Perry Rhodan 23: Die Maahks (Silberband) - H. G. Ewers - E-Book

Perry Rhodan 23: Die Maahks (Silberband) E-Book

H.G. Ewers

4,0

Beschreibung

Zu Beginn des Jahres 2401 ist die Menschheit in einen Krieg verwickelt, der zwei Sterneninseln betrifft: die Milchstraße und Andromeda. Nachdem Perry Rhodan mit der CREST II in den Leerraum zwischen den Galaxien verschlagen worden ist, fühlen sich die mysteriösen Meister der Insel, die Herrscher über Andromeda, von der Menschheit angegriffen. Mit unerbittlicher Härte schlagen sie zurück - und setzen die uralte Technik der Sonnentransmitter ein: Mit diesen kann man in Nullzeit Hunderttausende von Lichtjahren zurücklegen. So materialisieren über dem Planeten Kahalo, einer Schaltstation des alten Transmitternetzes, Zigtausende feindlicher Raumschiffe und greifen die Terraner an. Eine Raumschlacht im Zentrum der Milchstraße beginnt. Aber auch die Menschen benutzen die Sonnentransmitter und stoßen ihrerseits in Richtung Andromeda vor. Im Leerraum wartet ein Gegner auf sie, mit dem nicht einmal Atlan gerechnet hat: die Maahks. Mit diesen "alten Feinden" führten die Arkoniden vor zehntausend Jahren einen fürchterlichen Krieg - und jetzt wird die Vergangenheit erneut wach. Um die Bedrohung abzuwehren, entwickeln die Terraner einen tollkühnen Plan ...

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Nr. 23

Die Maahks

Zu Beginn des Jahres 2401 ist die Menschheit in einen Krieg verwickelt, der zwei Sterneninseln betrifft: die Milchstraße und Andromeda. Nachdem Perry Rhodan mit der CREST II in den Leerraum zwischen den Galaxien verschlagen worden ist, fühlen sich die mysteriösen Meister der Insel, die Herrscher über Andromeda, von der Menschheit angegriffen. Mit unerbittlicher Härte schlagen sie zurück – und setzen die uralte Technik der Sonnentransmitter ein: Mit diesen kann man in Nullzeit Hunderttausende von Lichtjahren zurücklegen.

So materialisieren über dem Planeten Kahalo, einer Schaltstation des alten Transmitternetzes, Zigtausende feindlicher Raumschiffe und greifen die Terraner an. Eine Raumschlacht im Zentrum der Milchstraße beginnt. Aber auch die Menschen benutzen die Sonnentransmitter und stoßen ihrerseits in Richtung Andromeda vor.

Einleitung

Der Titel des vorliegenden 23. Bandes der PERRY RHODAN-Buchausgabe hätte durchaus auch lauten können: »Die Duplos« oder »Die 5. Kolonne«. Denn die tragische Geschichte jener fünf Terraner, die – dem Tode geweiht – in einen von vorneherein hoffnungslosen Einsatz geschickt werden, macht einen Großteil der Handlung aus.

Wider Erwarten kehren sie schließlich zurück. Doch es sind nur scheinbar dieselben fünf Männer, die tiefer ins Universum vordrangen als je ein anderer Mensch zuvor.

In diesem Buch wird die Rede von »Multiduplikatoren« sein, Maschinen einer noch unvorstellbar hochentwickelten Technik, die jedes Wesen bis in die kleinsten Bausteine hinein perfekt nachbilden können. Nur das Bewußtsein ist anders, ein fremder Wille ist den Kopien aufgepfropft.

Wären die Originalromane heute geschrieben worden, so hätten sich die Autoren möglicherweise einer anderen Technik zur Duplizierung von Leben bedient, die heute in aller Munde ist: dem Klonen. Natürlich, dies hätte Zeit gekostet, die die Gegner der Menschheit nicht haben, doch im Endeffekt wäre es auf dasselbe hinausgelaufen. Eine Art von künstlicher Schöpfung, militärischen Interessen gnadenlos untergeordnet (was den Genforschern hiermit keinesfalls unterstellt sein soll!).

Die Phantasie der Autoren ersann Multiduplikatoren, von denen in kommenden Büchern noch viel die Rede sein wird. Aber wieder einmal zeigen die vor rund 20 Jahren geschriebenen Romane erstaunliche Parallelen zu dem, was heute oder morgen bereits machbar erscheint – nur auf etwas anderem Wege.

Dieses Buch enthält – ungeachtet der vorgenommenen Kürzungen und Bearbeitungen – die Originalromane: Endstation des Grauens von H. G. Ewers; Gefahr aus der Vergangenheit von K. H. Scheer; Brennpunkt Twin von H. G. Ewers; Teleporter Achtung! von Kurt Mahr; Verschleppt nach Andro-Alpha von William Voltz; Die Doppelgänger von Andromeda von K. H. Scheer und Die Fünfte Kolonne von H. G. Ewers.

Mein Dank gilt wie immer in erster Linie Franz Dolenc für seine hervorragende Mitarbeit und natürlich den Lesern für ihre wertvollen Kritiken und Anregungen.

Zeittafel

1971 – Die STARDUST erreicht den Mond, und Perry Rhodan entdeckt den gestrandeten Forschungskreuzer der Arkoniden.

1972 – Aufbau der Dritten Macht und Einigung der Menschheit.

1976 – Perry Rhodan löst das galaktische Rätsel und entdeckt den Planeten Wanderer, wo seine Freunde und er von dem Geisteswesen ES die relative Unsterblichkeit erhalten.

1984 – Der Robotregent von Arkon versucht die Menschheit zu unterwerfen.

2040 – Das Solare Imperium ist entstanden. Der Arkonide Atlan taucht aus seiner Unterwasserkuppel im Atlantik auf. Die Druuf dringen aus ihrer Zeitebene in unser Universum vor.

2044 – Die Terraner verhelfen Atlan zu seinem Erbe.

2102 – Perry Rhodan entdeckt das Blaue System der Akonen.

2103 – Perry Rhodan erhält den Zellaktivator von ES.

2104 – Der Planet Mechanica wird entdeckt. Vernichtung des Robotregenten von Arkon.

2114 – Entdeckung der Hundertsonnenwelt und Bündnis mit den Posbi-Robotern.

2326 – ES verstreut 25 Zellaktivatoren in der Galaxis, und es kommt zur Invasion der Hornschrecken. Sie hinterlassen die Schreckwürmer und das geheimnisvolle Molkex.

2327 – Entdeckung des Zweiten Imperiums und der Blues. Die Suprahet-Gefahr kann gebannt werden. Kampf gegen die Blues.

2328 – Beendigung des Krieges durch Einsatz von Anti-Molkex-Bomben, Friedensvertrag zwischen den Imperien.

2329 – Perry Rhodan heiratet die Plophoserin Mory Abro.

2400 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda. Überlebenskampf der CREST II in den Fallensystemen Twin und Horror.

Prolog

Es begann mit dem überraschenden Auftauchen des Haluters Icho Tolot gerade zu der Zeit, als Perry Rhodan die Suche nach dem geheimnisvollen Planeten Kahalo mit aller Intensität vorantrieb. Tolots vage Hinweise führten die CREST II, Rhodans neues Flaggschiff, tiefer in das galaktische Zentrum hinein und zur Entdeckung des gigantischen Sonnentransmitters aus sechs blauen Riesensternen.

Von unheimlichen Kräften eingefangen, wurde die CREST 900.000 Lichtjahre tief in den Leerraum zwischen den Galaxien geschleudert. Das künstlich errichtete Twin-System, bestehend aus zwei gelben Sonnen und acht Planeten, erwies sich als eine einzige Falle für Fremde, die die Transmitterstraße nach Andromeda gegen den Willen der mysteriösen Erbauer benutzen. Auf der Suche nach der Justierungsstation des Twin-Sonnentransmitters, der einzigen Hoffnung auf Rückkehr in die Milchstraße, erhielt Perry Rhodan erste spärliche Hinweise auf diese Erbauer, die sich »Meister der Insel« nennen und offenbar die Andromedagalaxis beherrschen.

Mit welcher grausamen Kompromißlosigkeit die Unbekannten gegen Eindringlinge in ihren Einflußbereich vorgehen, davon erhielten die Terraner und ihre Verbündeten weitere Eindrücke, nachdem der »Wächter von Andromeda« in letzter Sekunde die bereits erfolgte Justierung des Twin-Transmitters veränderte und die CREST, statt in der Heimatgalaxis, in der ebenfalls künstlich angelegten Hohlwelt Horror herauskam – wie Twin 900.000 Lichtjahre tief im Leerraum. Nur mit der Kraft der Verzweiflung gelang schließlich das Entkommen aus dem in Etagen unterteilten Planeten. Doch auch die Erlebnisse dort erwiesen sich nur als ein Vorgeschmack dessen, was die Terraner an der Oberfläche erwartete. Von dem sogenannten Potentialverdichter, einer grausamen Waffe der »Meister«, auf das Tausendfache verkleinert und ohne nennenswerte Energie, schwanden die Hoffnungen der Gestrandeten fast zu einem Nichts.

In der Milchstraße blieb man inzwischen nicht untätig. Nachdem erste Klarheit über den wahrscheinlichen Verbleib der CREST II bestand, schickte Vizeadministrator Reginald Bull das Stufenraumschiff ANDROTEST durch den Sonnentransmitter ins Twin-System, von wo aus dessen Besatzung unter Oberst Pawel Kotranow den Spuren der CREST folgte. Kurz darauf wurde Kahalo entdeckt, und die ersten schwarzen Stabraumschiffe materialisierten in der Galaxis. Der Kampf um Kahalo konnte unter Verlusten für die Terraner entschieden werden. Der Ausgangspunkt der Transmitterstraße scheint damit in terranischer Hand zu sein.

Oberst Kotranow, dessen Zusammentreffen mit der Besatzung der CREST II noch vor Inkrafttreten des Potentialverdichters erfolgt war, wurde mit dem zweiten Schiff der ANDROTEST-Baureihe auf den Weg nach Horror geschickt, um Perry Rhodan Hilfe zu bringen. Niemand an der Führungsspitze des Solaren Imperiums konnte ahnen, welches Drama sich dort, fern der Galaxis, inzwischen ereignet hatte.

Alle Versuche Rhodans, der ins Gigantische gewachsenen Umgebung zu trotzen, waren mehr oder weniger fehlgeschlagen. Ungewißheit herrscht auch über die Natur und Herkunft jener riesigen fremden Raumfestung, die bereits einige Male über Horror erschienen ist.

