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Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Seit Wochen friste ich ein Dasein inmitten von ermüdendem Grau. Ich bin gefangen in einer modrigen Zelle aus einer gar vorsintflutlichen Zeit. Das Einzige, was mich daran glauben lässt, dass ich wirklich existiere, ist mein Herz, das stetig pocht. Mit meinen Fingerkuppen taste ich über eine Wand und in dem Moment, in welchem ich die Unebenheiten darauf spüren kann, weiß ich, mich gibt es wirklich, denn ich kann etwas fühlen. Ich bin alleine, einsam mit meinen Gedanken. Ständig suchen sie mich heim, Erinnerungen an ein längst in Vergessenheit geratenes Leben. Da sind immer wieder dieser Mann und seine hinreißende Partnerin. Hannes scheint sein Name zu sein. Wer ist dieser Hannes und was habe ich mit ihm zu tun? Werde ich jemals aus meiner Zelle entkommen und es herausfinden?
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2016
Inhalt
Impressum
Widmung
Prolog
Die Gegenwart
Meine Geschichte
Vergangenheit
Fortwährend Vergangenheit
Gegenwart
Vergangenheit
Gegenwart
Vergangenheit
Vergangenheit
Vergangenheit
Gegenwart
Vergangenheit
Viele Jahre später
Noch viele weitere Jahre später
Ungewissheit in der Vergangenheit
Viele Jahre später
Gegenwart
Vergangenheit, viele Jahre zurück
Einige Stunden später
Das Ende des Bären
Gegenwart
Vergangenheit, kurz nach dem Bären
Einige Tage später
Gegenwart
Vergangenheit, irgendwann vor der Illusion mit dem Bären
Der erste Kuss
Anfangszeit
Gegenwart – Ambivalenz
Eine unschöne Vergangenheit
Gegenwart
Eine schöne Vergangenheit
Vergangenheit von Hannes und Lilly und ein kleines Mädchen
Kurz in der Gegenwart
Keine tolle Vergangenheit, aber aus Stolperern im Leben geht man stärker hervor
Eine Kerbe inmitten völliger Gewissheit
Was ist nur los mit Hannes?!
Gegenwart
Vergangenheit und die Interpretation zwischen Frau und Mann
Gegenwart
Vergangenheit – Die Schlange
Vergangenheit
Hannes und der Dieb
Vergangenheit – Das letzte Mal, dass ich meine Schwester sah
Gegenwart
Vergangenheit – Kurz vor dem Abflug
Die Insel Tam Laguna
Vergangenheit und Gegenwart
Irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Ein Hauch Vergangenheit
Gegenwart
Fernab in der Vergangenheit, irgendwann vor Lilly
Gegenwart
Vergangenheit
Die Gegenwart, herzlos und ehrlich
Vergangenheit
Die letzten Kapitel
Die Gegenwart, sie ist beinahe greifbar!
Vergangenheit – Der letzte Blick
Die Gegenwart
Epilog
Danksagung
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2016 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-95840-122-8
ISBN e-book: 978-3-95840-123-5
Lektorat: Isabella Busch
Umschlagfoto: Elena Lischke
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine Großmutter
Respice Finem
Du hast mich das Lachen gelehrt,
und Güte,
du hast mich Freude am Leben gelehrt,
und den Blick auf das Immaterielle.
Deine heitere Laune war ansteckend,
und dein Lächeln pittoresk.
Dein Lachen wird auf ewig in mir widerhallen,
und sollte ich in meinem Leben fallen,
ziehe ich mich wieder hoch,
am Gedanken an dich,
denn er wird mich durch die größte Dunkelheit führen,
auf das wir uns im Geist berühren.
Du bist mein Anker aus Licht,
und ich verspreche,
ich vergesse dich nicht!
Prolog
Du bist edlen Gemüts, die Gussform des perfekten Mannes, ein Charmeur der alten Schule, ein funkelndes Juwel, das heller scheint als alle Sterne am Firmament!
Hannes las die Worte in Ruhe und ohne das Beisein fremder Ohren. Seine Frau hatte sich nach mittlerweile acht Jahren Beziehung mal wieder etwas Tolles einfallen lassen, um seinen Geburtstag phänomenal werden zu lassen. Denn Hannes liebte Überraschungen, im Gegensatz zu seiner Frau. Und so fing ein wunderbarer Tag mit diesen Worten an, welche er am Badezimmerspiegel auf einem grünen Zettel fand, während seine Frau nicht aufzufinden war, und Hannes bereits seinen morgendlichen Ritualen nachging.
Wochen später erwache ich schweißnass und panikerfüllt. Ich haste in unser meerblaues Bad, reiße dabei etliche Gegenstände zu Boden und schütte mir eine Handvoll eiskaltes Wasser ins Gesicht. Ich blicke in den Spiegel, in meine Augen, direkt in meine Seele. Ich beginne zu denken:
„Ich schreite durch den Spiegel und erblicke den wahren Geist meiner Selbst. Wie meine Schönheit wächst, so wächst auch der Frauenreichtum, der sich um mich schart wie die Löwinnen um ihren König, wie üppiges Gras der Steppe sich dichter aneinanderreiht und wie die Truppen um ihren Heeresführer! So schreite ich dahin durch die Sonne meines Spiegels und das Meer meiner Herrlichkeit!Es sind dieeinzelnen Gesichtszüge, die meinen Anblick zu etwas himmlisch, apollinisch prachtvoll Glänzendem formen!
Denn gefangen zu sein in dieser Arroganz und übermäßigen Schönheit bürdet mir eine Last auf, welche sich nur schwer und nur mit dem Ausgleich des Auslebens meines Trieblebens an Frauen ertragen lässt. Ich verhöhne die Götter, mir solch Knechtschaft anzumaßen. Auf multilaterale Weise tausche ich dieses Geschenk mit vielen Gesichtern des anderen Geschlechts!“
Ich muss lachen, denn in wenigen Sekunden werde ich mein Gedankengut meiner Frau vortragen. Diese wird ebenso lachen und mich ermahnen, dass ich es mit meinem Sarkasmus nicht zu weit treiben sollte.
Die Gegenwart
Irgendein Tag in irgendeinem Monat.
