Atlantis wird nie untergehen - Giorgos Koukoulas - E-Book

Atlantis wird nie untergehen E-Book

Giorgos Koukoulas

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Beschreibung

Was hat das kosmopolitische Santorin mit dem untergegangenen Reich Atlantis gemeinsam? Zwei Geschichten, zwischen denen Jahrtausende liegen, die jedoch etwas viel Größeres zusammenhält. Auf der heutigen Insel Santorin wird eine Entdeckung gemacht, die die Geschichte der Menschheit für immer neu schreiben könnte. Hier spielte sich vor mehr als dreieinhalbtausend Jahren im sagenumwobenen Atlantis ein verzweifelter Kampf ab: der Kampf um die Rettung eines Volkes und seiner Kultur. Die beiden Handlungen nehmen mit ihren Personen einen parallelen Verlauf. Sie berühren sich, kreuzen sich und trennen sich wieder, verwoben mit dem Ort, der sie verbindet: der archäologischen Stätte des antiken Akrotiri, wo beide Geschichten beginnen und beide enden. Eine aufregende Reise zu einem der beliebtesten Urlaubsziele der Welt und ein Wettlauf gegen die Zeit für die Minoer, die Schöpfer der ältesten europäischen Kultur, die der Spaten des Archäologen jemals zutage förderte. Der Roman ist das Ergebnis intensiver Recherchen. Er ist eine faszinierende Suche nach der Wahrheit hinter dem Mythos vom untergegangenen Atlantis. Wirklichkeit und Fantasie, Vergangenheit und Gegenwart sind fesselnd miteinander verflochten und garantieren atemlose Spannung bis zur letzten Seite.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Giorgos Koukoulas

Atlantis wird nie untergehen

Die Geschichte von Santorin

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Für dich

1. Die Vulkaninsel

2. DREI STUNDEN ZUVOR …

3. Die Entdeckung

4. SECHS STUNDEN ZUVOR …

5. Die Theorie

6. EINE SONNE ZUVOR …

7. Die Begegnung

8. ZWEI SONNEN ZUVOR …

9. Akrotiri

10. DREI SONNEN ZUVOR …

11. Visionen

12. VIER SONNEN ZUVOR …

13. Die Prophezeiung

14. FÜNF SONNEN ZUVOR …

15. Ein bleibender Wert

16. SECHS SONNEN ZUVOR …

17. Talos

18. SIEBEN SONNEN ZUVOR …

19. Der Strand

20. ACHT SONNEN ZUVOR …

21. Die Party

22. MITTAGS, ZEHN SONNEN ZUVOR …

23. Der erste Flug

24. MORGENS, ZEHN SONNEN ZUVOR …

25. Der Vulkanausbruch

26. ELF SONNEN ZUVOR …

27. Offenbarungen

28. JETZT …

29. Verabredung am Abend

30. FÜNF STUNDEN DANACH …

31. Zufälle!

Anmerkungen des Autors

ANHANG

Impressum neobooks

Für dich

1. Die Vulkaninsel

Das Linienschiff folgte einem schnurgeraden Kurs und schnitt die Meeresbucht zwischen den hoch aufragenden schwarz-roten Felsen in zwei Teile. Die Steilwände bildeten eine gewaltige Krateröffnung, die zu einem der größten Vulkane der Erde gehörte. Ganz benommen wachte er aus einem kurzen, aber erholsamen Schlaf auf. In seinem Dämmerzustand nahm er die unwirkliche, wilde Schönheit der Landschaft noch stärker wahr. Mit jeder Sekunde, die verging, erschienen ihm die imposanten Felsklippen des Vulkans, die auf ihn zukamen, immer bedrohlicher und zogen ihn vollkommen in ihren Bann.

Ergänzt wurde das Bild durch blütenweiße Häuser, die, der Schwerkraft und der Höhe zum Trotz, am Rand des Abgrunds zwischen Meer und Himmel hingen. Wie die letzten Schneereste auf Berggipfeln, kurz bevor sie durch die warme Berührung der Frühlingssonne wegschmelzen. Als sich das Schiff dem Hafen näherte, konnte er auf der linken Seite deutlich die ersten Ortschaften der Insel erkennen. Zunächst den Ort Ia mitseinem berühmten Sonnenuntergang. Dann entlang der Steilhänge verstreute Häuser wie kleine weiße Flocken bis hin nach Imerovigli, dem nächsten Dorf. Durch den ungezügelten Bauboom auf Santorin geht Ia beinahe in die Inselhauptstadt Fira über. Nur ein geübtes Auge kann noch zwei getrennte Orte ausmachen. Weiter nach rechts, am Rand der kreisförmigen Caldera, eine ebenso zauberhafte Landschaft. Vereinzelte Gruppierungen weißer Häuser auf dem Gipfel des Vulkans. Auf der gegenüberliegenden Seite der Insel steht der letzte erkennbare weiße Fleck für das Dorf Akrotiri. Minuten vergingen, bis er sich von den eindrucksvollen Bildern lösen konnte, die sich beim langsamen Dahingleiten des Schiffes vor ihm auftaten.

Alexandros kam nicht umhin, sich die Ereignisse noch einmal vor Augen zu führen, die ihm dieses erstaunliche Schauspiel beschert hatten. Alles begann vor zwei Tagen mit dem Anruf seines verehrten, doch – wie es bei allen Beziehungen ist, bei denen es keine gemeinsamen Berührungspunkte mehr gibt – vergessenen Archäologieprofessors Nikodimos. Die Dinge entwickelten sich unerwartet schnell im Vergleich zum gleichförmigen Rhythmus der alltäglichen Routine, dem er sich seit Langem ergeben hatte.

Er hatte den Professor in seinen letzten beiden Jahren an der Hochschule kennengelernt und war sofort zu dessen Lieblingsstudenten geworden. Alexandros war sich noch immer nicht darüber im Klaren, warum er sich für Archäologie als zweiten Studiengang entschied, nachdem er seinen Abschluss an der Fakultät für Physik der Universität Athen gemacht hatte. Drängte es ihn damals wirklich, Kenntnisse auf diesem Gebiet zu erwerben, oder wollte er einer beruflichen Sackgasse entkommen? Von klein auf hatte er den Wunsch gehabt, sich mit den Sternen zu befassen; alles, was den Weltraum betraf, faszinierte ihn über alle Maßen. Als er älter wurde, entschied er sich für das Physikstudium, um eine Laufbahn im Bereich der Astronomie einzuschlagen. Doch der Griff nach den Sternen wollte nicht gelingen, und eine harte, prosaische Wirklichkeit holte ihn auf den Boden der Tatsachen. Die ständigen Ermahnungen und Hinweise von Familie und Freunden, die ihm zu einer fundierten und gesicherten beruflichen Karriere rieten, warfen Alexandros aus der Bahn seiner ursprünglichen Pläne. Am Ende landete er an Nachhilfeschulen in seinem Viertel und gab Unterricht zur Prüfungsvorbereitung auf das Physikexamen. Seine einst wohlhabende Familie hatte in den letzten Jahren mit starken wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Das kleine Familienunternehmen seines Vaters konnte mit den modernen Erfordernissen des Marktes und den rasanten technologischen Entwicklungen im Computerbereich nicht mithalten. Der einträgliche Elektronikladen mit angeschlossener Reparaturwerkstatt aus den Achtzigerjahren gehörte inzwischen der Vergangenheit an. Die Firma kämpfte nunmehr täglich darum, ihre Kosten zu decken, und hatte längst den ungleichen Wettbewerb gegen die modernen multinationalen Unternehmen verloren.

Es war sieben Uhr morgens, als sein Handy klingelte. Derartig frühe Anrufe war er nicht gewohnt. Er wunderte sich noch mehr, als er sah, dass auf dem Display kein eingespeicherter Name erschien, sondern zehn nichtssagende Zahlen blinkten. Neugierig fragte er sich, wer ihn so früh am Morgen störte und was man wohl von ihm wollte. Doch dann fiel es ihm nicht schwer, die stets enthusiastische, lebhafte Stimme seines verehrten Professors wiederzuerkennen. Nachdem Nikodimos in Windeseile die förmlichen Fragen und Antworten hinter sich gebracht hatte, die sich gehören, wenn man über ein Jahr nicht mehr miteinander telefoniert hat, kam er direkt zur Sache.

„Alexandros, ich brauche deine Hilfe.“

Die Lebhaftigkeit seines Tonfalls hatte sich verloren und war in den Ernst übergegangen, der den Professor auszeichnete, wenn er sich während seiner Vorlesungen mit kritischen Fragen befasste. Vorlesungen, die stets in einem voll besetzten Hörsaal stattfanden, selbst wenn die restliche Fakultät leer war - wegen Streiks, Wahlen, Feiertagen und einem Dutzend anderer Gründe, die die Universitäten häufig in ausgestorbene Gebäude verwandeln. Der Professor fuhr fort.

„Ich kann es dir nicht am Telefon erklären, aber du bist der Einzige, dem ich vertraue. Du musst unbedingt sofort nach Santorin kommen. Sofort, hörst du?“ Seine Worte klangen nun stockend und zeugten von seiner inneren Erregung. „Ich bin einer sehr großen Entdeckung auf der Spur … einer außerordentlich großen Entdeckung.“ Nach seinen letzten Worten entstand eine kleine Pause - der Professor versuchte, sich zu sammeln. „Ich erwarte dich morgen, spätestens übermorgen. Die Angelegenheit erlaubt keinen Aufschub, ruf mich an, sobald du weißt, wann du genau ankommst.“

Der anhaltende Signalton an seinem Ohr zeigte an, dass das Gespräch abrupt beendet worden war. Ein Monolog, bei dem Alexandros keinen Augenblick die Möglichkeit hatte, ‚nein‘ zu sagen.

