Atlan 22: Ring des Schreckens (Blauband) - H.G Ewers - E-Book

Atlan 22: Ring des Schreckens (Blauband) E-Book

H.G. Ewers

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Beschreibung

8000 Jahre vor Beginn der irdischen Zeitrechnung: Das Große Imperium der Arkoniden steht in der Blüte seiner Entwicklung. Von der Kristallwelt Arkon aus regiert Orbanaschol III. über Tausende von Planeten. Seinen Thron hat der Imperator dadurch erlangt, weil er seinen Bruder Gonozal VII. ermorden ließ. Kristallprinz Atlan, der Sohn des Ermordeten, ist seitdem auf der Flucht. Inzwischen verfügt er mit dem aktivierten Extrasinn über einen inneren Ratgeber und wird gegen den Imperator aktiv. Atlan und seine Freunde haben nach dem Aufenthalt in der Plattform der "Vergessenen Positronik" die Suche nach dem "Stein der Weisen" aufgenommen, die gleichzeitig auch jene nach dem "ewigen Leben" zu sein scheint. Da Orbanaschol sich ebenfalls auf diese Suche begeben hat, kommt es zwischen dem Kristallprinzen und seinen Widersachern zum Wettrennen. Einen ersten Erfolg konnte Atlan für sich verbuchen: Auf dem Planeten Dargnis wurde der Barbar Ra "entführt", ehe dieser an Orbanaschol ausgeliefert werden konnte. Ra berichtete von der Begegnung mit der "Goldenen Göttin" Ischtar auf seiner primitiven Heimatwelt - von einer noch rätselhaften Frau aus dem Volk der Varganen. Die Koordinaten des geheimnisvollen "Dreißig-Planeten-Walls" sowie der Hinweis, dort nach dem Weisen Dovreen zu fragen, legen Atlans nächstes Ziel fest. Doch dieses erweist sich als Ring des Schreckens ... Enthaltene ATLAN-Heftromane Heft 152: "Der Ring des Schreckens" von H.G. Ewers Heft 154: "Der Mann des Feuers" von Clark Darlton Heft 156: "Zonen des Schweigens" von H.G. Ewers Heft 158: "Der Sklavenmarkt" von Peter Terrid Heft 160: "Feldzug der Seelenlosen" von Dirk Hess

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Seitenzahl: 661

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Nr. 22

Ring des Schreckens

Vorwort

Der Arkonide Atlan ist als Kristallprinz zwar der legitime Nachfolger des ermordeten Imperators Gonozal VII., wird aber verfolgt und ist zum Leben im Untergrund gezwungen. Atlans Vater wurde nämlich ein Opfer seines Halbbruders Orbanaschol und dessen Helfern. Ziel des Kristallprinzen ist nun, das ihm zustehende Erbe anzutreten und den Tyrannen vom Kristallthron zu stürzen.

Atlan und seinen Freunden gelang es, auf der Welt Kraumon eine Basis zu schaffen. Von hier aus beginnt er seinen Kampf gegen Orbanaschol III. Dem Herrscher des Tai Ark’Tussan, des Großen Imperiums der Arkoniden, steht die Macht des Zehntausende Welten umfassenden Reiches ebenso zur Verfügung wie ein gnadenloser Geheimdienst sowie die »Bluthunde« der Kralasenen-Truppe des Blinden Sofgart.

Mittlerweile stießen Atlan und seine Freunde auf die »Vergessene Positronik«, die im Zusammenhang mit dem »Stein der Weisen« steht. Bei dem sich zwischen dem Kristallprinzen und seinen Widersachern abzeichnenden Wettrennen – auch Sofgart und Orbanaschol haben sich auf die Suche begeben – konnte Atlan einen ersten Erfolg für sich verbuchen: Auf dem Planeten Dargnis wurde der Barbar Ra »entführt«, ehe dieser an Orbanaschol ausgeliefert werden konnte. Anscheinend ist die Suche nach dem Stein der Weisen auch jene nach dem ewigen Leben.

Ra berichtete von der Begegnung mit der »Goldenen Göttin« Ischtar auf seiner primitiven Heimatwelt – von einer noch rätselhaften Frau aus dem Volk der Varganen. Offensichtlich haben die Varganen viele Spuren hinterlassen, die letztlich zum Stein der Weisen führen sollen, unter anderem in Gestalt der »Vergessenen Positronik«. Die Koordinaten des geheimnisvollen »Dreißig-Planeten-Walls« sowie der Hinweis, dort nach dem Weisen Dovreen zu fragen, legen Atlans nächstes Ziel fest. Doch diese Region des Kosmos erweist sich als Ring des Schreckens …

Mit dem Dreißig-Planeten-Wall erreichte der junge Kristallprinz einen überaus faszinierenden Schauplatz, der in seinem späteren Leben in der Zeit als Gestrandeter auf Larsaf III wie auch danach als Lordadmiral der USO unter dem Stichwort Miracle eine wichtige Rolle spielen sollte und nur langsam seine Geheimnisse offenbarte. Einige der späteren Erlebnisse wurden schon kurz im dreizehnten Buch dieser Blaubandreihe angerissen, dem letzten der Zeitabenteuer von Hans Kneifel mit dem Titel Die letzten Masken. Im 22. Buch erfahren wir nun die »Vorgeschichte«, die rund zehntausend Jahre vor diesen Abenteuern auf Miracle spielt.

Um aus fünf Einzelheften, die erstmals im Zyklus ATLAN-exklusiv – Der Held von Arkon in den Jahren 1973 bis 1977 veröffentlicht wurden, einen geschlossenen Roman zu machen, der dennoch dem ursprünglichen Flair möglichst nahe kommen soll, werden die Bücher mit den Abenteuern aus der Jugendzeit Atlans von mir bearbeitet.

Folgende Hefte flossen ungeachtet der notwendigen und möglichst sanften Eingriffe, Korrekturen, Kürzungen und Ergänzungen ein: Band 152 Der Ring des Schreckens von H. G. Ewers, Band 154 Der Mann des Feuers von Clark Darlton, Band 156 Zonen des Schweigens von H. G. Ewers, Band 158 Der Sklavenmarkt von Peter Terrid sowie Band 160 Feldzug der Seelenlosen von Dirk Hess.

Wie stets auch der Dank an die Helfer im Hintergrund: Michael Beck, Andreas Boegner, Kurt Kobler, Heiko Langhans, Michael Thiesen – sowie Sabine Kropp und Klaus N. Frick.

Viel Spaß – ad astra!

Prolog

1155. positronische Notierung, eingespeist im Rafferkodeschlüssel der wahren Imperatoren. Die vor dem Zugriff Unbefugter schützende Hochenergie-Explosivlöschung ist aktiviert. Fartuloon, Pflegevater und Vertrauter des rechtmäßigen Gos’athor des Tai Ark’Tussan. Notiert am 2. Prago des Eyilon im Jahre 10.498 da Ark.

Bericht des Wissenden. Es wird kundgegeben: Endlich sind sämtliche Vorbereitungen zur Zufriedenheit aller abgeschlossen! Für den morgigen Prago nach Arkon-Zeitmaß ist der Start der vollständig reparierten und überholten KARRETON angesetzt; derzeit laufen die letzten Abschlussprüfungen.

Der 500 Meter durchmessende Forschungskreuzer ist weitgehend automatisiert und bedarf keiner so großen Stammbesatzung wie ein arkonidischer Schlachtkreuzer von gleicher Größe, die einschließlich jener für die Beiboote normalerweise neunhundert beträgt. Wir gehen davon aus, dass 180 Personen für einen Dreischichtbetrieb inklusive der Bemannung der drei Sechzig-Meter-Kugelraumer sowie einer ganzen Reihe weiterer kleinerer Beiboote völlig ausreichend sein werden. Je nach Bedarf können zusätzliche Besatzungsmitglieder an Bord kommen.

Mit der KARRETON steht uns nach der Reparatur und Überholung ein Schiff zur Verfügung, das einer Expedition wie der unseren sehr entgegenkommt. Endlich hat die Zeit quälender Ungeduld ein Ende, die vor allem Atlan mitunter zu einem fast unerträglichen Geschöpf hat werden lassen – nichts hasst der Junge mehr als Untätigkeit und Warten. Ich verstehe ihn nur zu gut, trotz oder wegen der mir durchaus zu eigenen »Abgeklärtheit des Alters«. Bevor wir also zu dem Flug ins Ungewisse starten, dessen Ziel der geheimnisvolle »Dreißig-Planeten-Wall« im Randbereich des galaktischen Zentrums ist, nutze ich die Gelegenheit dieser Notierung, um die Ereignisse nochmals zu rekapitulieren und meine Gedanken zu ordnen.

Unsere Expedition wird keineswegs einfach sein, denn unabhängigdavon, was wir am Ziel genau vorfinden werden, ist schon der Flug an sich alles andere als einfach: Selbst bei exakter Kenntnis der von mir umgerechneten und ermittelten Koordinaten bleibt jeder Vorstoß ins Galaktische Zentrum ein unkalkulierbares Unternehmen; dicht stehende Sonnen, brodelnde Materie, tobende Hyperstürme, Transitionen nur über kürzeste Strecken – dorthin kann man sich nur mit einem leistungsfähigen Raumschiff wagen! Seit jeher gilt der Bereich des galaktischen Zentrums zu Recht als gefahrvoller Sektor, in welchem schon Tausende Raumer aller Zivilisationen verschollen sind, meist wohl für immer, denn jede Transition könnte die letzte sein.

Nach dem Eintreffen zweier weiterer Mitstreitergruppen auf Kraumon hat sich unsere Gesamtzahl auf rund zweitausend erhöht. In etlichen Kilometern Entfernung vom Stützpunkt »Gonozal-Mitte« schreitet der Ausbau des deutlich größeren Landefeldes voran. Während hier alles nach Plan verläuft, dürfte die Zeit unserer Vorbereitungen Orbanaschol unter Umständen weiteren Vorsprung beschert haben.

Er hat die Suche nach dem Stein der Weisen inzwischen natürlich fortgesetzt und weiß spätestens seit unserer Aktion auf Dargnis, dass sich der gesuchte Kristallprinz an seine Fersen geheftet hat und ebenfalls versucht, das begehrte »Kleinod« zu erlangen: Der Stein der Weisen, Erbe eines uralten Volkes, soll dem, der ihn in seinen Besitz bringt, Glück und Macht bescheren. Die Zahl der Legenden und Erzählungen, die sich um ihn ranken, wird wohl nur von jenen übertroffen, die sich auf die Unsterblichkeit beziehen. Nach Ras Bericht über die »Goldene Göttin« Ischtar gehen wir davon aus, dass es Berührungspunkte oder gar Überschneidungen zwischen beiden Themen gibt.

