Atahash - Andreas Michels - E-Book

Atahash E-Book

Andreas Michels

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Beschreibung

"Ein jeder Mensch, egal ob Sklave oder Grande, wird sich irgendwann gegen das Leid auflehnen, das ihm angetan wird - und dann wird der Tod hier eine reiche Ernte halten!" Geldnot und nicht etwa der Glaube bringen den Hidalgo Alejandro Quesada im Jahr 1530 dazu, eine Schar Getreuer um sich zu sammeln und in die Neue Welt zu segeln. Unter dem Kommando des Generalcapitán Francesco Pizarro will er gegen die Inka ziehen. Nach langer Seereise durchkreuzt ein Sturm die Pläne des Adligen. Schwer beschädigt verliert Alejandros Schiff den Anschluss an den Konvoi und muss Kurs auf die rettende Küste nehmen. Kaum dem Tod auf See entronnen, finden die Spanier Hinweise auf eine verborgene Stadt der Indios im Landesinneren. Getrieben von der Gier nach Gold und religiöser Verblendung ziehen die Eroberer in die Tiefen des Urwalds, ohne zu ahnen, welch namenloses Grauen sie dort erwecken werden..

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

02/2025

 

ATAHASH – Der Marsch der Verdammten

 

© by Andreas Michels

© by Hybrid Verlag

Westring 1

66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung:

© 2024 by Magical Cover Design, Guiseppa Lo Coco

Lektorat: Gegenstromschwimmer Verlag

Korrektorat: Andreas Michels, Kathrin Michels

Buchsatz: Nadine Engel

Autorenfoto: privat

Illustrationen: © Copyright by Kathrin Michels

 

 

 

ISBN 978-3-96741-282-6

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

Printed in Germany

 

 

Andreas Michels

 

Atahash

 

Der Marsch der Verdammten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mystery

 

 

1. Kapitel

Sangre de Dios, 1530 a.D.

2. Kapitel

Auf hoher See

3. Kapitel

An der Küste der Neuen Welt

4. Kapitel

Das Haus der Welser

5. Kapitel

In Marienhafen

6. Kapitel

Erste Schritte

7. Kapitel

Gestrandet

8. Kapitel

Drill

9. Kapitel

Strafe

10. Kapitel

Erstes Blut

11. Kapitel

Das Schweigen des Todgeweihten

12. Kapitel

Der lange Arm der Suprema

13. Kapitel

Läuterung

14. Kapitel

Asche zu Asche

15. Kapitel

Grüne Hölle

16. Kapitel

Neu Bamberg

17. Kapitel

Die Teufelsschlucht

18. Kapitel

Im Reich der Heiden

19. Kapitel

Pethemumena

20. Kapitel

Ein Schritt zu viel

21. Kapitel

Wehe den Besiegten

22. Kapitel

Auge um Auge

23. Kapitel

Heimweg

24. Kapitel

Dunkle Zeichen

25. Kapitel

Locotenens Wellert

26. Kapitel

Ein Grab im Urwald

27. Kapitel

Die Brücke

28. Kapitel

Vergeltung

29. Kapitel

Das letzte Gefecht

30. Kapitel

Zurück im Urwald

31. Kapitel

Sehet den Heiland

32. Kapitel

Die Qual der Wahl

33. Kapitel

Marsch der Toten

34. Kapitel

Der Handel mit dem Teufel

35. Kapitel

Der Preis des Erfolgs

36. Kapitel

Die dunkelste Stunde

37. Kapitel

Verraten und verkauft

Epilog

Nachwort

 

 

 

 

 

1. Kapitel

Sangre de Dios, 1530 a.D.

 

 

Die türkise Farbe der Karibischen See hatte sich in eisiges Grau verwandelt, welches in unablässigen Brechern gegen den Bug der Sangre de Dios donnerte. Fünf Tage stampfte die alte Karacke nun schon durch die sturmgepeitschte See, fuhr hinab in tiefe Wellentäler, nur um alsbald aus ihnen wieder emporgerissen zu werden.

An Deck trotzte, abgesehen von zwei Rudergängern und einigen Matrosen, die Wacht über die Sturmsegel hielten, nur ein einzelner Mann dem Orkan. Von den verzweifelt arbeitenden Seeleuten ignoriert, stand er im Bug des Schiffes, krallte sich mit beiden Händen an Tauen fest und starrte auf die rasende See hinaus. Lange hatte die Gischt ihm die vornehme Blässe aus dem Gesicht gepeitscht und ihn bis auf die Knochen durchnässt. Doch ungeachtet der Kälte, die seinen Körper schüttelte, harrte der Hidalgo aus.

Ununterbrochen suchten die tränenden Augen Don Alejandro Quesadas die Kimm ab, ohne jedoch zwischen den Wellenbergen eines der anderen Schiffe des auseinandergedrifteten Konvois ausmachen zu können, zu dem die Sangre de Dios bis vor kurzem gehört hatte. Seit nunmehr drei Tagen fehlte von den Karacken der kleinen Flotte unter dem Kommando von Generalcapitán Francisco Pizarro jede Spur.

Ständig gewann der Sturm an Stärke und hatte gestern unter den Seeleuten ein erstes Opfer gefordert. Mit Grauen dachte Alejandro an den gellenden Schrei des Mannes bei dessen Sturz aus den Wanten hinab in die tobende See. Allmählich begann er sich die Frage zu stellen, wann der Rest der Besatzung, ihn eingeschlossen, dem unglücklichen Matrosen nachfolgen würde.

Ein lautes Rufen riss den Hidalgo schließlich aus seinen düsteren Gedanken und ließ ihn sich umsehen. Vor ihm stand der Schiffsjunge, ein Elfjähriger mit einer Menge maurischen Blutes in den Adern. Der Knabe musste aus Leibeskräften schreien, um sich mit ihm verständigen zu können. »Don Alejandro, der Capitán wünscht, Euch zu sprechen! Es ist dringend!« Die Antwort des Hidalgos bestand aus einem knappen Nicken und im Anschluss aus einem Winken, mit dem er den Jungen davon scheuchte. Schweigend verfolgte er den lebensgefährlichen Rückweg des Knaben zum nächsten Schott, den er nur mithilfe der angebrachten Strecktaue bewältigen konnte.

Erst als er in der relativen Sicherheit des Unterdecks verschwand, wandte sich Alejandro wieder der wütenden See zu, um erneut in finsteren Gedanken zu versinken und diesen Sturm zu verfluchen.

Einige Minuten später wandte er sich mit einem Ruck ab und griff wie der Schiffsjunge zuvor in die Strecktaue, um sich mühevoll nach Achtern vorzuarbeiten. Als er schließlich das Heck der Karacke erreichte, zitterte er am ganzen Leib und duckte sich mit keuchendem Atem unter Deck.

 

Er fand Capitán Mendoza in seiner Kajüte vor, wo er sich soeben im flackernden Licht einer Talglaterne über eine Seekarte beugte. Wie auch Alejandro selbst, war der Kommandant des Schiffs bis auf die Haut durchnässt, was ihm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aber nicht viel auszumachen schien. Der Raum mutete kalt und klamm an, wie in einer nassen Höhle. Unwillkürlich schauderte der Hidalgo und musste ob des dichten Qualms, den die Talglampe als einzige Lichtquelle im Raum abgab, mehrfach husten.

Hierauf hob sich der Kopf des Seemanns vor ihm. Er deutete eine knappe Verbeugung an, nachdem er erkannt hatte, wer sich nun mit ihm in der Kajüte befand. »Don Alejandro, ich will es kurz machen! Auf dem gegenwärtigen Kurs ist es mir unmöglich, weiterhin für das Schiff zu garantieren. Der Sturm gewinnt weiter an Stärke und wir nehmen stündlich mehr Wasser über. Gott allein weiß, wie lange die Masten noch halten!«

Alejandro konnte den Mann vor sich nur schweigend ansehen, während er versuchte, die Ruhe zu bewahren. Für einen Moment fürchtete er absurderweise, dass der Capitán das Zittern seines frierenden Leibs als Furcht auslegte. Schon, weil er damit noch gar nicht mal so falsch lag.

Da eine Antwort ausblieb, sprach Mendoza sogleich weiter. »Ich sehe nur einen Weg, um das Schiff zu retten: Eine Kursänderung in Richtung Süden wird uns Erleichterung verschaffen! Und so Gott will, werden wir die Küste erreichen, bevor uns die Masten brechen.« Die Hoffnung sprach deutlich aus den müden Augen des Capitáns, doch klang er gleichzeitig, als ob er mit einem begriffsstutzigen Kind redete.

Immer noch schweigend atmete Alejandro tief durch. Eine Kursänderung bedeutete das definitive Ende seiner ehrgeizigen Pläne! Pizarro hatte vor ihrer Abreise in Cádiz klargemacht, dass er ohne Rast nach Panama und dann von dort aus auf dem Landweg gen Südwesten weiterreisen würde. Eine Weile drang nur das Heulen des Sturms durch die Kajüte, bevor Alejandro den Kopf schüttelte und eine Antwort förmlich herauspressen musste. »Ausgeschlossen, Capitán!« Ohne abzuwarten, wandte er sich hastig ab und warf im Gehen die Tür der Kajüte hinter sich zu.

Seine Flucht führte ihn in Richtung Bug, denn den Komfort einer eigenen Kabine konnte noch nicht einmal Alejandro auf dem rein auf Frachttransport ausgelegtem Schiff in Anspruch nehmen. Mit einem dicken Kloß im Hals stieg er die schmale Steigleiter in den Frachtraum hinab, wo sich die Konquistadoren mehr schlecht als recht mit Hängematten eingerichtet hatten. Im Schein zweier flackernder Laternen wirkten die Männer wie eine zusammengepferchte Viehherde, zwischen der nicht festgezurrte Ausrüstung bei jedem Rollen des Schiffes herumkugelte. Unwillkürlich rümpfte Alejandro die Nase, als ihm die schon altbekannte Duftmischung aus ungewaschenen Leibern, Qualm, Viehgestank und Erbrochenem entgegenkam.

