ASKIFOU - Thomas Bäumler - E-Book

ASKIFOU E-Book

Thomas Bäumler

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Beschreibung

Wohin flüchtet ein 81jähriger Psychotherapeut im Jahre 2042, wenn er ein in tiefer Depression versunkenes Deutschland aus Angst vor Repressionen eines Staates verlassen möchte, der jeden Winkel des Lebens seiner Bürger beherrschen will? Ihn zieht es nach Griechenland, genauer auf die Insel Kreta. Da gibt es nur ein Problem: Die Ausreise aus Deutschland ist Normalbürgern strengstens verboten. Ob Johann Reißnecker sein abenteuerliches Vorhaben gelingt und was genau ihn zu seiner Flucht getrieben hat, erzählt dieser Kurzroman

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Thomas Bäumler

ASKIFOU

eine deutsche Flucht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG – WIE JOHANNS FLUCHT BEGANN

I. 2042

II. KRISIS

III. AUFBRUCH

Glossar:

Impressum neobooks

PROLOG – WIE JOHANNS FLUCHT BEGANN

Windhauch, Windhauch, das alles ist Windhauch (Kohelet 1.2;2,21-23). Die Tage des Menschen sind wie Windhauch, alles geht dahin, nichts bleibt. Throne und Mächte vergehen und des Menschen Werke sind wie Staub, den der Wind vor sich her weht...

Mit gehetztem, unruhigen Blick, nach allen Seiten witternd wie Wild, das den Jäger fürchtet, stand der hagere alte Mann am Bahnsteig und tupfte sich mit einem großen altmodischen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Mutterseelenallein war er, einsam und verlassen stand er da, mit klopfendem Herzen in all der lärmenden Betriebsamkeit, die um ihn herum herrschte, und wartete auf den Elektrozug nach München, der jeden Augenblick einfahren sollte. Wie um ihn daran zu erinnern, dass er ständig unter Beobachtung stand, begann die Stelle an der Innenseite seines linken Oberarms, da wo die Haut zwischen den Muskeln weich war, zu brennen, genau dort, wo man ihm vor gut zehn Jahren den Chip implantiert hatte, den jeder Bürger Deutschlands erhalten hatte, damit die staatlichen Organe jederzeit über seinen jeweiligen Aufenthaltsort im Bilde waren und vor allem, um ein unerlaubtes Abwandern ins Ausland unterbinden zu können. Gerade eben noch hatte er sich von seinem Freund Christian, dem letzten Band, das ihn noch mit seiner Heimat Deutschland verbunden hatte, verabschiedet, bevor dieser in den Regionalzug nach Nürnberg eingestiegen war, um in sein Kloster zurück zu kehren, das er vor vielen Jahren verlassen hatte.

Es war nicht nur die Kühle des frühen Julimorgens, die ihn frösteln ließ, vor allem war es die Angst davor, dass seine Fluchtpläne von den Behörden im letzten Moment aufgedeckt werden könnten und die Furcht vor der völlig ungewissen Zukunft, die ihn erwartete.

Es war eine Sache mit der Bahn zu verreisen, anstrengend genug für einen Menschen mit 81 Jahren, eine ganz andere Sache war es jedoch, nur mit den paar Dingen, die man am Leibe trug und einem Rucksack einen Zug zu besteigen, wohl wissend, dass man damit eine Reise ohne Wiederkehr antreten würde, dass man das Land, das einem über achtzig Jahre lang geliebte Heimat gewesen war unwiderruflich verlassen würde, nicht wissend, wo man letztendlich stranden würde und ob der mit heißer Nadel eilends gestrickte Fluchtplan, den er sich zurecht gelegt hatte, überhaupt würde aufgehen können, wusste er ja nicht einmal, ob Ekaterini in Ammoudia, Kreta überhaupt noch lebte, hatte er doch seit über einem Jahr nichts mehr von ihr gehört.

Vorsichtig aus den Augenwinkeln spähend sah er sich nach allen Seiten um, ob einer der allgegenwärtigen Vertreter der staatlichen Ordnungsmacht auf ihn aufmerksam geworden war, dies schien jedoch nicht der Fall zu sein, beschäftigte sich doch ein ganzer Trupp von ihnen gerade mit einer Schülergruppe, die offenbar eine Ausflugsreise antrat.

