Perry Rhodan 120: Die Cyber-Brutzellen (Silberband) - Kurt Mahr - E-Book

Perry Rhodan 120: Die Cyber-Brutzellen (Silberband) E-Book

Kurt Mahr

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Beschreibung

Auf den von Menschen bewohnten Planeten schreibt man das Jahr 425 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. In der Milchstraße hat sich die Kosmische Hanse zu einer bedeutenden Handelsorganisation entwickelt. Nur Eingeweihte wissen, dass Perry Rhodan sie aus einem anderen Grund ins Leben gerufen hat: Sie dient der Abwehr eines mächtigen Gegners, der Superintelligenz Seth-Apophis. Doch die Bedrohung ist längst da, auch in den eigenen Reihen, und sie macht nicht vor dem Solsystem und der Erde halt. Die Terraner werden mit Cyber-Brutzellen konfrontiert. Diese Waffen sind winzig wie ein Virus, sie können aber Menschen töten und zu Handlangern des Gegners machen. Um Antworten auf kosmische Fragen zu erhalten, muss Rhodan in die ferne Galaxis Norgan-Tur reisen. Noch während er die Vorbereitungen für diese Reise trifft, läuft einer der besten Freunde der Menschheit Amok - es ist der Haluter Icho Tolot ...

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Nr. 120

Die Cyber-Brutzellen

Auf den von Menschen bewohnten Planeten schreibt man das Jahr 425 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. In der Milchstraße hat sich die Kosmische Hanse zu einer bedeutenden Handelsorganisation entwickelt. Nur Eingeweihte wissen, dass Perry Rhodan sie aus einem anderen Grund ins Leben gerufen hat: Sie dient der Abwehr eines mächtigen Gegners, der Superintelligenz Seth-Apophis.

Doch die Bedrohung ist längst da, auch in den eigenen Reihen, und sie macht nicht vor dem Solsystem und der Erde halt. Die Terraner werden mit Cyber-Brutzellen konfrontiert. Diese Waffen sind winzig wie ein Virus, sie können aber Menschen töten und zu Handlangern des Gegners machen.

1.

Ein schriller Heulton schreckte Adelaie Bletz auf. Die junge Frau war mit einem Satz aus dem Bett, verließ ihr Zimmer und stürmte in den angrenzenden Empfangsraum. Durch die Fenster fiel schon die fahle Helligkeit des frühen Morgens herein.

»Du kannst nicht schlafen?«

Sie wirbelte herum. Mortimer stand hinter ihr. Er hatte sich einen Morgenmantel übergeworfen und sah aus, als sei er ebenfalls fast aus dem Bett gefallen.

»Ein fürchterliches Geheul.« Adelaie massierte sich die Schläfen. »Irgendein Alarm, oder ...?«

»Unsinn. Das war nur Quiupu.« Mortimer Skand sagte das, als handelte es sich um die alltäglichste Sache überhaupt. »Er heult jeden Morgen, sobald die Sonne aufgeht.«

»Ein Verrückter?«

Der Mann, bei dem Adelaie erst am Vortag eingezogen war, lachte leise. »Manche meinen, dass Quiupu verrückt sei. Er ist jedoch Rhodans Schützling, so etwas wie ein kosmisches Findelkind, von dem keiner viel weiß. Perry Rhodan hat ihn hier im Haus untergebracht. – Aber ich denke, wir sollten jetzt frühstücken; es wird ohnehin schnell Tag.«

Gähnend ging Skand in die Küche und aktivierte die Robotautomatik mit einem knappen Zuruf.

»Soll ich dir mehr von Quiupu erzählen?«, fragte er kurz darauf, als Adelaie ihm an der Frühstücksbar gegenübersaß. Ohne ihre Antwort abzuwarten, redete Mortimer Skand weiter: »Der Fremde hat in einem der Untergeschosse ein eigenes Labor erhalten. Keine Ahnung, was er dort für Experimente anstellt, es wird schon nicht gleich alles in die Luft fliegen. Ein Bekannter meint, dass die Liga oder Rhodans Leute Quiupu überwachen.«

»Warum dieses Geheul?« Adelaie nippte an ihrem synthetischen Kaffee.

»Keine Ahnung. Quiupu legt eine Reihe sonderbarer Verhaltensweisen an den Tag. Aber das ist Perry Rhodans Angelegenheit, mich geht es wenig an.«

Sie aßen und hingen jeder seinen eigenen Gedanken nach.

»Wann sind wir bei deinem Chef gemeldet?«, fragte Adelaie nach einer Weile. »Hat er für eine Laborantin wie mich überhaupt Verwendung?«

»Boulmeester sucht Mitarbeiter. Unser Team umfasst nur einunddreißig Personen, und er hat einen dringenden Auftrag der LFT abzuarbeiten. In der Hinsicht würde es gut aussehen, wenn du ihm sagst, dass du täglich sogar sechs oder mehr Stunden arbeiten willst.« Skand lächelte. »Ich könnte mir übrigens gut vorstellen, dass du dich mit Marcel zusammenraufen wirst. Als Kybernetiker hat er kaum Freizeit, die wenigen Stunden verbringt er mit der Jagd auf Wildschweine.«

Adelaie hatte ein paar Mal zur Waffe gegriffen und auf Volar Enten gejagt, nur war das kaum etwas, das sie ihrem neuen Chef als Referenz vorlegen konnte.

Vor drei Monaten hatte sie Mortimer Skand während eines Urlaubs kennengelernt. Er war ihr durchaus sympathisch, trotzdem fragte sie sich, warum sie seiner Aufforderung gefolgt war und ihn in Terrania besucht hatte. War vor allem das Reizwort Terrania schuld daran? Auf ihrer unbedeutenden Heimatwelt nahe dem galaktischen Zentrum hieß es, dass Terrania das Herz der Milchstraße sei.

»Ist er zuverlässig?«, fragte Perry Rhodan. »Ich will vor allem wissen, ob die Cyber-Brutzellen von Mardi-Gras bei Boulmeester in sicheren Händen sind und ob wir von ihm einen Durchbruch in der Entwicklung einer Gegenwaffe erhoffen können.«

Julian Tifflor, der Erste Terraner, reagierte mit einer abwägenden Geste. »Für solche Spekulationen solltest du besser NATHAN befragen, nicht die kleine Büropositronik.«

»Am besten beide«, sagte Perry Rhodan. »Zuerst die Positronik. Ich höre!«

»Marcel Boulmeester, Kybernetiker, Chef des Forschungs- und Entwicklungslabors Deltacom«, erläuterte eine nicht so ganz perfekt modulierte Kunststimme. »Geboren am 24. Januar 338 Neue Galaktische Zeitrechnung in Terrania ...«

Die Daten über Boulmeesters beruflichen Werdegang interessierten Rhodan. Ihm fiel auf, dass der Wissenschaftler beachtliche achtzehn Jahre für seine Ausbildung aufgewendet hatte, was weit über der Norm lag. Seine Abschlüsse wiesen dementsprechend exzellente Ergebnisse auf.

»In den letzten sieben Jahren arbeitete Boulmeester mit seinem Team an der Entwicklung des Sonnenkontrollsystems ...«

»Was gibt es über den Menschen Boulmeester zu sagen? In seinen Labors befinden sich immerhin die hochgefährlichen Brutzellen.«

»Boulmeesters Leistungen sind exzellent«, antwortete die Positronik. »Über seine Persönlichkeit liegen keine detaillierten Kenntnisse vor, lediglich, dass er bisweilen zu eigenwilligem Handeln neigt.«

Rhodan kaute auf seiner Unterlippe. »Etwas braut sich zusammen«, sagte er. »Es ist zu lange relativ ruhig geblieben, das verträgt sich nicht mit den Warnungen. ES hat mir die Bedrohung durch Seth-Apophis deutlich vorgeführt, und Mardi-Gras könnte so etwas wie die Generalprobe gewesen sein. Aber was kommt danach?«

»Die Labors verfügen über perfekte Schutzvorkehrungen«, stellte Tifflor fest. »Ich frage dich, Perry, was soll da geschehen?«

»Das ist er, Quiupu.« Mortimer Skand zeigte auf den Mann, der in einiger Entfernung in einen Gleiter stieg.

Adelaie erkannte, dass es sich um den Angehörigen eines nicht menschlichen, wenngleich humanoiden Volkes handelte. Auffällig war das unproportionale Verhältnis zwischen seinem Oberkörper und den Beinen. Letztere waren im Vergleich mit einem Menschen zu kurz und zu dick. Auch die beiden Arme wirkten zu kurz, was die Statur grotesk erscheinen ließ.

»Wohin will er?« Adelaie erwartete keine Antwort, ohnehin sah sie ihrem Begleiter schon an, dass er keine Antwort parat hatte.

Schweigend schwangen sie sich auf das nächste Laufband.

Adelaie nahm jedes Detail begierig in sich auf. Auf ihrer Heimatwelt Volar wurde sehr altertümlich gebaut, in Terrania war alles moderner, üppiger, einfach futuristisch. Besonders faszinierend wirkte auf sie die Synthese zwischen Technik und Natur.

In Terrania lebten etwa fünfundsiebzig Millionen Menschen und einige hunderttausend Angehörige anderer Völker.

Nach einer Weile erreichten sie den kühn geschwungenen Gebäudekomplex der Deltacom.

Adelaie war in Skands Begleitung gekommen. Marcel Boulmeester begrüßte sie am Eingang des Labortrakts.

Der Kybernetiker war größer als die meisten Terraner. Das pechschwarze Haar und sein kantig vorstehendes Kinn verliehen ihm einen Hauch von Unnahbarkeit. Seine dunklen Augen blickten ruhig und selbstsicher. Er trug schlichte Laborkleidung.

»Ich suche neue Mitarbeiter«, sagte er knapp. »Deine Fähigkeiten sind ausschlaggebend dafür, wo du arbeiten kannst.« Er ging voraus und betrat einen einfachen Seitenraum. »Du hast bisher in einem Labor für Bakterienforschung gearbeitet ...?«

»Ich hatte nicht nur mit Bakterien zu tun, sondern ebenso mit angrenzenden Forschungszweigen.«

Boulmeester schien damit durchaus zufrieden zu sein. »Wir arbeiten ausschließlich im Auftrag der Liga Freier Terraner und vor allem in der Entwicklung spezieller positronischer Systeme«, erläuterte er und aktivierte eine holografische Projektion.