Wohin er auch sah, erblickte er bleiche Gesichter mit tief in den Höhlen liegenden Augen, die ihn mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung anstarrten. Sicherlich hofften seine Gefolgsleute, etwas Aufmunterndes von ihm zu hören, doch wollte ihm nichts in den Sinn kommen.

Mit zusammengebissenen Zähnen schwankte der Adlige durch den Laderaum und wurde auf halbem Weg von einem von oben kommendem Schwall Wasser erneut durchnässt, der durch ein undichtes Oberlicht hereinkam. Mit äußerlich zur Schau gestelltem Gleichmut ertrug er die eisige Kälte, bis er endlich den Bug erreichte. Dort hatten sich Alejandro und die beiden anderen Hidalgos auf diesem Schiff einen Bereich durch eine Plane abgeteilt. Kaum fiel sie hinter ihm herab an ihren Platz, da sank der Spanier mit einem erleichterten Seufzen auf seine Hängematte, schlang die Arme um den Oberkörper und schloss die Augen.

Ihm war immer klar gewesen, dass er als Viertgeborener keine großartige Erbschaft erwarten konnte, sah man vom Titel eines Hidalgo de Sangre, dem damit verbundenen guten Leumund und genug Geld ab, um sich eine eigene Lebensgrundlage aufzubauen. Statt aber den durchaus wohlmeinenden Ratschlägen des Vaters zu folgen, hatte er sich lieber dem Wein und dem Weibsvolk gewidmet.

Ein Weg in die Gosse schien ihm nach einigen Monaten der gedankenlosen Verschwendung vorgezeichnet zu sein, wäre er nicht dem Werber des Generalcapitáns in die Arme gelaufen, der wagemutige Männer von Stande wie ihn suchte. Damals klang es einfach zu verlockend. Eine Expedition unter der Führung von Francisco Pizarro höchstpersönlich in einen bis dato unbekannten Teil der Neuen Welt, bei der es Gold und Ruhm für jeden Teilnehmer in Massen geben sollte.

Alejandro investierte, ohne lange zu überlegen, sein verbliebenes Vermögen und verschuldete sich darüber hinaus zu unverfrorenen Zinsen bis über beide Ohren. Die mit diesem Geld aufgestellte Einheit hätte ihm einen ordentlichen Anteil am erzielten Gewinn der Unternehmung gebracht. Doch nun schien es, als ob ein verdammter Sturm all seine Träume zerschlug, ohne dass er auch nur die Chance bekam, gegen die Heiden zu ziehen...

Als er die Augen wieder öffnete, wurde er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der beiden anderen Anwesenden bewusst. Philippe entstammte, wie er selbst, der Familie eines Granden. Ciscos Abstammung dagegen wies auch im besten Licht betrachtet wenig Glanzvolles auf. Doch umso glorreicher mussten die Taten des älteren Kämpens während der Reconquista gewesen sein, denn nur so ließ sich eine Erhebung in den Adelsstand erklären. Aber auch in Sachen Erscheinungsbild gab es merkliche Unterschiede. Don Cisco wies die breiten Schultern und harte Hände eines Mannes auf, der mittlerweile jahrzehntelang dem Kriegshandwerk nachging. Bart und Schläfen des Hidalgos zierte bereits das Grau des Alters. Philippe dagegen wies eine eher zierliche Statur auf und war mit einem ausnehmend hübschen Gesicht gesegnet, dessen helle Haut fast schon an schimmerndes Porzellan erinnerte.

Mit schreckgeweiteten Augen starrte ihn der Jüngere an. »Wie sieht es aus? Wird es bald besser?« Noch bevor Alejandro den Mund öffnen konnte, kam aus Cisco´s Richtung ein verächtliches Schnauben. Dieser lag auf seiner Hängematte ausgestreckt und ließ ein Bein lässig über den Rand hängen. »Unser junger Freund hier hat nichts mehr im Magen, um die Fische zu füttern, musst du wissen!«

Philippe setzte sichtlich erbost zu einer Antwort an, doch schaffte Alejandro es, ihn mit einer harsch erhobenen Hand zur Räson zu bringen.

Schon seit dem Ablegen gab es zwischen beiden Hidalgos immer wieder Querelen, die einen beständigen Quell von Ärger für ihn darstellten. Für gewöhnlich ließ er sie gewähren, nun aber widerte ihn das Gehabe der beiden nur an. »Ruhe, verdammt noch mal!«, rief er und versuchte gleichzeitig, seine Gedanken zu ordnen. Die Kälte machte es ihm schwer zu denken. Ehe er jedoch versöhnliche Worte fand, zog sich Philippe unvermittelt auf die Beine und stolperte würgend aus dem Verschlag.

Perplex sah Alejandro ihm hinterher, bis Ciscos gebrummter Bass an sein Ohr drang. »Wie schlimm ist es?« Erst nach energischem Räuspern gelang es dem Hidalgo, eine Antwort zustande zu bringen, so schnürte es ihm den Hals zu. »Der Sturm nimmt zu! Mendoza will gen Süden abdrehen« Das wettergegerbtes Gesicht seines Gegenübers verdüsterte sich für einen Augenblick, bevor er nickte. »Ist wahrscheinlich die beste Lösung. Ich mag nicht viel von Seefahrt verstehen, aber falls wir entmastet werden, hilft uns nur noch beten.«

Alejandro wollte schon auffahren, jedoch kam ihm Cisco mit abwehrend erhobener Hand zuvor. »Ich weiß, was das bedeutet! Doch selbst wenn der verehrte Padre Miguel anderer Meinung ist, können die Indios noch etwas auf ihre Bekehrung warten. Dafür müssen wir es nämlich erst einmal lebend in die Neue Welt schaffen!« Kurz hielt Alejandro dem Blick seines Gegenübers stand, bevor er den Kopf senkte und sich mit zitternder Hand durchs nasse Haar fuhr. »Damit verlieren wir gemäß den Statuten der Capitulación jeden Anspruch auf einen Anteil an Pizarros Expedition!«

Abermals schnaubte der alte Hidalgo. »Darüber können wir uns Gedanken machen, wenn wir diesen Hexentanz überlebt haben!« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Und vergiss nicht: Pizarro ist in genau denselben Sturm geraten! Möglicherweise finden wir ihn und den Rest der Expedition an der Küste!«

Wortlos sah Alejandro Cisco an, derweil um sie herum das Schiff ächzte und knarrte, als wollte es jeden Moment auseinanderbrechen. Täuschte er sich oder nahm der Sturm auch jetzt noch weiter an Kraft zu? Vernunft, Angst und Stolz trugen in ihm einen wilden Kampf aus. Konnte man ihm eine Meinungsänderung so kurz nach seiner Absage nicht als ein Zeichen von Schwäche auslegen? Und was würden die Männer sagen?

Nun lag es an Alejandro, zu schnauben. Wahrscheinlich recht wenig, wenn er bedachte, wie dieser ängstliche Hühnerhaufen sich im Laderaum zusammenkauerte.

Allesamt Hafenarbeiter, Bauern, Tagelöhner, die für das Versprechen von Reichtümern ihr Kreuz gemacht hatten.

Schließlich fällte er eine Entscheidung und erwog noch kurz auf Philippes Rückkehr zu warten, um sie mit ihm zu besprechen. Aber zum einen schien dieser sowieso ganz unstandesgemäß die Hosen voll zu haben und zum anderen oblag Alejandro als Hauptzahlendem letztlich sowieso die Befehlsgewalt. Also setzte er sich auf und rief Paco. Sein Diener erschien nach einer, für ihn ungewöhnlich langen Wartezeit, um mit sichtlich blassem Gesicht Anweisungen zu erwarten.

Alejandro reckte forsch das Kinn vor und überging wissentlich den erbärmlichen Zustand des jungen Lakaien. »Paco, werde beim Capitán vorstellig und richte ihm aus, dass er den Kurs ändern kann, wenn er dies zur Rettung des Schiffes für unbedingt notwendig erachtet!« Die Antwort des Dieners bestand aus einem eiligen Kratzfuß, gefolgt von einem hastigen Abgang. Resigniert sah Alejandro ihm nach, bis der Vorhang wieder zufiel. Diesen starrte er weiter an, bis Kälte und Übermüdung ihren Tribut zu fordern begannen und der Hidalgo alsbald hintenüber auf sein Lager sank, um in einen unruhigen, von Albträumen geschüttelten Schlaf zu fallen.

 

2. Kapitel

Auf hoher See

 

 

Drei Tage waren seit der Kursänderung der Sangre de Dios vergangen. Zwar verschaffte der neue Südkurs dem Schiff nahezu augenblicklich Erleichterung, dennoch musste die Besatzung der Karacke bis an den Rand der totalen Erschöpfung schuften, um das Schlimmste zu verhindern. Alejandro konnte nicht sagen, ob es an Mendozas meisterlicher Seemannschaft oder schlicht an einer Intervention Gottes lag, doch sie überstanden das Unwetter ohne weitere Verluste an Menschenleben. Auch jetzt noch standen unheilverkündende Wolken am Himmel, aber der Sturm verlor zusehends an Kraft.

Umso deutlicher offenbarte sich nun das Chaos, welches am Oberdeck herrschte. Teile der losgerissenen Takelage hingen in Fetzen bis zum Deck hinab, wo zertrümmerte Geräte nahezu jeden freien Fleck bedeckte. Die übermüdeten Matrosen begannen mit den Aufräumarbeiten, doch einige der Schäden konnten auf See sicher nicht behoben werden, wie Alejandro vermutete.

