Beschreibung

Was würdest du tun, wenn dir das Leben eine zweite Chance gibt? Alma geht es eigentlich gut: Sie hat eine wunderbare beste Freundin, einen großen Garten, und sie ist frisch verliebt. Doch dann wacht sie auf der Intensivstation auf. Ihr Herz ist stehen geblieben – und ihr Leben gerät aus dem Gleichgewicht. Ist sie wirklich glücklich? Was ist aus ihren Träumen geworden? Hat sie die Liebe ihres Lebens aufgegeben? Gut, dass ihre Freundin sie bei der Suche nach Antworten begleitet, denn man braucht Mut, wenn man verpasste Chancen doch noch nutzen will … Eine mitreißende Geschichte über die Liebe, vergessene Wünsche und die Möglichkeit, alles noch einmal zu wagen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 321


Titelinformationen

Informationen zum Buch

Was würdest du tun, wenn dir das Leben eine zweite Chance gibt?

Alma geht es eigentlich gut: Sie hat eine wunderbare beste Freundin, einen großen Garten, und sie ist frisch verliebt. Doch dann wacht sie auf der Intensivstation auf. Ihr Herz ist stehen geblieben – und ihr Leben gerät aus dem Gleichgewicht. Ist sie wirklich glücklich? Was ist aus ihren Träumen geworden? Hat sie die Liebe ihres Lebens aufgegeben? Gut, dass ihre Freundin sie bei der Suche nach Antworten begleitet, denn man braucht Mut, wenn man verpasste Chancen doch noch nutzen will …

Eine mitreißende Geschichte über die Liebe, vergessene Wünsche und die Möglichkeit, alles noch einmal zu wagen

Clara Sternberg

Auch morgen werden Rosen blühen

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Über Clara Sternberg

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

It is worth dying to find out what life is.

T.S. Eliot

1

Alma zwickte sich unauffällig in den Arm, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Alles war perfekt: Sie saß an der langen, festlich dekorierten Tafel neben dem Mann, dessen Augen so blau waren wie die Lobelien in ihrem Balkonkasten, die auch Männertreu genannt wurden. Um ehrlich zu sein, hatten es ihr nicht nur seine Augen hinter der schicken randlosen Brille angetan. Der ganze Mann gefiel ihr. Sie mochte sein Lächeln, die breiten Schultern, die kurzgeschnittenen weißen Haare, seine Stimme und vor allem seine freundliche, offene, unkomplizierte Art. Er hatte sich als Wolfgangs neuer Kollege Bernhard Lebeck vorgestellt. Weiter war er erst mal nicht gekommen, denn Alma hatte versehentlich ihr Glas umgestoßen, und der Maracujasaft ergoss sich über sein Hosenbein. Almas Gesicht brannte vor Verlegenheit, und sie wäre am liebsten im Erdboden versunken.

»Es tut mir so leid! Ich übernehme natürlich die Reinigungskosten!«

Aber Bernhard hatte nur gelacht und den nassen Fleck flüchtig mit seiner Serviette abgetupft. »Unsinn. Ich hab doch eine Waschmaschine. Die schafft das schon.« Und damit war das Thema erledigt, wofür Alma zutiefst dankbar war. Ihr Exfreund wäre entweder nach Hause gefahren, um sich umzuziehen, oder sofort im Badezimmer verschwunden, um den Fleck auszuwaschen. Anschließend hätte er sein Bestes getan, um Alma den Geburtstagsbrunch zu vermiesen. Volkers Talent, schlechte Laune zu verbreiten, war legendär gewesen, aber heute, an diesem letzten Tag im April, im Garten ihrer besten Freunde, wäre es jedem schwergefallen, Almas Stimmung ernsthaft zu trüben. Dafür war der Tag viel zu schön: Die Gäste, eine bunte Mischung aus Freunden, Nachbarn und Wolfgangs Kollegen waren gut gelaunt, das Büfett köstlich, und das Wetter ein Traum. Und dann noch Bernhard. Er hatte gleich nach dem Maracuja-Unglück zwei Gläser Prosecco organisiert, und nun waren sie per du und unterhielten sich angeregt über den Garten. Das hieß, hauptsächlich redete Alma, denn dieses Stück Natur war ihre Leidenschaft. Sie hatte es unter ihre Fittiche genommen, nachdem Regine und Wolfgang in die Doppelhaushälfte gezogen waren, und kannte inzwischen nicht nur jeden Grashalm, jede Blume und jeden Baum mit Vornamen, sondern war auch eng mit ihnen befreundet und wusste daher genau, was wer wann brauchte, um sich bestens zu entfalten. Alma liebte jeden Quadratzentimeter des großen, ehemals verwilderten Grundstücks, und das merkte man dem Garten an. Er grünte und blühte, dass es eine Pracht war. Bernhard war, wie er sagte, zwar gärtnerisch völlig unbewandert, aber er liebte die Natur, hörte interessiert zu und stellte Fragen.

»Wenn du Lust hast, können wir ja gleich ein bisschen herumspazieren«, schlug Alma mit leuchtenden Augen vor. »Vergissmeinnicht und Tränendes Herz und Akelei blühen gerade besonders schön.«

»Sehr gern!«, gab Bernhard zurück.

Regine saß am anderen Ende der Tafel, ein perfekter Platz, um immer wieder unauffällig zu Alma und Bernhard hinüberzuschauen. Sie hatte die beiden geschickt nebeneinander platziert und war hochzufrieden, wie sich die Dinge entwickelten. Alma wirkte fröhlich und gelöst. Kein Wunder, denn Wolfgangs neuer Kollege war wirklich ganz besonders nett, und die Art, wie er Alma mit leicht schräg geneigtem Kopf aufmerksam zuhörte, fand Regine geradezu unwiderstehlich. Daran könnte sich Wolfgang ruhig mal ein Beispiel nehmen, fand sie. Allerdings waren sie seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet, da war es verständlich, wenn man nicht immer ganz Ohr war.