Wir schreiben das Jahr 2015. Den genauen Monat kann ich nicht angeben, nur erahnen. Die Tage verstreichen wie der Sand, welcher durch eine Sanduhr läuft. Manch ein Tag ist wie ein winziges Korn, fällt schnell durch den mittleren Spalt, ohne dass man überhaupt gemerkt hat, dass der Tag begonnen, noch dass er bereits vorüber ist. Andere Tage sind zäh, erwecken den Anschein, als wollten sie nie zu Ende gehen, wie ein fetter Körnerbrocken, der im Hals zwischen den beiden Glaskolben stecken bleibt. Die Überleitung vom einen Tag hin zum nächsten ist verstopft. Anhand des Wetters der vergangenen Tage schätze ich die Jahreszeit auf Frühling. Ab und an Regen, mal grüßt die Sonne, mal ziehen Wolken in den verschiedensten Formen vorbei. Der Frühling erfüllt mein Herz mit Kummer. Assoziationen von Liebe, Geselligkeit, die Kälte weicht der Wärme, strahlende Farben der Natur. Und was tue ich? Gefangen in grässlichem Grau, ein Abbild meiner Seele, so deucht es mich. Ich weiß nicht, wie lange ich schon in diesem trostlosen Käfig sitze, und ich will es auch gar nicht wissen. Von Tag zu Tag scheinen die Wände näher zu kommen, was einst ein Flüstern war wird nun zu einem Schreien. „Gib auf! Wehr dich nicht! Schließ deine Augen“, höre ich sie rufen, doch sind es womöglich nur Stimmen in meinem Kopf, spielt mein Verstand mir Streiche, oder bin ich ein Gefangener? Ein Gefangener meiner eigenen Fantasie?
Die Wände personifizieren sich, nennt man so etwas nicht einen Anthropomorphismus? Habe ich eventuell Germanistik studiert, woher kam urplötzlich dieser Fachbegriff? Ich weiß es nicht mehr. Mein Gehirn ist müde, mein Gedächtnis gleicht einer in Vergessenheit geratenen uralten Bibliothek. Irgendwo in der Ecke sitzt ein alter Mann mit grauem langem Haar und dichtem Bart. Er schläft, seine Stirn ruht auf dem Schreibtisch zu seiner Front. Neben ihm glimmt schwach eine Petroleumlampe. Sie signalisiert Leben, wohl mehr den letzten Atemzug eines Lebens, ein Hoffen, stets ist der Greis bereit aufzuspringen und die, meine, seine mit Staub befallene Autobiografie aus zahlreichen Büchern zusammenzusetzen. Doch nichts geschieht. Nichts regt sich, kein Luftzug, kein Geräusch, kein Husten, nichts. Habe ich eine Verletzung erlitten, ein Trauma, oder war es ein bewusster Akt des Vergessens?
Meine Finger tauchen aus undurchsichtigem grauem Nebel empor, aus einem dunklen grauen Nichts. Der Unterarm ist noch zu sehen, doch mein Oberarm verblasst, wie Zigarettenqualm, der in die Höhe steigt. Ich taste mit meinen Fingerkuppen über die raue Wand, vor der ich stehe. Die gesamte bröcklige, verfallene Wand ist mit Gekritzel übersät. Es stehen etliche Sätze dort vor mir, endlos erscheinen sie mir, als hätte sie ein Mensch in seinem Wahn darauf geschrieben. Ein Irrer, gegeißelt von schizophrenen Schüben, festgekettet in einer Psychose. Umso näher ich an die Wand trete, desto weniger kann ich erkennen, desto verschwommener werden die Buchstaben. Was steht dort vor mir? Obwohl ich die Zeilen nicht lesen kann, kommen sie mir vertraut vor. Was geht hier vor sich? Mein gesamter Körper ist mit Schweiß bedeckt, Schweißperlen laufen meine Gliedmaßen hinab, tropfen hinunter. Ich bin schwach, kann meinen rechten Arm kaum noch heben, um mit meinem Zeigefinger an den eingeritzten Wörtern entlangzufahren. Mit welchen Werkzeugen wurden hier Kerben in die Wand geschlagen? Mein Blick folgt dabei meinem Zeigefinger. Meine Lippen sind rissig, aufgeplatzt, ich schmecke Blut. Auch meine Augen schmerzen, tränen ununterbrochen, sodass ich stetig die Lider fest zusammenpressen muss. Kein Hunger, kein Durst. Es schmerzt, die Luft einzuatmen. Mein Hals ist trocken und kratzt. Mein passiver Bewegungsapparat ist alt und gebrechlich. Die Knie schmerzen und der Rücken schreit lauthals, dass er bald resigniert, genug Last im Leben getragen zu haben. Das Einzige, was mich daran erinnert, dass ich noch lebe und existiere, ist mein Herz, denn es ist der Körperteil, der nicht bedauert und nicht ist verletzt. Ich spüre den Pulsschlag in meiner Brust. Ich bin von Stille umringt, und in ebendieser Abwesenheit jedweder Geräusche höre ich das Pumpen des Muskels, der mich am Leben erhält.
Ein Vogel kommt angeflogen und legt eine Rast in unmittelbarer Nähe ein. Ich möchte ihn füttern, doch so schnell, wie er kam, ist er auch schon wieder verschwunden.
Ein Tag danach in irgendeinem Monat.
Ich erinnere mich wieder. Aber das war nicht mein Plan. Ich sollte, durfte mich nicht auf meine Vergangenheit besinnen und doch sinnierte ich. Denn die Erinnerung korreliert mit dem Schmerz, eine Qual, gebunden an Sehnsucht. Die menschliche Neugier ist zu stark, nicht zu bremsen. Sie lässt sich nicht einsperren, sie ist wie etwas, was wir immer mit uns herumtragen, ohne uns darüber bewusst zu sein, und ab und an kommt sie zum Vorschein. Wie die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen vielleicht. Man denkt, man hat das Leiden überwunden, doch irgendwo tief in uns haftet die Erinnerung, und so auch die Pein. Die Zeit heilt alle Wunde, heißt eine allerorts und generationenübergreifende Weisheit des Lebens. Jetzt, in dem Augenblick, in dem ich mich erinnere, mir bewusst werde meiner Fehler, Makel und insbesondere meiner Verluste, merke, spüre ich, wie vernarbt meine Seele doch ist.
Wie ein Band, welches ständig reißt und wieder zusammenwächst. Es ist wie die Narbe auf der Haut, sie hinterlässt einen unschönen Fleck, und wer mal über die eigene Narbe getastet hat, weiß, dass man dort nichts mehr fühlen kann. Der taktile Sinn ist an dieser Stelle außer Kraft gesetzt. Genauso fühlt sich bzw. fühlt sich eben nicht meine Seele an. Manche Erinnerungen rufen Leere und Emotionslosigkeit hervor, andere narbenartige Erinnerungen verursachen tiefes seelisches Leiden, wie ein Lebensabdruck auf meinem Geiste, der wehtut und nie wieder verschwindet. Ich sitze mit dem Rücken an eine Wand gelehnt, die Beine angewinkelt und die Füße seitlich von mir nach rechts gestreckt, sodass die linke Außenseite meines linken Beines den Boden berührt. Ich halte mich mit der linken Hand an einem Gitter fest. Ich weiß nicht mehr, was Hunger ist und das Empfinden von Durst ist mir fremd. Ich schaue an mir herab und sehe Haut, die Knochen und Muskeln umschließt. Ich bin dünn geworden, fast mager.