Er stand wieder an seinem Beobachtungsposten im Bug und hielt Ausschau nach den anderen Schiffen des Konvois. Auch wenn der Ausguck im Krähennest hoch über ihm sicherlich weitaus früher etwas entdecken würde, so beruhigte es ihn ungemein auf die aufgewühlte See hinauszublicken. Im Stillen dankte der Adlige dem Herrgott für die Rettung, während er gleichzeitig bereits an die Zukunft dachte.

Die Entscheidung, den Kurs zu ändern, mochte ihnen allen das Leben gerettet haben, aber nun stand der Ausgang dieser Expedition auf Messers Schneide, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Seufzend wandte sich Alejandro von der See ab, um stattdessen den Blick über das Deck der Sangre de Dios schweifen zu lassen. Überall arbeiteten Matrosen und erzeugten dabei einen Heidenlärm.

Auf dem Achterkastell konnte er den Navigator des Schiffs ausmachen, der dort sichtlich ungehalten mit seinem Jakobsstab herumhantierte. Offenkundig gab es ob der Wolkendecke nichts für ihn zum Anpeilen, sodass ihre aktuelle Position immer noch ein Mysterium blieb. Auch ein Punkt, der nur wenig zu einer verbesserten Laune Alejandros beitrug.

Verbittert versuchte er, Trost im endlosen Rauschen der Wellen zu finden, doch wurden seine düsteren Gedankengänge alsbald von Señor Luengo unterbrochen, der sich von der Seite an ihn heranpirschte. Nur mit Mühe konnte Alejandro eine gleichgültige Miene beibehalten, denn der Beamte widerte ihn schon seit ihrem ersten Zusammentreffen in Cádiz zutiefst an. Und wahrlich lag es nicht nur daran, dass Luengo im Dienst der Casa de Contratación stand. Seine Aufgabe bestand als königlicher Escribano darin, jede gemachte Beute der Expedition akribisch aufzuzeichnen, um später der spanischen Krone ihren fünften Teil sicherzustellen.

Doch selbst wenn man davon absah, mochte Alejandro den Beamten nicht einmal mit einer Schmiedezange anfassen! Der Mann erinnerte ihn an eine Ratte, so wie seine kleinen Äuglein hin und her huschten, scheinbar stets auf der Suche nach irgendetwas Interessantem. Die hohe, quietschende Stimme Luengos trug ein Übriges dazu bei, diesen Eindruck des Hidalgos noch zu verstärken.

Alejandro stellte mit innerer Genugtuung fest, dass Luengo einen Verband um die linke Hand trug. Dort zeigte sich ein etwa münzgroßer Fleck aus getrocknetem Blut. »Señor, ich benötige einen Augenblick Eurer geschätzten Zeit«, schnarrte ihn der Schreiber grußlos an. Statt zu antworten, betrachtete Alejandro zunächst eine Weile die kabbelige See, bevor er ihn ansah. »Ihr hattet Pech, wie ich sehe?«

Der deutlich kleinere Mann presste die dünnen Lippen zusammen und kratzte unwirsch an dem Verband herum. »Ja, ich habe den Halt verloren und wurde durch den Frachtraum geschleudert. Der Metzger, denn sie hier einen Schiffsarzt nennen, hat sich die Wunde angesehen. Ist bald wieder in Ordnung!« Schon als der Schreiber zu sprechen begann, wandte Alejandro sich erneut der See zu. Ein weiteres Mal suchte er die Kimm nach Segeln ab und nickte dabei geistesabwesend.

Luengo würde ihm eh nicht von der Pelle rücken, bevor er seine Antworten bekam. »Freut mich zu hören!« Kurz atmete er durch. »Was kann ich für Euch tun?« Der quengelnde Tonfall des Beamten machte klar, wie wenig es ihm behagte, sich mit dem Rücken Alejandros unterhalten zu müssen. Nun räusperte er sich vernehmlich und musste schließlich sogar die Stimme heben, um gegen eine neuerliche Böe anzurufen, wie der Hidalgo mit diebischer Freude feststellte. »Nun, mich verlangt es zu erfahren, wie es von nun an weitergehen wird. Wir haben den Anschluss an den Konvoi des Generalcapitáns verloren. Wie Ihr wisst, ist er der Vertragshalter mit der Casa de Contratación und somit Oberhaupt der Expedition. Eine Unternehmung auf eigene Faust ist keinesfalls vorgesehen!«

Glücklicherweise konnte er Alejandros Gesicht nicht sehen. Dessen Kiefermuskeln traten deutlich hervor, genau wie auch alle Farbe aus der Hand wich, die sich immer fester um das Halteseil zu seiner Rechten legte. Was bildete sich dieser Kerl ein? Allein schon der Tonfall, in dem er es wagte, mit ihm zu reden, stellte eine unwahrscheinliche Beleidigung dar. Zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort hätte ein Schreiberling ein solches Verhalten rasch bereut. Hier stand er als Vertreter der Krone allerdings am längeren Hebel. Also atmete Alejandro innerlich durch und antwortete, ohne dabei den Beamten anzusehen. »Ihr kommt wie immer schnell zum Punkt! Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich weiß es noch nicht! Wie Euch bereits aufgefallen sein sollte, sind wir nur knapp dem Sturm entkommen, gepriesen sei der Herr!«

Alejandro bekreuzigte sich mit der freien Hand, bevor er weitersprach. »Wir brauchen Zeit für Reparaturen und wie mir Capitán Mendoza vorhin mitteilte, benötigen wir auch dringend frisches Trinkwasser. Es sind viele Wasserfässer zu Bruch gegangen. Also segeln wir bis auf weiteres gen Südwesten, wo wir in drei bis vier Tagen Land sichten sollten. Wie es danach weitergeht, wird sich zeigen!«

Er konnte den forschenden Blick des Escribanos förmlich im Rücken spüren, als dieser antwortete. »Sehr wohl! Das war auch schon alles, was ich wissen wollte. Mit Eurer gütigen Erlaubnis werde ich mich nun zurückziehen«

Mit einem unwirschen Winken verscheuchte Alejandro den Schreiber, um wenigstens eine Zeitlang wieder seine Ruhe zu haben. Später am Tag stand ein Gottesdienst für den ertrunkenen Seemann an. Vielleicht gab es bis dahin genauere Informationen über das wahre Ausmaß der Schäden, das sich bisher immer noch nicht abschätzen ließ. Auf Mendozas Bitte hin hatte Alejandro einige Leute den Reparaturtrupps zugeteilt, auch wenn die zumeist unerfahrenen Männer nur bedingt eine Hilfe für die Matrosen darstellten. Anpacken konnten sie aber allemal bei den schweren Arbeiten und kamen dabei sogar noch auf andere Gedanken.

Derweil er seine Suche entlang der Kimm wieder aufnahm, lauschte der Adlige mit halbem Ohr dem Radau der Instandsetzungsarbeiten. Ein Trupp klarte gerade fluchend mit Äxten und Taumessern die Takelage auf, während eine andere Arbeitsgruppe bereits ein neues Segel für den in Mitleidenschaft gezogenen Fockmast vorzubereiten begann.

Schwere Schritte kündeten bald eine erneute Störung an. Mit einer knappen Drehung des Kopfes erkannte Alejandro dieses Mal Don Cisco. Der Hidalgo griff wortlos nach einem straff gespannten Tau und zog sich mit einem angestrengten Brummen zu ihm nach oben auf den Vorbau des Bugs.

Fürs Erste sah er ebenfalls schweigend auf die See hinaus und eröffnete dann das Gespräch in abgeklärtem Tonfall, während die Augen Ciscos immer noch die Kimm absuchten. »Die Leute sind rastlos! Sie fragen, wie es weitergeht«, ließ ihn sein Untergebener wissen.

Auch Cisco selbst schien dieses Thema zu beschäftigen, wie Alejandro durch einen prüfenden Seitenblick erkannte. Das wettergegerbte Gesicht des Mannes neben ihm zeigte keine Regung und dennoch konnte man eine gewisse Unruhe aus seiner Mimik herauslesen. Wenig verwunderlich, wenn man bedachte, dass er seine vergleichsweise bescheidenen Mittel ebenfalls gänzlich in dieses Unternehmen gesteckt hatte. Eine Rückkehr mit leeren Händen in die Heimat käme also einer Katastrophe gleich.

Alejandro rang sich ein Lächeln ab. »Uns bleibt wenig anderes übrig, als auf Gott zu vertrauen. Wir sind hierhergekommen, um sein Wort zu verbreiten. Er wird uns nicht vergessen!« Die Tatsache, dass allein auf diesem Schiff achtzig kampffähige Passagiere reisten, aber nur ein geweihter Priester, mochte Alejandros Aussage ziemlich verwässern. Dennoch nickte Cisco. »Wenigstens gibt es bald etwas Anständiges zu beißen!« Auf einen fragenden Blick Alejandros hin spuckte sein Offizier in die See. »Eines der Maultiere hat sich ein Bein gebrochen. Wir werden es erlösen müssen...«

 

Einige Stunden später kam die See vollends zur Ruhe und ein deutlich wahrnehmbarer Bratenduft zog durch das Schiff. Je stärker die Besatzung diesen vernahm, desto weiter stieg ihre Laune. Zwar würde für jedes Besatzungsmitglied nur ein kleiner Brocken übrigbleiben, aber dennoch freuten sich die Männer wie Kinder auf das Abendmahl.

