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Die Kriminalkommissarin Alessia Caduff und ihr Kollege stehen vor einem Rätsel. Es gibt zwei Tote am Weiher. Beide wurden ermordet. Hängen die Fälle zusammen? Am Anfang tappen sie im Dunkeln, haben keinerlei Anhaltspunkte. Auch eine Organisation, die seit kurzem in der Stadt ihr Unwesen treibt, lässt die Polizisten nicht zur Ruhe kommen. Und welche Rolle spielt Matteo De Aliprandini, in den Alessia sich Hals über Kopf verliebt hat bei alledem? Allem Anschein nach ist er in dubiose Geschäfte verwickelt. Es dauert lange, bis Alessia und ihr Team begreifen, welche Rolle Matteo tatsächlich innehat. Das macht die Sache aber nicht einfacher, ganz im Gegenteil ...
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
Einleitung
Widmung
Zitat
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Epilog
Ich sage MERCI
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2026 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0659-4
ISBN e-book: 978-3-7116-0660-0
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Nicole Steiner
www.novumverlag.com
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Für meine Eltern
Das vermutlich Schmerzhafteste am Verrat ist die Tatsache, dass er in den meisten Fällen nicht von deinen Feinden kommt.
Ein leiser, eisiger Wind weht um die Ecken, während der sternenklare Himmel die Kälte verdeutlicht. Oftmals ist dies das eindrückliche Zeichen, wie kalt die Winternächte hier sein können. Die Stadt, die von den Bewohnern liebevoll als Dorf bezeichnet wird, ist in diese Kälte eingepackt. Selbst der Wald, der sich wie ein natürlicher Schutzwall von Ost nach West zieht, ist unter einer dünnen Schicht aus Eis und Nebel begraben. Doch diese frostige Nacht spielt für die Bewohner keine Rolle, denn sie sind sich dieser bewusst, und deshalb ist auch niemand von ihnen unterwegs. Weshalb auch! Es ist dunkel, es ist kalt und es ist dunstig. Also alles Gründe, um es sich zu Hause in der Wärme gemütlich zu machen. Und dennoch ist in dieser kalten Märznacht in der Ferne ein leises Quietschen vernehmbar. Eine einsame Seele, ganz in Schwarz gekleidet und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, ist auf einem Fahrrad Richtung Wald unterwegs. Das Quietschen des Rades wird von einer flüsternden Stimme begleitet.
»Mamma mia, weshalb bist du nur so schwer!«, flucht die Person leise vor sich her. Dies vernimmt man allerdings nur, wenn man genau hinhört. Ansonsten herrscht rundherum absolute Stille. Die Person bewegt sich im Schatten der Nacht scheinbar unbemerkt auf den Wald und den darin gelegenen Weiher zu.
»Madonna, warum ist dieser Weg nur so steil, und wo ist dieser blöde Weiher? Der muss doch hier irgendwo zu finden sein. Hätte ich gewusst, dass dies so anstrengend wird, wäre meine Wahl für deine Entsorgung auf einen anderen Ort gefallen«, hört man die Gestalt erneut leise fluchen.
Doch es hilft nichts. Irgendwie muss das Ziel jetzt erreicht werden. Mag es noch so mühselig sein. Also weiter!
Einige Zeit später erreicht die Person endlich den Wald. Dieser liegt schon fast im Dunkeln da. Die Nacht und die Baumwipfel sorgen für die düstere Stimmung. Langsam und ächzend bewegt sich die Person vorwärts. Plötzlich hört man es scheppern. Die Gestalt auf dem Fahrrad ist beim steilen Abhang ausgerutscht und seitlich weggeknickt. Erschrocken blickt die Person nach hinten, doch dort befindet sich alles noch an seinem Platz.
»Gott sei Dank. Das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt!«
Die restliche Strecke schiebt die dunkle Gestalt das Rad mühsam neben sich her, was unglaublich viel Kraft benötigt, denn der Boden ist extrem rutschig und die Fracht nicht leicht. Doch schließlich kann die Person ihr Ziel direkt vor sich ausmachen.
»Na also, da ist er ja! Endlich werde ich dich los. Das wurde auch langsam Zeit!«
Nur wenige Augenblicke später ist ein leises Plumpsen, gefolgt von einem Rascheln, vernehmbar.
»Du hättest dich an unsere Abmachung halten sollen. Niemand hintergeht mich ungestraft. Das hast du nun davon«, hört man die Stimme kaum vernehmlich sagen.
Und während sich diese wieder auf den Sattel schwingt, fügt sie an: »Nun kann ich mich wieder meinen eigentlichen Aufgaben widmen, und dich werde ich morgen bereits vergessen haben!«
Mit diesen Worten tritt die Gestalt in die Pedale, wobei das bekannte Quietschen wieder einsetzt. Die Person bewegt sich einmal um den Weiher herum. Anschließend verschwindet sie in der Dunkelheit des Waldes. Und mit der Finsternis wird auch das Geräusch immer leiser, bis es irgendwann gar nicht mehr zu hören ist. Absolute Stille kehrt zurück.