Vor allem aber, so scheint es nun, ist der ANDROTEST II das gleiche Schicksal wie der CREST bestimmt, wenn es nicht gelingt, sie zu warnen, bevor sie in den Einflußbereich des Potentialverdichters gerät.

1.

Das lautlose Feuerwerk titanischer Energien schien weder Anfang noch Ende zu kennen.

Nicht immer war für menschliche Augen sichtbar, was unablässig zwischen den Sonnen der galaktozentrischen Sternenballungen hinüber- und herüberflutete gleich den Gezeiten eines irdischen Meeres. Nur dann, wenn sich die normalerweise unsichtbaren Strahlen an Materienebeln brachen, zuckten helle Blitze durch die scheinbare Leere, erstrahlte dort, wo eben noch Dunkelheit gewesen war, eine berauschend schöne Kaskade leuchtender Farben.

Und manchmal wurde das Licht gleich von einer ganzen Kette kugelförmiger Körper wie von riesigen Spiegeln zurückgeworfen.

Der große Frontbildschirm in der Zentrale des Raumschiffes veränderte seine Helligkeit im gleichen Takt wie das stumme Naturschauspiel.

Gegen die wechselnde Helligkeit hob sich die statuenhaft reglose Silhouette eines hochgewachsenen Mannes ab.

Solarmarschall Julian Tifflor hatte die Augenlider halb gesenkt, um nicht geblendet zu werden von der verschwenderischen Lichtfülle. Doch nicht das unvergleichlich schöne und zugleich bedrohlich wirkende Naturschauspiel war es, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Seine Blicke hingen unverwandt an der ungewöhnlichen Konstellation sechs blauer Riesensterne.

Das Ungewöhnliche daran konnten nur Eingeweihte mit bloßem Auge erfassen.

Oftmals bildeten die blauen Sonnenriesen offene oder geschlossene Sternhaufen.

Doch niemals ein genaues geometrisches Sechseck.

Bis auf eine Ausnahme: den galaktozentrischen Sechsecktransmitter eines in der Andromedagalaxis lebenden Volkes, das man »Meister der Insel« nannte.

»Unglaublich!« äußerte Tifflor.

Hinter ihm ertönte ein glucksendes Lachen.

»Was Sie nicht sagen! Unglaublich ...! Man sollte meinen, Sie hätten während Ihrer Tätigkeit bei der Flotte die Fähigkeit verloren, sich über etwas zu wundern.«

Julian Tifflor drehte sich um und blickte in die halb unter Fettpolstern verborgenen stechenden Augen eines hünenhaften, kahlköpfigen Zivilisten mit blaugeäderten Hängebacken. Professor Dr. Arno Kalup, der Konstrukteur des Lineartriebwerks, war für seine respektlosen Bemerkungen und Ausbrüche bekannt.

Tifflor lächelte spöttisch.

»Sie halten es wohl für selbstverständlich, daß jemand nicht nur die Energie für seine Transmitter aus einem Sonnensechseck bezieht, sondern die Sonnen selbst als Bestandteile eines gigantischen Transmitters benutzt? Nein, sagen Sie nichts!« wehrte Tifflor ab, als der Hyperphysiker den Mund öffnete. »Wenn Sie mit ›ja‹ geantwortet hätten, würde ich Ihnen nämlich entgegenhalten, daß auch Sie nicht von allein auf den Gedanken gekommen wären, man könnte sechs gigantische Sonnen wie Erbsen auflesen und zu einem Sechseck ordnen, in dessen Zentrum ein Transmissionsfeld fast unvorstellbarer Stärke aufgebaut werden kann.«

Professor Kalups Hängebacken zitterten vor Empörung. Er gab ein Schnaufen von sich, das sich wie entweichender Dampf anhörte.

Aber bevor er etwas sagen konnte, schrillte die Alarmglocke. Eine dröhnende Baßstimme hallte durch die Zentrale und meldete die Entstehung n-dimensionaler Eruptionen zwischen den sechs Sonnen.

Julian Tifflor hatte im gleichen Augenblick den Hyperphysiker vergessen. Angespannte Erwartung im Gesicht, ließ er sich in den Sessel neben Oberst Haile Trontor fallen, den epsalischen Kommandanten der PERIKLES, eines Superschlachtschiffes der Solaren Flotte.

Er richtete keine Frage an Trontor. Wenn der Epsaler vor Eruptionen warnte, dann meinte er keinen der hier üblichen Entladungsstürme. Besorgt musterte Tifflor die Anzeigen der Ortung. Hier sah es ein wenig anders aus als auf den Bildschirmen der Panoramagalerie. Das, was dort von Zeit zu Zeit wie eine Kette kugelförmiger Reflektoren aufgeflammt war, stand hier als unüberschaubarer Schwarm grünlicher Ortungsreflexe relativ unbeweglich im Raum:

Achttausend Raumschiffe der Solaren Flotte ...!

Des Großadministrators Befehl, überbracht von dem Kommandanten der ANDROTEST I, dem ersten terranischen Raumschiff mit einer Reichweite von einer Million Lichtjahren, hatte eine gewaltige Streitmacht vor das Sonnensechseck im Zentrum der Galaxis in Marsch gesetzt. Fünftausend der achttausend Raumschiffe waren schwere und schwerste Einheiten der Solarflotte, die restlichen dreitausend stellten quasi nur gigantische Transporthüllen dar, ausgerüstet mit allen Gütern, die zur Errichtung eines Stützpunktes inmitten des Leerraums benötigt wurden.

»Überlegen Sie, ob die Besatzungen aufgeweckt werden sollten ...?«

Julian Tifflor wandte sich nicht um. Er nickte nur. Professor Kalup hatte genau sein Hauptproblem berührt. Die fürchterlichen Ent- und Rematerialisierungsschocks beim Durchgang durch den Sechsecktransmitter ließen sich nur dann ohne schwerwiegende psychische Schäden ertragen, wenn die organische Besatzung sich in einer Tiefkühlnarkose befand.

Die Flotte stand zum Transmitterdurchgang bereit. Tifflor wartete nur noch auf die Bestätigung, daß die ersten drei ausgesandten Fragmentraumschiffe wohlbehalten im Twin-Empfänger angekommen waren, die die Posbis unaufgefordert zur Verfügung gestellt hatten. Die Bestätigung sollte über die dichtgestaffelte Hyperfunkrelaiskette direkt von Kahalo kommen. Denn Aufgabe der Fragmentraumer war es nicht nur, nach Twin vorzustoßen und sich dort umzusehen, sondern darüber hinaus festzustellen, ob die Justierung auf Kahalo noch Gültigkeit hatte.

Wenn sie über Kahalo rematerialisierten, bedeutete dies das endgültige Signal für Tifflors Flotte, durch das Sonnensechseck zu gehen und die Welten des Twin-Systems zu besetzen.

Achttausend Schiffsbesatzungen – mit Ausnahme der zahlenmäßig geringen Zentrale-Bereitschaften – befanden sich in der Tiefkühlnarkose und damit in einem Zustand, der von der Medizin als nahezu gleichbedeutend mit »klinisch tot« bezeichnet wurde.

»Nein!« sagte Tifflor laut, und seine Stimme klang rauh. »Es wäre sinnlos. Keiner würde schnell genug zu sich kommen, um in einem Katastrophenfall handlungsfähig zu sein. Statt dessen würden sie nur die Zentrale-Bereitschaften behindern.«

Es war, als hätte er mit seinen Worten das Unheil geradezu über die Flotte heraufbeschworen. Eine Sturzflut ungebändigter gravitatorischer und magnetischer Energie schlug über der PERIKLES zusammen, riß die Schutzschirme, die dem Anprall eines kleinen Planetoiden widerstanden hätten, auseinander und verwandelte das fünfzehnhundert Meter durchmessende Kugelschiff in einen in den Zellnähten kreischenden, hin und her geschlagenen Ball.

Julian Tifflor stürzte, als die Kontursessel vor ihm von der Rettungsschaltung ruckartig in die Waagerechte gerissen wurden. Fahlgelbe Blitze schossen aus durchgeschlagenen Sicherungen, winzige Trümmerstücke zirpten als tückische Querschläger durch die Zentrale, die sich von einem Augenblick zum anderen mit beißendem Rauch füllte.

Als Tifflor sich darüber zu wundern begann, daß nicht schon der erste mörderische Ruck ihn an der Zentralerückwand zerschmettert hatte, fühlte er den eisernen Griff an seiner Hüfte.

Dann lag er auf dem Gesicht, und die jählings einsetzende Stille wirkte derartig schockierend, daß er das Bewußtsein verlor.

Die Bewußtlosigkeit konnte höchstens einige Sekunden angehalten haben.

Als Julian Tifflor zu sich kam, wurde er eben von Oberst Trontor hochgezerrt.

Gedankenlos wischte er sich das Blut von den zerschlagenen Lippen.

»Was liegen für Meldungen vor, Oberst?«

»Man beginnt erst jetzt zu reagieren!« dröhnte Trontors Baß. Er wies mit seiner mächtigen Hand auf das Meldepult des Flaggschiffes der Zentrumsflotte. Das Meldepult nahm einen Platz von einem Quadratmeter ein. Auf diesem engen Raum befanden sich dicht an dicht liegende Zahlenkolonnen. Für jedes der achttausend Schiffe existierte eine Zahl in einem winzigen Feld, und augenblicklich erschienen in dem schwarzen Quadrat die ersten grünen Tupfen.

Julian Tifflor suchte vergeblich nach rotleuchtenden Zahlenfeldern. Als er keines fand, atmete er auf. Wenigstens schien es keinen Totalausfall gegeben zu haben.

Nach fünf Minuten stand es fest, daß kein einziges Schiff ernstlich beschädigt worden war. Nur vierzehn Transporter und ein Leichter Kreuzer meldeten teilweisen Ausfall der Schutzschirmprojektoren, der jedoch durch die anderen Aggregate überbrückt werden konnte.

»Sieht so aus, als hätten wir Glück gehabt«, bemerkte der Epsaler. Er lachte, und es klang, als trompetete ein Elefantenbulle.

Tifflor stöhnte. Epsaler galten als die fähigsten Raumschiffoffiziere, aber die gewaltige Größe der umweltangepaßten Menschen von Epsal wirkte sich natürlich auch auf die Stimme aus; es war alles andere als Nervenbalsam, einen Epsaler sprechen oder gar lachen zu hören.