Stirnrunzelnd betrachtete Adelaie die einfache Darstellung. »Das sind Speicherzellen einer veralteten Positronik.« Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen sachlichen Klang zu geben. »Vergrößerung etwa eins zu zehntausend. Das Bild dürfte aus der Zeit vor der LFT stammen, also etwa fünfhundert Jahre alt sein.«

Boulmeester gab keine Antwort.

Die Projektion wechselte.

»Bakterien«, sagte Adelaie. »Vergrößerung rund eins zu tausend. Die Art ist mir unbekannt.«

»Gut.«

Adelaie gewann den Eindruck, dass Boulmeester sein kurzer spontaner Kommentar unangenehm war. Zögernd fügte er hinzu, dass es sich bei dem Holo um ein Fiktivbild handelte.

Weitere Aufnahmen aus dem kybernetischen und biologischen Bereich folgten, die meisten konnte Adelaie identifizieren. Angespannt wartete sie darauf, dass der Kybernetiker versuchen würde, sie zu irritieren.

Und tatsächlich, das nächste Bild hatte es bereits in sich. Ein bizarres Gebilde klammerte sich mit einem halben Dutzend dünner Beine an die Oberfläche einer leicht gekrümmten Fläche. Die Lichteffekte waren derart bizarr, dass Adelaie fröstelte. Die Beine mündeten in einen nahezu kugelförmigen Kopf. Dieser war halb transparent, ließ das Innere aber nicht erkennen.

»Es erinnert mich an etwas, ich weiß nur nicht, woran. Wie eine alte planetarische Landefähre, die auf der Oberfläche eines Wüstenplaneten festsitzt.«

Das nächste Bild ähnelte dem unbekannten, jedoch handelte es sich um eine starke Vergrößerung. Alle Formen und Umrisse waren glatter und natürlicher.

»Ein Virus oder ein Phage«, erkannte Adelaie. »Ein winziges Lebewesen, kleiner als ein zehntausendstel Millimeter. Die Aufnahme muss von einem positronischen Rastermikroskop stammen. Oder – nein: Es könnte sich eher um die technische Nachbildung eines Virus handeln. Seine Formen sind exakter, geometrischer und kantiger als die eines richtigen Phagen.«

Mit einer knappen Handbewegung löschte Boulmeester die Projektion. Er blickte Adelaie durchdringend an. »Einverstanden«, sagte er nach einer Weile. »Du hast eine Stelle als Laborantin – in meinem persönlichen Labor. Deine Auffassungsgabe entspricht meinen Vorstellungen.«

»Das freut mich.« Die junge Frau lächelte dankend. »Allerdings interessiert mich, was zuletzt dargestellt war.«

»Eine Cyber-Brutzelle.« Boulmeester blickte kurz zu Skand. »Sag ihr, was es damit auf sich hat.«

»Viel wissen wir bislang nicht darüber«, sagte Mortimer. »Die Brutzellen wurden in einem Handelskontor auf dem Planeten Mardi-Gras entdeckt. Wir müssen davon ausgehen, dass es sich um eine Waffe gegen die Kosmische Hanse handelt. Perry Rhodan hat mehrere dieser Biester zur Erde mitgebracht.«

»Welchen Schaden richten die Gebilde an?«

»Sie reagieren in ähnlicher Weise wie Viren, die einen Wirtskörper befallen. Eine Cyber-Brutzelle formt aus den Elementen der befallenen Positronik Nachbildungen ihrer selbst. Und sie manipuliert Programminhalte, bis am Ende eine gegen uns handelnde Positronik steht. Es wäre eine Apokalypse, könnten sich diese Brutzellen unkontrolliert vermehren. Der Untergang Terras, der Liga und der GAVÖK mitsamt allen Handelsstützpunkten der Hanse wäre die Folge.«

»Ist das nicht etwas übertrieben?«, fragte Adelaie skeptisch.

»Leider nein«, sagte Boulmeester. »Bist du über Superintelligenzen informiert?«

»Was man so allgemein hört. Ich kenne den Namen ES, habe von BARDIOC ...«

»Zu wenig!«, unterbrach der Kybernetiker. »ES, die Superintelligenz, in deren Einflussbereich die Milchstraße liegt, hat einen Gegenspieler: Seth-Apophis. Vor 424 Jahren, als unsere neue Zeitrechnung begann, erhielt Perry Rhodan von ES einen klaren Auftrag, nämlich die Befriedung von Seth-Apophis. Die Kosmische Hanse ist ein Werkzeug dieses Auftrags, bei dem es sich im wahrsten Sinn des Wortes um die Beilegung eines kosmischen Konflikts handelt.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Du willst mir sagen, dass es sich bei den Cyber-Brutzellen um eine Waffe von Seth-Apophis handelt?«, fasste Adelaie schließlich nach.

Boulmeester hob beide Hände zu einer abwägenden Geste. »Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Beweis dafür zu erbringen, vielmehr müssen wir die von den Brutzellen ausgehende Gefahr beseitigen, woher sie auch kommen mag. Die Macht im Hintergrund ist für uns nur insofern wichtig, als Erkenntnisse in der Hinsicht mehr über die Bedeutung unserer Arbeit aussagen. Wir müssen eine Gegenwaffe entwickeln, das ist unser Auftrag.«

Schon der erste Tag in den Deltacom-Labors hielt für Adelaie Bletz Hektik bereit. Große Aufregung herrschte, sie wurde peinlich genau kontrolliert.

»Ein toter Polizist ist angeblich verschwunden«, sagte Verta Cholm, die Leiterin des Positronikzentrums.

»Ein toter Polizist?« Adelaie runzelte die Stirn.

»So nennen wir die Minigebilde, die Franzlin zusammenbastelt. Der Chef bezeichnet sie als Polizeizellen. Toter Kram, den Franzlin baut; ich habe mir die Dinger im Raster angesehen.«

Franzlin war der Leitende Wissenschaftler der Entwicklungsabteilung, das wusste Adelaie schon. »Wieso angeblich verschwunden?«, fragte sie.

Cholm holte tief Luft, in dem Moment wirkte sie gequält. »Vielleicht hat Franzlin sich verzählt. Er hat über hundert von den Dingern gleichzeitig wachsen lassen, da kann es leicht zu einem Problem gekommen sein.«

Als wenig später Boulmeester kam, erfuhr Adelaie Einzelheiten. Jemand musste sich unbefugt Zutritt verschafft und einen der Behälter geöffnet haben, in denen jeweils zehn der neuen Zellen lagen. Jedenfalls befanden sich nur noch neun Zellen darin.

»... die Geschichte ist rätselhaft, wenn auch ungefährlich«, sagte Boulmeester. »Die bisher entwickelten Polizeizellen funktionieren nicht. Der Vorfall wurde der LFT gemeldet, mehr können wir vorerst nicht tun.«

»Viren, Vishna und Verdammte!«, fluchte Quiupu, als er seine heimliche Beute unter dem Molekularsensor betrachtete. »Was habe ich mir da geangelt?«

Er befand sich in seinem Labor. Den ihm von Perry Rhodan überlassenen Mehrzweckroboter hatte er desaktiviert, weil er eine Überwachungsvorrichtung darin vermutete. Die terranische Technik war ihm in der Hinsicht noch zu wenig bekannt.

Er hatte sich erhofft, eine der von Rhodan zur Erde mitgebrachten Cyber-Brutzellen zu bekommen, aber das war ihm offensichtlich nicht gelungen. Das Objekt, das er, an allen Sicherheitsvorrichtungen vorbei, erbeutet hatte, zeigte kein Leben.

Dass eine Brutzelle ohne äußere Einwirkung ihre Funktion einstellte, war nach allem, was Quiupu wusste, eine Unmöglichkeit.

Das submikroskopische Objekt, das er mithilfe seines eiförmigen Lockvogels über einen Lüftungsschacht erbeutet hatte, war etwa zehnmal so groß wie eine normale Zelle.

Der Lockvogel sandte jeweils eine winzige Wolke weniger tausend Moleküle aus, die einen extremen Reiz auf Brutzellen ausübten. Die dabei verwendeten synthetischen Lockstoffe waren erfahrungsgemäß zuverlässiger als jedes positronische System. Jedoch war etwas eingefangen worden, was gar nicht darauf hätte reagieren dürfen.

Das Ding, das in sein Ei gelangt war, musste sich aus eigener Kraft dorthin begeben haben. Trotzdem war es leblos in jedem denkbaren Sinn.

Quiupu stand vor einem Rätsel. Der Molekularsensor arbeitete zuverlässig, das grobe Simultanbild, das er entwarf, gab trotzdem nur wenig Aufschluss über das gefangene Objekt. In seinen Umrissen entsprach es weitgehend einem Phagen, aber es war kein Virus.

Mit seinen bescheidenen Hilfsmitteln testete Quiupu alle Möglichkeiten. Seine persönliche Ausrüstung, die Rhodan ihm gelassen hatte, kam ihm dabei sehr zustatten. Dennoch blieb es bei dem ersten Ergebnis: Das Ding war leblos.

Quiupu versank ins Grübeln. Schattenbilder und Begriffe aus der Vergangenheit tauchten vor seinem inneren Auge auf, er konnte sie nur nicht deuten.

In dieser Nacht schlief er unruhig.

Am Morgen war das seltsame Ding verschwunden, das in seine Lockfalle gegangen war.

Zur Nachtzeit arbeitete im Institut nur wenig Personal, gerade ausreichend, um die standardisierten Tests und Untersuchungen der Cyber-Brutzellen zu überwachen. Als Marcel Boulmeester sein Labor betrat, achtete kaum jemand darauf, zumal er das in schöner Regelmäßigkeit tat.

Der Kybernetiker fuhr eines der Rastermikroskope hoch und forderte von der Laborpositronik ein Labyrinth im Submikrobereich an. Nur ein einziger Ausgang durfte aus dem Labyrinth ins Freie führen. Als Anreiz für die Brutzelle legte Boulmeester dort ein positronisches Kleinstbauteil ab.

Fast schon ungeduldig wartete er darauf, dass ihm ein Roboter den angeforderten Minicontainer mit einer einzelnen Brutzelle brachte. Kaum dass er das Element hatte, setzte er es ins Mikroskop ein.

Der Behälter wurde geöffnet, die holografische Wiedergabe zeigte die Brutzelle. Sie verhielt sich zunächst ruhig, aber schon nach wenigen Sekunden regten sich die hauchdünnen Fortsätze.