Ja, so ist es mit den Nächten. Während die einen friedlich in ihren Betten schlummern, treibt es andere spätnachts umher, und selten führen diese Gestalten etwas Gutes im Schilde …
Alessia Caduff kämpft sich durch den verwachsenen Fußpfad des Naturschutzgebietes zum Tatort. Dieser liegt an einem Weiher, dessen grünliches Wasser bereits durch die Büsche schimmert. Während die Kommissarin sich weiter vorwärtsbewegt, wird sie von vereinzeltem Vogelgezwitscher begleitet, welches den nahenden Frühling ankündigt. Da der Weiher nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet werden kann, fragt sie sich, wie der Täter die Leiche hierhergeschafft hat. Keiner fährt einfach so einen Toten auf dem Rad spazieren. Oder etwa doch?
»Hallo Tom. Was haben wir?«, begrüßt Alessia wenig später ihren Kollegen Thomas Baumann.
»Hey Lessi. Nicht viel. Männliche Leiche zwischen vierzig und fünfzig«, antwortet er gewohnt knapp.
»Na, das ist doch schon mal ein Anfang.« Sie wendet sich dem Weiher zu und blickt für einen Moment in alle Richtungen.
»Ist der Tatort schon freigegeben?«, fragt sie die Spurensicherung.
»Soll das ein Witz sein? Hast du dich hier umgesehen?«, entgegnet Florian Reichmuth, Chef der Truppe, genervt.
»Entschuldigung, war nur eine Frage!«
»Bleib einfach innerhalb der abgesteckten Zone, dort sind wir durch«, erwidert Reichmuth etwas freundlicher.
»Okay, danke«, sagt Alessia und geht auf den Rechtsmediziner zu.
Die Leiche liegt am Rand des Weihers zwischen dem Schilf. Es ist ein Mann mittlerer Statur mit einer fliehenden Stirn. Die breite Nase, eine Spur zu dominant für das sonst sehr schmale Gesicht. Der Tote trägt eine schwarze Hose und ein grünliches Hemd. Beides sieht elegant, ja gar zurechtgemacht aus. Nur der Schmutz und die schilfige Umgebung brechen diese Eleganz. Alessia würde gern näher an die Leiche herantreten, damit sie diese komplett begutachten kann, lässt es jedoch bleiben, um keine Spuren zu verwischen. Stattdessen wendet sie sich an den Rechtsmediziner.
»Hallo Doc, haben Sie schon was für uns?«
Der ältere, glatzköpfige Rechtsmediziner Michael Arnold blickt durch seine Hornbrille zu ihr hoch und beginnt augenblicklich zu lächeln. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Berufskollegen hat er ein sonniges Gemüt. Die Kommissarin arbeitet gern mit ihm zusammen und kennt ihn bereits aus anderen Fällen, als sie nicht die Leiterin der Kriminalpolizei Süd war. Es wird ihr stets ein Rätsel bleiben, wie man in diesem Beruf, bei dem man es mit der Obduktion von geschundenen und ermordeten Menschen zu tun hat, immer noch so gute Laune beibehalten kann. Doch Michael Arnold ist dies in all den Jahren hervorragend geglückt.
»Frau Caduff, schön Sie zu sehen. Viel kann ich noch nicht sagen. Die Leiche weist nach dem ersten Augenschein keine äußeren Verletzungen auf. Die Todesursache ist Ersticken, womit, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sagen.«
»Hat er keine Würgemale?«
»Nein. Keine Würgemale und keine Strangulationsfurchen.«
»Woher wissen Sie dann, dass er erstickt ist?«
»Durch die petechialen Einblutungen in den Augen. Das ist bisher mein einziges und eindeutigstes Indiz über die Todesursache.«
»Irgendwelche Abwehrspuren? Hinweise auf einen Kampf?«
»Auf den ersten Blick sind keine erkennbar.«
»Er hat sich nicht gewehrt?«
»Sieht nicht so aus. Vielleicht war er gefesselt.«
»Müssten dann nicht Fesselspuren ersichtlich sein?«
»Nicht zwingend! Wenn es ein feines Material ist, welches nicht zu straff angebracht wurde, dauert es eine Weile, bis es Abdrücke auf der Haut hinterlässt.«
»Faserspuren oder Fremd-DNA?«
»Nein, nach erstem Augenschein konnte ich keine entdecken.«
»Das heißt, der Täter ist ein Profi?«
»Zumindest weiß er, wie man keine Spuren hinterlässt.«
»Todeszeitpunkt?«
»Er ist schon länger tot. Die Totenstarre hat sich bereits wieder gelöst. Ich schätze ungefähr zwei Tage. Da er hier in einem feuchten Klima auf dem kalten Boden lag, müssen Sie erst mal die Obduktion abwarten, Frau Caduff.«
»Okay, sonst noch was, Doc?«
»Wir glauben nicht, dass der Tote eigenständig an den Weiher ging. Was bedeutet, der Fundort ist nicht der Tatort.«
»Wie kommen Sie zu dieser Schlussfolgerung?«
»Aus zweierlei Gründen: Erstens kann man anhand der Totenflecken erkennen, dass die Leiche bewegt wurde.«
Der Rechtsmediziner deutet auf die Stellen am Oberkörper.
