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Und dort, irgendwo inmitten der Menge, sehe ich etwas. Eine dunkle Gestalt. Ich blinzle verwundert, nicht sicher, was das sein könnte. Doch sie bleibt. Eine menschenähnliche Silhouette, und doch nur ein dunkler Schatten. Der Umriss will mich glauben lassen, ich sähe eine Gestalt, aber wie kann sie nur aus Finsternis bestehen? Und wie können all die Menschen einfach so an ihr vorbeilaufen? (Aus »Der Fleck« von Johannes Fenring.)
Dieser Band enthält eine Welt bizarrer Fantasien, Erzählungen über Albträume, eine Welt voller Schrecken und rationaler wie irrationaler Ängste.
Die Herausgeberin Lynda Lys hat eine Auswahl der besten Erzählungen aus dem ursprünglich unter dem Titel »Lasset uns Menschen machen« bei der Edition Bärenklau publizierten Band durchgesehen, neu zusammengestellt und für Bärenklau Exklusiv erweitert.
Folgende Geschichten sind in diesem Band enthalten:
› Schattenjäger – Philipp Schmidt
› Katzenknochen – Mara Laue
› Schneller! – Markus Kastenholz
› Zwischenfall – Nicolas Gruder
› Sabulons Braut – Mara Laue
› [email protected] – Malte S. Sembten
› Blutrausch nackter, nymphomaner Nonnen – Markus Kastenholz
› Der große Tag – Astrid Amadori
› Alles ist Schicksal – Marten Munsonius
› Die Schnecke – Hanna Thierfelder
› Ana – Astrid Amadori
› Der Fleck –Johannes Fenring
› Hirngespinst – Andreas Fieberg
› Lasse es bitte nicht so enden – Marten Munsonius
› Im Auge der Macht – Antje Ippensen
› Ein Bote wird ernannt – Rolf Stolz
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Philipp Schmidt / Mara Laue / Markus Kastenholz / Nicolas Gruder /
Malte S. Sembten / Astrid Amadori / Hanna Thierfelder / Rolf Stolz /
Johannes Fenring / Andreas Fieberg / Antje Ippensen & Marten Munsonius
Atmen und Zittern
Unheimliche Erzählungen
Herausgegeben von Lynda Lys
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer nach Motiven von edeebee (KI), 2025
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
www.baerenklauexklusiv.de / [email protected]
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Zum Buch
Atmen und Zittern
Schattenjäger
Katzenknochen
Schneller!
Zwischenfall
Sabulons Braut
Blutrausch nackter, nymphomaner Nonnen
Der große Tag
Alles ist Schicksal
Die Schnecke
Ana
Der Fleck
Hirngespinst
Lasse es bitte nicht so enden
Im Auge der Macht
Ein Bote wird ernannt
Und dort, irgendwo inmitten der Menge, sehe ich etwas. Eine dunkle Gestalt. Ich blinzle verwundert, nicht sicher, was das sein könnte. Doch sie bleibt. Eine menschenähnliche Silhouette, und doch nur ein dunkler Schatten. Der Umriss will mich glauben lassen, ich sähe eine Gestalt, aber wie kann sie nur aus Finsternis bestehen? Und wie können all die Menschen einfach so an ihr vorbeilaufen? (Aus »Der Fleck« von Johannes Fenring.)
Dieser Band enthält eine Welt bizarrer Fantasien, Erzählungen über Albträume, eine Welt voller Schrecken und rationaler wie irrationaler Ängste.
Die Herausgeberin Lynda Lys hat eine Auswahl der besten Erzählungen aus dem ursprünglich unter dem Titel »Lasset uns Menschen machen« bei der Edition Bärenklau publizierten Band durchgesehen, neu zusammengestellt und für Bärenklau Exklusiv erweitert.
Folgende Geschichten sind in diesem Band enthalten:
› Schattenjäger – Philipp Schmidt
› Katzenknochen – Mara Laue
› Schneller! – Markus Kastenholz
› Zwischenfall – Nicolas Gruder
› Sabulons Braut – Mara Laue
› [email protected] – Malte S.Sembten
› Blutrausch nackter, nymphomaner Nonnen – Markus Kastenholz
› Der große Tag – Astrid Amadori
› Alles ist Schicksal – Marten Munsonius
› Die Schnecke – Hanna Thierfelder
› Ana – Astrid Amadori
› Der Fleck –Johannes Fenring
› Hirngespinst – Andreas Fieberg
› Lasse es bitte nicht so enden – Marten Munsonius
› Im Auge der Macht – Antje Ippensen
› Ein Bote wird ernannt – Rolf Stolz
- Unheimliche Erzählungen -
von Philipp Schmidt
04.10.2038
Ich weiß ja nicht, wer du bist, mein Name ist Flocke.
So hat mich natürlich nicht die Frau genannt, die mich zwischen ihren Schenkeln hervor gepresst und danach sofort auf Nimmerwiedersehen verlassen hat. Der Doc hat ihn mir gegeben. – Aber shit, auf ihn komm ich erst später zu sprechen.