Auf die Spur des Barbaren kamen wir durch einen Hyperfunkspruch, in dem Grahn Tionte, Kommandant des Forschungskreuzers KARRETON, angewiesen wurde, das Slohraeder-System anzufliegen. Tionte sollte sich bei Kur Zammont melden, dem arkonidischen Sektorenstatthalter, und von ihm einen »geheimnisvollen Fremden« in Empfang nehmen. Dieser schien für Orbanaschol sehr wichtig zu sein, denn der Einsatzbefehl kam über das Flottenzentralkommando direkt vom Imperator.

Da wir auch die Ursprungsnachricht von Kur Zammont empfangen hatten, waren wir in der Lage, den Hintergrund einzuordnen. Demnach hatte ein Schatzsucher den Fremden angeblich auf dem dritten Planeten einer gelben Sonne eingefangen, die sich in einem Seitenarmder Öden Insel befindet. Anschließend brachte er ihn zu einem der »halboffiziellen« Sklavenmärkte des Imperiums. Kur Zammont befand sich zu dieser Zeit dort, kaufte den Fremden und nahm ihn mit nach Dargnis.

Weil im Zusammenhang mit diesem Fremden vom Stein der Weisen die Rede war, fühlte sich Zammont veranlasst, einen Bericht an Orbanaschol zu schicken – es gibt eine Dienstanweisung an alle Tatos und Kurii, diesbezügliche Hinweise sofort weiterzuleiten! –, und dieser veranlasste, dass die KARRETON ausgeschickt wurde, um den Fremden abzuholen und nach Arkon zu bringen.

Die Ereignisse auf Dargnis zeigten, dass der Kur inzwischen selbst das Geheimnis ergründen und der Spur folgen wollte; Zammont versuchte den Barbaren herabzuwürdigen, wollte ihn zweifellos selbst behalten. Mit keinem Wort ging er uns gegenüber auf den Stein der Weisen ein, obwohl das Ausgangspunkt für Orbanaschols Interesse an Ra gewesen war. Selbst vor dem Versuch, Ra auf seine Schatzinsel Forghan »in Sicherheit« zu bringen, schreckte er nicht zurück. Nun ja, es gelang uns, Dargnis mit dem Barbaren zu verlassen.

Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass mich dieser Kerl über kurz oder lang zur Weißglut treibt. Von seinem Bericht über Ischtar abgesehen spricht er weiterhin kein Wort, gebärdet sich als primitiver Wilder, ist aber ohne Zweifel intelligenter als mancher Arkonide und lacht sich zweifellos ins Fäustchen, wenn er mal wieder Erstaunen, Widerwillen oder gar Ekel hervorruft. Die Untersuchungen erbrachten widersprüchliche Ergebnisse. Körperlich ist der Bursche einerseits in Bestform, andererseits zeigt er die »Abnutzungserscheinungen«, wie sie für ein Leben unter Primitivbedingungen typisch sind.

Die Individualtasteranalyse hat eindeutig belegt, dass ihm immense Wissensmengen vermittelt wurden, und er kann diese Informationen sachgerecht anwenden. Einige sonderbare Spitzen in den Diagrammen zeigen, dass die Schulung nicht oder nur zum Teil auf einem arkonidischen Hypnoprogramm basiert. Hinzu kommen geringe, aber deutlich über dem Durchschnitt liegende Emissionen, die in den extrem hochfrequenten Hyperbereich hineinreichen. Insgesamt also Werte, die das Geheimnis dieses Barbaren eher vergrößerten.

Ras Erzählung über die Varganin Ischtar, der er auf seiner Heimatwelt begegnete, offenbarte nur einen ersten Teil, lieferte allerdings einen Hinweis darauf, was Ra für Orbanaschol wie auch für Kur Zammont so interessant machte. Sie sind offensichtlich, sofern er auf der Sklavenwelt oder auf Dargnis verhört wurde oder seine Geschichte freiwillig erzählte, hinter dem ewigen Leben her. Möglich, dass sie vieles falsch gedeutet haben, aber in diese Richtung scheint es zu gehen. Nachfolgend die aus Ras Bericht stammenden Aussagen und Stichwörter:

»Seit Äonen durchquere ich die Galaxien«, sagte Ischtar zu Ra. »Verstehst du nun, weshalb ich einsam bin? Ich bin eine der letzten lebenden Varganen, als deren letzte Königin man mich einst bezeichnet hat. Sie sind alle verschwunden oder tot. Der letzte, dem ich begegnete, schenkte mir den Himmelsstier. Ich sah sein Raumschiff niemals wieder …«

Sie erwähnte weiterhin den Planeten Tabraczon, die Insel mit ihrer Station, die subplanetarische Fabrik, in der aus Plasma riesenhafte Tierwesen hergestellt werden konnten. Weitere Namen und Begriffe waren Mamrohn, Vargo, Kreton, die Welt Dopmorg sowie der Wall der dreißig Planeten. Von besonderer Bedeutung schien für die Frau eine »Silberkugel« zu sein, zu der sie sagte:

»Ein altes Geheimnis meines Volkes. Nicht einmal ich kenne die ganze Geschichte. Ich brauchte sehr lange Zeit, um ein wenig über die Kugel zu erfahren. Ich weiß nur so viel, dass sie das Bindeglied zu den verschollenen Varganen darstellt. Es wird mir bei der endlosen Suche helfen.«

Ra gegenüber erwähnte Ischtar den Stein der Weisen zwar nicht, aber das dürfte eine Information gewesen sein, die von Kur Zammont »hinzugefügt« wurde – die Sammlung seiner Schatzinsel zeigte, dass der Sektorenstatthalter sich intensiv mit galaktischen Legenden und uralten Artefakten beschäftigt und dadurch die Verknüpfung zwischen dem Stein der Weisen, den Varganen und ihren Hinterlassenschaften sowie dem Dreißig-Planeten-Wall herstellen konnte. Zammonts Interesse an Ra belegte, dass er weitergehende Informationen gehabt haben muss. Orbanaschol wiederum hat nach Zammonts Benachrichtigung auf Mervgon selbst nachforschen lassen; zweifellos auch bei diesem Sklavenhändler Oprann, den der Kur erwähnt hat. Wie ich den Dicken kenne, würde er niemals nur auf die Nachricht eines Kur reagieren.

Wann genau Orbanaschol erstmals auf eine konkrete Spur des Steins der Weisen stieß, konnten wir bislang nicht ermitteln. Fest steht allerdings, dass die Suche seit mindestens einem halben Arkonjahr vorangetrieben wird. Einer der ersten Etappenpunkte war hierbei die »Vergessene Positronik«, die, wie wir inzwischen wissen, zu Recht als ein Schlüssel anzusehen ist – ein auch als »Vergessene Plattform« umschriebenes Objekt, über das unter den Raumfahrern des Großen Imperiums zahllose Gerüchte kursieren.

Es heißt, dass es das Überbleibsel eines kosmischen Urvolks sei, das angeblich ausstarb, ehe sich die Vorfahren der Arkoniden das Feuer untertan machten. Seitdem treibe das quaderförmige Gebilde ruhelos durch den Raum, erscheine unvermittelt in diesem, dann in jenem Stellarsektor und bringe Tod und Verbrechen über jene, die ihm begegnen; die meisten fürchten es mehr als alle Dunkelsonnen, Hyperstürme und Antimateriekometen zusammen.

Die Vergessene Positronik wurde in den Votanii Messon und Tedar 10.497 da Ark im von den Leuchtsternen Mhalloy, 12-LOKORN und 39-KARRATT sowie der Sogmanton-Barriere markierten Raumbereich dreimal gesichtet. Zwei weitere Begegnungen mit Raumern der Arkonflotte fanden am 30. Prago des Ansoor in nur 670 Lichtjahren Distanz zur Sogmanton-Barriere sowie am 12. Prago der Prikur statt, diesmal etwa auf halber Strecke zwischen Tsopan und Kraumon.

Die Vermutung, das Ding bewege sich direkt auf uns zu, war nicht so unwahrscheinlich, wie es im ersten Augenblick vielleicht klingen mochte. Immerhin war ich selbst es, der am 14. Prago des Tedar hier auf Kraumon eine kurzfristige Schockwelle erzeugte, um Atlan und die »Geister« zu retten, deren hyperenergetische Spezifika dem Zusammenbrechen eines geschlossenen Feldsystems eines Ferm-Taàrk ähnelten, aufgrund der multifrequenten Emission jedoch auch eine ganze Reihe unbekannter und nicht beobachteter Nebeneffekte gehabt haben dürften.

Die Vergessene Positronik reagierte darauf wie Eisen auf einen Magneten – und so nutzten wir am 25. Prago der Prikur das plötzliche, aber keineswegs unerwartete Auftauchen, um die Plattform zu untersuchen. Bedauerlicherweise mussten Atlan und ich erfahren, dass Orbanaschol schon vor uns dort war und möglicherweise ebenfalls einen Hinweis auf jenen geschützten und versteckten Ort erhalten hat, an dem sich der Stein der Weisen befinden soll.

Der Imperator hatte zwischen Anfang und Mitte des Tedar die Kristallwelt mit unbekanntem Ziel verlassen. Das passte zur Aussage des Leibgardisten Tarmagh, dass er seit dem 16. Prago des Tedar an Bordder Plattform gewesen sei, wie auch zur Ankunft des Blinden Sofgart am 23. Prago des Tedar auf Trumschvaar. Eine Befragung von Atlans Freundin Farnathia, die sich damals an Bord von Sofgarts CELIS befand, ergab, dass sie an dem genannten Datum in der Tat ein schon fast vergessenes Erlebnis hatte, das dem paramechanischen Raunen vergleichbar war, welches wir beim Erscheinen der Vergessenen Positronik beobachtet haben.

Nach den bislang vorliegenden Informationen müssen wir davon ausgehen, dass der Dreißig-Planeten-Wall zwar eine wichtige Rolle bei der Suche nach dem Stein der Weisen spielt, aber keineswegs das endgültige Ziel ist, sondern nur eine Zwischenstation. Ob und wenn ja auf welchem Weg inzwischen Orbanaschol oder Sofgart ebenfalls dorthin vorgedrungen sind, ist derzeit ungewiss. Orbanaschol konnte zwar wie wir die Vergessene Positronik wieder verlassen und unsere Mittelsmänner und Vertrauten haben von erhöhten Aktivitäten berichtet, ohne Einzelheiten herauszufinden, aber es bleibt abzuwarten, welche Informationen genau unserem Widersacher nun zur Verfügung stehen. Es könnte sein, dass er wie wir von Segmasnor die Koordinaten des Dreißig-Planeten-Walls erhielt, allerdings auch, dass die Prüfungen und Transmitterverbindungen der Vergessenen Positronik den Weg über weitere Zwischenstationen gewiesen haben.

