Atemberaubend - Grazina Dalibagaite - E-Book

Atemberaubend E-Book

Grazina Dalibagaite

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Beschreibung

Grazina Dalibagaite - gebürtige Litauerin. Nach der Geburt erzieht ihre Familie sie sehr grausam und schmerzhaft. Die große Liebe zur Musik ist ihr sehr früh begegnet und auf diese Weise hat sie überlebt. Sie wurde Diplom-Musikerin für klassische Musik. Mit 20 Jahren beginnt sie als Musikpädagogin für Querflöte und Klavier an einer Jugend-Musikschule zu arbeiten. Seit 1994 lebt sie in Deutschland und war an einer Jugend-Musikschule tätig. In Deutschland überlebte sie eine grausame Ehe. Die Scheidung gelang nach sehr schmerzhaften 14 Jahren. Ihr unerschütterlicher Glauben an die eigene Kraft zum Leben hat alle Wunden geheilt, motivierend und inspirierend den eigenen Weg zu gehen. Nach der Scheidung schrieb sie an ihrem ersten Roman "Atemberaubend" fünf Jahre lang, um ihren großen Traum zu erfüllen. Heute lebt sie ein harmonisches und erfülltes Leben mit viel Lebensfreude.

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2017

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UND ALLES, WAS IHR IM GEBET ERBITTET,

WERDET IHR ERHALTEN,

WENN IHR GLAUBT.

MATTHÄUS 21,22

INHALT

Prolog

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

PROLOG

Gleich sein der Klippe, an der sich pausenlos die Wellen brechen. Sie aber steht fest und um sie herum beruhigt sich die Brandung.

»Ich Unglücklicher, dass mir dies passieren musste.« Nein doch. Stattdessen: »Ich Glücklicher, dass ich, obwohl mir dies passiert ist, keine Schmerzen habe, von dem gegenwärtigen Unglück nicht zerbrochen werde und zukünftiges Leid nicht fürchte.« Denn solches könnte jedem zustoßen, deswegen aber keine Schmerzen zu empfinden, das wäre nicht jedem vergönnt gewesen. Warum sollte jenes Ereignis also mehr ein Unglück als dieses ein Glück sein? Verstehst du denn überhaupt unter einem Unglück eines Menschen ein Ereignis, das kein Missgeschick der menschlichen Natur ist? Scheint dir das ein Missgeschick der menschlichen Natur zu sein, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Wieso denn? Den Willen kennst du. Hindert dich etwa dieses Ereignis daran, gerecht, großherzig, beherrscht, besonnen, zurückhaltend, wahrhaftig, taktvoll, unabhängig zu sein und die übrigen Tugenden zu haben, bei deren Vorhandensein die Natur des Menschen über das verfügt, was ihr eigentümlich ist? Denk in Zukunft bei allem, was dir Leid bereitet, daran, diesen Grundsatz zur Geltung zu bringen:

»Dies ist nicht nur kein Unglück,

sondern es mit Anstand zu ertragen, ist ein Glück.«

Mark Aurel

TEIL 1

Er misshandelte sie wieder und wieder, Tag und Nacht, so eiskalt, grausam und gefühllos. Er bedrohte sie ständig …

Ihr Beine und Arme waren oft blau …

Es war Nacht in einem sehr dunkel verfärbten Schlafzimmer mit uraltem Vorhang am Fenster und fest geschlossenen Rollladen. Er drückte ihren Kopf mit beiden Händen ganz fest und biss in ihren Hals, nachdem sie kurz eingeschlafen war. Sie schreckte vor Schmerz sofort aus dem Schlaf hoch.

»Was machst du?! Mach Licht!«

»Mein Herzblättchen, ich schütze dich, weil ich dich liebe!!«, antwortete er sehr aufgeregt.

»Warum beißt du mich?!«

»Du verstehst keine Sprache, du willst nicht lernen!!«, schrie er weiter mit rotblauem Gesicht und aufgerissenen Augen, als er versuchte, sie zu fressen mitten in der Nacht.

Sie zitterte wieder, ihr Herz raste ohne Ende … Sie ging ins Bad, schaute in den Spiegel, der Biss am Hals blutete. Sie sah im Spiegel ihren Ehemann, wie er versuchte, sich hinter ihrem Rücken zu verstecken, sie brach zusammen …

Saule feierte ihren letzten Geburtstag in der Heimat, zusammen mit Freunden bei Lora, vor der Abreise in den Westen zum Traummann.

Das war ein sehr gefühlvoller Tag mit gutem Essen, trinken und tanzen. Nur Lora hatte Tränen im Gesicht.

»Saule, bleib noch hier!«

»Lora, ich bin so glücklich, dass mein Traummann mich sehr liebt, und auch ich bin sehr verliebt, und er wartet auf mich. Das weißt du, er telefoniert mit mir jeden Tag und schreibt viele Liebesbriefe!«

»Saule, jetzt kannst du noch hier in der Stadt bleiben und den Führerschein machen, und die neue Sprache kannst du auch hier lernen, später kannst du in den Westen reisen.«

»Lora, aber dort, wo mein Traummann lebt, ist alles viel besser, das moderne Westeuropa ist ein hochentwickeltes Land, dort ist alles traumhaft und wunderschön, ich will meine Familie gründen, mit vielen Kindern!«

»Saule«, sagte mit Tränen in den Augen Lora, »du siehst alles mit offenem Herzen und viel Liebe, aber ich habe kein gutes Gefühl.«

Saule und Lora waren seit ihrer Kindheit gut befreundet, schätzten sich sehr.

Als vor vielen Jahren beide nach dem Besuch der Kunstschule am Abend ins Kaffeehaus gingen, versuchten nach dem Verlassen zwei kräftige und große Männer Lora brutal ins Auto zu ziehen, weil diese manchmal eine zu lange Zunge hatte und zu viel redete. Beide Männer waren extrem wütend auf Lora.

Die winterliche Straße war so dunkel, dass Saule und Lora richtig große Angst hatten, nach Hause zu kommen. Saule hielt Loras Hand ganz fest und versuchte beiden Männern zu erklären, dass sie Lora in Ruhe lassen sollen, ihr nichts Schlimmes antun sollen, aber beide wollten Lora um jeden Preis in ihr Auto zerren. Die Situation war sehr gefährlich. Saule und Lora konnten nicht viel dagegen tun. Auf der Straße ging ein älterer Mann in einer Militäruniform und beide Mädchen baten um Hilfe, aber er ging weg, dann liefen Saule und Lora schnell weg bis zur Bäckerei, um sich zu verstecken, aber beide Männer warteten mit ihrem Auto vor der Tür. Total in Panik telefonierte Lora in der Bäckerei mit ihren Eltern und bat um Hilfe. Der Vater kam sie sofort abholen und brachte beide nach Hause. Wenige Jahre danach hatten beide den Kunstschulabschluss und begannen als Musikpädagoginnen an einem kleinen Ort voller Lebensfreude zu arbeiten, sie waren sehr glücklich.

Lora hatte in dieser Zeit eine Beziehung mit einem interessanten Mann und war sehr verliebt. Als er sich von Lora wegen wichtigen Dingen trennte, war Loras Leben in großer Gefahr. Saule war für Lora immer da und hat ihr wieder und immer wieder sehr geholfen, weil Saule immer dachte, dass sie eine gute und ehrliche Freundin ist und niemand das Geheimnis erzählt. Danach brachte Lora ihr Leben wieder in Ordnung. Wenige Monate danach ist Saule umgezogen in eine andere Stadt, ganz weit weg.

Nach mehreren Jahren, als sich beide wieder getroffen hatten, freuten sie sich sehr und waren wieder sehr gute Freundinnen.

Lora besuchte Saule. Danach hat Saules Bruder Saule mehrere Tage in der Wohnung von Ane (Mutter) sehr sadistisch von Kopf bis Fuß immer wieder geschlagen, als beide allein waren. Als das Telefon klingelte, schrie die Ane ganz laut: »Mein Liebling, du musst Saule töten, das weißt du genau, und zwar sofort!!«

Der Bruder fragte: »Mama, meinst du jetzt?!«

»Ja, sofort, heute musst du Saule töten, das weißt du!!«, schrie Ane am Telefon.

Er hielt Saule ganz nah an sich, als er mit Ane telefonierte, danach schlug er Saule weiter, aber sie schrie ganz laut: »Du kannst mich nicht töten, du kannst niemanden töten, hör sofort damit auf!!«

Danach telefonierte Saule mit der Polizei, aber der Bruder war plötzlich weg. Er nahm Saules persönliche Dinge weg, weil er sein ganzes Leben berufslos und arbeitslos war, das alles geschah seit vielen Jahren mit Anes Hilfe und er wurde von seiner Mutter wie ein »Kampfhund« ausgebildet.