Ich sitze in der Citybibliothek Berlin-Mitte, genaugenommen dem, was davon übrig ist. Wie ich gehört habe, wurde sie bei dem letzten großen Konzernkrieg beabsichtigt oder unbeabsichtigt Ziel eines Bombenangriffs. Aber das ist auch egal, denn niemand interessiert sich mehr für Bücher – abgesehen von mir und den Ratten. Das Rascheln und Knabbern der kleinen Nager sind mir längst nicht mehr unheimlich. Manchmal lasse ich sogar, als freigebiges Präsent unter Gleichen sozusagen, ein paar Brösel meines Vespers absichtlich herabrieseln. Ich komme jeden Tag her. Ich schleiche durch die Trümmer, zwänge mich durch den engen Luftschacht und klettere die Überbleibsel der Treppen hinauf. Ein ganz schönes Gehangel, das kann ich dir sagen, aber ich bin mittlerweile geübt und außerdem ziemlich gut in Form. Und der Preis besteht schließlich nicht bloß in den vermodernden Büchern, in denen ich so gerne stöbere, sondern vor allem in dem Hauptrechner der Bibliothek, der wie durch ein Wunder noch betriebsfähig und wie durch ein noch größeres immer noch mit dem Rest der Welt durch das alte Netz verbunden ist. Das ist mein Geheimnis. Selbst der Doc weiß nichts davon.
Ich komme also jeden Tag. Aber immer nur von neun bis sechszehn Uhr dreißig. Wir haben Herbst und die Dämmerung setzt um achtzehn Uhr ein. Und nach Einbruch der Nacht geht ein Mädchen wie ich nicht mehr auf die Straßen. Nicht bloß wegen der Gangs. In der Dämmerung kriechen die Zurückgekehrten aus ihren Verstecken; und schlimmer noch jene Kreaturen, die wir Flöter nennen und die jederzeit überall auftauchen können. Und mich schaudert, wenn ich daran denke, was noch alles die Dunkelheit durchstreift. Jene Wesenheiten, die nach der großen Verseuchung den Weg aus unseren Albträumen in die Realität gefunden haben und die nach mehr trachten als nur unserem Leben.
Vom Herz der Bibliothek in die freie Kanalstraße brauche ich eine gute Stunde, folglich bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Also in medias res, wie der Doc zu sagen pflegt.
Ich bin in einem Vorort aufgewachsen, wobei es mir ein Rätsel ist, wie ich die Jahre meiner Kindheit überlebt habe. Sofern ich meine Eltern überhaupt kennenlernte, kann ich mich nicht an sie erinnern, wohl aber an die Nimble Socks, die mich aufgenommen und durchgefüttert haben. Wir hielten uns damals mit Taschendiebstählen und kleineren Betrügereien über Wasser und investierten dummerweise so gut wie die gesamte Beute in Ultra Violett. Ohne Übertreibung kann man sagen, diese Droge war mir Mutter und Vater zugleich. Auf Trip fühlte ich mich unbeschwert und geborgen – ein Kind mit sicherem Bindungsverhalten, bis die Wirkung sich verzog und das Wrack von Traurigkeit und Sinnlosigkeit, das ich ohne sie war, zurückließ.
Vor vier Jahren war ich mit einer Delegation der Nimble Socks in die Hauptstadt gekommen, um mit einem Mittelsmann des Großkonzerns NEW-KDW in Verhandlung zu treten; ›Standpunkte klar machen‹ wie es im Vorfeld hieß. Und das geschah auch, allerdings etwas einseitig.
Wir waren nicht die einzigen die am vereinbarten Ort erschienen, Vertreter von mindestens zwanzig weiteren Banden warteten dort auf dem großen, verlassenen Parkplatz. Schließlich fuhren drei Vans vor, sie hielten uns gegenüber und heraus sprangen vermummte Gestalten mit Sturmgewehren. Anstatt der versprochenen Verhandlung, ließ der Konzern ohne Vorwarnung die Kugeln sprechen. Im Rattern und Schreien der Getroffenen ließ ich mich fallen. Ich weiß nicht, wie lange der Schock anhielt, wie lange ich dort lag, nicht wagend auch nur einen Finger zu rühren. Aber als ich die lockenden Laute der Flöter wahrnahm, riss ich die Augen auf. Die aschfahlen, erstarrten Züge Jennys, die so etwas wie meine große Schwester gewesen war, blickten mir entgegen. Panisch sprang ich auf und begann zu laufen. Ich rannte und rannte, bis die Welt sich so sehr um mich drehte, dass ich anhalten musste. Ich ließ mich an einer Häuserwand hinabsinken und stopfte mir den ganzen restlichen Vorrat UV, den ich bei mir trug, in den trockenen Mund. Es wäre vernünftiger gewesen, mich gleich mit den anderen hinrichten zu lassen, dachte ich noch, ehe mein Blut die Überdosis der Droge aufnahm und mich unsanft in einen schwarzen Nebel zog.
Als ich wieder zu Besinnung kam, beugte sich ein breites, pockennarbiges Gesicht über mich. Der offene Mund grinste und verströmte einen von Magensäure geschwängerten Sojagestank. Ich wollte würgen, aber mein Körper zeigte keine Reaktion. Die übernächtigten, grünen Augen erkannten wohl meine Angst, denn der schiefe Mund begann zu sprechen.
»Keine Sorge, Kleines«, sagte er beruhigend, »das Sedativum wird bald nachlassen und du kannst dich wieder bewegen. Ich bin Straßenarzt, mein Name ist Richard Dreifuß. Aber eigentlich nennen mich alle nur Doc«, fügte der Alte in vertraulichem Ton hinzu und strich dabei mit seiner schwieligen Hand tröstend über meinen Arm.