Wie auch immer: Segmasnors Daten für den Bereich der zentralgalaktischen Sternenballung haben sich, wie von mir erwartet, als harter Brocken erwiesen. Ich musste tief in meine Trickkiste greifen. Zum Glück hatte er neben den eigentlichen Positionsdaten auch den Koordinatenursprung sowie einige zweifellos als Bezugspunkt dienende Vergleichswerte genannt. Dennoch wurde es schwierig und beanspruchte fast ebenso viel Zeit wie die Instandsetzung der KARRETON. Die eindeutige Bestimmung der Koordinaten ließ jemanden wie mich allerdings nicht verzweifeln – schließlich kann ich auf die alten calurischen Datenbanken zurückgreifen. Zu diesem Zweck suchte ich für einige Pragos einen meiner über die Öde Insel verstreuten Stützpunkte auf (es war nicht leicht, Atlan und den anderen klar zu machen, dass ich den Flug mit der GONOZAL wirklich allein machen wollte!) und nutzte die Gelegenheit zu weiteren Recherchen.

Persönlich hatte ich von dem Dreißig-Planeten-Wall noch nichts gehört, in den Speichern der calurischen Altdatenbestände wurde ich jedoch fündig. Dort waren bizarr anmutende Legenden und Erzählungen längst untergegangener Sternenvölker verzeichnet, die von einem solchen System aus dreißig auf einer gemeinsamen Umlaufbahn (!!) angeordneten Welten berichten. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Informationen als richtig erweisen; bis dahin schweige ich lieber.

Sollte es der Fall sein, haben wir es vermutlich mit einem künstlich geschaffenen System zu tun, das in dieser Form sogar Tiga Ranton, die drei Synchronwelten des Arkonsystems, in den Schatten stellt! Die Frage, wer als Erbauer eines solchen galaktischen Wunders in Frage kommt, wird sich wohl nicht so einfach beantworten lassen – neben den Varganen könnte es das Große Alte Volk ebenso gewesen sein wie viel ältere Zivilisationen, an die sich heute niemand mehr erinnert.

1.

Aus: Zahlen, Zenturien, Ziele und Zeugnisse – aus der Arbeit des Historischen Korps der USO, Chamiel Senethi, Sonthrax-Bonning-Verlagsgruppe, Lepso, 1310 Galaktikum-Normzeit (NGZ)

Schon Meeca Netreok schrieb sinngemäß in »Zahlen, Zenturien, Ziele und Zeugnisse« von 2391, dass bald innerhalb der 2115 gegründeten USO das Historische Korps ins Leben gerufen wurde. Zeitlich war dies, nachdem Atlan das frustrierende Amt des Imperators an den Nagel gehängt hatte. Mehr als zehn Jahrtausende persönlicher historischer Erfahrungen Atlans und die Begeisterung der Helfer und Spezialisten von Quinto-Center schufen ein riesiges Archiv und einzigartige Software, die selbständig aus Zahlen und Zeugnissen lebendige Geschichtsinterpretation erstellte. Es war ein offenes Geheimnis, dass sich Mitarbeiter aller Fachgebiete mit kindlicher Freizeit-Freude diesem Projekt widmeten. Im Bestreben, möglichst lange Zeiträume vor allem der terranischen Zivilisation zweifelsfrei zu dokumentieren, war der Lordadmiral der USO häufig bis zur Schmerzgrenze kooperativ.

Seit Atlans erstem Bericht über Atlantis an Bord der DRUSUS wurde insbesondere vom Historischen Korps eine große Zahl weiterer solcher spontanen Erzählungen aufgezeichnet. Angepasst an den jeweiligen Zuhörerkreis und die Situation, die den Erinnerungsschub hervorrief, unterscheiden sich jedoch selbst Berichte zum gleichen Thema mitunter deutlich voneinander – sei es, weil Atlan auf die Erwähnung durchaus vorhandener Querverweise verzichtete, sei es, weil die schon an anderer Stelle angesprochenen »Blockierungen« wirksam wurden. Zwangsläufig mussten diese Dokumentationen deshalb unvollständig und zeitlich schwer einzuordnen bleiben und waren bestenfalls nur Mosaiksteinchen eines sehr viel größeren, komplexeren Bildes.

Neben diesen Einzelberichten existieren mehrere Sammlungen, die zum Teil als zusammenhängende Berichtfolge entstanden. Bei einer handelt es sich beispielsweise um die Speicherkopie des 2048 von Atlans Lehrmeister Fartuloon erstellten OMIRGOS-Kristalls. Er befreiteAtlan vom Druck der Erinnerungen, genau wie er es kurz vor seinem rätselhaften Verschwinden in Atlans Jugend tat, um ihn »Dinge vergessen oder in einem anderen Licht sehen zu lassen«.

Eine zweite Sammlung, die in erster Linie auf die Jugendzeit des Arkoniden einging, entstand ab März 2844 und floss 2845 in Auszügen in die »Zahlen, Zenturien, Ziele und Zeugnisse« Sean Nell Feyks ein; die dritte schließlich auf Gäa in der Provcon-Faust, veröffentlicht im Rahmen der ANNALEN DER MENSCHHEIT in den Jahren ab 3562 sowie in der von Professor Dr. Dr. Cyr Abaelard Aescunnar erstellten und 3565 herausgegebenen, in vielen Bereichen dennoch lückenhaften »Biographie Atlans«.

Aescunnar zitiert hierin Atlans Aussage, die er zu Beginn des kleinen Festes anlässlich des Endes der vor allem die Larsaf-Verbannungszeit betreffenden Berichte äußerte: »Zu Ihren, unseren, zu den ANNALEN DER MENSCHHEIT, Professor: Ich habe bis zum heutigen Tag, dem neunten März (3562), seit ich in der Katharsis nicht einmal selbst verstand, was ich redete, nicht bewusst die Unwahrheit gesagt. Aber: Fartuloons OMIRGOS-Kristall, die Befürchtung von ES, erkannt zu werden, unterschiedliche Zeitrechnungen nebeneinander, manipulierte Erinnerungen und Ähnlichkeiten und jene eigentümliche Parallelwelt, in der ich und Rico bis fast zur letzten Sekunde gefangen waren – ich weiß bis heute nicht, ob dies dem Wirken von Anti-ES entstammte –, mitunter werden auch Sie auf dem Voiceprinter und trotz der Überprüfung durch Ihre Sechstsemesterstudenten offensichtliche Fehler entdecken. Sorry. Ich konnte es nicht besser.«

Fest steht, dass der alte Arkonide über ein immenses Wissen verfügt und es viele Abschnitte seines Lebens gibt, auf die er mit deutlich größerer Zurückhaltung einging als auf andere. Neben den von ihm selbst genannten Gründen muss davon ausgegangen werden, dass er zu manchen seiner Erlebnisse schlicht und einfach nichts berichten wollte und sich teilweise sogar per »Notlüge« herausredete.

Gesichert ist, dass ihn die Langeweile beim Rückflug von der Großen Leere 1221 und 1222 NGZ veranlasste, mehr oder weniger intensiv an seinen »Memoiren« zu arbeiten. Leider verhinderten die Ereignisse nach der Rückkehr der BASIS zur Milchstraße, dass diese wunderbar erzählten Berichte einem breiten Publikum zugänglich wurden, denn nur wenige Kopien kamen in den Umlauf.

Bedauerlich vor allem deshalb, weil hier erstmals jene umfangreichen Erinnerungsabschnitte Berücksichtigung fanden, die intensiv auf die Abenteuer im so genannten Dreißig-Planeten-Wall eingingen, der auch »Ring des Schreckens/Wahnsinns«, »Kreis ohne Ende« oder später »Miracle-Ring« genannt wurde: angefangen vom ersten Besuch in seiner Jugend über die Jahrzehnte des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hin zu den abermaligen Besuchen in den Jahrhunderten der USO, in denen dann auch die wahre Natur und Herkunft dieses bemerkenswerten Wundersystems geklärt werden konnten …

An Bord der KARRETON: 11. Prago des Eyilon 10.498 da Ark

Das Schiff wurde heftig durchgeschüttelt, als es nach der Transition rematerialisierte – es war der 89. Sprung seit unserem Aufbruch von Kraumon gewesen. Alarmpfeifen setzten mit schrillem Missklang ein, und Morvoner Sprangk hieb mit der Faust auf die Schaltplatte, mit der der energetische Schutzschirm der KARRETON aktiviert wurde. Das Heulen verstummte Augenblicke später, zahlreiche Kontrollen wiesen jedoch weiterhin bedenklich stimmende Werte auf. Mehr als ein Fluch erklang. Tobende Hyperstürme hatten uns fast die ganze Zeit heimgesucht und mehrfach katastrophale Fehlsprünge verursacht, die langwierige Positionsbestimmungen erforderlich gemacht hatten.

Fast schien es, als wehre sich unser Ziel dagegen, von uns erreicht zu werden. Den von meinem Lehrmeister und Pflegevater bestimmten Koordinaten des Dreißig-Planeten-Walls kamen wir nur mühsam und in einem wilden Zickzackkurs näher. Auf dem Frontsektor der Panoramagalerie war statt des erwarteten Dreißig-Planeten-Walls ein grelles Gluten und Gleißen zu sehen, abgemildert durch die automatischen Filter, aber dennoch furchterregend anzusehen, obwohl es sich mehrere tausend Lichtjahre entfernt befand.

»Der eigentliche Zentrumskern beeinflusst zweifellos weiterhin unsere Transitionen«, sagte Fartuloon mit einem Seufzer. »Dort stehen im Umkreis von zehn Lichtjahren an die zwanzig Millionen Sonnen, ein regelrechter Sternklumpen, dessen Hohlräume von dichtem hocherhitztem Wasserstoff ausgefüllt sind. Hinzu kommen das zentralgalaktische Schwarze Loch und ein unglaubliches Chaos hyperphysikalischer Phänomene.«

»Positionsbestimmung ist angelaufen«, meldete Morvoner, an Bord der KARRETON der Erste Offizier unter meinem Kommando, ein harter, narbengesichtiger, kahlköpfiger Mann. Einst hatte der ehemalige Zweimondträger als Kommandant der 5. Raumlandebrigade des 94. Einsatzgeschwaders unter dem Oberbefehl von De-Keon’athor Sakál im Dienst meines Vaters gestanden, war dann jedoch für zwei Jahrzehnte zwischen den Dimensionen verschollen gewesen, bis wir ihn diesem Zustand hatten entreißen können.