Drei Eingänge gab es ins Labyrinth, das winzige Gebilde bewegte sich auf den einen zu, der tatsächlich ans Ziel führte. Der Weg für die Zelle durch das submikroskopische Labyrinth betrug nur knapp einen Millimeter; auf menschliche Größenverhältnisse übertragen, maß die Strecke immerhin etwa zwei Kilometer.

Boulmeester wollte herausfinden, ob der Winzling Intelligenz aufwies. Er sah, dass die Brutzelle schneller wurde, ihre Beinchen wirbelten sie voran. Keine halbe Minute später erreichte sie das Ziel.

Der Wissenschaftler entfernte das positronische Kleinstbauteil. Er legte keinen Wert darauf, dass sich die Zelle dort vermehren konnte. »Das Objekt muss in den Behälter zurück!«, befahl er der Positronik.

»Das Objekt ist verschwunden«, lautete die Antwort. »Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat es das Mikroskop durch die kurzzeitig bestehende Öffnung verlassen.«

Boulmeester wurde nervös. Spontan dachte er an die seit dem Vortag vermisste Polizeizelle und wurde sich schlagartig der Bedrohung durch die freie Brutzelle bewusst.

Im Institut würde sie kein Betätigungsfeld finden, denn alle Positroniken waren versiegelt worden. Allerdings konnte die Brutzelle an anderen Orten Schaden anrichten, sobald es ihr gelang, das Labor zu verlassen.

Den Winzling wiederzufinden war von vornherein ein hoffnungsloser Versuch. Nach einer Stunde brach Marcel Boulmeester die Suche ab, löschte alle gespeicherten Daten über sein Vorgehen und stellte den leeren Container an seinen Platz zurück. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass die Brutzelle wahrscheinlich in Kürze absterben würde. Ein leichtes Unbehagen blieb dennoch, es ging Hand in Hand mit dem Wissen, dass er sich nicht richtig verhalten hatte.

Knapp eine Stunde nachdem Marcel Boulmeester das Institut wieder verlassen hatte, traf dort die Polizeizelle ein, die Quiupu entkommen war. Unsichtbar für jedermann torkelte sie durch den Entlüftungsschacht, ihr Aufzeichnungsmechanismus hatte alle Daten des Weges gespeichert. Trotzdem waren nahezu vierundzwanzig Stunden vergangen, bis der submikroskopisch kleine Apparat unter Ausnutzung thermischer Strömungen sein Ziel gefunden hatte.

Die Polizeizelle arbeitete nur unvollständig, wusste aber, was sie zu tun hatte. Das winzige Scheinleben in ihr hatte sich bislang nicht voll entfaltet. Genau genommen handelte es sich um eine Fehlkonstruktion. Die Zelle gehörte zur ersten Generation, die in Franzlins Labor entstanden war, ihre Programmierung wirkte ungenau. Der größte Fehler lag in der Abhängigkeit zwischen der Entfaltung zu eigenem Leben und der Nähe der Artgenossen. Durch Quiupus Eingriff war diese eine Zelle von den anderen isoliert worden und erst deshalb erwacht.

Nun brach in der Programmierung der vorgesehene Drang durch, doch auch dieser Faktor war mit Fehlern behaftet. Der Winzling wollte alles zerstören, was nach Positronik aussah. Dieser Trieb wurde nur von einem anderen überlagert: Die Zerstörung musste wirksam und nachhaltig sein. Das ließ sich von einer einzelnen Zelle nicht erreichen.

Die eingesperrten Artgenossen mussten also befreit und ebenfalls aktiviert werden, damit das Zerstörungswerk Erfolg haben würde.

Dieser Trieb lenkte die Polizeizelle auf dem Weg zurück, auf dem sie entführt worden war.

Als der Morgen graute, befand sie sich in Franzlins Labor. Die Zerstörung der positronischen Schlösser war eine Kleinigkeit. Schwieriger wurde es schon, die Strukturen der anderen, bislang leblosen Polizeizellen zu verändern. Nachdem sie ihre mechanisch-genetische Information der nächsten Zelle übermittelt hatte, ging es schnell weiter.

Die erste der bislang eingesperrten Zellen erwachte, arbeitete sofort nach dem Programm ihres Befreiers und informierte die nächste Zelle.

Keine zehn Minuten später war aus fünfhundert Polizeizellen ein quirlender Haufen gieriger Mechanismen geworden. Nach ihrer Befreiung setzte sich das Zerstörungsprogramm durch. Die Polizisten stürzten sich auf die Laboreinrichtungen. In praktisch jedem Gerät existierten positronische Elemente.

Bevor die Überwachung den Schaden bemerkte und das Labor hermetisch abriegelte, waren bereits drei Viertel der kostbaren Einrichtung zerstört. Der Alarm schrillte durch das Institut, Boulmeester wurde geweckt.

Eine dunkle Ahnung sagte dem Kybernetiker, dass die verschwundene Zelle den Alarm ausgelöst haben könnte. Er meldete sich über Funk im Labor. Der Zufall wollte es, dass Marcel Boulmeester den Leiter der Entwicklungsabteilung erwischte.

»Wir haben eine kleine Katastrophe, Chef«, sagte Franzlin aufgeregt. »Das Labor mit den Polizeizellen wurde abgeriegelt. Wir können nicht hinein, und von der Positronik erhalten wir keine Informationen. Sie behauptet, alle Verbindungen seien unterbrochen. Ich vermute, dass mit der ersten Generation der Polizisten einiges nicht stimmt.«

»Ich bin in fünf Minuten da. Informiert die Liga, Julian Tifflor hat das ausdrücklich verlangt.«

Boulmeesters Aufregung legte sich ein wenig, denn die verschwundene Brutzelle konnte nichts mit diesem Vorfall zu tun haben. Er bestieg eine Röhrenkapsel, die ihn schnell zum unterirdisch angelegten Institut brachte.

Franzlin stand vor dem verschlossenen Haupteingang. Auch Adelaie und die Chefpositronikerin Cholm sowie ein Dutzend weiterer Mitarbeiter waren da.

»Keine Ahnung, was geschehen ist.« Franzlin gehörte zu der Sorte Wissenschaftlern, die sich so leicht nicht erschüttern ließen, nun war seine Unsicherheit jedoch deutlich zu spüren.

Über sein Kombiarmband sendete Boulmeester ein kodiertes Signal, das eine Kontrollsonde aktivierte. Die Sonde drang über eine kleine Notfallschleuse ins Labor ein. Die Bildübermittlung funktionierte nur wenige Sekunden. Sie fiel aus, als die Sonde den Bereich des Innenschotts passierte.

»Wir sind so schlau wie zuvor«, schimpfte Boulmeester. »Ist die Liga informiert?«

»Wenigstens das hat funktioniert.« Ein hochgewachsener Mann, der die kleine Gruppe aufmerksam musterte, trat aus einem Seitengang hervor. Unter dem Arm trug er einen schweren Schutzanzug.

»Wer ist das?«, entfuhr es Adelaie.

Nachdenklich massierte Boulmeester sich das Kinn. »Das ist Perry Rhodan«, sagte er.

Das Vorgefallene war schnell erklärt, Rhodan hörte den Wissenschaftlern aufmerksam zu. »Haltet ihr es für möglich, dass die Polizeizellen durchgedreht haben?«, fragte er dann.

»Unwahrscheinlich«, antwortete Franzlin. »Wir arbeiten mittlerweile an einer zweiten Generation, denn die erste war offensichtlich eine Fehlentwicklung. Die kleinen Systeme zeigten keine Lebensfunktion.«

»Wo befinden sich die Zellen der neuen Generation?«

»In einem Labor im Südtrakt. Wir trennen alles, um jegliches Risiko auszuschließen.«

Rhodan legte den Gurt ab, an dem der silberfarbene Köcher mit Laires Auge hing, und zog sich den mitgebrachten Schutzanzug über. »Ich gehe hinein«, sagte er, bevor er den Helm schloss.

Er hob das Auge des Kosmokratenroboters Laire, schaute hindurch ... und war von einer Sekunde zur nächsten verschwunden. Dieses Auge, gerade eine Handspanne lang und nicht mehr als knapp zehn Zentimeter durchmessend, war ein perfektes technisches Hilfsmittel. Es erlaubte Perry Rhodan den distanzlosen Schritt, den zeitlosen Wechsel von einem Ort zum anderen im Einflussbereich der Kosmischen Hanse.

Adelaie Bletz blickte verwirrt in die Runde. Schließlich erläuterte ihr Verta Cholm, welche Funktion das hochtechnische Auge hatte.

»Ich habe zu Hause auf Volar einiges davon gehört«, bemerkte Adelaie zögernd. »Glauben wollte ich das aber nie.«

Rhodan kehrte schon nach knapp zwei Minuten zurück. Er öffnete den Helm.

»Ich benötige ein Rastermikroskop, das nicht auf positronischer Basis arbeitet«, sagte er.

Boulmeester gab die Bitte weiter. »Was geht in dem Labor vor, Perry?«, fragte er dann.

»Sämtliche positronischen Elemente sind zerstört. Du kannst ebenso gut sagen, sie wurden zerfressen oder zersetzt.«

Boulmeester dachte an die verschwundene Brutzelle. »Die Cyber-Brutzellen tun so etwas nicht«, widersprach er.

»Sie bauen sinnvoll um«, bestätigte Rhodan. »Deshalb vermute ich, dass die Polizeizellen nicht so leblos sind, wie Franzlin vermutet. Sie könnten die Ursache dieser Zerstörung sein.«

Mit dem Rastermikroskop und einem Behälter zur Aufbewahrung von Brutzellen begab sich Rhodan erneut ins Labor. Diesmal dauerte sein Aufenthalt länger.

