Auch Tote machen Fehler - Michaela Kurowsky - E-Book

Auch Tote machen Fehler E-Book

Michaela Kurowsky

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Beschreibung

Ben ist ein Lebemann und genießt sein Leben. Doch dann passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat: Er stirbt. Im Tod lernt er seinen Großvater kennen, der als Überführer arbeitet und ihn in das Himmelreich bringt. Doch dort fühlt sich Ben nicht wirklich heimisch, und als er von einer Chance erfährt, will er diese unbedingt nutzen. Doch das ist noch nicht genug.

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Seitenzahl: 759

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michaela Kurowsky

Auch

Tote

machen

Fehler

Roman

Impressum

Texte: © 2023 Copyright by Michaela Kurowsky

Umschlag:© 2023 Copyright by Michaela Kurowsky

Verantwortlich für den Inhalt:

Michaela Kurowsky

Hirtenweg 25

36381 Schlüchtern

[email protected]

Druck:epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Für Sarah und René

Teil 1

Erschrocken fuhr Ben hoch. Sein Herz klopfte gegen seine nackte Brust. Etwas streifte an seinem Bein entlang. Fast panisch zog er die Beine an und starrte erst die Bettdecke und dann das Bettende an. War es nur ein Traum? Blödsinn. Noch nie hatte er so geträumt, dass er beim Aufwachen nicht den Unterschied zwischen Realität und Traum erkennen konnte. Er sah sich im Zimmer um.

Auf der rechten Seite seines Schlafzimmers befanden sich zwei große Fenster. Die schweren Samtvorhänge waren zugezogen. Durch einen kleinen Spalt konnte etwas Tageslicht in das Zimmer dringen. Immerhin war es schon Tag. Das Licht reichte gerade aus, um Umrisse erkennen zu können.

Gegenüber dem Bett standen eine große Kommode und darauf ein ebenso großer Fernseher der neuesten Generation. Links von der Kommode befand sich die Tür zum zwanzig Quadratmeter großen Ankleidezimmer. Die Tür war geschlossen. Rechts von der Kommode befand sich die Badezimmertür. Sie war nur angelehnt. In dem Spalt konnte er eine Ecke der Badewanne erkennen. Sie war so überdimensional groß, dass ein Kind darin Schwimmen lernen konnte.

Sein Blick wanderte weiter im Schlafzimmer umher. In der rechten Ecke stand ein Tisch aus Rosenholz. Darauf eine Schale mit allem Möglichen darin. Eine Taschenlampe, ein Päckchen Kaugummi, das wohl schon Jahre darin lag, Büroklammern, Manschettenknöpfe, Kugelschreiber und Sachen, von denen Ben wahrscheinlich gar nicht mehr wusste, dass er sie besaß.

Die komplette linke Wand des Schlafzimmers war mit Spiegelkacheln verkleidet und genau in diesen Spiegeln glaubte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung erkannt zu haben. Kurz flackerten Kindheitsängste auf, die ihn an Geister oder Monster unter dem Bett denken ließen, doch dann nannte er sich selbst einen Idioten. Ich bin ein gestandener Mann von dreißig Jahren, ich weiß doch, dass es das nicht gibt.

Als sich eine kleine Beule unter dem Meer von Kissen und Decken am Fuße des Bettes bildete und diese dann auch noch langsam auf ihn zukam, zweifelte er dann doch stark an seinem Verstand. Was war da nur unter seiner Bettdecke?

Er schüttelte den Kopf. Ein schwerer Fehler. Auf der Party letzte Nacht hatte er es eindeutig übertrieben. Wein, Champagner und Schnaps flossen, wie immer, in Strömen. Es fühlte sich an, als würde sein Gehirn in Zeitlupe erst rechts und dann links gegen den Schädel schlagen. Ihm wurde schwindelig. Er glaubte schon, sich übergeben zu müssen, aber dafür war jetzt nicht der richtige Moment, denn die Beule unter der Bettdecke bewegte sich wieder und nun war auch noch ein Knurren zu hören.

Er musste hier weg, aber er konnte sich einfach nicht bewegen. Dann kam unter der Decke auch noch etwas Verfilztes zum Vorschein, das nur entfernt an Haare erinnerte. Ein Schrei wollte sich gerade aus seiner Kehle lösen, als ein aufgequollenes Gesicht zum Vorschein kam. Nach dem ersten Schock kamen erst Unglaube und dann die Erkenntnis. Richtig. Letzte Nacht musste er sich wohl noch eine Nutte bestellt haben.

Die schwarzhaarige Liebesdienerin sah ihn mit halbgeöffneten Augen verschlafen an. Wahrscheinlich war sie unter der aufgequollenen Masse, das ein Gesicht sein sollte, sogar hübsch, aber im Moment sah sie mit ihrer Filzmatte eher wie ein aufgeplatztes Sofakissen aus. Sie lächelte ihn an, dann reckte und streckte sie sich, wobei die Decke herunterrutschte und einen Blick auf ihren nackten Oberkörper gewährte. Sie war eine von wenigen, die noch ihre eigenen, natürlichen Brüste besaßen, wie Gott sie einst erschuf. Nur hatte hier der liebe Gott etwas an Material gespart. Für Bens Geschmack waren sie viel zu klein.

»Gefällt dir, was du siehst?«, fragte das aufgeplatzte Sofakissen in einem Tonfall, der wohl erotisch klingen sollte.

Ein Klingeln von irgendwoher aus dem Zimmer rettete ihn vor einer Antwort. Er versuchte herauszufinden, woher die Titelmelodie von Raumschiff Enterprise kam. Seine Suche wurde von einer Bewegung rechts neben ihm unterbrochen. Wieder knurrte es und das Kopfkissen neben ihm bewegte sich. Langsam kamen zwei Arme darunter hervor und warfen das Kissen zur Seite. Eine Blondine setzte sich auf und schob die Berge von Bettzeug von sich. Sie war ebenfalls oben ohne. Anscheinend hatte er gestern Nacht gleich zwei Damen bestellt.