Das Schiff war endgültig in die Caldera von Santorin eingelaufen. Die Häuser auf den Anhöhen waren jetzt deutlich sichtbar. Rechts fuhren sie an zwei kleinen schwarzen Inseln in der Mitte des Kraterbeckens vorbei. Junge Inseln, die ausschließlich aus Lava bestehen, die erstmals vor zweitausend Jahren ausgeströmt war. Seitdem haben sich ihre Größe und ihre Formen häufig gewandelt, ganz nach den Launen des Vulkans. Das letzte Mal hatte er vor dreihundert Jahren beschlossen, seine Morphologie zu verändern, und damals tauchten inmitten von Erdbeben und Eruptionen aus dem Meeresgrund nach und nach neue Stücke Land auf. Diese verbanden sich allmählich miteinander und bilden heute die zweite der beiden Inseln mit dem sprechenden Namen Nea Kameni – die Neue Verbrannte.

Alexandros war nicht das erste Mal auf Santorin. Insel der Liebe … die Kykladeninsel war für alle frisch verliebten Paare das Traumziel schlechthin. Auch er konnte diesem Mythos, oder besser dem Trend der Zeit, nicht entgehen. Erinnerungen an einen Ausflug zu diesen kleinen schwarzen Inseln überkamen ihn, den er vor sechs Jahren am zweiten Urlaubstag zusammen mit Afroditi unternommen hatte. In der Broschüre des Reisebüros stand mit riesigen roten Lettern:

AUSFLUG ZUM VULKAN

Es sollte einige Tage dauern, bis ihm bewusst wurde, dass eigentlich jeder Tag auf dieser Insel ein Ausflug zum Vulkan war. Ohne sich entsprechend zu informieren und auf die Unternehmung und ihre Erfordernisse vorzubereiten, starteten sie zu dieser kleinen Odyssee. Alexandros dachte die ganze Zeit an nichts anderes, als mit seiner Partnerin heftig zu flirten. In den geheimen Windungen seines lüsternen Gehirns tickte ein Countdown bis zu ihrer nächsten sexuellen Begegnung. Zum ersten Mal im Leben musste er die Erfahrung machen, wie quälend das Verlangen nach dem Körper einer Frau sein kann.

Der Ausflug erwies sich als totaler Reinfall. Mit jedem Schritt, den er auf dem unebenen Boden tat, gelangten die heißen schwarzen Steinchen schmerzhaft zwischen seine Fußsohlen und die Flipflops. Da war ihm klar geworden, warum alle Touristen der Ausflugsgruppe – und durch einen gemeinen Zufall auch seine Begleiterin – mitten im Sommer Socken und Sneakers trugen! Wie es sich herausstellen sollte, und zwar wiederholt während dieser Zeit, beanspruchte er die Mehrheit seiner grauen Zellen für den erotischen Countdown, ohne in seinem Hirn für weitere Funktionen Platz zu lassen. Doch das Martyrium ging weiter, als sie den Pfad hinaufstiegen, und inzwischen hatte seine missliche Lage sogar die ungezügelte imaginäre Zeitschaltuhr für den nächsten Sex außer Kraft gesetzt: Sollte er sich blamieren und zugeben, welche Qualen er bei jedem Schritt durchmachte, oder sollte er den Weg fortsetzen wie ein neuer Feuerläufer, nur nicht zu Ehren Gottes, sondern um der Liebe willen? Sein schmerzverzerrtes Gesicht und sein unbeholfener Gang befreiten ihn schließlich aus der Zwangslage. Es war ausgeschlossen, dass die anderen Mitwanderer nichts bemerkten. Der Führer der Gruppe, ein sonnengebräunter, nahezu verkohlter Einheimischer, kam schließlich und kniete sich vor ihn hin. Er öffnete seinen Rucksack und holte ein Paar bräunliche Socken heraus, die sicherlich beim ersten Tragen einmal weiß gewesen waren. Alexandros konnte sich noch genau an die Worte des Führers erinnern:

„Zieh die an, dann geht es dir ein bisschen besser. So etwas passiert nicht zum ersten Mal, aber ich kann ja wohl schlecht auch noch Schuhe in verschiedenen Größen mit mir herumschleppen.“

Sein Angebot wurde von einem leicht ironischen Lächeln begleitet. Das Ganze verschlimmerte sich noch, als sich das Lächeln in ein geiles Grinsen verwandelte, während er aufdringlich seine Freundin Afroditi betrachtete, die direkt neben ihm stand. Wie peinlich! Jetzt eine Tarnkappe, das war sein einziger Gedanke. Eine Tarnkappe, die ihn just in diesem Moment unsichtbar machen würde. Sein einziger Trost war das Schwarz der Landschaft, das mittlerweile hundertprozentig zu seiner Stimmung passte.

Das doppelte Tuten aus dem Schiffshorn riss ihn aus seiner kurzen Rückblende in die Vergangenheit. Auch Afroditi gehörte nur noch zu dieser Vergangenheit und zu seinen Erinnerungen. Sie näherten sich jetzt der Stelle, wo das Schiff unter den Anweisungen des Kapitäns mit dem Präzisionsmanöver beginnen würde, um in einem der schwierigsten und ungünstigsten Häfen der Ägäis anzulegen. Jeder Besucher ist bei seiner Ankunft in diesem Hafen von den gewaltigen schwarzen Felsmassen beeindruckt, die über ihm klaffen, als wollten sie ihn verschlingen. Einziger Ausweg eine gefährliche Straße, die sich, eingehauen in die abwechslungsreichen rotschwarzen Wände aus Vulkangestein, bergan schlängelt. Der Professor wohnte ganz auf der anderen Seite der Insel in der traditionellen Siedlung Ia, und Alexandros hatte nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl, um dorthin zu gelangen. Es gab den Linienbus, der ihn zunächst in Fira, der Inselhauptstadt, absetzen würde. Von dort müsste er dann in den Bus nach Ia umsteigen. Die Alternative war, mit allen anderen verbliebenen Reisenden in der endlosen Schlange auf ein freies Taxi zu warten. Schließlich entschied er sich für den umständlichen Weg, die öffentlichen Verkehrsmittel auf der Insel zu benutzen.

Die stark behaarte, verschwitze Achsel einer beleibten nordeuropäischen Touristin war nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Gleichzeitig musste er bei jeder Steilkurve mit seinem Körper die Pfunde einer übergewichtigen Griechin neben sich abfangen. Die Dame mittleren Alters unternahm löbliche Anstrengungen, sich an den abgenutzten Haltegriffen des Busses festzuhalten, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Das Martyrium dauerte etwa eine halbe Stunde. So lange, wie der Bus bei den häufigen Haltestellen brauchte, um seine Fahrt bis nach Fira zu Ende zu bringen.

Bei der zweiten Strecke, von Fira nach Ia, hatte er mehr Glück. Er erwischte einen bequemen Fensterplatz auf der linken Busseite, der ihm eine gute Gelegenheit bot, sich wieder an die seltene Morphologie der Insel zu erinnern. Gerade auf dieser Strecke sind die Gesteinswechsel beeindruckend. Das ist schon für den einfachen Betrachter außerordentlich interessant, umso mehr noch für jemanden, der sich wissenschaftlich mit Geologie beschäftigt. Denn es war eine Exkursion der Athener Fakultät für Geologie, bei der er zum ersten Mal mit Santorin in Berührung gekommen war. Es kam ihm vor, als sei es erst gestern gewesen, dass er den detaillierten Analysen Afroditis lauschte, die damals kurz vor dem Studienabschluss stand. Sie erklärte ihm alles über die verschiedenen Sedimentschichten aus Asche und Lava, die die Insel seit dem letzten gewaltigen Vulkanausbruch bedecken. Jede Veränderung in den Farbnuancen der Felswände repräsentiert ein anderes Mineral und ein unterschiedliches Entstehungsdatum. Eine komplette historische Präzisionskarte mit den geologischen Fingerabdrücken der Gegend aus einer Zeit, die Jahrmillionen zurücklag. Er war überrascht, dass er sich nach so langer Zeit, wenn auch vage, an einige grundlegende Informationen erinnerte. Er mochte Afroditi zwar bei den endlosen Lektionen, die sie ihm an jeder Stelle der Insel erteilte, ständig angeschaut und an ihren Lippen gehangen haben, doch hatte er dem Sinn des Gesagten wenig Beachtung geschenkt. Immer neue Erinnerungssplitter blitzten in seinem Kopf auf.

Was hatte diese wunderschöne junge Frau, die voller Leben steckte, nur an ihm gefunden? An einem jungen Studenten, damals bei seinem zweiten Diplom. Nicht sonderlich gut aussehend, mittelgroß, mit einem untrainierten, schlaffen Körper, ohne Berufsaussichten, mit finanziellen Engpässen. Eine geschmacklose, für sein Gesicht zu große Brille, war das Tüpfelchen auf dem i. Das war die brutale Antwort, die ihm sein Spiegelbild gab, das ihn jedes Mal aufs Neue anstarrte, egal wie viele Spiegel er ausprobierte, immer in der Hoffnung, einmal ein angenehmeres Gegenüber zu sehen.

