem als gesichert, dass Antra an dieser Schlacht teilnahm und durch den von ihr hergestellten Erstkontakt einen Großteil der darauf folgenden Ereignisse bedingte.

Ein ganzes Zeitalter nahm in der Folge seinen Anfang.

– Chronik des frühen Äons, Band I

Der Urvater

Die YORNAN hing zwei Kilometer lang über dem Planeten, von dem die Xoheaner seit einigen Augenblicken wussten, dass er bewohnt war. Antra Zyrom und Mari Sokynz rasten in ihren INSA-Jägern an der Flanke des Zerstörers entlang, zwei wendige Maschinen des unbekannten Feindes vor sich in der Zielerfassung.

Direkt nach dem Eintreffen der Xoheaner war unverzüglich das Inferno losgebrochen. Während die Großschiffe der Gegenseite sich nach wie vor zurückhielten, setzten die offenbar ziemlich widerstandsfähigen Jagdmaschinen der Eskorte der xoheanischen Zerstörer und Fregatten zu. Noch zeichnete sich jedoch kein eindeutiger Vorteil für eine Seite ab.

Mari rief Antra, welche auch sofort eine visuelle Verbindung herstellte.

»Beeilen wir uns ein wenig – wer weiß, wie lange die Astaner noch auf sich warten lassen«, meinte er.

»Na gut, auf deinen Plan bin ich gespannt«, erwiderte Antra. »Falls du überhaupt einen hast.«

Immerhin hat er auf der Akademie in Xohania bewiesen, dass er mehr als ein Blender ist; ich werde ihm vertrauen, dachte sie.

»Lass dich überraschen, Kameradin. Du wirst nicht enttäuscht sein!«, protzte Mari und scherte mit dem Jäger aus. Für einige Momente war er aus der frontalen Nahbereichsortung verschwunden, dann sah sich Antra um und bemerkte durch die Cockpitkanzel, dass Mari soeben die Nachbrenner zündete, waghalsig an Antras Jäger vorbeizog, rollte und sich zwischen die beiden in enger Formation fliegenden Feindmaschinen setzte. Das unerwartete Manöver ließ sie auseinanderstieben, wodurch eine der Maschinen nahe an die Hüllenstrukturen der YORNAN geriet. Der Pilot begann infolgedessen unsicherer und unvorhersagbar zu manövrieren. Antra belegte ihn, jetzt unerbittlich an seinem Heck klebend, sofort mit Zwillingsfeuer aus der Bugkanone und brachte ihn binnen Sekunden zum Absturz. Während die Maschine zwischen den Aufbauten der YORNAN zerschellte, öffnete Mari eine Verbindung.

»Gratulation zu deinem ersten Abschuss unter Feldbedingungen!«

»Dank deiner unkonventionellen Hilfe«, erwiderte sie. »Ich werde die löblichen Details in meinem Bericht erwähnen.«

»Achtung!« warnte Mari.

Der zweite Jäger war eine Schleife geflogen, näherte sich nun von hinten und begann auf Antras Jäger zu feuern. Antra kippte zur Seite weg und Mari ließ sich zurückfallen, um Antra zu decken, jedoch einen Moment zu spät. Der feindliche Jäger gab einen gebündelten, lang gepulsten Energiestrahl ab, der Antras geschwächtes Schirmfeld durchdrang und sich in den rechten Flügel fraß.

Ab jetzt könnte die Situation in ein Problem ausarten, ging es ihr bange durch den Kopf, als der Schadensalarm ertönte. Die Steuerung des Jägers reagierte übergangslos nur noch einseitig und Antra befürchtete für einen Moment, ebenfalls auf die YORNAN zu prallen. Sie musterte die Statusanzeigen im Hauptdisplay des Cockpits und rief Mari.

»Ich habe einen Druckabfall im Steuerbord-Hydraulikkreislauf. Es ist mir nicht mehr möglich, den Jäger im Hangar zu landen, deshalb werde ich auf dem Planeten niedergehen müssen. Wünsch’ mir Glück und versuch’ schnellstens Hilfe zu organisieren!«

»Das werde ich tun, Antra, pass’ auf dich auf.«

Es ist nichts über diese Welt bekannt; wer weiß, was mich dort erwartet, dachte Antra, während der Jäger in das Schwerkraftfeld des Planeten geriet und in einen trudelnden Sinkflug überging.

*

»Schäden?« fragte Olmar Aryn, dem eine etwas stärkere abrupte Erschütterung des Schiffs aufgefallen war.

»Keine nennenswerten«, entgegnete der diensthabende Ingenieur. »Offenbar ist irgend etwas auf die seitliche Panzerung geprallt, ohne Schiffssysteme zu treffen.«

Aryn atmete tief durch und ging zum taktischen Display hinüber, wo er den beiden Offizieren über die Schulter sah. Die Großkampfschiffe des Gegners harrten immer noch bewegungslos in einiger Entfernung, während die Kräfte der Xoheaner durch leichtere Einheiten großteils gebunden waren. Die Situation war jedoch keinesfalls pessimistisch einzuschätzen, denn Verstärkung würde bald bereitstehen.

»Zento, einer unserer Jäger bewegt sich unkontrolliert auf den Planeten zu«, vermeldete einer der taktischen Offiziere.

»Wer fliegt ihn?«, wollte Aryn wissen.

»Unsere Navigatorin Antra Zyrom, derzeit auf Kampfeinsatz.«

Aryn runzelte die Stirn. Das passte ihm gar nicht.

»Zento, wir werden gerufen!«, kam es unvermittelt vom Funker.

»Kontakt herstellen.«

Auf der frontalen Holowand überlagerte daraufhin ein Kommunikationsfenster teilweise das wüste Schlachtengetümmel. Dieses zeigte Mari Sokynz im Cockpit seines INSA-Jägers.

»Zento, Antra Zyrom wurde von einer feindlichen Maschine angeschossen und wird auf dem Planeten notlanden. Können wir zeitnahe Unterstützung von der YORNAN erwarten?«

»Durchaus. Registrieren Sie die Landestelle und eskortieren Sie dann den von uns gestarteten Schlepper.«

»Vielen Dank, Zento, auf Sie ist Verlass.«

»YORNAN Ende.«

Das Kommunikationsfenster verschwand, und Aryn hatte wieder uneingeschränkte Sicht auf den Teil der Schlacht, der sich vor der YORNAN abspielte. Der Zento begann gedankenverloren die Brücke auf- und abzugehen. Letztlich war und blieb die Situation klar. Es galt, den Gegner zu beschäftigen, bis die alliierten Kräfte eintrafen.

»Rufen Sie das Flaggschiff der Gegenseite«, forderte er schließlich spontan vom Funker. Dieser ließ ein überraschtes Schnaufen vernehmen, identifizierte sodann das Schiff mittels einiger Eingaben auf seinen Kontrollen und sandte den Ruf aus.

»Sie stellen Kontakt her!«, rief er nach wenigen Sekunden.

Nun war es an Aryn, überrascht zu sein.

»Nur Ton, es scheint Kompatibilitätsprobleme beim Protokoll zu geben«, setzte der Funker hinzu.

Aryn straffte sich. »Hier spricht Olmar Aryn, Kommandant des xoheanischen Zerstörers YORNAN und Oberbefehlshaber der hier operierenden Flotte. Wir fordern Sie auf, jedwede Aggression gegen diese Welt und Einheiten Xohes sowie des Stellaren Konglomerats einzustellen und bieten an, gemeinsam eine alternative Lösung zu finden.«

Sekunden der Stille. Schließlich erwiderte eine sehr tiefe und unangenehm röhrende Stimme: »Wie rührend. Doch bald wird niemand mehr irgendwelche Lösungen benötigen, wenn das titanische Gericht abgehalten worden ist! Wir werden keine Einmischung in unsere Angelegenheiten dulden, Gewürm.«

Die Verbindung wurde geschlossen.

»Die diplomatische Karte scheint hier von sehr begrenztem Wert zu sein«, konstatierte Aryn. »Halten wir sie weiter hin.«

*

Nachdem er weitgehend unsteuerbar und einen Glutschweif hinter sich herziehend durch die äußere Atmosphäre gepflügt war, geriet der Jäger nun allmählich in dichtere Luftschichten. Das bremste den Sturzflug etwas. Antra erkannte, dass sie sich über einem großen Ozean befand und vorderhand ein irregulär geformter Kontinent am Ende einer sehr großen Landmasse auftauchte.

Auch die Fluglage stabilisierte sich zunehmend, da der Jäger ohnehin atmosphärentauglich ausgelegt war. Antra fragte erneut den Status der Bordsysteme ab und fand bis auf die lecke Hydraulik, deren Hauptzweck das Schwenken der rechtsseitigen Steuerdüsen war, kein weiteres Versagen. Dann fiel ihr ein, dass die Auftriebshilfen an den Flügelkanten motorgetrieben waren. Sie konnte versuchen, diese für leichte Kurs- und Höhenkorrekturen zu verwenden.

Nun ja, besser als nichts, dachte sie.

Einem Pfeil gleich stürzte der INSA-Jäger auf das Zentrum des Kontinents zu, geradewegs einem langgestreckten Hochgebirge entgegen.

Was für eine miserable Landebahn. Ihr Gesicht verdüsterte sich.

*

Robin parkte den Geländewagen direkt an der Felswand neben der Straße.

»Ist es so genehm, Alex?«

Robins Beifahrer seufzte und begann in seinem Rucksack zu kramen. »Wir sparen uns damit fast einen Kilometer Fußweg.«

»Wir sind doch sowieso zum Wandern hier, du Scherzkeks.«

Alex hatte seine Handschuhe gefunden und streifte sie über. »Also, ehrlich gesagt finde ich diese freitäglichen Veranstaltungen zunehmend öde. Suchen wir uns doch zum Beispiel mal ein paar Freunde.«

Robin blickte genervt zu seinem Cousin hinüber. »Hier, in diesem Rentnerkaff? Das habe ich mir übrigens nicht ausgesucht. Ich bin Rudolf und dir zuliebe in die Schweiz gezogen.«

»Ich dachte, wegen deiner handgreiflichen Mutter.«

»Ach, Mensch. Ich wäre ja durchaus gerne im Ruhrgebiet geblieben. Unter anderen Umständen.«

»Das ändert nichts daran, dass es hier völlig öde ist.«

»Du nervst wieder. Lass’ uns losgehen.« Robin öffnete die Tür.