»Sehen Sie, hier sind eindeutige Flecken erkennbar.«
»Und zweitens?«
»Zweitens: Würden Sie in dieser Jahreszeit aus dem Haus gehen, ohne sich vorher Schuhe und Jacke anzuziehen?«
»Der Mann hatte keine Schuhe an?«
»Korrekt.«
»Interessant. Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«
»Nein, fürs Erste war es das.«
»Okay, danke, Doc.«
Alessia wendet sich ab und schaut, wo Reichmuth sich befindet.
»Habt ihr schon irgendwelche Reifen- oder Schleifspuren entdeckt, die darauf hindeuten, wie das Opfer hierher transportiert wurde?«, fragt sie in seine Richtung.
»Witzig! Hier gibt es Unmengen an Spuren. Es ist ein öffentlicher Platz. Keine Ahnung, ob eine davon vom Täter stammt. Außerdem hat es gestern Nacht heftig geregnet. Das erschwert alles zusätzlich«, sagt der Chef der Spurensicherung frustriert.
Tom, der die ganze Zeit bei Reichmuth blieb, entgegnet in Alessias Richtung: »Sie konnten auch noch keine persönlichen Gegenstände, Identitätskarte und so weiter ausfindig machen.«
»Sobald wir mehr haben, melden wir uns«, sagt Reichmuth.
»Wer hat die Leiche entdeckt?«, fragt Alessia.
»Der junge Mann dahinten, oder genauer gesagt sein Hund. Er hat ihn wohl gewittert.« Tom zeigt in dessen Richtung.
Die beiden gehen auf den Mann zu, um diesen zu befragen. Wirklich viel erfahren sie allerdings nicht. „Lucky“, so heißt der Hund, ist wie ein Irrer ins Gras hineingerast und hat sofort wie ein Verrückter gebellt. Als der Besitzer nachschauen ging, fand er die Leiche und hat gleich, nachdem er sich übergeben hatte, die Polizei gerufen. Das war es auch schon. Viel haben wir nicht, denkt sich Alessia und geht mit Tom ein Stück am Weiher entlang.
Leichenfunde auf öffentlichen Plätzen sind ein Graus für jeden Ermittler. Man findet unzählige Spuren, und nur die wenigsten sind tatsächlich fallrelevant. Dennoch muss man jede einzelne sichern, da man nie mit Gewissheit sagen kann, welche von Bedeutung ist. Auch diesmal scheint es nicht anders zu sein. Außer jeder Menge Bäume zu ihrer Rechten und dem Weiher zu ihrer Linken können sie nur noch zahlreiche Fahrradspuren ausmachen. Da jeder Zweite mit dem Rad hierherkommt, wird es schwer sein, heraus zu sondieren, ob eine davon vom Täter stammt. Trotzdem müssen sie von jeder einzelnen Spur Abdrücke anfertigen. Während die Spurensicherung diese erstellt, gehen die beiden einmal um den Weiher herum und machen sich auf den Rückweg.
Das Kommissariat, das sie vor wenigen Minuten betraten, ist kein besonders schöner Ort. Es liegt etwas außerhalb vom Zentrum in einer alten Fabrikhalle. Eine Nebenstraße verläuft vor dem Präsidium und trennt dieses von dem Wohnquartier auf der gegenüberliegenden Seite. Vor dem Gebäude befinden sich in einem kleinen Hof die Parkplätze, und dahinter fließt ein Bach vorbei. Alles andere an diesem Kommissariat ist eher unscheinbar. Im Inneren des Gebäudes ist der Boden mit grauem Teppich bedeckt und die Wände in dezentem Beige gestrichen, welche eher den Eindruck nach jahrelangem Kettenrauchen vermittelt als nach Gemütlichkeit. Das Schönste an diesem Präsidium sind die zahlreichen deckenhohen Fenster, die sämtliche Räume mit Licht durchfluten. Auch Alessias Büro kommt in den Genuss zweier solcher. Es befindet sich rechts hinten und ist vom Großraumbüro abgetrennt. Ihr Büro ist eher spärlich eingerichtet, und die Möbel haben ihre besten Tage schon lange hinter sich.