Und schon fuhr leise summend, eine kühle Bugwelle aus Wind vor sich her schiebend, der hochmoderne Elektrozug in den Bahnhof ein. Mit weichen Knien betrat der alte Mann unsicher schwankend eines der Großraumabteile, aus denen der Zug bestand und ließ sich seufzend auf einem Fensterplatz, den er glücklicherweise ergattern konnte, nieder. So konnte er wenigstens noch einmal von seiner Heimat gebührend Abschied nehmen. Wenn er dann noch die Grenzkontrollen beim Übertritt nach Österreich und, besser noch, nach Italien überstanden haben würde, hätte er mit dem Land, das ihm zuletzt keine Heimat mehr gewesen war und nie mehr wieder eine würde sein können, endgültig abgeschlossen.

Während der Zug sich mit einem sanften Ruck langsam in Bewegung setzte, sann er darüber nach, wie es dazu hatte kommen können, dass ein alter Mann wie er gezwungen war, seine Heimat aufzugeben und alles hinter sich zu lassen, was ihm einmal lieb und teuer gewesen war......

Askifou

Heulend fegte der Meltemi von den Hängen der weißen Berge und tobte um das nächtliche, von einem fahlen Mond beschienene kleine Häuschen, in dem sie ihren Urlaub verbrachten. Das beständige, bei jedem Windstoß neu einsetzende Schlagen und Klappern der Läden und Türen raubte ihm jeden Schlaf, gab ihm aber die Gelegenheit, seine neben ihm liegende Frau in Ruhe zu betrachten. Ihr vom Mond beschienener Körper mit den weiblichen Formen, die er so liebte, schimmerte silbrig, fast wie Marmor dachte er, während sich ihre Brust mit jedem Atemzug sachte hob und senkte. Ihr Gesicht hatte sie zur Seite gedreht, es verschwamm im Halbdunkel, er wusste jedoch ohnehin um die schöne Ebenmäßigkeit ihrer Züge. In Momenten wie diesen konnte er sein Glück kaum fassen, mit dieser Frau bereits seit 25 Jahren verheiratet sein zu dürfen und den guten Teil seines Lebens mit ihr geteilt zu haben.

Gestern waren sie auf Wunsch ihres Sohnes auf der Hochebene Askifou in Südwestkreta. Askifou, was so viel heißt wie ungebeugt, ungebrochen und deren Name wohl daher rührt, dass sich die Bewohner der Sfakia weder von den Venezianern, noch von den Türken, noch von der deutschen Wehrmacht mit ihren grausamen Massakern ihren unbeugsamen Stolz, ihre Würde und ihre Freiheit hatten rauben lassen. Das dort oben in einem kleinen Weiler gelegene Kriegsmuseum, eine private Sammlung von Fundstücken der kriegerischen Vergangenheit Kretas, insbesondere natürlich der Zeit des zweiten Weltkriegs, hatte es ihrem Sohn (die Tochter war nicht so begeistert gewesen) angetan, eine Sammlung, die ihresgleichen auf der Welt sucht, ist sie doch das Produkt der lebenslangen psychischen Verarbeitung traumatischer Kindheitserlebnisse ihres Begründers, der als Zehnjähriger starr vor Angst aus einem Versteck mit ansehen musste, wie seine ganze Familie beim Einmarsch der Wehrmacht in Askifou ausgelöscht wurde.

Askifou, ungebeugt, welcher Name, welch ein Programm für eine abgelegene, kleine Hochebene auf einer Insel am Rande Europas. Lange musste er noch darüber nachsinnen, während langsam die Sonne aufging und die Ebene von Frangokastello in sommerlich gleißendes Licht tauchte.

I. 2042

…...Begonnen hatte alles an einem dieser dunstigblauen Maitage, an denen eine bereits früh am Morgen spürbare Wärme eine erste Ahnung des bevorstehenden Sommers aufkeimen lässt und letzte Fliederdüfte vom endenden Frühling künden.