Als sich die Blonde nun ganz aufrichtete und sich zu Ben umdrehte, hätte er fast einen Schrei ausgestoßen. Das Make-up der Lady war völlig verschmiert. Selbst Pennywise von Stephen Kings ES war hübscher.

Die Melodie, die die gruselige Szene die ganze Zeit untermalte, verstummte.

Ben konnte sich nicht daran erinnern, wo er die beiden bestellt hatte, aber von seinem üblichen Escort-Service waren sie bestimmt nicht, denn die hochpreisigen Damen hatten selbst nach einer durchzechten Nacht noch Stil.

Wieder ertönte die Enterprise-Melodie. Wahrscheinlich kam sie vom Nachttisch. Ben stupste mit dem Zeigefinger Pennywise an und deutete mit dem Kinn in die entsprechende Richtung. »Gib mir mal das Handy vom Nachttisch.«

Die Nutte schälte sich aus der Bettdecke und krabbelte auf allen vieren zur Bettkante. Sie patschte mit ihrer Hand unbeholfen auf dem Nachttisch herum, fand aber das Gesuchte und warf es Ben zu. Dabei musste das Flugobjekt eine größere Distanz überbrücken, denn das Bett war eine Maßanfertigung. Sechs Meter in der Breite und vier Meter in der Länge.

In seinem benebelten Zustand fing Ben das Handy natürlich nicht auf. Er fuchtelte wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal einen Ball fangen sollte, in der Luft herum und es landete mit einem dumpfen Geräusch außerhalb des Bettes auf dem Teppichboden. Er verdrehte die Augen. Genervt befreite er sich von der Bettdecke und krabbelte zur Bettkante, setzte sich auf und suchte mit Blicken den Boden nach dem verfluchten Ding ab, das in der Zwischenzeit wieder verstummt war. In einer Ecke fand er es dann. Er stellte sich auf die Füße, was er allerdings sehr langsam tat, denn erfahrungsgemäß war das der schlimmste Moment am Tag nach einer durchgemachten feuchtfröhlichen Nacht.

Er sollte Recht behalten. Alles drehte sich und sein Magen machte Anstalten, sich entleeren zu wollen. Ben befahl ihm, das gefälligst nicht zu tun und überraschenderweise gehorchte ihm dieser.

Ganz langsam tapste er nackt, wie er war, zum gesuchten Objekt und hob es ebenso langsam auf. Er blickte auf das Handy und fand heraus, dass sein Onkel Anton der Anrufer gewesen war. Er sah auf die Ziffern der Zeitangabe.

9.42 Uhr. Wieso weckte ihn sein Onkel mitten in der Nacht?

Die Frage konnte ihm sein Onkel gleich selbst beantworten, denn er rief gerade wieder an. Ben nahm das Gespräch entgegen. »Onkelchen! Was ...«, war alles, was er sagen konnte, denn sein Onkel unterbrach ihn brüllend.

»Benjamin! Wo bist du, verdammt? Du bist zu spät. Man kann sich einfach nicht auf dich verlassen. Setz deinen Arsch sofort in Bewegung und fahre zum Kindergarten. Die haben mich schon dreimal angerufen. Wo treibst du dich schon wieder herum?«

Sein Onkel Anton nannte ihn immer Benjamin, obwohl er ihm schon so oft gesagt hatte, dass er das hassen würde. Benjamin hießen kleine Jungen oder Zeichentrickelefanten, aber kein erwachsener Mann. Anton ignorierte seinen Wunsch mit der Begründung, dass das nun mal sein Name sei, den ihm seine Eltern bei seiner Geburt gegeben hätten. Sein Onkel schrie so laut, dass Ben das Handy vom Ohr riss. Jetzt musste er auch noch befürchten, auf einem Ohr taub zu werden.

Bei Ben kam so langsam die Erinnerung hoch. Irgendwann diese Woche hatte er ein Interview mit der Leiterin des örtlichen Kindergartens führen sollen. Es sollte irgendein komisches Fest veranstaltet werden, von dem die Leiterin glaubte, warum auch immer, dass das den Rest der Welt interessieren würde. »Onkel! Keine Aufregung. Ich habe die Schlüssel schon in der Hand. Ich bin quasi schon aus der Haustür raus«, log Ben.

»Du fährst ohne Umwege zum Kindergarten und kommst anschließend zu mir rein. Dann kann ich es heute noch zum Druck geben«, sagte Anton zwar nicht mehr brüllend, aber immer noch laut genug, um Bens verkatertes Gehirn zu malträtieren. Er wollte etwas erwidern, aber sein Onkel hatte bereits aufgelegt. Dieser Folter mit dem Interview musste er sich wohl aussetzen.

Ben tappte vorsichtig durch die Dinge, die auf dem Schlafzimmerboden herumlagen. Umgefallene Flaschen, ein zerbrochenes Glas und Berge von Wäsche. Ben grinste. Es war anscheinend eine wilde Nacht gewesen. Schade nur, dass er sich kaum daran erinnern konnte. Er trat ans Fenster und zog mit einem Ruck die Samtvorhänge zur Seite. Die grelle Julisonne stach ihm mit voller Wucht in die Augen. Er rieb sich die schmerzenden Augen und konnte Lichtblitze sehen. Na toll, jetzt hatte er ein geschundenes Hirn, ein taubes Ohr, und nun würde er auch noch erblinden. Das versprach ein richtiger Scheißtag zu werden. Hinter ihm ertönte eine Stimme.