Die ganze Zeit, die ich unfähig mich zu rühren dalag, wich er nicht von meiner Seite. Er hockte einfach neben mir und erzählte von Dingen, die er erlebt hatte oder für mich gerade erfand. Er redete und redete, während ich mich in meiner Verzweiflung an seiner Stimme festhielt. Als ihm nichts mehr einzufallen schien, nippte er an einer Tasse und sagte: »Dein altes Leben ist vorüber. Ich weiß nicht, was dich hergeführt hat und du bist mir auch keine Erklärung schuldig. Wenn du willst, kannst du jedenfalls bleiben.« Seit einer Stunde konnte ich meine Zustimmung blinzeln. Ich tat es und er fuhr fort. »Schön. Ich habe dich keine zwei Blocks entfernt zufällig aufgefunden. Es hatte gerade angefangen zu schneien. – Eine seltsame Mischung, ein sterbender Junky und die glitzernde, weiße Unschuld auf deinem dunklen Haar. Was meinst du, wir nennen dich Flocke, du kannst für mich arbeiten und ein neues Leben beginnen?«
Schnell zwinkerte ich gerührt und meine Augen füllten sich mit Tränen.
So lernte ich den Doc kennen. Ich weiß nicht, ob er sein großzügiges Angebot unterbreitet hätte, wenn ihm klar gewesen wäre, wie heftig die folgenden Wochen des Entzugs ausfallen würden.
Herzzerreißend.
Hey Flöckchen, redest du wieder mit dem großen Unbekannten? Vergiss’ es, da draußen ist niemand – Nur du und ich, Baby.
Den hatte ich ganz vergessen. Wer sich da über die Instant-Chat-Funktion einmischt ist ein Russe namens Pjotr, der angeblich einige Jahre in Deutschland verbracht hat, und außerdem ein VOLLIDIOT ist. Meine Schuld, immerhin schreibe ich in das Forum einer Singlebörse, deren Server die großen Kriege irgendwie überstanden hat. Vielleicht findest du meinen Eintrag, weil du wie ich (und leider auch Pjotr) ein Überlebender bist und zufällig Zugang zum alten Netz hast. Aber ich gestehe, meine eigentliche Hoffnung besteht darin, dass du von ganz woanders auf meinen Thread aufmerksam wirst. Der Doc sagt, es gibt Hochsicherheitszonen, in die sich selbst die Spezialeinheiten der Konzerne nicht wagen, und wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, spielt dort die Raum-Zeit verrückt. Da ich weder zu den Superreichen gehöre noch in einem Konzernvillage residiere und daher keinen Zugang zum neuen Netz der Dynamic-Sys., kurz Daisy, habe, teile ich mich auf diesem Wege mit. Wäre ja möglich, dass die alten Glasfaserkabel in so eine Zone münden und mein Signal irgendwie zu dir übertragen. Ich stelle mir vor, du lebst in einer Zeit bevor alles vor die Hunde ging, in der keine Flöter und Wiedergänger die Nacht beherrschen. Und wer weiß, womöglich kannst du einen Beitrag leisten, dass diese Welt eine weniger beschissene Entwicklung nimmt.
Komm schon Baby, du bist alles was ich habe. Ohne Strahlenanzug kann man im verfluchten Moskau nicht mal den grünen Himmel bewundern. Und das dröge Herumstöbern in den Profilen von Toten wirkt sich sicher ungünstig auf meine geistige Gesundheit aus …
Etwas spät für diese Befürchtung, Idiot.
Okay es ist kurz vor halb, ich muss los. Ich bitte dich, schreib mir, wenn es dich gibt. Ich melde mich morgen wieder.
02.11.2038
Sorry, dass ich so lange nichts von mir hören ließ. Als ich begonnen habe zu schreiben, ahnte ich nicht, welche Wendung mein Leben nehmen würde. Jetzt habe ich eine wirklich abgefahrene Geschichte zu erzählen.
Alles begann nach meinem letzten Eintrag. Ich schlüpfte aus den Trümmern vor der Bibliothek und huschte über die verlassenen Straßen. Unser Viertel ist zwar nicht derart hermetisch abgeriegelt wie jene der Konzerne, aber auch wir haben Kontrollen. Die Wachmänner an der Südbarrikade erkannten mich, schoben das beräderte Tor nach innen auf und winkten mich hindurch. Die blinkenden Leuchtreklamen, mittels derer wir die ganze Nacht die Schatten eindämmen, wurden gerade eingeschaltet, während ich schnurstracks auf mein Zuhause zuhielt. Von dem ehemals zwanzig Stockwerke zählenden Hochhaus sind bloß noch die unteren zehn übrig, die oberen sind eingestürzt. Aber auch durch seine untere Fassade ziehen sich Risse, welche von den häufigen Erdbeben herrühren.
Der Aufzug stand halbgeöffnet in der Lobby. Natürlich war er längst nicht mehr funktionstüchtig. Ich ging wie stets an ihm vorbei und nahm die Feuertreppe. Schnaufend erreichte ich den sechsten Stock, ging an zugenagelten Fenstern vorbei, bis zu der Tür, neben der das Blechschildchen meines Ziehvaters an der Wand angebracht war. R.D. Allgemein- und Quantenarzt. Ich klopfte und wollte eintreten, doch die Tür war abgeschlossen. Ich zückte den Schlüssel und drehte ihn, bis es leise klickte. Als ich die Tür wieder hinter mir ins Schloss zog, endete abrupt ein Stimmengewirr. Patienten? Das war ungewöhnlich, normalerweise kamen sie allein. Ich betrat den Warteraum, der uns nach Feierabend zugleich als Wohnzimmer diente. Definitiv keine Patienten. Neben dem Doc saßen vier Personen auf den Polstern. Eine attraktive Frau in einen enganliegenden, zugeknöpften Latexmantel gehüllt, ein Mann mit Dreitagebart, der über das linke Auge eine schwarze Klappe trug und dessen überschlagene Beine in kniehohen Kampfstiefeln steckten, ein unterbelichtet dreinblickender Riese und ein hagerer Geselle, dessen rechte Hand blitzschnell unter einer ausgebeulten, synthetischen Fellweste verschwand, als ich auf der Schwelle erschien.