»Erzähl doch mal ein bisschen was über ihn«, hatte Regine vor ein paar Tagen zu ihrem Mann gesagt, nachdem er berichtet hatte, dass er den neuen Kollegen spontan zum Geburtstagsbrunch eingeladen hatte. »Wie ist er denn so?«

»Sympathisch. Deshalb hab ich ihn ja dazugebeten.« Regine hatte in sich hineingeseufzt. Wolfgang, der Ingenieur war, konnte mit Leidenschaft über Sachthemen debattieren. Wollte man ihm Informationen über Menschen entlocken, wurde es schwierig. Aber sie war zu neugierig, um gleich aufzugeben. »Und wie sieht er aus?«

»Na, ganz normal. Wie man halt so aussieht, wenn man um die fünfzig ist. Kleiner als ich, und dünner. Graue Haare. Brille.«

Die Frage, ob der Kollege jemand war, den eine Frau als gutaussehend bezeichnen würde, hatte Regine auf der Zunge gelegen, aber sie hatte sie hinuntergeschluckt, weil sie aus Erfahrung wusste, was Wolfgang, der in Nordfriesland geboren und aufgewachsen war, darauf antworten würde: Was der Einen ihr Uhl ist, ist der Annern ihr Nachtigall.

»Ist er verheiratet?«

»Seit vier Jahren verwitwet.«

»Oh, wie schrecklich. Das tut mir so leid. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie weh es tun muss, den Menschen zu verlieren, den man liebt und mit dem man sein Leben teilt.«

»Es muss die Hölle sein.«

Regine war gerührt. Es tat gut, zu hören, wie viel sie ihm bedeutete. Romantische Liebeserklärungen waren Wolfgangs Sache nicht, aber sie hatte im Laufe der Zeit gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.

»Ich weiß genau, was gerade in deinem Kopf vorgeht«, sagte Wolfgang.

»Ach ja? Was denn?«

»Du würdest Bernhard gern mit Alma verkuppeln.«

Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Sagen wir es so: Ich würde mich riesig freuen, wenn sie ihr Glück finden würde. Und zwar zur Abwechslung mal mit einem Mann, der sie verdient hat.«

»Ich doch auch, Gini«, brummte ihr Mann, der für die »Lütte«, wie er Alma gerne nannte, durchs Feuer gegangen wäre. Und Wolfgang war nicht der Einzige. Alma war jemand, den man einfach gernhaben musste, fand Regine. Schon allein deshalb, weil sie so ein großes Herz hatte. Es leuchtete aus ihr heraus, sobald man ihr in die mandelförmigen, schwarzbraunen Augen schaute, die sie, genau wie ihren Vornamen, ihrer aus Spanien stammenden Mutter verdankte. Regine war davon überzeugt, dass Almas XXL-Herz eine Heimat brauchte, es wollte lieben und geliebt werden, und zwar nicht nur von Freunden, Klienten, Nachbarn, Pflanzen und ihrer Katze Pandora.

Deswegen stupste Regine ihren Mann auch begeistert an, als Bernhard und Alma den Kiesweg entlangschlenderten, der zur Kräuterspirale und den Staudenbeeten führte. »Schau mal! Sie gehen spazieren. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Hat er eigentlich eine Freundin? Vielleicht eine Fernbeziehung in Frankfurt? Möglich wäre es ja.«

Wolfgang lächelte in sich hinein. Regine hörte schon die Hochzeitsglocken läuten. Aber so war sie nun mal: eine Romantikerin durch und durch.

»Keine Ahnung. Wir reden nicht über Privates. Dazu haben wir gar keine Zeit. Er ist doch erst seit vier Wochen im Haus und mitten in der Einarbeitung.«

Regine seufzte resigniert; sie musste sich einfach noch ein wenig gedulden. »Und woher weißt du dann, dass er verwitwet ist?«

»Von Nolli. Du kennst ihn doch, er weiß immer irgendwas, das sonst niemand weiß. Er kennt sogar Angies Schuhgröße.«

Regine äugte mit neuem Respekt hinüber zu Bernd Nolle, genannt Nolli, der sich gerade am Büfett bediente. »Er weiß, welche Schuhgröße unsere Bundeskanzlerin hat?«

Wolfgang grinste. »Möglicherweise auch das, ihm ist alles zuzutrauen. Ich rede aber von unserer Kollegin Angie.«

»Ach so.« Regines Blick glitt unwillkürlich zu Angie Döberitz, die sich angeregt mit der netten Britta von nebenan unterhielt, mochte dort aber nicht verweilen. Wolfgangs Kollegin war einfach nicht ihr Fall.

Alma genoss den Rundgang mit Bernhard in vollen Zügen. Es fühlte sich so gut an, diesen Ort, den sie liebte, mit jemandem zu teilen. Auch den besonderen Winkel hinter dem Schuppen, wo Wildkräuter wachsen durften, Veilchen und Maiglöckchen blühten und ein Igel in einem Reisighaufen Winterschlaf gehalten hatte. Sie war normalerweise nicht so mitteilsam, aber Bernhard interessierte sich einfach für alles. Er machte es ihr leicht, ihre Schüchternheit zu überwinden. Er stellte Fragen, hörte zu, bückte sich, um an Blumen zu schnuppern, bewunderte den Schuppen, den Wolfgang selbst gebaut hatte, und war völlig begeistert von der pink-weiß gestreiften Hollywoodschaukel, die Regine und Wolfgang letztes Jahr von ihren Kindern zur Silbernen Hochzeit geschenkt bekommen hatten. »Komm, wir setzen uns einen Moment, ja? Ich wollte immer schon ausprobieren, ob die Dinger so gemütlich sind, wie sie aussehen.«

Die Hollywoodschaukel stand neben einem blühenden Apfelbaum, mit Blick auf die Terrasse und die lange Tafel. Nachdem sie eine Weile schweigend hin und her geschaukelt hatten, sagte Bernhard: »Herrlich. Am liebsten würde ich gar nicht mehr aufstehen.«

»Die Schaukel ist mein Lieblingsplatz«, gab Alma zurück. »Ich könnte stundenlang hier liegen und vor mich hin träumen.«

»Und wovon träumst du am liebsten?«, fragte Bernhard mit einem Lächeln, bei dem Almas Herz einen kleinen Hüpfer machte.

