11,99 €
Lillis ganzes Leben verändert sich, nachdem sie endlich herausgefunden hatte, was mit ihr nicht stimmte und warum sich ihre Eltern in den letzten Tagen so seltsam verhalten hatten. Doch sie hatte gar nicht die Chance sich damit auseinanderzusetzen, denn sie kam eines Tages nach der Schule nicht mehr nach Hause. Auch Paulinas Welt stellte sich auf den Kopf, nachdem sie mitbekommen hatte, was passiert war und sich ungewollt in den ganzen Schlamassel einbrachte. Die beiden früheren Freundinnen haben etwas gemeinsam, aber nichts würde je wieder so sein wie zuvor.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2023
Line Kahlert
Außergewöhnlich - Ich bin nicht wie du
Außergewöhnlich
Ich bin nicht wie du
von
Line Kahlert
Illustration von Anja Rose
© 2022 Line Kahlert
ISBN Softcover: 978-3-347-53306-6
ISBN E-Book: 978-3-347-53310-3
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Für meine Familie
Prolog
Es war dunkel. Nirgends war auch nur ein kleines, Hoffnung bringendes Licht zu sehen. Ein Mädchen saß in einer verdreckten Ecke und zitterte. Sie wusste nicht mehr, wie sie an diesen Ort gekommen war. Sie wusste auch nicht, wer sie dort hingebracht hatte. An überhaupt nichts konnte sie sich erinnern, außer, dass sie die Schule gerade verlassen wollte, um nach Hause zu gehen. Aber sie wachte hier, mit völliger Ahnungslosigkeit, auf. Allein.
Sie versuchte sich zu beruhigen, doch ihr Puls verlangsamte sich nicht. Nach einer Weile konnte sie sich endlich auf etwas anderes konzentrieren. Ein leises Rascheln war zu hören. Erst nur kaum merklich, dann noch einmal etwas lauter. Das Mädchen fragte sich, woher das Geräusch kam. Plötzlich ging das Licht an. Grell, so wie in großen Lagerräumen mit schweren Rohrlampen an der Decke. Das Mädchen kniff die Augen zusammen, weil sie sich erst an die Helligkeit gewöhnen musste. Als es langsam besser wurde, konnte sie Umrisse einer großen, muskulösen, aber hübschen Frau erkennen. Sie hatte weißes Haar und sah trotz ihres Lächelns irgendwie unheimlich aus. Das Mädchen wusste sofort, dass die Frau nur so tat, als würde sie nett sein.
„Na Kleines, wie geht es uns? Haben wir gut geschlafen?“ Das Mädchen wollte antworten, aber die Frau schnitt ihr das Wort ab. „Nana, antworte nicht, ich weiß genau, wie du dich fühlst. Alleingelassen, voller Angst und du hast keine Ahnung, warum du hier bist und was ich von einem unschuldigen Mädchen wie dir wollen könnte.“ Das Wort unschuldig betonte die Frau besonders doll und mache mit ihren Händen sarkastische Gänsefüßchen. Das Mädchen schaute an der Frau hoch. Sie kam ihr so bekannt vor, aber ihr wollte einfach nicht einfallen, woher sie sie kannte.