»Machst du uns Frühstück?«, fragte Pennywise.

»Oh ja! Hast du Kaviar da? Ich liebe dieses Zeug«, rief das aufgeplatzte Sofakissen.

»Das ist kein Hotel. Macht das ihr von hier verschwindet«, erwiderte Ben genervt.

»Können wir wenigstens noch duschen?«, wollte Pennywise wissen.

Eigentlich hätte er am liebsten nein gesagt, aber wahrscheinlich tat er der Allgemeinheit einen großen Gefallen, wenn er die Damen in deren Zustand nicht vor die Tür gehen ließ. »Meinetwegen, aber beeilt euch«

Die Prostituierten krabbelten aus dem Bett und sammelten ihre Klamotten vom Boden auf.

Ben betrachtete die beiden. Keine hatte auch nur einen Fetzen Stoff am Leib. Er schätzte die Frauen auf Mitte Zwanzig. Ihre Körper waren straff und eigentlich besaßen beide eine schöne Figur. Trotzdem. Er musste ordentlich einen über den Durst getrunken haben, sonst hätte er sich niemals solche B-Ware bestellt.

Pennywise und das aufgeplatzte Sofakissen machten Anstalten, in Bens Bad gehen zu wollen.

»Moment!« Er hielt sie mit ausgestreckten Armen auf. »Wo wollt ihr denn hin?«

Die Frauen sahen sich verständnislos an, dann sagte das Sofakissen: »Na, in dein Badezimmer, um zu duschen.«

»Das ist mein Badezimmer. Das benutzt außer mir niemand. Und ihr schon gar nicht. Das Gästebadezimmer ist den Flur runter, dritte Tür rechts«, erklärte er und zeigte auf die Schlafzimmertür.

Mit verärgerter Miene zogen sie ab, nicht ohne die Tür etwas zu kräftig zuzuwerfen.

Der Knall tat Ben sowohl im Kopf als auch in den Ohren weh. Er musste unbedingt duschen und einen klaren Kopf bekommen. Er stieg vorsichtig über den Unrat und ging ins Bad.

Das Badezimmer war in Schwarz und Weiß gehalten. Schwarze Bodenfliesen, weiße Kacheln an den Wänden, weiße Badewanne und Waschbecken. Zu diesem ging er nun und versuchte sich im Spiegel, der fast die ganze Wand einnahm, zu betrachten. Was sich als schwierig erwies, denn der Spiegel war übersät mit Wasser- und Zahnpastaspritzern. Er suchte ein wenig und fand eine Stelle, in der er sich gut betrachten konnte. Kaum zu glauben, aber er sah trotz der heftigen Nacht richtig gut aus. »Ben Hauser, du bist schon ein Sahnestückchen«, sagte er laut zu seinem Spiegelbild. Einem schönen Mann wie ihm konnte so ein bisschen Party eben nichts anhaben. Er strich mit der flachen Hand über seinen Waschbrettbauch und machte ein paar Posen vor dem Spiegel. Er war gut durchtrainiert. Ein paar Tage in der Woche im Fitnessstudio, das er sich im Keller der Villa eingerichtet hatte, zu schuften, zahlte sich aus.

Er griff nach seinem Zahnputzbecher, der auf dem Rand des Waschbeckens stand, das eine Sonderanfertigung war und aus dem man locker zwei hätte machen können, und nahm Bürste und Zahncreme heraus. Er strich etwas Creme auf die Zahnbürste und putzte sich die Zähne. Nach dem Ausspülen war auch der unangenehme Geschmack aus dem Mund verschwunden, der ihn schon die ganze Zeit störte.

Dann betrat er den Duschbereich. Auch die Dusche war eine Sonderanfertigung. Sie war groß genug, dass locker vier Leute gleichzeitig darin Platz gefunden hätten. An zwei Wänden war ein Naturstein angebracht worden. Die restlichen Seiten waren aus Glas. Er erinnerte sich noch daran, welche Schwierigkeiten es gemacht hatte, die Glaswände der Dusche nachträglich einbauen zu lassen. Man musste das halbe Dach abdecken und die Scheiben wurden mit einem großen Kran hineingehievt.

Er trat ein und stellte das Wasser an, das auf seine Wohlfühltemperatur eingestellt war. Ein riesiger Regenwaldduschkopf aus Edelstahl berieselte ihn. Ben seifte sich ein und ließ den Schaum ablaufen. Dann blieb er noch gute zehn Minuten einfach unter den Wasserstrahlen stehen.

Nur mit Widerwillen beendete er seine Morgendusche, stieg aus der Kabine und nahm ein Handtuch vom Handtuchhalter, das er sich um die Hüften schlang und trat wieder vor den beschmutzen Spiegel.

Es wurde wirklich mal wieder Zeit, dass er hier saubermachte. Er hatte zwar eine Haushaltshilfe, aber die durfte weder in sein Schlafzimmer noch in sein ganz privates Bad. Das war ihm heilig.

Er klaubte sich ein Frotteehandtuch von einer Halterung neben dem Waschbecken und rubbelte sich die Haare trocken. Föhnen war nicht nötig. Danach strich er sich die pechschwarzen, leicht gewellten Haare mit gespreizten Fingern nach hinten. Ben drehte den Kopf nach links und rechts und befand, dass er heute keine Rasur nötig hatte. Die Frauen liebten seinen Dreitagebart.

Er löste das Handtuch um seine Hüften, ließ es fallen und ging durch das Schlafzimmer ins Ankleidezimmer. Dort zog er aus einer Schublade eine beige Bermudashorts aus einem Stapel und aus den Fächern daneben wühlte er ein schwarzes T-Shirt hervor, das ihm passend erschien.