Das geschah in den letzten Tagen in dieser Wohnung, wo Saule aufgewachsen war und von ihren Eltern grausam gefoltert wurde. Saule befreite sich von dieser »bestialischen Familie« für immer, um ein neues Leben zu gestalten und ganz weit weg auszuwandern. Das wunderschöne weiße Telefon in Anes Wohnung kaufte Saule, als sie von der Hauptstadt zurückkam, wie viele andere Dinge auch in dieser Wohnung. Saule hat für den neuen Anschluss bezahlt und ihn angemeldet, um mit ihren Freunden zu telefonieren. Das war das erste Telefon in dieser Wohnung überhaupt. Am nächsten Tag telefonierte Saule mit ihrem anderen Bruder um Hilfe, sie wollte ihre persönlichen Dinge abholen, weil sie keinen Schlüssel hatte, aber er war genau wie die Ane seit vielen Jahren, er attackierte Saule eiskalt, grausam und brutal mit gleichen Worten. Er war der Erste, der von seinen Eltern lernte, seine jüngste Schwester Saule zu hassen. Die Ane folterte die kleine Saule und erzählte, dass sie keinen Menschen, sondern einen »Bankert« geboren habe, deswegen müsse sie Saule so lange foltern, bis eines Tages ein richtiger Mensch aus ihr werde. Als der Bruder klein war, saß er auf dem Sofa in der Ecke, total in Schock, kaute seine Fingernägel und »lernte« ganz genau, wie die Eltern seine kleine Schwester sadistisch folterten mit Wutausbrüchen. Vater kaufte ein altes Klavier, zum Glück, und das war das einzige Spielzeug in der Wohnung. Saule lernte von früher Kindheit an, mit großer Freude zu musizieren. Trotzdem hassten die Eltern Saule weiterhin, sie konnten nie akzeptieren, dass sie eine sehr gute Schülerin war. Die Ane bestrafte Saule mit Drohungen, sie zwang sie auf dem Boden zu knien, mit beiden Händen eine Kerze gerade nach oben zu halten, stundenlang ohne Bewegung. Sie zwang Saule oft zu dieser Strafe und die beiden Brüder bewachten Saule dabei. Bei der kleinsten Bewegung schlugen die Brüder auf Anordnung Anes Saule mit der Faust und den Füßen in den Rücken und an den Kopf. Danach zwangen die Eltern Saule, mit einem kleinen Tuch auf den Knien den ganzen Boden der Wohnung zu putzen. Viel Grausames hatte sie erlebt. Die zehnjährige Nachbarstochter, zu der Saule gegen den Willen der Eltern Kontakt hatte, wurde leider sehr grausam getötet und in dem Wald gefunden, wo Saule mit ihrem Vater manchmal alleine hinfuhr. Zum großen Glück hat Saule jedes Mal überlebt!

Die Erinnerung bleibt für immer, wie Saule alles ganz nah erlebt und überlebt, circa ein Drittel ihres Lebens. Sie ist selbst Augenzeugin für ihr Leben und sie will nie mehr in ihrem Leben diesen Bestien begegnen, für Saule ist diese »Familie« für immer gestorben. Sie arbeitete sehr viel und hatte vieles verloren. Sie wurde viele Jahre ausgenutzt und ausgeraubt von dieser »grausamen« Familie, aber sie hat wieder ein neues Leben in Freiheit!

Lora hatte immer alles ganz nah erlebt und sah, wie Saule von Kopf bis Fuß blau geschlagen war, danach übernachtete sie in Loras Wohnung. Am nächsten Tag gingen beide zu einem Rechtsmediziner für ein ärztliches Attest und brachten dieses zur Polizei und erstatteten Anzeige wegen Körperverletzung.

Bei Lora hatte Saule eine schöne Zeit und arbeitete viel. Für Lora und für deren Tochter, auch für Loras Schwester strickte Saule mit ihren Händen alles kostenlos: Kleider, Jacken, Strumpfhosen, Pullover, Hosen, Mützen. Bei Lora blieben einige von Saules persönlichen Dingen, die Bücher, sehr wertvolle Stoffe zum Nähen, für den Sommer ein weißer Mantel, ein schwarzer langer Rock aus Samt und noch mehr, was sie sehr gut gebrauchen konnte. Denn in den baltischen Ländern gab es fast nie warme Kleidung zu kaufen. Auch für ihre Freundin Leni aus der Kunstschule strickte sie Kleider und Pullover.

Diese war vor wenigen Monaten, im März mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern nach New York ausgewandert. Saules Freundin Reda wanderte mit ihrer Familie auch aus, nach Tel Aviv, und hat ebenfalls von Saule Kleidung bekommen. Dora, die als Erste ausgewandert war, alleine zur Oma nach Chicago, hatte von Saule auch vieles bekommen. Auch für andere Freundinnen strickte Saule viel und verdiente sich damit Geld. Saule machte das alles sehr gern, mit Herz und Liebe für ihre Freundinnen, und war sicher, wenn sie eines Tages Hilfe brauchen würde, dann kämen die guten und ehrlichen Freundinnen sofort zum Helfen. Alle hatten versprochen, sich regelmäßig zu treffen, zu Silvester, am Geburtstag oder in den Ferien. Der Abschied war für beide sehr schmerzhaft und mit vielen Tränen verbunden.

Danach schaute Saule sich ihre Geburtstagsgeschenke an: von Lora ein echtes, aus braunem Leder handgemachtes Fotoalbum, von Irma einen wunderschönen Kerzenständer aus echtem Porzellan.

Als Saule schon seit einigen Monaten in Deutschland lebte, schickte sie für Lora und ihre Tochter Geld für Weihnachten und Geburtstage und einige Pakete für andere Freundinnen im Heimatland. Sie telefonierte oft und schrieb regelmäßig Briefe.

Nach wenigen Monaten nahm Saules Ehemann persönliche Dinge von Saule weg: Dokumente, Papiere, Briefe. Auch das von Saule aus der Heimat Mitgebrachte war plötzlich ohne Worte verschwunden.

»Das ist nichts, das brauchst du nicht!«, schrie der Ehemann immer.

Er nahm von Saule permanent alle persönlichen Dinge weg, alle ihre Kleider, Schuhe, Handtaschen … darunter auch ein altes filigranes, aus massivem Silber bestehendes Armband, oben eine Radierung mit einem Pflanzenmuster und am Schloss eine kleine Kette mit zwei Glocken. Saules Lieblingsschmuckstück, ein Geschenk ihres Opas, bevor er starb. Unter anderem auch ein versilbertes Besteck aus circa 30 Teilen mit altem Barockmuster. Alles nahm er Saule weg. Die wunderschönen edlen Porzellantassen, die Saule kaufte, schmiss er auf den Fliesenboden in der Küche mit einem Lachen im Gesicht.

Sie war allein mit dem Ehemann in seinem Haus und er nahm permanent alles von Saule weg. Mit Hassausbrüchen, und dabei war er sehr stolz auf sich.

Saule war in Schock und immerzu in Schock …

»Sofort ins Bett, sofort!! Du bist krank und ich habe Medikamente für dich!«

Er brachte aus dem Keller eine große Kiste voller Medikamente, die er seit vielen Jahren sammelte.

»Siehst du, wie ich mich um deine Gesundheit kümmere, ich habe immer die besten Medikamente für dich gekauft, bitte nimm!! Dein Herz ist krank und deine Beine zu schwach und kaputt! Du bist eine kranke Frau!!«

»Nein, brauche ich nicht!«, antwortete Saule.

Er schimpfte sie weiter und weiter … Danach hatte Saule eine Erinnerung: »Vor wenigen Wochen hast du mich mit Medikamenten gefüttert und mein Herz explodierte«, sie zitterte sehr und extrem raste das Herz, »dass ich zum Glück überlebt habe! Das war ein grausames Erlebnis kurz nach unserer Hochzeit, das vergesse ich nie!«

Als Saule in Hannibals Haus gekommen war, hatte er stundenlang erzählt, dass er sie sehr liebe und ihr helfen wolle. Er hatte für Saule große Packungen Medikamente gekauft, die erste war »anabol loges«, dunkelbraune runde Medikamente; wie er erzählte, seien das sehr teure Vitamine für Frauen. Er gab sie Saule in den Mund, mehrere Mal am Tage und sagte, dass er nur aus Liebe helfen wolle, und Saule hat ihm vertraut.