»Vielleicht treffen wir auf dem Weg ein paar Leute«, sagte Alex.

Robin lachte. »Vielleicht. Wenn sie von Himmel fallen.«

Im nächsten Augenblick röhrte etwas über die Felswand hinweg und prallte mit enormer Geschwindigkeit auf das baumbestandene Plateau jenseits der Straße. Eine gewaltige Kaskade aus Schnee stob auf.

*

Sie hatte den letzten Bergkamm noch eben im Gleitflug geschafft; dahinter erschien eine Ebene. Sofort stellte Antra die noch funktionsfähigen Steuerdüsen auf vollen Gegenschub und aktivierte den Prallschirm.

Dennoch war der Aufschlag gewaltig, währenddessen sich dem Schiffsrumpf ein scheußliches Ächzen entrang. Der Jäger glitt und hüpfte unsanft innerhalb einer weißen Wolke voran und wurde nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich recht abrupt gestoppt.

Als sich nach wenigen Augenblicken der aufgewirbelte Schnee gelichtet hatte, erkannte Antra, dass sie sich in einer reichlich verwüsteten Baumgruppe befand. Und dass ihr zudem jeder einzelne Rückenwirbel wehtat.

Sie griff sich einen Universalscanner und ließ die Kanzel auffahren. Die Luft war schrecklich kalt. Glücklicherweise bestand ihre Montur aus Thermomaterial. Antra aktivierte das Notrufsignal des Jägers, reckte sich ein wenig und stieg aus. Mit einem eleganten Sprung landete sie auf dem Boden dieser Welt.

Als Nächstes bemerkte sie zwei Humanoide, die sich zu Fuß näherten. Sie erschrak und griff zum Gürtel, wo sich normalerweise ein Blaster befand. Auf diesem Einsatz war sie jedoch unbewaffnet.

Zudem war dies eine Erstkontaktsituation. Sie nahm daher, nachdem sie sich über ihre Kurzschlussreaktion geärgert hatte, eine entspannte Körperhaltung an und wandte die Handflächen nach außen.

Dann sagte sie: »Ich werde euch nichts tun. Mein Name ist Antra.«

Die beiden Fremden wirkten zunächst etwas ratlos. Außerdem war Antra durch den Umstand verunsichert, dass sie fast wie Xoheaner aussahen.

Der, der braune Haare hatte und vorsichtiger und überlegter als sein Begleiter wirkte, zeigte schließlich auf sich und sagte: »Robin.«

Der andere, der helle Haare hatte, so hell wie sie bei einem Xoheaner niemals sein konnten, stellte sich als »Alex« vor.

Daraufhin aktivierte Antra das Übersetzermodul des Scanners, da es zum vorgeschriebenen Protokoll eines Interspezies-Erstkontakts gehörte.

*

Von Minute zu Minute wurde Robin die Situation unangenehmer. Die Fremde, die hier abgestürzt war und sich in einer unbekannten Sprache als Antra vorgestellt hatte, warf, immer nachdem Robin etwas gesagt hatte, einen Blick auf das Gerät, das sie in der Hand hielt, und runzelte dabei gelegentlich die Stirn.

»Also wenn ich dir irgendwie helfen kann …«, meinte er. »Mit Technik kenne ich mich ganz gut aus, und ich kann dich auch in den nächsten Ort fahren, falls du irgendetwas brauchst.«

»Nicht nötig, Hilfe ist vermutlich schon unterwegs«, erwiderte Antra. Sie sprach plötzlich Deutsch! Und es hatte sicher etwas mit dem Gerät zu tun, mit dem sie die ganze Zeit hantierte.

»Schön, dann können wir ja wieder los«, meinte Robin. »Viel Spaß noch!«

»Unterhalte dich noch ein bisschen mit mir, Robin«, verlangte sie. »Warum denn so überstürzt?«

Robin unterhielt sich generell ungern mit Frauen, besonders wenn sie schlank und dunkelhaarig waren.

Jetzt richtete Antra ihr Gerät auf verschiedene Teile des Fluggefährts und runzelte nach einigen Sekunden abermals die Stirn. »Den Hüllenschaden kann ich mit Bordmitteln nicht reparieren. Na ja, Mari hat mich abstürzen sehen und schickt bestimmt jemanden vorbei.«

»Von wo bist du gekommen?«, wollte Alex wissen.

Antra deutete wortlos nach oben. Und erntete verständlicherweise ärgerliche Gesichter.

»Geht das etwas präziser?«, fragte Robin.

Antra schien zunehmend innerlich unter Druck zu stehen. Dann sah sie nach oben und schien etwas auszumachen.

»Ich werde es euch einfach zeigen, wie wäre das?«, bot sie an. »In einer Minute ist ein Schlepper vom Mutterschiff hier.«

Robin und Alex sahen ebenfalls nach oben und erkannten einen plumpen sich nähernden Rumpf inmitten gleißendgelber Triebwerksstrahlen.

»Angebot angenommen«, meinte Robin.

»Einstimmig«, setzte Alex hinzu.

*

Weniger als eine Viertelstunde danach hatte der Schlepper, den beschädigten Jäger unter sich in der Klammer und von Mari eskortiert, fast die Grenze zum Weltraum erreicht. Robin und Alex standen mit Antra beim Piloten im Cockpit und kamen aus dem Staunen nicht heraus.

Als das Atmosphärenblau vollends erblasst war und die ersten Sterne erschienen, wurde eine langgestreckte Form sichtbar, dann mehrere andere sie umlagernde Strukturen, schließlich abrupt aufflammende und wieder vergehende Leuchterscheinungen.

»Es gibt ein Problem«, meinte Antra. »Diese Welt ist in Gefahr.«

Beim weiteren Vorstoßen in den Weltraum wurde schließlich ersichtlich, dass die größeren Objekte von zahllosen kleineren mittels energetischer Entladungen angegriffen wurden. Es tobte eine Schlacht um Robins und Alex’ Heimatwelt.

Und das langgestreckte Objekt in der Mitte, auf das der Schlepper zuhielt, entpuppte sich als berggroßer metallener Koloss. Je näher der Schlepper kam, desto mehr Strukturen wurden auf seiner Oberfläche sichtbar. Das Ding musste wirklich riesig sein.

»Das ist die YORNAN, das Schiff, auf dem ich momentan Dienst tue«, ließ Antra verlauten.

»Übrigens, welcher Nationalität bist du?«, fragte Robin reichlich entgeistert.

»Ich bin Xoheanerin. Und die YORNAN ist das Flaggschiff der xoheanischen Kriegsflotte. Wie heißt eure Welt?«

Alex überlegte kurz, da er einen sprachneutralen Begriff suchte. »In einer unseren alten Gelehrtensprachen heißt sie Terra«, informierte er schließlich.

»Gut, Terra also«, meinte Antra.

Robin sah zu Antra, die just die Augen zusammenkniff und mal wieder von einem Bein aufs andere trat. »Bist du nervös?«

»Natürlich.« Sie sah wegen der Frage genervt aus, aber schien krampfhaft bemüht, die Fassade beizubehalten. »Ich werde dies alles vor dem Kommandanten der YORNAN verantworten müssen.«

»Du hättest uns auch einfach auf Terra lassen können.«

»Wollte ich aber nicht.«

Sowohl Robin als auch Alex begriffen in diesem Moment, dass Antra eine junge Frau auf der Suche nach Nervenkitzel war. Ihre Fassade war wirklich nicht besonders gut.

»Wie alt bist du eigentlich, Antra?«, fragte Alex. Robin biss sich fast in die Zunge.

Antra drehte sich errötend zu den beiden um. »Erst der offizielle Teil. Wir sind schon fast da.«

Alex drehte sich schnell weg, weil er grinsen musste. Robin hielt jedoch Antras Blick stand. »Ich möchte mich für Alex entschuldigen, er kann nichts dafür.«

Sie entspannte sich wieder und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande. Dann wandte sie sich wieder der so genannten Holowand zu, einer Art virtuellem Fenster in der Cockpitfront.

Der Pilot begann über Funk zu kommunizieren und erhielt Andockerlaubnis. Mari drehte anschließend mit seinem Jäger ab, um in einem der Hangars der YORNAN zu landen, während der Schlepper meterweise an eine Schleuse heranmanövrierte und schließlich mit einem dumpfen Krachen andockte.

»So, Endstation«, konstatierte der Pilot.

*

Innen hatte das xoheanische Flaggschiff bislang eher unspektakulär ausgesehen. Gänge mit sechseckigem Querschnitt, Türen, die sich wie eine Iris öffneten und schlossen, pfeilschnelle Aufzüge …

Doch nun betrat Antra mit den beiden Terranern die Brücke der YORNAN. Diese erstreckte sich terrassenartig über drei oder vier Ebenen und war mindestens dreißig Meter lang. Die frontale Holowand zeigte einen Ausschnitt der Schlacht und eine Teilansicht von Terra. Robin wurde ganz schlimm zumute. Seine Heimatwelt war in immenser Gefahr.

»Zento, zwei Bewohner des Planeten wünschen sich persönlich von der Gefährdungslage zu überzeugen«, ließ Antra verlauten.

Ein Mann mittleren Alters, der bisher schweigend das auf der Holowand abgebildete Geschehen betrachtet hatte, wandte sich um, musterte kurz die Gruppe und eilte schließlich herbei. »Ich bin Olmar Aryn, Kommandant dieses Schiffes«, sagte er. »Seien Sie im Namen des Stellaren Konglomerats und der Xoheaner gegrüßt; willkommen an Bord der YORNAN!« Er deutete eine Verbeugung an.