Erneuter Fehlsprung, raunte mein Logiksektor. Überprüfe die Daten. Irgendwo könnte sich ein Fehler eingeschlichen haben.

»Wäre es möglich, dass die Berechnungen fehlerhaft sind?«, fragte ich mit Blick auf die ersten eingehenden Daten. Mehrere Dutzend Sonnen standen in einer Entfernung von bis zu einem zwölftel Lichtjahr, keine wies die Charakteristiken des gesuchten »Walls aus dreißig Planeten« auf.

Mein Pflegevater blickte mich nachdenklich an. Er hatte einen haarlosen Schädel, dafür einen schwarzen, gekräuselten Vollbart, war nur einen Meter fünfundsechzig groß und ziemlich korpulent. Was man auf den ersten Blick für Fett hielt, waren in Wirklichkeit jedoch Muskelstränge, die ihm ungewöhnliche Kräfte verliehen. Die gelben Augen verschwanden beinahe zwischen dicken Wülsten. »Überprüfen wir sie noch einmal.«

Wir schwangen uns aus unseren Kontursesseln und gingen zur Schaltwand der Bordpositronik. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Ra, der geheimnisvolle Barbar, mich beobachtete. Er war weiterhin überaus wortkarg. Aber er verfolgte alle Vorgänge an Bord mit großer Aufmerksamkeit und wachem Geist. Seit seinem Bericht wussten wir, dass er nur nicht reden wollte. Er war ein mittelgroßer Mann mit dunkelbrauner Haut, bis zum Nacken reichendem schwarzem Haar und kohlschwarzen Augen. Unter der Kombination zeichneten sich wahre Muskelpakete ab. Die Stirn war im Vergleich zu uns Arkoniden niedrig, das Kinn sprang wuchtig vor.

»Soll ich beschleunigen?«, fragte Morvoner.

»Nein, lass das Schiff treiben«, entschied ich.

Wir alle wussten natürlich, dass es im Bereich des galaktischen Zentrums – zu dem im weiteren Sinne ein Raumgebiet von rund 20.000 Lichtjahren Durchmesser innerhalb des innersten Spiralarms der Öden Insel gehörte – ungeheuer schwierig war, markante Orientierungsmerkmale zu finden, vor allem, da dieses Gebiet noch nicht kartografisch erfasst war. Aber es stellte die einzige Möglichkeit dar, unsere Position wenigstens annähernd zu bestimmen. Struktur und Kinematik unterschieden sich deutlich von den äußeren Bereichen unserer Sterneninsel; hier gab es keine Spiralstruktur mehr, die Sterndichte stieg steil nach innen an, während die Dichte des interstellaren Gases zunächst abfiel, zum Zentrum hin dann jedoch ebenfalls wieder stark anstieg.

Die Sternverteilung konnte annähernd durch ein abgeplattetes Rotationsellipsoid beschrieben werden, dessen Radius rund 8000 Lichtjahre betrug und eine rund 5000 Lichtjahre messende Halbachse senkrecht zur galaktischen Hauptebene aufwies, gleichzeitig aber auch eine schwache Balkenstruktur zeigte. Charakteristisch waren die hellen orangefarbenen und roten Riesensterne sowie planetarische Nebel; die Rotation war gleichsinnig zu der der galaktischen Scheibe, allerdings langsamer als die weiter außen befindliche Materie. Die Gesamtmasse entsprach der von etwa zehn Milliarden Hauptreihen-Normalsonnen, die Magnetfelder waren wesentlich stärker als im Bereich der äußeren Spiralarme.

Während Morvoner die einlaufenden Ortungsergebnisse auswertete, machten Fartuloon und ich uns daran, die Transitionsberechnungen zu überprüfen, indem wir die einzelnen Daten systematisch durchgingen und ihre komplexe Erarbeitung vom Bordrechner wiederholen ließen. Dieser zeitraubende Vorgang erforderte Geduld. Als wir nach rund zweieinhalb Tontas fertig waren, hatten wir keinen Fehler gefunden. Eigentlich hätte uns die Transition ans Ziel bringen müssen, das rein rechnerisch rund 7000 Lichtjahre von Kraumon entfernt war – sofern die Koordinaten stimmten.

»Es gibt zwei Möglichkeiten«, sagte Fartuloon. »Entweder stimmen die Ausgangsdaten nicht – oder die Transition wurde abermals massiv von außen beeinflusst.«

»Letzteres trifft zu«, warf Morvoner ein. »Die Orientierung war recht mühselig. Die letzte Transition hatte eine Abweichung von etwa siebenunddreißig Lichtjahren.«

»Das ist enorm«, sagte Corpkor, der neben Ra saß. Der ehemalige Kopfjäger und Tiermeister war ein Arkonide von untersetztem, muskulösem Körperbau. Sobald er sprach, verwandelten Brandnarben den unteren Teil seines Gesichtes in eine Grimasse.

»Stimmt.« Fartuloon nickte nachdenklich, auf seiner Glatze tanzten Lichtreflexe. »Wir sind wohl durch einen Sektor gesprungen, der stark von den Hyperstrukturen des Zentrums beeinflusst wurde. Exakte Transitionen sind hier nicht möglich.«

»Korrigieren wir die Abweichung«, sagte ich.

Morvoner machte eine bestätigende Geste. Gemeinsam mit meinem Pflegevater gingen wir an die Arbeit und programmierten den KSOL-Bordrechner für den Korrektursprung. Anschließend nahm die KARRETON Fahrt auf und beschleunigte bis auf neunzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Ein neuer Ton mischte sich in das Grollen der Kraftwerksmeiler. Die Sprunggeneratoren des Strukturfeld-Konverters wurden aktiviert. Das Schiff – und wir mit ihm – verwandelte sich, vom Ferm-Taàrk aus seiner normalstofflichen Zustandsform transformiert, in eine Ballung hyperdimensionaler Energie, die augenblicklich bei den Zielkoordinaten in den Normalraum zurückkehrte und sich wieder in die alte stoffliche Erscheinungsform zurückverwandelte. Mit der Wiederverstofflichung kam der ziehende Rematerialisierungsschmerz. Einen Herzschlag lang wurde mir schwarz vor den Augen.

»Massetastung!«, rief Corpkor von den Ortungskontrollen her. »Masse einer gelben Sonne, Distanz: einundzwanzig Lichttontas. Sowie zahlreiche andere Massekonzentrationen … zehn … zwanzig … dreißig!«

An Backbord leuchtete eine große gelbe Sonne. Wir blickten uns in die Gesichter, ohne aus Corpkors Meldung einen voreiligen Schluss zu ziehen. Doch ich wusste, dass wir alle das Gleiche dachten. Das Ziel unserer Suche – der Dreißig-Planeten-Wall!

Ein Zwischenziel!, korrigierte mich der Logiksektor.

Das ist mir klar. Auch der Dreißig-Planeten-Wall konnte nur eine Etappe auf dem Weg zum Stein der Weisen sein, dem sowohl der Mörder Orbanaschol III. als auch ich nachjagten. Segmasnor hatte gesagt, wir sollten in den Dreißig-Planeten-Wall fliegen und dort nach dem Weisen Dovreen fragen. Offenbar wusste dieser geheimnisvolle Weise etwas mehr über den Stein der Weisen. Vermutlich würde er uns das nächste Zwischenziel nennen können – wenn er wollte. Und wenn wir ihn finden …!

»Keine Raumschiffe!« Ich trat zu Corpkors Pult und half ihm dabei, die Ergebnisse der Massetaster zu analysieren. Das Ergebnis ließ mein Herz höher schlagen. Die große gelbe Sonne wurde tatsächlich von dreißig Planeten umkreist. Die KARRETON war hoch oberhalb der Ekliptik materialisiert, Orter und Taster lieferten nun in rascher Folge ihre Ergebnisse. Die Entfernung aller dreißig Welten zum Zentralgestirn lag bei 151,36 Millionen Kilometern. Die Anordnung der Planeten auf dieser Bahn wurde schematisch auf Monitoren dargestellt; von einer Welt zur nächsten betrug die Distanz demnach jeweils etwa 15,85 Millionen Kilometer.

»Der Dreißig-Planeten-Wall!«, sagte Corpkor beinahe andächtig. »Dagegen verblasst sogar das arkonidische Synchronsystem.«

»Alle Planeten umlaufen auf einer gemeinsamen Bahn ihre Sonne«, sagte ich nachdenklich. »Außerdem haben sie in etwa die gleiche Masse. So etwas kann niemals auf natürlichem Wege entstanden sein.«

Mir lag eine weitere Bemerkung auf der Zunge, doch Fartuloons fast unmerkliches Kopfschütteln hielt mich zurück, sie auszusprechen. »Das ist richtig«, sagte er bedächtig. »Der Dreißig-Planeten-Wall ist zweifellos das Produkt einer weit überlegenen Technik.«

Damit lag der Vergleich zu Tiga Ranton nahe; wörtlich »Drei Welten«, war es die Umschreibung für Arkons Synchronsystem der Welten Arkon I bis III, die sich mit gleicher Geschwindigkeit auf derselben Umlaufbahn bewegten und als Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks angeordnet waren. Ich wusste, dass die Planeten in der Herrschaftszeit meines Vorfahren Imperator Gonozal III. künstlich in dieser Konstellation gruppiert worden waren. Nur Arkon III entsprach der ursprünglichen Zählung als dritter Planet des Arkonsystems. Für das Umgruppierungs- und Synchronprojekt wurden die benachbarten Planeten II und IV hinzugezogen. Nachfolgende Imperatoren hatten allerdings dafür gesorgt, dass dieses System als einmalig und natürlich entstanden angesehen wurde, um die außergewöhnliche Stellung des arkonidischen Volkes und seine Bevorzugung durch die Sternengötter propagandistisch hervorzukehren – nur wenige Informierte kannten heute noch die wahren Hintergründe.