Manch einer mochte deswegen wohl auch der auf dem Oberdeck abgehaltenen Messe nur schwerlich den gebührenden Respekt zollen, denn der von der Seebrise bald verwehte Weihrauchduft konnte kaum den Essensgeruch überdecken, den der Wind herantrug. Da die Kochstelle des Schiffes nicht einmal im Ansatz für so viel Fleisch ausreichte, wurde kurzerhand die kleine Schiffsschmiede ebenfalls mit belegt.

Schließlich war es so weit und die Essensausgabe stand an. Don Alejandro verfolgte das ganze Durcheinander seit der Schlachtung des Maultiers mit einer Mischung aus Resignation und Erheiterung. Auch wenn er sich für die Männer freute, so konnte er nicht sagen, ob er schon jemals ein dermaßen zähes Stück Fleisch gegessen hatte. Egal wie energisch er darauf herumkaute, es behielt hartnäckig die Konsistenz von Leder.

Zusammen mit Philippe und Cisco speiste er mit dem Capitán in dessen Kajüte an einem viel zu kleinem Tisch. Für die Herrschaften hatte der Koch zu dem Fleisch eine Sauce improvisiert, dazu gab es gewässertes Brot und einen sehr süßen Madeira. Zu Hause würde Alejandro dergleichen wohl verschmäht haben. Hier jedoch kam das Essen trotz des widerspenstigen Fleisches einem Festmahl gleich, wenn man bedachte, dass es in den letzten Wochen vor allem madiges Hartbrot, Stockfisch und Pökelfleisch zu essen gab!

Mendoza ließ zur Feier des Tages eine Ration Wein an die Männer ausgeben, was sie erwartungsgemäß mit begeisterten Hoch-Rufen quittierten. Nach dem Schrecken des Sturms bettelten sie förmlich um etwas Zerstreuung. Noch während in der Capitánskajüte gespeist wurde, ertönten bereits auf dem Oberdeck die ersten zotigen Lieder. Das Deck der Sangre de Dios vibrierte unter dem Takt, den dutzende Füße dazu stampften.

Nach Beendigung des Mahls lag es an ihrem Gastgeber, das Gespräch zu eröffnen. Mendoza schenkte den Dons erneut ein, lehnte sich dann zurück und faltete die Hände vor dem Bauch. »Señores, ich danke Ihnen für die Ehre Ihrer Gesellschaft an diesem Abend. Ich denke, es ist naheliegend, dass wir uns über einige Dinge klar werden müssen! Denn auch wenn ich die Männer feiern lasse, haben wir dazu eigentlich keinen Grund. Das Schiff ist schwerer beschädigt, als es den Anschein hat.« Kurz tauschte Alejandro Blicke mit Cisco und Philippe, während Mendoza schon weitersprach.

»Die zu Bruch gegangene Takelage können wir erneuern, auch das Segel ist bald gänzlich ersetzt. Allerdings hat der Rumpf wohl einiges an Schaden genommen, wir nehmen beständig Wasser über. Die Pumpen bleiben ab sofort besetzt. Und am Hauptmast wurden Risse festgestellt. Er wird keinen weiteren Sturm überstehen.« Der ernste Tonfall des Capitáns stand in deutlichem Widerspruch zu den heiteren Gesängen der Mannschaft vom Oberdeck. Don Cisco runzelte die Stirn. »Risse? Also war der Mast kurz vor dem Brechen?«

Capitán Mendoza setzte seinen Becher ab und nickte. »Wahrscheinlich, ja.« Schweigen herrschte in der Kajüte, als sich Alejandro, aber wohl auch alle anderen im Raum ausmalten, was der Verlust des Hauptmasts in diesem Sturm bedeutet hätte. Sein Gastgeber sprach schließlich weiter. »Hinzu kommen Schäden am Ruder, die jedoch reparierbar sind. Am schlimmsten allerdings sind die undichten Planken im Rumpf. Das Schiff wird über kurz oder lang sinken, wenn wir nicht vorher einen Hafen erreichen!«

Alejandro legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander und musterte den Capitán eindringlich. »Also haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Wie sieht es mit Trinkwasser aus?« Auch die anderen Hidalgos neben ihm lauschten gespannt. Philippe kaute dabei wie ein kleiner Junge auf den Lippen herum. Mendoza nahm einen weiteren Schluck Wein, bevor er antwortete. »Sagen wir es so: Wir werden wahrscheinlich eher ertrinken, als das uns das Wasser ausgeht, Señores!«

Zum ersten Mal an diesem Abend ergriff Don Philippe das Wort. »Ich habe mir die Karten der Küstenregion angesehen. Warum segeln wir bis zur Küste und werfen nicht schon vor einer der Inseln dort Anker?« Alejandro fühlte sich durch seinen Tonfall an einen naseweisen Schuljungen erinnert, der mit seiner Erkenntnis einen allwissenden Lehrer auszustechen versuchte. Doch antwortete Cisco anstatt des Capitáns. »Weil diese kleinen Paradiese zum einen teilweise sehr unfreundliche Bewohner haben, die eine halbe Portion wie Euch aufgefressen haben, bevor Ihr auch nur »Maria, Mutter Gottes, hilf!« rufen könnt. Und zum anderen sind an der Küste die Chancen deutlich besser, Quellen und Baumaterial zu finden!« Mendoza hob zunächst sichtlich überrascht die Brauen, nickte dann jedoch zur Bestätigung von Ciscos Worten, während Philippe jegliche Farbe aus dem Gesicht wich. »Don Cisco«, fauchte er, »Ich rate Euch zum letzten Mal, auf Eure Zunge besser achtzugeben, falls Ihr sie behalten wollt!« Der ältere Hidalgo nahm statt einer Antwort ungerührt einen Schluck Wein und sah zu Mendoza. »Wenn ich mich richtig entsinne, gibt es in der Gegend mittlerweile einige Kolonien der Deutschen, oder?«

Abermals nickte der Capitán und fuhr sich mit der Hand über seinen mächtigen Schnauzbart. »Das Haus der Welser hat dort Plantagen an der Küste! Ich hoffe, bei ihnen die notwendigsten Reparaturen ausführen zu können.« Kurz musterte er Philippe, der immer noch hocherhobenen Hauptes Cisco anstarrte. Dieser hielt sich jedoch in aller Ruhe an seinem Becher fest und sah weiterhin zu Mendoza.

Um den Streit nicht weiter eskalieren zu lassen, ergriff Alejandro das Wort und wechselte das Thema. »Gesetzten Falles, uns gelingen die Reparaturen, wie geht es im Anschluss weiter? Ich denke, eine Rückkehr nach Spanien steht außer Frage!« Sowohl Philippe, der sich nun wieder setzte, als auch Cisco nickten nachdrücklich. Letzterer antwortete schließlich. »Ich meine, wir fahren mit dieser Unternehmung zunächst fort wie geplant. Wir segeln gen Nombre de Dios, wo wir auf jeden Fall die geladenen Waren verkaufen sollten.« Der alte Hidalgo lächelte dünn. »Immerhin wird das schon etwas Gewinn einbringen. Und dort werden wir am ehesten die Spur des Generalcapitáns wieder aufnehmen können.«

Mendoza nickte nachdrücklich. »Ich stimme zu, auch wenn es für eine endgültige Entscheidung noch zu früh ist. Aber ich weiß, wie sehr Euch dieser Schuh drückt, Señores!« Seufzend fuhr sich Alejandro mit einer Hand durch den Bart. »Nun gut, dann auf zu den Deutschen!«

 

3. Kapitel

An der Küste der Neuen Welt

 

 

Es dauerte drei weitere Tage, bis Alejandro den erlösenden Ruf des Ausgucks vernahm. Schon bevor das laut gerufene »Land in Sicht!« zum zweiten Mal ertönte, eilten Mannschaft und Passagiere der Karacke gleichermaßen an die Reling. Sie alle schirmten die Augen mit den Händen vor der Sonne ab und spähten angestrengt auf die See hinaus.

Alejandro befand sich ebenfalls unter den Neugierigen. Aber so sehr der Hidalgo die Kimm auch absuchte, konnte er zunächst noch nichts erkennen. Erst eine ganze Weile später zeichnete sich am Horizont eine dunkle Linie ab, welche nun aber schnell an Höhe gewann. Neben ihm plapperte der hinzugeeilte Luengo permanent auf ihn ein, doch Alejandro kümmerte es wenig, zu sehr nahm ihn der Anblick gefangen. Wie oft hatte er sich diesen Augenblick ausgemalt und in Gedanken auf dem Achterdeck gestanden, während die Sangre de Dios in einen der Koloniehäfen des spanischen Imperiums einlief. Aber stattdessen krochen sie förmlich auf Ellenbogen und Knien auf die Küste zu und konnten nur auf die Hilfsbereitschaft der Deutschen hoffen. Und selbst dafür musste eine entsprechende Plantage mit passender Hafenanlage erst einmal gefunden werden. Etwa die Hälfte der Welser-Niederlassungen verfügte laut Mendoza auch über zumindest grundlegende Werftanlagen für Reparaturarbeiten. Also lag immer noch alles in Gottes Händen!

Aber jetzt würden sie wenigstens nicht ertrinken müssen, denn an die Küste konnten sie es schlimmsten Falles allemal schaffen. Wobei der Gedanke, in dieser gottverlassenen Gegend ohne nennenswerte Ausrüstung zu stranden, Alejandro nur wenig behagte. Dafür kannte er zu viele Geschichten über Menschenfresser und allerlei monströses Getier, die nie gut endeten. Selbst wenn er eine gehörige Portion Seemannsgarn von dem Gehörten abzog, blieb genug übrig, um ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunterzujagen.

Lautes Geschrei des Bootsmanns riss ihn aus seinen Gedanken. Um Alejandro herum standen noch etwa ein Dutzend Matrosen, die augenblicklich ihre Beine in die Hand nahmen und sich wieder an ihre jeweilige Arbeit machten. Die Knute des Mannes wurde gemeinhin gefürchtet und auch jetzt schwang er sie freigiebig.