Afroditi – der Name des Mädchens deckte sich perfekt mit der Göttin Aphrodite. Dieser Gedanke überwältigte ihn im ersten Monat ihrer Bekanntschaft. Eine Schönheitsgöttin wie ihre Namensgeberin aus der Runde der zwölf Götter des Olymps, die mit jeder ihrer Bewegungen Weiblichkeit verströmte. Ein munteresGesicht mit hellem Teint und zwei tiefblauen Augen, das er stundenlang betrachten konnte. Ein blühender, wohlgeformter Körper machte dieses Bild perfekt, nicht besonders groß, aber üppig und voller Verheißung. Was die Mythologie anging, wurde sie ihrem Namen vollkommen gerecht. Die Identifikation mit der Göttin erstreckte sich aber auch auf die Astronomie. Der einzige Planet mit weiblichem Namen in unserem Sonnensystem ist die Venus, der römische Name für Aphrodite. Es ist außerdem kein Zufall, dass es auch der einzige Planet ist, der sich gegenläufig zu den anderen bewegt und sich dabei selbst der Herrscherin, der Sonne, widersetzt. Genauso verhielt sich auch Afroditi. Immer kontra zu allen Konventionen und Benimmregeln. Immer vorne weg bei allem Neuen und immer aufmüpfig. Der Inbegriff der Auflehnung gegen das Establishment.

Wo sie auch mitmachte, wo sie sich auch aufhielt, sie fiel auf. Es war unmöglich, sie nicht zu beachten. Mit ihrer Mischung aus Schönheit und einer starken, komplexen Persönlichkeit beherrschte sie jeden Raum. Genau wie der namensgleiche Planet. Schon in prähistorischen Zeiten hatten die Menschen bemerkt, dass die Venus das hellste Objekt am Nachthimmel war. Die alten Griechen nannten sie Morgenstern, also Vorbotin des Sonnenaufgangs. Am schönsten erschien sie aber als Abendstern, direkt nach Sonnenuntergang.

Jahrzehntelang waren sich die Wissenschaftler uneins darin, was unterhalb der Wolkendecke existierte, die diesen mysteriösen Planeten umgab. Was für eine Art von Oberfläche würden wir darunter finden? Mit Feuereifer forschte auch Alexandros und versuchte zu entdecken, was sich hinter der faszinierenden, geheimnisvollen jungen Frau verbarg, mit der er das Glück hatte, zusammen zu sein. Nur hatte er dabei die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht bedacht. Moderne Weltraummessgeräte offenbarten eine Oberflächentemperatur von vierhundert Grad Celsius mit einem neunzigmal stärkeren Atmosphärendruck als dem auf der Erde.Ein heißer und ungastlicher Planet. Der Erde am nächsten gelegen und doch vielleicht am schwierigsten zu erreichen und zu besiedeln ...

Alexandros’ umfangreiche Kenntnisse auf dem Gebiet der Astronomie waren nicht genug, um ihn von seinem Unternehmen abzuhalten. Er entschied sich dafür, die letzten Entdeckungen im Hinblick auf den Nachbarplaneten zu ignorieren. Wie ein unerfahrenes, ehrgeiziges, aber naives Forschungsraumschiff versuchte er, die Naturgesetze zu besiegen und im Herzen seiner Venus-Aphrodite zu landen. Doch das Ende ihrer Beziehung war bereits vorprogrammiert und zeichnete sich in vorangegangenen Forschungsmissionen ins All ab. Auf eine wunderbare Reise voll intensiver Erfahrungen bis an den Rand ihrer Atmosphäre folgte ein plötzlicher glühender Eintritt, der mit einem heftigen Aufprall endete. Der Versuch war fehlgeschlagen, ohne die Gelegenheit, wissenschaftliche Daten zu erheben, was die Zusammensetzung, die Morphologie und das Verhalten des Himmelskörpers betraf. Und natürlich gab es keinerlei Überlebenschancen für das Weltraumforschungsschiff, das vollständig zerschellte. Alexandros hatte sich nie von ihrer Trennung erholt.

Der Professor war noch genauso, wie er ihn in Erinnerung hatte, mit seinem unverkennbaren weißen Vollbart, von mittlerer Statur, pausbäckig und mit einem sympathischen runden Bäuchlein. Ein idealer Kandidat für die Rolle des Nikolaus bei jeder Weihnachtsfeier. Wenn man ihn aber etwas besser kennenlernte, offenbarten sich - trotz seines vorgerückten Alters - ein funkelnder Blick und ein ungewöhnlicher Tatendrang. Schon als er ihm zum ersten Mal an der Uni begegnet war, wirkte der Professor, als liefe er ständig auf Hochtouren. Man hatte den Eindruck, dass das Getriebe seines Gehirns unaufhörlich an einer neuen Idee oder Entdeckung arbeitete.

Sie waren noch nicht dazu gekommen, sich eingehend zu unterhalten, da saßen sie auch schon in einem weißen VW-Käfer Cabrio auf dem Weg zur anderen Seite der Insel. Dem geliebten Auto des Professors, seiner ersten und ewigen Liebe, wie er bei jeder Gelegenheit und jedem Kompliment für den Wagen scherzend sagte. Es war vielleicht die einzige menschliche Schwäche, die Alexandros in der absoluten Hingabe des Professors an die archäologische Forschung ausgemacht hatte. Unter anderen Umständen hätte er sich wohl ziemlich geärgert, dass er die ganzen Strapazen auf sich genommen hatte, nach Ia zu gelangen, nur um dann sofort wieder den Rückweg anzutreten, genau dorthin zurück, von wo er aufgebrochen war. Doch die Freude über die erneute Begegnung mit seinem Professor besiegte, zusammen mit seiner nur mühsam gebändigten Neugier auf die Gründe für diese überraschende Reise, alle negativen Gefühle und die bisherigen Anstrengungen.

Die Straße war ziemlich gefährlich und unübersichtlich. Das hielt ihn davon ab, ein ausführliches Gespräch über die Entdeckung zu beginnen, die ihn hier hergeführt hatte. Auf der Busfahrt hatte er deutlich weniger Angst gehabt und sich unbewusst auf den Fahrer und dessen Berufserfahrung verlassen. Ganz anders jetzt. Beim Anblick des alten Professors am Steuer des VW-Käfers, der sich der fabrikmäßigen Höchstgeschwindigkeit näherte, und des Abgrunds, der in jeder Steilkurve lauerte, verbot es sich von selbst, den Fahrer durch anspruchsvolle Gespräche abzulenken. Stattdessen begann er, eigene Vermutungen darüber anzustellen, wodurch es zu dieser Auffrischung ihres Kontaktes gekommen war.

Durch seine Diplomarbeit wusste er sehr gut, dass sich Nikodimos vor allem für die minoische Zeit interessierte, und zwar insbesondere für die Unklarheiten und Wissenslücken im Hinblick auf diese wunderbare vorgeschichtliche Kultur im frühen Griechenland. Im Gegensatz zur ägyptischen Zivilisation, die ungefähr in demselben Zeitraum in ihrer Blüte stand, gibt es zur minoischen Epoche nur spärliche, eher unerhebliche Daten. Die Ägypter, die über Papyri und Hieroglyphenschrift verfügten, hinterließen ihren Nachfahren eine Fülle von Informationen und historischen Angaben über ihre Kultur. Die Morphologie und die geografische Lage der Region, wo Generationen von Pharaonen ihre Glanzzeit erlebten, begünstigten den Erhalt archäologischer Funde. Die wichtigste Rolle spielte dabei die ununterbrochene Kontinuität der ägyptischen Kultur von 3500 v. Chr. bis zur ptolemäischen Zeit 30 v. Chr. Die Minoer dagegen kannten als Hauptschriftsprachen die Linearschrift A und B und verwendeten keine Papyri. Deshalb - und wegen des rätselhaften Verschwindens ihrer Zivilisation – gehören sie bis heute zu einem der geheimnisvollsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Auf dem Höhepunkt ihrer Blüte, und während man im weiteren helladischen Raum nach ihresgleichen suchen konnte, wurde ihre Kultur zerstört und verschwand für immer. Sie hinterließ nur erstaunliche Einzelbeispiele ihrer Überlegenheit. Der Schleier des Geheimnisses über der ersten glanzvollen Kultur, die sich in Europa entwickelte, war für den Professor die Quelle seiner Inspiration und Forschung. Nach Kreta liefert Santorin mit seinen archäologischen Funden den stärksten Beweis für die Existenz und die beste Möglichkeit zur Erforschung dieser glanzvollen Kultur.

Nikodimos glaubte, dass es auf Thera – so der offizielle Name der Insel – noch viel über die Minoer zu entdecken gab. Er war schon fast zu einem ständigen Einwohner geworden und verbrachte mit Dickköpfigkeit und Beharrlichkeit, fast schon Besessenheit zu nennen, viel Lebenszeit auf dieser kargen Insel. Vielleicht sogar mehr als viele Einheimische, besonders diejenigen, die im Tourismus arbeiten und die Insel gleich nach dem Ende der Sommersaison verlassen, um selbst in den eigenen Urlaub zu starten, gewöhnlich zu entfernten, tropischen und sündhaft teuren Reisezielen, wo der Sommer gerade beginnt.

„Sind wir bald da?“ Das war der erste Satz aus Alexandros’ Mund.

Der weiße Wagen näherte sich dem Dorf Akrotiri. Seine Geduld, die dank seines ruhigen Wesens normalerweise unerschöpflich war, wurde auf eine Zerreißprobe gestellt. Der Professor lächelte und nickte; er konnte die Erschöpfung seines Mitreisenden gut verstehen.

„Da wären wir!“, antwortete er gleich darauf.

Sie parkten vor einem der traditionellen weißen Kykladenhäuser mit ihren typischen gewölbten Dächern und den blauen, quadratischen Holzfenstern in den Wänden. Als sie auf die Hoftür zugingen, streckte der Professor gebieterisch seinen Arm aus und versperrte ihm den Weg.