Die beiden Terraner taten es ihm gleich. »Wir sind Robin und Alex Steiner vom Planeten Terra«, ergriff Robin das Wort. »Unsere Welt hat viele Probleme, und um so mehr erschüttert es, dass sie nun auch von einem externen Angreifer bedroht wird. Kann ich fragen, welche Gründe dies hat?«

Aryn war spontan beeindruckt. Dieser junge, vielleicht gerade volljährige Mann verfügte über ein großes Maß an Selbstsicherheit und eine gewisse diplomatische Begabung.

»Dies ist leider nicht in wenigen Sätzen zu erklären …«, begann Aryn, als ihm just der Funker ins Wort fiel. »Das Flaggschiff des Gegners will Kontakt!«

»Gestatten!«, rief Aryn. Er bewegte sich auf die riesige frontale Holowand zu, gefolgt von Robin, Alex und Antra.

»Diesmal Bild- und Tonübertragung möglich!«, setzte der Funker hinzu. »Ich stelle die Verbindung her.«

Auf der Holowand erschien eine grauenerregende Fratze. Die riesige Gestalt war im weitesten Sinne humanoid, jedoch massiv gedrungen und fast so breit wie hoch. Verschlagene mandelförmige Augen, Warzen und große angewachsene Ohren dominierten das dämonische Antlitz.

Im Vordergrund stand eine reptilienhafte Gestalt an einem kleinen Kontrollpult, vielleicht eine Art Adjutant.

Der Dämonenhafte erhob seine grollende Stimme: »Ich bin der Urvater, Anführer der Zaraten und Todesbote der Macht, die euch Gewürm bald knechten wird. Überlasst uns diesen Planeten und das Omnitron, und ihr werdet vorerst leben. Anderenfalls … werden wir die Schlachtschiffe in Bewegung setzen.«

Ausgerechnet Robin fühlte sich nun übergangslos enorm provoziert. Er trat einen Schritt vor.

»Ich bin Robin Steiner, und Terra, meine Heimat, muss die Zaraten nicht fürchten.«

Übergangslos brach der Urvater in Lachen aus. »Wie kannst du dir so sicher sein, Junge? Meine Untergebenen haben wesentlich größere und stolzere Zivilisationen ganz beiläufig zerschmettert! Es ist uns nichts begegnet, das bedrohlicher gewesen wäre als ein bedenkenlos erschlagenes Insekt. Was hätte das primitive Terra uns entgegenzusetzen?«

»Wir haben Nuklearwaffen. Tausende. Damit werden wir eure Schlachtschiffe einfach wegblasen.«

Die riesige Fratze des Urvaters näherte sich der Aufnahmeoptik an, und er ließ ein verächtliches Grunzen ertönen. Robin wusste, dass er sich in diesem Moment einen persönlichen Feind geschaffen hatte.

»Robin, du bist durchaus unterhaltsam. Aber deinen Bluff könnte selbst der dümmste meiner Zaratensoldaten durchschauen.« Der Urvater wandte seinen Blick nun von Robin fort. »Hallo Olmar, mein Freund! Dein kleiner neuer Verbündeter hat sich bei mir und meinem Vorgesetzten gerade verdammt unbeliebt gemacht. Ich empfehle eine vorsorgliche Kapitulation, denn meine Wenigkeit wird nun die Invasion befehlen.«

Abermals starrte er riesengroß in die Optik. »Und das Omnitron könnt ihr nicht vor uns verstecken! Es gehört uns, Abschaum.«

Die Verbindung wurde geschlossen.

»Ich würde sagen, das war taktisch äußerst unklug.« Aryn, dessen Gesichtsausdruck sich beträchtlich verdüstert hatte, sah Robin vorwurfsvoll an. »Wir müssen nun schneller eine Entscheidung in dieser Angelegenheit herbeiführen.«

»Robin, das war einfach doof«, pflichtete Alex Aryn bei und schaute ebenfalls vorwurfsvoll drein.

Einzig Antra lächelte Robin zu. Sie kam ihm unauffällig nahe und flüsterte: »Das war ein toller Auftritt, du hast es ihm richtig gezeigt.«

Doch nun ergriff einer der taktischen Offiziere das Wort: »Die Schlachtschiffe der Zaraten haben sich wie angekündigt Richtung Terra in Bewegung gesetzt.«

»Sie werden einen Belagerungsring um den Planeten bilden«, stellte Aryn fest. »Und ihren Schlachtschiffen haben wir kräftemäßig nichts entgegenzusetzen.«

*

Die etwa sechzig Zaratenschlachtschiffe fanden sich plump und zeitlupenartig zu Dreiergruppen zusammen, während sie sich wie eine Wand näherten und den Gürtel um Terra enger zogen. Indes waren die zwei Dutzend Zerstörer, Fregatten und Kreuzer der Xoheaner nach wie vor mit den angreifenden leichteren Einheiten beschäftigt; hauptsächlich Schwere Jäger und Bomber, Korvetten und einige Leichte Kreuzer. Während deren Schirmfelder im Vergleich zu den xoheanischen primitiv und keiner langen Rede wert waren, verfügten sie allerdings über eine extrem schwer durchdringbare, offenbar auf spezielle Weise verdichtete Hüllenpanzerung. Diese Panzerung schien den Schiffen auch ihr russschwarzes Aussehen zu verleihen.

»Bereit machen für Ausfallmanöver«, ließ Aryn verlauten. »Wir werden die Stellung bis zum letzten Moment halten. Wende um zweihundert Grad!«

Der Navigator legte die neue Ausrichtung an. Wenige Sekunden später begann die YORNAN auf der Stelle zu rotieren.

Es war nicht nur offensichtlich, dass es nicht gelungen war, die zahlreichen leichten Einheiten der Zaraten nennenswert auszudünnen, sondern auch, dass man selbst bei identischer Kampfkraft der Großkampfschiffe beider Seiten drei zu eins unterlegen war.

Robin betrachtete die Vorgänge auf der Holowand und kam zu dem Schluss, dass Aryn aus reinem Sachzwang heraus handelte, wenn er den Ausfall aus der Belagerung befahl. Der Gegner war schlicht übermächtig und hatte auf taktische Details keine Rücksicht zu nehmen.

»Schlachtschiffkontakt in vierzig Sekunden«, meldete einer der taktischen Offiziere.

Einen kurzen Moment später ließ der Funker verlauten: »Gravitationsanomalie direkt voraus!«

Im gerade auf der Holowand sichtbaren Ausschnitt der Umgebung entstand eine langgezogene Leuchterscheinung. Bei näherem Hinsehen setzte sich diese aus vielen blassen verästelten Formen zusammen, welche schrumpften und sich verdichteten, und schließlich in Gestalt jeweils eines Schiffes materiell wurden.

Eine Flotte war von wer weiß woher materialisiert.

»Exzellent, unsere astanische Entsatzarmee ist eingetroffen!«, freute sich Aryn.

Robin stand gerade am taktischen Display herum. »Woher sind sie gekommen?«, fragte er einen der dort tätigen Offiziere. Dieser zeigte auf einen in einer virtuellen kosmischen Umgebungskarte abgebildeten Stern.

»Sie sind von Tau Ceti gekommen!«, proklamierte Robin. »So heißt dieser Stern jedenfalls bei uns.«

»Dann werden wir ihn ebenfalls so nennen«, schlug Aryn vor. Er räusperte sich. »Kampfhandlungen beginnen in wenigen Sekunden! Auch die Astaner machen Feindkontakt!«

Die astanischen Kreuzer schienen den in Dreiergruppen operierenden Schlachtschiffen der Zaraten auf den ersten Blick nicht effektiv zusetzen zu können, zumal die Kreuzer wegen ihrer gedrungenen und ausladenden Konstruktion weder ihrerseits in Formation fliegen noch den Schlachtschiffen auf Vollfeuerdistanz nahe kommen konnten.

Allerdings begannen die Astaner nun ganze Salven von Torpedos abzufeuern, und Sekunden darauf trieb in unmittelbarer Nähe der YORNAN bereits das erste Schlachtschiff schwer beschädigt und manövrierunfähig im Raum. Der xoheanische Zerstörer wurde von der sich ausbreitenden Druckwelle der Explosionen getroffen und bebte einige Male, während Aryn versuchte, das Schiff unter Trommelfeuer aus der direkten Konfrontationszone zu bringen und an einen taktisch günstigeren Ort zu manövrieren.

»Weitere Austritte aus dem Supraraum!«, rief der Funker.

Es materialisierten einige deutlich vergrößerte Versionen astanischer Kreuzer, in ihrer Mitte ein gigantisches, zugespitztes, irregulär geformtes Objekt, das vier- oder fünfmal so groß wie ein xoheanischer Zerstörer war.

Jegliche Unterhaltung auf der Brücke der YORNAN verstummte, und alle blickten auf den eben erschienenen Giganten, der majestätisch einen Kurs ins Getümmel setzte und dabei aus dutzenden Geschütztürmen feuerte.

Schließlich ergriff Aryn das Wort: »Die PAURAH ist das einzige jemals fertiggestellte astanische Panzerschiff. Trotz des Ressourcenreichtums Astas ist es bei diesem einen Exemplar geblieben, denn man hätte für die Konstruktion eines weiteren Panzerschiffs für Jahre auf Kriegswirtschaft umstellen müssen.«

Die YORNAN und der Rest des xoheanischen Großverbands hatten größtenteils und ohne Verluste oder schwere Gefechte den Belagerungsring durchbrochen; außerdem begannen viele Zaratenschlachtschiffe nun hastig auszuscheren und ihre Formation aufzulösen. Es kam Unordnung in den Belagerungsgürtel, und der Grund musste die aus allen Rohren feuernde PAURAH sein.

»Kommandokanal!«, verlangte Aryn.

»Verbindung steht«, erwiderte der Funker einen Moment später.

»Der Feind wurde durch das Auftauchen der PAURAH demoralisiert«, sagte Aryn. »Bevor er seine Taktik modifizieren kann, geben wir ihm mit allem, was wir haben, die Sporen. Volle Breitseiten und Projektilschauer sind ausdrücklich erwünscht. Kommando Ende.«

Während die leichten Einheiten, entweder durch die neue Situation verwirrt oder zu den Mutterschiffen zurückgerufen, komplett voneinander abließen, wandten sich die xoheanischen Großschiffe den flüchtenden Zaratenschlachtschiffen zu. Der Anblick war schauerlich. Salven von Torpedos schlugen in versagende Schirmstaffeln, und gebündeltes Feuer aus Energiewaffen fraß sich in die Hüllen der Schlachtschiffe.