»Das kommt auf meine Stimmung an. Manchmal stelle ich mir vor, ich liege in einer Hängematte am Strand, vielleicht auf Hawaii, umgeben von einem üppigen, tropischen Garten. Das Meer rauscht, ein warmer Wind weht und duftet nach Frangipaniblüten …«

»Ich habe zwar keine Ahnung, wie Frangipaniblüten duften, aber das klingt paradiesisch … Wenn ich dabei wäre, würde ich dir einen Cocktail servieren.«

»Auch Champagner? Ich liebe Champagner.«

»Selbstverständlich. Übrigens fällt mir gerade etwas ein, es hat aber nichts mit Hawaii zu tun …«

»Was denn?«

»Mein Balkon. Er geht nach Südwesten, und ich würde ihn gern so richtig schön bunt bepflanzen. Hast du ein paar Tipps für mich?«

»Ja natürlich, jede Menge sogar! Ein Südwestbalkon ist perfekt, die meisten Sommerblumen sind Sonnenanbeterinnen. Spontan fallen mir Geranien ein, und Margeriten, Sonnenblumen, Elfenspiegel, Schwarzäugige Susanne und Portulakröschen. Am besten schaust du dich einfach mal in einer guten Gärtnerei um und lässt dich inspirieren. Ich gehe am liebsten zu GrünGrün in Dahlem, das liegt sozusagen vor meiner Haustür.«

»Ich wohne in Steglitz, also auch nicht weit weg, das trifft sich gut. Vielleicht könnten wir uns ja mal samstags in der Gärtnerei treffen, und du berätst mich?«

»Das würde mir großen Spaß machen!« Sie strahlte ihn an, und nicht zum ersten Mal an diesem Samstag fiel Bernhard auf, dass sie wunderschöne Augen hatte, sehr dunkel und mit einem Glanz, der ihn an die Schwarzkirschen erinnerte, die er als Kind bei seinen Großeltern auf dem Land gepflückt hatte.

Herzklopfen, dachte Alma erstaunt, als sie die Telefonnummern austauschten. Ich habe doch tatsächlich ein bisschen Herzklopfen … zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Schon verrückt in meinem Alter … Ob er sich wirklich meldet? Oder ist das nur so dahingesagt, und er hat gar nicht vor, sich mit mir zu verabreden? Bei diesem Gedanken spürte sie einen Stich der Enttäuschung, denn Bernhard war ein Mann, den sie liebend gern wiedersehen würde.

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. »Du hast doch bestimmt auch einen Balkon?«

Alma zeigte ihm ihre Fotos vom letzten Sommer. Da rankten sich Feuerbohnen, ein Kürbis und Kapuzinerkresse neben Kübeln und Kästen mit mediterranen Kräutern, Sonnenblumen, Margeriten, Lobelien, Wicken, Lavendel und Rosen. In den Hängeampeln wucherten Verbenen und Petunien. Zwischen den üppigen Pflanzen war gerade noch Platz für einen kleinen Holztisch mit zwei Stühlen.

»Das ist ja ein Bauerngärtchen«, sagte Bernhard lächelnd. »Eine kleine Idylle. Und die Katze passt perfekt dazu.«

Das stimmte. Pandora, die auf einem der Bilder auf dem Tisch saß und sich putzte, verbreitete mühelos ländliches Flair.

»Sie heißt Pandora, und sie ist die allerliebste Katze der Welt«, sagte Alma.

Er zog amüsiert die Augenbrauen hoch. »Pandora … war das in der griechischen Mythologie nicht die Dame, die alle Übel der Welt aus ihrer Büchse auf die Menschheit losgelassen hat?«

»Ja, aber das stört mich kein bisschen. Ich finde, der Name klingt so herrlich geheimnisvoll. Sie ist übrigens eine Glückskatze.«

»Das musst du mir erklären.« Die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich.

»Weil ihr Fell weiß-schwarz-rot gefleckt ist. Dreifarbige Katzen bringen Glück, sagt der Volksmund.«

»Ein schöner Gedanke, dass du jemanden an deiner Seite hast, der dir jeden Tag Glück bringt«, sagte Bernhard.

Dieser Satz war einfach zum Dahinschmelzen. Almas Wangen fühlten sich auf einmal ziemlich heiß an, und sie wusste gar nicht, was sie antworten sollte. Er ist so nett, dachte sie. Richtig nett. Und er war eine Überraschung, Regine hatte mit keinem Wort erwähnt, dass Wolfgang einen neuen Kollegen eingeladen hatte.

Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Bernhard sich erkundigte, woher Alma denn Wolfgang und seine Frau kannte. Almas Verlegenheit verschwand sofort, sie war wieder auf sicherem Terrain.

»Regine und ich haben uns vor zwölf Jahren bei einer Fortbildung für Physiotherapeuten kennengelernt. Sie ist die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Und die beste aller Kolleginnen. Schau mal … hier. Das war bei der Einweihungsparty, als wir unsere Praxis eröffnet haben. Sechs Jahre ist das jetzt her.«

Sie zeigte ihm ihr Lieblingsbild, auf dem Regine und sie über das ganze Gesicht lachten und stolz die riesigen Blumensträuße im Arm hielten, die Wolfgang ihnen geschenkt hatte. »Das war ein richtiger Glückstag, wir haben bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, mit allen Menschen, die uns lieb und wichtig sind. Und wir sind immer noch sehr zufrieden mit unserer Selbstständigkeit. Anfangs war ich skeptisch. Aber dann habe ich mich doch getraut, und seitdem tue ich ausschließlich das, was mir immer schon am meisten Spaß gemacht hat: Ich habe mich auf Massagen spezialisiert.«

»Eine Massage würde mir auch mal wieder guttun«, sagte Bernhard und rieb sich mit einer Hand den Nacken. Alma schmunzelte in sich hinein. Wenn sie erzählte, was sie beruflich machte, wanderten die Hände der meisten Menschen automatisch zu den Partien am Körper, die am meisten verspannt waren.