„Alexandros, ich möchte, dass du bei dem Hausbesitzer mit deinen Äußerungen sehr vorsichtig bist.“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser. „Wie du sehr gut weißt, hat ein Eigentümer mit ernsthaften Schwierigkeiten zu rechnen, wenn auf seinem Grundstück und in seinem Haus archäologische Funde gemacht werden. Er läuft Gefahr, dass er seinen Besitz verliert oder dass dieser im günstigsten Fall bedeutend an Wert einbüßt“, setzte er seine Erklärungen fort, wobei er gleichzeitig rasche Blicke um sich warf, weil er offensichtlich mit dem Erscheinen des Hausbesitzers rechnete. „Alles begann mit ein paar Geschichten, die ich im vergangenen Februar zufällig in einem Kaffeehaus in der Nähe gehört habe. Es hat mich einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, bis mir dieser Santoriner die Tür zu seinem Haus, genauer gesagt, zu den Kellerräumen geöffnet hat.“ Er hielt inne und schaute seinen Schüler mit verschwörerischer Miene an. „Und ich habe mich nicht auf Worte beschränkt, um das zu erreichen“, fügte er hinzu und rieb mit erhobener Hand drei Finger aneinander, um so die Zahlung eines beträchtlichen Geldbetrags anzudeuten.

„Keine Sorge, Professor, ich werde schon aufpassen. Aber jetzt kann ich es bald nicht mehr aushalten. Können Sie mir nicht wenigstens einen kleinen Hinweis geben, um was es hier geht?“ Seine Neugierde hatte ihren Höhepunkt erreicht, und die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. „Was gibt es in diesem Keller zu sehen? Was kann denn so wichtig sein?“ Er neigte sich zu ihm und ermunterte ihn mit seinem Blick, mehr zu sagen. Aber der Professor trat zurück und sagte laut:

„Ein neuer Stein von Rosette, mein Lieber!“ Sein Gesicht strahlte. So hatte Alexandros ihn noch nie erlebt, weder in den Hunderten von Vorlesungen, die er besucht, noch an den endlosen Abenden mit tiefgründigen Diskussionen, die er mit ihm verbracht hatte.

„Ein neuer Stein von Rosette!“, wiederholte er jetzt auch mit lauter Stimme. Er war sich ohnehin sicher, dass der große schlanke Mann mittleren Alters mit den grau melierten Haaren, der auf sie zukam, um die Hoftür zu öffnen, keine Ahnung von der Bedeutung dieser Wörter haben dürfte.

Im Jahre 1799 entdeckte ein französischer Offizier zufällig einen gemeißelten Stein in der Nähe einer Garnison im Norden der unterägyptischen Stadt Rosette. Eine steinerne Stele, die die Entzifferung der Hieroglyphen und den Schlüssel zur Erforschung der ägyptischen Zivilisation in sich barg. Auf dieser Tafel befanden sich Inschriften, die in drei Bereiche unterteilt waren. Die beiden ersten Abschnitte waren in unterschiedlichen Schriftformen der altägyptischen Sprache verfasst, die bis dato nicht entschlüsselt werden konnten. Der dritte Abschnitt war jedoch auf Griechisch. Darin stand ein Hinweis, dass es sich um ein Dekret des Ptolemaios, Herrscher über Ägypten, handelte, und zwar in drei Sprachen! Ein Stück Stein löste auf einen Schlag das Rätsel, das Archäologen, Sprachwissenschaftler und Historiker jahrhundertelang vergeblich zu entschlüsseln suchten.

Alexandros machte sich innerlich auf das gefasst, was wohl als Nächstes kommen würde. Sollte es möglich sein, dass er vor einer so bedeutenden Entdeckung stand? Ein Augenblick, von dem die Archäologen ihr ganzes Leben lang träumen, den sie aber nur selten erleben dürfen? Vielleicht war sein geliebter Professor ja blind geworden vor lauter Eitelkeit und Leidenschaft, Chimären hinterherzujagen? Hatten ihn vielleicht die Jahre ständiger Suche und Forschung schließlich an den Rand des Wahnsinns getrieben? Schon in wenigen Minuten würden seine drängenden Fragen vielleicht auf die Realität prallen wie gewaltige Wellen, die auf Wellenbrecher treffen ...

2. DREI STUNDEN ZUVOR …

Und wieder bebte die Erde. Dieses Mal durch eine noch stärkere Explosion. In ihrer Todesangst bäumten sich die Pferde auf und wieherten laut. Die Vulkanasche fiel wie Schnee auf sie herab. Die Luft roch nach Tod.

„Herr, die Pferde sind nicht mehr zu halten …” Die Stimme des schweißüberströmten Soldaten war nur noch ein Krächzen, unterbrochen von keuchendem Husten. Der seltsame schwarz-weiße Rauch bedeckte inzwischen die ganze Gegend.

Der hochgewachsene, stattliche Offizier an der Spitze des Trupps warf einen forschenden Blick in die Umgebung. Beißender Schwefelgeruch drang ihm in die Nase. Er wusste, dass seine Soldaten und wohl auch die Pferde ebenso unter Kopfschmerzen und Übelkeit litten wie er. Alles geschah so schnell, dass er gar nicht dazu kam, sich zu fürchten oder zu begreifen, mit welchen Mächten sie es zu tun hatten. Waren die Menschen zu völliger Bedeutungslosigkeit verurteilt? Mussten sie sich endgültig dem unbegreiflichen Willen der Natur unterwerfen? Rasch wägte er die Lage ab. Es war ihm klar, dass sie ihren Auftrag unmöglich erfüllen konnten. Die Ladung würde ihren Bestimmungsort nie erreichen. Der Soldat hatte recht.

„Spannt die Pferde aus und bringt die Tafeln in die Höhle dort rechts.” Als Anführer der Gruppe musste er sofortige, durchgreifende Entscheidungen treffen. „Es hat keinen Sinn. Mit der ganzen Last der Tafeln schaffen wir es nie rechtzeitig bis zum Hafen von Akrotiri“, fügte er laut mit fester Stimme hinzu.

Er hatte sich bemüht, dem Befehl des Königs Folge zu leisten und das wertvollste und bedeutendste Schriftgut aus der Hauptbibliothek des Palastes vor der Zerstörung zu bewahren. Doch der zweite Teil des Befehls erschien ihm ungleich wichtiger. Die Vorstellung, dass ihn die Prinzessin verzweifelt im Hafen erwartete, verbot ihm jeden Gedanken an weitere Versuche, die Schrifttafeln zu retten.

„Wenn sich Mutter Erde wieder beruhigt hat, kommen wir zurück, um die Tafeln in Sicherheit zu bringen.“

Das sagte er nur, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen. Die sechs verbliebenen Soldaten beachteten seine Worte gar nicht. Erleichtert hatten sie schon damit begonnen, den Ballast in die Höhle zu verfrachten. Ihr Überlebenswille war schließlich genauso stark wie jener der Tiere. Vor einigen Stunden hatten die letzten Bilder von der Zerstörung der Stadt sie bis ins Mark erschüttert. Mut und Selbstvertrauen, Eigenschaften, die bei seinen Soldaten stets im Überfluss vorhanden waren, hatten sich in Luft aufgelöst.

„Stapelt die Tafeln zu gleichen Teilen in den drei Höhlenöffnungen.” Es war ein letzter Versuch des Offiziers, die Aussichten für die Rettung der Schriften zu erhöhen.

In der letzten Woche waren fast alle Bewohner von Strongyle zu den Küstenhäfen geflohen, um sich von dort aus auf den nächstgelegenen Inseln in Sicherheit zu bringen. Doch wahrscheinlich war der Beschluss zur Räumung der Insel zu spät gekommen. Die wichtigsten Hafenanlagen im Inneren der Insel waren zusammen mit einem großen Teil der Flotte gänzlich zerstört worden. Der Vulkan hatte ihnen keine Zeit gelassen, etwas zu unternehmen. Die Gestalt der Insel hatte die Zerstörungen noch begünstigt. Der Meeresring, der das Inselinnere umgab und dem das Gedeihen und die Sicherheit des Reiches hauptsächlich zu verdanken waren, hatte sich in eine tödliche Falle verwandelt. Der einzige Zugang zum offenen Meer war nicht groß genug, um einen Austausch mit kälterem Wasser zu erlauben und die Hitze innerhalb des Ringes zu senken. Das Brodeln des Meeres mit seinen rötlich und gelblich gefärbten Schaumkronen war das erste Anzeichen des nahenden Unheils gewesen. Wenige Minuten später waren bereits die meisten Schiffe gesunken und alle Hafenanlagen zerstört. Im kochenden Meer, das die Fische tot an Land spülte, hatten auch die Schiffe kein besseres Schicksal zu erwarten. Auf der gesamten Oberfläche des Meeresrings brannte das Wasser wie Öl im Feuer. Die Schiffsrümpfe barsten auseinander und sanken innerhalb von Sekunden, begleitet von den Schreien ihrer Besatzungen. Der Tod der Seeleute war langsam und qualvoll. Anfänglich versuchten sie, an die nächstgelegene Küste zu schwimmen, doch schon nach den ersten Armbewegungen löste sich ihr Fleisch von den Knochen. Dann verschwanden sie einfach in den siedend heißen Wassern und Dämpfen. Nur den wenigen Glücklichen, deren Schiffe neben den Landungsstegen ankerten, gelang es, an Land zu springen und sich zu retten.