»Diese Schlacht ist so gut wie gewonnen«, meinte Aryn, sich Robin zuwendend. »Aber eins sei klargestellt: Situationen wie diese sind nicht der Normalfall im interstellaren Geschehen des Stellaren Konglomerats. Sowohl Xoheaner als auch Astaner sind absolut friedliebende Völker.«

Hinter ihm auf der Holowand riss es in diesem Moment ein Zaratenschlachtschiff entzwei.

Er sah sich irritiert um. »Im Prinzip jedenfalls«, setzte er hinzu.

*

Eine halbe Stunde später tauchte nahe den schwelenden Überresten der Schlacht eine Delegation zusammengewürfelt und improvisiert aussehender Schiffe auf. Robin erhob sich aus dem Diplomatensitz, der ihm angeboten worden war, und ging zu Antra hinüber, die ihrer Vertretung an den Navigationskontrollen über die Schulter sah. Auch Alex, der Aryn in ein Gespräch verwickelt hatte, kam mit diesem nach vorne zur Holowand.

»Die Malmanesen«, flüsterte Antra zu Robin. »Und offenbar haben sie etwas von Tau Ceti mitgebracht.«

Ein kleiner Frachtkreuzer trug ein tropfenförmiges, organisch anmutendes, vielleicht fünfzig Meter langes Objekt in seiner kielseitigen Schwerlastklammer.

»Eine Audionachricht trifft vom Kreuzer ein«, meldete der Funker.

»Abspielen!«

Eine verwegen klingende Stimme erschallte: »Wir sind im Trümmerfeld fündig geworden. Hier ist das Omnitron. Wie vereinbart, und auch als besonderer Vertrauensbeweis der Malmanesen gegenüber den Astanern, werden wir nun das Rendezvous mit der PAURAH durchführen und das Omnitron an der kielseitigen Frachter-Andockbucht absetzen, so dass es vorübergehend dort installiert werden kann.«

Antra war erblasst. Sie kam Robin noch näher und flüsterte kaum hörbar: »Das Artefakt wird also als derart wertvoll erachtet, dass nur das Innere der PAURAH sicher genug für seine Aufbewahrung erscheint.«

»Warum wird das Omnitron nicht auf einen Planeten gebracht?«, wollte Alex als Nächstes von Aryn wissen.

Dieser meinte dazu: »Die Malmanesen haben mitgedacht und ihre Rivalitäten mit den Astanern für das höhere Ziel beiseite gelassen. Planetare Einrichtungen sind stationär und letztlich prinzipiell verwundbar gegenüber schnellen, konzentrierten Zugriffen von außen. Dieses Problem besteht bei der PAURAH nicht. Es ist sogar so, dass das Innere eines astanischen Panzerschiffs gemeinhin als sicherster möglicher Ort im bekannten Universum angesehen wird.«

»Da siehst du’s«, sagte Antra zu Robin. »Die Astaner hat man besser als Freunde denn als Feinde, und die Malmanesen haben ganz schön Mumm, ihnen bei anderer Gelegenheit ordentlich die Meinung zu sagen. Zum Glück sind wir alle im Stelkon, dem Stellaren Konglomerat, vereint. Nun, jedenfalls ist diese Party jetzt vorbei und ich habe über meine zukünftige Berufslaufbahn zu entscheiden.« Sie wandte sich an Aryn: »Zento, ich beabsichtige meine Funktion als Navigatorin der YORNAN niederzulegen, aus dem aktiven Dienst auszuscheiden und nach Xohe zurückzukehren.«

»Es enttäuscht mich aber ziemlich zu hören, dass Sie nach Ihrem kurzen Intermezzo wieder in die Dienste des xoheanischen Forschungsministeriums zurückzukehren gedenken. Das Militär bietet einfach mehr Karrieremöglichkeiten, Frau Zyrom.«

»Von meinen Eltern wurde mir freigestellt, auf welcher Art Schiff ich diene, das wissen Sie doch. Als Reservistin stehe ich dem Militär jedenfalls weiterhin zur Verfügung.«

»Dann gehaben Sie sich wohl, Frau Zyrom, und man wird sich sicher eines Tages wieder begegnen.«

»Vermutlich.«

Robin und Alex begleiteten Antra zum Bughangar, in dem sich derzeit eine kleine MIRTA-Personenfähre befand.

»Ich werde nach Xohe zurückkehren«, sagte Antra. »Kann ich euch irgendwo absetzen?«

Sie sah äußerst unzufrieden aus und stand sichtlich verloren neben dem Einstieg der Fähre herum.

»Auf Terra gibt es zur Zeit für Robin und mich nichts zu erledigen«, äußerte sich schließlich Alex.

»Hervorragend, denn ich brauche einen Copiloten und Navigator«, meinte daraufhin Antra. »Das würde einiges erleichtern, weil Xohe nicht gerade um die Ecke liegt.«

»Das hört sich nach einer Aufgabe für mich an«, erwiderte Robin. »Allerdings bin ich ungelernt darin.«

»Das lässt sich ändern. Was ist mit dir, Alex?«

»Ich bin auch dabei, aber meine technischen Fähigkeiten sind begrenzt.«

»In Ordnung! Wir können ohne große Formalitäten gleich los, hier gibt es nichts mehr zu schaffen.«

Die Gruppe betrat die Fähre und fand sich in einem von Kojen umgebenen Aufenthaltsraum wieder. Ein Durchgang führte direkt zum Cockpit. Antra nahm Platz und wies Robin den Sitz des Copiloten zu. »Robin, du hast hier erst einmal einen Zuschauerplatz.«

»Ich auch«, meinte Alex bedauernd, »denn das Cockpit hat nur zwei Sitze.«

»Das ist nicht korrekt«, erwiderte Antra. »Rechts und links vom Durchgang sind Klappsitze.«

Nach etwas Gefummel identifizierte Alex die in der Verkleidung versenkte und nur von der Seite erkennbare Sitzfläche und klappte sie mittels einer kleinen Griffmulde herunter. »Dankeschön, das nimmt mir wirklich den Leidensdruck.«

»Ich hoffe, dass ihr mir gute Mannschaftsmitglieder sein werdet«, ließ Antra dann verlauten. »Denn ihr seid mir nun kraft eures eigenen Einverständnisses unterstellt und müsst meine Befehle ausführen.«

»Alles klar, Käpt’n«, tönte es aus Alex’ Richtung.

»Also, mir ist nicht wohl dabei«, äußerte sich Robin. Alles in ihm sträubte sich dagegen.

»Na ja. Deinen Job wird zunächst sowieso die Positronik des Schiffs übernehmen. Aber wenn dir langweilig wird, kann ich dich gerne putzen schicken.«

»Das sind absolut düstere Aussichten.« Robin runzelte unbeholfen die Stirn. »Trotzdem denke ich, dass ich dir trauen kann, oder vielmehr muss. Deshalb akzeptiere ich meine zukünftige Position als Copilot.«

Irgendetwas in Antra schlug heftig an. Er misstraut Frauen, dachte sie. Warum?

»Nun … dann ist ja alles geklärt«, meinte sie sodann und aktivierte den Funk. »MIRTA-Fähre mit Antra Zyrom erbittet Starterlaubnis!«

»Erteilt. Haben Sie einen guten Flug.«

Vor der Öffnung des Hangars erschienen einige Leuchtmarkierungen, die die einzuschlagende Flugbahn anzeigten. Antra ließ die Triebwerke an und löste die Fähre bereits nach wenigen Sekunden Anglühen vom Boden. Hierbei benutzte sie nicht etwa eine halbautomatische Standardroutine, sondern kontrollierte die Fähre direkt über den seitlichen Joystick und kontinuierliche Eingaben.

Das Schiff verließ entlang der Markierungen den Hangar, dann manövrierte Antra an den noch glühenden Trümmern der Schlacht vorbei und ging schließlich auf Beschleunigung. Nachdem die Fähre das unmittelbare Gebiet der Auseinandersetzung hinter sich gelassen hatte, nahm Antra die Hand vom Joystick und entspannte sich. Sie machte ein paar Eingaben und ließ anschließend verlauten: »Autopilot aktiviert. Transition in dreißig Sekunden. Nächster Zwischenstopp: Nakruna-Handelsbasis!«

Einen Moment später begann ein Aggregat im Inneren der Fähre langsam anschwellend zu heulen, schließlich unterlegt von einem Piepalarm, der offenbar irgend etwas ankündigte.

Dann schienen Robin plötzlich die Sterne entgegenzuspringen, und die Welt versank in reinem Weiß.

Zwischenspiel auf Nakruna

Ein Ausschnitt des Weltraums erschien, zunächst fern und fischaugenartig verzerrt, dann sich vergrößernd und ausfransend. Eine amorphe grünliche Kugel wurde sichtbar und vor ihrem Rand eine viel kleinere, schmutzigbraune und bläuliche.

Offensichtlich wurde hier ein Gasriese von einem erdähnlichen, aber komplett vegetationslosen Planeten umkreist.

»Wo sind wir?«, fragte Alex.

»Wir haben sechsundzwanzig Lichtjahre durch den Supraraum zurückgelegt und befinden uns nun im Nakruna-System, im Anflug auf die Handelsbasis um Nakruna IIIa. Schon Heimweh?«

»In welcher Richtung liegt es von Terra aus?«, erkundigte sich Robin.

»Richtung Mizun-Nebel natürlich, weil sich an dessen Rand das Eilana-System mit Xohe befindet. Ist allerdings eine weite Reise. Also, wenn man von Terra aus in unsere Richtung blicken würde …« Sie gab etwas ein. Ein sternengefülltes Fenster erschien auf der Holowand. Robin, der in Astronomie halbwegs bewandert war, erkannte in dem virtuellen Sternenhimmel sogleich die Konstellation des Orion. Die Positionsmarkierung lag im äußersten Osten des Sternbilds.