Gott sei Dank schien inzwischen Luengo begriffen zu haben, dass Alejandro gerade nichts an einer Konversation lag, denn er zog sich endlich zurück. Etwa zeitgleich machte der Hidalgo eine kleine Gruppe auf dem Achterkastell aus, die dort heftig gestikulierend diskutierte. Er konnte neben Mendoza noch den Navigator und einen der Steuermänner erkennen. Die Diskussion dauerte einige Minuten an, bis der Capitán mit einer harschen Geste rigoros einen Schlussstrich zog. Der Navigator stampfte mit hochrotem Kopf unter Deck, während der Steuermann zurück an den Kolderstock trat und ihn mit aller Kraft gen Steuerbord drückte.

Schwerfällig neigte sich die Karacke daraufhin zur Seite. Alejandro verfolgte mit gerunzelter Stirn das Manöver, blieb jedoch im Bug stehen. Bald segelte die Sangre de Dios auf Parallelkurs zur Küste entlang. Der neue Kurs würde sie gen Nordwesten führen, wenn er richtig lag. Erneut sah er zum Festland hinüber. Inzwischen zeigte sich dort ein heller Streifen Sand vor einem grünen Streifen Urwald, der kein Ende zu nehmen schien. Der Hidalgo konnte nur erahnen, was es für einen Arbeitsaufwand bedeuten musste, an so einem Flecken die Fläche für eine Siedlung und die dazugehörigen Felder zu roden.

Jemand trat neben Alejandro. Als er den Kopf zur Seite drehte, stand dort Mendoza, der eben ein Fernrohr ans Auge hob. Gespannt studierte der Hidalgo das Minenspiel des Capitáns und sah selbst immer wieder zur Küste hin. Schließlich setzte der Seemann das Fernrohr ab, um es in sich zusammen zu schieben. Sein Blick blieb stoisch auf den Strand gerichtet, als er betont leise zu sprechen begann. »Uns bleibt kaum noch Zeit. Wir nehmen ständig mehr Wasser über. Merkt Ihr, wie sie bereits schwerfälliger wird?«

Alejandro brauchte einen Augenblick, um diese Worte sacken zu lassen. Er verschränkte wortlos die Arme hinter dem Rücken und konzentrierte sich auf die Bewegungen des Schiffes, konnte jedoch nichts dergleichen erkennen.

Seine Antwort sollte beiläufig klingen, was ihm aber nur bedingt gelang. »Wie lange noch?« Mendoza suchte zunächst mit den bloßen Augen abermals die Küste ab. »Das ist schwer zu sagen! Bislang sind nur die Bilge und der untere Teil des Frachtraums geflutet. Doch die Pumpen werden diesen Kampf verlieren. Ich vermute, dass die Belastung des letzten Sturms für das alte Mädchen zu viel gewesen ist und einige Planken sich tatsächlich verschoben haben. Je tiefer die Sangre de Dios sinkt, desto mehr solcher Lücken gelangen unter Wasser. Es wird also immer schneller gehen.« Abermals pausierte er, bevor er weitersprach. »Zwei Tage gebe ich uns noch. Weniger, sollte die See wieder rauer werden.«

Nun musste Alejandro tief durchatmen. »Dann nehme ich an, dass ihr das Schiff vorher am Strand auf Grund laufen lassen wollt?« Mendoza nickte langsam. »Ja, etwas anderes bleibt uns nicht übrig, zumal das so oder so für die Reparatur getan werden muss. Allerdings wäre mir wesentlich wohler, wenn wir uns dafür in der Nähe einer befestigten Siedlung befänden.«

Alejandro deutete auf das Fernrohr in Mendozas Hand. »Darf ich?« Der Capitán gab es ihm und wandte sich zum Gehen ab. »Lasst es nachher bitte in meine Kajüte bringen!«, meinte er noch über die Schulter. Sogleich nahm Alejandro den Küstenstreifen genauer in Augenschein. Was er sah, ließ ihm den Atem stocken: Der grüne Streifen hinter dem Strand mutete wie eine undurchdringlich erscheinende Wand aus Bäumen und Gebüsch an, fest durchwuchert mit seilähnlichen Pflanzen. Etwas Vergleichbares hatte Alejandro noch nicht gesehen, selbst die fruchtbarsten Gegenden Spaniens kamen nicht an dieses Dickicht heran.

Die Sonne begann schon unterzugehen, als er schließlich das Fernrohr zusammenschob. Immer noch wollte sich keinerlei Zeichen von Zivilisation zeigen. Und was das anging, gab es auch keine Spur von den Heiden, wegen denen sie letztendlich in diese Neue Welt gekommen waren. Mit einer knappen Geste winkte der Hidalgo einen Seemann heran, um ihm das Fernrohr in die Hand zu drücken. Mehr als eine kurze Anweisung brauchte der Mann nicht und machte sich auf den Weg zur Kajüte seines Capitáns. Alejandro schaute erst ihm nach und beobachtete dann die anderen anwesenden Seeleute. Er konnte bei ihnen keinerlei Anzeichen von Unruhe ausmachen, was deutlich für Mendozas Führungsqualitäten sprach.

Eine Zeitlang später kehrte er unter Deck zurück. Dabei achtete er penibel darauf, gelassen voranzuschreiten. Weder für die Seeleute noch für seine eigenen Männer wäre es von Vorteil, ihren Anführer als Nervenbündel zu sehen. Schlimm genug, dass Philippe inzwischen ständig für Irritationen sorgte. Er musste mit dem Burschen so schnell wie möglich ein ernstes Wort wechseln. Auf diesem Schiff gab es dazu leider wenig bis gar keine Gelegenheit, da Alejandro sicher nicht einen anderen Mann von Stand vor dessen Untergebenen zurechtzuweisen gedachte.

Der Gestank des Unterdecks unterbrach nach wenigen Schritten seine Überlegungen. Er versuchte, nur flach zu atmen und setzte den Weg so rasch, wie möglich fort. Eingekerkerten Tieren gleich beobachteten die Männer jede Bewegung, die er machte. Nur zu deutlich hörte er weiter unten im Rumpf das Wasser plätschern, das durch die entstandenen Lücken in das Schiff eindrang. Aber auch hier oben konnte er viele Stellen erkennen, an denen die Besatzung behelfsmäßig Risse mit Tauwerk und Teer geflickt hatte.

Als Alejandro den Vorhang zur Seite schlug, fand er Don Cisco auf seiner Hängematte ausgestreckt vor. Er wirkte ruhig und gelassen, doch ihm entging der griffbereit in der Nähe des alten Hidalgos liegende Degen durchaus nicht. Von Philippe dagegen fehlte jede Spur. Wahrscheinlich lungerte er irgendwo auf Deck herum, denn er hasste die miefige, dunkle Enge des Unterdecks, wie Alejandro wusste. Jetzt, nach dem Ende des Sturms, konnte man ihn meist nur noch zum Schlafen hier unten antreffen.

Gemächlich sank Alejandro mit einem erleichterten Seufzen auf seiner Hängematte nieder und legte die Beine hoch. Eine Weile lauschte er den Geräuschen des Schiffes und der See. Einmal mehr fiel ihm dabei auf, wie still sich auch seine Leute auf der anderen Seite des Vorhangs im Vergleich zu sonst gebärdeten. Kein Gelächter, Gezanke oder Geschnatter drang an sein Ohr, ein untrügliches Zeichen für die Angst der Männer. Dennoch wollte ihm nichts einfallen, wie er ihnen noch Mut zusprechen konnte, bis er es schließlich aufgab und versuchte, etwas zu schlafen.

 

Geweckt wurde Alejandro von der Schiffsglocke, die den Wechsel von Nacht- zu Tagwache ankündigte. Mit lautem Gähnen setzte sich der Hidalgo auf und streckte sich ausgiebig. Irritierender Kopfschmerz pochte ihm nun hinter der Stirn, wie er feststellen musste. Zudem war sein Wams nassgeschwitzt und klebte wie ein klammer Fetzen am Oberkörper. Zunächst beließ er es dabei, auf dem Rand der Hängematte sitzen zu bleiben und sich die Schläfen zu reiben, während er nach Paco rief. Dieser zog auch bald den Vorhang zur Seite und brachte eine Waschschüssel herein, in der Seewasser hin und her schwappte. Zusammen mit Seife und einem Tuch wurde die Schüssel vor ihm auf einer Seekiste abgestellt. »Habt Ihr weitere Wünsche?« Reglos wartete der Lakai, bis Alejandro das Wort an ihn richtete. »Gibt es etwas Neues?«, fragte er mürrisch. Paco trat einen Schritt an ihn heran. »Im Laufe der Nacht wurden wieder Eimerketten gebildet. Sonst…«, er überlegte einen Moment, »keine Neuigkeiten. Leider!«

Mit einem knappen Nicken stand Alejandro auf und schlurfte zur Waschschüssel. »Gut, das war dann alles. Kümmere dich bitte um das Frühstück!« Abermals verneigte sich sein Diener. »Sehr wohl, Señor!«

Als er wenig später, nun vollends angekleidet und bewaffnet, die Plane zum Frachtraum zurückzog, fand er dort die Luken zum tiefer gelegenen Rumpf aufgeworfen vor. Eine Reihe Seeleute, immer wieder durchsetzt von den Männern der drei Hidalgos, reichten Eimer zum jeweils nächsten Mitglied der Schöpfkette. Besonders diejenigen an den Fallreeps, welche die vollen Behälter hochhieven mussten, schienen kurz vor dem Umfallen zu stehen.