Es stellte sich heraus, dass sich Bernhard gut auskannte. Als Ausgleich zu seinem Job als Projektingenieur, der oft stressig war, ging er gern in die Therme und ließ sich anschließend massieren, oder er gönnte sich ein verlängertes Wochenende in einem Spa-Hotel. Von Ayurveda über Schwedisch bis hin zur Schokoladenmassage hatte er so ziemlich alles ausprobiert, aber die Lomi-Lomi-Massage war für ihn etwas ganz Besonderes, beinahe wie ein Kurzurlaub in der Südsee. Das hatte Alma schon oft von ihren Klienten gehört. Der auf achtundzwanzig Grad geheizte Raum, den sie mit den fröhlich-bunten Aquarellen einer Künstlerin dekoriert hatte, die auf Big Island lebte; viel warmes Kokosöl, die fließenden Griffe und Streichungen und Dehnungen, dazu sanfte hawaiianische Musik im Hintergrund, beflügelten die Phantasie und die Seelen.

»Ihr habt doch sicher eine Homepage?«

Alma und Bernhard kamen sich ziemlich nahe, als sie sich die Praxis für Massage und Physiotherapie von Regine Möbius und Alma Schneyder auf dem Display von Almas Smartphone anschauten. Dank der großen Fenster waren die Räume hell; die apricotfarbenen Wände und die Grünpflanzen wirkten anheimelnd.

»Was ist eigentlich das ganz Besondere, Einzigartige für dich bei deiner Arbeit? Die Seele sozusagen?«, fragte Bernhard unvermittelt.

Alma schaute ihn erstaunt an. »Du bist der erste Mensch, der mich das fragt.«

»Wirklich?« Er klang so überrascht, dass Alma lachen musste.

»Wirklich. Für die Menschen, die mich kennen, ist es natürlich kein Geheimnis, dass ich das, was ich jeden Tag tue, gerne tue. Aber nach der Seele hat sich noch niemand erkundigt … Das ganz Besondere für mich ist, mitzuerleben, wie sich Menschen verwandeln. Sie kommen gestresst, erschöpft, verspannt, oft auch schmerzgeplagt bei mir an und schweben nachher erholt, mit rosigem Gesicht, glänzenden Augen und einem Lächeln auf den Lippen aus der Praxis. Ich bin so dankbar, dass ich mit meiner Arbeit etwas dazu beitragen kann, dass Menschen sich gesünder und glücklicher fühlen.«

»Schön«, sagte Bernhard nur. So viel Wärme lag in diesem einen Wort, dass Alma anfing, zu strahlen. Bernhard erwiderte ihr Lächeln und schaute ihr dabei lange in die Augen. Es war ein magischer Moment. Zum ersten Mal konnte Alma nachvollziehen, was sie manchmal in Liebesromanen gelesen hatte: Sie versank in seinem Blick … Ein wundervolles Gefühl, aus dem sie unsanft auftauchte, als eine weibliche Stimme sagte: »Ihr habt euch ja ein hübsches Plätzchen ausgesucht …«

Vor der Hollywoodschaukel stand Angie Döberitz. »Hab ich euch etwa erschreckt?«

Diese Frage war im Prinzip schon beantwortet, denn Alma und Bernhard waren beim Klang ihrer Stimme so heftig zusammengezuckt, dass sie es unmöglich übersehen haben konnte.

»Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, aber sonst ist alles okay«, sagte Bernhard trocken. »Wie sieht es bei dir aus, Alma?«

»Alles gut«, murmelte Alma. Natürlich war nichts gut – Angie war zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht und machte keine Anstalten, sich zu entfernen, obwohl Alma sie dorthin wünschte, wo der Pfeffer wuchs. Mit einem fröhlichen: »Sorry!« ließ sie sich anmutig neben Bernhard auf der Schaukel nieder. Herzogin Kate, der sie ein wenig ähnlich sah und an deren Modestil sie sich orientierte, hätte es nicht eleganter hinbekommen.

»Ich störe euch wirklich ungern, aber es ist wichtig«, sagte sie. »Es geht um unser Projekt, Bernhard. Gestern Abend, als du schon weg warst, habe ich noch mal mit dem Auftraggeber telefoniert. Aktuell gibt es ein paar Punkte, die ich unbedingt mit dir klären möchte. Keine Angst, es dauert nicht lange.«

Sie lächelte hinüber zu Alma. Es war ein charmantes Lächeln, das um Verständnis warb. Alma lächelte zurück – was blieb ihr anderes übrig –, obwohl sie am liebsten gefaucht und einen Buckel gemacht hätte wie Pandora, wenn ihr etwas ganz und gar nicht passte. Warum musste Angie ausgerechnet jetzt etwas Geschäftliches mit Bernhard besprechen? Hätte das nicht noch Zeit gehabt, bis sie sich wieder zu den anderen Gästen gesellt hätten? Alma fiel ein, dass Regine Angie nicht mochte, es war Abneigung auf den ersten Blick gewesen. Dazu kam, dass Wolfgang mal herausgerutscht war, dass er seine Kollegin nicht nur sympathisch und kompetent, sondern auch sexy fand. Regine hatte Alma ihr Herz ausgeschüttet: »Dass er sie sexy findet, kann ich ja nachvollziehen. Er ist nicht blind, und ich habe auch Augen im Kopf. Was mich so kränkt, ist die Tatsache, dass er es mir gesagt hat.«

Alma hatte tröstend den Arm um die Schulter ihrer Freundin gelegt. »Er hatte ein Bier zu viel. Da sagt man schon mal richtig blöde Sachen. Leider.«

»Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es nichts zu bedeuten hat, dass er Angie toll findet. Wolfgang würde nie fremdgehen. Trotzdem kränkt es mich, und das hab ich ihm auch gesagt. Er meinte nur, so ganz lapidar, ich solle nicht so empfindlich sein. Angie sei eine Kollegin, mehr nicht.«

»So kenne ich Wolfgang gar nicht. Er muss wirklich ziemlich blau gewesen sein.«

»Er war mit Nolli und ein paar anderen beim Bowling. Eigentlich trinkt er da nie viel, er will ja die Pins treffen. Weißt du, es wäre ganz was anderes, wenn er auf dich stehen würde und mir das erzählt hätte. Das hätte mir überhaupt nichts ausgemacht.«

Alma hatte die Freundin aus großen Augen angestarrt. »Bist du sicher?«

Ein Lächeln huschte über Regines Gesicht. »Absolut. Weil du meine beste Freundin bist. Ich finde es so illoyal von ihm, dass er mir ins Gesicht sagt, dass er eine Frau gut findet, die ich nicht leiden kann.«