»Mein Herzblättchen, weil du krank bist!«

»Ich mache regelmäßig Sport: Jogging, Schwimmen, Fahrradfahren, Yoga … das weißt du genau und hör auf, mich zu erziehen und zu erniedrigen, deine Attacken sind ungerecht!«, erklärte Saule.

Er drückte mit beiden Händen auf ihre Arme, mit ganzer Wut spuckte er in Saules Gesicht. »Du weißt genau, was mit dir passiert, wenn du nicht tust, was ich dir sage! Der Mann meiner Schwester Margot hat in der Armee gearbeitet und seitdem ist eine Waffe im Haus, du kannst in einer Sekunde im Himmel sein. Willst du das!! Hast du mich jetzt verstanden?!«, schrie Saules Ehemann.

Sie zitterte, sie schaute zu ihm mit großen ängstlichen Augen, total sprachlos, voller Tränen im Gesicht. Sie nahm mehrere Medikamente vom Ehemann und schloss sich im WC ein. Dort schmiss sie alles ins Klo und spülte mit Wasser nach, als wäre alles in Ordnung.

Vor der Tür fragte er: »Hast du alles genommen, mein Herzblättchen, ich habe ein Glas Wasser zum Trinken für dich.«

»Ja, ja«, antwortete Saule leise.

»Mein gutes Mädchen, öffne sofort die Tür und sofort ins Bett!«

Total in Schock ging sie zurück ins Schlafzimmer, langsam und traurig.

Danach öffnete sie den Rollladen und schaute durchs Fenster so lange, bis er ins Auto einstieg und zur Arbeit fuhr.

Vor der Arbeit machte er wie jeden Tag erst einen Kurzbesuch bei seiner Schwester, die in der Nähe wohnte.

In der Frühe am Morgen wurde sie vom Sonnenaufgang begrüßt, sie war alleine in ihrem Zimmer. Ihr Herz zitterte und raste noch, sie versuchte, sich zu beruhigen …

Wenn er von der Arbeit kommt, dann versuche ich wieder mit ihm zu reden, dass er mir alle meine persönlichen Dokumente und Papiere gibt, und danach werde ich sofort das Haus verlassen, um zurückzukehren in die Heimat, dachte Saule.

Aber er kaufte Karten für ein Konzert, das Saule sehr mochte, und in den nächsten Tagen besuchten sie gemeinsam abends ein Konzert mit dem Tenor Andrea Bocelli; damals war er am Anfang seiner großen Karriere, und zwar mit klassischen italienischen Liedern und mit berühmten italienischen Opernarien. Er hatte sich in kurzer Zeit weltweit einen Namen als junger Sänger mit einer faszinierenden Tenorstimme gemacht, er hatte ein einzigartiges Talent, alle Arten von Musik mit natürlicher Kraft und unglaublichen Gefühlen zu interpretieren – von Opernarien über Liebeslieder. Es war ein fantastisches Konzert und Saule hatte einen wunderschönen Abend.

Danach versuchte sie, zuhause ein wenig zu schlafen, aber die Schmerzen der letzten Tage waren noch sehr stark.

Kühle Luft drang durch das offene Fenster. Plötzlich wurde es sehr still. Die nackten Zweige des Tannenbaums bewegten sich sehr unruhig am Morgenhimmel und sie ging immer wieder ans Fenster und schaute hinaus. Als sie nach wenigen Stunden erwachte, war es ein wolkenloser Morgen, als würde ein wunderschöner neuer Tag beginnen, das dachte Saule und hatte so viele Wünsche. Jetzt zuerst mit Freundinnen in der Heimat telefonieren, sie hatte so große Sehnsucht. Sie versuchte, ihr Notizbuch mit allen Adressen und Telefonnummern zu finden, sie schaute überall, in allen Schränken, Schubladen … keines da, keines.

Sie merkte plötzlich Schritte hinter ihrem Rücken und schaute zurück. »Was machst du hinter meinem Rücken, wo ist mein Notizbuch, wo?! Ich möchte mit meinen Freundinnen telefonieren!«, sagte Saule.

Er war total aufgeregt, mit aufgerissenen Augen und rotem Gesicht schaute er zu Saule.

»Mein Herzblättchen, alles in meinem Schrank eingeschlossen, weil ich dich schützen und dir helfen will!«

»Ich brauche deine Hilfe nicht!«

»Wir telefonieren zusammen, wir sind verheiratet!«, schrie er weiter. Er öffnete seinen Schrank und legte Saules Notizbuch auf den Tisch.

»Warum nimmst du meine persönlichen Dinge, was soll das alles?«, fragte sie.

»Komm, wir telefonieren in deine Heimat zusammen und ich bleibe da, um dir zu helfen«, sagte er.

»Wie bitte?!«

»Und du redest nur kurz, weil das zu teuer ist!«, sagte er.

»Dann gehe am besten weg, ins andere Zimmer!«

»Nein, wir sind verheiratet, du bist meine Frau in meinem Haus!!«, erklärte er mit aufgeregtem Gesicht.

»Lora, bitte komm zu mir, ich kann nicht mehr!«, sagte Saule am Telefon mit zitternder Stimme.

»Was ist?«, fragte Lora. »Ich glaube, du bist so glücklich, du hast dich immer so gefreut vor Liebe und Glück.«

»Ja, aber bitte komm, ich warte sehr auf dich«, sagte Saule weiter.

»Ich habe dich sehr vermisst und wir alle denken, wie es dir geht!«

»Lora, alles ganz neu nach der Hochzeit, alles …«

»Das ist sehr interessant. Ich möchte gerne zu dir kommen und du holst mich am Flughafen ab.«

»Ja, natürlich Lora, ich komme«, sagte Saule.

Saule würde zu Weihnachten und zum Geburtstag für Lora und ihre Tochter das Geld schicken, in der Hoffnung, dass die beiden bald zu Besuch kommen würden.

»Was hat Lora geredet, warum hast du so lang telefoniert?«, fragte er.

»Lora kommt zu mir und ich hole sie am Flughafen ab, das ist ein großes Glück«, sagte Saule.

»Nein, wir fahren zusammen! Du weißt genau, was dir passiert, wenn du ohne mich fährst, überleg genau, was du tust!«, sagte er leise.

»Was meinst du?«, fragte Saule mit großen Augen.

»Ich will dich schützen.«

»Vor was?«, fragte Saule.

»Du verstehst meine Sprache nicht!«

»Nein, nicht richtig«, sagte sie, »seit der Hochzeit verstehe ich dich nicht mehr, das alles ist wie Horror …«

»Das stimmt nicht«, sprach er weiter, »du arbeitest nicht genug.«

»Ich mache allein den ganzen Haushalt, das ist nicht genug für dich, und du kaufst statt Lebensmitteln nur Schrott!«, sagte Saule. »Und du bedrohst, beschuldigst mich permanent!«

Er schlug die Türe zu und ging weg, wie immer zu seinen Geschwistern.

Der Himmel war strahlend blau, sie versuchte auf der Terrasse zu frühstücken, aber im Kühlschrank waren wie immer nur stinkende Konserven, Käse, Wurst und Butter, auch die gekochte Marmelade seiner Schwester …

Saule aß zum Frühstück immer selbstgemachtes Müsli, trank ein Glas Natursaft, eine Tasse guten Kaffee, aber jetzt …

Er versuchte Saules Ernährung zu ändern, mit viel Gewalt und Drohungen.

Sie trank eine Tasse Kaffee, langsam überlegte sie, wie das Leben für sie weitergehen sollte. Ich verstehe nicht mehr, warum er so grausam ist, was das alles bedeutet, dachte Saule. Aber wenn Lora kommt, wird er mich vielleicht mit Lora in die Heimat zurückfliegen lassen.

Am Abend war er wieder da, es war spät. Mit brennenden Augen und glühendem Gesicht sagte er: »Ich bin sehr froh, dass wir zusammen sind!«

»Es ist noch nicht zu Ende«, sagte sie.

»Ich liebe dich so sehr, warum bist du verzweifelt?«, fragte er. »Es wird alles gut, vertrau mir, was ich dir sage, du hast große Probleme – das ist die Sprache, die du lernen musst.« Plötzlich war er so ruhig und sehr nett. »Und ich habe auch Obst, Gemüse und Fisch gekauft«, sagte er.

Saule war sehr überrascht …

Danach tranken beide ein Glas Sekt. Es war ein schöner Abend auf der Terrasse. Sie hat sich selten so amüsiert. Er hat den ganzen Abend geredet, wie sehr er sie liebt, und wieder versprochen, sie zu unterstützen und ihr zu helfen.

