Atlan 103: Planet der Spinnen - Kurt Mahr - E-Book

Atlan 103: Planet der Spinnen E-Book

Kurt Mahr

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Beschreibung

Suchexpedition im Todesdschungel - Zwerge und Riesen auf der Welt ohne Namen Mit dem Tod des letzten "Grauen" auf der "Endstation Nemoia" haben die Ereignisse, die durch die Aktivitäten des Redbone- und des Suddenly-Effekts in weiten Teilen der Galaxis Unruhe und Schrecken verbreiteten, ihr Ende gefunden. Jetzt, Ende Mai des Jahres 2842 terranischer Zeitrechnung, herrschen wieder Ruhe und Frieden auf den von Menschen besiedelten Planeten der Milchstraße. Nur eine Welt ist davon ausgenommen - der zweite Planet von Gladors Stern, die Heimstatt der Siganesen, der kleinsten Vertreter der Spezies Homo sapiens. Hier, auf Siga, bahnt sich etwas an, das schwere galakto-politische Konsequenzen nach sich ziehen und das traditionell gute Einvernehmen zwischen Terranern und Siganesen empfindlich stören kann. Die überraschende Nachricht, dass Kinder absichtlich in ihrem Wachstum gehemmt und anschließend von Unbekannten entführt wurden, schlägt auf Siga wie eine Bombe ein. Und Alliama Tarouse, die Chefin einer bislang unbedeutenden politischen Partei mit extremistischer Zielsetzung, schlägt daraus Kapital. Sie macht das Solare Imperium für die Verbrechen an den jungen Siganesen verantwortlich. Dabei führt die Spur der Verbrecher und ihrer Opfer zum PLANETEN DER SPINNEN ...

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Nr. 103

– Im Auftrag der Menschheit Band 99 –

Planet der Spinnen

Suchexpedition im Todesdschungel – Zwerge und Riesen auf der Welt ohne Namen

von Kurt Mahr

Mit dem Tod des letzten »Grauen« auf der »Endstation Nemoia« haben die Ereignisse, die durch die Aktivitäten des Redbone- und des Suddenly-Effekts in weiten Teilen der Galaxis Unruhe und Schrecken verbreiteten, ihr Ende gefunden.

Jetzt, Ende Mai des Jahres 2842 terranischer Zeitrechnung, herrschen wieder Ruhe und Frieden auf den von Menschen besiedelten Planeten der Milchstraße.

Nur eine Welt ist davon ausgenommen – der zweite Planet von Gladors Stern, die Heimstatt der Siganesen, der kleinsten Vertreter der Spezies Homo sapiens.

Hier, auf Siga, bahnt sich etwas an, das schwere galakto-politische Konsequenzen nach sich ziehen und das traditionell gute Einvernehmen zwischen Terranern und Siganesen empfindlich stören kann.

Die überraschende Nachricht, dass Kinder absichtlich in ihrem Wachstum gehemmt und anschließend von Unbekannten entführt wurden, schlägt auf Siga wie eine Bombe ein. Und Alliama Tarouse, die Chefin einer bislang unbedeutenden politischen Partei mit extremistischer Zielsetzung, schlägt daraus Kapital. Sie macht das Solare Imperium für die Verbrechen an den jungen Siganesen verantwortlich.

Die Hauptpersonen des Romans

Flannagan Schätzo – Ein Siganese nimmt Rache an einem Terraner.

Penty Grassor – Schätzos Freund und Komplice.

Stanzo Peysen – Leiter einer gefährlichen Expedition.

Oren Kubaschk – Ein Mörder wird gestellt.

Afruth Schwartz

1.

Flannagan Schätzo sah auf, als das Schott sich öffnete. Ein Roboter trat herein, eine mammuthafte Gestalt für Schätzos Begriffe, und stellte ein winziges Ding behutsam auf den Boden.

»He, Robot!«, rief Flannagan. »Bleib stehen und sag mir ...«

Er unterbrach sich, als er sah, dass der Robot nicht reagierte. Der Maschinenmensch trat durch das Schott hinaus. Die Öffnung verschloss sich selbsttätig. Flannagan Schätzo war wieder allein.