Alejandro verteilte aufmunternde Worte, klopfte hier und da auf eine Schulter und machte sich dann schnellen Schrittes auf den Weg zur Schiffsmesse, wo das Frühstück normalerweise eingenommen wurde. Auf dem Weg dorthin passierte er eine weitere Eimerkette, die aber wohl noch nicht allzu lange ihre Arbeit aufgenommen hatte. Dennoch nahm sich Alejandro auch hier etwas Zeit für die Männer, um ihnen Mut zuzusprechen. Es verwunderte ihn kaum, dass er als Letzter eintraf, sah man von Capitán Mendoza ab, für den es aber wohl sicherlich wichtigeres zu tun gab. Cisco schob bereits mit stoischer Miene einen Löffel nach dem anderen in seinen Mund, ganz im Gegensatz zu Philippe neben ihm.

Den Hidalgos gegenüber saßen Señor Luengo und Padre Miguel, beide ebenfalls mit einem Napf vor sich. Beim Eintreten brummte Alejandro einen Gruß, den die Anwesenden verhalten erwiderten. Kaum nahm er am Ende der schmalen Tafel Platz, als Paco bereits mit dem Frühstück neben ihm erschien. »Schon wieder Getreidebrei?«, konnte er sich nicht verkneifen. »Señor, heute wurde er wenigstens mit Honig gesüßt!«, versuchte sein Diener eine Aufmunterung. Einige freudlose Lacher ertönten am Tisch, die aber bald verklangen. Schweigend nahmen die Männer ihr Mahl ein, derweil Don Cisco einfach nur zu den geöffneten Fenstern hinaussah. Wie jeden Tag beobachtete er die vielen Strudel, die sich am Heck des Schiffes unweigerlich bildeten. Überraschenderweise richtete Padre Miguel nach dem Ende des Mahls als erster das Wort an Alejandro. »Was glaubt Ihr, werden wir noch eine Siedlung der Deutschen finden?« Erwartungsvoll sah der Franziskaner ihn an.

Bedauernd schüttelte Alejandro den Kopf. »Ich fürchte, für den Moment sind wir auf Beten angewiesen. Ich war heute noch nicht bei Mendoza, was ich aber nun nachholen werde.« Ihm wurde es auf einmal zu eng in der Kajüte. Eine Spur zu eilig schob Alejandro die Holzschüssel fort, um schnellen Schrittes hinauf ans Oberdeck zu eilen.

Nach einiger Kletterei streckte er bald darauf seinen Kopf durch eine der Luken und zog sich dann vollends ins Freie. Es schien ein schöner Tag zu werden. Die See leuchtete in sattem Blau-Grün und nur wenige Wolken hingen am Himmel. Trotz der deutlich fühlbaren Brise wurde es bereits sehr warm. Während der Hidalgo den Capitán suchte, zog er die frische Seeluft mit gierigen Zügen ein. Welche Wohltat nach dem stickigen Mief des Unterdecks!

 

Er fand Mendoza wie vermutet auf dem Achterkastell, wo der Capitán mit sorgenvoller Miene die Eimerkette auf dem Mitteldeck beobachtete. Auch als Alejandro neben ihn trat, ließ er die schuftenden Männer nicht aus den Augen. »Sie arbeiten bis zum Umfallen, aber das Wasser steigt immer weiter. Meine Schätzung betreffs unserer verbleibenden Zeit ist wohl akkurat.« Der Hidalgo hob einen Mundwinkel. »Ein schwacher Trost!« Der Capitán zeigte hierauf keine Reaktion, sondern suchte stattdessen mit dem Fernrohr die Küste ab. »So Gott will, erreichen wir eine der Siedlungen, bevor es zu spät ist. Wir sind nahe dran, meine ich.« Der Hidalgo folgte seinem Blick. »Und ansonsten?« »Dann werde ich die Sangre de Dios heute Nacht bei Flut auf dem Sandstrand auflaufen lassen«, antwortete der Capitán leise.

Der Gedanke, in völliger Dunkelheit den Strand anzulaufen behagte Alejandro nicht im Geringsten. Er strich sich über den Bart und wollte eben etwas entsprechendes antworten, als ihm ein Ruf des Ausgucks zuvorkam, dessen Stimme sich beinahe überschlug. »Festung in Sicht! Backbord voraus!« Praktisch augenblicklich rannte die Deckmannschaft zur Reling und versuchte, an Land genaueres zu erkennen. Mit einem Mal schienen sämtliche Strapazen vergessen, Seeleute und Konquistadoren, alle johlten sie begeistert ob der Aussicht auf einen mehr oder weniger sicheren Hafen.

Alejandro dagegen blieb an Ort und Stelle, selbst wenn ihm das Herz auf einmal bis zum Halse schlug. Er beobachtete schweigend, wie Luengo, gefolgt von den Dons Philippe und Cisco an Deck kamen. Zuletzt erschien Padre Miguel. Wie die anderen auch, so versuchte der Geistliche einen Blick auf die Küste zu erhaschen, doch noch gab es dort wenig zu erkennen. Mendoza gab einige knappe Kommandos, um das Schiff weiter vom Ufer wegzubringen, was das Einlaufen in den Hafen erleichtern sollte.

Die Sonne stand schon fast im Zenit, als Mendoza die Sangre de Dios wieder aufkommen ließ und bald darauf einen scharfen Kurswechsel in Küstenrichtung befahl. Inzwischen vermochte Alejandro vor dem Grün des Urwalds schemenhaft die Konturen einiger Gebäude auszumachen, die am tiefsten Punkt einer Bucht errichtet worden waren. Im Hintergrund konnte er eine langgezogene Palisade erkennen, doch der Hafen selbst schien nur aus wenig mehr als ein paar Landungsstegen zu bestehen. Ein einzelnes Schiff lag dort vertäut.

»Ich würde sagen, wir haben es geschafft! Danken wir dem Herrgott für diese Gnade!« Unwillkürlich bekreuzigte sich Alejandro und nickte dem Capitán zu, der neben ihm stand. »Allerdings!« Bald konnte er den Flaggenmast am Rand der Bucht ausmachen, an dem zuoberst das Banner des Kaiserreichs wehte. Darunter hing ein weitaus kleinerer Wimpel, der ein ihm unbekanntes Wappen trug. Vermutlich das des Hauses Welser. »Die Flagge hat mich auf einen anderen Gedanken gebracht!« Mehr als ein fragendes »Mh?« brachte Alejandro nicht heraus, zu sehr beschäftigte ihn der Anblick. Nachdenklich stützte sich Mendoza neben ihm auf die Brüstung des Achterkastells. »Wie ist Euer Deutsch?«

 

4. Kapitel

Das Haus der Welser

 

 

Die Kolonie entpuppte sich als eine herbe Enttäuschung für Alejandro. Je näher die Sangre de Dios langsam der Küste kam, umso offensichtlicher wurde, wie übertrieben optimistisch die Festungsankündigung des Ausgucks doch gewesen war. Denn die Verteidigungsanlagen bestanden lediglich aus einem aufgeworfenen Erdwall rings um die Siedlung, den eine Holzpalisade krönte. In der Alten Welt könnte dieses Fort keinen Tag lang dem Beschuss durch Kanonen standhalten. Im Inneren der Palisade lagen ein gutes Dutzend größerer Gebäude, hinzu kamen noch einige Schuppen am Hafen und etliche flache Baracken außerhalb der Wehranlage. Ringsherum erkannte er große Felder, die zum Urwald hin von einem hohen Zaun umfasst wurden. Das vor Anker liegende Schiff schien eine Karavelle deutscher Bauart zu sein, was Alejandros Hoffnung auf weitere Überlebende des Konvois zunichtemachte.

Er hatte inzwischen einen Beobachtungsposten auf dem Achterkastell bezogen. Hier marschierte er wie ein Raubtier im Käfig von einer Seite des Decks zur anderen, um immer wieder missmutige Blicke in Richtung der Bucht zu werfen. Weder vermochte er Werftanlagen auszumachen, genauso wenig wie Lastenkräne auf dem Kai. Somit konnte er getrost alle Hoffnungen auf eine schnelle Reparatur aufgeben.

Mendoza befand sich inzwischen unter Deck, um dort nach irgendwelchen Papieren zu sehen, während der Rest von Alejandros Leuten bereits packte. Ein Landaufenthalt schien nun mehr als gewiss, somit konnten die Dons ihre Männer beschäftigen.

Sein Blick fiel auf einen einzelnen Seemann, der gerade zur Backbord-Reling eilte, um dort ein Lot über Bord zu werfen. Also traute Mendoza den hiesigen Fahrwassern nicht. Kein Wunder, bei den unzuverlässigen Karten, die ihm zur Verfügung standen.

Der Capitán trat dann auch just in dem Moment wieder an Deck, als die ersten Lotungsergebnisse heraufgerufen wurden. Das Ergebnis schien ihn jedoch keinesfalls zufriedenzustellen, so wie er die Arme vor der Brust verschränkte. Auf einen fragenden Blick Alejandros hin zuckte er mit den Schultern. »Ich vermute, wir können wahrscheinlich nicht einmal im Hafen anlegen, sondern werden in der Bucht selbst ankern müssen. Ich habe sie in den alten Karten gefunden, allerdings auch einen Vermerk auf ihre geringe Tiefe.« Er deutete auf das am Kai ankernde Schiff. »Dieser kleinen Karavelle ist das egal, aber mit unserem voll beladenen Kasten will ich kein Risiko eingehen.« Alejandros Blick folgte Mendozas Fingerzeig. »Dann also die Bucht!«, seufzte er. Der Ruf des Ausgucks unterbrach unvermittelt das Gespräch der Beiden. »Capitán, ich sehe Geschütze hinter den Erdwällen am Hafen. Sie werden gerade bemannt! Ich zähle sechs!«

Augenblicklich eilte Mendoza zur Backbordseite des Achterkastells und rief in voller Lautstärke: »Bootsmann! Segel bergen! Die Geschütze besetzen, aber nicht ausrennen!« Nach einer kurzen Schrecksekunde rannte auf dem Mitteldeck alles wie ein panisch anmutender Hühnerhaufen, angetrieben von den gebrüllten Kommandos des Bootsmanns, hin und her.