In der nächsten Zeit zu reisen, irgendwo nach Norden, wo es viel Schnee gibt und es kalt wie in Saules Heimat ist. Und sie hat ihm wieder vertraut. Danach ging jeder in sein Schlafzimmer.

Am nächsten Morgen wurde sie früh wach.

»Das ist sehr komisch, wo war ich?«, fragte Saule.

»Natürlich im Bett, wo sonst!«

»Das ist sehr anders, warum erinnere ich mich nicht, ich fühle mich, als hätte ich mehrere Tage geschlafen.«

»Mach dir keine Sorgen, du warst zu müde«, sagte er.

»Aber heute ist Freitag, das heißt, ich habe mehrere Tage geschlafen?«

»Ja, natürlich, alles ist gut! Morgen kommt deine Freundin Lora und wir fahren zusammen zum Flughafen.«

»Ich fahre allein, du musst arbeiten, oder?«

»Mein Herzblättchen, nur zusammen, wir sind verheiratet! Mach dir keine Sorgen, alles ist in Ordnung, ich habe einen freien Tag.«

Das ist für mich nicht okay, bin richtig genervt, dachte Saule, gut ist anders.

Am nächsten Tag früh um fünf Uhr, es war noch dunkel, aber die frische Luft machte sie richtig wach und nachdenklich, gingen beide zum Auto und er fuhr zu seinem Bruder Haperd.

»Wo fährst du hin? Warum zu Haperd?«, fragte Saule sehr überrascht.

»Komm, mein Herzblättchen, nur ganz kurz«, sagte er.

Beide stiegen aus dem Auto aus und gingen zum Bruder ins Haus, aber Saule hatte richtiges Herzrasen …

Was soll ich tun?, dachte sie.

»Was bedeutet das alles?«, fragte sie wieder.

»Der Haperd fährt auch mit«, sagte er ganz leise, »und wir fahren sofort mit Haperds Auto.«

»Was?!« Mit großen Augen fragte Saule: »Du weißt genau, ich fahre nur mit dir.«

Saule wusste nicht, was beide geplant hatten, sie war total in Angst.

»Dann fahre ich am besten mit dem Zug«, sagte Saule.

»Mein Herzblättchen, es ist alles gut, dir passiert nichts, beruhige dich, wir fahren alle drei mit Haperds Auto.«

Saule wollte gehen, sie schaute in ihre Handtasche, aber ihr Geldbeutel war verschwunden.

»Mein Herzblättchen, die Zugkarte ist für dich zu teuer, steig sofort ins Auto!«

Sie war sehr schockiert und stieg sofort ins Auto, sie fühlte sich sehr schlecht. Ihr Ehemann saß am Steuer, neben seinem Bruder Haperd. Saule saß auf dem Rücksitz.

Die ersten Sonnenstrahlen wärmten ihr Gesicht, sie sah durchs Fenster, wie der Tag erwachte. Die Blätter an den Bäumen verfärbten sich durch die Sonnenstrahlen und den blauen Himmel. Saule träumte von wichtigen Dingen ihres Lebens und der Zukunft mit vielen neuen Ideen.

»Warum fährst du so früh am Morgen mit uns, Haperd, willst du meine Freundin Lora kennenlernen?«

»Nein, nein, ich habe dort etwas zu erledigen«, antwortete er sehr betont.

»Tatsächlich, bist du sicher?«, immer weiter fragte Saule.

»Ja, ja!!«

»Was willst du dort erledigen?«

»Du brauchst das nicht zu wissen!!«

Haperd war ein sehr dominanter Mann und wusste immer alles besser als andere. Saule wusste, dass er sehr großes Interesse an anderen Menschen hatte, das war sein Hobby.

Danach war Totenstille im Auto, die Fahrt dauerte mehrere Stunden.

Saule spürte, plötzlich, spontan und sehr schnell, dass ihr Ehemann und sein Bruder einen mysteriösen Plan hatten.

Ihr einziger Gedanke war, so schnell wie möglich sich mit Lora am Flughafen zu treffen.

Wie war sie froh, Lora wiederzusehen.

»Lora, Lora!«

»Saule!«

Beide nahmen sich in die Arme.

»Es ist wunderschön, dich wiederzusehen.«

Beide strahlten vor Glück, sie fühlte sich nicht mehr allein, und beide redeten und erzählten ohne Ende.

Saules Ehemann begrüßte Lora nur ganz kurz mit sehr leiser Stimme.

»Hallo, hallo«, antwortete Lora sehr überrascht.

Haperd stand hinter seinem Bruder und musterte Lora von Kopf bis Fuß mit düsterem Blick ohne Worte. Danach sagte er zu seinem Bruder: »Die Schlampe, Schlampe!!!«

Zum Glück verstand Lora kein Wort. Beide Freundinnen lächelten weiter vor Lebensfreude.

»Aber der Alte benimmt sich wie ein kleines Kind, und er weiß nicht, wie man andere Menschen begrüßt, und schimpfen kann er natürlich am besten.«

»Ja Lora, der kleine alte Haperd und sein Bruder sind besonders.«

»Aber warum ist dein Mann plötzlich so rot geworden«, fragte Lora.

»Lora, wir sind in Westeuropa.«

Beide lächelten und gingen zum Auto. Und alle zusammen fuhren nach Hause.

Beide schauten mit Begeisterung durch das Autofenster. Sahen eine wunderschöne Naturlandschaft, bei herrlichem Wetter, ein frischer Sonnentag mit einer milden Brise.

Die beiden Freundinnen sehnten sich nach Freiheit und Lebensfreude: Frische Luft atmen, auf einer weichen Wiese liegen und den Vogelgesang hören, den Duft des Sommers riechen.

Nur zwei alte Narzissen nickten ungestüm mit ihren Köpfen …

Spät am Abend, als alle wieder zuhause angekommen waren, stellte sich heraus, dass alles wieder in bester Ordnung war. Beide Freundinnen verabschiedeten sich von Haperd und gingen ins Haus.

»Wir sind zuhause!«, freuten sich die beiden nach der langen Fahrt.

Saules Ehemann fuhr mit Haperd weiter zu seiner Schwester Margot.

»Die beiden sind sehr komisch und unfreundlich«, sagte Lora.

»Ich glaube, das ist nicht nur das, sondern beide haben Angst vor Menschen, das sieht so aus.«

»Was hat der Haperd am Flughafen gesagt, er hat geschimpft, oder?«, fragte Lora.

»Nicht so wichtig, Lora, Hauptsache, du bist da, ich habe dich sehr vermisst!«, antwortete Saule. »Das war eine sehr lange Fahrt, bestimmt hast du Hunger und bist müde«, sagte Saule.

»Müde nicht, aber richtig hungrig schon. Jetzt ist Partytime, wir feiern den ganzen Abend!«

»Ja, ja, ja, ja, ja!«, sangen beide Freundinnen. Beide fühlten sich voller Energie und bereiteten in der Küche das Abendessen vor. Der Kühlschrank war voll, das erste Mal seit einem Jahr. Lora war sehr überrascht.

»So viele Lebensmittel, er hat voll geladen, was ein guter Mann, du lebst wie im Paradies, Saule.«

»Lora, das wünsche ich auch, was du sagst, aber Paradies ist total anders«, antwortete Saule traurig. »Ich mache jeden Tag den ganzen Haushalt … nach der Hochzeit ist alles anders geworden.«

»Was sagst du? Aber alles braucht seine Zeit, das ist der Anfang, und du musst die Sprache lernen, dann wird alles viel besser, Saule, glaub bitte!«

»Ich hoffe«, antwortete Saule leise.

»Wann feiern wir deine Hochzeit mit allen Freundinnen bei dir, wann?«

»Lora, er will davon plötzlich nichts wissen, das alles kostet Geld, betont er oft wütend, hier müssen alle sparen.«

»Wie bitte???«

»Ja, genau, und ich weiß nicht mehr, wie lang ich noch hier bleibe, das alles ist so schmerzhaft …«

»Was sagst du, Saule? Aber hast du auch ein Flugticket in die Heimat, vielleicht fliegen wir beide zurück?«

»Ich weiß nicht, Lora.«

Beide hatten das Abendessen auf der Terrasse am großen Tisch zubereitet.

»Wir feiern allein, keiner da, zum Glück!«

Beide Freundinnen fühlten sich wie zu Hause, erzählten bis mitten in der Nacht über die Heimat. Der Abend war sehr lang und sehr emotional.

Um sie herum waren wohl alle schon eingeschlafen, nur hier auf der Terrasse erfrischte eine leichte Brise ihre Gespräche immer wieder neu. Beide Freundinnen genossen den Abend. Es war so herrlich und wunderbar, dass sie sich wiedergetroffen hatten, freuten sich beide.