Seufzend lässt sich Alessia in ihrem Bürostuhl nieder, während Tom das mit wenigen Fotos bestückte Whiteboard in ihr Büro fährt. Auf diesem wurden bis anhin lediglich ein Foto der Leiche sowie des Fundortes angebracht. Beim Namen des Opfers prangt in Rot ein großes Fragezeichen. Alessia wendet sich ihrem Team zu und berichtet, was sie am Tatort in Erfahrung bringen konnte. Nach dem kurzen Rapport arbeiten alle auf Hochtouren, um herauszubekommen, wer der Tote ist. Da man keinen amtlichen Ausweis beim Opfer gefunden hat, durchforsten sie nun die Vermisstenmeldungen. Außerdem erkundigen sie sich bei anderen Dienststellen, ob bei ihnen Vermisstenanzeigen vorliegen, die noch nicht im System erfasst sind. Doch werden sie nicht fündig. Egal, wo sie suchen, ihr Toter ist nicht dabei.
»Das gibt es doch nicht! Irgendjemand muss ihn doch vermissen!«, sagt die Kommissarin frustriert, und auch ihre Kollegen sind ratlos. Alessia schnappt sich ihre Jacke und verlässt deprimiert das Büro, ohne ein weiteres Wort.
Matteo De Aliprandini telefoniert in diesem Augenblick mit Salvatore Bortoluzzi, um diesem die neuesten Informationen weiterzuleiten.
»Was ist mit l’ordine?«, fragt ihn Bortoluzzi sogleich.
»Der Auftrag ist ausgeführt. Das Problem hat sich definitiv erledigt.«
»Silenzio und sauber?«
»Selbstverständlich. Wie immer. Es können keine Rückschlüsse auf uns gezogen werden.«
»Bravo! Und tutto il resto?«
»Läuft alles wie immer. Ich erwarte keine weiteren Probleme.«
»Was ist mit la polizia?«
»Die Polizei verhält sich ruhig. Ich habe aber ein Auge darauf. Mach dir keine Sorgen.«
»Bene. Wir sehen uns.«
»Bis bald«, entgegnet De Aliprandini und beendet das Telefonat.
Nach den Gesprächen mit Salvatore oder jedem anderen Mitglied der Organisation denkt Matteo über deren Werdegang nach. In vielen Bereichen sind diese sich ähnlich. Bei den meisten ist das familiäre Umfeld von Anfang an durch Kriminalität und Suchtprobleme geprägt. Erst später trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Salvatore Bortoluzzi zum Beispiel schaffte es nicht nur, in die Organisation einzusteigen. Mit Intelligenz und Skrupellosigkeit gelang es ihm, die Karriereleiter bis weit nach oben zu erklimmen. Auf diesem Weg hat er nicht nur die „Drecksarbeit“ erledigt, sondern nebenher auch noch Jura studiert. So ist ihm stets bewusst, wo sich die Grauzonen in der Gesetzgebung befinden, und diese nutzt er gnadenlos aus. Er weiß durchaus, welche Knöpfe er wo und wann drücken muss, um nicht aufzufallen und auch, an wen er sich im Ernstfall wenden kann. Dumm ist Salvatore definitiv nicht, doch Matteo genauso wenig. Auch er hat sich seine Position in dieser Organisation hart erkämpft und musste Sachen erledigen, auf die er nicht stolz ist.
Matteo setzt sich hinter seinen Schreibtisch, atmet einmal tief durch und speichert die Aufzeichnung des eben geführten Telefonats mit Datum und Uhrzeit auf einer externen Speicherplatte ab. Diese Sicherung tätigt er nach jedem Gespräch. Auch alles andere, was ihm an Dokumenten von der Organisation überreicht wird, sichert er jeweils ab. Eine Überlebensstrategie, redet sich Matteo gern ein. Man weiß nie, ob eine gespeicherte Information einmal an Bedeutung gewinnen oder gar über Leben und Tod entscheiden könnte. Die Speicherplatte lässt er danach jeweils unter einem doppelten Boden in seinem Schreibtisch verschwinden. Auch heute geht er so vor. Als er das erledigt hat, erhebt sich Matteo und verlässt sein Büro, um seiner eigentlichen Arbeit nachzugehen.