Ich weiß, ich darf mich nicht erinnern, aber solange der Prozess des Erinnerns noch anhält, muss ich jemandem meine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von Glückseligkeit, aber auch von Trauer, von Höhen und Fehltritten, die mich zu einem stärkeren Menschen machten. Auf dass, wenn ihr das Folgende lest, ihr euer Leben ein wenig mehr zu schätzen wisst. Denn schon morgen könnte ich wieder vergessen haben, und schon morgen, könntet ihr das verpasst haben, was ihr am Vortag leisten wolltet. Eine Entschuldigung, nur einmal über euren Schatten springen, nicht stur sein oder einen alten Freund anrufen, einen Verwandten. Tut es (jedoch) wie ich, und eure Seele wird sein wie ein Muskel nach unzähligen Muskelkatern, ständig kleine Risse im Muskelgewebe, die sich wieder schließen, als wäre nie etwas geschehen und die Risse nie da gewesen.
Meine Geschichte
Ich war jung. Ich war wild. Bin mit wenig Rücksicht durchs Leben getanzt. Gelaufen und gegangen. Seltener gekrochen. Die Welt stand mir offen und ich war ihr Gast. Der Boden war meine Bühne und ich war ihr Künstler. Doch dann kam Sie. Die Welt war nun nicht mehr meine Bühne, sie war unsere. Der Boden war unser Gerüst und wir waren die Handwerker, die Architekten und die Maler. Wir schwammen in schillernden Bächen, ein Gemisch bunter Farben, ab und an stieß uns die Realität zurück ins Leben. Gegen Ende umso häufiger. Ein Team. Eine Symbiose. Kein Sommer war uns zu heiß, kein Winter zu kalt, kein Schatten ließ uns erzittern und kein Schlag uns verbluten. Sie küsste mich, das allererste Mal, und ich wusste, was meine Aufgabe war. Sie beschützen, sie festhalten, sie teilhaben lassen an meinem Leben.
Sie war in einer trostlosen, kargen, endlosen Einöde die einzige Blume, die blühte.
Doch jetzt gibt es nichts mehr, was mich hier hält. Nur Leere und Einsamkeit. Erinnerungen und Frust. Ich ging. Und jetzt erzähle ich eine Geschichte.
Vergangenheit
Lilian erwacht. Sie öffnet langsam und noch vom Schlaf benommen ihre Augen.
Einsam liegt sie in ihrem sehr breiten, mit flauschigen Kissen ausgestatteten Bett. Ähnlich der Belagerung eines Popstars, umgeben sie die Kissen wie eine ausdauernde Schar treuer und fanatischer Anhänger. Irgendetwas heute Morgen ist anders. Ihr Kopf scheint leicht zu dröhnen. Nicht allzu stark, kein Anzeichen einer sich nähernden Erkrankung, jedoch ausreichend, um präsent zu sein. Lilian setzt sich in ihrem Bett auf und reibt sich langsam und mehrere Male die Augen. Der lange Vorhang ihres Fenster, welcher bis zum Boden reicht, ist nicht vollständig zugezogen und so dringen die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages in ihr Schlafzimmer. Nachdem sie den Fesseln des Schlafens entkommen konnte, welche von solch enormer Kraft sind in diesen frühen Morgenstunden, vollführt sie die übliche morgendliche Prozedur des sich Zurechtmachens. Sie steht vor dem Spiegel ihres Badezimmers. In der rechten Hand hält sie eine Zahnbürste, deren Kopf in ihrem rechten Mundwinkel verschwunden ist. Ein leichter Schaum geschrubbter Zahnpasta umrandet ihre Lippen. Sie steht regungslos da und blickt sich eigens in ihre maronenbrauen Augen. Die Farbe ihrer Augen erinnert an die Rinde eines Baumes und zugleich an den Duft des Waldes, zwei Augen in den Tiefen der Natur geboren, um zu wachen und zu wärmen. Ihr Pony steht noch vom Schlaf geprägt wild in alle Richtungen. Das restliche Haar tut es ihm gleich, ein blondes Haupt, das lebendig wirkt. Vereinzelt haben sich Sommersprossen auf und in Nasennähe niedergelassen. Ein Pyjama kleidet Lilian.Was? Wer? Wen? Wieso?Lilian kann sich nicht von dem Gefühl befreien, irgendetwas würde nicht stimmen, anders sein. Nach ihrem morgendlichen Ritual begibt sie sich zu ihrer Arbeit, dem Ort, an welchem sie ihren Unterhalt verdient. Den ganzen Tag wird Lilian geplagt von dem Gedanken, dass etwas fehle. Sie kann nicht konzentriert ihrer beruflichen Tätigkeit nachkommen, und auch die sonst so belustigende freundliche Arbeitskollegin Maggy, mit den erheiternden rot gefärbten Locken, kann ihr an diesem Tage kein Lächeln abtrotzen, zumindest kein echtes. Wieder zu Hause angelangt sitzt Lilian im Dunkeln ihres Wohnzimmers. Die Rollläden sind heruntergelassen. Nur eine Kerze, welche auf dem Esstisch platziert ist, erhellt den Raum. An diesem Tisch sitzt Lilian. Lediglich ein weißes Blatt Papier und ein Bleistift bedecken den Tisch zu ihrer Vorderen. Ihre Gedanken laufen um die Wette, in den tiefsten Katakomben ihrer Erinnerungen sucht sie nach der Antwort auf eine Frage, welche sie selbst nicht ganz versteht. Eine undefinierte, unausgesprochene, unartikulierte Frage. Wie kann auf eine Frage eine Antwort gefunden werden, deren Existenz unklar erscheint, wie ein Baum, der im Nebel verschwindet. Wie ein kraftloser Schatten, der das Ergebnis einer nur schwach scheinenden Sonne ist. In all diesem Chaos von Überlegungen entspringt er auf einmal. Der Name. Der Name, der die Antwort zu sein scheint.
Urplötzlich steht er da. Nur der Name, Hannes, auf dem eben noch reinweißen Papier, dem Tabula rasa.