Plötzlich roch Saule hinter ihrem Rücken starken Alkoholgeruch und sie schaute zurück … da stand er mit glühendem Blick …

»Wie lang stehst du schon hinter meinem Rücken, was soll das alles?«, fragte Saule.

»Das ist sehr interessant«, sagte er leise.

»Was meinst du?!«, fragte Saule weiter.

Er hatte ein rotes Gesicht und schaute dann nach links, nach rechts, als ob er etwas suchte.

»Komm mit uns an den Tisch zum Abendessen, komm!«

»Will ich nicht!«, sagte er.

»Na ja, die Schwester Margot hat beide Jungs mit Brei gefüttert und danach mit rotem Saft begossen«, lachten beide Freundinnen. Er wurde noch mehr rot und blau im Gesicht und brannte wie Feuer.

»Ich glaube, er wird in der nächsten Stunde explodieren«, sagten beide Freundinnen, »aber zum Glück, er hat nichts verstanden.«

»Komm bitte zu uns, trink ein Glas Wasser!«

»Wir trinken mit dir! Vielleicht erlischt das Feuer …«

Es dauerte lange, bis er sich traute, mit ihnen zu feiern. Er öffnete eine Flasche kalten Sekt, die er aus dem Keller geholt hatte.

»Trinken wir zusammen ein Glas«, sagte er, »auf einen schönen Abend!«

»Ja, sehr gern und auf unseren Gast«, sagte Saule.

Er war in seinen Gedanken ganz tief in sich, manchmal schaute er zu Saule, dann lange zu Lora, ohne Worte, ohne Fragen.

Die beiden Freundinnen redeten in ihrer Heimatsprache emotional und mit Lächeln. Dann wurde er plötzlich unruhig und verschwand ohne Worte.

Kurze Zeit später stand er hinter Saules Rücken und schaute beide Freundinnen mit glühenden Augen an, danach stand er hinter Loras Rücken.

»Alles in Ordnung?«, fragte Saule. »Vielleicht isst du mit uns, wir haben alles geschmackvoll zubereitet für das Abendessen.«

Er nahm wieder Platz am Tisch und war wieder verschwunden in seinen Gedanken.

Später um Mitternacht gingen alle in ihre Schlafzimmer. Aber Saule konnte noch lange Zeit nicht einschlafen … ihr Herz raste …

Viel später kam er zu Saule und schaute sie ohne Worte an.

»Warum hat dein Bruder Haperd Lora als Schlampe beschimpft, er weiß nicht, wie man Menschen begrüßt?«, fragte Saule.

»Er ist mein Bruder, und er sagt, was er will!«

»Zuerst darf dein Bruder die Menschen nicht beschimpfen, Lora ist meine gute Freundin, er hat nichts hier zu suchen, dieser alte Sack!«

»Na und!«

»Er benimmt sich wie ein kleines Kind und du genauso!«

»Nein, nein!!«

»Aber sicher!«

Wütend schlug er die Türen zu und ging weg. Es war Mitternacht und sehr dunkel. Saule versuchte zu schlafen, sie war total müde, die Augen klappten zusammen nach diesem sehr langen Tag. Zum Glück war er weg …

Die Morgensonne begrüßte sie mit strahlenden Blicken. Der neue Tag hatte begonnen. Sie ging in die Küche.

»Lora, bist du schon richtig wach?«

»Ja, ja.«

»Hast du gut geschlafen, was hast du geträumt?«

»Ich erzähle dir alles später, habe die ganze Nacht wenig geschlafen«, sagte Lora.

»Und ich überlege, wo wir frühstücken sollen. Es ist ein sonniger Morgen, essen wir auf der Terrasse.«

Saule deckte mit Loras Hilfe den Tisch. Die beiden Freundinnen waren sehr überrascht, wo er die ganze Nacht war.

Danach erzählte Lora, dass in der Nacht vor ihrem Zimmerfenster im Erdgeschoss eine Person gewesen sei. Sie konnte nicht erkennen, welche, da es sehr dunkel gewesen war.

»Was meinst du, Lora?«

»Ich hörte laute Schritte und geredet hat er auch, aber ich konnte nichts verstehen und wusste nicht, wer da war, ich hatte die ganze Nacht große Angst … das Zimmer, in dem ich übernachtet habe, ist so alt und sehr dunkel …«

»Lora, du hättest bei mir an der Tür klopfen und mit mir reden sollen, nicht die ganze Nacht zittern!«

»Ich dachte, dass du mit deinem Ehemann schläfst, wollte ihn nicht erschrecken.«

»Lora, ich habe allein geschlafen, er war nicht bei mir die ganze Nacht, irgendwann verschwand er nach dem Gespräch.«

Plötzlich hörten sie Kirchenglocken, sie klangen lauter und lauter, mehr und mehr …

»Was ist das?«, fragte Lora.

»Hier, nicht so weit weg ist eine sehr alte Kirche.«

Beide holten tief Luft und tranken ihren Kaffee weiter.

»Und das alles kann ich essen?«, fragte Lora.

»Ohne Frage, alles, was du willst!«

»Aber trotzdem hast du ein gutes Leben hier, Saule, du musst nur die Sprache lernen und dann studieren oder arbeiten, wie du das willst.«

»Das ist nicht so einfach, Lora, wie du denkst. Er ist ganz anders geworden, nach der Hochzeit, manchmal verstehe ich das alles nicht mehr«, erzählte Saule leise.

Nach dem Frühstück gingen beide in den Ort spazieren. Der blaue Himmel verschmolz mit der Sonne.

»Die Blumen, schau, Saule, solche habe ich noch nie gesehen: Die Farben und die Blätter sind einzigartig! Bei uns wachsen solche Blumen nicht, schau!«

»Natürlich, hier wachsen wunderbare Blumen und sehr viele«, sagte Saule.

Der Blumenduft begleitete beide beim Spaziergang mehrere Stunden. Danach gingen sie in die Weinberge. Lora sah das erste Mal in ihrem Leben eine große Plantage.

Der Weg nach Hause war nicht einfach und dauerte mehrere Stunden. Am Haus waren alle Blüten aufgeblüht und ihre rosaroten Köpfe tanzten im Wind.

Die Pflanzen prangten im starken Grün der jungen Blätter und die Blütenbeete am Haus erfüllten die Luft mit ihrem nostalgischen Duft.

Beide Freundinnen gingen ins Haus. Der Ehemann wartete auf der Terrasse, gut gelaunt begrüßte er beide. Er hatte den Tisch vorbereitet fürs Abendessen und einen wunderschönen Topf Blumen darauf gestellt.

»Das ist eine Überraschung für euch!«, sagte er. »Was wollt ihr trinken, Kaffee oder Tee?«

»Ich will Kaffee, und du, Lora?«, fragte Saule.

»Ich auch Kaffee.«

»Ja, sofort, und das Essen habe ich für euch zubereitet«, sagte er. Er war ein richtiger Gentleman, aber nur selten.

Danach kam seine Schwester Margot mit selbstgemachtem Kuchen und Torten.

Der Bruder war auch da, er schaute Lora und Saule von Kopf bis Fuß an, danach nahm er Platz am Tisch.

Irgendwie fühlten beide eine Unruhe in sich.

Saule fragte ihren Ehemann sehr leise: »Wo warst du letzte Nacht?«

»Ich bin müde, lass mich in Ruhe!« Er stand auf und ging ins Haus. Danach kam er wieder, sehr rotblau im Gesicht.

»So wie du willst, wir sind verheiratet«, sagte Saule leise.

»In wenigen Tagen fahren wir alle mit dem Schiff auf dem Fluss, ich habe Plätze reserviert und Tickets gekauft. Die Reise wird einen Tag dauern«, erzählte der Ehemann.

»Was sagt er?«, fragte Lora.

»Wir fahren mit dem Schiff!«

»Das ist wunderschön!«

Plötzlich unterbrachen die Kirchenglocken das Gespräch, die Glocken klangen lauter und lauter, intensiv und geheimnisvoll, wie Zeichen von Bedeutung. Plötzlich war es still, keiner redete mehr …

Nach wenigen Tagen fuhren alle zusammen mit dem Schiff: Lora, Saule mit Ehemann, Margot und Haperd.

Vor der Abreise wollte Saule eine Frühstückstüte packen, aber ihr Ehemann sagte: »Nein, das brauchst du nicht!«

»Lora und ich ohne Frühstück, vielleicht etwas Obst?«, fragte Saule.

»Wir fahren!!«

Er riss die Tüte aus Saules Händen und schmiss sie weg.