Heute würde das Thermometer wieder knapp dreißig Grad anzeigen. Den vierten Tag in Folge. Doch die dicken Wände der Villa aus dem 19. Jahrhundert und die Klimaanlagen in fast jedem Zimmer hielten die größte Hitze draußen. Im Haus war es daher immer angenehm kühl.

Ben liebte den Sommer. Weniger wegen der Hitze, mehr wegen der hübschen Damen, die dann einen Blick auf lange Beine und einen tiefen Ausschnitt, der im besten Fall gut gefüllt war, erlaubten.

Ben durchquerte sein Schlafzimmer und trat auf den Flur. Kurz blieb er stehen und lauschte. In dem alten Haus war kein Laut zu hören. Anscheinend waren die beiden Prostituierten schon verschwunden. Gut so. Das hätte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen können, dass noch irgendwo Leute von der Party herumschlichen. Er musste zugeben: So sehr er die Partys liebte, so sehr hasste er es, wenn er am Morgen danach noch Smalltalk führen musste oder diverse Damen wie Pennywise und Sofakissen erst noch hinauskomplimentieren musste.

Die meisten Leute auf seinen Partys kannte er gar nicht wirklich. Ben las sie in Klubs und Bars auf. Zufallsbekanntschaften oder Damen, die sich ihm an den Hals warfen. Nach einigen Stunden, oder wenn die jeweilige Lokalität schloss, nahm Ben die Gesellschaft einfach mit nach Hause. Oft wurden aus sechs, sieben Leuten irgendwie dreißig oder mehr. Nicht wenige seiner Gäste gaben per WhatsApp die tolle Party-Location weiter. Und jeder, der zu Bens Partys kommen wollte, war auch willkommen. Die wilden Gelage gingen dann oft bis in die Morgenstunden, und dementsprechend sah das Haus am nächsten Tag dann aus.

Ben hoffte, dass es gestern nicht allzu sehr ausgeufert war, denn er hatte seiner Haushaltshilfe freigegeben. Oder hatte Olga sogar Urlaub? Seit er denken konnte, war Olga hier im Haus angestellt. Eine Freundin der Familie oder so was in der Art. Sie kam und ging, wie sie wollte, und säubert das, was sie wollte oder eben nicht. So gab es Orte in den unendlichen Weiten der Villa, die noch nie zuvor einen Putzlappen gesehen hatten. Sie schrieb dann am Ende des Monats ihre Stunden auf und Ben bezahlte sie bar. Den Nachnamen der gebürtigen Russin konnte er sich nie merken, irgendetwas mit owa am Ende. Olga war wahrscheinlich um die sechzig Jahre alt, schätzte Ben. Er wusste weder ihren Geburtstag, noch wie sie in die Familie kam. Sie war einfach immer schon dagewesen. Wegen ihres Kleiderstils nannte Ben sie heimlich Ara. Wie der Papagei. Mit Vorliebe trug sie Blumenmuster. Die Motive waren oft riesengroß. Dazu gestreifte oder karierte Hosen oder Röcke in den grellsten Farben. Jedes Hawaiihemd wurde blass vor Neid. Mit dem Make-up konnte sie auch nicht so richtig umgehen. Greller Lidschatten, knalliger Lippenstift und Rouge, das so bestimmt nicht aufgetragen wurde. Olga sah aus, als ob ein zweijähriges Kind an ihr Schminken geübt hätte.

Dazu kamen eine üppige Figur und kleine Löckchen, die sich um ein rundes Gesicht rankten. Eigentlich war sie weißhaarig, aber hin und wieder waren sie auch mal rosa oder lila angehaucht. Ara eben.

Ben trat an die Holztreppe der Villa. Er mochte das alte Haus. Seine Eltern kamen bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben, als Ben vierzehn Jahre alt war. Sie hinterließen ihm das Haus und ein sehr gut gefülltes Bankkonto. So gut gefüllt, dass er nicht lange genug leben würde, um das ganze Geld ausgeben zu können.

Er legte viel Wert auf teure Uhren und Kleidung. Die Garage des Hauses beherbergte einen Ferrari, einen Porsche und einen Lamborghini. Das Haus war angefüllt mit Luxus, Antiquitäten und was das Herz noch so begehrte. Alles Dinge, die seine Eltern gehortet hatten. Er brauchte nicht viel in das Gebäude zu investieren, als er es nach dem Tod der Eltern überschrieben bekam.

Sein Onkel Anton übernahm die Vormundschaft bis zu seiner Volljährigkeit. Ben wohnte so gut wie allein in dem riesigen Haus. Anton war zwar zu ihm in die Villa gezogen, aber sie kamen sich kaum in Quere. Natürlich gab es die Auflage, sich zu benehmen, und dass Anton und Olga erzieherische Maßnahmen übernehmen durften. Das war zwar oft genug der Fall gewesen, aber Ben beschwerte sich nicht. Man hätte es im Leben auch schlechter treffen können.

Den Tod der Eltern betrauerte er nur nach außen hin. Mehr wegen der Leute. Weil man es halt so von ihm erwartete, aber eigentlich trauerte er nicht wirklich um sie. Es war mehr ein Bedauern.

Beide Elternteile waren selten zu Hause gewesen. Seine Mutter, Monika Hauser, war Luxusimmobilienmaklerin für Objekte in der ganzen Welt und war oft Wochen gar nicht zu sehen, weil sie in Monaco oder auf den Bahamas Luxusvillen an den Mann bringen wollte.

Sein Vater, Hans Hauser, war Investor. Sein Büro war zwar im Haus, aber er war dennoch so gut wie nie da. In was sein Vater investierte oder wie seine Geschäfte tatsächlich aussahen, entzog sich seiner Kenntnis. Eine echte Bindung zu seinen Eltern konnte so nie aufgebaut werden.