»Das war schon bald ein Wunder«, entgegnete Tifflor bedächtig. Nach einer Pause setzte er hinzu: »Haben Sie noch keine Hyperkommeldung von Kahalo vorliegen?«

Als hätte der Hyperkom nur auf diese Frage gewartet, lief mit hellem Pfeifton eine Raffermeldung ein. Automatisch begann die große Bordpositronik mit der Entschlüsselung, und da sie den betreffenden Kode in ihren Speicherzellen fand, lag der Klartext nach einer Sekunde Wartezeit vor.

Professor Kalup kletterte ächzend aus seinem Sessel.

»Die Fragmentraumer sind zurückgekehrt!« verkündete er triumphierend. »Das erste Mal, daß es Schiffen gelungen ist, vom Twin-System aus auf dem gleichen Weg in die Galaxis zurückzukommen!«

Tifflor nickte nur. Der Weg nach Twin war damit endgültig frei. Die Posbis hatten keine fremden Aktivitäten im Twin-System feststellen können.

»Ich schätze«, sagte Oberst Trontor, »daß uns nun nichts mehr hier hält ...«

Der Flottenverband formierte sich. Eine mathematisch exakte Staffelung wurde erkennbar.

Die erste Staffel raste im Banne eines orangeroten Energiestrahles in die flammende Energieballung des Sechsecktransmitters hinein.

Die Sonnen loderten auf, als wollte jede von ihnen zur Nova werden.

Eine Zahlenkolonne auf dem Meldepult der PERIKLES erlosch.

Die zweite Staffel wurde von unvorstellbaren Kräften angezogen. Dem orangeroten Strahl hätte sie selbst mit vollem Gegenschub nicht widerstehen können. Stärkere Gewalten, als ihre Triebwerke aufbringen konnten, waren am Werk.

Die zweite Zahlenkolonne erlosch. Die dritte ..., die dreißigste die dreihundertste ...

Julian Tifflor fühlte das Zischen der Hochdruckinjektionsspritze. Während sein Körper steif und gefühllos zu werden begann, nahmen seine Augen gerade noch das orangerote Feuer wahr, in das die PERIKLES übergangslos gehüllt wurde.

Es war ein unendlich beruhigendes Gefühl, sofort nach dem Aufwachen vom gleichmäßigen Grollen der Kraftstrommeiler empfangen zu werden.

»Alles in Ordnung, Sir«, sagte der Medorobot und trat zur Seite.

Julian Tifflor lächelte verkrampft. Noch gehorchten die Muskeln nicht mit der normalen Schnelligkeit. Auch die Augen nahmen das Bild auf den Schirmen der Panoramagalerie nur wie durch Nebelschleier hindurch wahr. Aber das genügte.

Zwei gelbe Sonnenungeheuer flammten am ansonsten sternenlosen Himmel. Zwischen ihnen brodelte, gleich einem atomaren Hexenkessel, der energetische Ballungskern, das Transmittertor. Aus diesem Hexenkessel wurden wie von Geisterhand große metallene Kugeln gestoßen, reflektierten in gespenstischem Widerschein die Glut, aus der sie materialisierten – und rasten dann auf Flammenlanzen neben und hinter der PERIKLES her.

Tifflor zählte vierundzwanzig Superschlachtschiffe, und noch immer tauchten in ununterbrochener Folge neue Giganten auf.

Der Solarmarschall wandte sich dem Meldepult zu.

Dann gab er den endgültigen Befehl zur Besetzung und Absicherung des Twin-Systems ...

In achttausend Raumschiffen erwachten die Mannschaften vollzählig zum Leben.

Auch die Kommandozentrale der PERIKLES besaß wieder ihre vollständige Besatzung. Entsprechend ihrer Aufgabe als Flaggschiff des Verbandes waren vor allem die Beobachtungsstationen, die Ortungsstation und die Funkzentrale verstärkt besetzt.

Tifflor hatte sich an den Kartentisch zurückgezogen. Oberst Haile Trontor war mit seinen Offizieren wieder allein verantwortlich für die Führung des Superschlachtschiffes. Tifflor fungierte als Oberbefehlshaber der gesamten Flotte, Professor Dr. Arno Kalup war sein technischer Berater, während sechs Generalstabskybernetiker die Auswertung der eingehenden Meldungen und die taktischen und strategischen Züge mit Hilfe der hochwertigen Kommandopositronik wahrnahmen. Entscheiden aber mußte einzig und allein Tifflor.

Im Innern der PERIKLES grollten und dröhnten die Kraftwerksmeiler. Das Schiff bewegte sich mit halber Lichtgeschwindigkeit durch das System, umgeben von mehr als vierhundert anderen Einheiten, mit denen zusammen es die Invasionsgruppe IV bildete.

Noch immer stieß der Sonnentransmitter Schiff auf Schiff aus. Aber schon fanden die ersten Landungen statt.

»Beobachtungsstation auf Septim abgesetzt und gesichert«, meldete einer der Kybernetiker.

»Danke!« Tifflor nickte dem Mann zu. Für einen Augenblick versuchte er, sich die Verhältnisse auf Septim, einem Überriesen mit 5,9 Gravos Schwerkraft, vorzustellen. Er konnte einen leichten Schauer nicht unterdrücken. Kein Mann war zu beneiden, der nach Septim abkommandiert wurde. Immerhin hatten die Männer der abgesetzten Beobachtungsstation dort nur die Natur zum Feind. Das würde nicht überall so sein.

»Fragen Sie bei Gruppe II an, ob sie auf Widerstand gestoßen ist!«

Invasionsgruppe II hatte den Befehl, auf Quarta, einem erdähnlichen Planeten des Twin-Systems, zu landen und in einer Blitzaktion die Superstadt Bigtown mittels Energieschirmen einzuschließen. Diese gigantische Kolonie der verschiedensten Völker und Ausgestoßenen aus dem Andromeda-Nebel mußte auf jeden Fall isoliert werden, wenn man keine unliebsamen Überraschungen erleben wollte.

»Gruppe II nach Plan gelandet«, kam die Meldung. »Widerstand konnte mit Narkosestrahlen gebrochen werden. Schirmprojektoren arbeiten bereits mit vierzig Prozent der Kapazität.«

»Wie steht es mit den Transportern?« fragte Tifflor zurück.

»Werden nach Plan ausgeladen. Keine Ausfälle bisher.«

»Danke. Rufen Sie Sexta!«

Nach einer halben Minute lag auch der Bescheid von Invasionsgruppe III vor. Ohne auf Widerstand zu stoßen, hatte sie die uralte, trockene Welt Sexta besetzt, einen Planeten mit einer Schwerkraft von 1,95 Gravos. Roboterkommandos trieben bereits die ersten Bunkerschächte in die Tiefe und legten die geplanten sechs Raumhäfen mitsamt den Verteidigungsstellungen an.

»Das klappt ja ausgezeichnet!« lobte Tifflor.

»Mir klappt es zu ausgezeichnet«, schimpfte Professor Kalup. »Letzten Endes ist Twin ein wichtiges Glied in der Transmitterkette zwischen der Milchstraße und Andromeda. Ich kann mir nicht denken, daß die Meister der Insel unserer Invasion tatenlos zusehen.«

»Das tun sie wahrscheinlich auch nicht«, meinte Tifflor. Er dachte dabei an den Bericht von Oberst Kraysch, dem Kommandanten des Schlachtschiffes MOHIKAN, das den Planeten Kahalo mit seinem Pyramidensechseck wiedergefunden und sich plötzlich zwanzig jener berüchtigten schwarzen Stabraumschiffe gegenübergesehen hatte, von denen eines bereits einige Zeit vorher im Twin-System erschienen war, einen Raumschiffgiganten der Posbis vernichtet hatte und erst nach schweren Kämpfen von der CREST besiegt werden konnte. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum zur Besetzung des Twin-Systems eine im Verhältnis zur Aufgabe so riesige Zahl an Kampfraumern eingesetzt worden war.

»Kahalo ist unter unserer Kontrolle!« erklärte Tifflor verbissen. »Ganz sicher erwarten uns noch Tausende unangenehmer Überraschungen von Seiten der Meister der Insel. Warum wohl begnügen wir uns mit relativ kleinen Schritten?«

Er unterbrach abrupt das Gespräch, als eine neue Meldung auf dem Interkomschirm aufleuchtete.

»Na also!« sagte er. »Jetzt können wir uns endlich die Rosine aus dem Kuchen picken.« Er wandte sich dem permanent mit allen Schiffen der Invasionsgruppe IV in Verbindung stehenden Hyperkomgerät zu:

»Hier Tifflor. Aktion Quinta läuft nach Plan in dreißig Sekunden an. Ich erwarte von allen Kommandanten der Gruppe IV laufend Detailbestätigungen. Der Zeitplan muß unter allen Umständen genau eingehalten werden. Ende!«

Er blickte zur Panoramagalerie.

Die Bildschirme gerieten plötzlich in Bewegung. Das war jedoch eine optische Täuschung. In Wirklichkeit setzte sich in dieser Sekunde der Schiffsverband der Gruppe IV schlagartig in Richtung auf Quinta zu in Bewegung. Überall in den Triebwerksringwülsten flammten grelle Leuchterscheinungen auf. Das Grollen im Innern der PERIKLES steigerte sich zu einem tosenden Inferno.

Quinta war das Herz des Twin-Transmitters. Hier lag die Schaltstation, von der aus man den Transmitter auf den gewünschten Empfänger schalten konnte. Aufgabe der Invasionsgruppe IV war es, die Station zu besetzen und abzusichern. Erst wenn das vollbracht war, hatte man den Sonnentransmitter unter Kontrolle und einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Meistern der Insel und ihren Helfern.

Eine Viertelstunde später füllte die Scheibe der Wasserwelt Quinta den Frontschirm der Zentrale aus. Die Ringwulsttriebwerke ließen das Schiff erbeben, als der Kurs geändert wurde. Rasch glitten die Wassermassen unter der PERIKLES vorüber. Dann war der einzige Kontinent heran.

Glutbahnen durchschnitten die Atmosphäre.

Es waren jedoch nicht die Spuren tödlicher Strahlschüsse, sondern nur die in die Atmosphäre eintauchenden Vorauskommandos. Ausgeschleuste Raumjäger und Space-Jets schwärmten zu Tausenden über dem Kontinent aus, bereit, jeden Widerstand mit konzentrierten Feuerschlägen zu zerschlagen.

Aber noch blieb alles ruhig.