Angies Stimme holte Alma zurück in die Gegenwart. »Ich hoffe, du hast nicht das Gefühl, dass ich dich vertreiben will, Alma. Du störst wirklich kein bisschen. Es könnte nur sein, dass du dich langweilst, während Bernhard und ich ein paar Dinge klären. Schaltpläne sind ja nicht so dein Metier.«

»Nicht wirklich, damit lasse ich euch lieber allein«, sagte Alma und stand auf. Die Herablassung in Angies Stimme war unverkennbar gewesen und signalisierte, dass Leute, die kein Studium der Ingenieurwissenschaften vorweisen konnten, sich jetzt verabschieden sollten. Bis vor drei Minuten war Alma vollkommen zufrieden und glücklich mit sich und der Welt gewesen. Jetzt schaute sie in Angies hübsches, lächelndes, perfekt geschminktes Gesicht und fand sich nicht nur beruflich unterqualifiziert, sondern zu alt, zu rundlich, zu unscheinbar, zu langweilig angezogen.

Bernhard war gleichzeitig mit Alma aufgestanden und lächelte verlegen auf sie hinunter. »Wir haben uns so nett unterhalten … tut mir leid, dass es eine Unterbrechung gibt. Bis später?«

»Bis später«, sagte Alma, ein bisschen atemlos, weil sich Freude wie eine große Welle in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie fühlte sich plötzlich wie mit dreizehn, als ihr heimlicher Schwarm ihr in der großen Pause einen Zettel zugesteckt hatte, auf dem stand: Ich mag dich.

»Ich mag dich, Bernhard«, flüsterte Alma den Gänseblümchen auf dem Rasen zu, während sie zur Terrasse ging. »Und ich habe das Gefühl, du magst mich auch.«

Regine unterhielt sich schon eine Weile angeregt mit Britta von nebenan und ihrer neuen Liebe Ralf, was sie nicht daran hinderte, immer wieder einen Blick zu Alma und Bernhard auf der Hollywoodschaukel zu werfen. Sie saßen so dicht beieinander, dass es aussah, als würden sie sich berühren. Als sie das nächste Mal hinüberschaute, saß Angie neben Bernhard, und Alma stand mit einem verträumten Lächeln am Büfett.

»Entschuldigt mich bitte«, sagte Regine zu Britta und Ralf. »Ich glaube, ich brauche dringend ein Stück Kuchen.«

»… und ich brauche dringend einen Kuss!«, sagte Britta.

»Ich auch!« Lachend spitzte Ralf die Lippen und zog sie an sich.

Dass die beiden sich ohne sie nicht langweilen würden, lag auf der Hand, dachte Regine amüsiert und auch ein bisschen wehmütig. Es war lange her, seit Wolfgang und sie frisch verliebt gewesen waren und die Finger nicht voneinander lassen konnten.

»Ich sterbe vor Neugier, wenn du mir nicht auf der Stelle alles erzählst«, sagte Regine. Alma fing an zu kichern. Dabei hielt sie den Teller schräg, so dass das Rhabarbertörtchen, für das sie sich nach eingehender Überlegung entschieden hatte, ins Rutschen kam.

»Eigentlich gibt es gar nichts zu erzählen«, behauptete sie und rettete den Kuchen mit einer Handbewegung. »Ich habe Bernhard euren Garten gezeigt, und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Das ist schon alles.«

»Verstehe«, sagte Regine, ohne eine Miene zu verziehen. »Dann unterhalten wir uns eben übers Wetter. Das ist ja immer ein sensationell spannendes Thema, da kann ein attraktiver, ausgesprochen sympathischer Mann nicht mithalten. Wir können über die Regenwahrscheinlichkeit und die gefühlte Temperatur des Tages diskutieren. Die interessiert mich übrigens ganz besonders.«

»Dafür brauchen wir aber ein ruhiges Plätzchen, wo wir ungestört sind«, entgegnete Alma mit einem spitzbübischen Grinsen.

»Kein Problem. Lass uns in die Küche gehen, da stört uns hoffentlich niemand.« Regine schwenkte die große Warmhaltekanne. »Leer. Das trifft sich doch gut, du bekommst auch noch ganz frisch aufgebrühten Kaffee zu deinem Törtchen.«

Auf dem Weg ins Haus widerstand Alma tapfer der Versuchung, sich umzudrehen und die Hollywoodschaukel ins Visier zu nehmen. Regine hatte da keine Hemmungen. Sie warf einen langen Blick über ihre Schulter. »Sie sitzen immer noch da. Ich wette, sie hat gesagt, dass sie etwas Berufliches mit Bernhard besprechen will. Etwas, das so wichtig ist, dass es einfach nicht warten konnte. Und deshalb musste sie euch leider, leider stören … stimmt’s?«

»Es geht um Schaltpläne«, sagte Alma. »Was immer das sein mag.«

»Soso. Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Angie heute ohne ihren Freund hier ist? Zum ersten Mal, seit ich sie kenne, und das sind immerhin drei Jahre?«

Alma schüttelte den Kopf. Außer Bernhard war ihr heute nicht viel aufgefallen.

»Vielleicht ist er verreist. Oder krank. Wie kommst du denn gerade jetzt darauf?«

»Weil Angie, als Wolfgang sie bei der Begrüßung gefragt hat, wo denn Simon steckt, die Augenbrauen hochzog und erstaunt gefragt hat: Simon? Ich kenne niemanden, der Simon heißt.«

Alma starrte die Freundin mit offenem Mund an.

»Genau so ging es Wolfgang und mir«, sagte Regine. »Sie klang übrigens absolut überzeugend. Wenn ich nicht genau wüsste, dass Angie und ein mir persönlich bekannter Mann namens Simon ein Paar waren, ich hätte ihr geglaubt … Wir waren baff, während Angie locker weiterplauderte und dann einfach Richtung Garten spazierte. Mehr wissen wir nicht, und wir werden auch höchstwahrscheinlich nie erfahren, was sich abgespielt hat. Aber ich bin sicher, dass es aus ist zwischen den beiden.«

»Es sieht zumindest danach aus«, sagte Alma, immer noch einigermaßen fassungslos. Wie jemand ohne mit der Wimper zu zucken so eine hanebüchene Geschichte erzählen konnte, ging über ihren Horizont.