Bei einer seltenen Gelegenheit, bei der sie alle an einem Tisch saßen, vermutlich Weihnachten oder ein anderes hohes Fest, reichte man ein altes Familienalbum herum. Ben wurden zwar die einzelnen Personen auf den Schwarzweißfotos mit den hübschen Zacken um den Rand herum erklärt, aber für ihn waren es unbekannte Menschen, die ihn nicht wirklich interessierten. Sein Vater erzählte dann die Geschichte, wie sie zu ihrem heutigen Reichtum gekommen waren.

»Den Grundstein unseres Vermögens hat dein Großvater im Zweiten Weltkrieg gelegt«, erklärte sein Vater. »Dein Großvater Herbert hatte immer die richtigen Sachen zur Hand. Ein paar Eier hier, ein Brot da, ein paar Zigaretten. Herbert war ein Meister darin, Dinge zu beschaffen, die gerade dringend gebraucht wurden. Er hungerte lieber, bevor er etwas von seinem gut gefüllten Lager für sich selbst nutzte. Als Bezahlung nahm er Waren, die während und nach dem Krieg keinen Wert für die Menschen besaßen. Geld, Gold und Perlen. Diese Dinge tauschte er dann, als sich das Land, die Wirtschaft und die Menschen vom Krieg erholt hatten, geschickt ein. Und häufte so ein kleines Vermögen an, welches er nach seinem Tod an mich vererbte. Ich investierte dann das Vermögen so schlau, dass es sich noch vermehrte. Und ich tue mein Bestes, um noch ein bisschen mehr daraus zu machen. Und eines Tage bekommst du das Erbe«, sagte sein Vater mit einem wohlwollenden Blick zu Ben.

Er war damals noch viel zu klein, um mit den Worten Erbe oder Vermögen etwas anfangen zu können. Auch verstand er nicht, warum sein Vater mit so stolzgeschwellter Brust Reden darüber schwingen musste. Ben war es schon immer egal gewesen, woher das Geld kam. Er war mit dem Wissen aufgewachsen, dass immer alles da war und was nicht da war, besorgt werden konnte. Es stand immer alles zu Verfügung. Die Urlaube, das Heimkino, die opulenten Kindergeburtstage und alles andere ebenfalls.

Ben vertrieb die Gedanken an längst vergangene Tage mit einem Kopfschütteln und stieg die Holztreppe hinab, von der er genau wusste, wo sie am lautesten knarrte. Auf einer Stufe lag ein zerbrochenes Glas, auf einer weiteren eine halb verschüttete Champagnerflasche. Über dem Treppengeländer hing ein roter Spitzentanga. Da würde er sich von Olga wohl etwas anhören müssen. Darauf bedacht, wo er mit seinen nackten Füßen hintrat, tappte er die Stufen hinunter. Am Ende der Treppe angelangt, bog er links in die Küche ab. Die Bodenfliesen waren von der Morgensonne ganz warm und fühlten sich an den Fußsohlen sehr angenehm an. Die Sonne warf kleine Lichtseen auf den Fußboden.

Die Küche war im Landhausstil eingerichtet, was Ben für schrecklich altbacken hielt, aber seine Eltern fanden, dass das besser zur alten Villa passen würde. Vor einigen Jahren ließ Ben nur die alten Elektrogeräte austauschen. Das reichte. Zumal das ein Raum war, in dem er sich fast nie aufhielt. Er ließ sein Essen kommen oder speiste auch gerne mal in einem guten Restaurant. Er wäre nie auf die Idee gekommen, selbst zu kochen. Mehr als ein Wurstbrot hatte er sich hier noch nie selbst zubereitet.

Hier konnte man die Spuren der vergangenen Party deutlich sehen. Überall war schmutziges Geschirr verteilt. Auf dem Küchentisch standen Müslipackungen, die Butterdose und geöffnete Büchsen mit halb aufgegessenem Inhalt. Auch hier standen überall Flaschen herum. Einige leere Weinflaschen von der edleren Sorte und sogar eine Flasche eines sehr alten und sehr teuren Whiskeys, den er eigentlich für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Zuerst war er etwas erbost darüber, doch dann zuckte er mit den Schultern. War nicht jede Party ein besonderer Anlass?

Etwas quietschte. Er sah Kleopatra auf ihrem Thron liegen. Auf einem Podest hatte es sich der Chihuahua auf seinem Minisofa bequem gemacht. Es war eine Sonderanfertigung aus Mahagoniholz und rosafarbenem Plüsch. Ein goldener Schriftzug machte klar, dass es sich hier um Kleopatras Eigentum handelte. Vorwurfsvoll sah der kleine Köter Ben an. So kam es ihm jedenfalls vor.

»Was ist los, Eure Hoheit? Gibt es etwas, was Euch erzürnt?«, fragte Ben den Chihuahua.

In der Tat schien es da etwas zu geben, denn der Hund erhob sich und trippelte zu seinem Napf, der neben dem großen amerikanischen Kühlschrank stand, blickte erst in den leeren Napf und dann mit zur Seite geneigtem Kopf zu Ben.

Wann hatte er das Tier zuletzt gefüttert? Er hatte keine Ahnung.

Ben öffnete ein paar Unterschränke und ging in die angrenzende Speisekammer, aber nirgends fand er Hundefutter. Er sah sich in der Küche um und sein Blick blieb am Herd hängen.

Irgendjemand hatte wohl heute Nacht Hunger bekommen und sich ein paar Bratwürstchen in die Pfanne gehauen. In einer weißen, erkalteten Fettschicht lag noch ein Würstchen. Ben nahm es mit spitzen Fingern aus dem Fettsee und brach es in der Mitte durch. Kurz überlegte er, ob er sich das Mahl mit Kleopatra teilen sollte, doch dann war er großzügig und legte beide Hälften in den Futternapf. Kleopatra machte sich sofort darüber her.