»Keine Sorge«, sagte der Doc geschwind, »das ist Flocke. Ich bürge für sie.«
Und an mich gewandt: »Hallo, gerade haben wir über dich gesprochen. Das sind Wespe, Alpha alias Bisam, Lupus und Fox.«
»Wir sind Freunde«, sagte der Mann mit der Augenklappe. Seine Stimme war freundlich, aber im Unterton schwang etwas mit, das ich nicht auf Anhieb einordnen konnte. Vielleicht eine versteckte Traurigkeit.
Ich nickte nur und ließ mich auf dem letzten freien Platz nieder.
»Also gut«, tat der Doc auf einmal geschäftig, »ich lasse euch dann mal allein.«
Er ging hinaus und aus den Geräuschen schloss ich, dass er meine Arbeit verrichtete, die hauptsächlich im Reinigen und Instandhalten seiner Gerätschaften bestand.
Der Mann namens Alpha alias Bisam faltete die Hände auf seinem Schoß und sah mich durchdringend an. »Wir haben alles mit deinem Protegé besprochen. Er ist einverstanden, dass du dich uns anschließt. – Sofern du das willst.«
Mit einem Mal begriff ich, die vier waren Schattenjäger, Asphalttänzer, Gossenhüter. So nannten wir die verwegenen Glücksritter unserer Zeit. Oft wurden sie von Konzernen für Aufgaben angeheuert, an denen sie sich selbst nicht die Finger schmutzig machen wollten. Für die Konzerne ging die Zweiklassengesellschaft optimal auf. Wir waren in unseren Ghettos nicht mehr als streunende Katzen für sie, denen man für ein Kunststückchen schon mal ein Leckerli hinwirft. Und die Schattenjäger machten diese Kunststückchen.
»Langsam«, lenkte die Frau ein. »Kleines, was trage ich unter meinem Mantel?«
Ein Test. Seit meinem Entzug hatte sich an meiner Wahrnehmung etwas verändert. Wenn ich auf eine bestimmte Weise schielte, sah ich mit etwas Mühe Dinge, die anderen verborgen blieben. Bislang hatte ich diese Fähigkeit so gut wie nie eingesetzt. Sie war mir unheimlich und ich befürchtete, womöglich darauf hängen zu bleiben. Der Doc bestand immer noch darauf, mich einmal im Monat durchzuchecken. Bei der letzten Untersuchung hatte ich ihm von meiner eigenartigen Schieltechnik in einem Nebensatz berichtet. Woraufhin er sichtlich interessiert nachgebohrt hatte.
Ich blickte die Frau also auf jene bestimmte Weise konzentriert an.
Hinter dem Latex erkannte ich ein gezacktes Messer in einem Gürtel, zwei handliche Maschinenpistolen in Schulterhalftern und ein Amulett, das an einem Lederbändchen um den schlanken Hals hing. Ich zählte meine Eindrücke auf.
Der Mund des Hünen stand offen. »Eine Wahrseherin.«
»Zumindest hat sie Talent«, grinste Wespe zufrieden.
Nachdem Bisam mir die absurd hohe Summe des Anteils genannt hatte, der für mich bei der Sache herausspringen würde, und ich darauf ohne einen zweiten Gedanken zu verschwenden eingewilligt hatte, mich dem kleinen Trupp anzuschließen, unterbreitete er mir den Plan und meine Rolle darin.
Am Tag darauf wartete ich am vereinbarten Treffpunkt, einer kleinen Kaschemme für Nachtschwärmer. Ich nahm versonnen einen Schluck meiner Coke, als die Tür aufschwang und die Schattenjäger eintraten. Im Gegensatz zu mir, wo ich gedachte, mich in Anbetracht unsren Vorhabens bedeckt zu halten, bereiteten die vier unbedarft erhebliches Aufsehen. Vor allem Bisam schien allseits bekannt und geachtet. Er schüttelte so gut wie jedem am Tresen die Hand und bahnte sich scherzend einen Weg zu mir in die hintere Ecke, in der ich mich unauffällig an die kahle Wand gelehnt hatte. Aus den großen Boxen dröhnten harte Elektrobeats.
»Was hast du gesagt? Bei dem Lärm versteht man kein Wort.«
»Ich sagte«, schrie Bisam zurück, »entspann dich. Mach’s dir gemütlich. Wir machen uns an die Arbeit, wenn der Laden hier schließt.«
Ich weiß nicht, wie man sich entspannt und da ich keine Freunde habe, weiß ich auch nicht wie man sich entspannt unterhält. Zum Glück war da ja die laute Musik, mit der ich entschuldigen konnte, kein ›Gespräch unter Mädels‹ zu führen, wie Wespe mir eines anbot. Hätte unser Schlag nicht gegen einen Konzern gezielt, mit denen ich noch eine Rechnung offen hatte, ich bin mir nicht sicher, ob ich allein des Geldes wegen zugestimmt hätte. Zweitausend West-Yuan! Davon könnte ich mir eine eigene Wohnung und einen dieser neuen Speedracer zulegen, mit denen man sogar die Streifen der Hilfssheriffs abhängen konnte. Aber wollte ich das überhaupt? Der Doc hatte gesagt, ich solle gut auf mich aufpassen und dass er stolz sei, dass ich nun erwachsen würde. Schön und gut. Aber in was für einer Scheißwelt ist ein Vater – und genau das war er für mich – froh, wenn sein Mädchen mit eindeutig zwielichtigen Typen auf Tour geht? – In meiner. Ich trank den letzten Schluck meiner Coke und stellte die Dose auf den Tresen.