Eine neue Eruption warf zwei Soldaten zu Boden, wobei die Tafel, die sie trugen, einem von ihnen auf den Knöchel fiel und entzweibrach. Sein Schrei ging im Krach der Explosion unter, doch sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Beeilt euch, helft dem Verletzten auf sein Pferd und macht weiter mit dem Abladen.“ Die Zeit war nicht auf ihrer Seite, das wusste der Anführer genau. Einzig seine innere Stimme konnte ihnen noch den Weg zur Rettung weisen.

Das Schauspiel im Inselinnern ließ erkennen, dass die Naturgewalten nun völlig entfesselt waren. Unheimliche, grellrote und gelbe Blitze flackerten immer wieder durch die Luft. Die schwarze Rauchglocke, die über der Stadt hing, breitete sich unaufhörlich weiter aus. Der Wind, der von dort herüberwehte, war heiß und nahm ihnen den Atem. Bei jeder Eruption wurden immer höhere Feuerzungen emporgestoßen. Dann verschwanden sie in den Wolken, begleitet vom Krachen gegeneinanderprallender Felsbrocken, die durch die Luft geschleudert wurden.

Hastig brachten die Soldaten die letzte Tafel in die Höhle. Im Ascheregen, der nach jeder Explosion dichter wurde, erkannte der Anführer die Prophezeiung, die in die Tafel geritzt war. Direkt darunter stand sein Name: Andrion. Er war kürzlich zur Sicherheit am Ende der Tafel hinzugefügt worden. Welch eine Ironie …, dachte er. Die Prophezeiung hat mich hergeführt, und nun begleitet sie mich bei meinem Abschied.

3. Die Entdeckung

Ilias, der Besitzer des Hauses, war ausgesprochen freundlich zu den beiden.

„Ich lasse euch nicht gehen, bevor ihr nicht etwas gegessen habt. Sonst schiebe ich einfach einen Riegel vor die Kellertür und das war’s dann“, sagte er im Scherz.

Der Professor nahm Platz und steckte sich einen der kleinen traditionellen Kuchen von Santorin in den Mund. Sein Blick wanderte über die weißen Wohnzimmerwände, an denen Rahmen mit vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos der Familie hingen.

„Die nennen sich Meletinia“, erklärte ihnen Ilias. „Eigentlich ist es ein Ostergebäck, aber wir machen es das ganze Jahr über.“

„Nicht schlecht!“, sagte Alexandros und streckte seine Hand nach einem zweiten Stück aus.

Er konnte Vanille oder Mastix herausschmecken und wollte gern genauer überprüfen, ob er wohl mit seinen gastronomischen Vermutungen recht hatte. Das Gebäck vor ihm bot eine willkommene Ablenkung, um seine Ungeduld in den Griff zu bekommen. Dazu gab es den süßen lokalen Rotwein, bekannt als Vinsanto. Vom Hausherrn selbst hergestellt und in seinem Keller gelagert, dort, wo sie nun gleich hinuntersteigen sollten.

„Vin-santo, das heißt Vino di Santorini, also Wein aus Santorin“, übersetzte der Professor mit erhobenem Glas und nahm zwei Schlucke.

Als sie wenig später die Treppenstufen hinabstiegen, berichtete ihnen Ilias voller Stolz in Kurzform von der Tradition seiner Familie, einer der bekanntesten der Insel auf dem Gebiet des Weinbaus und der Weinherstellung. Die Holzfässer standen rechts und links in zwei Reihen und füllten fast den ganzen Keller aus. Dazwischen ließen sie nur einen schmalen Korridor frei. Das Duftgemisch aus Most und Holz verbreitete sich im ganzen Raum. Direkt gegenüber, am Ende des Kellers, gab es eine verrostete Eisentür. Mit seinem Gesicht berührte Alexandros fast den Rücken des Professors. Wenn der ohne Vorwarnung stehen bliebe, würden sie zusammenstoßen. Doch Nikodimos blieb keineswegs stehen.

„Vielen Dank, Ilias, von hier aus kenne ich den Weg.“ Der Professor hatte es eilig, diesen lästigen Einheimischen loszuwerden. Er wollte seine Entdeckung endlich mit jemandem teilen, der ihre Bedeutung einschätzen konnte. Er holte einen langen Metallschlüssel aus seiner Tasche und ging zur Tür.

„Braucht ihr ganz sicher keine Hilfe dort drinnen?“ An Ilias’ Gesicht konnte man die Enttäuschung ablesen. Die wenigen spärlichen Haare, die bis jetzt an seinem kahlen Kopf klebten, stellten sich widerspenstig auf. Er hatte gehofft, dass die Anwesenheit des neuen Mitarbeiters auch für ihn ein gewisses Mehr an Information über die Arbeit des Professors mit sich bringen würde.

„Ganz sicher nicht!“

Ton und Lautstärke, mit denen der Professor antwortete, ließen keinen Zweifel an seinen Worten. Der Störenfried unter ihnen machte grummelnd eine Kehrtwende und zog sich verstimmt zurück.

„Das hier soll mal ein Abstellraum werden. Ilias hat kürzlich damit begonnen, seinen Keller auszubauen. Der Untergrund auf der Insel ist so beschaffen, dass die Leute hier gern ihre Kellerräume vergrößern, indem sie den leicht zu bearbeitenden Bimsstein aushöhlen.“ Die Stimme des Professors hatte den gewohnten dozierenden Ton angenommen, während er die behelfsmäßige Tür aufschloss.

Alexandros schlug das Herz bis zum Hals. Seine Sinne waren bis zum Äußersten überreizt.

„Und siehe, es ward Licht!“, rief der Professor aus und betätigte gleichzeitig den Schalter zu seiner Rechten.

Eine nackte Glühbirne, die in der Mitte von der Decke hing, verdrängte das dichte Dunkel der Kammer. Alexandros’ Blick streifte rasch durch den Raum. Rechts von sich erkannte er sofort die archäologischen Spezialwerkzeuge für Ausgrabungen. Besonders fielen ihm ein kleiner Spaten und eine Hacke auf. Daneben lagen ein Spachtel und ein Handfeger sowie Pinsel in verschiedenen Größen. Links gab es ein paar elektronische Geräte, einen Laptop und einen digitalen Fotoapparat. Die Wand ihm gegenüber war ausgehöhlt. Auf einem Erdhaufen auf dem Boden lag eine rechteckige Tafel mit eingeritzten Zeichen. In der Wandöffnung war im schwachen Licht eine weitere ähnliche Tafel zu erkennen, die bis zur Hälfte mit einer dicken Schicht Erde bedeckt war.

„Ist das denn die Möglichkeit?!“ Der junge Archäologe wollte seinen Augen nicht trauen. Er rückte seine Brille zurecht. Verwirrt blickte er sich um, unfähig zu begreifen, was er da sah. Es war etwas, worauf er trotz seiner reichen Erfahrung nicht vorbereitet war. Μit religiöser Andacht kniete er vor der schräg liegenden Tafel nieder und begann, sie eingehend zu mustern, ohne sie dabei zu berühren. „Das ist wahrscheinlich Linear A, aber nicht nur ... da sind auch ... aber ist das denn die Möglichkeit?“ Seine Stimme zitterte, während er versuchte zu begreifen, was er da vor sich hatte.

„Ja, mein lieber Freund! Es sind Tontafeln, in die mit einem spitzen Werkzeug Schriften in den feuchten Ton eingeritzt wurden, und die danach in der Sonne trockneten“, der Professor lieferte die Antwort auf die Frage, die sein Schüler noch nicht zu stellen gewagt hatte, und fuhr mit der Erläuterung fort: „Linear A im oberen Teil der Tafel und direkt darunter eine Form von ägyptischen Hieroglyphen.“

„Haben Sie schon etwas entziffert? Gibt es schon Ergebnisse? Lässt sich der Text lesen?“ Alexandros’ Fragen prasselten wie Regen auf den Professor nieder.

„Wenn du nicht so aufgeregt wärst, hättest du es normalerweise bemerkt“, stellte Nikodimos fest, der seine Eigenschaft als gestrenger Lehrer nicht einfach abstreifen konnte. „Die Geschichte der ersten Funde mit ägyptischer Schrift beginnt 2600 v. Chr. Das hier sind Hieroglyphen der mittelägyptischen Sprache. Die gängige Schriftsprache des Mittleren Reichs im Zeitraum von 2050 bis 1450 v. Chr., die für Monumente, Inschriften, religiöse und literarische Zwecke benutzt wurde.“

„Können wir sie übersetzen?“ Eine Frage jagte die andere.

„Zu unserem großen Glück befindet sich einer der Besten seines Fachs gerade hier auf der Insel. Mein guter alter Freund Howard, Leiter des Fachbereichs für Archäologie und Anthropologie an der Universität Bristol. Wir sind heute noch mit ihm verabredet, um über die Resultate zu sprechen, die die Entzifferung der ersten Tafel ergeben haben.“

„Hier am Ende, hinter dem Hieroglyphentext, gibt es noch etwas ... noch ein Wort ... in Linear A ...“ Alexandros brachte die letzten Worte nur stockend und mit Mühe hervor. Die staubbedeckte Platte befand sich wenige Zentimeter vor ihm. Dieser antike Gegenstand schien etwas auszudünsten, das ihm in die Poren drang. Zur großen Überraschung des Professors tat er etwas, was ein absolutes Unding war: Er verletzte die erste Grundregel, an die sich selbst noch der unkundigste oder unerfahrenste Archäologe hielt. Wie hypnotisiert berührte er mit sanften Fingerspitzen das letzte Wort, das in die Platte eingeritzt war.