Obwohl Alessia es liebt, in ihrer freien Zeit zu kochen, fehlt ihr nach diesem Tag die Lust dazu. Deshalb springt sie, zu Hause angekommen, unter die Dusche, zieht sich frische Kleider an und verlässt nur wenig später ihre Wohnung. Alessia fährt ans entgegengesetzte Ortsende und parkt ihren Wagen vor dem Theater „Grüner Vorhang“, in dem auch ein Restaurant untergebracht ist. Da ihr nur Gutes über das Essen in diesem Lokal berichtet wurde, hat sie bewusst den längeren Weg in Kauf genommen. Alessia verlässt den Wagen und blickt sich erst mal neugierig um. Hinter dem Gebäudekomplex befindet sich ein Wohngebiet, und zur Linken ist der ortseigene Bahnhof untergebracht. Nicht schlecht gelegen, denkt sich Alessia und geht gespannt auf das neu gestaltete Gebäude zu. Von außen ist es beeindruckend. Der Komplex besteht aus drei miteinander verbundenen Häusern in Holz- und Steinoptik. Im linken Teil befindet sich das Theater. Der mittlere beherbergt den großzügig gestalteten Eingangsbereich, und auf der rechten Seite ist das Restaurant untergebracht.
Alessia tritt durch die Eingangstür und ist positiv überrascht. Die Naturoptik, welche die Fassade des Gebäudes prägt, wird auch im Inneren fortgesetzt. Das Ambiente ist freundlich und geschmackvoll, alles ist von ausgesuchter Qualität und aufeinander abgestimmt. Der dunkle Holzboden, zahlreiche Pflanzen, welche die Säulen verzieren, sowie eine dreidimensionale Waldtapete vermitteln eine Nähe zur Natur.
Alessia geht zum Restauranteingang und bleibt dort einen Moment staunend stehen. Auch diese Räumlichkeiten haben ein Grundthema. Während im Eingangsbereich der Wald dominiert, ist es hier Naturstein. Dezente Wandfarben sowie steinerne Rundbögen verbinden die einzelnen Bereiche des Restaurants. Verschnörkelte Lampen sowie helle Holztische mit beigefarbenen Stühlen runden das Gesamtkonzept ab. Der Blickfang allerdings ist die sanft beleuchtete Vinothek im hintersten Raum. Ein aufmerksamer Kellner erblickt Alessia und weist ihr einen Tisch im mittleren Bereich zu. Nur kurze Zeit später hat sie bereits ihre Bestellung aufgegeben. Nach einem ausgezeichneten Hauptgang, bestehend aus einem Lammfilet mit Knusperkartoffeln und Saisongemüse, rundet sie ihr Essen mit einer Tasse Kaffee und einem Panna cotta ab.
Immer wieder wandert Alessias Blick in die Eingangshalle. Das Waldthema in diesem Bereich, der vom Restaurant aus gut ersichtlich ist, hat es ihr besonders angetan. Als Alessia erneut kurz aufblickt, betritt ein attraktiver Mann in ihrem Alter den Raum und erweckt ihre Aufmerksamkeit. Einen Moment bleibt dieser am Eingang stehen. Er scheint hier der Manager zu sein, denn er begrüßt nicht nur die Gäste, sondern macht das Personal auch auf Arbeiten aufmerksam, die noch erledigt werden sollten. Einen Augenblick lang beobachtet sie ihn fasziniert, bevor sie sich wieder ihrer Nachspeise widmet.
»Guten Abend. Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?«, ertönt kurze Zeit später eine männliche Stimme neben ihr.
Erschrocken blickt Alessia auf und direkt in das Gesicht des Managers. Für einen Moment verliert sie sich in dessen Augen, die etwas Magisches haben, sammelt sich allerdings wieder und entgegnet: »Ja, vielen Dank.«
»Das freut mich zu hören. Sind Sie zum ersten Mal hier?«
»Das bin ich tatsächlich.«
»Dann hoffe ich, dass ich Sie künftig öfter bei uns begrüßen darf. Ich bin Matteo De Aliprandini, der Besitzer dieser Räumlichkeiten.«
»Sehr erfreut. Alessia Caduff.«
»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Caduff.«
Während sich Alessia etwas umständlich eine Locke ihrer kastanienbraunen Haare hinter das Ohr klemmt und versucht, die aufkommende Nervosität zu unterdrücken, verspürt diese überraschenderweise auch Matteo. Er scheint seine Wirkung auf Frauen zu kennen, doch nur selten beruht dies auf Gegenseitigkeit. Alessia strahlt etwas aus, was viele Männer wahnsinnig machen würde, und sie ist sich dessen scheinbar nicht einmal bewusst. Matteo räuspert sich und fragt in ihre Richtung: »Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?«
Kurz zögert sie, zeigt jedoch einen Moment später auffordernd auf den Stuhl ihr gegenüber.