Die Nachmittagssonne schien durchs Fenster und tauchte die Küche in ein warmes Licht. Alma setzte sich an den Tisch, auf ihren Lieblingsplatz, von dem man in den kleinen Vorgarten schauen konnte. Auf dem Rand der gusseisernen Vogeltränke, die sie Wolfgang und Regine zum Einzug geschenkt hatte, saß ein Rotkehlchen und schaute sie aufmerksam an.

»Weißt du, was mir durch den Kopf geht?«, sagte Regine, während sie Kaffeemehl in den Filter der Kaffeemaschine löffelte.

»Noch nicht«, gab Alma zurück.

»Ich frage mich, ob Angie ein Auge auf ihren neuen Kollegen geworfen hat.«

»Auf Bernhard, meinst du?«

»Wen sonst?«

»Auszuschließen ist das natürlich nicht. Sie verbringen täglich viel Zeit miteinander. Und … es ist ja gang und gäbe, dass Kollegen sich ineinander verlieben.«

Regine bemerkte den kleinen, traurigen Zug um Almas Mund und sagte energisch: »Noch mehr gang und gäbe ist es allerdings, dass Kollegen sich nicht ineinander verlieben.« Regine schenkte Kaffee in zwei Becher und setzte sich neben Alma. »Er ist nett, oder?«

Ihr erwartungsvoller Blick brachte ihre Freundin zum Lächeln. »Er ist sehr nett«, sagte Alma und wurde ein bisschen rot. »Warum hast du mir eigentlich nichts von ihm erzählt?«

»Hab ich das nicht?«

»Nein. Kein Wort.«

»Na, so was. Manchmal bin ich wirklich ganz schön schusselig«, antwortete Regine mit unbewegtem Gesicht.

»Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich dir das abnehme?«

»Okay. Erwischt. Ich wollte dich überraschen. Findest du das schlimm?«

Über das ganze Gesicht strahlend sagte Alma: »Ganz, ganz furchtbar!«, und biss mit Genuss in ihr Törtchen. Die feine Mischung aus Rhabarber, Vanillepudding und Biskuit zerging auf der Zunge.

»Mhmm, lecker. Hast du das gebacken?« fragte sie mit vollem Mund.

»Nein, Britta. Und die Apfeltarte ist auch von ihr. Sie ist ein echtes Backtalent. Sag schon … knistert es?«

»Knistert was?« fragte Alma verständnislos.

»Na ja … gefällt Bernhard dir auch – als Mann? Ist da eine … hm … gewisse Anziehung? Das ist ja nicht selbstverständlich. Man kann jemanden ja sehr nett finden, und trotzdem lässt er einen kalt …«

Alma grinste von einem Ohr zum anderen … »Er lässt mich nicht kalt.«

»Das hab ich mir schon gedacht«, meinte Regine. »Und was sagt deine Nase? Sie ist ja sehr empfindlich …«

»Alles bestens«, gab Alma vergnügt zurück. »Gibt es sonst noch etwas, was du gerne wissen möchtest? Vielleicht seine Konfektionsgröße? Ich schätze mal, dass er Größe fünfzig trägt, aber sicher bin ich nicht.«

Regine gab sich Mühe, schuldbewusst auszusehen, aber es gelang ihr nicht, die Unterhaltung machte ihr viel zu viel Spaß. »Ich weiß, ich bin ein bisschen neugierig …«

Alma fing an zu lachen. »Ein bisschen ist gut …«

»Dann reden wir besser übers Wetter. Also: Wie war deine innere Temperatur, als du mit Bernhard im Garten unterwegs warst?«

»Perfekt. Fünfundzwanzig Grad und Sonnenschein. Ich hab mich einfach wohl gefühlt mit ihm.«

Regine seufzte. »Hach. Das hört sich wunderbar an.«

»Und es sieht so aus, als ob wir uns demnächst bei GrünGrün treffen. Er möchte ein paar Tipps für seine Balkonbepflanzung«, sagte Alma glücklich.

»Ihr habt schon ein Date ausgemacht? Wow.«

»Na ja, nicht direkt. Er will nächste Woche anrufen. Ich hoffe, er tut es auch wirklich. Natürlich könnte ich mich auch bei ihm melden, er hat mir seine Nummer gegeben.«

Regine schüttelte den Kopf. »Das würde ich auf keinen Fall machen. Einen Mann, der nicht anruft, obwohl er gesagt hat, dass er anruft, kannst du vergessen. Er hat einfach kein Interesse an einem Wiedersehen. Wieso sollte eine Frau ihm da hinterherlaufen?«

»Das ist eine wirklich gute Frage, und du hast recht. Ich werde mich auf keinen Fall zuerst melden«, gab Alma mit einem Seufzen zurück, denn ihr waren spontan einige Beispiele aus ihrer Vergangenheit eingefallen, die Regines These zu hundert Prozent bestätigten. Andererseits war die Tatsache, dass sich ein Mann beim Kennenlernen mächtig ins Zeug legte, leider keine Garantie für eine glückliche Beziehung. Volker hatte sich anfangs beinahe überschlagen. Er hatte nicht nur täglich angerufen, er wollte auch in jeder freien Minute mit Alma zusammen sein. Mit jedem Wort und jeder Geste hatte er ihr das verführerische Gefühl gegeben, die liebens- und begehrenswerteste Frau auf diesem Planeten zu sein. Alma war schneller dahingeschmolzen als Eiscreme in der Sonne. Endlich, davon war sie überzeugt gewesen, war sie angekommen, hatte ihre große Liebe gefunden und würde für immer und ewig mit Volker glücklich sein. Leider hatte sich herausgestellt, dass Volker nicht der Mann war, für den sie ihn gehalten hatte. Alma hatte lange gebraucht, um über ihre Trauer über die gescheiterte Beziehung und den Schmerz hinwegzukommen, dass sie einfach nicht zusammenpassten. Es dauerte eine Weile, bis ihr klarwurde, dass sie sich, wie so oft, von ihren Sehnsüchten hatte leiten lassen und von einem völlig unrealistischen Bild, das sie sich – durch die rosarote Brille der Verliebtheit – von einem Mann gemacht hatte, den sie kaum gekannt hatte, bevor sie sich auf eine feste Beziehung mit ihm eingelassen hatte.