Angst war nicht das, was sie verspürte. Wut, Hass, Ärger, auch ein bisschen enttäuscht und eingeschüchtert ja, aber Angst war keines ihrer Gefühle. Sie versuchte aufzustehen, fiel aber sofort wieder auf die Knie. Die Frau lachte boshaft und sie lächelte auch nicht mehr. „Mutig, mutig. Versuchst wohl, dich zur Wehr zu setzen. Versuch es ruhig weiter, aber ohne deine Kräfte wird es dir nicht gelingen dich zu befreien.“
Das Mädchen war verwirrt. Kräfte? Was meinte die Frau damit? Sie war doch nur ein stink normales Mädchen aus dem Vorort. „Sie verwechseln mich bestimmt mit jemandem. Ich habe keine „Kräfte“. Das kann gar nicht sein. Außerdem, was ist überhaupt mit Kräften gemeint? So etwas gibt es doch gar nicht. Sehen Sie mich an, ich bin klein und zierlich. Besonders stark könnte ich doch gar nicht sein.“ „Ach Liebes, du scheinst dich wirklich an gar nichts zu erinnern. Um so besser für mich. Ein Problem weniger, um das ich mich kümmern muss.“
Die Frau drehte sich um und wollte gehen. „Wartet. Was verheimlichen Sie mir? Warum bin ich hier? Was habe ich getan, dass ich es verdient habe eingesperrt zu werden?“ Die Frau drehte sich um. „Du wirst schon noch früh genug erfahren, was ich mit dir vorhabe und aus welchem Grund du hier eingesperrt bist. Hier.“ Sie wirbelte ihre Hand in der Luft und vor dem Mädchen tauchte, wie aus dem Nichts eine Flasche mit Wasser darin auf. „Trink, mein Kind, damit du langsam wieder zu Kräften kommst. Und versuch gar nicht erst einen Weg hier rauszufinden. Das ist zwecklos.“ Und damit schaltete die Frau das Licht wieder aus, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich ab. Vorher schaute sie aber noch einmal zu der Flasche, welche sie gerade hatte erscheinen lassen. Ihre Schritte verhallten langsam. Das Mädchen wollte ihr hinterherrufen, aber entschied sich dann, es doch nicht zu tun, denn sie wusste, dass sie von dieser Frau sowieso keine Antworten bekommen würde. Als außerhalb des Raumes nichts mehr zu hören war, nahm das Mädchen die Flasche in die Hand. Sie öffnete sie und setzte zum Trinken an. Dann senkte sie die Flasche aber wieder, schaute sie an, als wäre es Gift, das sie in den Händen hielt. Sie erinnerte sich an den Blick der Frau. Als hätte sie etwas in die Flasche getan, was dem Mädchen schaden könnte.
Die Wut kam zurück. Sie begann wieder zu zittern, erst bemerkte sie es gar nicht, aber dann warf sie die Flasche gegen die Wand und schrie. Solange, bis ihr Schrei in ein bitterliches Weinen überging. Sie weinte so lange, bis sie keine Kraft mehr hatte. Jetzt bereute sie es, dass sie die Flasche mit dem Wasser gegen die Wand geworfen hatte. Denn, obwohl sie sehen konnte, dass nicht die ganze Flüssigkeit aus der Flasche gelaufen war, würde sie nicht ran kommen. Sie dachte nach, was sie tun könnte, um das Wasser zu bekommen. In diesem Moment tauchte eine weitere Flasche direkt vor ihr auf. Sie war so froh darüber, dass sie sie mit einmal austrank, ohne weiter darüber nachzudenken. Als die Flasche leer war, fiel es dem Mädchen erst auf.
Bestimmt hatte die Frau irgendwo eine Kamera angebracht und gesehen, dass sie versuchte die Flasche zu erreichen, die sie von ihr bekommen hatte und ihr deswegen eine zweite gegeben. Eine andere Erklärung fand das Mädchen nicht. Plötzlich fiel ihr aber auf, dass sie die Flasche selber hätte gar nicht sehen dürfen. Es war dunkel! Sie sah ein Fenster über ihr. Klein und es schien sehr wenig Licht hindurch, aber es war da. Sie hätte schwören können, dass es vor dem Besuch der Frau nicht da gewesen war. Aber jetzt wunderte sie sich eigentlich über gar nichts mehr. Sie wollte einfach raus aus diesem Raum. Sie wollte nach Hause, in ihr warmes und gemütliches Bett. Sie wollte mit ihrem besten Freund Pancakes machen und zu bekloppter Musik wild herumtanzen. Sie wollte Filmabende mit ihren Eltern machen und mit ihnen über die Hausaufgaben streiten. Sie wollte zum Volleyball Training und sich mit ihrer liebsten Feindin darüber streiten, wer besser dabei war. Aber das konnte sie nicht. Sie saß fest, ohne Ausweg.