Als er zurückkam, wirkte er ernst. »Wie ich vermutet habe: Die Polizeizellen haben sich selbstständig gemacht und alles Positronische zerstört. Und sie vermehren sich bereits, das Labor ist von ihnen verseucht. Einige habe ich für Untersuchungszwecke mitgebracht.«

Er reichte Franzlin den Behälter. »Die fehlentwickelten Zellen sind vorerst isoliert, dank der automatischen Schutzeinrichtungen können sie nicht nach draußen«, sagte er dazu. »Ihr müsst alles desintegrieren, damit keine Zelle überlebt.«

»Einen Moment bitte.« Adelaie drängte sich nach vorn. »Perry, wieso kannst du sicher sein, dass du selbst jetzt oder meinetwegen auch schon vorhin aus dem Labor keine Zellen mit nach draußen gebracht hast? Womöglich toben diese Winzlinge schon durch das Institut und befallen weitere Positroniken.«

Rhodan blickte die junge Frau freundlich an. »Deine Überlegung ist prinzipiell richtig«, bestätigte er. »Ich vermute aber, du weißt nicht, dass ich nur das mitnehmen kann, was ich mitnehmen will, sobald ich mich mit dem Auge bewege. Die von dir vermutete Gefahr besteht also in keiner Weise.«

Der Rest des Tages verging mit der Beseitigung der ausgebrochenen Polizeizellen. Marcel Boulmeester leitete die Aktion selbst. Rings um das Labor ließ er hochenergetische Schirmfelder errichten, danach wurde eine Robotfräse angesetzt, die über keine positronischen Bauteile verfügte.

Schließlich wurde das Labor in eine Gluthölle verwandelt, in der jede ungeschützte Materie verbrannte. Die Arbeiten nahmen Boulmeester so in Anspruch, dass er die verschwundene Cyber-Brutzelle völlig vergaß.

Am Abend meldete ihm einer von Franzlins Mitarbeitern, dass es dem Leitenden Wissenschaftler gelungen sei, eine neue Generation von Polizeizellen zu erzeugen.

Das bedrohliche Experiment mit den Winzlingen ging weiter.

Mortimer Skand hatte seinen freien Tag auf dem südamerikanischen Kontinent verbracht. Erst am späten Abend kehrte er über den öffentlichen Transmitter nach Terrania zurück.

Adelaie war nicht da, wahrscheinlich arbeitete sie noch mit Boulmeester. Skand überlegte, ob er sich falsch verhielt. Nicht gerade zwangsläufig musste zwischen Adelaie und ihm alles so weitergehen, wie es im Urlaub begonnen hatte.

Es war schon spät, als die junge Frau endlich kam. »Ich muss mit dir reden, Mortimer«, sagte sie ernst. »Es geht um Marcel.«

»Er hat dir den Kopf verdreht?«

Sie stutzte, dann lachte sie laut auf. »Er ist plötzlich so anders, wirkt wie verändert.«

»Na und?« Skand konnte seinen Unmut nicht verbergen, vielleicht wollte er das auch gar nicht.

»Du hast noch keine Ahnung, was heute im Institut vorgefallen ist.« Adelaie berichtete von dem Ausbruch der Polizeizellen und von Rhodans Eingreifen.

»... bis zum frühen Nachmittag leitete Marcel die Aktion selbst, dann zog er sich in sein Büro zurück und war nicht einmal zu sprechen, als mehrere Assistenten ihm neue Erkenntnisse vorlegen wollten. Bevor du jetzt behauptest, er wäre nur müde: das war er nicht. Er wollte heute Abend mit uns beiden auf die Ausstellung alter galaktischer Zahlungsmittel gehen. Als er endlich aus seinem Büro kam, verrichtete er im Labor nur unwichtige Dinge. Schon da erschien er mir eher fahrig, und als wir das Institut verließen, verabschiedete er sich ziemlich schroff von mir. Ich fragte ihn nach dem Treffpunkt für heute Abend, er blickte mich nur fragend an. Schließlich gestand er ein, dass er nicht wisse, wovon ich rede. Ich sage dir, Mortimer, da stimmt etwas nicht.«

»Du phantasierst.« Skand schüttelte den Kopf. »Der Chef hat gelegentlich seltsame Anwandlungen. An deiner Stelle würde ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen.«

»Ruf ihn wenigstens an und mach dir selbst ein Bild«, bat Adelaie.

»Ich verspreche mir nichts davon. Aber wenn du meinst, dir zuliebe ...«

Skand wählte den Anschluss der Privatwohnung seines Chefs. Er erhielt die Aufforderung, eine Nachricht zu hinterlassen, da der Angerufene nicht anwesend und auch über Armband nicht erreichbar sei.

»Er hat eindeutig erwähnt, dass er den Abend zu Hause verbringen wird«, sagte Adelaie.

Skand versuchte es im Forschungsinstitut und erhielt die Auskunft, dass der Chef bis Mitternacht im Jagdklub und danach in seiner Wohnung zu erreichen sei. Lächelnd wandte er sich an Adelaie. »Wahrscheinlich hatte er die Verabredung in seinem Klub übersehen, und es war es ihm peinlich, dir deshalb abzusagen. In so einem Fall verhält man sich schon eigenartig.«

Adelaie schwieg eine Weile. Schließlich gab sie sich einen Ruck. »Mortimer, hast du Lust, mit mir in die Ausstellung galaktischer Zahlungsmittel zu gehen?«

»Eine Viertelstunde mit der Rohrbahn«, sinnierte er. »Das schaffen wir rechtzeitig, und vielleicht machen wir anschließend ein wenig Sightseeing. Ganz in der Nähe ist das Hauptquartier der Hanse.«

2.

Quiupu verzichtete darauf, seinen Lockvogel ein zweites Mal über das Lüftungssystem einzuschleusen, diesmal wählte er den direkten Weg ins Forschungsinstitut. Schon an der ersten Eingangskontrolle wurde er freundlich, aber sehr bestimmt darauf hingewiesen, dass er nicht zutrittsberechtigt sei.

»Ich möchte nichts weiter als einen kurzen Informationsbesuch«, sagte er schrill. »Perry Rhodan garantiert für mich.«

Quiupu wusste nicht, dass spontan eine Alarmverbindung zum HQ Hanse geschaltet wurde und die dortige Zentralpositronik ihn identifizierte. Das Eingangstor glitt geräuschlos vor ihm auf.

»Du kannst passieren, Quiupu.« Ein Roboter trat auf ihn zu und führte ihn.

Die fünf winzigen Glasperlen, die ihr Äußeres stetig der Umgebung anpassten, blieben unsichtbar. Die Spionsonden waren Meisterwerke siganesischer Technik, sie wählten ihre Position so, dass sie nur durch einen unglücklichen Zufall in Quiupus Blickwinkel geraten konnten. Natürlich war das Institut gegen solche Minispione gesichert, auf Anweisung der Liga Freier Terraner waren die entsprechenden Sensoren jedoch desaktiviert worden.

Quiupu besichtigte Boulmeesters Forschungsstätte. Da der Chef des Instituts nicht anwesend war, zeigten drei Assistenten Quiupu die Behälter, in denen die Brutzellen aufbewahrt wurden. Er erkannte auf den ersten Blick, dass die von seinem Lockvogel entführte Zelle nicht aus dem Bestand stammen konnte, die Absicherung war zu gut.

Die entführte Zelle, die er nicht richtig zu interpretieren vermochte, war also keine Cyber-Brutzelle gewesen. Quiupu fasste nach und erfuhr von dem Roboter immerhin einiges über die von den Terranern entwickelten Polizeizellen und den Unglücksfall, der sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte. Den Rest konnte er sich in groben Zügen zusammenreimen.

Er bat den Roboter, ihn in das andere Labor zu führen.

Während sie durch die tief unter der Oberfläche liegenden Korridore gingen, fragte sich Quiupu, warum er das eigentlich tat. Er fand keine zufriedenstellende Antwort, denn nach wie vor lag ein Teil seiner Vergangenheit im Dunkeln. Er konnte nicht einmal beantworten, ob er aus persönlichem Antrieb handelte oder ob es eine fremde Kraft gab, die ihn lenkte.

Die Kosmokraten?

Oder war er in den Einfluss des Viren-Imperiums geraten? Gab es das Imperium überhaupt noch?

Franzlin erwartete ihn bereits, und er gab sich keine Mühe, sein Interesse an ihm zu verbergen. »Du bist mir willkommen, Quiupu«, sagte der Wissenschaftler. »Ich habe versucht, mehr über dich zu erfahren – viel scheint niemandem bekannt zu sein.«

»Ich bin überzeugt davon, dass die erteilten Auskünfte ausreichend sind«, bemerkte Quiupu. »Mich treibt das wissenschaftliche Interesse hierher. Ich wüsste gern mehr über die Polizeizellen, die du entwickelst.«

Franzlin zeigte ihm die Behälter, in denen die künstlichen Zellen ruhten. Sie unterschieden sich nicht von denen, die Quiupu zuvor gesehen hatte.

»Befand sich die erste Generation auch in solchen Containern?«

»Du fragst wegen des Unfalls?«, stellte der Forscher die Gegenfrage und beantwortete sie auch gleich selbst. »Die erste Generation war schlechter geschützt, es gab nur einfache positronische Schlösser an den Behältern. Wir vermuten, dass es den Polizisten gelungen sein muss, den Kode der Schlösser zu knacken. Obwohl ein Rätsel bestehen bleibt: Die Polizisten waren in den Behältern, die Schlösser sind von innen nicht zugänglich.«

Quiupu bat darum, einige Polizisten sehen zu dürfen. Franzlin zeigte ihm in der Wiedergabe eines Positronenrastermikroskops etwa ein Dutzend der Winzlinge. Die neue Generation der Polizeizellen war den Brutzellen deutlich ähnlicher. Und sie bewegten sich, also entwickelten sie eigenes Leben.

Franzlin erläuterte die Entwicklungszyklen. Quiupu erfuhr, dass die inzwischen vernichtete erste Generation zunächst leblos gewesen war. Das deckte sich mit seinen Beobachtungen an der entführten Zelle.

Der Verdacht ließ sich nicht mehr von der Hand weisen, dass er mit der entführten Zelle die Befreiung der ersten Generation der Polizeizellen erst bewirkt hatte. Aber Quiupu schwieg dazu.

Er zog einen kleinen Behälter aus seiner Kombination, sich durchaus bewusst, dass er ein unvertretbares Risiko einging, sobald er das Rastermikroskop öffnete. Er besaß in solchen Dingen jedoch eine enorme Geschicklichkeit. Ohne dass nur einer der Anwesenden aufmerksam geworden wäre, verschwand der kleine Behälter im Sockel des Mikroskops. Es hatte lediglich den Anschein, als betätige Quiupu die Steuerelemente.

Nach Sekunden kam der kleine Behälter wieder zum Vorschein, und Quiupu nahm ihn unbemerkt an sich.