Kleo war nicht wirklich sein Hund. Er hätte sich nie einen Chihuahua zugelegt. Wenn er einen Hund gehalten hätte, dann entweder einen Rottweiler, einen Dobermann oder eine Dogge. Das waren Hunde. Kleo war für ihn höchstens eine etwas bessere Ratte. Aber er musste zugeben, dass der Hund ein Frauenmagnet war. Mit Kleo auf dem Arm kamen die Frauen von ganz allein auf ihn zu. Er konnte sich dann die Hübscheste aussuchen und so manches Mal wurde daraus eine kurze Bettgeschichte.

Genau durch so eine kurze Affäre ist er zu dem Hund gekommen. Er lernte im Flugzeug auf dem Heimflug von irgendeinem Luxusurlaub Petra kennen. Sie war Stewardess bei der Lufthansa und servierte ihm die Drinks und das Essen in der ersten Klasse. Er erfuhr, dass sie für einige Tage frei hatte und zufällig in seiner Nähe eine kleine Wohnung besaß. Und so traf man sich ein paar Tage lang zum allabendlichen Vergnügen.

Er mochte Petra sehr. Sie redete nicht viel und ihr ging es wie ihm ebenfalls nur um den Sex. Der zweifelsohne sehr gut war, aber der Möchtegern-Hund, den sie ständig mit sich herumtrug, sogar in ihrer Handtasche, nervte Ben gewaltig.

Können wir mit dem Hund kurz Gassi gehen? Hast du Futter für Kleopatra da? Bevor wir gehen, müssen wir erst Kleopatra suchen und all solche Sachen.

Das störte das Zusammenkommen immens. Und daher war er froh, als Petra nach ein paar Tagen ihrer sexuellen Übereinkunft aus dem Bett sprang, ihre Sachen zusammensuchte und ihm erklärte, dass sie kurzfristig einen Langstreckenflug reinbekommen hätte und gleich zum Flughafen müsse. Für die nächste Woche wäre sie nicht mehr im Land.

Das war kein Problem für Ben. Was allerdings ein Problem für ihn war, war die Tatsache, dass Petra nach der Morgendusche, die auch sie natürlich im Gästebad nehmen musste, einfach verschwand. Sie hatte sich förmlich aus dem Haus geschlichen, als Ben unter der Dusche stand. Ihren Hund ließ sie einfach zurück.

Als Ben dann in dem leeren Haus, verwundert, aber nicht enttäuscht, nur noch den Chihuahua vorfand, war er zuerst aufgebracht und versuchte Petra zu erreichen. Das konnte ja nur ein Missverständnis sein. Niemand lässt seinen Hund einfach zurück. Doch er konnte sie plötzlich weder unter der Handynummer erreichen, die sie ihm irgendwann einmal gegeben hatte, noch hatte er eine Ahnung, wo sie wohnte. Man traf sich immer bei Ben. Er wusste nicht mal ihren Nachnamen. War auch nie wichtig gewesen.

Er sah und hörte nie wieder etwas von Petra. Was ihn schon ein wenig kränkte. Er kam sich so benutzt vor. Na ja, nicht wirklich. Aber normalerweise war er es, der den Kontakt abbrach.

Jetzt hatte er also einen Hund an der Backe.

Zuerst wollte er ihn zum Tierheim bringen, aber irgendwie brachte er es dann doch nicht fertig. So ließ er eine Katzenklappe in den Hintereingang, der in den Garten führte, einbauen und so konnte sich Kleo im Garten erleichtern. Nie im Leben wäre Ben mit so einem Hund in seiner Wohnsiedlung Gassi gegangen. Wie peinlich. Ein erwachsener Mann mit so einem Spielzeughund.

Der Garten war groß genug, um einen Büffel grasen zu lassen. Das sollte für Kleo ja wohl reichen, um sich auszutoben. Das gesamte Grundstück war mit einer hohen Ligusterhecke umgeben, die wie eine natürliche Mauer wirkte. Zur Sicherheit ließ er noch eine hüfthohe Mauer von Jochen errichten, damit der Hund auch wirklich nicht das Weite suchen konnte. So konnte er den Hund ohne Probleme frei laufen lassen.

Allerdings gefielen Kleos Hinterlassenschaften nicht unbedingt Jochen, dem Gärtner. Jochen war ein rüstiger Rentner, der ein paar Straßen weiter wohnte. Vor einigen Jahren hatte Ben im Supermarkt einen Aushang am Kundenbrett gesehen. Dort warb der Rentner mit seinem Können, sowohl im Garten als auch für kleinere handwerkliche Tätigkeiten.

Bevor er die Karte am Brett gelesen hatte, wusste Ben gar nicht, dass er Hilfe im Garten und anderen Bereichen bräuchte, aber es machte sich gut, wenn man in einem Gespräch so nebenbei erzählen konnte, dass man einen Gärtner hätte. Nun hielt Jochen, auch dessen Nachname konnte er sich nicht einprägen, nun schon seit Jahren seinen Garten in Schuss.

Auch Jochen kam und ging, wie es ihm gefiel. Reichte am Monatsende seine Arbeitsstunden ein und managte die Tätigkeiten im Garten komplett selbständig. Es brauchte wenig Absprachen. Nur wenn Ben eine Gartenparty plante, besprach er sich mit Jochen. Wo sollte der Grill aufgebaut werden? Wo sollten die Tische und Stühle stehen? Welche Dekoration wurde benötigt.