Lora schaute überrascht zu, beide waren sehr schockiert.

Auf dem Schiff redeten beide Freundinnen nur miteinander und hielten Distanz zu ihm. Das Schiff war voll besetzt und bewegte sich langsam nach vorne, nach Norden. Lora und Saule nahmen Platz am Fenster und schauten sich die wunderschöne Naturlandschaft und den schmalen Fluss mit den vielen Schiffen an.

Der Ehemann war plötzlich da und fragte, was beide essen wollen.

»Kaffee und kaltes Wasser, das wars!«, sagte mit lautem Ton Saule.

»Na ja, alles kostet Geld!«, sagte er mit rotem Gesicht.

»Gibts hier was umsonst, na irgendwas?«, fragte Saule. »Wir sind noch ohne Frühstück!«

»Ja klar!«, dann bestellte er etwas und schaute mit einem Lachen zu Haperd.

Die Kellnerin brachte zwei Gläser Wein, eins für Saule, eins für Lora.

»Was soll das alles?«, fragte Saule.

Haperd sagte in sehr bestimmendem Ton: »Ihr beiden Russinnen trinkt viel Alkohol, so wie dort, wo ihr geboren seid! Dann trinkt!«

Saule antwortete sofort: »Zuerst sind wir keinen Russinnen und nicht aus Russland! Den Wein trinkt ihr selbst, der ist für euch!«

Und dann gingen beide Freundinnen zu einem anderen Platz und machten sich einen wunderschönen Tag.

»Mein Herzblättchen, bitte, bleibt hier, wir sind verheiratet«, sagte er laut.

»Aber wir können sehr schnell getrennt sein«, erklärte Saule.

»Was ein alter …«, sagten beide Freundinnen.

»Und danach erzählt er stundenlang, wie er mich liebt, wenn wir allein im Haus sind …«

»Ja, das ist nicht so einfach, aber eine neue Erfahrung.«

»So habe ich ihn noch nie erlebt, Lora.«

»Ich verstehe nicht richtig, warum er dich heiratete und große Liebe und ein wunderschönes Leben versprach und … So viele Liebesbriefe hat er dir geschrieben und so oft …«

»Morgen ist ein neuer Tag«, sagte Saule.

Wenige Tage danach fuhren Saule und Lora, der Ehemann, Haperd und Margot mit einem Omnibus auf eine Blumeninsel. Saule hatte keinen Cent in ihrem Portemonnaie und der Ehemann erzählte wieder, dass alle essen und trinken würden in einem Restaurant und Kaffeehaus, deswegen soll Saule nichts mitnehmen zum Essen. Aber Saule und Lora waren wieder den ganzen Tag ohne Essen und Trinken, der Ehemann erzählte plötzlich, dass alle sparen müssen, Essen und Trinken gebe es später am Abend zu Hause.

Saule und Lora waren sehr schockiert, als der Ehemann dann für beide Bier zum Trinken kaufte, obwohl beide nie Bier tranken. Er und Haperd und Margot hatten in ihren Taschen zu essen dabei und fraßen beim Spaziergang alles wie Verhungerte … Der Ehemann präsentierte sich immer, wer er ist und was er kann.

In den nächsten Tagen besuchten Saule und Lora ein Museum, dort war eine Ausstellung von dem faszinierenden Leonardo da Vinci, ein sehr talentierter Maler, Zeichner, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Naturforscher der italienischen Renaissance. Seine Vielseitigkeit und sein Genie entsprach dem hohen Bildungsideal seiner Zeit. Es war ein Traum, dass sie so viele großartige Werke sehen durften.

Am nächsten Tag gingen beide Freundinnen zu Fuß in die Stadt, das dauerte über eine Stunde, aber es war ein wunderschöner warmer Tag, wolkenlos mit blauem Himmel. Beide gingen die große Treppe nach oben und besuchten den Dom.

»Das ist so gigantisch! Was für eine Architektur!« Begeistert redete Lora.

»Das Bauwerk stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Baugeschichte des monumentalen roten Sandsteinbaues begann sehr früh und dauerte mehrere Jahre«, erzählte Saule.

Dann machten sie einen Rundgang und schauten sich alles an, was dort war: jedes Bild, jedes Fenstermosaik. Danach nahmen sie Platz für stille und tiefe Gedanken zu Gott. Das fühlte sich so magisch und beruhigend an … beide kamen aus einem katholischen Land, zum Glück. Das alles braucht seine Zeit, das Leben zu erkennen, besonders in einem neuen Land.

Lora hatte kurze schwarze Haare und große dunkle Augen in einem wunderschönen Gesicht. Sie hatte ein gelbes Kleid mit kleinen Blümchen an, das ihr bis zum Knie ging, und in der gleichen Farbe offene Schuhe. Das passte so wunderschön zusammen zu ihrem lächelnden Gesicht und wirkte sehr natürlich.

Saule kleidete sich so hervorragend, dass ihre Freundinnen häufig die Kleider haben wollten, die sie an ihr sahen. Das meeresfarbene Kleid betonte ihre Sinnlichkeit mit kleinem Dekolletee und schmaler Taille, dazu eine passende Handtasche. Ihre langen blonden Haare wehten im Wind und ihre porzellanweißen Arme leuchteten. Sie war eine Blondine mit Stil und Lebensfreude.

Die beiden Freundinnen rochen nach französischem Parfüm mit magischer Harmonie des Lebens.

»Ja, Lora, ich möchte sehr gern in die Heimat mit dir fliegen, aber er gibt mir mein Flugticket nicht mehr zurück«, sagte Saule.

»Was sagst du? Ehrlich, er sieht sehr komisch aus und ist immer sehr aufgeregt, das irgendwie verstehe ich nicht richtig … er schlägt dich?«, fragte Lora.

»Lora, nicht so laut, wir sind in einem Restaurant, zuerst essen wir, dann reden wir weiter, ich habe Hunger.«

»Du willst nicht erzählen, stimmts? Das alles ist sehr mysteriös und das Haus ist sehr ungepflegt und macht mir Angst. Er erzählte, dass er ein berühmter Maler ist, und jetzt plötzlich arbeitet er in einer kleinen Schule. Was erzählt er noch? Was macht er mit dir?«, fragte Lora weiter.

»Vielleicht fragen wir beide heute Abend nach dem Flugticket und fliegen in die Heimat«, sagte Saule.

»Das ist die beste Idee, ich wünsche das auch!«

Das war alles zu viel, die ganzen Rätsel mit dem Ehemann und seinen Geschwistern.

Als beide am Abend zurück ins Haus kamen, atmete Saule ganz tief durch und sagte mit lächelndem Gesicht: »Ich hoffe, alles wird gut.«

»Du bist eine endlose Optimistin!«, sagte Lora.

»Die Optimisten haben ein besseres Leben, und es lohnt nicht, Pessimist zu sein.«

»Mein Herzblättchen«, am Eingang begrüßte er beide, »es war ein langer Tag, ihr beide seid natürlich müde und habt Hunger!«

»Natürlich nicht!«, sagte Saule. »Wir haben den Dom besucht, danach im Restaurant gut gegessen und Lora war so begeistert von der wunderschönen Stadt. Danach haben wir Musik-CDs und die Noten gekauft.«

»Aber das kostet Geld, besser wäre es, das Geld zu sparen«, sagte ihr Ehemann.

»Deswegen hast du beim Hausbau so richtig gespart«, sagte Saule, »und beim Garten auch. Nicht klar ist, ist es ein Garten oder eine Mülldeponie?« Auf dem Grundstück mit der großen Mauer liegt unter dem Rasen begraben eine Badewanne, ein WC, eine große alte Zauntür aus Metallgitter, alte Fenster, viel gebrochenes Glas, verrostete Metallstangen und noch mehr … in der Mitte ist eine große schwarze Mülltonne mit Resten von Lebensmitteln, das alles stinkt zum Himmel!«

»Du musst mir helfen, du arbeitest nicht genug«, hatte er so oft geschrien.

»Du hast viele Jahre so viel Müll gesammelt, bleib so weiterhin, das ist nicht mein Leben, am besten suchst du eine Haushälterin oder Pflegerin, die dir die Pampers wechselt.« – Aber er hat das nicht verstanden, wie immer!

»Saule, sei nicht so frech, bitte! Wir brauchen Tickets, Saule.«

»Ja, Lora, alles wird gut, hoffe ich …«

Auf der Terrasse nahmen alle drei Platz und tranken ein Glas Wasser. Danach brachte er eine große frisch gebackene Pizza vom Supermarkt an den Tisch, die beiden Freundinnen schauten sehr überrascht zueinander.