Später, in dem Labor, das ihm auf seine Bitte hin von Perry Rhodan zugewiesen worden war, registrierte Quiupu zufrieden, dass sich zwei Winzlinge in dem Behälter gefangen hatten. Den Verlust würde vermutlich niemand bemerken, denn es war eine Vielzahl von Zellen der zweiten Generation vorhanden gewesen.

Quiupu konnte in aller Ruhe darangehen, die winzig kleinen Maschinchen zu untersuchen. Er fürchtete, dass sich die Terraner mit diesen Zellen selbst ein Bein gestellt hatten.

Adelaie Bletz trat von hinten an Boulmeester heran. »Guten Abend, Marcel«, sagte sie mit leicht amüsiertem Unterton.

Der Wissenschaftler drehte sich langsam um. Er begrüßte Adelaie und Mortimer Skand ohne jedes Erstaunen. »Es freut mich, Mortimer, dass du doch mitgekommen bist«, sagte er. »Es soll hier sogar eine Münzausstellung geben. Vielleicht kann ich ein historisches Stück erwerben.«

»Das klingt interessant.« Adelaie machte eine auffordernde Geste. »Warum sehen wir uns das nicht gleich an?«

»Ich habe nichts dagegen.« Boulmeester machte einen frischen Eindruck. Am Morgen hatte Adelaie ihn noch völlig erschöpft gesehen. Auch diese Veränderung machte sie stutzig.

Die Münzen waren eine einzigartige Sammlung. Sehr viele Stücke stammten von der Erde selbst, aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Das am meisten bestaunte Objekt war zweifellos eine Gedenkmünze von 1971. Auf einer Seite zeigte sie das Mondraumschiff STARDUST, auf der anderen die Köpfe von vier Männern.

»Perry Rhodan und Reginald Bull«, erläuterte Mortimer. »Beide erkenne ich. Aber wer sind die anderen?«

Marcel Boulmeester drehte sich ihm zu und sagte: »Speicherbank 17D noch nicht betriebsbereit; Ersatzschaltung auf Hy-Tri-224. Das sind Clark G. Flipper und Doktor Eric Manoli.« Seine Stimme klang anfangs nahezu mechanisch, erst während er redete, erhielt sie einen menschlichen Klang.

»Welche Speicherbank?«, fragte Adelaie.

»Ach, unwichtig«, wehrte Boulmeester ab. »Das stammt aus einem kleinen Scherz, den mir eben erst ein Bekannter erzählt hat. Tut nichts zur Sache.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er weiter.

Adelaie blickte Skand vielsagend an. Sie folgten Boulmeester, der von einem Servoroboter ein Glas Wasser entgegennahm und hastig trank. Skand bestellte zwei Longdrinks mit leichtem Alkoholanteil.

»Das solltest du auch einmal probieren, Marcel«, sagte Adelaie. Boulmeester kam ihr fremd vor.

»Es ist wirkungslos für positronische Systeme«, antwortete der Wissenschaftler spontan, biss sich auf die Zunge und lachte gekünstelt. »Für mich nicht; ich brauche einen klaren Kopf. In den nächsten Tagen werde ich viel zu tun ...« Er verstummte im Satz.

Adelaie schüttelte den Kopf. »Marcel, ich kenne dich zwar erst seit Kurzem, aber du bist seit heute Nachmittag irgendwie verändert. Fühlst du dich nicht wohl, hast du zu viel gearbeitet?«

Der Kybernetiker blickte sie sehr ernst an, doch schon im nächsten Moment entkrampften sich seine Gesichtszüge. »Du siehst Gespenster«, sagte er leichthin. »Ich fühle mich völlig normal. Wie kommst du auf solche Gedanken?«

Adelaie hob die Schultern und ließ sie langsam wieder sinken. »Erst lädst du uns auf diese Ausstellung ein, dann willst du nichts mehr davon wissen«, sagte sie verhalten. »Im Institut meldest du dich zum Jagdklub ab, trotzdem gehst du hierher und tust, als ob das völlig normal wäre. Von Mortimer behauptest du, er hätte erst nicht zur Ausstellung kommen wollen, obwohl du gar nicht mit ihm gesprochen hattest.«

Nun war es heraus. Adelaie lauerte auf Boulmeesters Reaktion.

»So war das nicht«, sagte der Kybernetiker. »Du bringst einiges durcheinander. Was hältst du davon, Mortimer?«

Skand schaute ruckartig auf. »Adelaie ist neu in Terrania, zu viele Eindrücke schlagen über ihr zusammen. Sie beginnt eine neue Arbeit und begegnet neuen Gesichtern ...«

»In etwa so sehe ich das auch.« Boulmeester wandte sich ihr zu. »Du machst dir zu viele Gedanken, Adelaie. Das führt leicht zu Fehlurteilen. Mortimer ist derselben Meinung.«

Da Skand sich offensichtlich auf Boulmeesters Seite geschlagen hatte, schwieg Adelaie. Sie fühlte sich in die Defensive gedrängt und sah keine Chance, das Begonnene sinnvoll fortzusetzen. Sie sehnte sich plötzlich wieder nach ihrer kleinen und unbedeutenden Heimatwelt im Zentrumsbereich der Milchstraße.

Eine Stunde später ging Boulmeester.

Sofort wandte Adelaie sich an Skand. »Hast du wirklich nicht bemerkt, dass mit Marcel einiges nicht stimmt?«

Er wartete eine Weile mit der Antwort. »Jeder von uns hat seine Grenzen, sogar ein Marcel Boulmeester«, stellte er dann sachlich fest. »Ich habe mich deinen bohrenden Fragen verwehrt, weil du dem Chef damit keinen Gefallen tust. Du solltest seine Freizeit respektieren, schließlich arbeitet er für drei.«

Damit hatte Mortimer nicht unrecht, deshalb ließ Adelaie das Thema ruhen. Ihre Zweifel blieben.

Der Wechsel auf ein langsameres Laufband machte Marcel Boulmeester schon deutliche Schwierigkeiten. Seit die Laborantin ihn wegen seines Verhaltens angesprochen hatte, fühlte er eine unerklärliche Unruhe. Er versuchte, sich zu erinnern, was er im Institut gesagt hatte, doch er schaffte es nicht.

Es ist unmöglich, dass jemand den Verlust der einen Brutzelle bemerkt hat. Der Gedanke war urplötzlich da, und ein seltsamer Schwindel erfasste Boulmeester. Er taumelte, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß.

Er war nie richtig krank gewesen. Als er jetzt unter sein Hemd fasste, fiel ihm auf, dass sich sein Hals zu kühl anfühlte. Oder waren die Hände zu warm?

Die Haut ist zu straff, zu fest.

Er taumelte weiter. Panik ergriff ihn, er drängte sie mühsam zurück.

»Ich bin krank«, murmelte Boulmeester.

Sein Blick wurde unstet. Schleier bildeten sich vor seinen Augen, nach einer Weile wurde es schlagartig dunkel um ihn herum.

Boulmeester wollte schreien. Aber alles blieb still. Er wusste nicht, ob sein Gehör den Dienst versagte oder seine Stimme.

Gleich darauf fühlte er sich leicht, als ob die Erdschwere verschwunden wäre. Es gab kein Oben oder Unten mehr. Er spürte keinen Schmerz, als er am Boden ankam, sondern nur, dass sich ihm etwas in den Weg stellte.

Marcel Boulmeester lachte auf. Natürlich, das war die Lösung. Wieso war er nicht sofort auf diesen Gedanken gekommen? Seine Hand tastete in die Jackentasche. Er zog ein kleines Kombiwerkzeug heraus und ritzte sich damit einen Schnitt in die linke Hand, gerade so tief, dass ein Tropfen Blut hervorquoll. Er konnte den Tropfen weder sehen noch spüren, aber er wusste, dass er genau das Richtige tat.

Der Blutstropfen fiel zu Boden.

Aktivierung. Boulmeester wusste nicht, woher dieser Gedanke kam, doch gleichzeitig nahm seine Umgebung wieder Gestalt an.

Schritte kamen näher. Marcel Boulmeester kniete auf dem Boden. Schwankend bemühte er sich, wieder auf die Beine zu kommen.

Ein Mann und eine Frau standen jetzt neben ihm. Der Mann ergriff ihn unter den Armen und zog ihn hoch. »Fühlst du dich nicht gut?«, fragte er.

Boulmeester strich seinen Anzug glatt. An seiner linken Hand spürte er einen stechenden Schmerz. Er musste sich gestoßen haben, denn in der Handfläche bemerkte er eine kleine Wunde. »Es ist alles in Ordnung«, versicherte er. »Ich bin nur umgeknickt und unglücklich gestürzt.«

Die Frau bückte sich und reichte ihm sein Kombiwerkzeug. »Hast du das verloren?«

»Danke«, murmelte Boulmeester und steckte das kleine Vielzweckgerät ein.

Er wusste nichts von der submikroskopisch kleinen Maschine, die sich aus dem Blutstropfen herauswand und sich vom lauen Nachtwind davontragen ließ.

Nicht einmal nach Mitternacht fand Adelaie Bletz Ruhe. Sie ärgerte sich, weil Boulmeester ihre Vorhaltungen über die Widersprüche ignoriert hatte. Mehr als zuvor war sie überzeugt, dass sie sich nicht irrte. Sie rief im Institut an.

»Wenn du den Chef sprechen willst, das ist kein Problem«, hörte sie. »Er befindet sich seit fünfundvierzig Minuten hier.«

Wieder ein Widerspruch, überlegte Adelaie. Boulmeester hatte bei der Verabschiedung behauptet, er wolle in seine Wohnung.

»Danke, nicht nötig«, sagte sie ausweichend und unterbrach die Verbindung.

Zweifel befielen sie. Sah sie Probleme, wo gar keine waren?

Sie verließ die Wohnung. Ihr Ziel war das Institut. Auf irgendeine Weise wollte sie Boulmeester aus der Zurückhaltung locken.

Während Adelaie im zentralen Antigravschacht des Hochhauses abwärtsglitt, kam ihr eine einzelne Brutzelle entgegen. Natürlich hatte Adelaie keine Möglichkeit, das winzige Gebilde von knapp einem zehntausendstel Millimeter Länge überhaupt zu erkennen.

Die Zelle manövrierte geschickt. Ihre wenigen dünnen Glieder klammerten sich an einer von Adelaies Wimpern fest. Sekunden später drang der Winzling durch das Auge in den Körper ein.