Ich hatte den Eindruck, dass Fartuloon nicht alles sagte, was er wusste; seufzend wandte ich mich an Morvoner. »Flieg in das System hinein, wir müssen die Planeten genauer untersuchen.«

Es dauerte rund zwölf Tontas, bis die KARRETON die Ebene der Planetenbahn erreicht hatte. Während unseres Fluges vermittelten die Fernbildtaster einen imposanten Gesamtüberblick der dreißig Planeten, die einen Ring um die große gelbe Sonne bildeten. Sämtliche Messinstrumente arbeiteten und holten unablässig Daten über Daten herein. Die Fülle war so gewaltig, dass nur die Bordpositronik in der Lage war, sie innerhalb kurzer Zeit zu analysieren.

Als die Basisauswertung vorlag, bemächtigte sich aller Personen an Bord eine starke innere Spannung. Teilweise beobachtete ich sogar Nervosität und Furcht. Das wunderte mich nicht, auch wenn ich weder nervös war noch Furcht empfand. Alle Planeten hatten nicht nur annähernd gleiche Massen, sondern glichen einander ebenso hinsichtlich ihrer Größe, Oberflächenstruktur und atmosphärischen Zusammensetzung. Die Durchmesser schwankten zwischen rund 12.000 und 13.000 Kilometern, die Eigenrotationen lagen zwischen fünfzehn und zwanzig Tontas, keiner der Planeten hatte eine nennenswerte Achsneigung und somit auch kaum jahreszeitlich bedingte Klimaschwankungen. Nacheinander wurden insgesamt 45 meist sehr kleine Monde erfasst, die unter Umständen erst im Laufe der Zeit eingefangen worden waren.

Die Vermutung, dass das System von intelligenten Lebewesen erbaut worden war, wurde durch die eingehenden Informationen natürlich weiter erhärtet. Allerdings schienen die »Erbauer« des Dreißig-Planeten-Walls hier nicht mehr zu leben, denn Intelligenzen mit einer derart hoch entwickelten Technik hätten unserer Meinung nach Raumschifffahrt treiben müssen. Im gesamten System aber ließ sich mit unseren Ortungsgeräten kein einziger Raumer aufspüren. Das hieß allerdings auch, dass es keine arkonidischen Schiffe gab, mit denen Orbanaschol oder der Blinde Sofgart hierher gekommen waren. Bedeutete das, dass wir ihren Vorsprung aufgeholt und vor ihnen dieses Etappenziel erreicht hatten?

Die Besonderheit dieses Systems legte nahe, dass der Imperator selbst bei Erlangung weiterer Informationen für die Fortsetzung der Suche nach dem Stein der Weisen niemals darauf verzichtet hätte, eine ganze Flotte zur Erkundung des Dreißig-Planeten-Walls in Marsch zu setzen, um das System dem Großen Imperium einzuverleiben.

Das Fehlen einer solchen Flotte kann auch bedeuten, dass es Gefahren gibt, die sogar die Macht des Tai Ark’Tussan übersteigen!, flüsterte der Logiksektor eindringlich. Zu berücksichtigen ist auch, dass es vielleicht andere Wege gibt, den Dreißig-Planeten-Wall zu erreichen – denk an die Transmitter der Vergessenen Positronik!

Inzwischen lokalisierten unsere Energietaster auf sämtlichen Planeten starke Energiequellen, darunter auch solche des dimensional übergeordneten Bereichs. »Es gibt auf allen dreißig Planeten Kraftwerke«, sagte ich. »Folglich dürfen wir annehmen, dass es dort auch jemanden gibt, der die erzeugte Energie verbraucht, sofern es sich nicht um uralte Anlagen handelt, die nur noch robotgesteuert arbeiten.«

»Wir sollten lieber umkehren«, gab Morvoner zu bedenken. »Mit unserem Forschungsschiff können wir es niemals mit einer Zivilisation aufnehmen, die dreißig Welten auf eine gemeinsame Umlaufbahn befördert hat. Dreißig Planeten! Sie müssen aus vielen Lichtjahren Entfernung aus anderen Sonnensystemen hierher gebracht worden sein! Stellt euch das vor: ganze Planeten per Transition zu versetzen! Das ist Wahnsinn.«

»Wir bleiben!«, erwiderte Fartuloon ungestüm, ganz offensichtlich vom Entdeckungsfieber gepackt. »Wir wollen gegen niemanden kämpfen, sondern nur nach dem Weisen Dovreen fragen. Ich schlage vor, wir schicken Robotsonden aus, die alle Planeten genauestens erkunden. Mit etwas Glück haben wir Orbanaschols Vorsprung wettgemacht; das sollten wir ausnutzen, ehe wir hier von einer materialisierenden Arkonflotte überrascht werden!«

Ich nickte. »Das denke ich auch. Du hast mir aus der Seele gesprochen.«

Er grinste. »Du kennst mich ja, mein Junge, und du kennst meine Philosophie. Man soll Geheimnissen und Rätseln niemals aus dem Wege gehen, sondern sie entschlossen anpacken.«

»Dabei kann man sich aber leicht die Finger verbrennen«, wandte Morvoner beharrlich ein. »Kristallprinz, ich bleibe dabei, dass wir umkehren sollten. Wer weiß, welche Gefahren hier auf uns lauern. Bislang habe ich das mit dem Dreißig-Planeten-Wall für Übertreibung gehalten und mir etwas ganz anderes darunter vorgestellt … Aber das hier, Erhabener, das übersteigt unsere Möglichkeiten bei weitem!«

Ich blickte nachdenklich auf die Bilder, die die Fernbildtaster uns übermittelten. Mein Logiksektor meldete sich erneut und raunte mir zu, dass Morvoners Bedenken berechtigt waren und dass wir uns auf unbekannte Risikofaktoren einließen, wenn wir mit unseren eher unzureichenden Mitteln versuchten, das Geheimnis des Dreißig-Planeten-Walls zu lüften. Andererseits versetzte mich die Aussicht, möglicherweise vor der letzten Etappe zu stehen, die mich vom Stein der Weisen trennte, in starke Erregung. Ich gestand mir ein, dass ich ebenso von brennender Neugier gepackt war wie mein Pflegevater. Und Orbanaschol ist ebenfalls auf der Jagd nach dem Stein der Weisen. »Wir gehen so vor, wie Fartuloon es vorgeschlagen hat.«

Wir machten die Robotsonden einsatzklar und schickten sie los. Insgesamt waren es neunzig der kleinen elliptischen Raumflugkörper, die die KARRETON verließen. Jeweils drei von ihnen sollten sich einen der dreißig Planeten vornehmen, ihn dicht über der Lufthülle umkreisen und alle messtechnischen Eindrücke an uns übermitteln. Bevor es so weit war, mussten wir uns allerdings wieder gedulden, denn die Sonden waren nicht mit Überlichttriebwerken ausgestattet.

Wir überbrückten die Wartezeit, indem wir die Fernortungen vervollständigten und vor allem nach Funksignalen suchten. Zu unserem Erstaunen konnten wir kein einziges Signal auffangen, weder auf konventioneller elektromagnetischer noch auf hyperphysikalischer Basis.

»Das ist unheimlich«, sagte Morvoner beklommen. »Wie verständigen sich die Bewohner, wenn nicht mittels Funk?«

»Vielleicht sind sie paranormal begabt?«, warf Corpkor ein.

Ich sagte nichts dazu. Natürlich war es möglich, dass es sich bei den Bewohnern des Dreißig-Planeten-Walls um natürliche Telepathen handelte, die sich auf rein geistiger Ebene verständigten. Andererseits stellte sich dann die Frage, warum sich solche Lebewesen bisher niemals auf anderen Planeten der Galaxis bemerkbar gemacht hatten. Besaßen sie eine Mentalität, die sich grundlegend von der unseren unterschied? Oder lebten auf den dreißig Planeten nur noch wenige Vertreter der Spezies, die diese Welten einst zusammengestellt und bevölkert hatte? Das war ebenso nur eine Spekulation wie die anderen Mutmaßungen. Sie brachte uns nicht weiter. Wir mussten abwarten, welche Informationen die Robotsonden uns übermittelten.

Die Wartezeit stellte meine Geduld auf eine harte Probe. Die Versuchung, sofort mit einem Beiboot einen der dreißig Planeten anzufliegen, zu landen und selbst nachzusehen, war groß. Ich unterdrückte sie, weil ich wusste, dass nichts schädlicher war als überstürztes Handeln. Morvoners Bedenken folgend, würde die KARRETON selbst auf keinen Fall landen; der Forschungskreuzer sollte als Rückendeckung im All bleiben und sich bei Gefahr absetzen.

Schließlich gingen die ersten Daten ein. Auf den Monitoren sahen wir Bilder der Planeten, aus nächster Nähe aufgenommen und per Hyperfunk abgestrahlt. Die Bilder glichen einander verblüffend. Sie zeigten ausnahmslos die Oberflächen von Welten, die wir nur als paradiesisch bezeichnen konnten. Es gab große Kontinente mit reichhaltiger Flora von parkähnlichem Charakter. In den blaugrünen Meeren lagen zahlreiche grüne Inseln mit schimmernden weißen Sandstränden. Doch es schien weder Städte noch andere Ansiedlungen zu geben. Die angemessenen Energie-Emissionen bewiesen aber eindeutig, dass es unter der Oberfläche viele Kraftwerke gab, deren Ausstoß problemlos mehrere Megastädte einer hoch entwickelten Zivilisation hätte versorgen können.

Von allen Planeten wurden Bilder von großen pavillonähnlichen Gebäuden übermittelt. Alle dreißig Bauwerke befanden sich in der Mitte eines relativ kleinen Kontinents, jeweils am Ufer eines Sees. Gespannt warteten wir darauf, ob die Sonden uns die Bilder anderer Gebäude übermittelten. Doch die Umkreisungen wurden abgeschlossen, ohne dass auf den Monitoren weitere Bebauung zu sehen gewesen wäre. Auf jedem der dreißig Planeten schien es nur diesen einen weißen Pavillon zu geben. Weil es jedoch die subplanetarischen Emissionen gab, konnten hochwertige Tarn-, Deflektor- und Antiortungsmechanismen nicht ausgeschlossen werden – abgesehen davon, dass es viel mehr Zeit beansprucht hätte, von sämtlichen Planeten eine metergenaue Erfassung der gesamten Oberfläche zu erhalten. Fartuloon und ich sahen uns an. »Ich schlage vor«, sagte er bedächtig, »dass wir einen Planeten mit einem Beiboot anfliegen und möglichst unbemerkt in der Nähe des Pavillons landen.«

»Einverstanden.«

Er ging die Daten der Planeten durch, wählte schließlich einen nach nur ihm zugänglichen Kriterien aus und verkündete mit viel sagendem Lächeln: »Nennen wir ihn Frokan; es ist der Name eines schlafenden Riesen aus der Grindholm-Saga.«

Hoffentlich, durchfuhr es mich, ein gutes Omen.