So ging es nun schon seit Tagen. Wenigstens glaubte Schätzo, dass es Tage waren, die er seit seiner Entführung von Siga in diesem gigantischen Gefängnis verbracht hatte. Es gab keine Möglichkeit, das genau zu bestimmen. Man hatte ihm alles abgenommen, selbst das winzige Chronometer, das er sonst am Handgelenk trug. Er wusste, dass er sich an Bord eines Raumschiffs befand, das von normal gewachsenen Menschen für ihresgleichen konstruiert worden war, nicht für Siganesen. Mit seinen knapp siebzehn Zentimetern Körperlänge war Flannagan Schätzo in einer Welt der Riesen gelandet, in der selbst der Weg von einer Ecke seines Gefängnisses bis zur nächsten fast schon einen anstrengenden Fußmarsch darstellte.

Er machte sich über den kleinen Gegenstand her, den der Roboter auf dem Boden abgestellt hatte. Es handelte sich um ein winziges Tablett, sechs Zentimeter lang und vier Zentimeter breit, auf dem zwei zwergenhafte Schüsselchen standen. Sie enthielten jenen Mischmasch an Konzentraten, Hydraten und Extrakten, mit denen Flannagan nun schon seit Tagen gefüttert wurde. Ein siganesischer Löffel war zwischen die beiden Schüsseln geklemmt worden. Schätzo machte sich sofort an die Arbeit. Er wusste, dass er essen musste, um bei Kräften zu bleiben. Denn was immer ihn auch am Ende dieser Fahrt erwartete, es würde nichts Freundliches, Angenehmes sein, und da war es besser, wenn man bei Kräften war.

Flannagan Schätzo wusste nicht, wer es war, der ihn auf Siga gekidnappt hatte. Er wusste nicht, wem das Raumschiff gehörte, und von der Besatzung hatte er bis jetzt nur den Roboter zu sehen bekommen, der ihm täglich das Essen brachte. Er kannte weder das Ziel, noch die Dauer der Reise, und auch die Motivation seiner Bedränger war ihm völlig unbekannt. Aber trotzdem hatte er sich in den langen Stunden der Einsamkeit in diesem riesigen, grauen, tristen Raum Gedanken gemacht und war dabei zu ein paar bemerkenswerten Schlüssen gekommen.

Da war zuerst einmal das Tablett, von dem er aß, die beiden Schüsseln und der winzige siganesische Löffel. Wie kam solcherlei Gerät an Bord eines Raumschiffs, das Menschen von normaler Größe gehörte? Hatte man sich eigens seinetwegen die Mühe gemacht, diese Miniaturausgaben von Essutensilien zu beschaffen? Soviel Rücksichtnahme traute er seinen Bedrängern nicht zu, besonders, wenn er sich daran erinnerte, wie unsanft sie mit ihm verfahren waren, als sie ihn gekidnappt hatten.

Es gab nur eine Erklärung: Außer ihm befanden sich noch andere Siganesen an Bord. Waren sie Verbündete der Raumschiffseigner oder ebenso Gefangene wie er? Dass man eigens für diese Fahrgäste siganesisches Essbesteck angeschafft hatte, wies darauf hin, dass es sich um Personen handelte, auf die man Rücksicht nehmen musste. Es würden also Verbündete der Schiffseigner sein, nicht Gefangene.