Mendoza befand sich noch auf dem Rückweg zu Alejandros Position, als von unten Don Cisco die Treppe zum Achterdeck heraufstürmte. »Was ist los?«, fragte der Veteran atemlos. Unbewusst stützte Alejandro die linke Hand auf seinem Degenknauf ab und sah finster zu dem kleinen Hafen hinüber. »Die Deutschen sind über unsere Ankunft nicht sonderlich erfreut! Sie bemannen ihre Geschütze. Ich vermute, wir gehen nur sicher?« Die letzte Frage richtete er an Mendoza, der zustimmend nickte. »Wir ankern außerhalb ihrer Schussreichweite und klären diese Angelegenheit. Sicherlich sind sie einfach nur vorsichtig.« Wortlos hob Cisco ein mitgebrachtes Fernrohr ans Auge und spähte hindurch. »Falkonetten!«, brummte er, »Wahrscheinlich Sechspfünder. Eher für Indianerboote geeignet als für diesen Kahn hier.« Alejandros Blick wanderte daraufhin zu den acht Sechzehnpfündern auf dem Oberdeck der Sangre de Dios, die jeweils paarweise zusammen an Backbord und Steuerbord standen. »Wir müssen uns keine Sorgen machen, oder?«

Der Capitán befand sich inzwischen im Gespräch mit einem Bootsmann und sah auf die Frage hin wieder zu Alejandro. »Wenn man davon absieht, dass meine Männer diese Geschütze noch nicht allzu oft benutzen mussten, vom Einsatz gegen ein landgestütztes Ziel ganz zu schweigen!« In Mendozas Rücken warf Cisco die Arme hoch und rollte mit den Augen.

Schweigend verfolge Alejandro, wie Mendoza das Schiff fachkundig in die schmale Bucht steuerte, um bald darauf Anker werfen zu lassen. Die restlichen Segel wurden rasch geborgen und so verlor die Sangre de Dios schnell an Fahrt. Während auf dem Mitteldeck einige hastig arbeitende Matrosen die Geschütze feuerbereit machten, kehrte ansonsten auf dem Schiff Ruhe ein. Selbst die Männer an der Eimerkette schwiegen und arbeiteten, so rasch sie konnten.

Alejandro kam es vor, als ob die ganze Besatzung den Atem anhielt, um auf die nun unweigerlich folgenden Ereignisse zu warten. Er sah zu Cisco und Mendoza. »Wie lange werden sie wohl brauchen, um zu bemerken, dass wir keine üblen Absichten hegen?« Der Capitán der Sangre de Dios holte sich das Fernrohr, um damit die Siedlung in Augenschein zu nehmen. »Hoffentlich bald. Auch wenn wir vor Anker liegen, steigt doch jede Minute das Wasser im Rumpf. Und wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, bevor wir das Schiff auf Kiel legen können!«

Nun betrat auch Philippe das Mitteldeck, vollständig in Brustpanzer und Morion gerüstet. Obwohl der Panzer für ihn sicherlich maßgefertigt worden war, wirkte er dennoch viel zu groß und massiv für den jungen Mann. Ihm auf dem Fuße folgten Señor Luengo und Padre Miguel. Alle drei blinzelten in der hellen Sonne, bevor sie zu Alejandro heraufsahen und die steile Treppe zum Achterkastell heraufkamen. Augenblicklich ertönte Luengos näselnde Stimme. »Was geht hier vor sich? Warum lassen sie das Schiff gefechtsbereit machen?« Statt einer Antwort deutete Mendoza nur zur Küste, wo man immer noch offenkundig ebenfalls Gefechtsvorbereitungen traf. Luengo starrte angestrengt in die entsprechende Richtung, schüttelte dann energisch den Kopf. »Es handelt sich um ein Missverständnis, Señores! Jemand muss unter Parlamentärsflagge an Land gehen, um diese Angelegenheit zu klären!« Ciscos Stimme klang für seine Verhältnisse zuckersüß, als er antwortete. »Nun, ich denke, mit Euch haben wir dann auch den idealen Unterhändler?«

Alejandro bekam das sich anbahnende Wortgefecht nur am Rande mit, denn er beobachtete nun den Hafen durch das Fernrohr. »Das wird nicht nötig sein!«, unterbrach er die Männer. »Es sieht aus, als ob wir Besuch bekommen!«

Aus dem Schatten der Karavelle löste sich ein kleines Boot, das mit gleichmäßigem Ruderschlag langsam aus der inneren Bucht heraus auf die Sangre de Dios zuhielt. Durch das Fernrohr konnte der Hidalgo zwei Ruderer erkennen, sowie einen Steuermann an der Ruderpinne. Im Bug schließlich saß ein grauhaariger Mann, der im Gegensatz zu den Anderen deutlich edler gekleidet zu sein schien.

»Das sieht schon mal ganz gut aus. Aber diese Deutschen sind ziemlich nervös für meinen Geschmack!« Niemand widersprach ihm.

Es lief noch einiges an Sand durch die Stundengläser, bis das kleine Boot das Schiff letztlich erreichte. Offenbar mussten sich die Ruderer kräftig in die Riemen legen, um gegen den Wellengang anzukommen. Es schienen Indios zu sein, anders konnte Alejandro die langen, schwarzen Haare der Männer nicht deuten. Schließlich jedoch gingen die Deutschen längsseits. Nach einem kurzen Anruf wurde eine Strickleiter herabgelassen, während sich die Mannschaft des Schiffes auf dem Mitteldeck versammelte. Wer auch immer die Leiter als Erster heraufkam, derjenige brauchte für Alejandros Geschmack viel zu lange. Endlich kam der weiße Haarschopf des Mannes aus dem Bug in Sicht, dem ein hochrotes Gesicht folgte. Mit sichtlichen Problemen zog sich der Deutsche vollends hoch. Beim Übersteigen der Reling mussten ihm zwei der Seeleute helfen.

Für einen Augenblick herrschte Stille an Bord, nur der keuchende Atem des Fremden drang unnatürlich laut an Alejandros Ohr. Schließlich trat Capitán Mendoza an den immer noch atemlosen Deutschen heran und begrüßte ihn wortreich. Alejandro konnte Mendozas Worte nicht verstehen, da dieser mit dem Rücken zu ihm stand. Der Mann schien zunächst seine misstrauische Aufmerksamkeit zwischen dem Sprecher und der restlichen Besatzung zu verteilen. Auch als das Gespräch andauerte, musterte der Deutsche immer wieder die Besatzungsmitglieder um sich herum. Schließlich sah Mendoza zu ihm. »Es ist mir eine Ehre, Euch Don Alejandro Quesada vorzustellen. Er ist der vierte Sohn des Barons von Jaén und Kommandant der Expeditionskräfte auf diesem Schiff.«

Der Capitán sprach überdeutlich, dennoch schien der Alte einen Augenblick zu brauchen, um das Gehörte mit dem, was er sah, in Einklang zu bringen.

Alejandro konnte es ihm kaum verübeln, da ihm momentan eine adlige Herkunft nicht anzusehen war. Er trug lediglich einfache Kleidung nach Art der Seeleute. Hinzu kam ein seit der Abreise ungehindert gewachsener Bart, der ihn, genau wie auch den Rest der Mannschaft, eher wie ein Mitglied eines wüsten Piratenhaufens anmuten ließ. Nur Don Philippe und Señor Luengo sahen im Hintergrund aus, wie aus dem Ei gepellt. So erfolgte die Verbeugung des Fremden ihm gegenüber doch mit deutlicher Verspätung. Erst als sich der Deutsche wieder aufgerichtete, sprach der Capitán weiter. »Don Alejandro, ich darf Euch mit Johann Glöckner bekannt machen, dem Sekretarius des Gouverneurs von Marienhafen. Zugleich hat er das Amt des Hafenmeisters inne und als solcher macht er uns die Aufwartung.«

Alejandro neigte auf die Vorstellung hin den Kopf ein Stück weit, ohne dabei jedoch den Mann aus den Augen zu lassen. Langsam kehrte dessen Gesichtsfarbe wieder zu einem gesünderen Farbton zurück. Er räusperte sich und richtete das Wort nun direkt an den Hidalgo. »Wie ich bereits dem Capitán sagte, bedauere ich das Missverständnis zutiefst, Don Alejandro! Ihr müsst wissen, in den letzten Monaten wurden mehrere unserer Niederlassungen hier in der neuen Welt von Piraten heimgesucht, sodass wir uns zu Vorsichtsmaßnahmen gezwungen sahen.« Eine Weile pausierte er, wohl um nach den richtigen Worten zu suchen. »Capitán Mendoza hat mich bereits in Kürze über Eure Notlage informiert. Selbstverständlich werden wir mit unseren bescheidenen Mitteln helfen so gut es geht!«

Zunächst erwog Alejandro, dem Sekretarius in dessen Muttersprache zu antworten. Allerdings verwarf er den Gedanken sogleich wieder, da sein Deutsch weitaus schlechter als das Spanisch des Mannes war. »Besten Dank! Ich hoffe, wir werden uns in irgendeiner Form erkenntlich zeigen können!« Der Sekretarius lächelte dünn. »Ich denke, das wird das kleinste Problem sein! Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet, es gibt viel zu tun!« Auf ein huldvolles Nicken Alejandros hin zog sich Glöckner unter mehreren Verbeugungen zur Reling zurück, für deren Übersteigung ihm abermals zwei Seeleute helfen mussten.