Damit war der erste Teil des Programms abgeschlossen. Vor der Aktivierung des zweiten Teils würde geraume Zeit vergehen, denn der lange Flug mit einer Vielzahl komplizierter Ortungen und Steuermanöver hatte nahezu alle Energiereserven aufgebraucht.

Die Cyber-Brutzelle ruhte und sammelte neue Energie.

Routinemäßig trafen sich Perry Rhodan und Julian Tifflor am frühen Morgen. »Ich gewinne den Eindruck, dass wir uns festgefahren haben«, eröffnete Tifflor. »Obwohl wir wissen, dass es sich bei den Cyber-Brutzellen um eine Art Zwitter handelt, die äußerlich weitgehend Viren ähneln. Im Unterschied zu Viren, die organisches Leben befallen und ihren Wirt mehr oder weniger schnell umbringen, befallen die Brutzellen nur positronische Systeme.«

»Das ist längst bekannt«, wandte Rhodan ein.

»Wir können nicht oft genug darüber nachdenken.« Tifflor rieb sich die Schläfen. »Ich erwähnte die Zwitterstellung dieser Maschinenviren. Die Analysen in Boulmeesters Institut haben ergeben, dass diese Biester nicht ausschließlich im technischen Sinn leben. Sie verfügen über einen Lebensnerv, der biologischem Leben gleichzusetzen ist. Damit stehen sie zwischen organischem und anorganischem Leben oder sind sozusagen die kleinsten vorstellbaren Biopositroniken.«

»Was hat Boulmeester über ihre Programmierung herausgefunden?«

»Der Kode ähnelt dem genetischen unserer normalen Chromosomen. Trotzdem scheinen wesentliche Unterschiede zu bestehen, denn erst etwa ein Viertel konnte entschlüsselt werden. Das ist zu wenig für klare Aussagen. Ein Ansatzpunkt liegt in den Modalitäten ihrer Vermehrung. Die Sequenz der molekularen Programmierung wurde ausgelesen und genutzt, um einen Gegenkode zu konstruieren, der den Polizeizellen aufgeprägt werden soll.«

Perry Rhodan ging nachdenklich auf und ab. »Wenn diese gefährlichen Winzlinge einen biologischen Anteil besitzen, liegt es da nicht auf der Hand, dass sie sich eines Lebewesens bemächtigen könnten?«

»Diese Überlegung stellten die Wissenschaftler ebenfalls an«, sagte Tifflor. »Alle diesbezüglichen Versuche mit Lebewesen verliefen negativ. Cyber-Brutzellen interessieren sich nur für Positroniken.«

»Was ist mit der neuen Generation der Polizeizellen?«

»Fortschritte, leider kein zufriedenstellendes Ergebnis. Im Institut wird rund um die Uhr gearbeitet. Die neue Zellgeneration lebt, kann sich aber nicht selbstständig duplizieren. Das an sich wäre nicht weiter schlimm, das Hauptproblem liegt jedoch in der Aktivierung des Mechanismus zur Zersetzung der Cyber-Brutzellen. Diese Aktivierung ist bislang nicht wunschgemäß gelungen. Nur einige wenige Polizeizellen folgen ihrer Aufgabe und durchsuchen Positroniken nach dem Gegner. Lediglich drei Zellen von über zehntausend haben die Brutzellen tatsächlich angegriffen, und von diesen dreien hat nur eine einzige den Kampf überstanden. Boulmeesters Team sucht inzwischen nach der Ursache dieses einen positiven Abschlusses, um die gewünschten Eigenschaften auf alle Polizeizellen zu übertragen. Das soll dann die dritte und hoffentlich letzte Generation werden.«

»Ich habe ein ungutes Gefühl«, sagte Rhodan. »Wir übersehen etwas. Die Gefahr ist größer, als wir annehmen.«

»Wir beachten alle Sicherheitsvorschriften«, entgegnete Tifflor.

»Ich frage mich, ob das ausreicht.«

Tifflor verzog das Gesicht. »Interessiert dich überhaupt, was unser Findelkind macht? Quiupu hat das Institut besucht. Unsere Beobachtungssonden waren permanent bei ihm. Er hat sich nur für die Brutzellen und unsere Polizisten interessiert.«

»Quiupu ist zwar rätselhaft, aber hochintelligent«, sagte Rhodan. »Seine Loyalität steht für mich außer Frage. Trotzdem möchte ich wissen, ob er nur nach Schnupfenviren sucht. Und vor allem: Was wollte er bei Boulmeester?«

»... sich informieren.« Tifflor runzelte die Stirn. »Vielleicht kam er mit seinen eigenen Untersuchungen nicht weiter. Er forscht wohl eindeutig an Viren, denn alle Dinge, die er in sein Labor gebracht hat, kommen als potenzielle Träger für Viren infrage.«

»Du bist von seiner Harmlosigkeit überzeugt?«

Der Erste Terraner wiegte den Kopf. »Quiupu hat bislang keiner Fliege etwas angetan. Er forscht, und ihm geht es dabei nur um das von ihm erwähnte Viren-Imperium, was immer das sein mag.«

Was Quiupu an hochwertiger Ausrüstung in seinem kleinen Privatlabor fehlte, ersetzte er durch scharfen Verstand und Geschicklichkeit. Zudem verfügte er noch über einige Gegenstände seiner persönlichen Ausrüstung.

Die Trennung der beiden gestohlenen Polizeizellen in verschiedene Behälter war für ihn kein Problem. Danach brachte er Viren und Mikrolebewesen mit den Zellen zusammen und beobachtete die Reaktionen. Nichts Nennenswertes geschah.

In einer zweiten Versuchsreihe prüfte er das Verhalten der Zellen gegenüber positronischen Bauteilen. Ihre nur schwache Reaktion überzeugte ihn keineswegs. Quiupu gelangte zu der Feststellung, dass diese Polizisten nicht geeignet waren, wirkungsvoll gegen Brutzellen vorzugehen.

Die noch vorhandene Menge eines reaktionären Gasgemisches war eigentlich zu gering, um einen durchschlagenden Erfolg an beiden Polizeizellen erwarten zu lassen. Trotzdem zögerte Quiupu nicht, die Modifizierung zu versuchen.

Unter dem Mikroskop brachte er beide Zellen wieder in eine Kammer, die nur einen halben Millimeter durchmaß. Mehr als zwei Stunden dauerte es, ein hauchdünnes Loch in die Kammer zu bohren, durch das der Rest des Gases einströmen konnte.

Die Reaktionen, die nur im atomaren Bereich abliefen, konnte Quiupu wegen des zu geringen Auflösungsvermögens seines Mikroskops nicht beobachten. Ihm blieb allein die Hoffnung, dass sein Experiment gelingen würde.

Schließlich trennte er die Zellen wieder und »verstaute« jede in einer kleinen Kugel aus weichem Plastikmaterial. Beide Kügelchen, sie waren gerade noch mit dem bloßen Auge erkennbar, verbarg er in einer Tasche seines Gürtels.

Mehr konnte er vorerst nicht tun. Die nächsten Tage würde er damit verbringen, das Deltacom-Institut und die Menschen dort zu beobachten. Sein Instinkt sagte ihm, dass sich eine unheilvolle Entwicklung anbahnte.

Adelaie Bletz hatte Boulmeester im Hauptlabor nicht angetroffen, fand ihn aber wenig später in seinem Büro. Der Kybernetiker saß hinter seinem schweren Schreibtisch und schien zu schlafen.

Als Adelaie ihn an den Schultern berührte, zuckte er heftig zusammen. Erst zeigte sich ein Anflug von Ärger auf seinem Gesicht, dann lächelte er. »Was suchst du mitten in der Nacht im Institut, Adelaie?«

»Das könnte ich dich ebenfalls fragen.« Sie blickte ihn fest an. »Mich kannst du nicht täuschen.«

»Das haben wir erkannt.« Seine Stimme klang wieder ähnlich monoton wie in der Ausstellungshalle.

»Wieso wir?« Adelaie bemühte sich um einen harten Klang ihrer Worte.

»Nichts von Bedeutung.« Boulmeester winkte ab.

»Ich bin da anderer Ansicht, Marcel. Möglicherweise bist du völlig überarbeitet. Oder was ist mit dir los?«

Er blickte sie starr an. »Ich will, dass du das Institut sofort verlässt. Das Gleiche gilt für die aktuelle Schicht.«

»Begründung?«

»Keine. Ich weiß, was zu tun ist.«

Adelaie lächelte gequält. »Du kannst mich entlassen, aber nicht herumkommandieren.«

»Was ich sagte, war ein Befehl.«

»Ich gehe nicht, bevor ich weiß, was du mir verheimlichst. Du müsstest mich schon mit Gewalt hinauswerfen.«

Boulmeester lenkte ein. »Es gibt Dinge, die sind für eine Assistentin zu hoch. Trotzdem werde ich dich einweihen. Deine Schicht beginnt um neun Uhr, dann reden wir darüber.«

Adelaie blickte ihn durchdringend an. »Wäre es nicht besser, wenn wir jetzt darüber sprechen?«

»Ich habe meine Anweisungen.«

»Von wem? Von Julian Tifflor, Perry Rhodan, von der Kosmischen Hanse?«

»Wir reden am Morgen weiter, nicht eher. Und schick bitte alle aus dem Labor nach Hause, sie werden heute nicht mehr gebraucht.«

Marcel Boulmeester wartete etwa zehn Minuten, dann fragte er bei der Zentralpositronik nach, ob Adelaie seiner Bitte nachgekommen sei. Er atmete auf, als er erfuhr, dass das Labor leer war..

Zögernd öffnete er sein Hemd und tastete seinen Oberkörper ab. An mehreren Stellen spürte er deutliche Verhärtungen. Oder bildete er sich das nur ein?

Es besteht kein Grund zur Beunruhigung.

Im ersten Moment glaubte Boulmeester, jemand hätte zu ihm gesprochen. Doch schnell wurde er sich bewusst, dass er über seinen eigenen Gedanken erschrocken war.

Natürlich. Wer sollte sonst denken? – Überwachung des zentralen Nervensystems verstärken.

Marcel Boulmeester zitterte. Er »hörte« seine eigenen Gedanken. »Ich bin krank«, ächzte er. »Ich phantasiere.«

Desaktivierung. Zehnmal Nullphase.

Spontan verschwand der Druck in seinem Kopf. Boulmeester fragte sich, warum er das Personal fortgeschickt hatte. Er wusste es nicht.

Hastig verließ er das Büro.