Detailaufnahmen wurden eingeblendet. Der Pavillon hatte einen ungefähren Grundflächendurchmesser von sechshundert Metern und war rund zwanzig Meter hoch. Er lag zwischen einem lichten parkähnlichen Wald und dem Ufer des rund dreißig Kilometer langen Sees. Rein optisch machte das Gebäude einen luftigen Eindruck; schlanke Säulen reihten sich zu einer umlaufenden Arkade aneinander. Was sich im Inneren genau verbarg, hatte die Fernbeobachtung nicht ermitteln können; die Energiepeilung wies allerdings hyperenergetische Emissionen mit fremdartigen Signaturen nach, die aus dem Bauwerk selbst und seinen subplanetarischen Etagen kamen. Etliche Gebäudeteile unterstanden einer Kristallfeldintensivierung, bei anderen lieferten Masse- und Konturtaster nicht miteinander korrelierende Ergebnisse, was auf Tarn- und Verschleierungsmaßnahmen hindeutete. Es gab Hohlräume von beträchtlichen Ausmaßen, mehrfach wurden auch leichte Strukturschocks angemessen, wie sie beim Betrieb von Transmittern entstanden. Allerdings handelte es sich um Emissionen, die keinen uns bekannten Geräten entsprachen.

Ich sah Ra an. Der Barbar lächelte flüchtig und machte eine zustimmende Geste, beherrschte sich ansonsten aber großartig. Dennoch entging mir nicht das Funkeln in seinen Augen. Er brannte wie wir darauf, die dreißig Planeten zu erforschen und ihr Geheimnis zu entschleiern – überdies war er der Einzige von uns, der in Gestalt Ischtars schon einmal einem Varganen persönlich gegenübergestanden hatte und ihr Raumschiff kannte. Ich war mir sicher, dass er insgeheim hoffte, seiner Goldenen Göttin wieder zu begegnen. Dass wir keine Raumschiffe – schon gar nicht eins vom oktaedrischen »Doppelpyramidentyp« Ischtars – entdeckt hatten, war von Ra ohne Wimpernzucken registriert worden, obwohl er zweifellos enttäuscht war.

»Ich möchte noch einmal warnen«, sagte Morvoner. »Du bist zu wertvoll für das Imperium, ständig setzt du dich unberechenbaren Risiken aus und …«

»Deine Fürsorge ehrt dich«, erwiderte Fartuloon. »Aber inzwischen solltest du den Kristallprinzen kennen.«

Ich fügte hinzu: »Die Suche nach dem Stein der Weisen ist überdies etwas, das ich keinem anderen Mann überlassen darf.«

Wir trugen arkonidische Einsatzkombinationen – Transportanzüge der leichten, flugfähigen Ausfertigung, die mit zu Nackenwülsten zusammenrollbaren Folienhelmen und Aggregatgürteln mit integrierten Antigrav- und Individualfeldprojektoren ausgestattet waren. Ras Halfter war leer, während in meinem ein Kombistrahler steckte. Fartuloon hatte wie üblich nicht auf seinen langen Lederrock und den verbeulten Brustpanzer verzichtet, im breiten Gürtel steckten eine Strahlwaffe und das Skarg. Zu unserer Ausrüstung gehörten selbstverständlich die obligatorischen Kleinigkeiten wie Ersatzmagazine, Lampen, Medotaschen, Notrationen und dergleichen.

Als sich das Innenschott des Schleusenhangars vor uns öffnete, erblickten wir das Beiboot der YPTAR-Klasse. Es war ein raketenförmiger Raumflugkörper von dreißig Metern Länge und drei Metern Durchmesser, dessen Deltaflügel es erlaubten, ihn innerhalb einer Atmosphäre aerodynamisch zu steuern. Aus dem sich zur Spitze hin verjüngenden Bug ragte der Spirallauf einer starr eingebauten Impulskanone. Wir kletterten in die Steuerkanzel und setzten uns in die Kontursitze. Fartuloon übernahm den Platz des Funkers und Orters, während ich mich hinter die Kontrollen des Piloten setzte. Wir checkten das Beiboot sorgfältig durch, obwohl es selbstverständlich gründlich gewartet worden war, bevor die KARRETON Kraumon verlassen hatte. Während ich an den Abschied von Farnathia dachte, flog Morvoner die KARRETON dichter an Frokan heran. Er hatte Anweisung, nur im äußersten Notfall oder frühestens in fünf Pragos einzugreifen, und sollte stattdessen so viele Daten wie möglich über den Dreißig-Planeten-Wall sammeln. Sofern wir mit dem Weisen Dovreen keinen Erfolg hatten, half vielleicht eine intensive Auswertung der gespeicherten Informationen weiter.

Ganz abgesehen davon, dass das Wundersystem von dreißig Planeten an sich mehr als faszinierend ist. Schon kleine Hinweise auf die bei der »Konstruktion« verwendete Technologie könnten immense Auswirkungen auf die des Großen Imperiums haben.

Als wir die Überprüfung beendet hatten, rief mein Pflegevater Morvoner über Funk an. »Alles klar.«

»Die Abschussposition ist erreicht.«

Ich fuhr das leistungsfähige Kompakt-Kraftwerk hoch und beobachtete die Kontrollen. Zuerst baute die aus einem Speicher abgezogene Energie innerhalb der Reaktionskammer ein kugelförmiges Kraftfeld auf, da den Gluten einer Kernfusion kein bekanntes Material standhielt. Erst danach wurde hochkatalysiertes Deuterium in die Kammer eingespritzt, das von einem Laser »gezündet« wurde, nachdem der Druck in dem Kugelfeld hoch genug war. Ein dumpfes Donnern und Tosen wurde hörbar. Es kam nicht aus der Reaktionskammer, sondern aus dem Umformer, der die erzeugte Fusionsenergie umwandelte. Ein Teil der in der Kammer erzeugten Energie floss in anderer Form zurück und hielt das Kugelfeld aufrecht. Automatisch wurde die Speicherenergieversorgung unterbrochen. Der Fusionsprozess lieferte von da an die Energie zu seiner Bändigung selbst.

Die in den Impulstriebwerken eingesetzten Fusionsmeiler arbeiteten im so genannten Direktstrahlverfahren: Nach der Fusionszündung wurde das Plasma zum Thermalumformer geleitet und dann zum Impulskonverter; hier kam es zur mehrstufigen Verdichtung, Gleichrichtung sowie durch »Strukturumformung« zum eigentlichen Impulsstrahl, welcher dann durch die Felddüse austrat. Das hyperstrukturelle Kraftfeld der letzten Triebwerksstufe bestand aus projizierter Hyperenergie und nutzte die Gesetzmäßigkeiten des Hyperraums aus. Für das Impulstriebwerk hieß das, dass sonnenheißes Plasma und Hyperfeld für sich alleine keine Wirkung hatten. Sobald sie aber beim Kontakt in Wechselwirkung traten, entstand eine »labile Energieflusszone«, so dass als maßgeblicher Anteil des Impulsstrahls die Hyperenergie angesehen werden musste, die sich dem katalytisch wirkenden Plasma in Form von zusätzlicher Massenenergie anlagerte. Die automatisch aus dem Hyperraum abfließenden Energien, zu normaler Masse degeneriert, übernahmen somit die eigentliche Aufgabe der Schuberzeugung, so dass extrem hohe Beschleunigungen möglich wurden.

Mit einem Hebel, der weitgehend dem Steuerhebel eines Strahlflugzeugs glich, konnte ich das Impulstriebwerk beliebig verstellen. Es durfte innerhalb des Schleusenhangars noch nicht arbeiten, sonst würden seine Energien die »Eingeweide« der KARRETON zerreißen. Vor dem Bug glitt das Außenschott des Hangars auf. Zahllose Sterne in dicht gedrängten Formationen wurden sichtbar. Als das Schleusentor ganz geöffnet war, bauten sich um unser Beiboot die Prallfelder der Abstoßschleuder auf. Augenblicke später wurden wir auf der Magnetschiene nach vorn gerissen und in den Weltraum katapultiert. Erst jetzt fuhr ich das Impulstriebwerk aus der Drosselphase hoch. Gleichzeitig bewegte ich den Impulsknüppel, mit dem ich sowohl den Querschnitt des Düsenfelds als auch die Abstrahlrichtung verstellen konnte. Dadurch war eine einwandfreie Regelung von Geschwindigkeit und Flugrichtung gewährleistet.

Als ich mich nach einigen Millitontas umblickte, war von der KARRETON nichts mehr zu sehen. Ich wandte mich wieder nach vorn und suchte unser Ziel. Der Planet Frokan war einwandfrei zu erkennen; eine hell angestrahlte Kugel von tiefem Blau, das teilweise von blütenweißen Wolkenfeldern verdeckt wurde. Ich bewegte den Impulsknüppel, bis die Nase unseres Beibootes genau auf den Planeten wies, dann beschleunigte ich mit mittleren Werten. Der Planet wurde schnell größer. Bald musste ich die Beschleunigung beenden und per Kraftfeld-Schubumkehr abbremsen.

Fartuloon ermittelte die genaue Position des Pavillons, der sich auf der anderen Seite des Planeten befand, die der großen gelben Sonne zugewandt war. Eine richtige Nacht gab es für Frokan nicht, da die jeweils der Sonne abgewandte Hemisphäre von der Lichtflut des galaktischen Zentrums überschüttet wurde. Ich entschloss mich dazu, die eigentliche Landung auf aerodynamische Art zu vollziehen. Noch einmal gab ich vollen Gegenschub, dann tauchten wir in die Atmosphäre des Planeten ein. Als die Geschwindigkeit ausreichend abgesunken war, schaltete ich das Triebwerk aus. Das Beiboot segelte durch die Luft, während es an Höhe verlor.

Wir überflogen ein Gebirge und sahen vor uns eine weite Ebene, die einem riesigen Park glich. In der Ferne erblickte ich die silbrig schimmernde Oberfläche des Sees. Als ich auch den Pavillon erkannte, flogen wir nur noch in rund tausend Metern Höhe. Das Bauwerk stand auf der gegenüberliegenden Seite der lang gestreckten, zum Teil aber nur wenige hundert Meter breiten Wasserfläche, die eine ideale »Landebahn« bildete. Ra sagte etwas in seiner barbarischen Sprache. Ich blickte mich zu ihm um, weil ich vermutete, dass er einen harten Aufprall befürchtete. Aber stattdessen sah ich ihn breit grinsen. Er fand offenbar Gefallen an der Art und Weise, wie ich das Beiboot zu landen gedachte. Wenig später setzte das Beiboot sanft auf und glitt auf dem aktivierten Prallfeldpolster Richtung Ufer.