Doch Tifflor wußte, daß sich die Situation bald ändern konnte. Auf Quinta mußten sich noch immer die zum Schutz der Kraftstation und der Justierungskuppel stationierten feindlichen Roboter aufhalten. Es war ganz unwahrscheinlich, daß sie bei den vorausgegangenen Aktionen der CREST II und der ANDROTEST I sämtlich ausgeschaltet worden waren.

Da kamen auch schon die ersten Meldungen an.

Terranische Kampfroboter, die seit wenigen Minuten unablässig auf die Oberfläche abregneten, meldeten Feindberührung. Sie wurden jedoch mit den feindlichen Robotern rasch fertig.

Tifflor konzentrierte sich wieder ganz auf die Landung der PERIKLES.

Soeben waren die Schutzschirme aufgeflammt. Das Superschlachtschiff sank mit bremsenden Ringwulsttriebwerken in die Atmosphäre. In einer Ausschnittvergrößerung erschien eine Glockenkuppel aus glasartigem Material. Tifflor wußte, daß es die Justierungsstation war. Er staunte über die geringe Größe. Die Kuppel maß nur fünfzig Meter im Durchmesser und war siebzig Meter hoch. Und doch barg sie die Schaltungen, mit denen man den gigantischen Sonnentransmitter Twin beherrschen konnte.

Zusammen mit hundertzwanzig schweren und schwersten Einheiten setzte die PERIKLES in der Nähe der Justierungsstation auf.

Im gleichen Augenblick regneten Roboterdivisionen in den von den Schiffen gebildeten Ring. Leuchtplatten an den Wänden der Zentrale meldeten die erfolgte Öffnung der Schleusen.

Tifflor schnallte sich den Waffengurt mit den beiden Halftern um.

»Kommen Sie, Professor! Rufen Sie Ihre Leute. Wir wollen die wichtigste Aufgabe so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Mit einem Shift verließen Tifflor und Professor Kalup die PERIKLES. Sie flogen mitten in die von der Landung des Schiffsverbandes aufgewühlten Staubmassen hinein. Ununterbrochen kreuzten Robotertrupps ihren Weg. Antigravplatten überdimensionalen Ausmaßes brachten die ersten Ausrüstungsgüter zu den Arbeitsplätzen. Während hin und wieder das Röhren schwerer Impulswaffen und das Donnern atomarer Explosionen erscholl, gingen Robotertrupps bereits an die Errichtung von planetarischen Verteidigungsforts, wurden Transformkanonen in Stellung gebracht und tiefe Schächte in die Oberfläche gebrannt.

Der einzige Kontinent auf Quinta quirlte vor Geschäftigkeit.

Während sich Kalup in Begleitung einiger Wissenschaftler in die Justierungsstation begab, um dort nach dem Rechten zu sehen und die Fernimpulssteuerung zu desaktivieren, über die die Meister der Insel von anderen Basen aus womöglich noch hätten eingreifen können, machte Tifflor einen Rundgang, um sich persönlich über den Fortschritt der Arbeiten zu informieren. Eine halbe Stunde später erhielt er von Kalup die Meldung, daß in der Station alles in Ordnung sei und die Fernsteuerungsanlage beseitigt war.

Julian Tifflor taumelte und wäre gestürzt, hätte nicht ein hilfsbereiter Leutnant ihn gehalten.

»Die Antigravschächte sind noch nicht genau eingestellt«, sagte er wie zur Entschuldigung.

Tifflor winkte ab und blickte sich um.

Er befand sich in einer weiten Kuppelhalle, in die insgesamt vierzig Antigravschächte mündeten. Überall waren Techniker und Roboter dabei, Kontrollinstrumente zu montieren und Hilfsaggregate anzubringen. Es war selbst für Tifflor nur schwer vorstellbar, daß hier, an dieser Stelle, erst vor vier Stunden mit dem Vortrieb des ersten provisorischen Schachtes begonnen worden war.

Schrilles Sirenengeheul ließ ihn aufhorchen.

Er versuchte, von einem der Männer in der Kuppel eine Auskunft zu erhalten. Doch keiner schien sich überhaupt an dem Heulen der Sirenen zu stören.

Kopfschüttelnd ging Tifflor auf den gähnenden Schlund mit den roten Warnschildern ringsum zu. Das war die im Bau befindliche Personentransmitterstation.

Der Boden schwankte plötzlich leicht. Dumpfes Grollen ertönte. Dann rasten mehrere Wellen infernalischen Jaulens über den Kuppelbau hinweg.

Tifflor hob den Armbandsender an den Mund.

»Hier Tifflor. Etwas Besonderes, Oberst Trontor?«

»Nichts Besonderes!« dröhnte die Stimme des Epsalers zurück. »Etwa zweihundert feindliche Flugroboter hatten einen Überraschungsangriff auf das Areal rund um die Justierungsstation versucht. Sie wurden von sechs Jägerstaffeln vernichtet, bevor sie sich der Bodenverteidigung nähern konnten.«

»Sind die Transporter entladen?«

»Entladen und auf dem Weg zurück in die Milchstraße. Die Verbindung klappt ausgezeichnet. Hoffentlich wird sie nicht durch Fernsteuerung gestört.«

»Da machen Sie sich keine Sorgen.« Tifflor lachte übermütig. »Professor Kalup hat bereits die entsprechenden Kabel und Stromleiter herausgefunden und unterbrochen. Der Transmitter wird allein von uns kontrolliert. – Ich komme, Oberst. Lassen Sie inzwischen die restlichen Transporter starten!«

Eine halbe Stunde später stand er in der Kommandozentrale der PERIKLES und nahm die Meldungen über den neuesten Stand der Dinge entgegen.

Tifflor hörte zufrieden, daß die Flotte wie nach Plan aufgeteilt worden war. Ein großer Teil der fünftausend Kampfschiffe stieß planmäßig in den Leerraum vor, um das Twin-System von außen abzusichern. Besonders sorgfältig aber war die nähere Umgebung des Twin-Transmitters selbst abgeriegelt worden. Wer auch immer von außen oder von innen einen Angriff versuchte, er würde eine unangenehme Überraschung erleben.

Als Julian Tifflor seine Anweisungen gegeben hatte und neben den Platz Haile Trontors trat, wurde der Rücktransport des letzten Transportraumschiffes gemeldet. Zehn Minuten später tauchten bereits die ersten Staffeln neuerlich beladener Transporter auf und brachten weitere Bauteile für die Nachschub- und Ausrüstungsdepots.

»Ich glaube, Sie haben eine Ruhepause verdient«, meinte Tifflor lächelnd zu dem wuchtig gebauten Epsaler. »Das Hauptquartier auf Quinta steht, und auch alle anderen Befehle Rhodans sind ausgeführt.«

»Vielen Dank, Sir«, grollte die Stimme Trontors. »Aber Sie sind genauso lange auf den Beinen wie ich, und ich vertrage doch eine Kleinigkeit mehr. Außerdem steht noch ein Programmpunkt aus.«

Tifflor nickte.

2.

Bunte Schleier schlossen sich zu rasch wechselnden Mustern zusammen, zerflatterten wieder, waren einmal nah und einmal fern.

Irgendwo donnerte ein Wasserfall.

Eine Kaskade schimmernder Melodien verbreitete traumhafte Empfindungen. Flimmernde Regenbogen schwangen sich, grazilen Spinnwebbrücken gleich, von Ton zu Ton.

Schwarze Kleckse zerflossen an einer Fuge. Ein wimmernder Ton stieg höher und höher, zerplatzte in einem Feuerwerk giftgrüner Seifenblasen.

Das alte Lied.

Der Gedanke war plötzlich da, stechend, schmerzhaft, dröhnend, hämmernd, an Phantasiegebilden rüttelnd, die letzte Mauer einreißend.

Alles verfärbte sich zu einem schwarzen Klecks; mitten darin zwei rötliche Sonnen.

Schwarzes Nichts – glühende Universen.

Glühende Universen! Glühend ... – Glut ..., Hitze ..., Feuer ..., Tod! Langsam pulsierende Labsal, dröhnend hämmerndes Herz, Empfindungen, Hören ..., Leben!

Omar Hawk fuhr mit einem gellenden Schrei empor.

Da war sie wieder, die Dunkelheit! Da glühten die rötlichen Punkte im Nichts!

Und dann wurde es hell. Es war die sanfte, wohltuende Helligkeit einer Raumschiffskabine.

Neben dem Lager stand der Medorobot. Die Injektionspistole hielt er mit der stählernen Hand umklammert, und die rötlichen Augenzellen waren unverwandt auf den Menschen gerichtet.

»Was ... ist ... los?« Quälend langsam kamen die Worte aus Hawks Mund.

»Bitte lehnen Sie sich zurück, Sir.« Der Roboter rührte sich nicht von der Stelle. »Sie scheinen keinen wesentlichen Schaden erlitten zu haben. Aber, bitte, warten Sie das Erwachen des Chefarztes ab.«

Omar Hawk, Umweltangepaßter mit Kompaktkonstitution, Leutnant des Spezialpatrouillenkorps, versuchte vergeblich, einen klaren Gedanken zu fassen. Es gelang ihm nicht. Doch nach und nach breitete sich Begreifen in seinem Geist aus. Der Zorn rüttelte ihn vollends wach.

Er wußte mit einemmal, was geschehen war. Er hatte – zum zweiten Male – den galaktozentrischen Sonnentransmitter passiert. Wie alle anderen organischen Besatzungsmitglieder der ANDROTEST II auch war er in die Tiefkühlnarkose versetzt worden – und wahrscheinlich wie beim erstenmal als erster der Besatzung daraus erwacht. Weshalb verlangte dieser Roboter dann, er sollte auf das Erwachen des Chefarztes warten?

»Vielleicht begründest du deinen seltsamen Wunsch etwas eingehender!« entgegnete er bissig. »Wie du siehst, habe ich ausgezeichnet auf die Erweckungsinjektion reagiert. Ich fühle mich völlig in Ordnung.«

»Ich muß Ihnen beipflichten«, sagte der Medorobot betont langsam, als spräche er zu einem Kinde, »was Ihr Erwachen und Ihre offensichtliche Unversehrtheit angeht. Leider ist das nicht die Folge einer Erweckungsinjektion. Sie erwachten genau drei Narkosesekunden vor der geplanten Injektion, und ich habe bisher die Injektion nicht vorgenommen.«

Es war sicherlich gut für Hawks Selbstbewußtsein, daß er nach dieser Entgegnung keine Gelegenheit bekam, in einen Spiegel zu blicken. Erst nach und nach entspannten sich seine Gesichtsmuskeln wieder. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Ohne auf die Einwände des Robots zu achten, erhob er sich und legte seine Ausrüstung an. Dabei schaute er zu Sherlock, seinem Okrill. Das Tier schlief noch.