Regine trank einen Schluck von ihrem Kaffee. Dann sagte sie: »Mach dir mal keine Sorgen. Bei Bernhard habe ich ein gutes Gefühl. Er meldet sich bestimmt. Wäre es nicht absolut großartig, wenn ihr euch ineinander verlieben würdet? Wenn er der Mann deines Lebens wäre?«

»Natürlich wäre es schön. Aber warten wir doch erst mal ab, was passiert.«

»Mein Schwiegervater sagt immer: Man muss das Beste erwarten, dann bekommt man es auch«, sagte Regine. »Gehen wir wieder raus? Bestimmt warten schon alle sehnsüchtig auf uns. Und auf den Kaffee.«

Draußen war inzwischen ein frischer Wind aufgekommen, und es hatten sich ein paar Wolken vor die Sonne geschoben. Auf der Terrasse wurde Regine gleich von einem befreundeten Paar in Beschlag genommen, das sich verabschieden wollte. Alma zog ihren Cardigan an, der über einer Stuhllehne gehangen hatte, und schaute sich um. Auf der Hollywoodschaukel saßen jetzt Britta und Ralf und knutschten. Bernhard und Angie hatten auf der Bank Platz genommen und unterhielten sich mit Wolfgang und Nolli. Einige Gäste waren im Garten unterwegs, andere saßen ins Gespräch vertieft am Tisch.

Alma warf einen Blick auf ihre Armbanduhr: Fünfzehn Uhr. Um fünfzehn Uhr dreißig war der Brunch laut Einladung zu Ende, denn Wolfgang und Regine hatten heute noch etwas vor. Sie wollten ins Kino gehen und anschließend den Tag in ihrer Lieblingsbar über einem Mojito ausklingen lassen. Das war schon lange ein festes Ritual, genau wie der Ausflug ins Grüne mit Wolfgangs Eltern und den beiden erwachsenen Kindern am Sonntag nach dem Geburtstag. Alma wusste, dass Regine gerne mal etwas anderes unternommen hätte, aber davon wollte Wolfgang nichts wissen. Er führte die bestechende Logik ins Feld, dass er, weil die Festlichkeiten zu seinem Ehrentag sich nie änderten, er einfach nicht älter wurde. Jedenfalls gefühlt. Darum war er zu beneiden, fand Alma, und wanderte zum Büfett, um mit einem Glas Orangensaft Abschied zu nehmen, bevor sie sich auf den Heimweg machte.

Sie hatte gerade die Flasche aus dem Kühler genommen, als Bernhard neben ihr auftauchte. »Zwei Genies, ein Gedanke!« sagte er und lachte sie an.

Alma lachte zurück. Eben hatte sie noch gefröstelt, trotz Cardigan. Jetzt pulsierte Wärme durch ihren Körper, und sie fühlte sich so leicht und glücklich, dass sie auf dem Wind hätte davonfliegen können.

Sie tranken ihren Saft an einem Stehtisch beim Büfett. Diesmal war es Bernhard, der redete; Alma hörte aufmerksam zu. Während der Wind langsam einschlief und die Sonne sich hinter den Wolken hervorkämpfte, erfuhr sie so einiges. Bernhard war zweiundfünfzig, also drei Jahre jünger als sie. Er hatte lange in der Firmenzentrale in Frankfurt am Main gearbeitet, bevor er sich für eine frei gewordene Stelle in der Berliner Niederlassung beworben hatte. Er schaute ihr nicht in die Augen, als er erzählte, dass er vier Jahre nach dem Krebstod seiner Frau eine neue Perspektive gebraucht hatte. Seine Stimme klang rau und verriet, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen. »Nachdem sie gestorben war, war nach außen hin alles wie immer. Die Eigentumswohnung, in der wir zwanzig Jahre zusammengelebt hatten. Die Stadt, der Job, die Kollegen, die Freunde und Bekannten. Aber Bettina war nicht mehr da, und es war, als sei ein Teil von mir mit ihr gestorben. Unsere Tochter studierte zu der Zeit in Hannover. Im ersten Jahr nach Bettinas Tod haben wir uns so oft wie möglich gesehen, das gab uns beiden Halt und ein bisschen Trost. Paula fand viel schneller als ich den Weg zurück ins Leben, sie ist ein Mensch, der sich einfach nicht unterkriegen lässt. Wohingegen ich einfach nur funktioniert habe, wie ein Automat. Ging zur Arbeit, machte viel Sport und zog mich immer mehr zurück. Mit einem Einsiedler wussten Freunde und Bekannte – alles Paare – auf Dauer wenig anzufangen. Irgendwann klingelte das Telefon nur noch selten. Ich glaube, insgeheim hatten alle eine Riesenangst, dass ein Trauerfall ansteckend sein könnte. Dann kam der Tag, an dem ich morgens aufwachte und wusste: Ich muss weg aus Frankfurt, alles hinter mir lassen, was mich an Bettina und unsere Ehe erinnert, sonst bleibe ich bis ans Ende meiner Tage lebendig begraben. Paula, die inzwischen mit dem Studium fertig war und einen Job in Dresden gefunden hatte, wusste das schon viel früher als ich. Meine kluge Tochter.«

»Wie alt ist sie?«, fragte Alma, die voller Interesse und Mitgefühl zugehört hatte.

»Sechsundzwanzig. Möchtest du ein Foto sehen?«

»Ja, gern.«

Bernhard zog sein Handy hervor. Auf dem Bild, das er Alma zeigte, trug seine Tochter einen bordeauxfarbenen Hut, unter dem lange braune Locken hervorquollen, dazu eine große, dunkel gerahmte Hornbrille. Sie lachte so herzlich in die Kamera, dass Alma automatisch mitlächelte. Paula hatte die gleichen leuchtend blauen Augen wie ihr Vater, aber ansonsten war keine Ähnlichkeit zu erkennen.