»Essen wir etwas, vielleicht schmeckt es ja«, sagte Saule mit freundlichem Lächeln.

Er schnitt ein kleines Stück für jede ab und servierte es auf einem Teller und brachte vom Keller eine Flasche Roséwein.

Danach war ein ruhiger Abend. Saule ging ans Klavier, das sie vor wenigen Monaten gekauft hatte, und musizierte gefühlvoll, später mit Lora zusammen, die klassische Musik erfüllte die Abendluft mit leichter Harmonie der wunderschönen Melodien. Er schaute so überrascht … Lora ging später ins Zimmer und packte ihre Koffer.

Saule überlegte: Sollte sie fragen wegen der Tickets, wie wird er reagieren?

Er sagte: »Ich habe das Zugticket für Lora gekauft … in den nächsten Tagen kann sie allein fahren und du bleibst hier, wir sind verheiratet!«

»Moment, aber ich brauche mein Flugticket und alle meine persönlichen Papiere und Dokumente. Ich will mit Lora in die Heimat fliegen und danach komme ich zurück, wir sind verheiratet!«, antwortete Saule.

Er schlug die Türen sehr laut zu und verschwand zu seinen Geschwistern.

Saule war sehr schockiert.

»Lora, ich kann nicht mehr …«

»Das habe ich nicht gedacht, dass er so radikal und eiskalt ist«, sagte Lora, »aber ich fahre dann allein und du versuchst nachzufahren, das schaffst du, ich bin mir sicher.«

»Lora, das alles ist sehr schwer …«

Die beiden blieben auf der Terrasse bis Mitternacht und diskutierten ohne Ende. Er war nicht da, zum Glück. Beide hörten die neuen Musik-CDs, die sie am Tag gekauft hatten.

»Mit Musik ist das Leben schöner und leichter, besonders in der Nacht«, sagte Saule. »Trotzdem gibts immer eine Lösung im Leben, ich bin sicher. Wie lange ich hierbleibe, entscheide nur ich selbst«, redete Saule weiter.

»Nur du selbst, aber du brauchst deine Dokumente, diese muss er zurückgeben und nicht verstecken«, sagte Lora.

»Ja, natürlich … das war eine warme, volle Musiknacht, die uns Hoffnung macht.«

Danach ging Lora zum Schlafen, nur Saule blieb auf der Terrasse bis zum Sonnenaufgang, dann ging auch sie schlafen.

Am Morgen, früh, sehr leise öffnete er die Tür zu Saules Zimmer und setzte sich ans Bett.

»Mein Herzblättchen, ich habe das Frühstück vorbereitet für uns!«

Saule schaute noch im Schlaf und sagte: »Mach eine Überraschung, bitte, schließ die Tür von der Diele, ich will schlafen!«

»Ja, mach ich«, sagte er leise.

Saule erinnerte sich, wie sie sich vor mehreren Jahren kennenlernten, wie er mit Saule die schönsten Pläne für die Zukunft kreierte, wie er sie eroberte mit so viel Liebe und den schönsten Komplimenten. Er sagte sehr oft, wie er als berühmter Maler seine Ausstellung vorbereitete und Saule seine einzige große Liebe nannte. Wie er mit Saule eine Familie gründen und viele Kinder haben wolle, wie er große Reisen in die ganze Welt versprochen hatte und dass sie neue Kulturen kennenlernen, er würde Tickets für große Opern, Theater- und Weltreisen mit den besten und größten Schiffen kaufen und … und …

Jetzt wusste Saule, dass das alles nur seine ausgeprägten Fantasien waren.

Das machte sie sehr traurig und total sprachlos.

Am Hochzeitstag hatte Saule zum ersten Mal den Ausweis ihres Ehemannes gesehen und war sehr schockiert. Obwohl sie beide sich mehrere Jahre kannten, hatte er gelogen über sein Alter und seinen Lebenslauf. Warum tat er so etwas, wer war er überhaupt? Alles war sehr mysteriös und geheimnisvoll.

Viel später hatte Saule ausgeschlafen und ging ins Badezimmer. Unter der Dusche erfrischte sie sich mit warmem Wasser von Kopf bis Fuß, das tat so gut, das machte sie oft. Das warme Wasser massierte das Gesicht und den ganzen Körper. Danach nahm sie ein großes Badetuch und trocknete langsam die Haut, shampoonierte auch die schönen langen Haare, massierte den Kopf, das Badezimmer roch so traumhaft nach Wildrosenöl mit Meeresbrise, da wollte sie am liebsten den ganzen Tag hier verbringen. Das fühlte sich sehr angenehm an, wie eine Göttin. Danach zog sie ihr weißes Leinenkleid an und ging in die Küche. Dort wartete Lora.

»Ich hoffe, du hast gut geschlafen«, sagte Saule.

»Ja, nach so einem langen Tag wie gestern habe ich sofort geschlafen«, antwortete Lora.

»Und was machen wir heute, fahren wir vielleicht in eine andere Stadt?«

»Ja, Lora, heute zeige ich dir eine Stadt, da wirst du überrascht sein, das ist mein Favorit«, mit Begeisterung erzählte Saule, »und wir bleiben dort den ganzen Tag.«

»Sehr gute Idee, ganz toll«, freute sich Lora.

Aber plötzlich war der Ehemann da und fragte: »Wo wollt ihr beiden hinfahren, wo?!«

»Du brauchst nicht alles zu wissen, am besten geh zu deinen Geschwistern«, antwortete Saule.

»Ich will nur helfen, vielleicht fahren wir zusammen?«, fragte er.

»Wir fahren nicht zusammen, fahr mit deinen Geschwistern«, sagte Saule.

»Wir sind verheiratet!«

»Wir können sofort getrennt sein und lass mich in Ruhe«, sagte Saule.

Beide Freundinnen fuhren nach dem Frühstück in eine große Stadt, dort, wo Saule ihr Klavier gekauft hatte. Die Stadt war so ähnlich wie im Heimatland die Hauptstadt. Sie hatten einen wunderschönen Tag und vieles gesehen. Sie gingen beide in ein Schloss und genossen ihr Mittagessen. Später gingen beide Geschenke für Loras Tochter einkaufen, schauten viele Läden an. Lora war begeistert, dass es hier so vieles gab, so etwas hatte sie noch nie gesehen, und sie kaufte für ihre Tochter ein schönes Kleid. Danach ging Lora zielstrebig auf die Schuhabteilung zu, wo die High-Heels und Sandalen standen. Dort kaufte sie ein Paar High-Heels aus schwarzem strukturiertem Leder mit hohem Absatz und braune Sandaletten.

»Saule?«, fragte Lora. »Kaufst du auch, warum probierst du nicht? Im Heimatland hattest du immer sehr moderne und wunderschöne Schuhe, und seit du geheiratet hast, brauchst du nichts mehr, was ist los mit dir??«

»Ja, Lora, du hast recht, aber ich brauche alles genau wie in der Heimat! Wenn ich beginne zu arbeiten, dann kaufe ich alles, was ich will.«

»Ich bin sehr überrascht, Saule.«

Später entdeckten die beiden Lederhandtaschen, genau passend zu Loras Schuhen, dann noch einen Ledergürtel mit einer sehr modernen Silberschließe und eine dunkle Sonnenbrille mit einem kleinen silberfarbenen Herz auf der Seite.

Im nächsten Laden waren sie begeistert von der duftenden und verführerisch glitzernden Parfümabteilung mit faszinierenden Flakons aus Kristallglas, auch Kosmetik. Als einzige Verlockung kauften beide nur den unikaten Duft, Lippenstift, Wimperntusche mit Lidschatten. Auch die gute Handcreme, die sie immer in der Handtasche hatten.

»Aber ich habe meine Tochter sehr vermisst und sie wartet sehr auf mich«, sagte Lora.

»Wenn wir am Abend nach Hause kommen, telefonierst du am besten sofort, vielleicht hat sie einen besonderen Wunsch, dann kaufe ich es für sie«, sagte Saule.

»Das ist eine gute Idee, aber erlaubt mir dein Ehemann zu telefonieren? Er erzählt immer, dass er sparen muss, er ist ein sehr armer Mann, wie ich das sehe …«

»Auf jeden Fall probieren wir es, Lora! Aber nächstes Mal kommst du mit deiner Tochter zu mir, versprochen?«

»Ich hoffe, Saule, zuerst muss dein Leben in Ordnung sein, das ist sehr wichtig.«

»Mach dir keine Sorgen, die richtige Lösung finde ich schnell und ich will die Sprache weiter lernen«, erzählte Saule.