Sie wusste, dass sie eine Möglichkeit finden musste zu entkommen, aber sie war einfach zu müde, um für den Moment noch eine einzige Sekunde darüber nachzudenken. Was das Mädchen nicht wusste war, dass sie es gewesen war, die die Flasche mit dem Wasser erschienen ließ, nicht etwa die Frau, die sie im Kerker gefangen hielt.
Kapitel 1
Lilli
Die Sonne schien durch das, mit Eisblumen bedeckte, Fenster. Draußen wurde es jetzt wieder wärmer. Meist war es nur morgens kalt und im Verlauf des Tages war es dann angenehm warm. Lilli schlief noch in ihrem kuschlig warmen Bett.
Sie schlief sonst nie so lange, nicht länger als bis halb 7 und besonders nicht an einem Montag, aber heute war es irgendwie anders. Es war schon fast halb 8. Sie hatte eine lange Nacht hinter sich. Sie hatte Dinge erfahren, die sie sich nicht mal in ihren schlimmsten Albträumen vorstellen wollte. Lilli war ein 1,60 Meter großes, 16-jähriges, hübsches Mädchen.
Sie hatte helles Haar und eine Brille. Die Schule, auf die sie ging, war nur drei Blocks von ihrem Haus entfernt. Ihr bester Freund Jordan wohnte direkt gegenüber. Eigentlich war ihr Leben nahezu perfekt. Sie war beliebt, ihre Eltern liebten sie und alle Menschen, die ihr etwas bedeuteten, waren gesund und hatten keine Probleme.
Trotzdem fühlte Lilli sich manchmal so, als führte sie das Leben einer anderen Person. Dass alles, was sie kannte, nicht das war, was es zu sein schien.
Aber über diese Gedanken hatte sie noch nie mit jemandem geredet und sie hatte es auch eigentlich nicht vor. Nicht einmal Jordan wusste davon. Lilli hatte einfach zu viel Angst. Angst jemandem zu sagen, dass sie nicht glaubte, dass sie dieses Leben verdient hatte. Manchmal verspürte sie Wut in ihr brodeln. So groß, dass sie am liebsten ein Auto zertrümmern würde. Wut über sich selbst, dass sie zu feige war, zu sagen, was sie wirklich dachte, was sie wirklich wollte.
So sehr sie ihre Mitmenschen auch respektierte und liebte, sie hatte nie das Gefühl wirklich offen ihre Meinung sagen zu können. Wie konnte jemand wie sie, jemand der so dachte, ein solch schönes Leben verdienen?
Zum dritten Mal an diesem Morgen klingelte Lillis Wecker. Sie hatte keine Lust aufzustehen. Es war einfach zu schön im Bett. Hier konnte sie einfach allem aus dem Weg gehen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Aber sie öffnete dennoch die Augen und sah, wie sie erwartet hatte, sofort wieder die Bilder vom Abend zuvor vor sich.