»Ich muß Sie bitten ...«, begann der Robot.

Er wurde brüsk unterbrochen.

»Und ich bitte dich, deinen Mund zu halten! Anscheinend hat es sich unter den Medorobots noch nicht herumgesprochen, daß ich ein Umweltangepaßter von Oxtorne bin. Schon beim erstenmal habt ihr mir eine zu geringe Dosis für die Tiefkühlnarkose gespritzt, so daß mein Unterbewußtsein nicht ausgeschaltet wurde. Wahrscheinlich war es dieses Mal noch weniger. Vielleicht war ich bewußtlos, aber klinisch tot war ich jedenfalls nicht, sonst hätte ich nicht ohne Erweckungsinjektion aufwachen können!«

»Sie haben diesmal die doppelte Dosis erhalten, Sir«, erwiderte der Medorobot ungerührt. »Es ist völlig unmöglich, daß ein organisches Wesen danach von selbst aufwacht.«

Hawk mußte grinsen, als ihm der Widersinn in den Argumenten des Robots auffiel.

»Von mir aus kannst du glauben, ich befände mich noch im Kälteschlaf. Ich weiß, daß ich munter und gesund bin, und das genügt.« Er schritt an dem verblüfften Roboter vorbei und nahm mit Schadenfreude die Summtöne elektronischer Schaltungen wahr. Offenbar waren die Tatsachen für die Programmschablonen des Medorobots unverdaulich.

Im Schiff war es still. Nur ein fernes Grollen zeugte von der gleichmäßigen Arbeit der Triebwerksmeiler der ersten Stufe. Die ANDROTEST II war wie ihre Vorgängerin, die ANDROTEST I, ein vierstufiges Raumschiff, 1200 Meter lang, 300 Meter durchmessend. Jede Stufe wiederum war 300 Meter lang und breit und verfügte über ein komplettes Lineartriebwerk mit Kalupschen Kompensationskonvertern und allem Zubehör. Der Aktionsradius jeder einzelnen Stufe betrug theoretisch 250.000 Lichtjahre, der aller vier Stufen zusammen eine Million Lichtjahre. Seine Erbauer hatten also, da die Triebwerke eines der normalen Raumschiffe höchstens 600.000 Lichtjahre bewältigen konnten, auf den uralten Mehrstufenantrieb der ersten Raumfahrtversuche zurückgegriffen.

Leutnant Omar Hawk glitt auf dem schwach summenden Gleitband bis zum schweren Panzerschott der Zentrale, ohne daß ihm ein Lebewesen begegnete. Anscheinend waren die Medorobots noch dabei, ihre organischen Schützlinge aufzuwecken.

Die Hauptzentrale der ANDROTEST II erweckte den Anschein, als befände man sich auf einem Totenschiff.

Nur das Bild auf den Panoramaschirmen war diesmal anders, ganz anders sogar.

Zwar pulsierten die beiden gelben Twin-Sonnen auch jetzt, aber diese Pulsation war bedeutend stärker und erschreckender als nach der Ankunft mit der ANDROTEST I. Zudem gab es keine Anzeichen dafür, daß der energetische Ballungskern des Twin-Transmitters erlöschen wollte. Im Gegenteil: Just in diesem Augenblick blähte er sich auf wie ein hochgradig erhitzter Ballon.

Und dann schoß ein Pulk ungefüger Raumschiffe daraus hervor.

Omar Hawk erkannte die gigantischen Raumtransporter, die er bereits auf dem Planeten Opposite gesehen hatte. Das brachte ihn endgültig in die Gegenwart zurück.

An dem flach und starr auf dem Konturlager ausgestreckten Kommandanten, Oberst Pawel Kotranow, vorüber, schob Hawk sich zu den Ortungsschirmen und veränderte die Einstellung.

Sekunden später zeigten unzählige grünliche Punkte die Positionen der Solaren Kampfschiffe an, die gleich einer ausgedehnten Kugelschale den Ballungskern des Twin-Transmitters umgaben. Weiter zu den Planeten hin gab es vereinzelte Schiffsverbände, während zwischen Ballungskern und Planetenring ständig Ketten von Ortungsreflexen hin und her wanderten: die Transportraumer, die Ausrüstungen und Nachschub für den neuerrichteten Stützpunkt brachten und leer zurückeilten.

Hawk wunderte sich, daß von keinem Schiff der Flotte ein Anruf kam und die Identifikation der ANDROTEST II forderte – bis er sich besann, daß für die Flotte ja vorläufig die gesamte Besatzung als noch nicht erwacht galt. Außerdem hatte die Schiffsautomatik sofort nach dem Auftauchen ein Kodesignal abgestrahlt.

Er wandte sich um und beobachtete die Medorobots. Offenbar hatten sie die Erweckungsinjektionen bereits verabreicht. Nun verharrten sie reglos neben ihren Schützlingen und warteten auf die ersten Lebenszeichen.

Oberst Pawel Kotranow erwachte ohne jegliche Komplikationen.

Sein Medorobot erklärte ihn nach kurzer Untersuchung für gesund. Die Tiefkühlnarkose hatte keinerlei schädliche Nachwirkung hinterlassen.

Der erste Blick des Kommandanten galt den Panoramaschirmen und der Ortung. Kotranow atmete auf. Alles schien gelungen zu sein. Die ANDROTEST II befand sich im Twin-System und passierte soeben die zweite Sperrlinie der Solaren Kampfschiffe.

Es wurde Zeit, sich bei Solarmarschall Tifflor zu melden.

Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Besatzung wohlauf war, stellte er den Funkkontakt zur PERIKLES her und meldete offiziell die Ankunft der ANDROTEST II. Er war nicht sonderlich überrascht, als Julian Tifflor ankündigte, an Bord des Vierstufenschiffes zu kommen, um die Mannschaft zu ihrer bevorstehenden Fahrt persönlich zu verabschieden.

Als die Verbindung unterbrochen war, ordnete Kotranow an, daß sich ein Teil der Besatzung im großen Mannschaftsraum versammeln sollte, um Tifflor zu begrüßen.

Kotranow kam mit dem Leitenden Ingenieur, Major Tong-Jaho, und dem Chefpsychologen des Schiffes, Major Jörg von Eschde.

Für Omar Hawks Okrill Sherlock war eigens ein atombetriebener Heizstrahler an der Decke des Mannschaftsraumes angebracht worden. Unter der ausstrahlenden Gluthitze schien der Okrill sich wohl zu fühlen, denn er nieste von Zeit zu Zeit. Auch Hawk bekam einiges von der mörderischen Hitze ab, doch da er an die extremen Klimabedingungen von Oxtorne angepaßt war, trat nicht ein einziger Schweißtropfen auf seine Stirn.

Major Hattinger rückte stöhnend einen Schritt von Hawk ab.

»Menschenskind, Kahler, wer soll diese blödsinnige Hitze denn aushalten!«

Hawk grinste nur. Er war gespannt darauf, Tifflor wiederzusehen. Der hagere, blitzschnell denkende und doch so menschlich gütige Mann, der auch in der äußeren Erscheinung viel mit Perry Rhodan gemeinsam hatte, war ihm schon bei der ersten Begegnung auf Opposite sympathisch gewesen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er die angetretenen Mannschaften.

Der Ausdruck Mannschaften war eigentlich irreführend, denn auf der ANDROTEST II befanden sich nur ausgesuchte Spezialisten und Könner sowie Männer, die erfahrungsgemäß jede Lage meistern konnten.

Da war der pausbackige Ire MacIshott, der mit den höchsten Orden des Solaren Imperiums ausgezeichnete Raumzerstörerpilot; neben ihm ragte die schlanke, hohe Gestalt Gorm Ngudrus auf, schwarz wie Ebenholz, trotz seiner zweiunddreißig Jahre mit silberweißem Haar. Ngudru war Feuerleitoffizier der ANDROTEST II; niemand sah ihm an, daß er künstliche Kiefer und einen künstlichen Kehlkopf besaß; ein Andenken an die Kämpfe mit den Blues-Flotten. In der Reihe dahinter fiel das maskenhafte Gesicht Elmar Kurdsons auf. Kurdson war Kommandant einer Space-Jet gewesen, bevor Akonen sein Schiff aufbrachten und ihn gefangennahmen. Ihm war es gelungen, aus einem schwerbewachten Lager der Akonen zu fliehen und dem Solaren Flottenkommando wichtige Informationen zu bringen. Dabei hatte er sechs Minuten lang, zwischen Trümmerstücken gefesselt, in dem nach und nach explodierenden Hangar eines Kurierschiffes aushalten müssen. Wie er es dennoch geschafft hatte, mit dem Kurierschiff nach vier Tagen die Grenze zum Solaren Imperium zu überfliegen, war rätselhaft geblieben. Jedenfalls bestanden seine Schädelknochen jetzt aus Organplastik und die Gesichtshaut aus künstlich gezüchtetem Plasma; die Augenlinsen waren ebenfalls ein Kunstwerk terranischer Biotechnik. Es erschien wie eine Ironie des Schicksals, daß Elmar Kurdson Chefprogrammierer der Roboter der ANDROTEST II war.

Nicht alle Besatzungsmitglieder hatten ähnlich schwere Schicksale zu tragen, alle aber ragten weit über den Durchschnitt von Flottenspezialisten heraus – und Flottenspezialisten waren schon an sich keine gewöhnlichen Menschen.

Als das breite Schott surrend zur Seite wich, drehte Hawk sich um.

Solarmarschall Tifflor betrat etwas linkisch die Messe. Zwischen dem robusten Kotranow und dem kalten Intellekt ausstrahlenden von Eschde wirkte er fast schüchtern.

Dieser Eindruck verschwand schlagartig, als sein Blick sich auf die Menschen richtete, die ihn erwarteten.

Sein Blick hat etwas Zeitloses an sich, dachte Hawk beklommen, etwas, das an die kalte Unnahbarkeit einer Sphinx erinnert und zugleich an die Abgeklärtheit eines uralten Philosophen. Er änderte seine Meinung, als Julian Tifflors Gestalt sich straffte. Allmählich begann er zu ahnen, weshalb man diesem Mann, als Perry Rhodan vermißt war, die Kommandogewalt des Oberbefehlshabers übertragen hatte.

Nachdem Tifflor den Gruß der Mannschaft erwidert hatte, durchbrach er temperamentvoll die steife Förmlichkeit.