Das Zentrallabor lag im Dämmerlicht. Er schaltete die Zentralpositronik ab, denn das laboreigene kleine Rechnersystem genügte für sein Vorhaben.

In einem Nebenraum aktivierte er die medizinische Einrichtung. »Körperdurchleuchtung!«, ordnete er an.

»Genügt eine Grobaufnahme?«, fragte die Positronik.

Boulmeester zögerte, weil ihn eine dumpfe Ahnung befiel. »Das genügt«, bestätigte er dennoch.

Die Automatik bat ihn, sich vor den Transpolator zu stellen. Das Bild zeigte seinen Körper vom Kopf bis zur Hüfte. Auffällige Stellen wurden farblich hervorgehoben. Alle wichtigen Blutbahnen erstrahlten in sanftem Rot, Organe leuchteten grün. Kranke Bereiche erschienen mit Brauntönen gekennzeichnet, umso dunkler, je bedrohlicher die Veränderungen schon waren.

Was Marcel Boulmeester sah, ließ ihm den Atem stocken. In seinem Brustkorb befanden sich neun unterschiedlich große Bezirke in tiefem Schwarz. Zwei kleinere schwarze Flecken sah er in der Gehirnregion.

Mühsam verdrängte er den Schock. »Das Gerät arbeitet fehlerhaft«, sagte er stockend. »Ich möchte eine Auswertung des Transpolatorbilds.«

»Die Auswertung ist wegen mangelnder Vergleichswerte nicht möglich. Ich empfehle eine einzelne Röntgenaufnahme; in früheren Jahrhunderten war das die standardisierte Art der Durchleuchtung.«

Zögernd stimmte Boulmeester zu.

Als er kurz darauf das Röntgenbild betrachtete, half ihm die Positronik bei der Bewertung. Wo der Transpolator die schwarzen Flecken gezeigt hatte, fanden sich nun helle, fast weiße Stellen. »In deinem Körper befinden sich metallische oder halbmetallische Ansammlungen – neun in der Brustregion, zwei im Kopf. Das Röntgenbild bestätigt die Auswertung des Transpolators. Nach menschlichen Kriterien bist du nicht lebensfähig. Leider hast du meine Verbindung zur Zentralpositronik unterbrochen; ich muss dich daher auffordern, dies rückgängig zu machen oder selbst die notwendige Alarmierung zu veranlassen. Andernfalls wäre ich gezwungen, geeignete Schritte einzuleiten.«

Der Kybernetiker schaltete die Positronik ab. Glücklicherweise besaß diese Einheit keine Einflussmöglichkeit.

Er stand vor einem Rätsel. Sein wissenschaftlicher Verstand bot ihm mehrere Antworten an, aber er lehnte sie wegen ihrer Ungeheuerlichkeit rigoros ab. Er musste ein Bioraster seines Körpers herstellen, das die Strukturen im mikroskopischen Bereich aufzeigte und die molekularen Verbindungen qualitativ und quantitativ auswertete.

Er ließ bei seinen Vorbereitungen äußerste Vorsicht walten, bevor er ein Dutzend Bilder aus den Körperregionen herstellte, in denen der Transpolator schwarze Stellen gezeigt hatte.

Die Analyseeinheit präsentierte ihm drei charakteristische Kombinationen, die er schon ein Dutzend Mal gesehen hatte. »Biologisches, menschliches Zellgewebe«, murmelte er und fuhr mit dem Zeigefinger an Symbolen und Zahlen entlang. »Positronische Schaltelemente.« Der Finger glitt eine Zeile tiefer und verharrte.

Unvermittelt legte sich eine Hand auf seine Schulter. »Die typische molekulare Zusammensetzung von Cyber-Brutzellen, die sich im Stadium der Vermehrung befinden«, sagte Adelaie Bletz hinter ihm.

Marcel Boulmeesters glaubte in endlose Tiefe zu stürzen, als ihm die Zusammenhänge und ihre Tragweite deutlich wurden.

Adelaie Bletz stellte mehrere Ausschnittvergrößerungen der Biorasteraufnahmen her. Marcel Boulmeester schaute ihr schweigend zu. Ein winziger, nur in begrenzter Tiefe dreidimensionaler Ausschnitt wurde deutlicher, er zeigte die Grenze zwischen natürlichem Zellgewebe und einem Teil der neu entstandenen Fremdkörper.

»Du musst es dir ansehen, Marcel«, sagte sie eindringlich. »Was ist das?«

Der Kybernetiker starrte auf die Wiedergabe. »Völlig neue Zellorganisationen sind entstanden.« Seine Stimme war kaum hörbar. »Solche Wucherungen habe ich noch nie gesehen. Die Zellsubstanz wurde umstrukturiert, so, wie ein Phage die Zellen seines Wirtskörpers umbaut.«

»Der Vergleich hinkt.« Adelaie deutete auf die Strukturen, die dicht neben den normalen Zellen zu erkennen waren. »Hier handelt es sich um systematische Anordnungen, die weit über den Internbauplan eines einzelnen Virus hinausgehen. Im weitesten Sinn gleichen die entstandenen Gebilde dem Aufbau geordneter Kristalle. Wenn du genau hinsiehst, wirst du aber etwas anderes feststellen.«

»Nach den Veränderungen dürfte ich gar nicht mehr leben.« Boulmeester wandte sich ab.

»Betrachte die Darstellung genau!«, drängte Adelaie. »Dann erkennst du hoffentlich, warum du noch lebst und warum du zeitweise wirres Zeug geredet hast.« Sie zeigte auf eine besonders auffällige Stelle. »Sieh es dir an!«

»Aus meinen Körperzellen ist etwas wie ein positronisches System entstanden«, murmelte der Kybernetiker. Jäh lachte er auf, und es klang, als würde sich sein Geist verwirren.

In der nächsten Sekunde hatte Boulmeester sich wieder unter Kontrolle. »Keine Bange, ich reagiere noch normal. Bislang haben mich diese Schaltsysteme nicht übernommen. Sie ersetzen vielleicht einige Körperfunktionen, keineswegs den ganzen Körper. Nach wie vor bin ich Marcel Boulmeester und keine programmierte Menschmaschine.«

»Du stehst trotzdem unter ihrem Einfluss«, entgegnete Adelaie. »Das war mehrmals deutlich zu spüren.«

Sie ließ ein anderes Bild entstehen. »Einige Funktionen sind bereits komplett übernommen. Du besitzt keine Nieren mehr, und deine Leber besteht nur mehr zu einem Viertel.«

»Wie kalt deine Worte sind.« Boulmeesters Vorwurf war unüberhörbar.

»Nein, Marcel.« Adelaie bemühte sich um einen versöhnlichen Klang ihrer Stimme. »Ich sage das nur, weil ich dir helfen will.«

»Helfen?« Er schüttelte den Kopf. »Du scheinst dir der Tragweite dieser Veränderungen nicht bewusst zu sein. Sie bedeuten, dass wir einem gewaltigen Irrtum erlegen sind. Über hundert Versuche mit den Brutzellen und allen möglichen Lebensformen waren zu wenig. Wir haben keinen Versuch mit einem Menschen vorgenommen. Dabei hätten wir diese Möglichkeit einkalkulieren müssen.«

»Nach allem, was wir über die Vorfälle auf Mardi-Gras wissen, war das nicht zu erwarten.«

»Egal, Adelaie. Die Gefahr vermehrt sich seit über vierundzwanzig Stunden in meinem Körper. Wenn eine einzige Zelle eindringen konnte und eine derart gravierende Veränderung bewirkt, dann können sich ihre Abkömmlinge genauso gut in anderen Körpern festgesetzt haben und dort den gleichen Prozess vollziehen.«

Sie runzelte die Stirn. »Von welcher einzigen Zelle sprichst du?«

Boulmeester winkte ab. »Es ist sowieso egal. Mir ist bei einem Experiment eine Brutzelle entwischt. Ich muss annehmen, dass sie in meinen Körper eingedrungen ist und diese Metamorphose hervorgerufen hat.«

»Wer außer dir weiß von der verschwundenen Zelle?«

»Ich habe mit keinem darüber gesprochen.«

»Du bist ein Narr, Marcel. Du hast wahrscheinlich die ganze Menschheit in Gefahr gebracht.«

»Ich konnte nicht ahnen, dass diese winzigen Bestien so heimtückisch angreifen würden.« Müde schüttelte er den Kopf.

»Was sollen wir tun?« Adelaie wirkte mit einem Mal unsicher.

»Es gibt Möglichkeiten«, sagte der Kybernetiker. »Sie sind riskant, aber ich bin zu jedem Risiko bereit.«

Adelaie wandte sich wieder der bildlichen Darstellung zu. »Ich meine, wir sollten umgehend alle Kapazitäten heranziehen, um das größte Unheil zu verhindern. Lauter hochintegrierte Schalt- und Speichersysteme aus halborganischer Materie. Dazu in den Randzonen deutliche Ausbreitungsprozesse, die Gebilde wachsen weiter. Weißt du, was am Ende aus dir geworden sein wird?«

»Es wird nicht so weit kommen«, widersprach Boulmeester. »Auf keinen Fall dürfen wir andere hinzuziehen. Die Gefahr, dass sie ebenfalls von den Zellen befallen werden, ist zu groß. Wir müssen eine Selbstheilung versuchen, solange ich meinen freien Willen habe.«

Er prüfte die Anzeigen eines Kontrollpults. »Das Labor ist hermetisch abgeriegelt, gut so. Alle positronischen Elemente müssen aus meinem Körper entfernt und vernichtet werden, nicht eine einzige Zelle darf überleben. Die klinischen Einrichtungen hier bieten jede Möglichkeit dazu. Wenn du mir hilfst, können wir es schaffen. Wenn nicht, überlasse ich dir die weitere Entscheidung, du kannst die Selbstzerstörung aktivieren oder mich desintegrieren. Du weißt, wie die Desintegratoren für den Notfall zugänglich sind.«

Adelaie zögerte. Der Gesichtsausdruck ihres Vorgesetzten verriet ihr, dass er es ehrlich meinte und momentan jedenfalls nicht beeinflusst wurde.

Auf die Idee, sich selbst ebenfalls einer Untersuchung zu unterziehen, kam sie nicht. Sie fühlte sich aktiv und frisch, obwohl dies im Widerspruch zur späten Nachtzeit stand.