*
„Mom. Sag mir endlich, was los ist! Warum benehmt ihr euch schon seit Tagen so seltsam? Hab ich irgendwas angestellt? Ihr sagt mir doch sonst auch immer alles.“ Sie drehte sich zu ihrem Vater und schaute ihn mit vorwurfsvollem Blick an. Er wollte etwas sagen, das konnte sie sehen, aber sie ließ ihm keine Chance zu antworten. „Ich hatte nicht dich gefragt, Dad. Ich weiß, dass du nur mein Bestes willst, aber bei dir weiß ich nie, wann du die Dinge, die du sagst, ernst meinst und wann du nur einen deiner doofen Späße machst. Also MOM, beantworte jetzt endlich meine Fragen!“ Sie drehte sich wieder zu ihrer Mutter um. Regina schaute ihren Mann an, so als wollte sie ihn um Hilfe bitten. Lilli stellte sich zwischen die beiden und sagte: „Mom, sieh mich an, nicht Dad. Wenn es wieder um die Sache mit Paulina geht, kann ich dir sagen, dass es nicht meine Schuld war. Sie hat mir den Ball zuerst vor den Rücken geschossen. Ich hab mich nur gewehrt.“ Regina schaute Lilli an, dann sah sie nur noch auf den Boden. „Nein, Lilli, darum geht es nicht. Aber darüber sprechen wir später auch noch. Schatz, diese Sache ist nicht gerade etwas, was man zwischen Tür und Angel bespricht. Aber da du mir keine Wahl lässt, soll es wohl so sein. Wir, dein Vater und ich, wollten es dir eigentlich erst sagen, wenn du 18 bist, aber seit ein paar Wochen haben sich Dinge geändert, Dinge, die wir nicht mehr rückgängig machen können und deswegen haben wir uns auch so seltsam benommen. Wir …“
„Ihr was?“, langsam wurde Lilli sauer. Was war denn so Schreckliches passiert, dass keiner ihr sagen wollte, was los ist. Und jeder um den heißen Brei herum zureden versuchte. „Charles, willst du?“ Lilli drehte sich wieder zu ihrem Vater um und guckte ihn mit fragenden Blicken an. „Wir sind nicht deine richtigen Eltern, Lilli.“
Ihr wurde schwindlig. Das Leben fühlte sich an, als würde es in tausend Stücke zerbrechen. Eine Welt, in der nicht alles perfekt war, schien so unwirklich. Aber dann wurde Lilli bewusst, dass sie immer schon wusste, dass irgendwas komisch war. Sie hatte es nur nie angesprochen, weil sie sich so wohlgefühlt hatte. Die ganze Zeit schien Charles geredet zu haben.
Regina liefen Tränen über die Wangen. Lilli war das egal, denn jetzt überkam sie Wut und sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, also unterbrach sie Charles und sagte: „Wie konntet ihr mir das verheimlichen? Wie konntet ihr mein ganzes Leben lang so tun, als wäre ich euer Kind und mir niemals sagen, dass meine Eltern eigentlich ganz andere Leute sind.“ Charles fasste ihr von hinten auf die Schulter, aber Lilli schüttelte seine Hand ruckartig ab. Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen und schluchzte. Dann lief sie in ihr Zimmer und kam dort nicht mehr heraus. Sie wollte niemanden sehen, wollte mit niemandem reden. Sie wollte einfach nur weg.
*
Lilli lag noch immer im Bett. Sie hörte ihre Mutter unten in der Küche. Sie bereitete das Frühstück vor. Aber Lilli hatte absolut keinen Hunger und wollte noch viel weniger runtergehen und mit den beiden zusammen am Tisch sitzen und so tun, als wäre nichts passiert. Sie waren ihr noch so viele Antworten schuldig. So viele Dinge, die sie nicht verstehen konnte. Die Fragen kreisten in Lillis Kopf umher und ihr wurde schlecht bei dem Gedanken an diese ganze Sache. Ihre Gefühle waren so verwirrend. Lilli wusste nicht, ob sie wütend, enttäuscht, traurig oder verwirrt sein sollte. Irgendwie fühle sie alles davon, aber sie war auch erleichtert, dass ihr endlich jemand erzählt hatte, was los war.
Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach halb 8. Also verdrehte sie die Augen, warf ihre Decke zurück und stand auf. Nachdem sie eine Weile vor dem Spiegel stand, wurde ihr klar, dass ihr nie aufgefallen war, wie wenig Ähnlichkeit sie mit ihren Eltern hatte. Eine Träne kullerte über ihre Wange, die sie aber gleich wegwischte und zum Schrank ging, um sich anzuziehen. Sie suchte ein paar Klamotten raus, die sie lange nicht anhatte, weil ihr Vater diese Sachen nicht passend fand, für eine 16Jährige und schon gar nicht für einen Schultag.