Unwillkürlich wanderten Flannagan Schätzos Gedanken zu den zweiunddreißig siganesischen Kindern, die kurz vor seiner Gefangennahme ebenfalls gekidnappt worden waren. Diese Kinder hatten bei bedeutsamen Ereignissen, die sich in den letzten drei Wochen auf Siga taten, eine wichtige Rolle gespielt. Sie litten an einem gemeinsamen Übel, einer akuten Wachstumsbehinderung. Keines von ihnen war größer als vier Zentimeter, und das war selbst für siganesische Verhältnisse zwergenhaft klein. Es hatte insgesamt sechsundvierzig solcher Kinder gegeben. Eine politische Partei hatte das Schicksal der Kinder für ihre eigenen propagandistischen Zwecke gebraucht, um den Siganesen einzureden, dass die Wachstumsbehinderung von terranischen Agenten künstlich erzeugt worden sei. Die sechsundvierzig, so behaupteten die Propagandisten, seien nur eine Vorhut. Spätestens in der übernächsten Generation werde es infolge der terranischen Machenschaften keinen einzigen Siganesen mit einer Körperlänge von mehr als vier Zentimetern geben. Die Tarouse-Partei forderte daher die Loslösung Sigas aus dem Solaren Imperium, völlige Unabhängigkeit für Siga und die Siganesen und den Abbruch diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Beziehungen mit Terra. Dem Volk waren die lächerlichen Thesen der Tarouse-Propagandisten eingegangen wie süßer Wein. Es war zu Aufständen gekommen. Terraner auf Siga wurden angepöbelt und geschmäht. Inzwischen waren die sechsundvierzig wachstumsbehinderten Kinder in staatliche Kliniken gebracht worden, wo sie untersucht werden sollten. Aus diesen Kliniken waren zweiunddreißig kurz vor Flannagan Schätzos Gefangennahme entführt worden.

Warum Schätzo glaubte, dass die zweiunddreißig Unglücklichen sich ebenfalls an Bord dieses Raumschiffs befanden, das wusste er nicht zu sagen. Er hatte nur so eine Ahnung, und in den 226 Jahren seines bisherigen Lebens hatte er gelernt, sich auf seine Ahnungen zu verlassen.

*

Ein leichter Ruck weckte Flannagan Schätzo aus unruhigem Schlaf. Er fuhr auf und horchte. Das stetige Summen des Triebwerks, seit einigen Tagen das einzige Geräusch, das in die Einsamkeit seines Gefängnisses drang, hatte sich verändert. Es war schwächer, dumpfer geworden. Die Antriebsaggregate liefen leer. Das Raumschiff war gelandet.

Das Schott öffnete sich. Ein Mann trat ein, das erste organische Wesen, das Flannagan Schätzo seit seiner Entführung von Siga zu sehen bekam. Es war ein grober, ungeschlachter Bursche, der da auf ihn zutrat, noch jung, nicht besonders groß, aber dafür um so breitschultriger. Er hatte eine Knollennase und ein Paar tückische, braune Augen, mit denen er den Siganesen spöttisch musterte.

Was Flannagan am meisten überraschte, war, dass er dieses Gesicht zu kennen glaubte. Irgendwo war er diesem Mann schon einmal begegnet, und die Begegnung war, wenn er sich richtig erinnerte, nicht unter freundlichen Aspekten verlaufen. Der Vierschrötige bückte sich blitzschnell und nahm den winzigen Siganesen mit einer Hand vom Boden auf. Sein Griff war alles andere als sanft. Flannagan Schätzo fühlte sich von den kräftigen Muskeln unbarmherzig eingepresst.

»Pass auf, was du tust!«, schrie er den Grobschlächtigen wütend an. »Habt ihr mich nur hierhergebracht, damit ein unvorsichtiger Ochse wie du mich umbringen kann?!«

Der Vierschrötige grinste. Es war ein hässliches, hinterhältiges Grinsen. Es war nicht Mangel an Vorsicht, die ihn hatte so fest zugreifen lassen, registrierte Flannagan. Es war Absicht. Er wollte Schmerzen bereiten.

»Du erinnerst dich nicht mehr an mich, nicht wahr?«, grinste der Grobschlächtige und hielt sich Flannagan Schätzo dicht vors Gesicht, als wollte er ihn mit den Augen durchdringen.

Im Vergleich zu Flannagans schwächlichem Stimmorgan klang die Stimme des Vierschrötigen wie hallender Donner, und aus seinem Mund kam ein Schwall übelriechender Atemluft, die den hilflosen Siganesen wie ein höllischer Sturm umbrauste.