Bald schon ruderten die beiden Indianer das winzige Boot in Richtung Hafen. Nach der Ankunft dort genügten scheinbar wenige Worte des Hafenmeisters, um die Soldaten hinter den Kanonen von ihren Alarmposten verschwinden zu lassen. Alejandro sah zu Mendoza, der ein düsteres Gesicht machte. »Ihr wirkt nicht sehr zufrieden mit dem Ausgang der Angelegenheit?« Der Capitán antwortete, ohne den Blick von der Küste zu nehmen. »Leider haben wir die wohl denkbar ungeeignetste Siedlung erwischt. Wenn Glöckners Angaben stimmen, und davon gehe ich aus, dann können wir tatsächlich beladen im Hafen nicht anlegen. Wir haben zu viel Tiefgang mit der Fracht und dem eingedrungenen Wasser.«

»Das bedeutet somit wohl doch den Strand?«, schloss Alejandro daraus. Mendoza nickte und wandte sich in Richtung Küste. »Wir müssen die Sangre de Dios so weit wie irgend möglich entladen und bei zurückweichender Flut auf Grund setzen… Am besten dort.« Er deutete auf eine flach auslaufende Sandbank. Alejandro verzog das Gesicht. »Die komplette Ladung von Bord zu bringen, wird schwer. Weder die Ausrüstung meiner Leute noch die Waren sind sonderlich leicht. Und von den Kanonen rede ich besser gar nicht.«

Mendoza fixierte die im Wasser schaukelnde Karavelle. »Wir werden versuchen, die beiden Schiffe miteinander zu vertäuen und können so die Waren relativ problemlos umladen. Ansonsten wird das eine Menge Ruderarbeit.« Kurz schwieg er und überlegte. »Wir sollten aber vor allem recht bald dem Gouverneur die Aufwartung machen. Er kommt uns ungewöhnlich weit entgegen und wird sicherlich entsprechende Zugeständnisse erwarten.« Alejandro hob die Brauen. »Zugeständnisse?«, echote er. Der Capitánschmunzelte. »Ich gedenke einen erheblichen Teil meiner Handelsware bereits hier loszuwerden, so die Deutschen denn interessiert sind. Und Euch rate ich das Gleiche. Vieles wurde bei dem Sturm in Mitleidenschaft gezogen. Bis wir einen anderen Hafen erreichen, wird es bestimmt nicht besser!«

»Gut!«, meinte Alejandro. »Dann sollte ich zunächst meinen Leuten die frohe Botschaft überbringen!« Er kehrte zum Mitteldeck zurück und klammerte sich dabei an die Hoffnung, dass er seine eigenen geladenen Handelsgüter zumindest mit einem kleinen Gewinn würde absetzen können.

 

5. Kapitel

In Marienhafen

 

 

Als Alejandro die Treppe zum Frachtraum herunterkam, herrschte dort gespanntes Schweigen. Die Männer saßen dicht gedrängt auf Hängematten, Kisten oder gleich ganz auf dem Boden und starrten ihn unverhohlen an. Einige trugen bereits die Brustpanzer und Helme, welche sie für teures Geld vor einer gefühlten Ewigkeit in Cádiz erworben hatten. Es musste an dem Gestank hier unten liegen, aber dem Adligen schnürte es die Kehle zu. Erst nach dem zweiten Versuch gelang es ihm, mit fester Stimme zu sprechen. »Männer, hergehört! Ihr alle wisst, in welcher Lage wir uns befinden! Um eine Reparatur kommen wir nicht herum. Also müssen wir das Schiff komplett entladen und am Strand reparieren.« Er pausierte kurz, um das Gesagte einsinken zu lassen. »Wir werden Anker lichten und tiefer in die Bucht einfahren. Dort beginnen wir mit den Entladearbeiten.«

Abermals musterte er die leeren Gesichter der Männer. Er wollte sich schon abwenden, als ihn eine Stimme innehalten ließ »Señor? Das heißt, dass wir den Anschluss an den Generalcapitán auf jeden Fall verloren haben, oder?« Alejandro konnte in einer dunklen Ecke einen Burschen ausmachen, der es kaum auf sechzehn Jahre brachte. Auch jetzt noch ruhten die schreckgeweiteten Augen des Jungen auf ihm. Gemächlich fuhr er sich durch den Bart, während er über eine passende Antwort nachdachte.

Denn diesen Glücksrittern ging es weniger darum, den Heiden das Wort Gottes zu bringen. Schon eher lockte sie das sagenumwobene Gold der Indios. Und die meisten von ihnen steckten in Schulden, denn sie selbst hätten niemals das Geld für Waffen und Rüstungen aufbringen können.

Noch bevor er etwas sagen konnte, schlug Don Cisco den Vorhang zur Seite und betrat den Raum. Kurz traf sein Blick auf den Alejandros, um anschließend dem Jungen und damit auch einem Großteil der Besatzung zu antworten. »Das wird sich zeigen, Bursche. Doch ohne Schiff werden wir es ganz gewiss nicht bis an unser Ziel schaffen oder willst du den Rest schwimmen? In dem Ding da?«

Während er sprach, durchquerte Cisco den Frachtraum, um schließlich auf die letzte Frage hin dem Jungen gegen den rostigen Brustpanzer zu klopfen, den er trug. Augenblicklich errötete dieser und wand sich verlegen in der Rüstung, die lose an seinem Körper herumschlackerte. Schnell ergriff Alejandro das Wort. »Don Cisco hat recht! Erst müssen wir die Sangre de Dios flott machen, danach können wir die Fahrt wieder aufnehmen. Denkt einfach daran, dass der restliche Konvoi die gleichen Probleme hatte und sich somit die ganze Unternehmung des Generalcapitáns wohl verschieben wird!«

Der letzte Teil stellte reine Mutmaßung dar, doch etwas anderes wollte ihm nicht einfallen. Er reckte das Kinn und fuhr fort. »Es geht bald mit den Ladearbeiten los, dann will ich hier keinen Kram mehr sehen!« Nun zeigte der Hidalgo mit dem Daumen nach oben, in Richtung Oberdeck! »Zeigen wir den Seeleuten, dass wir durchaus auch anpacken können, selbst wenn wir in ihren Augen nur Landratten sind!« Tatsächlich kam Bewegung in seine Untergebenen, einige murrten sogar zustimmend. Don Cisco beobachtete ihr Tun noch eine Weile kritisch und verschwand dann zurück hinter den Vorhang. Nahezu zeitgleich trat Paco an ihn heran. »Señor, wünscht Ihr, dass ich Euch standesgemäße Kleidung für den Landgang herauslege?« Alejandro sah ihn verdutzt an, bevor er eilig nickte. »Ja, tu das. Ich bin so lange noch auf dem Oberdeck!« Nach einer Verbeugung flitzte sein Diener ebenfalls hinter den bugwärtigen Vorhang.

Kopfschüttelnd schaute der Hidalgo ihm hinterher. Die Idee, Paco mitzunehmen, erwies sich einmal mehr als echter Glücksfall. Während des Landgangs würde Alejandro dem Gouverneur von Marienhafen seine Aufwartung machen müssen. Und diesem in schäbiger Tracht unter die Augen zu treten, stand außer Frage. Als er wieder nach oben zurückkehrte, schalt er sich innerlich dafür, nicht selbst daran gedacht zu haben.

An Deck herrschte inzwischen haarsträubendes Durcheinander. Zwei Segel wurden gerade mit ohrenbetäubendem Radau gehisst. Mit viel Hauruck betätigten etliche Matrosen gleichzeitig die Ankerwinde. Ein weiterer Trupp bereitete das einzige, noch heilgebliebene Beiboot darauf vor, zu Wasser gelassen zu werden. Wohin der Hidalgo auch sah, es wurde geschuftet, geflucht und geschwitzt. Beständig plätscherte dabei Schwall um Schwall aus den Wassereimern des Schöpfkommandos über Bord, eine mehr als deutliche Erinnerung daran, wie sehr die Zeit drängte. Irgendwie kam Alejandro sich fehl am Platze vor. Seine Leute hatten ihre Anweisungen und den Seeleuten konnte er sowieso nichts sagen. Also trat er an die Reling, um einfach nur zu beobachten.

Nach dem Ankerlichten nahm die Sangre de Dios langsam Fahrt ins Innere der Bucht auf. Nahezu zeitgleich legte das deutsche Handelsschiff ab, um ihnen entgegenzukommen. Unter den wachsamen Augen der beiden Kapitäne näherten sich die Schiffe immer weiter. Scheinbar hatte der Kommandant der Sangre de Dios bereits alles mit dem Sekretarius des Gouverneurs besprochen, denn soweit es er sagen konnte, fand die Annäherung ohne Kommunikation statt.

Schließlich ließ Mendoza die Segel bergen. Alejandro kam nicht umhin zu bemerken, wie viel schneller und routinierter das Manöver bei den Deutschen wirkte. Aber im Gegensatz zur Besatzung der Sangre de Dios stammte ihr Lohn aus den Taschen eines reichen Handelshauses. Mendozas Mannschaft hingegen setzte sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Männern mit eher zweifelhafter Herkunft zusammen.

Beide Schiffe verloren nach dem Einholen der Segel rapide an Geschwindigkeit, doch machten sie noch genug Fahrt, um das kleinere Handelsschiff längsseits der Sangre de Dios zu bringen. Beschwerte Seile flogen an Deck, die von den Spaniern aufgenommen und festgeknotet wurden.

Somit war der erste Teil der Aktion abgeschlossen, nun galt es die Fracht an Bord des anderen Schiffs zu schaffen, doch aufgrund der bestehenden Sprachbarriere gestalteten sich die folgenden Schritte nun als bedeutend schwieriger.