Er sagte immer: „Du repräsentierst unsere Familie. Du kannst dich nicht wie ein Clown anziehen oder gar wie ein Flittchen. Was sollen die Leute von uns denken, wenn sie dich so sehen würden?“
Ihre Wahl fiel auf eine enge Lederhose und ein schwarzes Netz-Oberteil. Ihre Haare machte sie auf und steckte sich dann ein gefaktes Piercing an die Nase. Sie wusste genau, dass ihre Mutter es nicht mochte, wenn man ihr Gesicht nicht sehen konnte, weil die Haare es verdeckten und das Piercing hatte sie sich nie getraut reinzumachen. Aber heute war der Tag. Ihre Eltern hatten es verdient geschockt zu werden, nachdem sie sie 16 Jahre lang belogen hatten.
Lilli ging die Treppe runter und setzte sich an den Küchentisch. Als Charles reinkam, stockte ihm der Atem. „Lilli! Was zum Teufel hast du da an?“
Regina drehte sich zu den beiden um und ließ vor Schreck den Pfannenwender fallen. Für einen kurzen Moment verlor Lilli die Fassung.
„Dad …ähm, ich meine Charles!“ Sie holte tief Luft „Ich trage heute mal die Sachen, die ich will und nicht das, was ihr mir vorschreibt. Ich glaube, IHR solltet mir nicht verbieten so zur Schule zu gehen! IHR solltet euch überhaupt nicht mehr in mein Leben einmischen.“ Lilli sagte dies mit einer nicht aufgesetzten Selbstsicherheit, die sie selbst noch nie an sich bemerkt hatte. Charles fehlten die Worte. Aber dann schaute er zu seiner Frau und die zeigte ihm, dass sie mit ihrer Tochter reden würde. Also ging er in das untere Badezimmer und stellte sich unter die Dusche.
„Lilli, hör mir zu. Ich weiß, dass du sauer bist und nicht verstehen kannst, warum wir dir nie was gesagt haben und dass du noch viele andere Fragen hast, die wir dir auch bestimmt bald beantworten werden. Aber im Moment bringt es nichts, trotzig zu sein. Du weißt genau, was deine Mitschüler von dir denken, wenn du so losgehst. Wir haben so hart daran gearbeitet deinen Ruf aufzubauen, das kannst du nicht wegen so einer Kleinigkeit zunichtemachen.“ Bis zu diesem Zeitpunkt war Lilli nicht wirklich sauer, wie ihre Mutter es sagte, aber jetzt war sie nicht nur sauer, sie war stinkwütend. „Kleinigkeit? KLEINIGKEIT? Du machst wohl Witze, Regina, oder soll ich dich weiterhin „Mom“ nennen? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich euch jemals verzeihen werde. Ich kann euch nicht mehr vertrauen und deswegen mache ich was ICH will“ Damit warf sie ihre Gabel auf den Tisch, stand auf, holte ihre Schultasche und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.
Draußen wartete bereits Jordan auf sie. Er riss die Augen auf und setzte zum Fragen an, aber Lilli hob die Hand und unterbrach ihn, bevor er etwas sagen konnte. „Sag ja nichts. Ich bin zu wütend, um jetzt Fragen zu beantworten. Ich erkläre es dir später.“ Dann lief sie los, Richtung Schule. Jordan war verblüfft, rannte ihr dann aber hinterher. „Also falls es hilft, ich finde, du siehst gut aus.“ „Haha. Du Doofmann. Mach keine Scherze mit mir.“ Sie setzte ein falsches Grinsen auf. „Du weißt genau, dass du mich nicht so nennen sollst, Lilliana.“ „Oh, warum so förmlich? Sonst sagst du nie meinen richtigen Namen.“ Nicht, dass ihr bester Freund jetzt auch noch anfangen würde komisch zu werden. Das konnte sie im Moment echt nicht gebrauchen. „Sorry. Mir war mal so, Frau Spark.“ Er stubste sie in die Seite und lachte wieder. „So gefällst du mir schon besser Herr Frigg.“
Er grinste verlegen, weil sie das sagte. Als sie sich aber zu ihm umdrehte, wurde er rot und hörte sofort auf.