»Oren Kubaschk ist mein Name!«, dröhnte die Stimme. »Und wenn du dich an unsere letzte Begegnung erinnerst, dann wirst du wissen, dass es dir hier nicht besonders gut gehen wird.«

Oren Kubaschk, Oren Kubaschk, rumorte es in Flannagan Schätzos Bewusstsein. Der Schleier über seinem Gedächtnis lüftete sich. Er, Flannagan, war damals noch USO-Agent gewesen. Eine Gruppe von Terranern hatte auf Siga eine Untergrundorganisation gebildet, die sich damit beschäftigte, Erzeugnisse der siganesischen Mikrotechnik an die Blues und das Imperium der Akonen zu vertreiben. Ein solches Beginnen gefährdete die Sicherheit des Solaren Imperiums, denn ein Gutteil der technischen Überlegenheit der Terraner beruhte auf der siganesischen Mikrotechnik. Mit der Sicherheit des Imperiums war zugleich der Friede in der Galaxis bedroht. Deshalb griff die USO ein. Die Organisation wurde ausgehoben, ihre Mitglieder vor Gericht gestellt. Einigen allerdings gelang die Flucht. Oren Kubaschk gehörte dazu. Bei dem Ausbruch verloren nicht nur zwei der Flüchtenden, sondern auch ein USO-Spezialist das Leben. Dieser Spezialist war Jona Grassor, Flannagans langjähriger Freund. Es war Oren Kubaschk, der Jona auf dem Gewissen hatte. Flannagan Schätzo hatte es ihm nicht vergessen.

»Natürlich erinnere ich mich«, sagte er verächtlich. »Wer wird sich nicht an den großen, starken, tapferen Terraner erinnern, der es wagte, einen waffenlosen Siganesen hinterrücks zu erschießen!«

»Reiz mich nicht, du Wicht!«, schrie er wütend. »Wer hindert mich, dich einfach zu zerquetschen? Was hatte dein Freund dort zu suchen? Warum stellte er sich uns in den Weg? Ich hatte nichts gegen ihn. Ich kannte ihn überhaupt nicht. Bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, wie er geheißen hat. Es war seine eigene Dummheit, die ihn das Leben kostete!«

Flannagan Schätzo schwieg. Für einen Mann in seiner Lage war es sinnlos, den, der ihn in der Hand hielt, zu reizen. Oren Kubaschk war ein dummer, impulsiver Mensch. Selbst wenn ihm jemand den Befehl gegeben hatte, den gefangenen Siganesen mit Vorsicht zu behandeln, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass er sich an den Befehl halten würde, wenn er in Wut geriet.

Der Druck der Hand lockerte sich. Flannagan konnte wieder atmen. Er fühlte sich zerschlagen und ausgelaugt. Mit zitternden Armen stützte er sich auf den Daumen der Hand, die ihn hielt. Oren Kubaschk lachte höhnisch.

»Ein großes Maul, aber nichts dahinter!«, rief er mit dröhnender Stimme. »Nicht einmal einen freundschaftlichen Händedruck kann er vertragen.«

Er amüsierte sich, während er, Flannagan Schätzo immer noch in der Hand, durch das Schott hinaus auf den Gang trat. Der Gang führte zu einer Schleuse, von der aus ein altmodischer Laufsteg in die Tiefe führte. Feuchte, warme, modrige Luft schlug Flannagan entgegen. Er sah sich um. Das Raumschiff, eine alte Kaulquappe von sechzig Metern Durchmesser, war auf einer Lichtung gelandet. Ringsum erhob sich ... Wald? Flannagan vermochte nicht zu entscheiden, was das für Gebilde waren, die jenseits der Lichtung den Boden bedeckten. Es mochten Pflanzen sein, aber sie hatten wenig Ähnlichkeit mit pflanzlichem Leben, wie der Siganese es kannte. Merkwürdiges, schimmerndes Gewebe zog sich horizontal über den Boden, eine Ebene über der anderen, das Ganze ein glitzerndes Gewirr von Fäden verschiedener Dicke, an die zehn Meter hoch, ohne Blüten und Blätter oder sonstige Zutaten, wie sie das Pflanzenreich gewöhnlich aufweist.