»Der Stern, den du Nakruna nennst, heißt bei uns Tabit«, informierte er.

»Gut. Und hier will ich hin«, meinte sie dann.

Die Ansicht vergrößerte auf den Orionnebel.

»Das sind über eintausenddreihundert Lichtjahre«, erklärte Robin. »Und es dürfte in dem Nebel keine lebensfreundlichen Hauptreihensterne geben.«

»Eilana befindet sich ja auch nicht in dem Nebel, sondern ist gravitativ an ihn gebunden«, erwiderte sie genervt. »Mit dem lahmen Sprungantrieb der Fähre dauert es zweieinhalb Wochen dorthin. Und wenn ihr Blödsinn baut, fliegt ihr unterwegs beide raus.«

Alex zog ein Gesicht, das Bände sprach, und verließ wütend das Cockpit. Seine sonst zur Schau gestellte Lässigkeit war mit einem Mal verschwunden.

Robin raffte sich zusammen. »Ähm, Antra, du hast uns immer noch nicht dein Alter verraten.«

»Ich werde bald achtzehn.«

»Xoheanische Jahre?«

»Ja …«

»Sie sind nicht zufällig wesentlich kürzer als terranische?«

»Robin, woher soll ich das wi… ach, du bist total gemein.«

Robin befand sich in der prekären Situation, dass er sich gegängelt fühlte, auf der anderen Seite jedoch nicht offen seine Vorgesetzte bloßstellen durfte.

So beließ er es bei der Spitze. »Dann sind Alex und ich ungefähr zwei Jahre älter. Na schön. Landen wir gleich?«

Vor dem erdähnlichen Planeten, der die Holowand nun fast ganz ausfüllte, war eine flache zylindrische Station mit vielen langen Auslegern auszumachen.

Antra sah etwas verunsichert und mit leichter Röte im Gesicht zu Robin hinüber. »Ohne Copilot wird es etwas dauern, weil die Positronik ziemlich unintelligent manövriert. Und manuelles Docken ist an den Auslegern leider nicht erlaubt. Es gibt aber einen Trainingssimulator auf der Station, schau’ dir den mal an.«

Zwanzig Minuten später, währenddessen Antra und Robin meist schwiegen und sich gelegentlich verstohlen musterten, legte die MIRTA-Fähre an der Station an.

*

Die kleine, für vier Personen ausgelegte Zubringerbahn war den Dockanleger durch eine karg erleuchtete Röhre entlanggeschossen, machte nun eine Wende nach rechts und gleich darauf nach oben. Hierdurch gelangte die Bahn die Röhre verlassend auf die Ebene der Außenpromenade und kam auf einer designierten Spur gleich neben dem illustren Treiben zum Stehen.

»Was in aller Welt ist das?«, fragte Robin, der beim Aussteigen vor Überraschung und Entsetzen beinahe stolperte.

»Malmanesen, was sonst?«, meinte Antra dazu achselzuckend.

Robin stand wie erstarrt und versuchte mit der Situation etwas anzufangen.

»Ich mag sie jetzt schon«, meinte Alex nach einigen Sekunden des faszinierten Staunens.

Die geschmeidig vorbeieilenden entfernt katzenartigen Erscheinungen waren Zehengänger und kurz und äußerst variabel befellt. Ein fast körperlanger Greifschwanz schien beim schnellen Gehen stabilisierend zu wirken. Abgesehen von der ebenfalls sehr variablen Kopfmähne waren Männer anscheinend auch am oberen Rücken und den Außenseiten der Arme länger behaart. Bekleidet waren die Malmanesen alle ziemlich knapp, vermutlich um in ihren Bewegungen nicht behindert zu werden.

Robin kam sich vor wie in einem Zoo voller anthropomorpher Tiere und musste sich sofort vor Augen führen, dass dies eine Herabwürdigung der anderen Spezies war.

»Sie sind nicht humanoid, trotzdem ist jeder sofort wiederzuerkennen«, ergriff dann Alex das Wort. »Jede Fellzeichnung ist einzigartig, die meisten tragen individuellen Körperschmuck und scheinen oft auch ihr Fell recht kunstvoll zu frisieren und zu rasieren.«

Er war jetzt in seinem Metier; im Gegensatz zum technikaffinen Robin interessierte er sich mehr für die belebte Natur.

»Schau mal, Robin, die Frauen haben sogar Brüste«, setzte er analysierend hinzu.

»Alex, benimm dich!«, kam es pikiert von Antra, die jetzt mit zusammengekniffenem Mund dastand.

»’Tschuldigung, Käpt’n!«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Robin, der sich ein bisschen gefangen hatte.

Antra zuckte wieder die Achseln. Dann zeigte sie irgendwohin. »Da lang, wenn keiner was dagegen hat.«

Die Gruppe setzte sich entlang der Promenade in Bewegung, deren riesige kreisrunde Außenfenster auf Nakruna IIIa hinabblickten. Eine hellbraune Landmasse, bar jeder Vegetation, umrahmte einen Binnenozean. Der Planet schien trotz vorhandenen Wassers nicht lebensfreundlich zu sein.

»Kaum zu glauben, dass er eine atembare Atmosphäre hat«, flüsterte Antra, die näher an Robin gerückt war. »Und innerhalb von zwei- bis dreihundert Jahren soll er mit weitläufigen Ozeanen und üppigem Wald bedeckt sein. Nakruna IIIa … ist eine zukünftige Kolonie der Malmanesen.«

»Wie bekommt man solch ein gigantisches Projekt überhaupt in die Gänge?«, fragte Robin.

»Die Technologie der Malmanesen reicht dazu nicht – wir Xoheaner haben uns aber für Jahrhunderte mit Planetenumformung beschäftigt. Man wird hier bald eine Anlage errichten, in der Kunstkometen zum Abschuss auf Nakruna IIIa hergestellt werden. Das Wasser dazu wird aus dem Mantel von Nakruna III, dem Gasriesen, stammen.«

»Und auf diese Weise wird der Planet mit Wasser beimpft werden, so dass ein lebensfreundlicher Kreislauf mit Wasser in allen Aggregatzuständen entsteht«, fachsimpelte Robin.

»Du hast es erfasst.«

»Erzähle mir mal über Xohe. Wie ist es dort?«, wechselte Robin das Thema.

Sie lächelte. »Bestimmt kannst du es dir demnächst selbst ang…«

»Ihr Schweine werdet nicht mit meinem Geld abhauen!« Eine Gestalt kam aus dem Eingang einer Bar herausgeschossen und rempelte geradewegs in Antra hinein. Die wandte sich reflexhaft um und erstaunte. »Eine T alai-Schamanin!«

»Aus dem Weg, Xoheanerweib!«, forderte die erzürnt aussehende Malmanesin. »Ich muss ein paar Aleps schlachten!«

Sie zog ein Messer. Antra wandte sich um. Dort lauerten zwei männliche Malmanesen, die ebenfalls Messer gezogen hatten. Robin entfernte sich und versuchte Antra mit sich zu ziehen, diese blieb jedoch beharrlich zwischen den Streitparteien stehen. »Das kann man auch anders regeln!«

»Misch’ dich hier nicht ein, Xoheanerschlampe!«, meinte die Malmanesin. »Wenn die Männer es nicht einsehen, regelt eine Frau von Malman es eben auf althergebrachte Weise. Und nun: aus dem Weg!«

»Ksenya Idano Esrida, du kannst uns gar nichts«, meinte einer der Männer. »Wir haben Fürsprecher im Stammesrat der Alep, die uns unterstützen.«

»Ich werde euch einfach umbringen!«, fauchte sie.

»Wir sind in der Überzahl, Messer gegen Messer – auch hier kannst du nur verlieren. Lass’ die Alep einfach in Ruhe, Ksenya der Esrid, und niemandes Ruf wird weiter beschädigt werden.«

Die beiden begannen sich zu entfernen, und Ksenya machte Anstalten, ihnen zu folgen. Jetzt war es Antra endgültig genug und sie entriss Ksenya mit einem speziellen Nahkampfgriff in Sekundenschnelle das Messer. Robin und Alex versuchten sich zugleich in den Weg zu stellen. Jetzt gab Ksenya auf. »Elende Klette von Xoheanerin! Ach, und du hältst dir gleich zwei Männer? Ich bin so was von beeindruckt.«

Alex fasste sich ein Herz. »Beruhig’ dich mal. Wir sind nicht Antras Männer, sondern nur mit ihr unterwegs. Robin und ich kommen von Terra.«

Ksenya kam näher und musterte die beiden Terraner. »Aha, keine Xoheaner, sondern Exoten.« Sie ergriff Alex’ Arm und wandte sich mit ihm zielstrebig Richtung Bar. »Du kommst mit, Schnuckelchen, wir bechern jetzt mal ordentlich einen.«

Robin stand mit offenem Mund da. »Was ist das für eine Frau?«

Antra trat neben ihn. »Ich hatte vergessen dir zu sagen, dass die malmanesische Gesellschaft matriarchalisch organisiert ist. Das heißt, die Frauen haben das Sagen. Und manch eingebildete, arrogante Schnepfe scheint das leidlich auszunutzen.« Sie rümpfte die Nase und sah in Richtung der Bar, wo Ksenya mit Alex in einer lauschigen Ecke Platz genommen hatte und gerade einen Arm um ihn legte, während sie lässig der Bedienung gestikulierte.

Fragt sich, welche hier die größere Schnepfe ist, ging es Robin durch den Kopf.

»Sollen wir auch in die Bar gehen?«, fragte er.

»Nein. Wir müssen zum Trainingssimulator«, bestimmte sie. »Ich brauche einen kompetenten Copiloten.«

*

Es blieb nicht einmal Zeit für ein Stoßgebet, als schon die nächsten Raketensalven in Robins Frachter einschlugen und ihn zerstörten.

»Robin wurde zerstört«, stellte die Automatenstimme bedauernd fest, während ein Trauertusch ertönte.