Bevor die beiden in die Straße der Schule bogen, zog Lilli Jordan an der Hand zurück. „Was ist? Wir kommen zu spät, wenn wir jetzt nicht reingehen.“ Er wirkte ein wenig nervös. Er hatte schließlich noch nie einen Tag gefehlt, war aber schon ein paar Mal kurz davor, den Beginn der ersten Stunde zu versäumen, wegen Lilli. „Ich will dir erst noch sagen, warum ich so angezogen bin! Meine Eltern haben mir gestern etwas erzählt. Jetzt weiß ich auch, warum sie die letzten Tage immer so seltsam waren. Und deswegen sehe ich auch so aus.“ Sie zeigte an sich runter, während sie weiter sprach. „Ich wollte den beiden einen Schock einjagen, denn meine Eltern sind nicht meine richtigen Eltern. Ich weiß aber noch nicht einmal, ob ich adoptiert bin, oder was auch immer. Ich war so wütend, als ich es erfahren habe, dass ich keine weiteren Ausreden ertragen hätte.“ Jordan schien nicht überrascht zu sein. Eher wirkte es so, als hätte er das Ganze gewusst und ihr nie etwas gesagt. Jetzt wurde Lilli wieder sauer.
Jordan merkte es und bevor sie noch etwas sagen konnte, sagte er: „Hör zu, das klingt alles ganz schön verwirrend, aber können wir beim Mittag weiterreden, sonst ist meine tadellose Anwesenheit dahin.“
Damit ließ er sie stehen.
Plötzlich dachte Lilli nicht mehr, dass er etwas wusste, sondern, dass es ihm einfach nur egal war. Das machte sie traurig und sie hatte absolut keinen Nerv mehr darauf, in die Schule zu gehen. Also drehte sie sich um und ging zu der alten Ruine, von der nur sie und Jordan etwas wussten. Sie setzte sich hin und ließ endlich ihren Gefühlen freien Lauf. Erst schrie sie in den Abgrund, dann fing sie bitterlich an zu weinen.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so allein gefühlt, wie sie es in diesem Moment tat.
Kapitel 2
Paulina
°Ein neuer Tag, aber nichts hat sich geändert.°
Paulina war ein schlaues Mädchen. Schlank, 1,80 groß, 16 Jahre und der Ehrgeiz wuchs immer mehr in ihr. Ihre dunklen Locken fielen ihr immer wieder ins Gesicht, während sie vor dem Kühlschrank stand und überlegte, was sie mit in die Schule nehmen könnte. Nicht etwa, weil es zu viel Auswahl gab, sondern, weil außer den alten Nudeln von vorgestern nichts zu finden war. Sie nahm sich ein Haargummi und band ihre Mähne zusammen, dann drehte sie sich um und erblickte einen Apfel in der Obstschale.
Sie wollte ihn sich nehmen, aber ihr jüngerer Bruder kam ihr zuvor. „Hey Johnny, den wollte ich mir grade nehmen. Können wir ihn nicht teilen?“ Er steckte ihr die Zunge raus. Bevor er das Zimmer verließ, sagte er: „Da liegt doch noch eine Banane, die kannst du nehmen. Und außerdem, was hast du da eigentlich an? Ist ja voll hässlich.“
Johnny war der älteste ihrer Brüder, aber besonders reif war er trotzdem nicht. Immer musste er ihr das Leben schwer machen. Paulina schaute auf den Tisch. Er hatte recht mit der Banane, aber die war so braun, dass man sie auf keinen Fall mehr essen könnte. Dann schaute sie an sich runter. Sie hatte dieselbe Hose an, die sie auch die ganze letzte Woche getragen hatte. Alle anderen in ihrer Klasse haben jeden Tag andere Hosen, Röcke, Leggings usw. an, aber sie konnte sich das nicht leisten. Mit sechs Brüdern hatte sie es ohnehin schon nicht leicht, aber sie wollte auch nicht, dass in der Schule jemand wusste, dass sie arm war. Deswegen bemühte sie sich, genauso perfekt zu sein wie Lilli.