Am schlimmsten jedoch war der Gestank, der in der Luft lag. Er schien aus dem warmen Boden zu quellen, ein Miasma, das sich aus dem Geruch der Verwesung und dem penetranten Gestank tierischer Exkremente zusammensetzte. Am Fuße des Laufstegs hatten sich Leute gelagert, normal gewachsene Menschen und eine kleine Gruppe von Siganesen. Ihnen wandte Flannagan Schätzo seine Aufmerksamkeit zu, nachdem es ihm misslungen war, in der Umgebung einen Hinweis auf die Identität des Planeten zu finden. Er zählte neun Terraner, acht Männer und eine Frau, und sechs Siganesen. Zu den Terranern kam natürlich noch Oren Kubaschk, der ihn in der Hand trug.

Von den Normalgewachsenen kannte Schätzo keinen einzigen. Einer davon fiel ihm auf, weil er nicht wie die übrigen eine graublaue Allzweckmontur trug, sondern sich in einen Anzug gekleidet hatte, der ebenso elegant und teuer wie für diese Umwelt völlig ungeeignet war. Der Mann mochte etwas unter fünfzig Jahren sein. Da er auf dem Boden hockte, konnte Flannagan nicht abschätzen, wie groß er war. Auf jeden Fall war er schlank und hatte ein Gesicht, das den Eindruck der Weichlichkeit vermittelte. Das täuschte jedoch, wie Flannagan bemerkte, als er den harten, kalten Blick der dunklen Augen auf sich ruhen fühlte.

»Hier haben wir den Gefangenen!«, verkündete Oren Kubaschk und hielt die Hand mit Flannagan Schätzo dem Mann mit dem verweichlichten Gesicht entgegen.

Der machte nur eine Kopfbewegung in Richtung der Siganesen, die sich abseits niedergelassen hatten, und sagte mit nasaler Stimme: »Setz ihn dort ab!«

Kubaschk ging auf die Gruppe der Siganesen zu. Er tat so, als wolle er Flannagan behutsam absetzen, aber als seine Hand etwa einen halben Meter über dem Boden schwebte, öffnete er sie plötzlich. Schätzo war darauf gefasst. Er drehte sich im Fall herum und landete wie eine Katze auf Armen und Beinen. Oren Kubaschk lachte verächtlich.

»Das war nichts«, sagte er. »Das nächste Mal probieren wir's aus größerer Höhe!«

Dann wandte er sich ab und setzte sich zu den Terranern. Flannagan Schätzo strich seine Montur glatt und musterte seine sechs Landsleute. Es handelte sich ausschließlich um Männer. Einen von ihnen kannte Flannagan von siganesischen Nachrichtensendungen her. Er war ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler und hieß Auld Cooster.

An dem letzten der Siganesen blieb Flannagans Blick haften. Er war so überrascht, dass es ihn Mühe kostete, sein Erstaunen zu verbergen. Und doch war es von äußerster Wichtigkeit, dass er sich beherrschte. Der Siganese schien ihn ebenfalls erkannt zu haben. Er sah ihn an und schloss und öffnete das linke Auge, als wolle er ihm zuzwinkern. Was wollte dieser Mann hier? Es war unmöglich, dass er sich mit einer Gruppe Terraner verbündet hatte, zu der Oren Kubaschk gehörte.

Denn er war Penty Grassor, Jona Grassors Bruder ...!

*

Flannagan Schätzo wusste, dass er vorsichtig sein musste. Er stellte sich vor und fügte hinzu:

»Soweit ich weiß, habe ich mich als Gefangenen zu betrachten. Wenigstens geschah mein Abflug von Siga nicht freiwillig. Wie steht es mit euch?«

»Wir befinden uns auf großer Fahrt«, antwortete einer der Siganesen mit melodischer Stimme. Er war ein Mann am Beginn der mittleren Jahre, etwa einhundertundfünfzig Jahre alt, und hatte ein ausdrucksvolles, fein gegliedertes Gesicht. Das Grün seiner Haut war verblasst, kaum mehr zu erkennen, ein Zeichen seiner Vornehmheit. »Wir versprechen uns Wissen und Reichtum von diesem Unternehmen. Es dreht sich nur darum, ob wir die Flotte finden können.«

»Die Flotte?«, fragte Flannagan verwundert. »Welche Flotte?«

Der Mann mit der melodischen Stimme schickte sich an zu antworten. Aber ein junger Siganese fuhr ihm grob ins Wort.