»Bitte nehmen Sie Platz!« Er winkte einladend und ließ sich am Kopfende des langen Tisches nieder. Geduldig wartete er, bis jeder seinen Platz gefunden hatte. Dann räusperte er sich lächelnd.

»Lassen Sie sich sagen, daß ich jeden einzelnen von Ihnen beneide, beneide um die Gelegenheit, in Kürze Perry Rhodan gegenübertreten zu können, wie vor kurzem, als Sie mit der ANDROTEST I den Planeten Horror anflogen und Rhodans Expedition mit Nachschub versorgten. Diesmal lautet Ihr Auftrag ein wenig anders, und das ist, was mich den Neid ein wenig vergessen läßt. Sie werden uns Perry Rhodan zurückbringen.«

Tifflor wurde schlagartig ernst.

»Sie wissen, daß es uns derzeit noch nicht möglich ist, die Justierungsstationen auf Kahalo und Quinta wirklich vollständig zu beherrschen, auch wenn wir die beiden Planeten inzwischen kontrollieren. Es gibt noch vieles, was wir noch nicht durchschauen. Allein aus diesem Grund schon ist es nicht ratsam, Horror durch den Transmitter anzufliegen, da die damit verbundenen Risiken zu hoch wären. Daher scheint uns der ›normale‹ Weg geeigneter und vor allem gefahrloser. Sie kennen die Strecke schon, und es ist damit zu rechnen, daß sie auch diesmal ohne Komplikationen den Weg über den sternenleeren Abgrund schaffen werden.

Ihre Aufgabe ist bekannt. Sie nehmen die Besatzung der CREST auf und bringen sie hierher zurück. Das Kommandoschiff unterscheidet sich diesmal wesentlich von dem der ANDROTEST I. Alles was nicht unbedingt benötigt wird, wurde entfernt und dadurch genügend Platz geschaffen, um zweitausend Menschen aufzunehmen.«

Der Solarmarschall erhob sich und lächelte.

»Das wäre alles, was ich Ihnen sagen wollte. Ich wünsche Ihnen nun viel Glück – und wenn Sie mit Perry Rhodan und seinen Freunden zusammentreffen, dann grüßen Sie sie von der Heimat und all jenen, die auf ihre Rückkehr warten.«

Die Worte Tifflors hallten noch in Omar Hawks Geist nach, als Tifflor die ANDROTEST II schon längst verlassen hatte.

3.

Die Alarmsirenen gaben Vorwarnung, als die nur noch dreistufige ANDROTEST II am 2. Januar 2401 nach dem letzten Linearmanöver einige Lichtstunden vor dem Horror-System auftauchte.

Nach vierzehn Sekunden meldeten die Sektionsleiter die volle Besetzung aller Stationen. Die Stimmung an Bord war gut.

Dennoch bemerkte Omar Hawk das Frösteln Kotranows, als er die Ortungsstation und die Funkzentrale anwies, mit allen Mitteln nach der CREST II und den beiden Posbi-Raumschiffen zu suchen.

Auch Hawk fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Er mußte immerzu an die Ankunft mit der ANDROTEST I denken. Damals war von der CREST II nichts zu sehen gewesen – bis das Superschlachtschiff sich dann plötzlich aus der berstenden Planetenoberfläche Horrors schälte und die ANDROTEST I sowie die beiden sie damals begleitenden Posbischiffe beschoß. Damals waren die Männer der CREST II psychisch am Ende ihrer Kraft gewesen, einschließlich Perry Rhodans, und es hatte Tage gedauert, bis man mit ihnen wieder normal hatte sprechen können. Das konnte ihnen niemand völlig nachfühlen, denn die CREST II war nach Abstrahlung vom Twin-Transmitter innerhalb des Planeten Horror materialisiert.

Heute wußte man, daß der Planet Horror eine künstlich erschaffene Hohlwelt darstellte, mit einer Energieballung sonnenähnlicher Natur im Zentrumshohlraum und drei schalenartig aufgebauten Ebenen von dort bis zur vierten Ebene, der Oberfläche.

Horror war eine teuflische Falle, die die geheimnisvollen Meister der Insel in die Transmitterstraße nach Andromeda eingebaut hatten – neben anderen Fallen.

Zu diesem Kuriosum gehörten auch die drei gelben Sonnen vom Typ G 1, die nicht etwa von Horror umkreist wurden, sondern gegen alle Naturgesetze den einzigen Planeten des Systems umkreisten.

Hawk schüttelte das Grauen von sich ab und trat neben den Kommandanten, der reglos in seinem Sessel hockte und den Frontschirm nicht aus den Augen ließ, während er den Meldungen der Ortungsstation und der Funkzentrale lauschte.

Hawk blickte zu Hattinger.

»Nun, Major, diesmal wird es keine Überraschungen geben, was?«

Hattinger hob die Schultern.

»Für meine Begriffe dauert es zu lange, bis die CREST sich meldet.«

Beide Männer duckten sich wie zum Sprung, als Oberst Kotranow den Befehl erteilte, drei Raumzerstörer auszuschleusen und Überkreuzortungen im Gebiet des Systems vorzunehmen.

»Warum das?« fragte Hattinger mit bleichen Lippen, obwohl er die Antwort zumindest ahnte.

»Warum?« Kotranow lachte unnatürlich laut. »Weil ich Gewißheit haben möchte, bevor ich den Befehl zur Umkehr gebe. Alles, was wir mit den modernsten Funkgeräten und Ortungsgeräten des Solaren Imperiums feststellen können, ist ein Planet und seine drei Sonnen. Von der CREST II und den Posbischiffen nicht die geringste Spur ...«

»Sie dürfen nicht einfach umkehren!« rief Hawk impulsiv.

Oberst Kotranow blickte ihn aus tiefliegenden Augen an. Um seine Mundwinkel hatten sich Falten der Bitterkeit eingegraben.

»So!« meinte er. »Ich darf nicht.« Er schlug mit der Faust auf sein Schaltpult. »Wer bestimmt das eigentlich? Sie oder ich? Können Sie mir vielleicht raten, was ich tun soll, wenn die Überkreuzortung ebenfalls negativ verläuft?«

»Ja!« erwiderte Hawk fest. »So lange suchen, bis wir entweder die CREST mit den beiden Posbischiffen oder zumindest die Spuren gefunden haben, die auf ihr Schicksal schließen lassen.«

»Ah, ich vergaß!« Kotranow dehnte seine Worte ironisch. »Ihr liebenswertes Haustier ist ein Superinfrarotspürer. Nun, holen Sie ihn hierher! Vielleicht katapultiere ich ihn ...« er räusperte sich, »...oder ›sie‹ in den Weltraum, damit er, sie oder es dort nach Infrarotspuren sucht.«

»Mir ist durchaus nicht nach Witzen zumute!« grollte Hawk.

»Mir auch nicht«, sagte Kotranow. »Und ich werde auch nichts unversucht lassen, um den Großadministrator zu finden. Aber ich trage nebenbei auch die Verantwortung für die Besatzung der ANDROTEST II, und ich ...«

Er unterbrach sich, als die Kontrollplatte eines Telekoms aufleuchtete.

»Kotranow!«

»Hier Leutnant MacIshott. Suchverband hat vorgeschriebene Formation eingenommen. Dürfen wir näher an Horror herangehen?«

»Sie dürfen nicht!« entgegnete Kotranow mit harter Stimme. »Fliegen Sie Ihre Zielpositionen hinter den Sonnen A, B und C, und justieren Sie die Ortungstaster in der vorgeschriebenen Weise ein.«

Er schaltete abrupt ab.

»Wieder einer, der seinem Kommandanten Vorschriften machen möchte.«

»Verzeihung«, wandte Hawk ein, »ich möchte Ihnen wirklich keine Vorschriften machen. Ich gehe nur davon aus, daß unser Auftrag, Horror anzufliegen, vom Großadministrator persönlich stammt. Er hat ja auch den Zeitplan mit Ihnen ausgearbeitet. Daher weiß er, wann wir kommen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß er das System verlassen hat, ohne einen Hinweis auf seinen derzeitigen Verbleib zu hinterlassen.«

»Aber ich kann es«, erklärte Kotranow ruhiger. »Es gibt unzählige uns unbekannte Gründe, die Rhodan zur Änderung seiner Pläne hätten veranlassen können; und ebensogut kann es ihm unmöglich gewesen sein, uns einen Hinweis zu hinterlassen. – Ja, was gibt es, Tashit?«

Der Mathelogiker war in seiner gewohnten lautlosen Weise näher gekommen. Jetzt senkte er den Kopf wie zu einer angedeuteten Verbeugung.

»Ich möchte Ihre Theorie mit meinen Berechnungen unterstützen. Die ML-Positronik sieht Rhodans Anwesenheit in diesem System als nicht gegeben an, falls die Überkreuzortung negativ verläuft.«

»Das ist aber eine sehr angenehme Unterstützung«, entgegnete Kotranow sarkastisch. »Mir wäre wohler, Sie hätten mich widerlegt.«

»Mir auch«, erwiderte Folger Tashit trocken. »Es gibt zu viele Möglichkeiten, die hier mitspielen können. Zum Beispiel das Auftauchen eines oder mehrerer schwarzer Bleistiftraumer wurde von der Positronik erwogen. Sie könnten zumindest die Posbischiffe vernichtet haben. Was die CREST II angeht, die den Bleistiftraumern etwas mehr entgegenzusetzen hat, so warf die Positronik eine andere, noch ungeheuerlichere Kalkulation aus. Wie wir wissen, existiert außer dem Hohlwelttransmitter auch ein im Raum befindlicher Sonnentransmitter, dessen Transmissionsfeld irgendwo ober- oder unterhalb der Bahnebene aufgebaut werden kann. Was nun, wenn die Sonnen aktiv geworden sind und das entstandene Transmissionsfeld die CREST und die beiden Posbischiffe durch einen Zugstrahl angesaugt und zu einer anderen, uns unbekannten Station geschleudert hat?«

Kotranows Gesicht wurde grau.

»Sie malen den Teufel an die Wand, Tashit!« Er überlegte eine Weile. »Hm! So könnte es gehen. Wir wollen nichts unversucht lassen. Wenn in diesem System ein Raumschiff vernichtet wurde, so können die Massenanzeiger und die Analysatoren die Spuren davon feststellen. Anders sähe es aus, wenn der Sonnentransmitter die Schiffe angesaugt hätte.«

»Es gibt noch andere Möglichkeiten«, sagte Hattinger leise. »Leutnant Hawk könnte zum Beispiel versuchen, die Oberfläche Horrors aus sicherer Entfernung mittels seines Okrills zu beobachten. Vielleicht können wir so auf Spuren stoßen.«

»Meinen Sie, daß Ihr Okrill das schafft?« fragte Kotranow.