»Erklärst du mir, wie man mit so was umgeht?«, wand ich mich an Wespe und deutete dabei auf die kaum merklichen Beulen unter ihrem Mantel.
Sie schaute sich knapp um, ob jemandem meine Geste aufgefallen war und antwortete dann: »Das meinte ich zwar nicht mit einem Mädelsplausch, aber … warum nicht. Sind eh keine Traumprinzen hier, was?«
Ich erwiderte ihr Zwinkern unbeholfen und verkniff mir eine Frage nach unserem Anführer, der gerade mit zwei aufgedonnerten Tussen flirtete.
Wespe zog ebenfalls ihr bläulich schimmerndes Getränk leer und forderte mich auf, ihr nach draußen zu folgen. In einer dunklen Seitengasse erhielt ich meine erste Lektion in Waffenkunde. Neben der Handhabung lautete der wichtigste Rat: »Wenn du ziehst, drück ab. Zögerst du, ist es aus.«
Als wir wieder hineingingen, waren Wespe und ich uns nähergekommen. Sie hatte eine harte Schale und einen ebenso harten Kern. Das gefiel mir.
Um 3 Uhr gingen die Lichter an. Ein paar übriggebliebene UV-Freaks, die ihre entrückten Tanzbewegungen nicht einstellten als die Musik endete, zwei Alkoholleichen und ein Männchen und ein Weibchen, die sich wohl noch nicht über die Konditionen der restlichen Nacht einig geworden waren. Bisam bezahlte unsere Zeche, zündete sich eine Kippe an und sagte: »Kann losgehen.«
Fox saß am Steuer des VW XS Kombi. Ich hatte erfahren, dass er und Lupus Brüder waren. Die Anspannung lag zum Schneiden dick in der Luft der geräumigen Familienkutsche, als wir an einem Checkpoint aufgehalten wurden. Bisam stieg aus. Ich sah, wie er mit den beiden Wachmännern sprach und ihnen unauffällig ein Bündel zusteckte.
»Alles klar«, sagte er beim Einsteigen, »wir haben vier Stunden, dann kommt die Ablösung.« Wir fuhren die holprige Via Lipsia nach Westen, vorbei an den hohen Zäunen, welche die äußerste Grenze von Saturn Satovari markierten. Indem wir linker Hand auf eine breite Chaussee abbogen, verließen wir die mir bekannte Welt. Zwar kannte ich unheimliche Geschichten über den alten Tiergartentunnel und über okkulte Versammlungen im verkommenen Volkspark Hasenheide, aber mit eigenen Augen gesehen hatte ich von der ehemaligen Hauptstadt lediglich mein Viertel und darüber hinaus kaum mehr als zwei Straßenzüge. – Zu gefährlich. Sofern meine Orientierung mich nicht täuschte, mussten wir irgendwo in Nova Colonia sein, als wir an einer verlassenen Kreuzung anhielten.
Im Kofferraum befanden sich Seesäcke, von denen jeder einen von Bisam in die Hand gedrückt bekam. In meinem fand ich einen dunkelblauen Arbeiteranzug, eine zwei Nummern zu große kugelsichere Weste, einen Feldstecher, ein Walky-Talky und eine handliche Pistole. »Nur zur Sicherheit«, kommentierte Bisam, der gerade in seinen Blaumann schlüpfte.
Zwanzig Minuten später hatten wir Position bezogen. Lupus und Bisam spielten ihre Rolle als Probennehmer. Sie standen mitten auf der Straße vor einem geöffneten Kanaldeckel, in den sie ein Messkabel einließen. Wespe wartete geduckt einen Steinwurf von ihnen entfernt im Schatten eines halbeingestürzten Daches. Fox und ich beobachteten die ganze Szenerie von dem kleinen Hügelkamm eines Müllberges aus; ich durch mein Fernglas, er durch das Visier seines Scharfschützengewehrs.
Der von fleckigen Wolkenbänken eingekeilte Mond tauchte die Szenerie in einen fahlen milchigen Schein. In großen Abständen erleuchteten Straßenlaternen zusätzlich träge die langgestreckte Allee. Eine leichte Böe blies durch die ausgestorbenen Häuserschluchten, wirbelte Blätter auf und spielte mit einer Plastiktüte. Plötzlich fuhr ein gelber Transporter in unser Sichtfeld.
»Es geht los«, drang Bisams Stimme durch das Funkgerät. »Flocke? Kannst du etwas Ungewöhnliches erkennen?«
Mein Herz pochte bis zum Hals. Angestrengt konzentrierte ich mich auf das näherkommende Fahrzeug.
»Ein Fahrer und ein Beifahrer …«
»Und die Ladung?«
Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich den Laderaum ab. Als sich meine außergewöhnliche Sicht eingestellt hatte, verschlug es mir den Atem.
»Ich sehe grelle Farben«, keuchte ich. »Orange, Neongrün, Metallic, ein leuchtendes Blau … Sie gehen von winzigen Punkten aus … und scheinen irgendwie zu wabern …«
»Righty.« Bisam klang nicht überrascht.
Wir warteten, bis das Gefährt uns erreicht hatte. Aufgeregt sah ich zu, wie es zum Stehen kam und die Fahrertür sich öffnete. Dann ging alles sehr schnell. Der Schuss einer Schrotflinte, der Lupus zurücktaumeln ließ. Wespe, die aus dem Schatten sprang und sofort das Gegenfeuer eröffnete. Die Frontscheibe des Transportes zerbarst unter dem Stakkato ihrer beiden Maschinenpistolen. Bullshit, eine Falle!