Als Lilian den Namen liest, durchfährt sie ein wärmendes Gefühl. Immer und immer wieder, wenn sie an den Namen Hannes denkt, dringt dieses Gefühl zu ihr durch, aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele. Doch mehr nicht, nur der Name und dieses Empfinden von Wonne. Nach einiger Zeit gewinnt die Müdigkeit Oberhand über Lilians Versuche des Sich-Entsinnens. Matt und enttäuscht, vielleicht über sich selbst, geht sie in ihr Schlafgemach. An diesem Abend hatte sie vergessen zu essen, zu trinken und sich dem Fertigmachen im Bade zu widmen. Jeder weitere Morgen scheint eine erneute Qual. Ein Erwachen in einem Feld von Brennnesseln, einer Matratze aus Nägeln. Zu dem Gefühl der Wärme hat sich die Emotion des Vermissens gesellt, eine Emotion, welche von Tag zu Tag mehr gedeiht und sprießt, sich entfaltet. Etliche Bemühungen des Gedächtnisses, Erinnerungen zu aktivieren, abzurufen, bleiben unbelohnt, der Hippocampus versagt, das limbische System schuftet rudimentär. Retrogrades mentales Wieder-Auffloppen im Gehirn strauchelt.
Bis auf diesen einen Tag. Den fünften Tag in Folge, an dem sie meinte, ihr fehle etwas. Sie liegt im Garten des Hauses, zu welchem ihr Apartment gehört, auf einer Liege, verstellbar in Kopf- und Fußhöhe. Ihre Augen sind geschlossen. Der Nachbarshund hat sich abermals zu ihr geschlichen und sich rechts von ihr ins Gras gelegt. Auf mysteriöse Art und Weise muss er es wohl geschafft haben, ein Loch unter dem Zaun hindurch zu graben, unter irgendeiner Hecke vermutlich. Bisher konnte weder ihr Vermieter noch der Besitzer des Hundes den Fluchtweg ausfindig machen. Ein knuffiger Maremmano Abruzzese. Ein Tier, welches Lilian bei dem Anblick seines schneeweißen Felles immer an den Winter erinnert. Ein schönes und erfüllendes Memorieren. An Winter und Berge, an Pisten und Poilen. Schöne Erinnerungen vergangener Skiausflüge.
Die Natur erleben. Lillian hat ihre Skier abgelegt, weit oben, auf dem höchsten Gipfel des Skigebiets, gerade nachdem sie aus dem Skilift gestiegen ist. Sie ist über das Band, welches die Piste umschließt beziehungsweise von nicht zu befahrenem Gelände abgrenzt, geklettert, um sich für einen Augenblick innerer Ruhe auf den schneelosen Felsen des Berges niederzulassen. Der Blick in das Tal zwischen dem Berg unter ihr und dem Berg, zu welchem sie ihre Augen richtet, ist ihr wegen der aufsteigenden Wolken verwehrt. Ebenso ist der Himmel über ihr von üppig daherziehenden Wolkenschwaden erfüllt und es dauert nicht lange, bis auch sie in dichte, undurchsichtige Nebelschauer gehüllt sein wird. Lilian genießt den Moment. Es gibt kein Gestern und kein Morgen. Das Jetzt existiert. Sie schaut in die Ferne und ihre Gedanken verschmelzen mit der Natur. Mit dem Wind, welcher ihr Gesicht streift, welcher sanft bläst und beruhigende Klänge von sich gibt. Mit dem Schnee, welcher auf so eigene Weise nach Freiheit und grenzenlosem Dasein duftet. Die Wolkendecke öffnet sich für wenige Minuten. Gerade in günstiger Formation, sodass die Sonne freigelegt wird und ihre Wärme zu ihrer Haut durchdringen kann. Ein herrliches Gefühl. Die Sonne, die ihren Körper aufheizt und der Wind, der belebende Frische mit sich bringt.
So liegt Lilian da auf dem Rücken, die Lider geschlossen, die rechte Hand streichelt den Nacken der Hündin Susie und sie lässt Revue passieren, was einst geschah, in ihrer Welt.
Womöglich war es die unbewusste Finte des sich momentanen Nicht-An-Hannes-Erinnern-Wollens, welches das Bild manifestierte. Wie ein Falke schoss es vorbei. Wie ein Blitz. Das Gesicht eines Mannes, eines Mannes mit Bart. Augenblicklich reißt Lilian die Lider auseinander und starrt in den blauen wolkenlosen Himmel, von der Sonne geblendet, welche eben noch ihrer Haut mehr Bräune verleihen sollte.
Jetzt ist sie zu unruhig, um sich in femininer Lust der Vorteile der Sonne zu widmen, nämlich ihrer Haut einen brauen Teint zu verleihen. Um sich einer besseren Konzentration zu bemächtigen, schließt Lilian erneut ihre Augen. Nervös und beinahe konvulsivisch rutscht Lilian auf ihrer Liege herum und kneift ihre Augen zusammen, als könnte sie sich dabei besser erinnern, dem Gesicht des Mannes mehr Kontur und einen dazugehörigen Körper verleihen. Geistig abwesend packt Lilian fester in das Fell der Hündin und unerwartet flackert ein intensives Bild vor ihr auf, stärker als ein Traum, beinahe als wäre sie dort.
Ihre Brust berührt den Boden, vielmehr den Teppich. Ihr Oberkörper ist unbekleidet, ihre Brüste sind freigelegt, nackt und auf den weichen Untergrund gepresst. Ebenso liegt ihre linke Wange fest auf dem Teppich. Lilian spürt etwas in ihrem Nacken, eine kräftige, robuste Hand hat sich um ihre Haare gewickelt, packt ihren Schopf und drückt ihren Kopf gegen den Boden, gerade noch so vermag sie zu atmen. Ihre Lippen sind feucht. Sie hört sein Schnaufen und nimmt seinen warmen Atem in ihrem Nacken wahr. Ihre Beine sind leicht gespreizt, ihr Gesäß ein wenig angehoben. Ihre Vagina berührt nicht den Boden, doch ihre Knie und Schienbeine sind bereits leicht gereizt, aufgescheuert. Er dringt tief in sie ein, mal langsam, mal schnell, mal sanft und mal heftig. Sie keucht und stöhnt laut. Er flüstert „Lauter“ und sie antwortet. Die Arme hat sie vorne von sich gestreckt, ebenfalls angewinkelt. Und ihre Hände … ihre Hände greifen fest, krampfhaft in den Stoff des Hochflorteppichs.
Lilian schreckt innerlich auf. Von der Intensität dieses Tagtraums und vom Jaulen der Hündin, zu fest hat sie deren Fell mitsamt Haut gekrallt. Noch immer merkt sie den warmen Atem in ihrem Nacken, riecht seinen strengen männlichen Körpergeruch, schmeckt den Dunst frischen feuchten Schweißes, entsprungen einem koitiven Akt, auf ihrer Zunge und spürt das Kratzen seines Bartes auf Hals und Wangen.