Plötzlich löste sich die Zeit auf. Sein Blick trübte sich, der Raum begann sich zu drehen. Es wurde warm und stickig, und er fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Sein Körper hielt es nicht länger aus. Das Bild schien von irgendwo anders herzukommen, aus einer Schattenwelt, die keinen Bezug zur Wirklichkeit hatte. Gestalten und Gegenstände, die Natur selbst, ruhten dort in ewiger, nebulöser Starre, außerhalb von Raum und Zeit. Verworrene Bilder eines Mannes mit hartem, entschlossenem Gesicht auf einem Pferd. Lärm, Explosionen, Rauch ...

„Alexandros!

Alexandros!

Alexandros, mein Junge, komm zu dir!“

Langsam kam er wieder zu Bewusstsein. Hinter den beschlagenen Gläsern seiner Brille erkannte er vage das vertraute Gesicht des Professors, das besorgt über ihn gebeugt war. Er hatte ihn mit beiden Händen gepackt und rüttelte ihn an den Schultern.

„Was ist passiert?“ Benommen öffnete er seine Augen etwas weiter.

„Alexandros, mein Junge ... Nicht einmal ich habe so reagiert, als ich die Tafeln zum ersten Mal zu Gesicht bekam!“ Von der Sorge befreit, machte der Professor schon wieder Scherze, sobald er sah, wie sein Schützling wieder Farbe bekam und sein Bewusstsein erlangte. „Du bist in Ohnmacht gefallen, wahrscheinlich ist die Hitze daran schuld. Die ganze Aufregung und die anstrengende Reise nicht zu vergessen. Lass uns hinaus an die frische Luft gehen, damit du wieder richtig zu dir kommst.“ Er sah auf seine Uhr. „Vergiss nicht, dass wir gleich ein wichtiges Treffen haben.“

Der frische Fahrtwind im offenen VW-Käfer war die beste Medizin, um nach der Ohnmacht wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nachdem sich der Professor vergewissert hatte, dass sein Schüler körperlich und geistig wieder auf dem Damm war, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken, aber innerlich kochte er. Alexandros’ Verhalten gegenüber dem Fundstück war unbegreiflich.

„Was ist nur in dich gefahren, die Platte zu berühren? Du mit deiner ganzen Erfahrung von bedeutenden Ausgrabungen! Ich kann dich wirklich nicht verstehen.“

Alexandros wusste natürlich, dass Nikodimos ihn früher oder später danach fragen würde. Jetzt war der Moment gekommen, vor dem er sich gefürchtet hatte. Das Schlimmste war, dass er nicht einmal annähernd eine überzeugende Antwort parat hatte. Die Wahrheit würde ihn in den Augen des Professors nicht gerade vertrauenswürdig aussehen lassen. Wahrscheinlich würde er sogar die Zusammenarbeit mit ihm beenden, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte. Nein, er musste die Wahrheit verheimlichen.

„Mir kam das Wort ganz unten auf der Tafel bekannt vor, aber auf dem letzten Schriftzeichen lag etwas Erde, und es war nicht gut zu erkennen. Ich habe mich von meiner Begeisterung mitreißen lassen und versucht, diese Stelle mit den Händen zu säubern. Es wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich Ihnen“, bekannte er zögerlich und fuhr fort: „Vielleicht können Sie mein stümperhaftes Verhalten dadurch entschuldigen, dass ich von dieser einzigartigen Entdeckung einfach überwältigt war.“

Es war das erste Mal, dass er den Professor anlog. Im alltäglichen Leben benutzte er öfter mal kleine Notlügen. Außerdem war er davon überzeugt, dass alle Menschen notgedrungen ab und zu lügen müssen. Es liegt einfach in ihrer Natur. Niemand könnte so ehrlich bis zur Grobheit sein, um alles geradeheraus zu sagen.

Was ist das denn für eine blöde Frisur?

Du bist aber dick geworden!

Was redest du da für einen Stuss?

Was hast du heute bloß für grauenhafte Klamotten an?

Solche Gedanken gehen uns jeden Tag Dutzende Male spontan durch den Kopf, ohne dass es uns bewusst ist, und natürlich sollten wir nicht jeden davon aussprechen. Also lügen wir alle unter bestimmten Umständen. Diese Lügen sind unwichtig und harmlos und machen unser Leben etwas angenehmer. Reine Überlebenstaktik. Eine verbreitete Strategie, die das soziale Miteinander der Menschen leichter macht. Wie er beobachtet hatte, reichen die Wurzeln für dieses durchaus menschliche Verhalten bis in die Kindheit zurück. Selbst als unschuldiges Kleinkind beherrschen die meisten von uns bereits die Kniffe des Betrugs und wenden sie, wenn nötig, ausgesprochen raffiniert an. Sein kleiner Neffe flüchtete sich oft in unbedeutende, gerissene Schummeleien, um einer Strafe zu entgehen oder um Bewunderung einzuheimsen. Dieses instinktive Verhalten ist bei Kindern nur offensichtlicher und unbeholfener als bei Erwachsenen.

Doch was war gerade wirklich geschehen? Nicht einmal er selbst war sich da sicher. Hatte er etwa Visionen? Waren es Tagträume? Hatte ihn eine unbezwingbare Macht, die er nicht kontrollieren konnte, dazu gedrängt, die Tafel zu berühren? Es gab keine wirkliche Erklärung für das, was im Keller geschehen war. Er konnte nur Vermutungen anstellen. Mit diesen Überlegungen beruhigte er sein schlechtes Gewissen, und er versuchte, nur noch daran zu denken, was für aufregenden Funden er gerade begegnet war.

Der Professor, der ahnte, dass seinen Schüler und Freund düstere Gedanken quälten, versuchte die angespannte Stimmung etwas aufzulockern.

„Das letzte eingeritzte Wort, das dir auch aufgefallen ist, ist übrigens auch das einzige, das ich bisher übersetzen konnte. Es hat mich ebenso beeindruckt wie dich.“

Er nahm die eine Hand vom Lenkrad, holte einen Zettel aus seiner Hosentasche und gab ihn Alexandros. Darauf standen die Silben:

a-di-ri-jo

„Das bedeutet Andrion oder Αndrionas. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Namen, dessen Wurzel wohl von dem altgriechischen Wort ανδρείοςstammt.“ Er fuhr fort, das Wissen seines Schülers aufzufrischen: „Wie du dich sicher erinnerst, ist die Linearschrift B von einem englischen Funker der RAF und Architekten namens Ventris in den 1960er-Jahren entziffert worden. In Zusammenarbeit mit dem Sprachwissenschaftler Chadwick gelang es ihm, die meisten Symbole zu entschlüsseln und zu beweisen, dass diese Schrift griechisch ist. Sie besteht vor allem aus Silbenzeichen und unterscheidet sich von Region zu Region. Sie wurde von links nach rechts geschrieben, so wie wir auch heute noch schreiben. Man vermutet, dass die Linearschrift A der Vorläufer der Linear B ist. Obwohl sie bis heute nicht entziffert wurde, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Unser Fund bestätigt also zunächst einmal die Verbindung der Linear A mit der griechischen Sprache.“

Gerade als der Professor den Satz beendete, fuhr das Auto in eine scharfe Haarnadelkurve und gelangte auf eine Straße, die zu beiden Seiten hin offen war. Ein starker Luftstrom erfasste plötzlich den Zettel, der dem überraschten Beifahrer aus der Hand wehte.

„Keine Angst, die Aufzeichnungen sind gesichert. Ich habe eine Kopie zu Hause bei meinen Unterlagen“, beruhigte der Professor Alexandros, der dem Zettel hinterher sah, wie er langsam mit kleinen Kreisbewegungen in den Krater des schlafenden Vulkans schwebte.

4. SECHS STUNDEN ZUVOR …

„Verstehst du nicht? Es ist zu spät … Ihr müsst so schnell wie möglich fort von hier.” Seine Stimme klang heiser, doch entschiedener als je zuvor. „In diesen Schriften sind die Überlieferungen und die Geschichte unserer Heimat festgehalten. Ich habe den Bibliothekaren befohlen, die wichtigsten Tafeln auf die drei Wagen zu verteilen, die im Palasthof warten.“ Mit erhobener Hand zeigte er auf das Haupttor. „Gesetzgebung, Geschichte, Religion, Aufzeichnungen über die herausragendsten Ereignisse und das unschätzbare Wissen unserer Kultur, alles liegt jetzt in deinen Händen.“

Der König mit Namen Atlas, der den Titel Minos von Strongyle trug, war in den letzten zehn Tagen um zehn Jahre gealtert. Als laste der Schmerz der ganzen Welt auf seinen Schultern. Das einst so freundliche, gutmütige Gesicht war von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gezeichnet. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, und er hatte seine Brauen zu einem Stirnrunzeln zusammengezogen, das ihm zur zweiten Natur geworden war. Er musste mit ansehen, wie in einem einzigen Augenblick all das in sich zusammenbrach, was er und seine Vorfahren mit Hingabe und Herzblut über viele Menschenalter aufgebaut hatten. Eine glanzvolle Kultur, die unter den Menschen nicht ihresgleichen hatte, befand sich am Rande ihres Untergangs.

Doch er blieb an seinem Platz, standhaft wie ein Fels in der Brandung, als alle anderen die Hauptstadt des Reiches bereits verlassen hatten. Selbstbeherrschung und Würde kennzeichneten jede seiner Handlungen und waren ein Ansporn für alle, die unter seinem Befehl standen, es ihm gleichzutun. Seit Tagen leitete er unermüdlich nach der bestmöglichen Vorgehensweise die Räumung der heimgesuchten Insel. Wenige treue Offiziere und Adlige waren zusammen mit der Elitegarde des Palastes an seiner Seite geblieben. Er wandte sich an Andrion.