Bevor De Aliprandini sich setzt, bestellt er bei der vorbeigehenden Kellnerin einen Espresso und wendet sich gleich darauf seiner Tischnachbarin zu. Alessias Nervosität wird unter seinem wachen Blick noch größer. Deshalb sagt sie:
»Sie haben das Theater wirklich schön renoviert …«
Einen Moment stockt Alessia mitten im Satz, fährt aber gleich darauf fort: »Außerdem war es eine gute Idee, das Nebengebäude mit einzubeziehen und ein Restaurant zu integrieren. Nach dem Umbau hat das Theater jetzt viel mehr Charme als früher.«
»Vielen Dank für die Blumen. Mein Team und ich geben jeden Tag unser Bestes, damit sich die Gäste wohlfühlen.«
»Das scheint Ihnen gut zu gelingen.«
»Das hoffe ich doch. Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?«
»Oh, wenn ich Ihnen das sage, ergreifen Sie gleich die Flucht, glauben Sie mir. Geht den meisten Menschen so.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen. So schnell schlägt man mich nicht in die Flucht.«
Unsicher blickt Alessia ihren Tischnachbarn an, entschließt sich aber dennoch, ihm ihren Beruf zu verraten: »Ich bin Kriminalkommissarin bei der hiesigen Polizei.«
Alessia glaubt, in Matteos Blick kurz einen Funken Unruhe entdeckt zu haben. Eine Unruhe, die Menschen gegenüber Polizisten an den Tag legen, welche die Geschäfte nicht immer so führen, wie man es eigentlich sollte. Er scheint sich allerdings schnell wieder zu fangen, denn als er erneut das Wort ergreift, ist seine Souveränität zurück.
»Eine Frau, die nicht nur wunderschön, sondern auch noch taff ist. Das nenn’ ich doch mal eine interessante Kombination.« Alessia spürt, wie ihr die Röte ins Gesicht fährt. Verlegen blickt sie Matteo an, als sie antwortet: »So interessant nun auch wieder nicht.«
»Das ist Ansichtssache. Sie kommen nicht von hier, oder?«
»Eigentlich schon. Ich bin hier aufgewachsen, war aber längere Zeit weg.«
»Sind Sie allein in die alte Heimat zurückgekehrt, oder warten Mann und Kind daheim auf Sie?«
»Sie sind aber ganz schön neugierig!«
»Ich würde es Interesse nennen«, entgegnet er und blickt ihr direkt in die Augen.
»Interesse, soso«, sagt Alessia lächelnd.
»Und beantworten Sie mir meine Frage jetzt?«
»Nö, aber Sie dürfen gern raten!«
»Ihre Hand trägt an entscheidender Stelle kein Schmuckstück, und nur ein Idiot lässt eine so bezaubernde Frau allein zu Abend essen. Ergo sind Sie weder verheiratet noch liiert, habe ich recht?«, entgegnet er schmunzelnd.
»Das werden Sie heute Abend wohl nicht mehr erfahren, Herr De Aliprandini.«
»Heute vielleicht nicht, aber das bedeutet, wir sehen uns wieder, und das freut mich. Das freut mich sogar sehr.«
Während die beiden sich schweigend mustern, ertönt ein leiser Piepton auf Matteos Telefon. Erst blickt er auf das Display und danach zur Tür. Ein älterer Mann südländischer Herkunft betritt das Restaurant und sieht in ihre Richtung.
»Ich muss leider gehen. Ich würde mich sehr freuen, Sie bald wiederzutreffen.«
Matteo reicht ihr die Hand und verabschiedet sich, bevor sie etwas erwidern kann.
Unter Alessias wachsamen Blick geht De Aliprandini schnellen Schrittes auf den ominösen Mann zu. Irgendetwas kommt Alessia an der ganzen Sache seltsam vor. Sie kann nicht genau sagen, was sie an dem älteren Herrn stört. Doch eines ist gewiss: Ihr Ermittlerinstinkt ist erwacht. Jedes Mal, wenn ihr etwas seltsam erscheint, sei es eine Situation oder eine Person, taucht dieser auf und verschwindet so rasch nicht wieder. Diesmal ist er auf den älteren Herrn angesprungen. Von irgendwoher kennt sie diesen Mann. Wenn sie nur wüsste, woher?
Lange nachdem sie das Restaurant verlassen hat, grübelt Alessia noch über den Abend nach. Matteo hat ein Gefühl in ihr ausgelöst, von dem sie dachte, dass sie es schon längst verloren hätte. Noch nie zuvor verspürte sie so ein Kribbeln im Körper, einzig wegen eines Gesprächs. Doch dieser Mann hat etwas an sich das sie aus der Fassung bringt. Sein Aussehen allein ist es nicht, obwohl dies sehr ansehnlich ist. Mit seinen wuscheligen dunklen Haaren, seinen intensiven eisblauen Augen mit einem grünlichen Ring in der Mitte, dem gepflegten, kurz geschnittenen Bart und dem durchtrainierten Körper, der sich am Hemd abzeichnet, kann er sich durchaus sehen lassen. Doch was Alessia tatsächlich aus der Fassung bringt, ist die Art, wie er sie nur mit Worten berühren kann.