Mehr hatte er noch nie mit Jochen gesprochen. Allerdings wusste er von Olga, dass ihn die Hinterlassenschaften von Kleo im Rasen und die umgeknickten Blumen in den Rabatten sehr ärgerten, aber Ben gegenüber hatte er sich nie beschwert. Sollte er auch mal versuchen. Rüstige Rentner, die gerne im Garten kleine Dinge erledigten und gelegentlich mal den Rasen mähen mussten, gab es wie Sand am Meer.

Inzwischen war Kleo mit ihrem Mahl fertig, schlabberte lautstark Wasser aus einem Napf und leckte sich dann über das Maul.

»Los Kleo! Ab mit dir in den Garten. Was oben reinkommt, muss ja auch unten wieder raus«, sagte Ben und als ob der Hund ihn verstanden hätte, stolzierte er an ihm vorbei und trabte durch die Katzenklappe davon.

So, der Hund hatte nun sein Frühstück. Jetzt bin ich dran, dachte Ben.

Er ging zu dem großen Kühlschrank, öffnete ihn und betrachtete sich den Inhalt. Für das Bisschen, was er im Kühlschrank hatte, war das Ding eigentlich viel zu groß, aber er machte halt was her. Außerdem spuckte er auf Knopfdruck Eiswürfel aus. Von denen brauchte Ben wirklich viele. Gerade auf den Partys. So gesehen war der Kühlschrank eine riesige Eiswürfelmaschine.

Ben fand nichts, was ihm zusagte. Er schloss den Kühlschrank wieder und öffnete den Apothekerschrank. Dort bewahrte er verschiedene Müslisorten auf, aber heute sprach ihn keine davon an. Ben durchsuchte noch ein paar Schränke, aber letztlich ging er wieder zum Kühlschrank zurück und nahm ein paar Eier heraus.

Wie praktisch, dass schon eine Bratpfanne mit Fett auf dem Herd stand. Er drehte den entsprechenden Knopf, um das Fett in der Pfanne wieder zu erwärmen. In der Zwischenzeit verrührte er die Eier in einem Teller, der auf der Spüle stand, aber relativ sauber aussah, und gab sie dann in das inzwischen wieder flüssig gewordene Fett.

Er sah zu, wie die Eier stockten und rührte mit einem Holzlöffel darin herum, bis sie die richtige Konsistenz hatten. Noch leicht schleimig. So mochte er die Rühreier am liebsten.

Gerade wollte er sich mit dem Teller an den Küchentisch setzten, als er ein Geräusch aus den Tiefen des Hauses hörte. Er erstarrte und lauschte angestrengt. Wieder ein Geräusch. Eindeutig ein Stöhnen.

Ben stellte den Teller ab und ging in den Flur. Er blieb stehen und wartete auf eine Wiederholung. Das Stöhnen erklang wieder und jetzt war es eindeutig. Es kam aus dem Wohnzimmer, das gegenüber der Küche lag.

Wer war das jetzt schon wieder? Er dachte, dass die beiden Nutten die einzigen Überbleibsel der Party waren. Wen musste er nun aus dem Haus werfen? Wie er das hasste.

Er ging zum Wohnzimmer und blieb an der geöffneten Tür stehen und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Gefühlt war hier nichts mehr an seinem richtigen Platz. Hier war wohl das Zentrum des Gelages gewesen. Ein Vorhang war zur Hälfte abgerissen und baumelte von der Gardinenstange. Überall waren Flaschen und Gläser verstreut. Auf dem Tisch und auf dem Boden stapelten sich Teller mit Essensresten. Ein paar Blumentöpfe waren von den Fensterbänken gefallen und die Erde war in den teuren Orientteppich eingetreten worden. Eine große Yuccapalme war an der Spitze abgebrochen. Einzig der massive Holztisch aus dem 19. Jahrhundert stand noch an seinem Platz. Um den verrücken zu können, hätte es auch einen Elefanten gebraucht.

Ben machte sich zwar nicht viel aus den Möbeln, die zum größten Teil Antiquitäten waren, aber diese mutwillige Zerstörung von völlig Fremden ärgerte ihn dennoch.

Wieder ein Stöhnen.

Ben ging um das Sofa aus der Gründerzeit herum und musste kurz das Bild, das sich ihm darbot, auf sich wirken lassen. Dann konnte er das Lachen nicht mehr unterdrücken.

Auf dem Sofa lag Polli. Halb heruntergerutscht. Sein rechter Fuß, ohne Schuhe und Socken, steckte in einem Sektkühler. Der linke Fuß, bekleidet mit einem Slipper, ruhte auf einem Teller mit abgenagten Hühnerbeinen. Sein T-Shirt war ihm bis unter die Arme hochgerutscht, seine Leinenhose war geöffnet.

Ben stieß Polli, der mit richtigem Namen Sven Pollmann hieß, mit dem Fuß an. Als Antwort erhielt er ein langgezogenes Ohhhh.

Sven war Bens bester Freund. Wenn er ehrlich war, auch sein einziger. Er lernte ihn im Gymnasium kennen. Sie gingen in eine Klasse und saßen nebeneinander. Ben durfte von ihm abschreiben und Sven erledigte auch meistens die Hausaufgaben für ihn mit. Dafür zeigte sich Ben dann erkenntlich. Mal bekam Polli eine Party von ihm ausgerichtet, mal schenkte er ihm ein Fahrrad und das Pausenbrötchen vom Stand an der Schule bekam Sven sowieso jeden Tag von Ben gesponsert.

Manchmal fuhr Sven sogar mit den Hausers in die Sommerferien. Die Eltern von Ben waren froh, wenn er einen Kameraden im Urlaub hatte. Diese Zeit genoss Ben sehr. Er brauchte sich um nicht viel kümmern.