Urplötzlich verdunkelt sich der Tag. Durch ihre Lider nimmt Lilian wahr, wie anstelle von Helligkeit Schatten getreten ist. Sie öffnet achtsam ihre zusammengekniffenen Augen und hält mit ihrer linken Hand ihren Hut fest, der gerade dabei war, den Weg auf den saftig grünen Rasen zu finden. Dort, wo vor wenigen Sekunden noch die Sonne war, lächelt ihr nun ein fremder Mann entgegen. Anzug, Krawatte, Sonnenbrille, gestylte Haare. Oder ist es doch ein dunkler elegant geschnittener Blazer auf schwarzer Anzug- oder gar Lederhose und unter dem Blazer ein hellrosa Shirt? Kurz verzerrt sich der Anblick, das eine Outfit legt sich über das andere und wieder retour. Lilians visuelle Wahrnehmung spielt ihr wohl einen Streich. Anzug oder Blazer, was macht das schon. Sein Lächeln so weiß, dass Lilian sich sicher ist, dass dieser Unbekannte Werbung für Zahnpasta machen musste. Er breitet die Arme aus, als erwarte er, sie würde sich in seine muskulös wirkenden Arme schmeißen. Dann sagte er etwas, was sie verdutzt.
„Schatz ich bin wieder zu Hause.“
Fortwährend Vergangenheit
Kennen wir uns?, denkt Lilian und wird sich dann gewahr, dass sie laut überlegt haben musste, denn das Lächeln des Mannes weicht einem verwunderten Gesicht. Doch dann geschieht es. Sie erinnert sich. Der Bart. Das Antlitz des Fremden gleicht dem, das ihr vor einigen Minuten noch durch den Kopf geschossen ist und der Duft, welcher von ihm herüberweht, riecht verlockend, gleich dem in ihrem Traum. Ein Körpergeruch, der anziehend ist, ihre Sinne trübt und ihre innersten Sehnsüchte und Triebe hervorlockt, wie ein Köder den Fisch. Er nimmt seine Sonnenbrille ab und mustert sie mit seinen großen glänzenden Augen. „Lilian?“, stammelt er und zugleich gewinnt er wieder seine Fassung, vermutlich um Beruhigung und Sicherheit auszustrahlen und sie nicht zu verängstigen. Dabei beugt er sich sachte zu ihr hinunter, kniet sich dabei und legt seine rechte Hand auf ihren linken Oberschenkel. „Die Zeit ist gekommen, Schatz“, sagt er und formuliert dadurch ein Rätsel, zumindest für Lilian.
„Welche Zeit?“, entgegnet sie.
„Komm mit, wir müssen zu Dr. Flenz. Er hatte mich bereits darauf vorbereitet, uns um genauer zu sein, und gesagt, dass dieser Tag einmal kommen wird.“
„Was für ein Tag und welcher Dr. Flenz?“ Lilian blickt verwirrt zu Boden und vergräbt dort ihren Blick tief im dunkelgrünen Gras. Sie wirkt abwesend, nachdenklich, unsicher. Unsicherheit ist eine der Eigenschaften, die gar nicht zu ihr passt. In ihrem ganzen Leben agierte sie stets souverän und mit Biss. Oder waren das doch gerade die Charakterzüge von Hannes, dem Mann in ihrem Traum, die sie da reflektiert? Sie verwirft ihre Überlegungen schneller, als diese kamen. Denn umso intensiver sie nachdenkt, desto schlimmer werden ihre Kopfschmerzen.
Obgleich sie dem fremden Manne noch nicht so recht zu trauen scheint, willigt sie schließlich ein, folgt ihm zu seinem Wagen und gemeinsam steuern sie die Praxis von Dr. Flenz an. Sie hatte ohnehin gerade keine anderen Pläne oder Hausarbeit zu verrichten. Wieso also nicht? Immerhin kannte er ja ihren Namen. War sie gar abenteuerlustig, spontan und naiv? Oder war er es?
Schweigen. Die gesamte Autofahrt ist geprägt von Stille. Keiner sagt etwas, niemand fragt, niemand antwortet. Als der Mann seinen Wagen auf einem der leer stehenden Parkplätze vor einer ärztlichen Einrichtung zur Ruhe kommen lässt, kommt es aus Lilians Mund. Trocken und unverblümt: „Bin ich krank?“
Bin ich eventuell trocken, aber eine ganz Lustige und Direkte? Erwecke ich zunächst gar einen drögen Eindruck und überrasche danach mit humorvollem Biss? Bin ich vielleicht eine Belastung für ihn?, fügt Lillian in Gedanken hinzu und ein Gemisch aus Melancholie und seltsamer Freude darüber, etwas Neues über das eigene Selbst herausgefunden zu haben, legt sich wie ein Kettenpanzer auf ihre Seele.
Der Fremde wird sichtlich nervöser. Er denkt nach, schluckt seinen Speichel hinunter, wobei sein sehr maskulin wirkender Kehlkopf eine kleine Bewegung macht, und dreht seinen Kopf in Richtung Beifahrerseite. Wieder einmal findet seine rechte Hand ihren Weg auf Lilians Schoß. „Ja, mein Kleeblatt.“ Er wirkt besänftigend auf Lilian. Strahlt Ruhe aus, Geborgenheit.
Kann sie ihm vertrauen? Sie entscheidet sich für ja.
Kleeblatt?, überlegt sie angestrengt, kommt mir irgendwie bekannt vor.
Der kreative Kosename hat in ihr leichte emotionale Regungen ausgelöst. Ein Name, mit welchen sie in ihrem Leben nicht zum ersten Mal betitelt wurde, wie ihr scheint. Kein Novum für Lilian.
Ein vierblättriges Kleeblatt ist ein Glücksbringer. Eine Seltenheit, die Königin unter den Dreiblättrigen, und aus solchem, diesem Grunde taufte Hannes sein Herz, nämlich Lilian, Kleeblatt. Eine Würdigung ihrer Unvergleichbarkeit und Einzigartigkeit. Denn unter Millionen von Kleeblättern findet man nur dieses eine, was vier Blätter trägt und man muss es ganz sachte pflücken, damit es nicht verwelkt. Und man muss es auch behutsam behandeln, all die Jahre, damit es nicht verdorrt. Und auf keinen Fall darf man es in einer Glasvitrine verwahren, als wäre das Kleeblatt eine Selbstverständlichkeit, welches immer an Ort und Stelle weilt. Denn das Kleeblatt will auch berührt werden, gestreichelt und merken, dass man es liebt.
Gegenwart
Eine Träne. Eine Träne hat den Weg aus meinem rechten Auge gefunden und ihre Flucht über die Wimpern hinweg Richtung Wange fortgesetzt. Noch ehe die Träne dem Gesicht entweichen und am Kinn hinabtropfen kann, bremse ich ihr Entkommen mit der Spitze meiner Zunge. Tja hätte sie ihren Weg nicht zu nahe am Mundwinkel entlang gesucht. Wie ein dicker Staudamm hat sich meine Zunge dem Tränenfluss entgegengeworfen und den Vorgang des Hinabfließens für einen kurzen Zeitraum unterbrochen.