Es scheint ein warmer, sonniger Märztag zu werden. Gestern Abend noch regnete es immer wieder sintflutartig, und dichte, schwarze Wolken hingen bedrohlich über der Stadt. Doch heute ist davon nichts mehr zu spüren. Zurzeit sitzt Alessia Caduff in ihrem Lieblingscafé direkt neben der Dorfkirche und genehmigt sich ein ausgewogenes Frühstück, während ihr Blick auf das danebenliegende Gebäude gerichtet ist. In diesem in die Jahre gekommenen Bau ist eine Import-Export-Firma untergebracht, die der Kommissarin merkwürdig erscheint. Dabei geht es ihr nicht um die Firma selbst. Nein, vielmehr sind es die Personen, die dort einkehren, welche Alessias Aufmerksamkeit erwecken. Wann immer es die Arbeit zulässt, sitzt sie hier und beobachtet die Aktivitäten auf der anderen Straßenseite. Es ist die Jagd nach der Organisation, die sie antreibt. Seit gut zwei Jahren folgt Alessia jeder Spur, die sie ein Stück näher an ihr Ziel bringen soll. Unmengen an Material hat sie bereits gesammelt und hofft, irgendwann den entscheidenden Hinweis zu erhalten, um die Organisation zu sprengen. Möglicherweise ist es naiv, niemandem von ihrer „privaten“ Observation zu erzählen. Doch ist es für sie nicht der berufliche Ansporn, der sie antreibt. In ihrem Fall ist der Anreiz von persönlicher Natur, denn die Organisation trägt nicht nur die Schuld an ihrer damaligen Bauchverletzung, sondern auch am Tod ihres Verlobten. Ein schmerzlicher Abschnitt in ihrem Leben, dessen Wunden bis heute nicht vollständig verheilt sind. Vielleicht gerade deshalb sammelt sie so viele Informationen wie nur möglich, um an ihr Ziel zu gelangen. Eines Tages wird sie es erreichen, und Alessia fragt sich des Öfteren, was danach sein wird. Findet sie mit der Sprengung der Organisation endlich den erhofften Frieden? Oder geht der innere Kampf weiter?
Die handgeschnitzte Uhr über der schönen alten Bar zeigt Alessia an, die Observation für heute zu unterbrechen und der eigentlichen Arbeit nachzugehen. Schließlich gibt es da noch einen Mordfall aufzuklären, und der löst sich nicht von selbst.
Zwanzig Minuten nach ihrem Aufbruch kommt Alessia im Kommissariat an und geht auf direktem Weg in ihr Büro. Tom folgt seiner Chefin und fragt sie sogleich, kaum dass er den Raum betreten hat: »Warst du wieder observieren?«
»Nein, ich war frühstücken«, entgegnet sie unschuldig.
Tom setzt sich ihr gegenüber hin und erwidert ernst: »Lass mich raten: Das Frühstück war am Kirchplatz.«
»Die haben nun mal die besten Croissants.«
»Was für ein Zufall. Lässt sich ja optimal verbinden. Nicht wahr?«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«
»Du musst endlich loslassen, Lessi. Sonst zerbrichst du irgendwann daran.«
»Ich kann nicht. Bei jedem Blick in den Spiegel werde ich daran erinnert.«
»Schon klar, aber das meine ich nicht, und das weißt du.«
»Es geht nicht anders, Tom. Ich muss die Organisation zerstören. Ich glaube, dass ich nur dann in der Lage bin, mit allem abzuschließen.«
»Denkst du nicht, dass du dir hierbei etwas vormachst?«
»Keine Ahnung. Möglicherweise kann ich das alles niemals abschließen. Aber würdest du in meiner Situation nicht genau das Gleiche tun?«
Einen Moment blickt Tom schweigend vor sich hin, bevor er erwidert: »Versprich mir wenigstens, dass du auf dich achtgibst, Lessi. Ich möchte dich nämlich nicht verlieren.«
»Das wirst du nicht. Ich passe auf mich auf.«
Besorgt blickt er Alessia an.
»Mir wird nichts geschehen. Mach dir keine Gedanken«, entgegnet sie erneut und sieht ihm dabei direkt in die Augen.
Obwohl Tom immer noch beunruhigt ist, spürt er, dass sich Alessia nicht umstimmen lässt. Also erhebt er sich und verlässt ihr Büro, ohne ein weiteres Wort.