»Gut gemacht«, sagte Fartuloon anerkennend. »Du hast das Boot so leise herangebracht, dass unser zukünftiger Gastgeber nicht einmal erwacht ist.« Er deutete mit dem Arm an mir vorbei auf eine Liege, die zwischen dem Ufer und dem Pavillon stand. Erst jetzt sah ich, dass dort ein arkonoides Lebewesen lag. Es musste sehr fest schlafen, denn so ganz geräuschlos war unsere Ankunft dann doch nicht abgegangen.

»Wir werden ihm unsere Aufwartung machen«, sagte ich.

Zwischen den fremdartigen Bäumen und Sträuchern des Waldes nahmen wir Bewegungen wahr. Dort ästen Tiere, die etwas größer waren als arkonidische Parkrinder, allerdings erheblich schlanker. Manchmal hob eines den Kopf und blickte in unsere Richtung. Es sah jedoch nicht so aus, als hielten sie nach Gefahr Ausschau. Sie ästen so sorglos, als hätten sie keine natürlichen Feinde. Nach einer Weile machten wir auch andere Tiere aus. Es gab bunt gefiederte Vögel, die zwischen den Bäumen hin und her flogen, sowie kleine schwarz bepelzte Wesen mit langen Greifschwänzen, mit denen sie sich an den Ästen hielten. Alle ernährten sich, soweit wir das erkennen konnten, ausschließlich von Pflanzen und ihren Früchten. Sollte es auf Frokan keine Fleischfresser geben, war dieser Planet tatsächlich eine paradiesische Welt. Ich glaubte jedoch nicht daran. Mein Extrasinn meldete sich und mahnte zur Vorsicht. Ra grinste nicht mehr. Auch er schien zu spüren, dass über dieser paradiesisch anmutenden Landschaft eine unbestimmbare Drohung hing.

Als ich Fartuloon anblickte, verzog sich sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. »Die Schönheit dieser Welt ist nur eine Fassade. Ich spüre es deutlich, mein Junge.«

Ra machte eine bestätigende Geste. Mein Eindruck war ebenfalls, dass die optisch wahrnehmbare Umgebung nicht unbedingt das widerspiegelte, was »wirklich« vorhanden war. Eine ausreichend hoch entwickelte Technik, wie sie bei der Konstruktion eines aus dreißig Planeten bestehenden Kunstsystems vorausgesetzt werden musste, arbeitete unter Umständen sogar mit »materialisierten Trugbildern« und vergleichbaren Effekten, die Belebtes wie Unbelebtes überaus realistisch vorgaukelten und die wahre Natur überlagerten.

»Dennoch steigen wir aus«, sagte ich. »Vielleicht kann das Wesen auf der Liege uns sagen, wo wir den Weisen Dovreen finden.«

Fartuloon schlug gegen den Griff seines Dagorschwerts. »Gehen wir!«

Das Wesen hatte sich noch immer nicht gerührt. Entweder schlief es tatsächlich sehr fest oder es stellte sich schlafend. Als wir näher kamen, sah ich, dass der auf der Seite liegende Körper des Fremden dem eines Arkoniden ähnelte. Er war jedoch gedrungener und offenbar kräftiger. Und dann entdeckten wir etwas, das unseren Schritt stocken ließ: Der Fremde besaß sowohl vorn als auch am Hinterkopf ein Gesicht; beide glichen sich bis auf das kleinste erkennbare Detail. Wir sahen wohlgeformte Züge, scharfrückige Nasen, volle Lippen und graues, lockiges Haar, das bis zu den Schultern reichte.

»Er hat zwei Gesichter!«, flüsterte ich.

»Digetas, der Gott der Tür«, sagte Fartuloon. »Eine Gestalt aus dem Diindigetas-Mythos.«

»Was bedeutet das: Gott der Tür?«

Der Bauchaufschneider lächelte humorlos. »Digetas wacht an der Tür eines Tempels. Darum besitzt er ein Doppelgesicht, damit er gleichzeitig nach innen und nach außen sehen kann. Es gibt allerdings auch eine andere Auslegung des Diindigetas-Mythos; danach deuten die beiden Gesichter des Digetas auf die Zweiteilung seines Charakters in den guten und den bösen hin.«

»Wir gehen wohl am besten von dieser Deutung aus.«

Langsam gingen wir weiter. Als wir nur noch fünf Schritte von dem Fremden mit dem Digetaskopf entfernt waren, erwachte er. Er drehte sich und setzte sich auf. Ich sah, dass der Mann strahlend blaue Augen hatte, aus denen er uns aufmerksam, aber furchtlos musterte. »Arkoniden!«, sagte er in einwandfreiem Satron. »Was wollt ihr von Dovreen, dem Weisen?«

Fasziniert beobachtete ich das Wesen. Ich wollte schon fragen, woher der Mann wusste, dass wir den Weisen Dovreen suchten, als mir bewusst wurde, dass der Ton seiner Frage eigentlich den Schluss zuließ, dass er von sich in der dritten Person gesprochen hatte. Ist er selbst Dovreen?

Wahrscheinlich, bestätigte mein Extrasinn nach kurzem Zögern. Dann allerdings ein bemerkenswerter Zufall, Kristallprinz: Ausgerechnet auf jener von euch wahllos aus dreißig Planeten ausgesuchten Welt trefft ihr auf Anhieb die gesuchte Person? Sei vorsichtig! Die Ankunft der KARRETON wurde offensichtlich ebenso registriert wie euer Anflug; anders lässt sich die Anwesenheit des Doppelgesichtigen hier kaum erklären. Er muss euch erwartet haben! Und er kennt Arkoniden und ihre Sprache!

Ich grüßte nach der Sitte der Imperiumsflotte, indem ich die rechte Hand zur Faust ballte und auf die linke Brustseite legte. »Es ist richtig, wir suchen Dovreen, den Weisen. Seid Ihr dieser Mann, so erlaubt uns, Euch unsere Verehrung zu beweisen, indem wir Euch zuhören, weil …«

Der Fremde machte eine abwehrende Geste. Sein Gesicht wirkte plötzlich unmutig. In seinen Augen glaubte ich Verachtung zu lesen, als er aufstand. »Ich weiß genau, was ihr wollt! Ja, ich bin Dovreen, den man den Weisen nennt. Und ich weiß deshalb genau, was ihr wollt, weil alle nur aus einem Grund zu mir kommen.«

»Ich bitte um Vergebung«, erwiderte ich höflich. »Es stimmt, dass wir gekommen sind, um von Euch Informationen über den Stein der Weisen zu erhalten. Doch uns interessiert alles, was mit dem Dreißig-Planeten-Wall, seinen Erbauern und seinen derzeitigen Bewohnern zusammenhängt.«

Fartuloon, der langsam zur Seite getreten war, raunte mir zu: »Er bewegt beim Sprechen beide Lippenpaare. Beide Gesichter zeigen die gleichen Regungen.«

»Alles zu seiner Zeit. Niemand kann alles auf einmal haben. Das Universum ist für den Unkundigen voller Rätsel, für den Kundigen ist es ein einziges Rätsel.«

»Wenn es leicht durchschaubar wäre, wäre es ziemlich langweilig«, warf Fartuloon ein.

Dovreen hob die Schultern leicht an und ließ sie wieder sinken. Er hatte uns nur flüchtig gemustert. Weder die Kleidung meines Pflegevaters noch Ras Haltung schienen ihn zu beeindrucken. Er war offenbar ein Mann, der schon so vieles gesehen hatte, dass für ihn Äußerlichkeiten unwesentlich waren.

»Folgt mir!«, sagte er mit unüberhörbarer Autorität. Er wandte sich um und schritt auf den weißen Pavillon zu. Wir folgten ihm nach einem Augenblick des Zögerns.

Erneut erreichte mich ein warnender Impuls meines Extrasinns. Ich ignorierte ihn nicht, aber ich richtete mich auch nicht danach und dachte: Wie soll ich mehr über den Stein der Weisen erfahren, wenn ich vor jedem Risiko und vor jeder Gefahr zurückschrecke?

Dovreen trat zwischen die mannsdicken Säulen des Arkadengangs und blieb einen Schritt vor der fugenlosen Wand stehen. Im nächsten Moment löste sich ein Teil der schneeweißen Fläche auf. Eine torgroße Öffnung zu einem breiten Korridor bildete sich. Es sah aus wie Zauberei, war aber nur das Resultat eines komplizierten technischen Vorgangs. Dort drinnen könnte sich eine Falle befinden!, warnte mich der Logiksektor. Versuche, von Dovreen zu erfahren, was er euch zeigen will, bevor du eintrittst!

Ich wollte die Mahnung gern beherzigen, doch dazu war es zu spät. Der Weise trat durch die Öffnung und entschwand unvermittelt meinem Blick, weil alles, was sich innerhalb des Pavillons befand, von außen nicht zu sehen war. Ich sah nur den leeren Gang und bemerkte, dass Fartuloon die Rechte auf den Griff seines Skargs legte, und umfasste das Griffstück meines Kombistrahlers. Ra blickte mich forschend an. Er war offensichtlich beunruhigt. Dennoch blieb er nicht hinter uns zurück, sondern trat neben uns durch die Öffnung. Im nächsten Augenblick konnte ich Dovreen wieder sehen. Der Weise befand sich in der Mitte des relativ kurzen, aber breiten Korridors und ging zielstrebig weiter. Ich musterte die bleigrauen Wände, versuchte herauszufinden, ob sich hinter ihnen vielleicht Waffen oder Projektoren von Fesselfeldern verbargen. Sofern es solche Dinge gab, waren sie so gut getarnt, dass sie mit bloßem Auge nicht erkannt werden konnten. Uns blieb vorerst nichts anderes übrig, als dem Weisen Dovreen zu folgen. Es war ein eigentümliches Gefühl, eines seiner Gesichter zu sehen, obwohl er uns doch den Rücken zuwandte.