Saule und Lora kauften voll Tüten und hatten so viel Spaß. Spät am Abend fuhren beide zurück mit dem Zug nach Hause, wo Saules Ehemann wartete.

Lora verbrachte mehrere Wochen bei Saule, dabei hat sie so viel Schönes erlebt und gesehen, aber über die Familie, in die Saule eingeheiratet hatte, war Lora sehr schockiert. Sie hat oft ganz tief durchgeatmet, wie auch Saule.

Den letzten Abend verbrachten die beiden Freundinnen auf der Terrasse und wussten noch nicht, dass es bis zum nächsten Treffen sehr viele Jahre dauern würde.

Saule half den Koffer zu packen, sie gab alles für ihre Freundin.

Lora fragte: »Ist das alles für mich und das auch?«

»Ja, Lora, für dich und deine Tochter!«

Sie bedankte sich sehr für alles und versprach wiederzukommen.

Am frühen Morgen fuhr der Ehemann mit beiden Freundinnen zum Bahnhof. Loras Koffer war so schwer, sie brauchte richtig Hilfe, aber Lora machte sich keine Sorgen und freute sich auf die Heimat und die Tochter mit großer Sehnsucht.

»Wir sehen uns wieder!!« Dann stieg sie in den Zug, schaute durch das Fenster mit traurigem Gesicht zu Saule, nickte mit dem Kopf als »pass auf dich auf«. Saule holte tief Luft und schaute dem Zug hinterher, bis er langsam am Horizont total verschwunden war. Plötzlich war Saule wieder allein mit ihrem Ehemann …

Er sagte: »Nächstes Jahr kannst du auch in die Heimat fahren, wenn wir Geld haben, das Leben hier ist sehr teuer, mein Herzblättchen!«

»Wo ist mein Flugticket?«, fragte Saule.

Er nahm Saules Hand und ging zum Auto. »Fahren wir in die Stadt, ich will was kaufen, du kannst mir helfen.«

Beide gingen in einen Buchladen und er kaufte mehrere Kochbücher. Für Saule kaufte er das Bildkochbuch »Was Kinder gern essen«.

Saule war sehr überrascht und fragte: »Warum kaufst du mir Kinderbücher?!

Warum??«

»Weil du das brauchst!!«

»Kinderbücher brauche ich nicht, am besten kannst du das für dich behalten!«

»Ich habe Hunger, wir fahren nach Hause!« Er nahm Saules Hand wieder mit ganzen Hassausbrüchen und brachte sie durch die Stadt ins Auto.

Zuhause schnitt er das Brot und bereitete das Abendessen vor. Er servierte für Saule einen Teller mit sehr günstigem Essen und schmiss ihn auf den Tisch.

»Ich esse, wann ich will und was ich will«, sagte Saule.

»Wir sind verheiratet und du bist in meinem Haus!!«, schrie er. »Gehe zum Essen!!«

»Ich bin nicht dein Kind, okay?«

»Du tust, was ich dir sage!! Bei mir gibt es keinen Luxus!!«

»Schade, richtig schade …«

Zuhause war es sehr leer und kalt und Saule durfte nur eine kleine Lampe anschalten im Wohnzimmer, das war so grausam … aber sie schaltete alle Lichter an, um zu schauen, wie er reagiert.

»Sparen, du musst sparen!!« Als würden ihm die eigenen Eier abgerissen.

Er war rotblau im Gesicht, sprang von einer Seite zur anderen, dann nahm er Saule an den Armen und drückte sie mit Gewalt an die Tür. Saule zitterte und ging sofort ins andere Zimmer. Ich will sofort in die Heimat fahren, dachte sie, aber wie … Sie versuchte, sich zu beruhigen mit wunderschöner klassischer Musik und lag auf dem Bett, das Herz raste … Nach wenigen Stunden ging sie zum Ehemann, um zu reden, ganz in Ruhe.

»Ich bitte dich, alle meine persönlichen Papiere und Dokumente mir zurückzugeben, und ich will dein Haus verlassen, sofort, ich kann nicht mehr«, erzählte Saule.

Er war am Schreibtisch, schaute lachend zu Saule und sagte: »Ich habe im Moment viel Arbeit, wir reden am besten morgen, du siehst sehr schlecht aus, geh am besten schlafen. Später bringe ich dir ins Bett sehr gute Medikamente, ich will dir helfen, bitte vertrau mir!«

»Aber ich möchte alle meine Papiere heute«, sagte Saule, »und alle persönlichen Dinge, die du mir abgenommen hast, ich will von hier weg!«

»Wir sind verheiratet und du bleibst bei mir. Bitte, vertrau mir! Du hast ein wunderschönes Leben und in der nächsten Zeit lernst du die Sprache weiter, später dann alles andere, das wird alles noch besser, ich verspreche dir …«, und … und … und …

Dann nahm er mit beiden Händen Saule an den Armen und schlug sie auf das Schrankeck, wieder und wieder … bis sie zusammenbrach. Danach fragte er: »Willst du noch was?!! Willst du noch?!!! In den nächsten Tagen gehe ich zur Polizei, die mir helfen soll, meine russische Ehefrau zu einer perfekten Ehefrau zu erziehen.« Er schrie weiter: »Geh bitte zu meiner Schwester und lern richtig zu kochen und backen!! Dann helf meiner Schwester die Straße und den Hof zu kehren, sie ist eine ältere Frau, du musst ihr helfen!!«

»Ich bin Vegetarierin und Musikerin, das ist mein Leben«, antwortete Saule.

»Du bist ein Nichts, du bist faul, du weißt nicht, was das Leben bedeutet!!«

»Mein Leben gehört mir«, sagte Saule, »und ich bin keine Russin!«

»Du bist verheiratet mit mir!!«

»Du bist ein Sadist, ich will nur die Scheidung«, sagte Saule und ging ins andere Zimmer.

»Hau ab, hau ab, du …«, schrie er, »Musikerin, ha, ha, ha …«

Saules Schmerzen waren so stark, als wären alle ihre Knochen gebrochen, an den Armen hatte sie wieder blaue Flecken. Sie versuchte zu schlafen, aber ihr war sehr übel und dann ging sie langsam ins WC, sich übergeben, die ganze Nacht lang … wieder und wieder.

Es war noch zu dunkel um etwas zu erkennen, aber sie hörte, wie er sich durch ihr Zimmer bewegte. Sie wurde wach und lag zitternd im Bett, das Herz raste, sie versuchte den Atem anzuhalten. Dann schloss er die Tür behutsam hinter sich, dann war er fort.

Sie öffnete den Fensterrolladen und sah, wie er mit dem Auto wegfuhr. Danach versuchte Saule zu schlafen, wenn auch nur eine Stunde, das war besser als ohne Schlaf. Sie war sehr erschöpft und kraftlos …

Mittlerweile war es heller Tag, sie wurde wieder wach, es schimmerte ein Stück blauer Himmel mit leichten Sonnenstrahlen durch das Fenster. Sie wusste nicht mehr weiter: Was soll sie tun … sie wollte weg von hier, nur weg.

Am Mittag war er wieder da.

»Mein Herzblättchen, meine Liebe, ich habe eine Überraschung für dich, wir fahren sofort, bitte beeil dich, mein Herzblättchen!«

»Was??«, schaute Saule erschreckt zu ihm. »Ich will nur zurück in die Heimat!«

»Liebes, ich will dir nur helfen, ich bin dein Mann! Ich habe einen Termin für dich beim Orthopäden Dr. Ebenschrod gemacht, jetzt, sofort, er hilft sehr gut, er ist ein sehr guter Arzt.« Er redete und redete sehr lang, bis Saule ihm wieder vertraute, und wieder, sie hatte keine andere Wahl.

Danach sagte er: »Nach dem Arztbesuch kaufen wir Schuhe für dich, welche du willst, mein Herzblättchen!«

»Meine Schuhe aus meiner Heimat hast du mir weggenommen, jetzt bitte kauf mir genauso sehr gute Qualität«, antwortete Saule.

»Natürlich, nur das Beste für mein Herzblättchen!!«

»Aber zuerst fahren wir Schuhe kaufen, gute Schuhe sind sehr wichtig, ich habe im Moment nur ein einziges Paar, das zu klein und unbequem ist«, sagte Saule.

»Nein, zum Arzt!!«

»Nein, nein, nein!«

Trotzdem fuhr er schnell zur Arztpraxis Dr. Ebenschrod. Mit rotem Gesicht erzählte er weiter, wie er ihr helfen will, weil er behauptete, dass sie sehr krank sei. Danach öffnete er die Autotüren und sagte: »Wir sind da, beim Arzt!«