Ihr Verstand sagte ihr, dass die Cyber-Brutzellen nach und nach Boulmeesters gesamte Substanz transformieren und in Systeme ihres eigenen Bauplans verwandeln würden. Letztlich würde der Kybernetiker vielleicht nur mehr aus einer äußeren Hülle bestehen, die von dem positronischen System am Leben erhalten wurde. Das Innere handelte dann längst nach anderen Maximen.

Adelaie fragte sich, was das Ziel dieses positronischen Menschen sein könnte, verwarf diese Überlegung aber sofort wieder. Sie musste sich darauf konzentrieren, die Gefahr zu beseitigen und Boulmeester zu retten.

Adelaie ging sehr sorgfältig vor. Da sie ohne positronische Hilfe bei den vorgesehenen Operationen nicht auskommen würde, baute sie zunächst Schirmfelder auf, um zu verhindern, dass die Brutzellen auf die Positronik überspringen konnten.

Die Rechenanlage musste die gesamten Biorasteraufnahmen auswerten und umsetzen. Zudem konnten die Zellwucherungen in der Zwischenzeit weiter fortgeschritten sein, und auch dieser Befall musste entfernt werden.

Erwartungsgemäß stellte die Klinikpositronik fest, dass der Patient die Eingriffe nur überleben würde, wenn gleichzeitig entsprechende Ersatzorgane und Organteile transplantiert wurden. Die Ausstattung des Labors reichte nach Aussage der Positronik dafür aus.

Boulmeester würde die Eingriffe bei fast vollem Bewusstsein erleben, da nur die von der Operation betroffenen Körperregionen schmerzlos sein würden.

Adelaie fing mit den kleinen Zellwucherungen im Gehirn an. Der Eingriff vollzog sich innerhalb weniger Minuten, das entfernte veränderte Gewebe wurde umgehend desintegriert.

Adelaie, die selbst nicht eingreifen konnte, folgte den schnellen Vorgängen wie erstarrt. Als das erste Zellsystem aus dem Oberkörper extrahiert wurde, erkannte sie mehr instinktiv als bewusst, dass etwas nicht stimmte. Sie hatten sich den Gewebeklumpen anders vorgestellt, vor allem nicht blutig.

Die Positronik registrierte über die optischen Sensoren ebenfalls den Fehler und unterbrach die Operation für wenige Sekunden und eine Neuorientierung. Ihre Meldung kam für Adelaie schon nicht mehr unerwartet: »Die Operateure ignorieren meine Anweisungen. Sie entfernen Gewebe aus dem Körper des Patienten, um eine schnellere Ausbreitung der Krankheitszentren zu ermöglichen. Ich schlage vor ...«

Die Positronik verstummte, gab aber Sekunden später zu verstehen, dass sie überfordert sei.

Adelaie wurde bleich. »Die Operation muss zu Ende geführt werden. Setze deine Reservesysteme ein und schneide die Fremdkörper ...« Sie griff sich an die linke Brust. Ein stechender Schmerz raubte ihr den Atem.

»Hör auf!«, keuchte Boulmeester. »So hat es keinen Sinn. Du musst alles abbrechen.«

Sie zögerte. Offensichtlich folgte die Positronik schon einer Notschaltung, denn die Instrumente verklebten bereits die halb geöffneten Wunden.

Minuten später richtete Boulmeester sich schwerfällig wieder auf. »Sie zerstören die Instrumente«, stöhnte er. »Und zweifellos beginnen sie, ihre beiden Untersysteme in meinem Kopf zu erneuern.«

»Wenn die Brutzellen zuschlagen, geht alles schnell«, sagte Adelaie. »Trotzdem dauert es vergleichsweise lange, bis sie sich zur Wehr setzen, wenn gegen sie vorgegangen wird. Während der Vorbereitung für die Operation und auch während des ersten Eingriffs geschah nichts. Die Brutzellen haben es nicht bemerkt. Sie können deine Gedanken nicht oder noch nicht kontrollieren, ihre Reaktionszeit ist zu groß.«

»Und?« Boulmeester suchte nach einem Halt, er stand unsicher.

»Wir haben eine Chance, Marcel, wenn wir überraschend und schnell handeln.«

»Wahrscheinlich ist das Labor längst von den Brutzellen verseucht.« Er sprach mehr zu sich selbst als zu Adelaie. »Vielleicht sogar schon das ganze Institut – oder bereits Terrania. Ist dir das klar?«

»Soll ich Alarm schlagen?«, fragte Adelaie heftig. »Oder wagen wir noch einen Versuch?«

»Was für einen Versuch?« Der Kybernetiker rang nach Atem.

»Franzlins Polizisten. Sie sind nicht das Endprodukt, andererseits besser als die erste Generation. Auch wenn sie nicht am eigentlichen Objekt erprobt worden sind ...«

»Worauf warten wir, Adelaie? In einer Stunde beginnt die neue Schicht, dann wird es hier unruhig ...«

»In Ordnung, Marcel. Ich hole einen Container mit Polizeizellen aus Franzlins Labor und spritze sie dir intravenös.«

Marcel Boulmeester stand reglos vor der bewusstlosen Laborantin. Eben hatte sie ihm die Injektion gegeben, im nächsten Moment war sie bewusstlos in sich zusammengesunken. Er blickte Adelaie aus weit aufgerissenen Augen an und hatte Mühe, überhaupt zu verstehen, was geschehen war.

Sein Kopf schien zu bersten, als er sich mühsam bückte und nach der Hochdruckphiole griff, die ihr entglitten war. Unschlüssig drehte er das kleine medizinische Gerät zwischen den Fingern.

Lass den Unsinn!

Das war ein klarer Befehl. Boulmeester war froh, dass ihm gesagt wurde, was er tun sollte. Mit übertriebener Sorgfalt legte er die Spritze zur Seite.

Verhalte dich ruhig! Setz dich!

Er folgte der Anweisung und hob nur kurz den Blick, als der Interkom summte. Das Abbild eines Mannes erschien. »Was willst du?«, fragte Boulmeester schroff. Der Anrufer kam ihm bekannt vor, an dessen Namen erinnerte er sich trotzdem nicht.

»Bist du das, Chef?«, fragte der Mann zurück. »Schalte die Optik ein, ich kann dich nicht sehen.«

»Natürlich nicht«, sagte Boulmeester. »Alle Verbindungen nach außen sind unterbrochen. Wie konntest du überhaupt anrufen?«

»Über die einseitige Notschaltung. Ist Adelaie bei dir?«

»Adelaie? Wer ist das?«

Dem Kybernetiker wurde unheimlich heiß. Er kratzte sich über den Oberkörper und spürte es plötzlich warm und klebrig über die Haut rinnen. Als ihm der Gedanke an Blut kam, das aus einer aufgebrochenen Operationswunde sickerte, nahm er davon schon nichts mehr wahr.

»Jetzt erkenne ich dich«, sagte er aufatmend. »Mortimer Skand. Warum rufst du mitten in der Nacht an?«

»Adelaie ist verschwunden. Sie kam mit mir nach Hause, nun ist sie nicht mehr hier. Sie hat keine Nachricht hinterlassen.«

Boulmeester schaltete die Optik zu. »Nichts von Bedeutung, Mortimer. Ich habe einige Versuche eingeleitet, weil ich mit den Brutzellen endlich weiterkommen will, und Adelaie hat mir assistiert. Sie ist vor wenigen Minuten gegangen.« Er trat nervös zur Seite. Die Nachführung der Aufnahmeoptik folgte ihm.

Nicht dorthin!

Boulmeester überhörte den Befehl.

Bleib stehen!

»Ich bin ein gutes Stück weitergekommen«, fuhr er im Plauderton fort. »Adelaie hat mich bestens unterstützt, ich kann dir zu dieser Freundin nur gratulieren.«

Er stand jetzt neben der am Boden liegenden Frau, und die Aufnahmeoptik erfasste sie zumindest teilweise.

»Marcel!«, schrie Skand auf. »Was hast du mit ihr gemacht?«

Bevor der Kybernetiker antworten konnte, schlug der Brutzellenverbund in ihm zu. Die Bekämpfung der injizierten Polizeizellen war in ein Stadium getreten, das die Aufnahme anderer Funktionen bedenkenlos erlaubte.

Die neu gebildeten Subsysteme in der Gehirnregion erwachten. Marcel Boulmeester wurde zu einem positronischen Menschen, seine Körperfunktionen gehorchten dem Multiparasiten, der sich in ihm ausgebreitet hatte.

»Mortimer Skand, ich befehle dir, nichts zu unternehmen!«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Ich führe einen wichtigen Versuch durch. Adelaie wird unbehelligt bleiben. Verhalte dich ruhig, andernfalls würdest du ihr schaden.« Er griff nach einem schweren Gegenstand und schleuderte ihn auf den Interkomschirm. Anders ließ sich die Notverbindung nicht unterbrechen.

Wie lange wird es dauern, bis Skand reagiert?

Sein Bewusstsein drang noch einmal an die Oberfläche. Wieder empfand er den Gedanken der positronischen Zellen wie die Frage eines Fremden. »Skand ist ein Dummkopf«, murmelte er.

Adelaie stöhnte verhalten. »Was ist geschehen?«, fragte sie Sekunden später bebend. »Ich wollte dir eine Injektion geben ...«

»Die Polizeizellen haben gewirkt, ich bin wieder ich selbst«, sagte Boulmeester. »Allerdings hat die Durchleuchtung meines Körpers gezeigt, dass Reste vorhanden sind. Sie müssen beseitigt werden.«

Er stockte kurz. »Bislang haben wir keineswegs alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um mich zu heilen. Du wirst mir weiter helfen.«

»Wir haben genug experimentiert, und das Unheil ist vielleicht schon zu groß. Die Liga verfügt über beste Spezialisten, die eingreifen ...«

»Wir werden uns niemandem stellen«, widersprach Boulmeester. »Es gibt einen Notausgang aus dem Labor, der nicht einmal der Zentralpositronik bekannt ist. Wir fliehen.«

»Du kannst meine Hilfe nicht erzwingen, Marcel.«

»Oh doch, wir können es.«

Stöhnend fasste Adelaie sich an die linke Seite.

»Ein Subsystem der Brutzellen sitzt bereits an deinem Herzen«, sagte er. »Wenn du nicht funktionierst, kannst du innerhalb von Sekunden tot sein.«

Adelaie blickte ihn starr an. »Glaubst du wirklich, du hättest noch deinen freien Willen?«

3.