Fox hatte dem Beifahrer eine Kugel verpasst und lud nun neben mir sein Gewehr durch, während ich mich fragte, was zu tun sei. Mit zitternder Hand tastete ich nach der Pistole, die ich mir in eine Tasche des Blaumanns gesteckt hatte.
»Hände hoch«, befahl eine Stimme hinter uns. Ich warf mich auf den Rücken, die Pistole im Anschlag. Ich zögerte – Anfängerfehler. Ich hörte noch den Schuss, der Fox’ Hirnmasse auf den Schutt verteilte, dann spürte ich, wie ein harter Gegenstand auf meiner Stirn explodierte.
Schwärze.
Ein dumpfer Schmerz pocht in meinen Schläfen. Ich höre Stimmen, eine tiefe und eine unangenehm schrille. Meine Arme, Beine und mein Kopf sind fixiert. Ich halte die Augen geschlossen und bemühe mich gleichmäßig und ruhig zu atmen.
»… beschädigt. Das nächste Mal informiert ihr mich, wenn ihr etwas aus der Reihe plant«, quiekte es.
»Du kannst froh sein, dass der Boss überhaupt Geschäfte mit deinesgleichen macht«, kam es in dunklem, selbstsicherem Tonfall zurück. »Und jetzt wissen wir, dass die Gossen keine Bedrohung darstellen.«
»Sie ist wach!«
Das Blut gefriert mir in den Adern. Panisch schlage ich die Augen auf. Ich befinde mich in einem mit Apparaturen vollgestopften Raum. Durch die Schlitze der Rollläden erkenne ich, dass draußen der Morgen graut. Eine Neonlampe an der Decke taucht die Messer und Pinzetten auf dem Schiebetischchen neben meinem Zahnarztstuhl in steriles, künstliches Licht. Die zwei Personen stehen drei Schritte neben mir auf der Schwelle einer Klapptür. Der Mann trägt einen perfekt sitzenden, anthrazitfarbenen Anzug mit gemusterter Krawatte, die andere Gestalt ist gekrümmt, alles an ihr schäbig, selbst der fleckige, weiße Arztkittel, ihre Gestik wirkt widernatürlich abgehackt. Ein Flöter, schießt es mir durch den Kopf.
»Nein!«, ist alles was ich aus meiner ausgetrockneten Kehle bringe, aber die beiden kümmern sich gar nicht um mich.
»Entferne ihre Seele und pack’ sie zu den anderen. Ihre Hülle entsorgst du«, weist der Geschäftsmann nüchtern an. »Freitag kommt die nächste Lieferung. Und, Wes, der Boss erwartet Ergebnisse …«
»Jugend und Gesundheit, stets aufs Neue, immerwährend und ganz ohne Nebenwirkungen«, verspricht das Ungeheuer kichernd. »Richte ihm aus, wir sind nur noch einen Nanomillimeter davon entfernt.«
Die beiden verabschieden sich mit Händedruck und ich bin allein mit dem Unhold, der nach einer feinzackigen Säge greift. Sein Gesicht ist hager, die Haut so wund und dünn, dass es wirkt, als könnte sie jeden Augenblick reißen und das faulige Fleisch darunter zum Vorschein bringen. »Am Ende ist es nur ein kleiner Schnitt in die Zirbeldrüse. Ich will nicht lügen, der Schmerz ist … atemberaubend.« Mit einem sardonischen Grinsen beugt der Flöter sich über meinen fixierten Kopf und setzt das Sägeblatt an. Ich hyperventiliere. Nein!
Die Tür fliegt auf.
»Hey du Clown«, faucht Lupus lässig, »du hast da was auf dem Kittel.« Ich sehe das Mündungsfeuer seines Sturmgewehrs und kurz darauf die rote Linie, welche der Feuerstoß auf den Oberkörper des Flöters zeichnet. Bisam drängt sich an ihm vorbei, steigt über die Leiche und löst die Schnallen, die mich festhielten.
»Dachtest doch wohl nicht, wir lassen dich im Stich. Und jetzt raus hier, ehe die Kavallerie anrückt.«
Der Wagen donnerte über die leeren Straßen. Wespe saß am Steuer und hatte die Sonnenblende heruntergeklappt, um nicht von dem aufsteigenden roten Feuerball geblendet zu werden. Lupus stöhnte. Ob über die Projektile, die seine Weste durchdrungen hatten, oder über den Verlust seines Bruders, vermochte ich nicht zu sagen.
Wir fuhren am Prenzelberg vorbei, auf dessen Scheitel groß und mächtig das O2-Voda Logo prangte.
»Wir sind nicht so unorganisiert, wie die da oben glauben …«, presste Lupus hervor.
»Schon mal was von der ewigen Kerze gehört?«, drehte sich Bisam zu mir um und Wespe fixierte mich durch den Innenspiegel.
»Nein«, gestand ich und wir schwiegen. Ich würde es zur rechten Zeit erfahren. Auch so war klar, man hatte uns gelinkt und versucht kalt zu stellen, einer von uns war ermordet worden und Wespe, Lupus und Bisam waren nicht die Art Mensch, die so etwas auf sich sitzen ließen. Die Rechnung dafür würde hoch und blutig ausfallen. Zunächst allerdings tauchten wir eine Weile ab und leckten unsere Wunden.
Nun steht unser Vergeltungsplan, es ist zu unsicher dem Doc Lebewohl zu sagen, aber es ist mir gelungen, das Team zu überzeugen, diesen kurzen Zwischenstopp bei der Bibliothek einzulegen, der es mir ermöglicht, dir dies alles mitzuteilen.