Als wir nach etwa hundert Schritten das Ende des Korridors immer noch nicht erreicht hatten, begriff ich, dass ich vorhin einer optischen Täuschung zum Opfer gefallen war, als ich ihn als relativ kurz einschätzte. Ra schauderte plötzlich. Auch ich spürte die Kälte, die hier unvermittelt herrschte. Werden die Temperaturen innerhalb des Gebäudes künstlich niedrig gehalten? Die optische Täuschung bewies, dass wir dem puren Augenschein nicht vertrauen durften. Es gibt Hyperemissionen und Transmitterstrukturschocks –vielleicht kommen sogar dimensionale Verzerrungen und ähnliche Phänomene zum Einsatz. Die Größe des Pavillons mahnt ebenfalls zur Vorsicht; hier könnte sich eine halbe Armee verbergen!

Dovreen ging noch rund hundert Schritte weiter, dann überzog sich die Abschlusswand mit einem fahlen Leuchten. Der Mund des rückwärtigen Gesichts Dovreens öffnete sich. »Kommt!« – und er trat in das Leuchten, wodurch er abermals aus unserem Blickfeld verschwand.

Mein Extrasinn meldete sich mit einem schmerzhaft starken Warnimpuls, und ein Blick Fartuloons bewies, dass auch mein Pflegevater die unheimliche Drohung spürte, die über allem lag. Doch wir waren so weit gekommen, dass ich nicht ohne Ergebnis umkehren wollte. Schließlich war Dovreen vorläufig unser einziger Anhaltspunkt auf dem Weg zum Stein der Weisen. Ich zog meinen TZU-4, der wahlweise im Thermostrahl-, Desintegrator- oder Paralysatormodus wirkte. »Gehen wir!«

Das fahle Leuchten rief überhaupt keine Empfindung hervor. Es war weder wärmer noch kälter als die Luft im Korridor, erzeugte weder Schmerz noch angenehme Gefühle. Vielleicht war es nur dazu bestimmt, ängstliche Gemüter zur Umkehr zu bewegen. Als ich das Licht durchschritten hatte, schob ich die Strahlwaffe schnell wieder ins Gürtelhalfter zurück. Dovreen hatte sie dennoch gesehen. Ich erkannte es an dem ironischen oder gar höhnischen Lächeln, das über sein rückwärtiges Gesicht huschte. Der Weise stand etwa zehn Schritte vor uns. Boden, Wände und die gewölbte Decke der großen Halle waren bleigrau. Ich hatte das Empfinden, als würden Wände und Decke zurückweichen und die Halle, in der es ebenfalls empfindlich kalt war, noch größer werden. Einrichtungsgegenstände konnte ich keine entdecken. Der – inzwischen? – mehr als zweihundert Meter durchmessende Saal war bis auf Dovreen und uns leer. Und doch nicht absolut leer, denn in seinem Mittelpunkt befand sich ein undefinierbarer schwarzer Fleck, dessen Form sich nicht bestimmen ließ. Manchmal wirkte er kugelförmig, dann nur als zweidimensionale Scheibe und im nächsten Augenblick wie eine Pforte zu einem imaginären Schattenreich.

Während mich Frösteln heimsuchte, lächelte Dovreens rückwärtiges Gesicht. Diesmal wirkte es hochmütig, als wähne er sich uns unendlich überlegen. Das ärgerte mich, denn wenn jemand mehr Wissen besaß als andere, war das noch lange kein Grund, verächtlich auf sie herabzusehen. Aus diesem Ärger heraus sagte ich: »Hier sind wir. Ich hoffe, Ihr habt uns nicht zum Spaß hierher geführt.«

Zorn blitzte in den Augen des Doppelgesichtigen auf, verschwand aber sofort wieder. »Du bist noch jung, deshalb trage ich dir deine Worte nicht nach. Ihr werdet noch feststellen, dass es kein Spaß ist, den Stein der Weisen zu suchen – und dass es für mich kein Spaß ist, ständig neuen Suchern den Anfang des Weges zu zeigen.«

»Waren schon Abgesandte von Imperator Orbanaschol hier?«, erkundigte sich Fartuloon.

Dovreens Gesicht wurde ausdruckslos. Er setzte sich in Bewegung und ging genau auf dieses undefinierbare schwarze Etwas im Mittelpunkt der Halle zu, ohne die Frage meines Pflegevaters zu beantworten. Ras Gesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse. Er gestikulierte heftig und sah mich dabei an. Ich begriff, dass er wissen wollte, ob er Dovreen niederschlagen solle. Ich antwortete mit einer verneinenden Geste. Wir durften uns nicht aus bloßem Zorn zu Tätlichkeiten hinreißen lassen. Vor dem undefinierbaren Etwas blieb Dovreen stehen, wartete, bis wir ihn eingeholt hatten, streckte die Hand aus und berührte die Schwärze, die sich von einem Augenblick zum anderen wandelte und eine transparente Energieblase formte, in der eine faustgroße silberfarbene Kugel schwebte.

Ra stieß einen Schrei aus, der maßlose Überraschung ausdrückte, dann erstarrte er. Sein Gesicht wurde ausdruckslos. Die Augen schienen in weite Ferne zu blicken und nahmen uns nicht mehr wahr. Ich erkannte, dass der Wilde in Trance war, wie es schon auf Kraumon geschehen war, als Ra Farnathia gegenüberstand und sie für Ischtar hielt. Kaum hörbar flüsterte er: »Die Silberkugel in der leuchtenden Wolke!«

Fartuloon und ich begriffen sofort, was er meinte: In seinem Bericht über Ischtars Raumschiff hatte er davon gesprochen, dass er in einem Raum eine offenbar gleichartige Silberkugel entdeckt hatte. Ischtar verhinderte, dass Ra sie berührte. Meine Gedanken rasten. Konnte es sein, dass der Dreißig-Planeten-Wall früher einmal von den Varganen besucht worden war? Ischtar hatte ihn zumindest erwähnt. Oder hatte dieses geheimnisvolle Volk ihn gar geschaffen? Dovreen musste mehr wissen als wir. »Was ist das?« Der Weise blickte mich mit starrem Lächeln an, antwortete jedoch nicht. »Warum schweigt Ihr? Wir sind gekommen, um Antworten auf unsere Fragen zu bekommen. Könnt Ihr uns sagen, wer das System des Dreißig-Planeten-Walls schuf und wie Ihr hierher gekommen seid?«

Dovreen schüttelte den Kopf und erwiderte: »Du wirst Antworten bekommen, wenn du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtigen Fragen stellst.« Er deutete auf die silbrig schimmernde Kugel. »Wenn du den Schlüssel zum Stein der Weisen suchst – das ist er!«

Sein Lächeln war eigentümlich, und sofort übermittelte mir mein Extrasinn einen so starken Warnimpuls, dass mir ein stechender Schmerz durchs Gehirn raste. »Ich glaube Euch nicht.« Ich wandte mich an meine Gefährten. »Lasst uns gehen.«

Ich war willens, meine Absicht unverzüglich in die Tat umzusetzen, denn eine derart starke Warnung meines Extrasinns zu überhören wäre unverantwortlich gewesen. Wahrscheinlich log Dovreen. Die Kugel strahlte Unheil aus, das spürte ich immer stärker. Aber als ich mich zum Gehen wenden wollte, konnte ich mich nicht mehr bewegen, und als ich Fartuloons Fluch und Ras zornigen Schrei vernahm, wusste ich, dass es meinen Gefährten nicht besser ging. Dovreen dagegen wurde nicht auf seinen Platz gebannt. Mit gleichmütigen Gesichtern wandte er sich um und ging davon.

»Die Kugel, Atlan!«, rief Fartuloon. »Sie dehnt sich aus. Wenn ich nur die Arme bewegen könnte, um mein Skarg zu ziehen!«

Ich sah ebenfalls, dass sich die Silberkugel allmählich ausdehnte. Gleichzeitig hatte ich das deutliche Gefühl, als würden wir im gleichen Maß schrumpfen, wie die Kugel anschwoll. Dovreen hat uns eine Falle gestellt!, durchfuhr es mich. Verzweifelt versuchte ich, mich zu bewegen, um mich entweder von der unheilvollen Kugel zu entfernen oder meine Waffezuziehen. Doch meine Anstrengungen waren vergebens. Ra schrie gellend, als uns die Kugelwandung berührte, aber er verstummte sofort wieder. Wir wurden von der Kugel gewissermaßen absorbiert. Der Vorgang war keineswegs mit Schmerzen verbunden, weder mit physischen noch psychischen, dennoch war mir, als würde ich von einem Ungeheuer verschlungen. Wenige Augenblicke später umgab uns wogender milchiger Nebel. Vielleicht wurden wir auch bewegt, von einer unbekannten Kraft durch die Schwaden gezogen. Wir hörten hysterisches Gelächter, Schluchzen und Schreie. Plötzlich konnten wir uns wieder bewegen. Doch das nützte uns nichts, denn wir konnten nirgends ein Ziel entdecken, zu dem vorzudringen sich gelohnt hätte. Es schien, als seien wir in einem Universum aus kaltem Nebel gefangen, in einem Universum, das vielleicht gar nicht mehr das uns vertraute war …

»Ich habe festen Boden unter den Füßen!«, rief Fartuloon. »Reicht mir eure Hände, damit wir uns nicht verlieren!«

Ra und ich griffen zu und packten jeder eine Hand meines Pflegevaters. Die Gefahr, dass wir uns in den treibenden Schwaden aus den Augen verloren und uns weit voneinander entfernten, bestand tatsächlich. Nur ab und zu konnte ich meine Gefährten voll sehen; meist wurden sie ganz oder teilweise meinem Blick entzogen. Ich ersparte mir, Fartuloon danach zu fragen, wo wir uns befanden. Er wusste es ebenso wenig wie ich. Erstaunlich war, dass Ra nicht in Panik geriet, denn jedem Barbaren musste das, was wir hier erlebten, unheimlich erscheinen. Allerdings hatte Ra ja durch Ischtar und später in seiner Sklavenzeit viele Erfahrungen mit technischen Vorgängen sammeln können, die für Unerfahrene ebenfalls unheimlich anmuten würden.

»Ich denke, es ist gleich, in welche Richtung wir uns wenden«, murmelte ich. »Sofern unser Nebelgefängnis nicht unendlich ist, müssten wir irgendwann seine Grenze erreichen.«

»Wenn die Naturwissenschaftler Recht haben, gibt es überhaupt nichts Unendliches«, erwiderte Fartuloon. »Auch unser Universum ist es nicht. Freilich besagt das nichts darüber, ob wir hier herausfinden. Vielleicht laufen wir im Kreis, während wir denken, geradeaus zu gehen.«