„Unter den Schriften sind auch Tafeln, die dein Freund Sonchis, der ägyptische Priester, übersetzt hat, um sie mit in seine Heimatstadt Sais zu nehmen. Da er bereits unterwegs ist, sorge dafür, dass sie nach Knossos gelangen und von dort aus in sein Land weitergesandt werden. Das Wissen muss um jeden Preis gerettet und überall verbreitet werden.“

Selbst in den letzten Stunden war das Denken dieses großen Königs von edlen Idealen durchdrungen, voller Uneigennützigkeit und Weisheit. Es lag ihm vor allem an dem kulturellen Erbe, das seine Stadt als Vermächtnis hinterlassen würde. Er fasste Andrion am Arm und zog ihn etwas abseits hinter eine purpurrote Säule, deren Kapitell zwar Risse aufwies, die aber im Gegensatz zu den meisten anderen im Palast noch nicht eingestürzt war. Seine Miene wurde weicher, als er seinem treuen General einen weiteren Auftrag anvertraute:

„Astarte erwartet dich im Hafen von Akrotiri. Ich habe ihr die ausdrückliche Anweisung gegeben, dass sie nur mit dir gemeinsam auf ein Schiff geht.” Seine Stimme verriet trotz ihres harten Klangs eine starke Bewegtheit.

Während er ihm zuhörte, wanderte Andrions Blick über das farbenfrohe Wandgemälde hinter seinem Gegenüber. Der gesamte Palast war mit Wandmalereien ausgeschmückt, deren Gestaltung von der Bedeutung und der Nutzung der einzelnen Räume abhing. Hier zeigte es junge Mädchen bei einer religiösen Prozession. Sie trugen offene Mieder, die die Brust unbedeckt ließen, und lange Röcke aus dreieckigen Stoffbahnen. Ihr dunkles Haar war sorgfältig gekämmt und mit Perlenschnüren hochgesteckt. Von Osten fiel aus einem Lichtschacht ein Bündel Sonnenstrahlen auf das Gesicht des mittleren Mädchens. An dieser Stelle hatte das Bild durch das jüngste Erdbeben einen Riss bekommen, der den Kopf der jungen Frau in zwei Hälften teilte. Die Stimme des Minos von Strongyle holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Es gibt Zeiten, in denen die Götter uns keinen anderen Trost lassen als die Weiterführung unseres Geschlechts.“ Eine Träne rann über das von Schlaflosigkeit und Sorgen gezeichnete Gesicht. „Enttäusche deinen König nicht bei diesem letzten Befehl, der auch gleichzeitig seine letzte Bitte an dich ist.“

„Aber was wird aus Euch …? Wir haben nicht mehr viel Zeit, Majestät … Ihr müsst mit uns kommen.” Mit der angemessenen Ehrerbietung, aber dennoch mit verzweifeltem Nachdruck versuchte er vergebens, seinen Herrscher zu überzeugen. Dieser überging seine Bitte.

„Andrion, ich weiß, dass nur du meine Tochter schützen kannst … Mögen die Götter mit euch sein.“

Mit schnellen Schritten entfernte er sich von seinem getreuen General und blieb in der Mitte des eindrucksvollen Sitzungssaals stehen, der einst voller Leben und Glanz gewesen war. Er breitete die Arme aus, als wollte er sein ganzes Königreich umarmen, und rief:

„Vorwärts, macht euch jetzt auf den Weg!” Er wusste, dass die Zeit knapp war. Kurz hielt er inne, wie um dem Widerhall seiner Worte nachzulauschen. Dann fuhr er mit donnernder Stimme fort: „Dies ist ein Befehl eures Königs! Gehorcht ihm, mein geliebtes Volk, wie ihr es bis heute stets getan habt. Ihr seid aus dem Geschlecht der Atlanter, ihr Blut fließt in euren Adern. Erweist euch ihrer würdig und schöpft Mut aus ihrem Erbe.“ Am Ende des Satzes ließ er seine Arme kraftlos wieder sinken.

Die in Reih und Glied stehenden Soldaten traten zwei Schritte zurück, machten kehrt und bewegten sich im Laufschritt zum Hauptausgang des Saales. Andrions Rückzug war zögernder. Er blieb stehen und sah seinen Herrscher an. Der stählerne Blick des Königs verriet eine solche Willenskraft, dass Andrion sich gezwungen sah, ihm zu gehorchen. Sein Herz krampfte sich zusammen. Starke Empfindungen überfielen ihn, die er nie zuvor erlebt hatte. Am liebsten hätte er seinen Gefühlen freien Lauf gelassen, sich auf den Boden geworfen und geweint, so laut er konnte. Seinen Vater hatte er kaum gekannt, doch es war ihm, als ob er sich heute zum letzten Mal von ihm verabschiedete. Es musste erst ein großes Unglück geschehen, damit ihm bewusst wurde, dass Minos Atlas in all diesen Jahren sein wahrer Vater gewesen war. Er blickte ihn ein letztes Mal an. Atlas nickte ihm mit einem traurigen Lächeln zu.

Andrion wandte sich ab und begann mit aller Kraft zu laufen. Er war wie betäubt, und seine Beine erschienen ihm bleischwer. Unter Aufwendung seiner ganzen Selbstbeherrschung richtete er seine Sinne auf die geübten Muskeln seiner Beine, die ihn so schnell wie möglich weit fortbringen sollten. Rührseligkeit war eine Kraftverschwendung, die er sich jetzt noch weniger leisten konnte als je zuvor in seinem Leben. Die schmerzliche Pflicht befahl ihm, den Minos zu verlassen.

In Windeseile hastete er die Stufen des zweiten Stockwerks hinunter und holte seine Soldaten ein. Innerhalb weniger Minuten befanden sie sich mit den beladenen Wagen am Südausgang des Palastes. Er warf einen verstohlenen Blick hinter sich, nach oben, wo er seinen König zurückgelassen hatte. Der Mittelpunkt des Hügels, auf dem der Palast lag, wurde vom Tempel des Poseidon beherrscht. In seinem hohen Dach, das außen gänzlich mit Gold überzogen und innen mit Elfenbein, Gold und Silber ausgekleidet war, klaffte ein breiter Spalt. Aus der Öffnung ragte das goldene Standbild des Gottes auf seinem Streitwagen mit den sechs geflügelten Rossen majestätisch und unversehrt hervor. Das riesige Abbild war umrahmt von hundert auf Delfinen reitenden Meeresnymphen, den Nereiden. Die ersten Beben hatten eine große Anzahl der Nereiden umgestürzt. Umfangreiche Schäden hatten auch mehrere goldene Götterbilder erlitten, die das Heiligtum zierten. Der Schutzgott der Stadt stand jedoch weiterhin unbeschädigt hoch auf seinem geflügelten Wagen und verbreitete Zuversicht unter den Gläubigen. Als wollte er dem Minos von Strongyle zur Seite stehen, der sich ebenso hochherzig weigerte, seine Stadt aufzugeben.

„Treibt die Pferde an, doch verausgabt sie nicht bis zum Letzten.“ Andrion musste seine persönlichen Gefühle beiseiteschieben, um seinen Auftrag zu Ende zu führen. „Wir nehmen die Hauptstraße bis zur Südbrücke. Das ist auch der kürzeste Weg nach Akrotiri.“

Nach den letzten Berichten waren drei von den vier Doppelbrücken, die das Innere der Insel mit dem breiteren äußeren Landstück verbanden, noch begehbar. Im Gegensatz zur Flotte, die sich nunmehr auf dem Grund des Meeresrings befand, hatten die Brücken standgehalten.Nur die westliche war bei einem starken Erdstoß gleich zu Beginn der Beben eingestürzt. Mit ihr wurden auch die gesamte Familie des Vetters und Beraters des Königs sowie die beiden jungen Priesteranwärter vom Haupttempel des Poseidon in die Tiefe gerissen. Sie waren die Ersten gewesen, denen die plötzliche Veränderung der Quellen an der Opferstätte aufgefallen war.

Auf dem Gipfel des Hügels entsprangen am Standort des Tempels zwei Quellen, eine mit kaltem, die andere mit warmem Wasser. Der Überlieferung nach waren sie das Zeichen für die Anwesenheit des Gottes an diesem Ort. Vor zwei Wochen war aus beiden Quellen nur noch heißes Wasser gesprudelt. Dies war auch der Anlass für die Prophezeiung des Oberpriesters am Tempel gewesen.

„Die Wagen halten nicht mehr lange stand.” Voller Besorgnis sprach der Soldat nach einer halben Wegstunde das aus, was Andrion bereits selbst befürchtet hatte, als er sah, wie schleppend sich die Wagen fortbewegten.

Die Achsen zwischen den hölzernen Speichenrädern hingen gefährlich durch. Das Gewicht der Tontafeln brachte die Wagen, die ursprünglich nicht für das Befördern von Gütern gebaut waren, an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Sie waren für ein Höchstgewicht von zwei Soldaten und für große Geschwindigkeiten auf dem Schlachtfeld bestimmt. Doch für die vollständige Räumung der Stadt war bereits jedes vorhandene Gefährt eingesetzt worden. Die Streitwagen der Palastgarde waren die einzige verbliebene, wenn auch nicht die geeignete Lösung.

„Schnell, ladet von jedem Wagen die fünf obersten Tafeln ab“, lautete der klare Befehl Andrions. „Wir müssen das Gewicht auf den Wagen verringern.”