Antra hatte mit ihren positronikgesteuerten Flügelmännern hinterrücks die Eskorte des Frachtschiffs ausgeschaltet und Robin zum Schluss aus mehreren Richtungen mit Dauerfeuer beharkt. Sie hatte diese Mission gewonnen. Wie alle anderen Kampfmissionen davor.

Robin erhob sich aus dem Simulatorcockpit und stöhnte genervt. Auch Antra verließ den gegenüberliegenden Simulator, worauf sie sich lässig streckte.

»In keiner Mission hast du mir auch nur die geringste Chance gelassen«, ließ er verlauten. »Du bist vollkommen erbarmungslos, Antra.«

»Auf der Militärakademie in Xohania war ich Jahrgangsbeste, vergiss das nicht. Fliegen macht mir einfach Spaß. War ’ne Kleinigkeit, gegen dich zu gewinnen.«

Robin wurde wütend. »Wozu überhaupt diese ganzen Kampfszenarien? Es ging doch nur um eine Einweisung als Copilot!«

»Ach, man darf nicht aus der Übung kommen …«, gähnte sie. »Nimm es nicht persönlich.«

»Tue ich aber!« Jetzt erhob Robin den Zeigefinger in ihre Richtung. »Antra, ich verdächtige dich, dass du gerne andere Leute fertigmachst, um dein Ego aufzupolstern.«

»Pffft …« Sie tat plötzlich hochnäsig und fuhr sich durch ihr langes schwarzes Haar.

Robin wandte sich hierauf erzürnt und schnellen Schrittes zum Gehen. »Ich bin weg. Du findest mich in der Bar.«

Dort nahm er zehn Minuten später im lärmenden Halbdunkel an der Theke Platz, nachdem er hatte feststellen müssen, dass Alex und seine neue Flamme, schon reichlich beschwipst, mit Küssen beschäftigt waren und keine Notiz von ihm nahmen.

Er wandte sich dem Barkeeper zu, einem arg mitgenommenen, vernarbten Typen mit Glasauge. »Etwas erfrischendes Hochprozentiges bitte, und das, was er hat.« Er deutete auf einen anderen Thekensitzer, der so etwas wie panierte und offenbar sehr scharfe Gemüseschoten aß.

»Kommt sofort!«

Eine Minute später hatte er ein Glas und eine Schale Schoten vor sich stehen. Robin nippte an dem Getränk, das tatsächlich hochprozentig alkoholisch war und eine Note von Blattgrün und Menthol innehatte. Anschließend biss er in eine Schote. Die jähe Schärfeempfindung linderte vorübergehend seine innere Anspannung.

Von irgendwoher dudelte seichte Musik, untermalt von Unterhaltungen und lautem Lachen. Robin spülte mit einem weiteren Schluck nach und geriet ins Grübeln. Die Situation war heikel. Er musste irgendwie diesen Drachen Antra loswerden. Alles in ihm schrie danach, sich ihrer selbstgefälligen Willkür nicht weiter auszuliefern.

Aber dann würde er in der Fremde festsitzen, vielleicht sogar ohne Alex, denn der schien weiter an der Beziehungsanbahnung mit Ksenya zu arbeiten. Robin sah hinüber, und die beiden winkten ihm zu. Er rang sich ein Lächeln ab und winkte kurz zurück.

Weiter brütete er sodann vor sich hin.

»Gibt es schon Siedlungen auf Nakruna IIIa?«, fragte er schließlich den Barkeeper.

Dieser schaute skeptisch drein und lachte dann. »Man kann auf dem Planeten atmen und herumlaufen, ja. Ansonsten gibt es dort nichts. Und das wird für die nächsten zweihundert Jahre so bleiben.«

»Und welcher ist dann der nächste besiedelte Planet?«

»Malman, die urwüchsige Welt der Welten, nur einen Katzensprung von hier. Suchst du einen Flug?«

»Vielleicht«, meinte Robin.

Der Barkeeper zeigte auf den hintersten, dunkelsten Teil der Bar. »An dem Tisch dort drüben triffst du ein paar Frachter- und Korvettenkapitäne. Viele haben ihre besten Tage schon hinter sich und bekommen den Schiffsbetrieb nicht mehr alleine hin. Rede mal mit denen.«

»Dankeschön!« Robin wollte sich gerade vom Hocker gleiten lassen, als eine zarte kleine Hand auf seiner Schulter landete.

»Stell’ dir das mal vor, im Proviantmagazin gab es einen Container Wasser gratis! Und für dich habe ich auch etwas.«

Antra steckte Robin hastig etwas zu und stieg auf den Hocker neben ihm. »Ich nehme eine astanische Abendsonne und ein halbes Dutzend Crupas!«

Robin öffnete seine Hand. Eine große, einzeln verpackte Praline in Herzform.

Jetzt spinnt die Frau völlig, ging es ihm durch den Kopf.

»Das ist sehr aufmerksam, Antra, und ich werde deine Geste in Ruhe kontemplieren«, ließ er hingegen in gedehnter Artikulation verlauten. »Wenn ich wieder nüchtern bin.«

Antra bekam einen Cocktail im bauchigen Stielglas. Eine kugelrunde rote Frucht dümpelte in einer orangefarbenen Flüssigkeit mit weißer Cremehaube darauf. Außerdem die Crupas, kleine gezuckerte Laugenstangen.

»Kannst du auch normal reden?«, wollte Antra wissen. Sie sah dabei missbilligend zu Alex und Ksenya hinüber, dann fragend zu Robin. Dann widmete sie sich dem Cocktail. Robin wartete, bis sie halbwegs darin vertieft war und nahm alsdann unauffällig die Schoten und den Drink vom Tresen, woraufhin er sich vorsichtig entfernte. Nachdem er quer durch die zunehmend belebtere Bar geschlendert war, nahm er bei Ksenya und Alex am Tisch Platz.

Alex führte aus: »Ksenya braucht unsere Hilfe, wegen der Sache mit den Alep. Ihr Onkel wurde vor einem Monat eingebuchtet.«

»Das hört sich nicht so gut an«, erwiderte Robin. »Ksenya, wie sollen wir dir helfen? Wir sind hier bloß Fremde und zum ersten Mal außerhalb unserer Heimatwelt unterwegs.«

»Ganz einfach«, ließ die rothaarige, grauschwarz getupfte Malmanesin mit ihrem sonderbaren osteuropäisch klingenden Akzent verlauten. »Ich brauche einen Piloten und mindestens zwei Kämpfer, die mit Schusswaffen umgehen können.«

Robin und Alex sahen einander überrascht an. Sie waren beide im Sportschießen mit verschiedenen Waffen bewandert.

»Du willst ihn gewaltsam befreien?«, fragte Alex vorsichtig.

»Ich muss.«

Mittlerweile war Antra am Tisch erschienen und nahm missmutig Platz.

»Man sagt, du wärest eine hervorragende Pilotin«, wurde sie von Ksenya angesprochen.

»Ich denke schon«, meinte sie etwas pikiert.

»Hör zu«, hob Ksenya an. »Mein Onkel Sorrek Uleto Esrida, weithin bekannter Krieger und Abenteurer, sitzt durch Betreiben der Alep seit Kurzem auf Meskan II in einem Straflager ein. Zugleich schulden mir die Alep genau das Geld, das ich bräuchte, um Sorrek durch finanzielle Gefälligkeiten freizubekommen.«

»Und wie sollte ich dir dabei helfen können?«, wollte Antra, immer noch distanziert, wissen.

»Du fliegst uns hin und wir hauen ihn raus«, sagte Ksenya. »Vorausgesetzt, die beiden Männer haben schießen gelernt.«

»Ja, haben wir, aber …«, begann Robin.

»Ausgeschlossen!«, kam es von Antra. »Ich wünsche nicht in Stammesangelegenheiten der Malmanesen verwickelt zu werden, vor allem wenn sie mich meinen Ruf kosten könnten.«

»Es ist nicht ganz so einfach, wie du denkst, Frau von Xohe«, erörterte Ksenya. »Trotz der Gefühle meinem Onkel gegenüber kann ich nicht einfach auf eigene Faust handeln. Auch mein Gesicht steht auf dem Spiel. Nun hat es sich so ergeben, dass übermorgen ein Gesandter der Alep in meinem Heimatdorf Esrid-Khaud auf Malman zu erscheinen hat, und man wird mich ebenfalls dort erwarten. Ich biete euch an, als neutrale Partei an den Verhandlungen teilzunehmen.«

»Hm, na gut, aber wieso bist du dir dann so sicher, dass du einen Piloten und zwei Schützen brauchen wirst?«, fragte Robin, sich am Kinn kratzend.

»Weil ich nur vorsorgen möchte. Dem Stammesrat werden kaum noch andere Optionen bleiben als ein arrangierter tätlicher Zugriff. Er wird keine Geldmittel für eine Beamtenbestechung freigeben, denn derlei ist auch nach malmanesischem Hoheitsrecht strafbar, ungeachtet der Einzelinteressen der Stämme. Eine Befreiung könnte jedoch unter gebilligtes Fehderecht fallen.«

Ksenya erntete nachdenkliches Schweigen. Dann meldete sich Alex: »Lasst uns doch einfach hinfliegen und uns die Sache anhören. Malman liegt sowieso auf dem Weg.«

Nach weiteren Augenblicken des Sinnierens willigte Antra ein: »In Ordnung, es gibt dabei eh nichts zu verlieren. Und Malman sollte man mal besucht haben, alle schwärmen davon.«

»Zu Recht, Xoheanerin, zu Recht!« Ksenya lächelte.

»Nachher gehen wir erst einmal eine Runde in die Kojen, bevor wir losfliegen«, schlug Antra vor.

»Gebongt!«, meinte Alex.

»Darauf einen Trinkspruch!«, ordnete Robin an.

Das Eis zwischen ihnen begann zu brechen.