Als die Türglocke ein gut hörbares „Ping“ von sich gibt, tritt Lukas Strasser vom Lager in den Ladenbereich. Die beiden Herren, die soeben das Geschäft betreten haben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Mann ihm gegenüber ist auffallend attraktiv. Sicherlich einer der Männer, die sich die Frauen aussuchen können, denkt sich Lukas. Er ist schlank, elegant, hochgewachsen, mit wuscheligen dunklen Haaren und ausdrucksstarken blauen Augen. Die Kleidung perfekt aufeinander abgestimmt. An diesem Mann scheint nichts dem Zufall überlassen zu sein. Die Perfektion in Person, muss Lukas neidlos anerkennen. Der Zweite ist das pure Gegenteil. Er ist ungepflegt, klein gewachsen und korpulent. Sein Kleidungsstil könnte man „einen Missbrauch des guten Geschmacks“ nennen, denn er trägt ein lächerlich gemustertes Hemd sowie eine zu enge Lederjacke. Trotzdem möchte er sich nicht mit ihm anlegen, eigentlich mit keinem von beiden. Lukas Strasser kennt die Herren nur zu gut, die mit Kundschaft nichts zu tun haben. Zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Sie sind zwar hier, um etwas abzuholen, nur bezahlen werden sie dafür nicht.
Lukas ist sich bewusst, was jetzt auf ihn zukommt. Ehrlicherweise hat er die beiden schon vor ein paar Tagen erwartet und insgeheim gehofft, dass er für diesen Monat aus dem Schneider ist. Da er dieses Mal nicht so viel verkaufen konnte wie üblich, ist ihm etwas mulmig zumute. Allerdings kann er nichts dafür, wenn die Kunden lieber günstigere Produkte im Discounter kaufen, als bei ihm etwas mehr zu bezahlen. Woher sollen sie auch wissen, dass sie am Ende den gleichen Artikel im Einkaufskorb haben. Zwar widerstrebt es Lukas, seine Kunden zu betrügen, jedoch hat er keine andere Wahl. Wäre sein Vater damals standhaft geblieben, hätte er jetzt diese Sorgen nicht. Vermutlich wird das Ganze nie ein Ende nehmen, denkt sich Lukas, während er auf die Herrschaften zugeht.
»Hallo Lukas, wie geht es dir?«, begrüßt ihn der Gutaussehende und bleibt vor ihm stehen, während der andere um die Theke herumläuft und die Hand an seinen Nacken legt.
»Ich denke nicht, dass dich das wirklich interessiert, oder?«
»Aber! Aber! Warum denn so unfreundlich?«
»Ich kann euch dieses Mal nur die Hälfte aushändigen. Die Geschäfte liefen letzten Monat schlecht«, sagt Lukas sogleich, denn er möchte die ganze Sache schnell hinter sich bringen.
Der Mann zu seiner Linken lächelt leicht und verstärkt den Griff an Lukas’ Nacken. Dieser zuckt vor Schmerz zusammen.
»Seit wann bestimmst du die Höhe der Abgaben?«, entgegnet der Mann vor ihm kühl.
»Ich habe wirklich nicht so viel«, antwortet er und versucht, sich aus dem Griff zu befreien.
»Dann würde ich mal sagen, du gehst mit Fabrizio nach hinten und gibst uns alles, was du hast!«
»Aber …«
Doch der Angesprochene zieht Lukas bereits am Nacken ins Büro, bevor der Gutaussehende ein weiteres Wort sagen muss. Dieser wartet unterdessen im Ladenbereich. Fabrizio stößt ihn zum Schreibtisch. Lukas weiß auch ohne Worte haargenau, was er zu tun hat. Also öffnet er den entsprechenden Schrank und nimmt den Inhalt heraus. Danach sperrt er diesen wieder ordnungsgemäß zu. Eigentlich eine unnötige Aktion, denn der Schrank ist jetzt leer. Trotz allem ist diese Handlung für Lukas wichtig, um seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Nachdem er dies beendet hat, gehen sie zurück in den Einkaufsbereich. Dort angekommen, zieht Lukas mit zittrigen Händen einen Umschlag unter der Ladentheke hervor und steckt alles hinein.
»Gib die Umschlag ihm «, flüstert Fabrizio in seinem schlechten Deutsch.
Lukas tut, wie ihm geheißen. Der Mann ihm gegenüber nimmt diesen an sich und wirft einen kurzen Blick hinein. Obwohl der Inhalt deutlich geringer ausfällt als üblich, scheint er mit diesem zufrieden zu sein. Der Gutaussehende nickt Fabrizio kurz zu, wobei dieser augenblicklich seinen Handgriff lockert.
»Das nächste Mal lieber gleich so. Wir wollen doch nicht unkooperativ werden, oder?«
»Nein, natürlich nicht«, erwidert Lukas mit zittriger Stimme.
»Gut, du weißt, was sonst geschieht«, entgegnet der Gutaussehende kühl.
Bevor er sich von Strasser abwendet, sagt er noch in dessen Richtung: »Wir kommen in ein paar Tagen wieder. Dann solltest du uns mehr zu bieten haben.«
Mit diesen Worten verabschiedet sich der Gutaussehende und verlässt endgültig das Geschäft. Fabrizio verpasst ihm einen kräftigen Boxhieb in die Flanke und folgt seinem Kollegen zur Tür.
Lukas krümmt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorne. Für einen Moment hat er Mühe zu