Manche Dinge verlernt man nie, so heißt es, auch während einer Amnesie vermag der Betroffene, Fahrrad zu fahren oder andere routinierte Handlungen zu vollziehen. Jedoch dachte ich, war felsenfest davon überzeugt, ich habe verlernt zu schmecken. Ich versuchte verbissen und krampfhaft mich zu erinnern. Wie schmecken Erdbeeren, eine Kürbiscremesuppe, Brot, Kartoffeln oder auch ein Apfel? Ich habe verlernt zu schmecken, und doch ist da dieser salzige Geschmack in meinem Mund, kurz, nachdem ich mir die Träne von der Wange geleckt habe. Ein Erfolgserlebnis, ein weiterer Beweis dafür, dass ich noch existiere, keine Erfindung bin. In dem Moment des Schmeckens scheint die Zeit still zu stehen, die Welt um mich herum vermischt sich zu einer Flüssigkeit, anfangs aus verschiedenen Grautönen, gesellen sich nun bunte Farben hinzu. Erlebe ich gerade einen Flow? Ich schließe die Augen und konzentriere mich nur auf den Geschmack von Salz, sauge ihn in mich hinein, möchte ihn nicht mehr hergeben. Ich denke unwillkürlich an ein Buch, das ich mal gelesen haben muss. Es handelt von einem Serienmörder am Anfang des 16. Jahrhunderts in Paris, der junge Frauen tötet, um aus ihrem Körper Parfum herzustellen. Beinahe so fühle ich mich gerade, so sehr verlangt es mich, den Salzgeschmack zu inkorporieren, wie der Killer den Duft der Frauen, wie eine Löwin, die gierig ihr Maul in das Blut ihres gerissenen Opfers stößt.
Ich fühle mich sorglos. Ich öffne meine Augen wieder und der Augenblick ist verronnen. Der Schmerz kommt blitzartig zurück, der Schmerz meiner Seele. Ich fühle mich, als stehe ich in einem Blizzard und riesige, murmelgroße Hagelkörner schlagen auf mich ein, ungebremst, ohne Reue, prasseln sie auf mich nieder.
Fortwährend bemühe ich mich unter Qualen zu erinnern, meiner Vergangenheit und Identität gewiss zu werden. Wer war ich und zu wem wurde ich? Die letzten Erinnerungsfetzen lösten Trauer aus, es war, als blickte ich durch einen Vorhang aus Nebel, der sich für kurze Zeit auflöste und wieder zuzog. Nun spielen sich die eben niedergeschriebenen, aus meinem Gedächtnis transkribierten Bilder vor meinem inneren Auge ab, wie ein Film in einer Endlosschleife. Ich liege am Boden, meine, das feuchte Nass von Moos zu riechen. Nur eine Einbildung? Mein Körper und seine sinnwahrnehmenden Funktionseinheiten sind verrostet. Wo bin ich hier? Gibt es mich wirklich?
Die nächste Erinnerung kommt angeflogen.
Vergangenheit
Es war des Nachts, als alles schlief, der Grashalm stumm, kein Wind zu spüren, kein wild Getier auf Hungerslust, die Decken flauschig, wärmend wollig. Der Knabe, geschlossen seine mit zahlreichen Wimpern beschenkten Lider, geht einem ruhigen Traume nach und sein Gesicht strahlt eine in Ruhe gebadete Wonne aus. Schimmernde Farben durchstreifen den dunklen Himmel und hüllen die Erde in Geborgenheit. Fahler Schein dringt in des Jungen Zimmer und lässt dadurch den Mond hereinlächeln. Ein Lächeln auf den Lippen, lässt sich nur erraten, mit welch angenehmen Schlaf der Knabe bereichert ist. Geschmeidige Gesichtshaut verrät, dass die ersten Barthaare und das Hereinbrechen des Erwachsenwerdens noch eine Weile auf sich warten lassen. Doch das hellbraun schimmernde Haar und die süße Stupsnase lassen einen baldigen hübschen Mann erkennen. Eine gewöhnliche Nacht, wolkenfrei und durch einen wunderschönen Sternenhimmel gesegnet, würde so manches Frauenherz schwach werden und in wärmenden Farben dahinschmelzen lassen. Sternschnuppen, verborgen den ruhenden, schlafenden Lebewesen unter ihnen, schnuppen, ohne dass ihnen dabei jemand zusieht, um die Wette und verlieren sich in den Weiten des Horizonts. Keine Akklamation wird den Sternschnuppen in dieser Nacht zu teil. Eine Schönheit, verborgen in der Dunkelheit. Noch ist der im All verkehrende, käserne Riesling der Chef am Firmament, und noch einige Stunden bleiben seinem thronenden Sitz gewiss, bevor er der Sonne den Platz räumen muss.
Was dem Auge verborgen zu sein scheint, ist die längst getrocknete Nässe auf dem Bezug des Burschen Kissen. Noch vor wenigen Stunden überliefen dieses Kissen winzige, perlenklare Tropfen, salzig schmeckend berichtet so mancher Koster, entsprungen des kleinen Wesens Augen, sich den Weg bahnend wie ein Fluss am Berge, gemündet in dem weichen Untergrund seines Kopfes. Noch frisch ist die Wunde und belastet die reine Seele des Jungen, welcher den ersten Verlust, und damit verbundene tiefe Trauer in seinem Leben erfahren musste, die ihm auf solch grausame Weise zuteilwurde. Eine Erfahrung, deren Schmerz ebenso verletzend ist, wie sie an Abhärtung kostbar sein wird. Eine Erfahrung, die tief schneidet, wie ein gerade erst gewetztes Messer. Eine Erfahrung, die eine Narbe hinterlassen wird, die jeden Tag erinnert und auf melancholische Weise stärkt. Die Decke, seinen kindlichen Leib bedeckend, ist nicht dicker als der Knochen seines kleinen Fingers. Kein Zeichen von Kälte, kein Hauch unwohlen Schlafs, der Raum erfüllt von Wärme, welcher wie unsichtbarer Nebel aus des Kindes Körper strömt. Nie hat er sich beklagt, nie hat er sich beschwert, nie ließ er Missfallen erkennen. Einige Minuten werden noch verstreichen, bevor der sorgenfreie Schlummer ein Ende finden und den Knaben ein unbehagliches Gefühl heimsuchen und beschleichen wird. Er wird merken, dass es, auch wenn unbewusst, ein Fehler war, seinen rechten Arm zu lange unter dem Gewicht des Körpers liegen gelassen zu haben.