Meine Welt ist in den letzten Wochen größer geworden. Sie ist noch immer voller Gefahren, aber jetzt fürchte ich sie nicht mehr. Jedenfalls, kaum noch.
Dann komm mich doch mal besuchen, Kleene …
Zeit abzutauchen. Mein Rudel erwartete mich.
Flocke wählt die Option PC herunterfahren aus, es piepst zwei Mal und der Bildschirm wird schwarz.
ENDE
von Mara Laue
Die anderen haben es auch gesehen. Ich weiß, dass sie es gesehen haben, denn ich sah ihre verständnisinnigen Blicke und erkannte die stumme Zustimmung darin, ebenso ihre Erleichterung, als ich es tat. Sie waren – und sind – nur zu feige es zuzugeben. Aber sie wissen es, so wie ich es weiß: Er war einer von denen. Einer, der die Freundschaft der Ahnungslosen sucht und sie als seelenlose Hüllen zurücklässt, wenn er mit ihnen fertig ist.
Ich bin einem von ihnen entkommen und konnte meine Seele retten vor einem Monster, das sich als Mensch tarnte. Das tun sie alle. Das ist ihre Masche. Doch man kann sie erkennen, denn sie verraten sich. Immer. Früher oder später ist es zu sehen: dieses typische Schließen der Augen für eine Sekunde, die für einen Moment eisblau erstrahlen, wenn sie sie wieder öffnen, unmittelbar ehe sie beginnen, einem die Seele zu rauben.
Sie tun es nicht schnell und schmerzlos und ersparten damit ihrem Opfer die endlose Qual des langsamen Dahinsiechens. Nein, sie tun es langsam, ganz langsam, damit das Opfer nichts merkt. Doch mit jedem eisblauen Aufblitzen ihrer Augen saugen sie ein Stück der Seele aus dir heraus, zerkauen es genüsslich und kosten jede darin enthaltene Empfindung gierig auf ihren Zungen, bis sie alles in sich aufgesogen haben und das inzwischen willenlose Opfer am Ende den schlimmsten aller Tode stirbt: den Seelentod. Mit dem letzten eisblauen Aufblitzen ihrer verräterischen Augen verwandeln sie auch noch das Herz in Eis, das sie anschließend mit einem einzigen Wort der Macht in tausend Stücke zersplittern.
Ihre Augen zu durchbohren mit Nadeln aus Katzenknochen ist die einzige Möglichkeit, sie zu töten. Sie sind schon so zahlreich! Und es werden ihrer immer mehr. Das wissen auch die anderen, und sie bewundern mich dafür, dass ich die Seelenfresser bekämpfe. Aber sie trauen sich nicht das zuzugeben oder gar meine Partei zu ergreifen, geschweige denn für mich zu sprechen. Sie müssen sich selbst schützen. Schließlich ist der Richter auch einer von denen.
Da! Soeben hat er naserümpfend gezwinkert, mich mit seinem eisblauen Blick durchbohrt, und er wird meine Seele töten. Später, wenn keine Zeugen da sind, die sein ruchloses Treiben beobachten könnten. Jetzt setzt er die Farce fort, die er ›Gerichtsverhandlung‹ nennt und verhört scheinheilig die Zeugen, die mit gespieltem Entsetzen beschreiben, wie ich dem Seelenfresser – sie nennen ihn ›den armen Mann‹ – die Gabel aus den Rippen einer Katze durch die Augen ins Gehirn getrieben habe.
Ja, das habe ich getan, und ich bin stolz darauf!
Und ich verzeihe euch eure Feigheit, die euch die Wahrheit verschweigen lässt. Ihr müsst die Ahnungslosen spielen, um sie in Sicherheit zu wiegen und den Kampf gegen sie an meiner Stelle fortsetzen zu können. Mir werden sie schon bald auch noch den Rest meiner Seele zu stehlen versuchen. Es sei denn, es gelänge mir noch einmal, sie zu überlisten, wie ich ihn überlistet habe, den ›armen Mann‹.
Sie halten mich für verrückt, und ich tue so, als wäre ich das tatsächlich. Dann werden sie mich nicht in ihr Gefängnis stecken, das sie als ein unerschöpfliches Buffet von Seelen für sich nutzen, sondern in ein Sanatorium. Dorthin bringen sie alle, die noch einen Teil ihrer Seele haben, um sie wieder aufzupäppeln, ehe ein anderer von ihnen sich erneut an uns nähren darf. Dennoch ist das Sanatorium gut, sehr gut sogar: Man darf dort ein Haustier halten.
Ich werde mir eine junge Katze anschaffen, denn die Rippenbögen junger Katzen haben genau denselben Abstand wie deren eisblaue Augen.
ENDE
von Markus Kastenholz
»Sind Sie frei?«
»Klar doch«, antwortete Metzler sofort, wandte sich um und erkannte jetzt erst eine junge Frau, die unbemerkt an sein Taxi herangetreten war.
Nein, kaum Frau war sie, vielleicht achtzehn oder neunzehn. In Begleitung eines Mannes, nur unwesentlich älter als sie. Sie mit blondem Pagenkopf und trotz der Präweihnachtlichkeit im kurzen Sommerkleid mit rot-gelben Blümchen und nicht zu vergessen tiefem Ausschnitt. Die Dezemberkälte ließ ihre Brustwarzen stehen wie die nutzlosen Flak-Batterien Weiland vor Dresden. Sie trug ihr Make-up in Mengen, als habe sie im Preisausschreiben von DOUGLAS lebenslange Gratislieferungen gewonnen.