Sie waren nur noch eine kurze Strecke von der Brücke entfernt, und er konnte nicht die ganze Ladung gefährden. Bis heute hatte er bei keinem Auftrag versagt. Wenn er weiterhin erfolgreich sein wollte, musste er einen Teil der wertvollen Schriften opfern. Gleich darauf lagen fünfzehn Tafeln am Rand der schwarzroten, gepflasterten Straße.

„Weiter jetzt, wir haben keine Zeit“, befahl er ihnen.

Unverzüglich, ohne eine Verschnaufpause nach dem eiligen Abladen der Tafeln, gehorchten die schwitzenden Soldaten den neuen Befehlen und formierten sich zur Weiterfahrt. Wenige Minuten später überquerten sie die erste Holzbrücke, die das Inselinnere mit dem vom Meer umgebenen Landring verband. Das Wasser um sie herum dampfte und brodelte. Es war noch immer mit dem rötlichen Schaum bedeckt, der einen unvorstellbaren Gestank verströmte. Sie trieben die Tiere an, um die wenigen Schritte auf festem Boden zurückzulegen, und kamen zur zweiten Brücke des südlichen Übergangs. Diese bogenförmige Brücke war, klug und wohldurchdacht, an einem Punkt gebaut, wo die Felswände auf der anderen Seite weniger schroff waren, denn der Großteil der Küste am äußeren Rand des Meeresrings bestand aus steilen Klippen. Am Ende der Brücke hatten geschickte Handwerker die Steigung verringert und den Zugang zum Außenrand der Insel mit seinen fruchtbaren Ebenen erleichtert.

Andrion, der vorausgeritten war, hatte als Erster die Brücke überquert. Er wendete sein Pferd, um das Übersetzen des übrigen Zuges zu überwachen. Die Räder des zweiten Wagens waren eben auf festen Boden gelangt, als es geschah. Zuerst fingen alle Pferde gleichzeitig an zu wiehern und ihre Köpfe wie wild vor- und zurückzuwerfen. Die schreckensstarren Soldaten waren unfähig, sich zu rühren. Gleichzeitig war ein lang gezogenes dumpfes Grollen aus dem tiefsten Innern der Erde zu hören. Andrion konnte sich nur noch mit Mühe auf seinem hervorragend abgerichteten Rassepferd halten, während die Erde sich in einem entfesselten Auf und Ab bewegte, wie sie es in den Tagen zuvor noch nicht erlebt hatten. Das Grollen schwoll immer weiter an, inzwischen vermengt mit dem ohrenbetäubenden Donnern der herabstürzenden Felsbrocken.

Von der gegenüberliegenden Seite ausgehend begann die Brücke Stück für Stück einzubrechen. Der dritte Wagen, der noch darauf fuhr, rollte zurück, während die angeschirrten Pferde verzweifelt versuchten, nach vorn zu galoppieren. Doch unter dem Gewicht der Ladung kippte der Wagen nach hinten, riss die verletzten Pferde steil in die Luft und wurde dann zusammen mit den Tieren vom Meer verschlungen. Die beiden letzten Fußsoldaten hatten ebenso wenig Glück wie der Wagenlenker. Der junge Infanterist jedoch, der dem zweiten Wagen gefolgt war, schaffte den Sprung und konnte sich an den abgesplitterten Balken, die aus dem Rand der eingestürzten Brücke ragten, festklammern. Das unaufhörliche Beben der Erde nahm weiter an Stärke zu. Mit raubtierhafter Geschmeidigkeit glitt Andrion vom Pferd und stand mit einem Sprung auf der Straße. Wie ein Betrunkener hin- und herschwankend, näherte er sich der zerstörten Brücke. An ihrem Rand warf er sich bäuchlings zu Boden und streckte seine Arme dem dort hängenden Soldaten entgegen. Er zog ihn unter Aufbietung all seiner Kräfte hoch und versuchte gleichzeitig, sich den fortwährenden Erschütterungen entgegenzustemmen. Sein Blick fiel zwangsläufig auf die Hauptstadt von Strongyle auf dem gegenüberliegenden Ufer, und er erstarrte …

Nichts war mit dem unfassbaren Geschehen zu vergleichen, das sich dort vor seinen Augen abspielte. Das gewaltige Poseidonstandbild war in der Mitte durchgebrochen, und die obere Hälfte begann mit verrückten Sprüngen den Hügel abwärts zu rasen. Jedes Mal, wenn sie mit Macht auf die bereits eingestürzten Gebäude prallte, wurden neue Goldsplitter in alle Richtungen geschleudert. Das runde, bis zur Unkenntlichkeit erbärmlich zugerichtete Gebilde, das einst die Krönung des Reiches gewesen war, machte einen letzten Satz und klatschte im Meeresring auf, wo es auf der Stelle versank. Der Palast hoch auf dem Hügel war eingestürzt. Eine braune Staubwolke stieg aus den Trümmern auf und verbreitete sich durch die Luft. Alle Häuser und sonstigen Bauten der einst stolzen Stadt waren vom Gipfel bis zu den Ausläufern am Meeresufer dem Erdboden gleichgemacht und zu einer unförmigen Masse geworden.

Die Schreie des Soldaten, der sich an seine Arme klammerte, brachten Andrion wieder zu sich. Er war vollkommen verschwitzt, und seine Hände waren glitschig, aber er schaffte es, ihn festzuhalten. Die Muskeln und Sehnen seiner kampferprobten Arme verkrampften sich bei dieser übermenschlichen Anstrengung. Er verlagerte seinen Schwerpunkt und begann, aus dem Kreuz heraus den Soldaten nach oben zu ziehen. Sobald die Erde sich etwas beruhigt hatte, spürte er, wie vier weitere Hände ihm zu Hilfe kamen und die Rettung vollendeten. Erschöpft schleppten sie sich in einige Entfernung von der zerstörten Brücke. Sie waren verzweifelt und entkräftet, doch sie waren am Leben. Andrion ließ sich auf die Erde fallen und fühlte, wie seine Arme von der Kraftanstrengung brannten. Fassungslos und entsetzt sahen er und seine verbliebenen Soldaten auf die Trümmer ihrer Stadt, unfähig, die Größe der Verheerung zu ermessen.

Die ersten Erdbeben vor zwei Wochen hatten allen Bewohnern Angst eingejagt. Die Entscheidung, die Insel zu räumen, war nach lebhaften Auseinandersetzungen unter den Adligen der Stadt gefasst worden. Zu Beginn der zweiten Woche, als es so aussah, als würde sich die Erde wieder beruhigen, waren die Bauhandwerker zurückgekehrt, um die Schäden zu beheben. Niemand hatte die jetzige Entwicklung voraussehen können. Selbst Andrion, der in Zusammenarbeit mit dem Minos von Strongyle und einer Reihe zuverlässiger Staatsdiener die Räumung geplant hatte, konnte ein solches Ausmaß dieser Heimsuchung nicht erahnen.

Der Boden begann erneut zu zittern. Gegenüber, in der verwüsteten Stadt, züngelten hier und da Flammen aus der Tiefe der Erde auf. Weiße Gase schossen unter großem Druck ununterbrochen zwischen den Trümmern in die Höhe. Jede Gassäule brachte Asche mit sich, die, je nach der Stärke der Eruptionen, in unterschiedlicher Dichte und Geschwindigkeit niederfiel. Der beißende Geruch, der ihnen von Beginn ihres Weges an in der Nase gebrannt hatte, wurde plötzlich unerträglich.

„Vorwärts, wir haben keine Zeit für Rührseligkeiten, unsere Kameraden betrauern wir später.” Seine Vorahnung warnte Andrion, dass all dies nur der Anfang war. „Zieht die Pferde mit den Wagen wieder auf den Weg und lasst uns weiterfahren, so schnell die Tiere es vermögen.“

Die Soldaten, benommen und erschüttert, gehorchten ohne Widerspruch den Befehlen ihres Offiziers. Es war ihnen unmöglich, das verheerende Naturereignis, das sie in so kurzer Zeit ereilt hatte, zu begreifen und den ewigen Wechsel des Lebens von der Ordnung zum Chaos zu entschlüsseln. Die stark geschmälerte Staffel der Soldaten mit den beiden verbliebenen Wagen erinnerte eher an einen Trauerzug als an einen militärischen Trupp im Einsatz: gesenkte Köpfe, schleppende Schritte und ein unheimliches, bedrücktes Schweigen, das nur durch das Krachen der immer stärker werdenden Explosionen unterbrochen wurde. Sie hatten Glück gehabt, und das erfüllte sie mit Schuldgefühlen. Vielleicht waren sie die letzten Überlebenden ihrer Stadt.

5. Die Theorie

Beim Anblick der blendend weißen Kykladenhäuser, die sich den steilen Abhang hinunterzogen, musste er die Augen zusammenkneifen. Was für eine einmalige Landschaft! So etwas konnte man nur auf Santorin bestaunen, am Rande der Caldera eines Vulkans, der mitten im Meer immer noch tätig ist.

Alexandros drehte sich zu Howard um, der bereits mit seinen Ausführungen begonnen hatte.

„Es ist mir noch nicht gelungen, die erste Tafel, die du mir als Foto gemailt hast, vollständig zu übersetzen.“ Der große schlanke Mann unterbrach sich, um etwas Tee aus einer weißen Porzellantasse zu nippen, und fuhr fort: „Diese Schreibweise ist schon seltsam. Sicher hat der Inhalt nichts mit Buchhaltung und Lagerlisten zu tun, wie es bei den meisten Linear-A-Tafeln der Fall ist, die bisher entdeckt wurden.“