Es lärmt. Behutsam und schläfrig erlaubt das Kind dem Licht, in seine Augen zu dringen. Es begrüßt das Licht mit einem munteren Gähnen. Sonne erfrischt das Gemüt, erquickt das Herz, und reinigt die Seele. Es scheint, als throne die Sonne abermals am Himmel und ist darum bemüht, an jedem neuen Tage noch heller zu strahlen. Es gelingt ihr ausgezeichnet. Hannes blickt wie gewohnt in die Ecke seines Zimmers und nimmt dabei mehr Farben wahr, als seinem noch kindlichen Verstand überhaupt bekannt. Quaksi, sein aktiver, energetisch lodernder Zimmergenosse, erwidert seinen Blick und grinst zu ihm rüber. Die Jahre, welche sie nun schon zusammen in dieser Räumlichkeit verbracht hatten, wirken auf einmal wie dahingestrichen, ähnlich wie Marmelade auf Brot, schnell verteilt und schnell gegessen. Genauso erscheint es Hannes, ist die Zeit schnell vorangeschritten. Jahre, wie Tage. Abermals kommt es einem so vor, als liege man schon wieder abends im eigenen Bett, Tage enden fixer, als man denkt. In dieser Zeit gemeinsamen Beisammenseins kam es Hannes so vor, als schlafe der Vogel nie und ihm behagte der Gedanke, sein Freund könne lächeln, obwohl es vermutlich eine Unmöglichkeit ist, dass ein Vogel lacht, oder man ihm beim Lachen zusehen kann.
Ein prachtvoller Vogel, von Anmut erfüllt, rekelt er sich im Lichte der Sonne, welches durch die Fensterscheibe dringt wie Wasser durch die Erde. Sein Gefieder ist bunt und vermittelt den Anschein von farblich abgestimmter und geschlossener Unwillkürlichkeit. Jede Farbe wird beherbergt, als gehöre sie schöpferisch genau an jene Stelle des Federkleides des Papageis. Ein grüner Bauch ziert die größte Fläche des Vogels. Seine Flügel erstrecken sich in wärmenden sommerlichen Tönen des Orangen, Gelben und des Rots. Der Rücken wandert ins Hellblaue ab, wie kleine Regentropfen die an grünen Blättern herabfließen. Halsaufwärts entwinden sich die Farbtöne dem Wissen des jungen Burschen, doch die Farbe der Augen ändert sich von Zeit zu Zeit auf ein Neues. Viele Theorien wurden bereits von Hannes über dessen ungewöhnliche Begebenheit gedanklich formuliert, manche verworfen, manche beibehalten.
„Einen wundervollen guten Morgen wünsche ich dir, oder würde ich dir wünschen, wäre es nicht bereits ein solch schöner.“ Ein kurzes gedankliches Innehalten.
„Warum sollte ich dir denn dann noch einen guten Morgen wünschen? Würdest du jemals mit mir reden und wäre heute der Tag, an welchem du dich dazu entschließt, würdest du mich vermutlich an dieser Stelle mit einer Weisheit belehren, denn wie mir scheint, sind Papageien schlaue Geschöpfe.“ Hannes starrt eine kurze Weile in die gerade grün schimmernden Augen seines Haustieres – in der Hoffnung, dieses würde ihm antworten. Doch nicht einmal die Augen des Tieres signalisieren das Verstehen des eben Verbalisierten.
Kurze Zeit später betritt Hannes, nachdem er den routinierten Gewohnheiten jedes erneut hereinbrechenden Tages nachgekommen ist, die Essensstube seines Hauses und ist erstaunt über einen zuvor nie gesehenen Gast. Ein einzelner runder Tisch hängt in der Mitte der Küche, eine silberne Kette, verankert am Mittelpunkt des Tisches, ragt von der Decke hinab und hält die Last des Möbelstücks. An diesem sitzt auf einem riesigen hölzernen Bierfass jener Gast, durch welchen die Blicke des Jungen hindurchwandern. Hannes begibt sich in Richtung des fremden Besuchers, steuert dabei den Tisch an und lehnt sich mit seiner Brust an die gebogene Kante des Tisches, wodurch er dem Gast frontal in die Augen schauen kann. Er legt seinen rechten Arm auf die unebene Oberfläche des Objektes zu seiner Vorderseite und ein Gefühl des Unbehagens überfällt sein kindliches Gemüt, sein Puls gerät in einen schnelleren Takt, eine winzige Wolke huscht in Sekunden an der Sonne vorüber und hüllt die Küche in kurze Schattenhaftigkeit.
„Ich habe es satt!“, bricht sein Gegenüber das unangenehm an Hannes kratzende Schweigen.
„Was sättigt dich?“, will Hannes wissen.
„So oft satt zu sein!“, entgegnet der Unbekannte.
„Weshalb bereitet solch befriedigender Umstand dir Kummer?“, bohrt Hannes weiter.
„Ich hätte gern noch öfter Hunger, dann könnt ich mehr speisen. Von Fleisch und Kreisen“, fängt der alte Mann an zu dichten.
„Kreise kann man essen?“ Hannes’ kindlich genuine Neugier wird nun immer größer, der Alte hat voll und ganz sein Interesse geweckt.
„Ja, Jungchen, vieles Rundes ist gesund. Salatköpfe zum Beispiel.“
„Köpfe sind irgendwie merkwürdig“, wirft Hannes ein.
„Warum?“
„Sie schauen einen auf solch merkwürdige Art und Weise an.“
„Ja, ab und an weisen sie einen“, redet der Alte schlau daher.
„Mein Papagei scheint vieles zu wissen, doch weiß er genau, wie es sich verhält mit dem Schweigen“, sinniert Hannes laut.
Der Bart des männlichen Gastes ist dermaßen dicht, dass es sich als schwieriges Unterfangen erweist, dessen Lippenbewegungen mit bloßem Auge zu folgen. So dicht wie das Volk, welches sich um seinen König schart oder das Rudel um seinen Leitwolf.