»Halt den Mund, Piano! Du hast gehört, dass der Mann ein Gefangener ist. Er braucht nicht zu wissen, worum es hier geht.«

Er warf zuerst dem mit der melodischen Stimme und danach Flannagan Schätzo einen ärgerlichen Blick zu.

»Junger Mann«, sagte Flannagan mit schneidend scharfer Stimme, »du hast eine ungewöhnliche Art, dich Älteren gegenüber auszudrücken. Sag mir, wie du heißt!«

»Ich bin Tough Ma-Kona«, antwortete der junge Siganese mürrisch. »Und du, alter Mann, spielst dich am besten hier nicht so auf. Das könnte dir schlecht bekommen!«

Flannagan Schätzo trat auf Ma-Kona zu. Er musterte ihn mit scharfem Blick, den der Junge frech und doch zugleich unsicher erwiderte. Blitzschnell griff Flannagan nach vorn, bekam Ma-Kona am Kragen seiner Montur zu fassen, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn nach hinten über die Schulter. Ma-Kona stürzte schwer. Einen Augenblick lag er wie bewusstlos. Dann raffte er sich mühsam auf.

»Du wirst dir merken«, sagte Flannagan hart, »wer sich hier nicht aufspielen darf. Ich bin ein Gefangener; aber dem Alter gebührt Respekt, und du wirst nicht darum herumkommen.«

Ma-Kona schlich sich beiseite, ohne ein Wort zu sagen. Flannagan Schätzo seufzte ergeben. Er wusste noch nicht genau, in was für ein Unternehmen er da hineingeraten war, und hatte doch schon zwei erbitterte Feinde: Oren Kubaschk und Tough Ma-Kona.

Die Gesellschaft von Siganesen hatte, wie die Terraner, eine Plastikplane auf dem Boden ausgebreitet, um nicht auf der stinken, morastigen Erde sitzen zu müssen. Flannagan hockte sich neben Penty Grassor nieder. Er reichte Grassor die Hand.

»Sie haben bis jetzt noch nichts gesagt«, erklärte er höflich, »also darf ich annehmen, dass man mit Ihnen gut auskommt.«

Grassor ergriff die Hand.

»Ich heiße Penty Grassor«, sagte er. »Wir sind hier nicht so vornehm, dass du mich mit Sie anzureden brauchtest. Wir werden uns gut vertragen.«

Kein Wort fiel über Jona Grassor. Flannagan musste warten, bis er mit Penty allein war, um zu erfahren, was den Bruder seines Freundes dazu veranlasst hatte, sich dieser Expedition anzuschließen. Er erhielt die übrigen Mitglieder der Gruppe vorgestellt. Die Männer, die er noch nicht kannte, hießen Jon Tanzon, Vernon Lyall mit dem Beinamen Piano, das war der Mann mit der wohlklingenden Stimme, und Romberg Kessel.

»Was ist das für ein Unternehmen?«, erkundigte sich Flannagan, nachdem die Formalitäten beendet waren.

Penty Grassor warf ihm von der Seite her einen halb misstrauischen, halb unsicheren Blick zu.

»Ich weiß nicht, ob ich dir davon erzählen darf«, meinte er.

»Dann behalt's für dich!«, knurrte Flannagan. »Ich bin nicht neugierig.«

»Außerdem weiß ich selber nicht besonders viel«, fuhr Grassor fort. »Aber es geht um eine Flotte von Raumschiffen, die ein unbekanntes Volk vor langer Zeit auf diesem Planeten gelandet hat.«