»Ganz gewiß, Sir.« Hawk gab sich sicherer, als er es in Wirklichkeit war. Aber er hoffte, daß die weitere Annäherung an den Planeten des Schreckens irgendwie weitere Hinweise geben könnte.

Kotranow schien das zu ahnen.

»Sie verleiten mich zu einem kaum noch verantwortbaren Risiko, meine Herren. Aber eines nach dem anderen. Sobald ich Bescheid von der Ortung habe, sehen wir weiter.«

Hawk atmete auf.

Zehn Minuten später traf die erwartete Ortungsmeldung ein. Sie war alles andere als beruhigend.

Oberst Kotranow faßte das Ergebnis in wenigen Sätzen zusammen.

»Zuerst das Positive: In diesem System ist kein Raumschiff vernichtet worden. Jedenfalls lassen sich keine entsprechenden Strahlungen oder Materieballungen feststellen. Die Überkreuzortung hat aber auch keine Spur eines etwa vorhandenen Raumschiffes angezeigt. Das System ist also leer. Ich habe mich dafür entschieden, mich Horror so weit zu nähern, daß wir einen großen Überblick über die Planetenoberfläche gewinnen können. Das dürfte nicht schwer sein. Aber, meine Herren, ich zittere vor dem Augenblick, in dem wir die Gewißheit erhalten, daß es auf Horror nichts gibt, was uns weiterbringt. Tashit, überlegen Sie inzwischen mit Ihrer schlauen Positronik, was wir dann noch tun können!«

Folger Tashit neigte den Kopf, dann ging er auf leisen Sohlen zur Schaltwand der ML-Positronik zurück.

Hawk, der die Zentrale verlassen mußte, um den Okrill zu holen, lief einige Schritte neben dem Mathelogiker her.

»Was halten Sie von unseren Chancen?«

Tashit blieb stehen und blickte den Leutnant traurig aus seinen rehbraunen Augen an.

»Nicht viel. Es gibt nämlich noch eine Möglichkeit, die ich gegenüber Oberst Kotranow nicht erwähnte: Jeder Sonnentransmitter entwickelt ein Ansaugfeld, was nun, wenn es die erfaßten Objekte nicht zu sich zieht, sondern in eine der Sonnen lenkt?«

»Glauben Sie daran?« fragte Hawk erregt.

»Ich nicht, aber meine Positronik gab es als eine der Möglichkeiten an. Ich kann Kotranow nichts davon sagen, da es eben nur eine Möglichkeit ist – und noch dazu die furchtbarste.«

Hawk erschauderte. Dann nickte er.

»Bitte, behalten Sie es auch vorläufig noch für sich. Es könnte sonst sein, daß Kotranow umkehrt.«

»Ich werde schweigen wie ein Grab. So sagt man doch auf Terra, nicht wahr?«

Folger Tashit zuckte unwillkürlich zusammen.

»Sie haben einen Humor, daß sich einem die Seele im Leib herumdreht. Wie ein Grab ...« Er schüttelte sich. »Ich fürchte, für uns Raumfahrer hält das Schicksal nicht einmal ein Grab bereit. Wenn wir sterben, dann zerstreuen sich unsere Atome in alle Winde.«

Der Frontbildschirm war auf maximale Vergrößerung geschaltet.

Gespenstisch schnell stürzte die Oberfläche Horrors scheinbar in den Schirm hinein, während sich ihr das Schiff näherte. Noch waren keine Einzelheiten zu erkennen, obwohl die Vergrößerung stark genug war, aus der Entfernung von einer Million Kilometern mittlere Gebirge und Meere klar zu zeigen.

Leutnant Hawk stand dicht hinter der Reihe der Sessel, in denen die Männer der Zentrale saßen und ihre Aufgaben erfüllten. Mit der Rechten umklammerte er das starke Halsband aus Metallplastik, das den Okrill an ihn fesselte. Es hatte ihn große Mühe gekostet, Sherlock dazu zu bringen, unverwandt den Frontschirm anzuschauen. Das Tier schien eine unerklärliche Furcht zu empfinden. Hawk dachte daran, daß Tiere oft instinktiv eine Gefahr spürten, bevor diese Gefahr sich auswirkte.

Wieder schloß Hawk die Augen und konzentrierte sich auf das Bild, das ihm der Hirnwellenverstärker aus dem Wahrnehmungszentrum Sherlocks übermittelte. In seinem eigenen Gehirn wurden die Wellen zuerst von dem darin eingepflanzten zweiten Hirnwellenverstärker aufgefangen, nochmals verstärkt und dann erst seinem Wahrnehmungssinn zugänglich gemacht.

Doch vorerst gab es nichts, das der Okrill aufspüren konnte. Hingegen liefen die Ortungsgeräte der ANDROTEST II auf Hochtouren und lieferten die ersten Auswertungsergebnisse über die Oberfläche Horrors. Dort unten gab es keine Spur von Leben. Die Planetenoberfläche war, soweit man sie von der Ortung erfassen konnte, flach wie ein Brett.

»Achtung! Ortung an Kommandant!« rief eine sich beinahe überschlagende Stimme aus den Lautsprechern.

»Ich höre!« rief Kotranow zurück. Mit gefurchter Stirn beobachtete er das Interkombild Major Le Croix', des Leiters der Ortungszentrale. Der eigens von der Systemsicherung auf Pluto abkommandierte Spezialist wirkte mit dem schmalen, braungebrannten Gesicht, den abstehenden Ohren und der großen Nase wie eine Karikatur. Aber keiner wußte so gut wie Kotranow, daß Le Croix einer der fähigsten Ortungsspezialisten des Solaren Imperiums überhaupt war.

»Die Konturen von Ruinen heben sich vom Nordpol Horrors ab, Sir. Soviel die Auswertungen ergeben, handelt es sich um zerstörte, aber ehemals gigantische, wahrscheinlich kuppelförmige Gebäude.«

»Vielen Dank!« Kotranow sprach hastig. »Konzentrieren Sie sich weiterhin auf dieses Gebiet. Ich werde die ANDROTEST inzwischen auf den Nordpol einschwenken lassen.«

Der Oberst wandte sich um. Seinem Gesicht war tiefe Befriedigung, aber auch große Erschöpfung anzusehen.

»Was sagen Sie dazu, Hawk? Das hat nicht einmal Ihr Okrill bemerkt, wie?«

Hawk erwachte aus einem tranceähnlichen Zustand.

»Wie bitte? Ach so! Sie sprachen von der Nordpolstation. Sie wurde soeben angegriffen und völlig zerstört. Von dort droht uns keine Gefahr mehr!«

»Was ...?« brüllte Kotranow. »Eben angegriffen ...?«

»Und zerstört«, setzte Hawk hinzu. »Oh!« Er preßte die Hände gegen die Schläfen. »Ich vergaß hinzuzufügen, daß ich dieses Ereignis mittels Sherlocks Spürsinn wahrnahm. Es muß schon einige Zeit zurückliegen.«

»Rhodan!« sagte Hattinger nur.

»Volle Gefechtsbereitschaft!« schrie Kotranow in den Interkom. »Helme schließen, anschnallen!« Zu Hawk gewandt, fügte er hinzu: »Hoffentlich ist die Nordpolstation wirklich hundertprozentig zerstört, mein Lieber. Es könnte sonst sein, daß wir uns auf dem Weg zur Hölle befinden.«

»Noch nicht, Sir, noch nicht ...«, meinte Hawk geistesabwesend.

Hawk versuchte sich zu entspannen. Das fiel ihm relativ leicht, denn er lag lang ausgestreckt auf einem zurückgeklappten Kontursitz neben dem Kartentisch.

Doch das ruckhafte Aufbrüllen, Röcheln und dumpfe Tosen der Triebwerke machte ihn nervös. Dazu kam noch der Umstand, daß von Zeit zu Zeit der Andruckabsorberalarm durch die Zentrale gellte.

Dennoch wußte Hawk, daß Oberst Kotranow unschuldig an dem bockigen Verhalten des Schiffes war. Die ANDROTEST stellte eben ein ausgesprochenes Spezialschiff dar, konstruiert und gebaut für die Überwindung unvorstellbar großer Entfernungen ohne besondere Kurskorrekturen. Jetzt mußten sie ihren Kurs in relativ kurzer Zeit um neunzig Grad ändern – und das in einem räumlich engbegrenzten Raumsektor. Dafür war sie absolut ungeeignet. Nur Kotranows meisterhaftes Können verhinderte eine Katastrophe.

Die Umgebung des Nordpols glich einem einzigen Trümmerhaufen. Furchtbare atomare Gewalten mußten sich hier entladen und ein Gebiet von rund fünftausend Quadratkilometern völlig verwüstet haben.

»Und wo ist sie jetzt?«

»Was meinen Sie?« fragte Hattinger.

Hawk öffnete verwundert die Augen. Er entsann sich erst jetzt, daß er unwillkürlich laut gesprochen hatte.

»Die CREST. Sie hat die Bauwerke vernichtet.«

»Stimmt mit meinen Berechnungen überein«, meldete sich Folger Tashit aus dem Hintergrund.

»Können Sie die CREST ›sehen‹?« fragte Hattinger gespannt.

»Manchmal, für Bruchteile von Sekunden. Sherlock ist heute sehr unaufmerksam. Irgend etwas stimmt hier nicht. Er schaltet seinen Infrarotspürsinn zeitweilig ab, als zwänge ich ihn dazu, in den Glutball einer Nova zu schauen.«

»In den Glutball ...?« Hattinger wurde bleich.

»Nicht, was Sie denken«, sagte Hawk hastig. »Es ist nicht die CREST, die zu einem Glutball geworden ist, sonst könnte sie nicht hin und wieder erscheinen.«

»Die CREST ist es also nicht«, warf Kotranow ein. »Nun, das hatte ich mir gedacht. Die Nordpolstation ist so gründlich und offenbar auch blitzschnell zerstört worden, daß sie der CREST kaum Schaden hat zufügen können. Was sagen Sie dazu, Tashit?«

Doch der Mathelogiker war längst zu seiner geliebten Positronik zurückgekehrt. Kotranow seufzte. »Wir werden den Kurs erneut ändern. Ich möchte fast wetten, daß wir auf dem Südpol Horrors eine ähnliche Station finden werden.«

»Hatten Sie mich gerufen?« fragte Tashits Stimme aus den Helmempfängern.