*

Nachdem die vier im Anschluss an die Zecherei in den Kojen der MIRTA-Fähre geruht hatten, waren sie nunmehr vollzählig und teilweise noch verkatert und gähnend im Cockpit zugegen. Antra hatte zuvor noch mit Ksenya die drei zirka metergroßen, würfelförmigen Standardcontainer mit Proviant und Wasser in die Fähre hineinbugsiert und in einer Ecke des Aufenthaltsraums gestapelt. Da die Container über Mikro-Schwebeaggregate verfügten, war dies mit keiner größeren Anstrengung verbunden gewesen.

Jetzt wies Antra Robin den Platz des Copiloten zu. »Nimm Platz und mach’ deinen Job.«

Sie stellte eine Verbindung zur Flugleitstelle der Handelsbasis her und holte Starterlaubnis ein. Dann dockte sie ab und entfernte die Fähre mit zunehmender Beschleunigung von der Basis.

Robin rief die kartografischen Daten der näheren kosmischen Umgebung ab und öffnete das Navigations-Kommandointerface. Er ermittelte einen sicheren und relativ direkten Kurs nach Malman, dem zweiten Planeten des nur wenige Lichtjahre entfernten orangen Zwergsterns Indira, und bestätigte diesen.

»Kurs nach Malman programmiert! Liegt an!«, verkündete er.

»Vielleicht wird diese Reise ja doch noch spannend«, meinte Antra.

Bei den Esrid von Khaud

Unweit des Planeten hatte die MIRTA-Fähre den Supraraum verlassen und glitt an der Indira-Wachflotte vorbei.

»Die BELBIA ist zur Zeit daheim«, informierte Ksenya. »Das Flaggschiff der malmanesischen Kriegsflotte.« Sie deutete auf einen Pulk Schiffe auf der Holowand. Einige der schon aus der Schlacht um Terra bekannten wendigen Leichtkreuzer eskortierten einen kantigen und protzig gestalteten Schweren Kreuzer. Sicherlich konnte es die BELBIA nicht ernsthaft mit einem Großkampfschiff der Xoheaner oder Astaner aufnehmen, aber sie war als Hohelied malmanesischer Ingenieurskunst zu dem Zweck geschaffen worden, demonstrativ Präsenz zu zeigen.

»Ich hörte, dass man die besten Jägerpiloten des Stelkon unter den Malmanesen findet«, wandte sich Antra an Ksenya.

»Das ist wohl wahr!«, erwiderte diese. »Die nachhaltige und naturnahe Daseinsform meines Volkes verbietet die übermäßige Ausbeutung der Ressourcen der Heimatwelt. Deshalb bauen wir kleine aber um so schlagkräftigere Raumschiffe. Dass unser Stoffwechsel mit einer höheren Rate abläuft als der von Humanoiden, kommt unserer Reaktionsgeschwindigkeit jedenfalls deutlich zugute.«

»Und was ist das?«, fragte Robin und deutete auf einen anderen Punkt der Holowand.

»Das ist die Ikari-Station«, meinte Ksenya. »Das Zentrum des Handels im Indira-System. Sie steht in ihrer Umlaufbahn stets über demselben Punkt auf Malmans Oberfläche.«

»Sollen wir dort einen Stopp einlegen?«, erkundigte sich Antra.

»Keine Zeit!«, sagte Ksenya. »Wir sollten direkt Esrid-Khaud ansteuern. Am Waldrand nahe des Dorfes befindet sich ein Landefeld, das groß genug für diese Art Schiff ist.«

»Kein Problem«, kam es von Antra zurück. Sie machte einige rasche Eingaben. Anschließend verkündete sie: »Eintritt in die äußeren atmosphärischen Schichten in zwei Minuten! Robin, Koordinaten des Landefelds feststellen.«

Der Angesprochene begann sich durch die geographischen Datensätze Malmans zu wühlen und wurde nach einer Eingrenzung der Suchparameter alsbald fündig.

»Ziel festgelegt!«, meldete er. Auf der Holowand wurde ein umklammertes Fadenkreuz eingeblendet, das den Zielort auf Malmans Oberfläche anzeigte.

Augenscheinlich war die Welt Terra recht ähnlich, jedoch waren die Landmassen von langgezogenen Buchten, Lagunen und Seenplatten durchzogen. Malman schien zudem fast vollständig von Wald bedeckt zu sein. Eine wahrhaft urwüchsige Welt.

»Ich werde mit manueller Steuerung landen, um in Übung zu bleiben«, meinte Antra.

»Ich stelle fest, dass du dich profilieren willst, Xoheanerin«, fiel Ksenya dazu ein. »Man wird sehen, ob deine Flugkünste malmanesischem Niveau gerecht werden können.«

*

Eine gute Viertelstunde später hatte Antra die Fähre ohne problematische Vorkommnisse auf dem kleinen kreisrunden Landefeld unweit des Waldrands gelandet. Die seitliche Luke fuhr auf und ließ eine frische, saubere Brise herein.

»Ein herrlicher Ort für einen Urlaub«, ließ Alex verlauten, der zögerlich als Erster nach außen trat. Dann nahm ihn Ksenya lächelnd an der Hand, und Antra und Robin folgten, jeweils weit weniger gut gelaunt.

Vom Landefeld, das hier ohne jede Infrastruktur inmitten von Äckern lag, führte ein Weg schnurgerade Richtung Waldrand. Und die Bäume waren wirklich alt, verwittert und enorm hoch aufragend. Die Gruppe setzte sich respektvoll in Bewegung.

»Sieh mal, eine Prozession«, machte Robin Alex nach einigen Minuten aufmerksam.

»Das sind gut ein paar Dutzend Leute«, stellte dieser fest.

»Ach, ich vergaß, dass heute Erntedenkfest ist«, erläuterte Ksenya. »Im Dorf werden wir es deswegen sehr ruhig haben.«

»Sie singen!«, merkte Robin an. »Und sie tragen etwas vor sich her.«

»Was denn?«, wollte Alex wissen.

»Körbe mit Lebensmitteln, und so etwas wie hölzerne Standarten.«

Weiter näherten sie sich der entgegenkommenden Prozession.

»Standarten mit … Swastikas?«, bemerkte Alex mit deutlichem Befremden.

»Hakenkreuze? Warum das denn?«, mokierte sich Robin.

Die ersten Prozessionsteilnehmer kreuzten den Weg der Gruppe. »Auf die Erneuerung! Auf dass der Schoß der Erde im nächsten Jahr reiche Frucht gebiert!« Dabei wedelten sie mit den Standarten und skandierten unverständliche Formeln.

»Komische Bräuche habt ihr auf Malman!«, wandte sich Robin an Ksenya.

»Wir ehren Mutter Erde höchstselbst damit, es ist kein religiöser Brauch«, meinte Ksenya. »Wir danken ihr mit dem Opferzug jährlich für ihre Großzügigkeit und vergewissern uns ihrer fortwährenden Gunst. Was euch an der Symbolik stört, kann ich nicht nachvollziehen.«

»Das ist … kulturabhängig«, erwiderte Robin kleinlaut.

Die Prozession verlief sich jetzt mehr oder weniger geordnet auf die Felder, um Mutter Erde zu huldigen und die Opfer zu bringen. Weiterhin erklangen archaische Formeln.

»Was singen sie?«, fragte Alex.

»Anrufungen niederer Elementare«, sagte Ksenya. »Schamanismus, aber auch übernatürliche Praktiken wie Magie und Geisterbeschwörung, sind in der malmanesischen Alltagskultur sehr präsent.«

»Das ist sehr interessant, Ksenya«, entgegnete Alex. »Du hast auch etwas damit zu tun?«

»Ich habe, durch Vermittlung meines Vaters, frühzeitig den Weg einer Talai-Schamanin eingeschlagen. Somit bin ich eine qualifizierte Heil- und Kräuterkundige. Außerdem bin ich fähig, Geister zu beschwören und auszutreiben.«

»Langsam machst du mir Angst«, sagte Robin.

»Dann lauf’ doch weg«, war alles, was Ksenya dazu einfiel.

Der Waldrand war erreicht und bereits nach fünfzig Metern unter dem Schatten der mächtigen Bäume lief die Gruppe auf eine Art sehr breite Hängebrücke zu. Dahinter wurde ein System von in die Bäume hinaufführenden Bohlenrampen und -stegen erkennbar.

»Gehen wir die Hauptrampe hoch«, schlug Ksenya vor. »Einfach geradeaus.«

Die mit zahllosen Seilen an den oberen Astetagen befestigte Rampe führte, die ein oder andere sanfte Kurve einschlagend, weit in die mittlere Etage der Baumriesen hinauf. Dort erstreckte sich in über dreißig Metern Höhe auf, und teilweise auch unter, einer Reihe zwischen den Bäumen aufgehängter Plattformen das Dorf Esrid-Khaud.

Die aus groben Holzbohlen erbauten Plattformen, eine für jedes Gebäude des Dorfes, sowie einige kleine und größere Plätze, waren durch einfache Seilhängebrücken miteinander verbunden. Da das Dorf zudem komplett in den Wald hineingehängt war, schwankte es bei Luftbewegungen ab und zu wie ein Schiff leicht im Wind.

Im Moment war die Ortschaft gleichwohl aufgrund der Feierlichkeiten vollkommen ausgestorben.

»Wir müssen zum Haupthaus«, bestimmte Ksenya.

»Und das wäre wo?«, fragte Robin. Ihm war bisher lediglich eine Anzahl kleinerer Hütten rund um einen erhöhten zentralen Platz aufgefallen.

»Mach’ die Augen auf, Terraner«, erwiderte die Malmanesin.

Und in der Tat wurde beim Näherkommen erkenntlich, dass das Haupthaus problemlos vom zentralen Platz aus zugänglich war, nämlich von oben. Es war drei Stockwerke tief an die Unterseite der Plattform angebaut.

Die Gruppe hatte die erste kleine Plattform direkt hinter der Aufstiegsrampe überquert und wurde mit einer ungefähr fünfundzwanzig Meter langen Hängebrücke zu einer der zentralen Wohnplattformen konfrontiert.

»Bleibt in der Mitte und vermeidet es, im Gleichschritt zu gehen«, forderte Ksenya die anderen auf.