Ihr Typ trug komplett schwarz. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Lederjacke – für Metzler übertrieb er eindeutig in Sachen Modefarbe. Selbst die obligatorische Sonnenbrille durfte nicht fehlen, dabei war längst die Dunkelheit hereingebrochen, und selbst wenn nicht, seit Tagen lag alles unter einer permanenten grauen Wolkendecke. Braun wurde man hier schon längst nicht mehr, es sei denn, man litt unter Inkontinenz und zog sich die Unterhosen über den Kopf.
Diensteifrig kam Metzler um den Wagen herum und riss die hintere Tür auf. Endlich Fahrgäste! Seit über einer Stunde stand er hier vorm Bahnhof und wartete auf Kundschaft. Denn es war mittwochs, kein Weihnachtsmarkt, wo er Besoffene nach Hause kutschierte, ansonsten investierte man sein Geld zurzeit lieber in Glühwein, Christstollen, Schmuck und Geschenke für die lieben, krakeelenden Kleinen, deren Gegengeschenk ein selbstgemaltes Bild war, das aussah, als hätten sie darüber gekotzt.
Der Bursche rutschte sofort auf den Rücksitz, das Mädchen gleich hinter ihm her. Während sie einstieg, schnappte Metzler dabei einen kurzen Blick auf: Unter ihrem kurzen Kleid trug sie nichts. Nicht das geringste! Mehr noch: Es hatte den Anschein, als habe sie erst kürzlich eine Chemotherapie hinter sich.
Er versuchte seine Fantasie zu ignorieren. Außer dass er sich nutzlose Gedanken machte, die zu nichts führten, brachte ihm das ohnehin nichts.
»Wohin geht’s?«, wollte er lapidar wissen, nachdem er sich hinters Lenkrad gesetzt und sich angeschnallt hatte.
»Fahren Sie einfach los«, kicherte sie, während die Hände des Typen an ihrem Hintern herumfingerten. Zwischen ihrem Zeige- und dem Mittelfinger war plötzlich ein Hunderter erschienen, den sie Metzler lockend hinhielt.
Er kam sich wie in einem Agentenfilm vor, wo der Taxifahrer angewiesen wurde, dem Fahrzeug da vorne unauffällig zu folgen. Dennoch nahm er den Geldschein ohne zu zögern an. »Losfahren? Wohin?«
»Egal. Und … fahren Sie schnell!«
»Sie sind der Boss«, knurrte er zurück, verstaute den Schein zufrieden grinsend in der Brusttasche und beschloss, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen. Er drehte den Zündschlüssel herum, der Motor brummte los, und die Lichtkegel der Scheinwerfer rissen die Nacht skalpellartig auf und spiegelten sich im schmutzigen Asphalt wider. Als er den Fuß aufs Gaspedal senkte, setzte sich der Wagen langsam in Gang. Metzler verließ den Bahnhofsvorplatz und bog in die Schmittstraße ein, hinunter zum Rhein. Er entschied sich für diese Richtung, von dort aus kam man geradewegs auf die Bundesstraße, wo man immerhin 80 fahren durfte – und mit zwei zugedrückten Augen auch 120.
Ein Geräusch aus dem Fond ließ ihn zusammenzucken, unwillkürlich drehte er den Kopf.
Er glaubte nicht, was er sah!
Das Mädchen lag mit weit gespreizten Beinen auf dem Rücksitz, und der Bursche machte sich mit allen Regeln der kamasutrischen Kunst über sie her. Seine begierigen Finger schienen überall zu sein, als er die Träger ihres Blümchenkleids über ihre Schultern schob und die bebend zuckenden Brustwarzen freilegte.
Metzler hatte sich getäuscht, stellte er fest. Ihre beiden Nippel waren nicht wegen der Kälte erigiert, sie waren gepierct. Goldene Bolzen, die zu beiden Seiten hinausragten und von kleinen Muttern gehalten wurden.
Das Mädchen bemerkte, dass Metzler es bemerkt hatte – doch es störte sie nicht im Geringsten, im Gegenteil. Kein Anflug von Scham. Stattdessen meinte sie nur: »Schneller!« »Ja, ja …«, stotterte er und zwang seinen Blick zurück auf die Straße. Er ignorierte die aufsteigende Enge seiner Jeans und ertappte sich, wie er beiläufig den Rückspiegel so justierte, dass sich ihm ein grandioser Blick auf den Rücksitz bot.
Sie erreichten die Bundesstraße, er konnte endlich in den fünften Gang schalten, jagte den Tachozeiger kontinuierlich nach oben.
Das schien dem Mädchen zu gefallen, jedenfalls stieß sie einen gutturalen Ton hervor.
Schade, dass er kein präpariertes Taxi von VERSTEHEN SIE SPASS? hatte, versteckte Kamera inklusive. Der Typ in Schwarz legte sich voll ins Zeug, überall waren seine fordernden Finger und unterstützten die Zunge nach Leibeskräften, die abwechselnd an beiden Brustwarzen saugte, nuckelte und lutschte, als bestünden sie aus Vanilleeis.
Kaum Verkehr auf der Straße. Feierabend war längst vorüber, und nur Idioten gingen bei dieser Kälte noch nach draußen. Idioten wie er zum Beispiel …
»Schneller!«
»Hier ist achtzig erlaubt! Mehr darf ich nicht!«
Plötzlich flog etwas von hinten an seinem Kopf vorbei und landete auf dem Beifahrersitz.
Ein weiterer Hunderter. Er fühlte einen Kloß im Hals und kalten Schweiß auf der Stirn.
»Fahren Sie schneller!«, stieß das Mädchen halb sachlich, halb verzückt hervor. Die Zähne ihres Mackers schlossen sich derweil um ihre rechte Brustwarze, zogen daran, als wolle er ihre Elastizität testen.