»Mein Gott! Haben Sie eine lange Leitung!« entfuhr es Kotranow.

Tashit kam näher. »Ich habe eben die Wahrscheinlichkeit berechnet, daß auf dem Südpol Horrors eine gleiche ...« Verwirrt brach er ab, als Hattinger schallend lachte.

Kotranow lächelte boshaft.

»Und dazu brauchen Sie eine Mathelogische Positronik? Wozu besitzen Sie eigentlich selbst ein Gehirn?«

»Ich muß doch bitten!« begann Tashit.

»Ruhe!« befahl Kotranow. »Schnallen Sie sich an. Ich war etwas schneller als Ihre Positronik. In zwei Sekunden beginne ich mit dem Einschwenkmanöver zum Südpol.«

Omar Hawk vernahm ein seltsames Geräusch, kurz nachdem der erste brüllende Schubstoß der Triebwerke verstummt war.

Ahnungsvoll drehte er sich um und beobachtete Folger Tashit. Der Mathelogiker hatte offenbar Schwierigkeiten mit der Luftversorgung. Hawk sah, daß er krampfhaft versuchte, seinen Druckhelm zu öffnen; und immer wieder drang dieses eigenartig würgende Geräusch aus dem Helmempfänger.

Hawk schlug auf das Sammelschloß seiner Anschnallgurte.

In diesem Augenblick gellte erneut der Andruckabsorberalarm auf.

»Bleiben Sie sitzen, Sie Mondkalb!« schrie Kotranow zornig.

»Selber Mondkalb!« grollte Hawk. Im nächsten Augenblick mußte er sich an der Rückenlehne seines Sessels festhalten. Eine mächtige Kraft versuchte, ihn gegen die Decke der Zentrale zu schleudern. Auf den Bildschirmen sah der Leutnant abwechselnd die Oberfläche Horrors und eine der drei Sonnen dieses Systems auftauchen. Anscheinend drehte sich die ANDROTEST II um ihre Querachse. Fasziniert beobachtete Hawk seinen Okrill. Das Tier war nicht angeschnallt gewesen. Das kurzzeitige Versagen der Andruckabsorber hatte es emporsteigen lassen. Jetzt stieß es mit dröhnendem Geräusch gegen die Decke der Zentrale und plumpste wieder zurück auf den Boden. Hinter ihm zerklirrte ein kleiner Beobachtungsschirm, den offenbar die Wucht seines Aufpralls aus der Fassung gerissen hatte. Sherlock selbst schien unverletzt zu sein.

Hawk pfiff schrill zwischen den Zähnen hindurch und stieß sich ab. Mit einem einzigen Satz durchquerte er die Entfernung zur Positronik und landete neben dem Mathelogiker.

Er kam allerdings zu spät.

Folger Tashit war es gelungen, seinen Druckhelm zu öffnen. Sein Mund schnappte keuchend nach Luft, während die Hände über das Gesicht, vor allem über die Augen fuhren, von denen kaum etwas zu sehen war.

Fassungslos blickte Hawk auf den Mathelogiker. Er konnte es nicht begreifen, daß jemand, der für eine Spezialbesatzung ausgewählt worden war, sich nur deshalb übergab, weil sich auf den Bildschirmen die »Welt« um ihn drehte.

Bevor Hawk helfend eingreifen konnte, war ein Medorobot zur Stelle. Er schälte Tashit aus seinem Raumanzug und packte ihn gegen seinen Widerstand auf eine Trage. Dann verschwand er durch das Panzerschott.

»He, Kahler! Was war los?« klang die Stimme Hattingers in Hawks Interkom auf.

»Tashit hat sich übergeben«, erwiderte Hawk.

»Da legst dich nieder!« prustete Hattinger erheitert. Plötzlich brach sein Lachen ab. »Moment mal, Kahler! Tashit hat sich ...? Das ist doch unmöglich. Der Mann muß doch in viel schlimmeren Situationen durchgehalten haben, sonst wäre er nicht in unserem Schiff. Kahler, da stimmt etwas nicht!«

Vielleicht, wenn Hattinger Zeit gefunden hätte, seinen Gedanken bis zu einem logischen Schluß zu verfolgen, wäre noch eine Rettung möglich gewesen. Aber er fand die Zeit nicht dazu.

»Südpolstation unversehrt! Kein Schutzschirm!« meldete sich die Stimme von Major Le Croix. »Besteht aus vier Kuppeln, die in einem Viereck angeordnet sind. Jede Kuppel stellt eine Halbkugel dar, zehn Kilometer hoch und zehn Kilometer Durchmesser am Boden. Mentaltaster sprechen nicht an! Dort unten gibt es kein Leben!«

»Der Kerl schreit so, daß man davon Kopfschmerzen bekommt!« schimpfte Hattinger. »Außerdem schwätzt er unsinniges Zeug.«

Sergeant Usbekian, der den Kurs der ANDROTEST II registrierte, hob den Kopf von seinem Synchronaufzeichner.

»Sie auch, Sir? Mir platzt beinahe der Schädel.«

Verwirrt blickte Hawk um sich. Auch er spürte ein dumpfes Gefühl der Leere im Kopf. Außerdem schien er den Anblick Tashits nicht vertragen zu haben. Sein Magen revoltierte.

Im Helmempfänger vernahm er unterdrücktes, schmerzerfülltes Aufstoßen, dann kam die harte Stimme Oberst Kotranows durch.

»Hier spricht der Kommandant. Wir fliegen Angriff auf die Südpolstation. Ngudru, Sie eröffnen das Feuer aus allen Geschützen, sobald die Station von den Zielsuchern erfaßt ist. Ziel des Angriffs: völlige Vernichtung des Stützpunktes!«

Hawk unterdrückte das Gefühl der Übelkeit und kämpfte sich gegen durchschlagende Andruckkräfte unbeirrt zum Sessel des Kommandanten vor. Dabei beobachtete er die auf dem Frontschirm näher kommende Station.

»Wollen Sie die Station wirklich vernichten?« fragte er, als er neben Kotranow ankam. »Ich meine, ganz ohne genauere Aufklärung?«

»Die Station ist bereits einmal angegriffen worden«, gab der Oberst mit schneidender Stimme zurück. »Eine der Kuppeln weist kleinere Zerstörungsspuren auf, und diese Spuren deuten einwandfrei auf Waffen hin, mit denen die CREST ausgerüstet ist. Das genügt als Beweis für mich. Denken Sie einmal darüber nach, warum die Station zwar angegriffen wurde, aber nicht vernichtet worden ist!«

Hawk dachte darüber nach, und während dort unten die Energiebahnen der vier Impulsgeschütze der ANDROTEST II einschlugen, erkannte er Kotranows Schlußfolgerung. Sie erschien ihm logisch. Wenn Perry Rhodan den Angriff auf die Südpolfestung befohlen hatte, die Festung aber nur relativ unbedeutende Schäden aufwies, konnte das nur eines bedeuten: Der Angriff der CREST II war abgeschlagen worden.

Hawk wartete mit klopfendem Herzen darauf, daß die gleiche Kraft, die der CREST II offenbar zum Verhängnis geworden war, nun auch gegen die ANDROTEST II losschlug.

Aber nichts stellte sich dem unablässig feuernden Schiff entgegen. Atompilze stiegen weit über die Atmosphäre hinaus auf, und der Himmel glühte noch, als das Schiff längst hinter dem Horizont untergetaucht war.

Schweigen herrschte in der Zentrale, als Kotranow die ANDROTEST II im Raum zwischen der B-Sonne und Horror wendete und dann abbremste.

4.

Perry Rhodan blickte mitleidig auf den von Strapazen ausgemergelten, aus unzähligen kleinen Wunden blutenden Körper des Mannes auf dem Untersuchungstisch.

Captain Redhorses Wangen glühten über den eckig hervorstehenden Knochen. Die Augenlider flatterten. Die aufgesprungenen Lippen bewegten sich unhörbar.

Der untersuchende Arzt legte den Plasmasprüher zur Seite, ergriff eine Injektionsspritze und stieß die Kanüle in Redhorses Armvene.

Man merkt ihm nicht an, daß er nur knapp zwei Millimeter groß ist, dachte Rhodan, und ein bitterer Zug grub sich um seine Mundwinkel. Wie sollte man auch? Alles hat sich unter der Einwirkung des Potentialverdichters verkleinert! – Und praktisch hätte das den grausigen Prozeß kompensieren müssen ...

Wenn das ganze Universum ebenfalls verkleinert worden wäre!

So aber waren sie alle abgeschnitten von Freunden, Umwelt und Heimat: alle, die zur Besatzung der CREST II gehörten, des Superschlachtschiffes, das jetzt nur noch anderthalb Meter Durchmesser hatte ...

Die sehnige Gestalt des Cheyenne-Indianers straffte sich plötzlich. Don Redhorse schlug die Augen auf und blickte Rhodan an, als hätte er dessen prüfenden Blick bemerkt. Mühsam hob er eine Hand und lächelte stolz.

»H'gun!« sagte er. »Nur Mut!«

Die Lider sanken wieder herab, als würden sie ihm zu schwer. Der Arm fiel zurück. Gleichmäßig hob und senkte sich die Brust.

»Er schläft«, flüsterte der Arzt.

Perry Rhodan nickte. Ohne ein Wort zu verlieren, wandte er sich um und ging davon. Er hatte nicht zu fragen brauchen, ob Redhorse sich wieder erholen würde. Er wußte es.

Mit gesenktem Kopf ging Rhodan den langen Gang entlang auf die Nottreppe zu, die zur Zentrale des Flaggschiffes der Imperiumsflotte führte.

Er lachte bitter.

Flaggschiff! Ein Flaggschiff von anderthalb Metern Durchmesser!

Das Tal, in dem die CREST II stand, wäre von Menschen normaler Größe überhaupt nicht als Tal erkannt worden, sondern höchstens als kleine Unebenheit des Bodens. Für ihn und für alle Besatzungsmitglieder des Schiffes stellte es einen Kessel von fünfzig Kilometern Durchmesser dar, hufeisenförmig eingeschlossen von achttausend Meter hohen Bergen. Alles auf Horror war ins Extreme verkleinert durch eine Maschinerie, die vor langen Zeiten den Atomkrieg zwischen zwei intelligenten Völkern auf furchtbare Weise beendet hatte.

Nur die Stationen, die verantwortlich waren für das verkleinernde Feld, waren in ihren normalen Dimensionen erhalten geblieben.

Die Nordpolstation hatte von der CREST II noch vor der Katastrophe vernichtet werden können.