Während des Überquerens der Brücke hielt sich Antra sehr dicht hinter Robin und klammerte sich regelrecht an seiner Schulter fest. Die freie Höhe schien ihr zuzusetzen, zumal die von vier Personen begangene Brücke sich trotz ihrer relativ breiten Konstruktion immer wieder aufschaukelte.

Dennoch gelang die Überquerung recht zügig. Die Gruppe sammelte sich kurz neben der kreisrunden Wohnhütte auf der nächsten Plattform. Mittlerweile wirkte Ksenya leicht ungeduldig, ließ jedoch Rücksicht zugunsten der nicht einheimischen Besucher walten.

Die nächste Brücke zum zentralen Dorfplatz war ein paar Meter kürzer. Sie würde sich unter Umständen stärker aufschaukeln. Außerdem überspannte sie eine Steigung.

»Ihr zuerst«, meinte Robin zu Ksenya und Alex.

»Heute etwas übervorsichtig?«, merkte Alex an und überquerte mit Ksenya fast schon leichtfüßig die Brücke.

»Jetzt wir«, meinte Robin zu Antra, nachdem die Brücke ausgeschwungen war. Sich an seiner Schulter festhaltend ging Antra neben Robin, der sie sicher in der Mitte der Brücke hielt.

»Das hat ja ewig gedauert«, wurden sie am anderen Ende von Alex empfangen.

»Kotzbrocken«, entgegnete Robin.

Der Platz war von einigen Sitzgelegenheiten umrahmt, und nicht abgebaute Stände wiesen darauf hin, dass hier ein Markt abgehalten worden war. Am anderen Ende des Platzes grenzte die Plattform an einen von Kletterpflanzen überwachsenen Baumriesen, und dort schienen zwei einander gegenüberliegende Treppen nach unten zu führen.

»Nun, worauf warten wir«, drängte Ksenya.

*

»Wir bekommen Besuch«, stellte Firina fest, der das Schwingen der Brücke nicht entgangen war. Sie wandte sich vom Fenster ab und trat zu Idan. Eine Minute später erschien eine Gruppe von vier Personen auf der breiten Haupttreppe.

»Ksenya!«, rief Idan.

»Vater!« Die Angerufene eilte ihm entgegen, während die drei Humanoiden, die sie mitgebracht hatte, sich erst zögerlich umschauten, bevor sie die Treppe herunterkamen.

Das Haupthaus von Esrid-Khaud unterhalb des Marktplatzes war eine besondere Konstruktion. Eine breite Treppe führte in die drei Stockwerke hohe Versammlungshalle hinab. Von den Treppenabsätzen aus hatte man Zugang zu zwei erhöhten Wandelgängen und verschiedenen Räumen.

»Seid gegrüßt!«, ergriff Firina das Wort, als die Gruppe vor sie getreten war. »Ich bin Firina Gantoda Esrida, Dorfälteste und Ratsvorsitzende von Esrid-Khaud.« Sie deutete auf ihren Nebenstehenden. »Und dies ist Idan Golato Esrida, Medizinmann des Dorfes.«

Jemand winkte von der Galerie herunter und beeilte sich dann die Treppe herab, um die Gruppe zu begrüßen. »Entschuldigung für meine Verspätung! Ich bin Esto Iruno Alepa.«

»Der Gesandte der Alep«, setzte Firina hinzu. »Wir alle haben euch bereits erwartet.«

Sie haben ihre Stammesangehörigkeit bereits im Namen, hielt Robin in Gedanken fest. Dann hob er an: »Ich bin Robin Steiner von Terra und dies ist mein Cousin Alex.«

»Und ich bin Antra Zyrom von Xohe«, setzte Antra hinzu. »Wir haben uns bereit erklärt, Ksenya bei der Regelung ihrer Angelegenheiten mit den Alep zu unterstützen.«

»Womit wir beim Thema wären«, konstatierte Firina. »Der Gesandte hat hierzu einiges verlauten zu lassen. Doch nehmen wir zunächst einmal Platz.« Sie deutete auf einen großen Kreis aus bequemen Sitzkissen.

Nachdem sich alle niedergelassen hatten, fing Esto gleich ohne große Umschweife an: »Wie bereits bekannt, wurde Sorrek Uleto Esrida vor ungefähr einem Monat von einem stammesübergreifenden Gericht zu Lagerhaft verurteilt. Folgendes war ihm dabei zur Last gelegt worden: Der gewaltsame Diebstahl einer xoheanischen Korvette auf der astanischen Seite der Sabanekya, namentlich im Auftrag der dort ansässigen Piraten.«

Antra war übergangslos schockiert. »Davon hast du mir nichts erzählt, Ksenya!«

»Doch die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen«, fuhr Esto fort. »Mittelsmänner in der Sabanekya konnten uns glaubhaft machen, dass Sorrek nicht der Dieb gewesen sein kann, weil er sich zum betreffenden Zeitpunkt zwar durchaus in der Sabanekya aufhielt, allerdings rund fünfunddreißig Lichtjahre entfernt auf der malmanesischen Seite. Ferner stellte sich heraus, dass unsere beiden Stammesangehörigen, welche Ksenya kürzlich um ihr Geld erleichterten, in skrupellose, mit unserer Stammesethik schwer vereinbare Geschäfte mit den Piraten verwickelt sind. Der Verdacht liegt dabei nahe, dass sie Sorrek durch eine schwer widerlegbare Beschuldigung aus dem Weg räumen wollten, um nicht selbst ins Licht der Öffentlichkeit zu geraten.«

Nun war Antra erblasst. »Die Piraten … die gesetzlose, verruchte Sabanekya … kann es noch schlimmer kommen?«

»Lass’ ihn bitte erst ausreden«, verlangte Firina.

»Regelgerecht sind wir auf jeden Fall verpflichtet, die beiden zu belangen«, führte Esto weiter aus. »Allerdings scheinen einige Sympathisanten im Stammesrat der Alep zu sitzen, welche die konkrete Entscheidungsfindung blockieren.«

Jetzt machte Ksenya eine strenge Miene. »Eine sehr verfahrene und schändliche Situation!«, zischte sie. »Ich hoffe wirklich, dass du einen konstruktiven Lösungsvorschlag anzubieten hast.«

»In dieser Angelegenheit ist auf den Stammesrat nicht zu bauen – dies wird still unter der Hand geregelt werden müssen. Die Alep meines Heimatdorfes sind an guten Beziehungen zu den Esrid unbedingt interessiert und werden die Sache ohne Vorbehalte unterstützen. Wir werden euch großzügig bewaffnen, so dass ihr Sorrek aus der Gefangenschaft auf Meskan II zu befreien in der Lage seid. Ist das geschehen, wird euch umgehend die Korvette übergeben werden und wir werden die Angelegenheit im Anschluss als aus der Welt geschafft betrachten.«

»Was? Warum bekommen wir die Korvette?«, entfuhr es Antra.

»Was sollen wir damit?«, argwöhnte Ksenya. »Ihr wollt uns ein Kuckucksei ins Nest legen!«

»Das wird das Schiff sein, wenn es noch lange in der Sabanekya bleibt …«, lächelte Esto. »Ihr werdet schon verstehen.«

Firina wandte beschwichtigend ein: »Die Piraten der Sabanekya und komplexe Umtriebe sind hier im Spiel – darum erscheint nichts auf den ersten Blick logisch. Ihr könnt dem Gesandten jedoch glauben, seine Motive sind aufrichtiger Natur.«

»Dann werde ich ja bald ein Kriegsschiff kommandieren!«, freute sich Antra. Ihre Augen begannen zu leuchten.

»Wenn du überhaupt dazu kommst, Xoheanerin«, fuhr ihr Ksenya missgelaunt in die Parade. »Auf Meskan II wirst du vielleicht Malmanesen im Nahkampf gegenüberstehen.«

»Was ist jetzt genau die Sabanekya?«, erkundigte sich Robin.

»Ein vierzig Lichtjahre breiter, piratenverseuchter Streifen zwischen malmanesischem und astanischem Hoheitsgebiet«, klärte ihn Ksenya auf. »Dorthin zu reisen ist extrem gefährlich.«

»Es existieren auch einige Siedlungen und Basen in der Sabanekya«, sagte Firina. »Hauptsächlich sind dort zwielichtige Geschäftemacher und Kriminelle unterwegs.«

»Ach so. Also nicht viel anders als da, wo ich zuletzt gewohnt habe«, scherzte Robin.

Nunmehr erhob Idan das Wort: »Der Gesandte bat mich als Medizinmann darum, das versöhnliche Übereinkommen mit der Tipo-Pfeife zu besiegeln. Dies soll nun geschehen. An die anwesenden Humanoiden sei die Information gerichtet, dass das Tipo bei euch aufgrund eures Metabolismus eine intensivere Wirkung entfalten wird.«

Antra ging es nicht besonders gut bei dem Gedanken, während Alex und Robin gelassen blieben.

Als Nächstes zog der Medizinmann eine halbmeterlange Pfeife hinter seiner Schulter hervor, stopfte sie sorgfältig mit trockenem Kraut aus einem Lederbeutel und entzündete sie schließlich mit einer Art pneumatischem Feuerzeug, das aus Pflanzenrohr gefertigt war.

Die Pfeife begann herumzugehen.

»Ihr müsst den Rauch in den Mund nehmen und schlucken«, klärte Ksenya Antra und die beiden Terraner mit gedämpfter Stimme auf. »Mit jedem Mal wird der Pflanzengeist des Tipo ein wenig tiefer in euch fahren.«

»Nicht inhalieren?«, fragte Alex.

»Wenn du lebensmüde bist, ja, dann kannst du verbrannte Pflanzen inhalieren«, spottete Ksenya. »Dem Geist des Tipo wird es jedenfalls nicht gefallen, wenn du ihn so missachtest.«

»Na gut. Dann mal los!«, freute sich Alex, als im nächsten Moment die Pfeife bei ihm eintraf.

*

Eine halbe Stunde darauf war die Pfeife erloschen, und Alex schien sich derweil prächtig zu amüsieren. Auch Ksenya schien vom Tipo nicht unbeeinflusst zu sein.