Fahlgelb ging die Sonne eben über den kahlen Hängen des Fischerbergs auf, den im vorvergangenen Jahr der letzte einer ganzen Serie heftiger Herbststürme, wie sie der unbestreitbare Tatsache gewordene Klimawandel mit sich brachte, beinahe vollständig entwaldet hatte, so dass er jetzt schütter dalag wie der Rock eines Bettelmanns. Die blasse Sonne spiegelte sich in den nahezu blinden Fenstern der ehemaligen Porzellanfabrik Seltmann, was den eigentümlich schwefligen Farbeindruck, der über der Stadt lag, noch verstärkte. „Alle Bürger Weidens möchten sich heute ab 1o Uhr zur jährlichen Meldung in den Stadtteilzentren einfinden…“, forderte eine metallisch klingende, unpersönlich digitale Stimme aus den riesigen dreieckigen Lautsprechern, die alle 500 Meter auf den nach Abschaffung der Mobiltelefone nutzlos gewordenen Mobilfunkmasten angebracht waren und die wie überdimensionierte Ohren über den trostlosen Hausfassaden thronten. Böse Zungen behaupteten ja, dass der Schall auch in umgekehrter Richtung hin zu den Lautsprechern flösse, um von diesen aufgesogen zu werden, womit die Überwachung der Bürger komplettiert wurde. „….Wer wegen Krankheit oder anderer Gründe nicht selbst kommen kann, wird von Mitarbeitern der Stadtverwaltung aufgesucht werden. Wir ersuchen diese Personen daher, ihr Haus oder ihre Wohnung nicht zu verlassen, ehe dieser Besuch nicht erfolgt ist.“ Wie um die Anordnung der Stimme noch zu unterstreichen, begann im gleichen Moment der Sensor in Johanns Arm unangenehm zu vibrieren.

Diese Meldepflicht war trotz der Tatsache, dass alle Bürger gechipt waren und dadurch ohnehin lückenlos überwacht werden konnten, nach den letzten großen, völllig außer Kontrolle geratenen Hungeraufständen im vorletzten Winter eingeführt worden, als es den staatlichen Organen nur mit knapper Müh und Not und nur unter massivem Einsatz von Polizei und Militär gelungen war, die staatlichen Lebensmitteldepots vor der Plünderung durch die Bevölkerung zu schützen. Nach tagelangen Kämpfen mit hohen Verlusten auf beiden Seiten konnte schließlich der Bürgerfriede wiederhergestellt werden, allerdings zu dem Preis, dass im letzten, angesichts des Klimawandels unerwartet harten Winter in Deutschland einige zehntausend Bürger, vorwiegend Alte und Kranke entweder erfroren oder verhungert waren, was nicht zuletzt auch den horrenden Strompreisen geschuldet war, welche von einem Gutteil der Bevölkerung nicht mehr getragen werden konnten. Die eine Stunde Gratis-Strom, die jedem Haushalt täglich zugestanden wurde, hatte daran auch nichts ändern können. Seitdem musste sich jeder Bürger am vorletzten Sonntag im Mai bei der für ihn zuständigen Gemeindeverwaltung melden, um seinen Aufenthaltsort mit den gespeicherten Daten abgleichen zu lassen und um ihm vor allem nicht vergessen zu lassen, dass der Staat jederzeit ein unbestechliches Auge auf ihn hatte. Diese Kontrollen waren zu Zeiten, als jeder Bürger noch ein Smartphone oder diese Gesundheitsarmbänder hatte, über diese erfolgt, konnten doch die Sicherheitsorgane den Aufenthaltsort und das Bewegungsprofil eines jeden Bürgers punktgenau und in Echtzeit realisieren. Doch nach der großen Finanz- und Energiekrise in den 2020er und 2030 Jahren und den politischen Unruhen, die durch das Erstarken rechtsnationaler, völkischer Parteien ausgelöst worden waren, waren diese für die zuständigen Innenressorts fetten Zeiten unwiederbringlich vorbei. Denn die Smartphones waren in der Folge dieser Unruhen verboten worden, weil sie über die sozialen Netzwerke zur Planung von Bürgeraufständen und sonstigen Widerstandsaktionen gegen die staatlichen Organe missbraucht worden waren. Und auch die stromfressenden Gesundheitsarmbänder waren zu teuer und in diesen schlechten Zeiten auch überflüssig geworden. Letztendlich war man dann nach verschiedenen Versuchen mit kleinen Überwachungsdrohnen auf die Idee mit den implantierbaren Chips verfallen, die ab etwa 2030 jedem Bürger eingepflanzt wurden. Diese kleine Operation wurde von da an zunächst bei jedem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt vorgenommen und wurde schließlich nach erfolgreicher Testphase fortschreitend über die Kinder, die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen bis hin zu den Greisen auf alle Bürger ausgedehnt. Die Drohnenüberwachung wurde ab diesem Zeitpunkt wieder eingestellt, da die Bürger ihre Aktivitäten zunehmend ins Innere geschlossener Räume verlegt hatten und sich damit dem staatlichen Auge entzogen hatten.