Noch bevor der Manne etwas entgegnen kann, verabschiedet sich Hannes mit den Worten „Ich werde kurz die Winde spüren gehen und komme gleich wieder“ und verschwindet zur Tür hinaus in den Garten. Dort schreitet er barfuß über die ungemähten Wiesen seines Zuhauses, schließt die Augen und atmet die frischen Brisen des Tages ein. Nachdem einige Meter Grün unter seinen Füßen dahingeglitten sind, bleibt er stehen, seine Hände beginnen zu zittern und der Wind verwandelt sich in einen eiskalten Schauer unheimlicher Vertrautheit. Eine Vertrautheit, welche angsteinflößender nicht sein kann, denn Hannes richtet seinen Blick nach unten auf den mit Moos befallenen Grabstein, welcher aus dem Boden sticht und das Gras um ihn herum zum Platzräumen anweist. Gemächlich lässt der Junge seinen Leib hinabsinken und fühlt, wie seine nach unten fallenden Knie auf den Dunst befangenen Gräsern unter ihm abgebremst werden. Seine Lider schließen sich schützend um seine Augäpfel, um diesen einen Moment des Privaten auf alle Ewigkeit einzufangen und nie wieder herzugeben. Und so geschieht es in jener Sekunde, dass etwas in dem Jungen heranwächst, was ihm Kraft verleiht, ihn stärkt, seinen Geist nährt, seinen Körper beben lässt und ihm Leben einflößt. Der Bube, der vorher glaubte, seine Fantasie entspringe seinem Glauben, einem Glaube an eine heiterere Welt, glaubt nun, dass Fantasie und Wirklichkeit sich doch sehr ähnlich sind. Ähnlicher als zuvor. Seine Augen wenden sich ab vom Bild der Trauer und folgen der Richtung, die Hannes’ Körper nun durch Bewegung vorgibt, wodurch sie ihn wieder zurück in sein wohlbehütetes Heim führen. Als er erneut an diesem Tage die Küche beschreitet, ist zu seiner Verwunderung der im Alter gut gebaute Mann verschwunden und ein Fetzen Papier, angebrannt und schwer mitgenommen, welcher auf dem Grill in der Ecke des Zimmers liegt, hat sich stattdessen einen Platz verschafft. Ja, gewiss, das Grillen ist eine Leidenschaft, dem der Vater von Hannes öfter nachgeht als manch anderer Mensch. Daran, also nicht an der Leidenschaft des Essens, sondern dem Grillgerät, lässt sich der Beruf des Vaters ausmachen – ein Mann, welcher den Menschen mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten in allerlei Kategorien Objekte handwerkt. So ist der Grill ein für etliche Augen merkwürdiges Konstrukt. Ein rundes, eisernes Gehäuse beherbergt die Glut, getragen von vier winzigen Säulen, und einzelne Schienen darauf dienen dem Fleisch. Das Holz kann durch eine Luke an der Seite der Halbkugel eingeführt werden. Hannes nimmt die Notiz von den Stäben und beginnt die Worte darauf zu lesen. „Ein Baum ist nur so stark, wie seine Rinde ihn lässt und so herzig, wie seine Wurzel ihn lässt.“
„Klingt schlau und wegweisend, ich werde ihn mir später noch einmal durchlesen“, grübelt Hannes.
Etwas tätschelt plötzlich seinen Hinterkopf. Hannes’ Körper erstarrt vor Schreck. Leise hat sich dieses Etwas angeschlichen. Unbemerkt. Raffiniert. Warum hat er es nicht hören können? Stille, Sekunden des Wartens und der Ungeduld.
„Naaaaaaa Hanni, schon auf den Füßen an diesem herrlichen Tag?“ Seine Schwester hat sich mal wieder heimtückisch von hinten herangeschlichen, wohl wissend, dass er es nicht mag. Als er sich zu ihr herumdreht, blickt er in ihre azurblauen Augen. Er grübelt oft darüber nach, ob sich schon mancher Seemann in diesem Meeresblau verloren hat und wenn ja, wie er wieder aus diesem blauen Strudel hinausfinden wird. Ihr dunkles Haar fällt herab auf ihre Schultern und formt sich dort zu schönen länglichen Locken. Sie hat eine lilafarbene Kochschürze umgebunden und fuchtelt ihm mit einem Kochlöffel vor der Nase herum.
„Halloooooo, hast deine Ohren vermutlich im Schlaf verloren? Na, ich hoffe wenigstens nicht deine Nase, sonst verpasst du noch den himmlischen Duft von köstlich delikaten Rühreiern, die meiner Kochkunst entspringen.“
Sie lächelt Hannes an und gibt ihm einen Kuss auf seine linke Wange. Danach dreht sie sich zu dem Herd um und versinkt in ihrer täglichen Kocharbeit.
„Es ist Zeit für Quaksis morgendlichen Rundflug.“ Mit diesen Gedanken, haftend an des Hautieres Wohlergehen, begibt sich Hannes wieder in sein Schlafgemach. Doch was er dort vorfindet, ist alles andere als gewohnt. Sein gesamtes Zimmer ist wie leergeräumt. Einzig und einsam steht der Käfig seines Vogels inmitten des Raumes, auf den Holzdielen zu seinen Füßen. Wären da nicht die schattenhaft abgenutzten Stellen, die seine Möbel auf dem Boden hinterlassen haben, da sie seit geraumer Zeit ihren Platz an jenen Stellen eingenommen hatten, wäre seine Vermutung in Richtung eines nie zuvor entdeckten Raumes gegangen. Doch mithilfe dieser Hinweise, dieser Abdrücke am Boden, kann er sein Zimmer wiedererkennen.
„Du wirkst verwirrt, aber nicht verirrt,
hast deine Knie mit Erd verschmiert.
Dein Blick scheint Leere,
Doch sehe mehr als dort ist,
Du vergisst,
Die Fantasie, welch wurde dir zur Gabe,
Eine Gabe mit Frage,
Wofür ist sie gut?
Gibt sie mir Mut?
Vertrau deinem Geiste und noch mehr deinem Herze,
Es wird dich führen im Glück und im Schmerze.
Ich will mich zeigen deinem Auge,
denn glaube,
Nichts ist zu bangen,
Kein Ich und kein Verlangen,
Nach deiner Angst.“
„Quaksi … hast … hast du etwa … eben gesprochen?“, schleicht sich der Gedanke zögernd aus Hannes’ Mund hinaus in die Leere des Zimmers.
„Sei nicht albern, Junge, es wäre mir neu, könnten Vögel reden, oder hast du je einen Vogel etwas sagen hören?“ Ein gebrechlicher, jedoch gut gebräunter Greis tritt aus der Dunkelheit des Raumes hervor, von einer Stelle, welche durch das eintretende Licht der Morgensonne nicht erhellt werden konnte. Gefesselt. Starr und gefesselt blickt Hannes mit aufgerissenen und verwunderten Augen dem Kommen des älteren Herrn entgegen. Der Schock verweilt nur wenige Sekunde in seinen Adern.
„Wer bist du …“, sprudelt es förmlich aus ihm heraus, „… und … wo verdammt noch eins sind meine Sachen geblieben?“
Es ist keine Wut, welche aus seiner Kehle dringt oder gar den Ton seiner Stimme prägt, sondern Neugierde. Denn Wut empfand er noch nie. Ein Hochziehen beider Mundwinkel signalisiert Erheiterung seitens seines Gegenübers.
„Ich? Ich bin nur das, wozu du mich machst! Aber lass uns dies an anderer Stelle und zu anderer Zeit näher erörtern. Zuweilen erfreut es mich, dir in der Gestalt eines alten Mannes entgegenzutreten. Im Moment möchte ich dir ein guter Gast sein. Wirst du mir denn ein ebensolch zuvorkommender Gastgeber sein?“