»Wow. Sie hat eine tolle Ausstrahlung. Ganz viel Fröhlichkeit und Charme.«

»Ja, das ist Paula. Sie hat sich so gefreut, dass ich nach Berlin ziehe. Sie liebt die Stadt, und wir haben schon ein tolles Wochenende hier verbracht«, sagte Bernhard so liebevoll, dass Alma weiche Knie bekam. Er war bestimmt ein wunderbarer Vater.

»Und wie fühlst du dich so als Neu-Berliner?«

»Na ja … noch ziemlich fremd. Nach drei Wochen ist wohl auch nichts anderes zu erwarten. Aber ich bin froh, dass ich mich zu diesem Schritt entschlossen habe. Alles lässt sich gut an. Die Arbeit ist interessant, die Kollegen sehr nett, und meine Wohnung gefällt mir. Und …« Sein Mund verzog sich zu einem jungenhaften Grinsen. »Berlin rockt. Das finden jedenfalls meine Exkollegen am Main. Sie sind ein bisschen neidisch.«

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt, und der uns hilft zu leben«, zitierte Alma ohne nachzudenken.

Bernhards Augen leuchteten auf. »Das ist aus ›Stufen‹, von Hermann Hesse. Zu Studentenzeiten war ich ein großer Fan, ich habe alles von ihm vorwärts und rückwärts gelesen und kannte ganze Passagen auswendig. Mein Lieblingsbuch war ›Das Glasperlenspiel‹.«

»Ich mag die Märchen von Hesse so gern. Und dieses Gedicht, vor allem diese Zeile vom Anfang, dem ein Zauber innewohnt.« Und ich mag deine schönen, blauen Augen und die Liebe, die so deutlich spürbar ist, wenn du von deiner Tochter und deiner verstorbenen Frau sprichst, fügte Alma in Gedanken hinzu.

Bernhard nickte voller Begeisterung. »Der Gedanke, dass wir beschützt werden, wenn wir etwas hinter uns lassen und neu anfangen, hat so etwas Tröstliches und Heimeliges, und …«

Weiter kam er nicht, denn plötzlich waren sie umringt von fröhlichen Gästen und dem Geburtstagskind, die vor dem Aufbruch noch mal gemeinsam anstoßen wollten.

»Das war wie immer ein toller Brunch mit euch«, sagte Wolfgang, als alle Gläser mit etwas Trinkbarem gefüllt waren. »Schön, dass ihr gekommen seid, und ich freue mich schon aufs nächste Jahr in alter Frische. Ihr wisst ja: Ich bleibe so jung, wie ich bin! Prost!« Das sorgte für großes Gelächter.

Regine legte den Arm um die Hüfte ihres Mannes und gab ihm einen Kuss. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war auffällig: Beide waren sehr groß und kräftig und hatten blonde Haare, in die sich inzwischen silbrige Strähnen mischten. Mit ein bisschen Phantasie konnte man sie sich hervorragend in einem Wikinger-Film vorstellen, vielleicht an Bord eines Drachenschiffs, unterwegs in unbekannte Gefilde. Alma wusste, dass es auch in dieser Ehe nicht ohne Probleme abging; ein paar Mal hatten Regine und Wolfgang sogar kurz vor der Trennung gestanden. Aber sie hatten es jedes Mal geschafft, sich wieder zusammenzuraufen. Nicht zum ersten Mal ging Alma mit einer Mischung aus Zuneigung, Bewunderung und Neid durch den Kopf, dass diese beiden in ihrem Leben alles richtig gemacht hatten: Sie hatten sich zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Menschen an ihrer Seite entschieden, zwei Kinder in die Welt gesetzt, und es sah ganz so aus, als würde ihre Ehe ein Leben lang halten. Ihr Verhältnis zu Eltern und Schwiegereltern war herzlich. Die beiden erwachsenen Kinder, Marc und Stella, besuchten ihre Eltern oft. Es gab sie wirklich, die heilen, glücklichen Familien Sonnenschein, allen Berichten über steigende Scheidungsraten und problematische Eltern-Kind-Beziehungen zum Trotz. Und was Bernhard über seine Ehe und die Beziehung zu seiner Tochter erzählt hatte, klang ebenfalls nach häuslichem Glück. Umso grausamer, dass er erleben musste, dass die Frau, die er liebte, ihm viel zu früh von der Seite gerissen worden war. Und sie selbst? Alma kam es so vor, als hätte sie an verschiedenen wichtigen Stationen ihres Lebens die falsche Abzweigung genommen. Manche Leute machten automatisch alles richtig. Andere hätten einen idiotensicheren Wegweiser oder einen Blindenhund gebraucht, um dorthin zu gelangen, wo sie hinwollten. Alma wusste, dass es überhaupt keinen Sinn machte, sich selbst zu bemitleiden oder zu jammern. Was vorbei war, war vorbei. Sie konnte nun mal nicht in der Zeit zurückreisen und andere, bessere Entscheidungen treffen. Es war auch nicht so, dass sie kreuzunglücklich mit ihrem Leben gewesen wäre, auch wenn sie nicht, wie ursprünglich einmal geplant, Medizin studiert, die große Liebe geheiratet und Kinder bekommen hatte. Aber manchmal regte sich eine unbestimmte Sehnsucht nach einer anderen Biografie; nach mehr Glück, Liebe und Verbundenheit. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, wäre sie gern Teil einer Großfamilie gewesen, mit vielen Geschwistern, Onkeln und Tanten, Nichten und Neffen und Großeltern gewesen. Eine, mit der man eng verwoben war, Feste feierte, sich auch mal zankte, und einander den Rücken stärkte, egal, was passierte. Die Realität sah leider anders aus. Almas einzige noch lebenden Verwandten waren ihre achtzigjährigen Eltern, die seit vielen Jahren ihren Lebensabend in einem Seniorenresort in Thailand verbrachten. Sie waren glücklich dort, aber Phuket war weit weg.

Bernhards Stimme riss Alma aus ihren Gedanken. »Ach, übrigens … Ich bin mit dem Auto da – kann ich dich gleich irgendwohin mitnehmen?«, fragte er.

»Vielen Dank, das ist nett, aber ich bin mit dem Rad hier.« Wotan, ein babyblau lackierter älterer Herr mit Fünfgangschaltung, den Alma günstig von ihrer Nachbarin Katrin erworben hatte, wartete im Schuppen auf sie.