„Zuwiderhandlungen werden mit der vollen Härte des Gesetzes geahndet“, schloss die Ansage mit einer unmissverständlichen Drohung.

„Ach, ihr könnt mich doch alle mal kreuzweise ……“, brummelte Johann missmutig, als er bei seinem Morgenspaziergang in üblicher Runde an der verfallenden Porzellan-Fabrik vorbei einen der Lautsprechertürme passierte.

Johann Reißnecker hatte mit seinen 81 Jahren sein Leben, wie er gerne kokettierte, ja praktisch schon hinter sich. Er war von großer, hagerer Gestalt, mit leichtem Bauchansatz und etwas nachlässiger Kleidung, was schon immer ein gewisses Merkmal an ihm gewesen war. Sein immer noch volles, kurz geschnittenes Haar war mittlerweile schlohweiß geworden. Von Kindheit an war er Brillenträger, derzeit trug er ein dunkles Gestell mit rundlichen Gläsern, was ihm im Verein mit seinem schmalen, sensiblen Mund ein strenges, zugleich intellektuelles Aussehen verlieh. Im Kontrast dazu standen die vielen Lachfältchen um seine Augen und sein freundlich zugewandtes Wesen. Beruflich als niedergelassener Psychotherapeut erfolgreich, hatte er erst mit 75 Jahren seinen Ruhestand angetreten, so wie es in Deutschland aufgrund des demographischen Drucks unumgänglich geworden war, bald nach dem kurzen Intermezzo von 2014 bis 2017, in dem das Renteneintrittsalter von 67 auf 63 Jahre gesenkt wurde, was unter dem Schlagwort „Nahles-Desaster“ in die Geschichtsbücher eingegangen war. Er lebte seit seinem Ruhestand von der bürgerlichen Einheitsrente von 1000 Mark, die nachdem der Euro abgewickelt und zwei zu eins zurück getauscht worden war, jedem ehemals Berufstätigen ohne Ansehen seiner früheren beruflichen Stellung zugestanden wurde.

Er lebte davon mehr schlecht als recht, zumal die Lebensmittel auch schon seit längerem rationiert waren und Elektrizität ein nahezu unbezahlbares Luxusgut geworden war. Glücklicherweise war Johann handwerklich nicht ganz ungeschickt und hatte sich Zeit seines Lebens jenseits seines Berufs für viele andere Dinge, darunter auch Botanik und gartenbauliche Fragen interessiert, ein Umstand, der sich im Nachhinein für seine Versorgung mit Nahrungsmitteln als wahrer Segen herausgestellt hatte.

Seine Frau Monika hatte er nach beinahe 50 glücklichen Ehejahren vor zwei Jahren zu Grabe tragen müssen, nachdem sie sich die Kosten für die bei Darmkrebs notwendigen Operationen und Behandlungen nicht hatten leisten können, Kosten die von der allgemeinen Bürgerversicherung wegen Monikas Alters und der Prognose nicht übernommen wurden. Zudem waren ihre Ersparnisse und ihr Besitz in die Einheitsrente mit eingerechnet worden und auch dieses kleine Polster war nun ebenfalls nahezu aufgezehrt.