Sven zog ihn quasi durch das Abitur. Ben musste sich nicht besonders anstrengen. Wozu auch? Wusste er doch, dass er nie wirklich arbeiten musste, um Geld zu verdienen. Davon hatten seine Eltern schließlich genug. Er brauchte nur das Abitur zu bestehen und das tat er gerade so. Dank Sven.

Seine Schulzeit bestand hauptsächlich aus Schwänzen und Partys. Und seinen Eltern waren seine Leistungen in der Schule auch reichlich egal. Das Ziel war ein Abitur in der Tasche. Mehr verlangten sie nicht von ihm.

Er war auch nie in einem Kindergarten gewesen. Seine Eltern besorgten sich eine Nanny. Die brachte Ben dann das bei, was kleine Kinder eben so wissen mussten.

Allerdings blieb es nicht bei nur einer Nanny. Er musste ein anstrengendes Kind gewesen sein, denn er konnte sich daran erinnern, dass der Verschleiß von Kindermädchen sehr hoch war. Keine blieb wirklich lange.

Seine Eltern bekam er in dieser Zeit nur selten zu Gesicht. Beide waren mit ihren jeweiligen Berufen beschäftigt. Wickeln, Fläschchen geben, spielen. All das erledigten die Kindermädchen.

Aber Ben hatte sich nie allein gefühlt, hatte man sich doch rund um die Uhr mit ihm beschäftigt. An viel mehr konnte er sich aus seiner frühen Kindheit nicht mehr erinnern.

»Ohhh!«, erklang es wieder von dem Gepeinigten. Ben rüttelte Polli, der daraufhin ganz langsam ein Auge aufmachte, nur um mit einem Grunzen seiner Qual Ausdruck zu verleihen, und das Auge wieder schloss.

Ben schlug ihm mit dem Handrücken leicht rechts und links gegen die Wange. »Wach auf Polli, komm zu dir.«

»Ich glaube, ich muss sterben. Wieso dreht sich hier alles?«, frage Sven.

»Steh auf, stirb woanders, sonst muss ich mich auch noch um deine Leiche kümmern. Wohin damit? Die Biomülltonne ist voll«, erwiderte Ben lachend.

Langsam, ganz langsam, versuchte Sven aufzustehen, was ihm nicht so wirklich gelingen wollte.

Ben griff Polli unter die Arme und half ihm, sich aufzusetzen.

»Ich trinke nie wieder«, meinte Polli.

Ben kniff seinem Freund in die Wange, so wie es alte Tanten bei kleinen Kindern taten, doch der reagierte gar nicht darauf. »Ich glaube, ich mache dir mal einen richtig starken Kaffee, das wird dir wieder etwas Leben einhauchen.«

Kopfschüttelnd ging Ben in die Küche. Polli wird wohl langsam alt. Obwohl sie gleichaltrig waren. Doch Ben war anscheinend etwas trainierter, was das Feiern betraf.

In der Küche ging Ben zum Kaffeevollautomat, der alles konnte, außer zum Mond zu fliegen, und drückte den Knopf, um das Gerät in Betrieb zu nehmen. Kurz heizte es auf, dann erschienen auf dem Bedienfeld die Köstlichkeiten, die zur Auswahl standen. Er drückte auf Kaffee und das Gerät teilte ihm mit, dass der Wassertank gefüllt werden müsste. Das tat Ben. Doch danach fehlte auch noch der Kaffee.

Leicht genervt von dem Ding, öffnete er die Schranktür, hinter der er unter anderem die Kaffeebohnen aufbewahrte. Doch so lange er auch in den Schrank starrte, eine Packung mit Kaffeebohnen wollte einfach nicht auftauchen.

Richtig, sonst machte Olga immer die nötigen Besorgungen. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass sie wieder ihren Dienst antrat. Was nun? Ben wollte schon die Schranktür wieder schließen, als ihm die kleine Teedose ganz hinten im Fach ins Auge fiel. Er griff danach und schüttelte sie. Tatsächlich befand sich noch etwas Tee in der Dose. Er öffnete das Gefäß und besah sich die zusammengerollten Teeblätter. Besser als nichts, dachte Ben und ging mit der Dose zum Wasserkocher.

Er füllte diesen unter dem Wasserstrahl im Spülbecken und holte eine Kanne aus dem Schrank. Wie kochte man nochmal Tee?

Als er die Dose aus dem Schrank genommen hatte, kamen auch die Erinnerungen an die eigentliche Besitzerin, Brigitte Lohweg, zurück. Brigitte war eine verflossene Liebe gewesen. Wohl die einzige Beziehung zu einer Frau, die Ben je geführt hatte. Eigentlich war es von seiner Seite aus weder richtige Liebe, noch war es eine echte Beziehung gewesen, aber beides kam dem ziemlich nahe.

Er glaubte nicht an die große, einzige und wahre Liebe. An die körperliche Liebe glaubte er allerdings schon.

Ben konnte sich einfach nicht vorstellen, ein ganzes Leben mit nur einer einzigen Frau zusammen zu sein. Wenn der Zauber der körperlichen Liebe vorbeiging und das Kribbeln der Verliebtheit im Bauch verschwand, was ja auch relativ schnell der Fall war, kam die Zeit zum Gehen. Das empfand jedenfalls Ben so. Ist doch auch viel anständiger, als sich und dem anderen ein ganzes Leben etwas vorzumachen.

Ist das Interesse am Körper des Partners erst einmal erloschen, dann bleibt nicht mehr viel. Nerviger Alltag, Zusammenbleiben aus Gewohnheit oder weil man durch gemeinsame Anschaffungen oder Kinder dazu gezwungen war.

Aber Brigitte war eine großartige Frau. Er verwarf damals all seine Bedenken, was das Zusammenleben mit einer Frau betraf.

Zuerst war sie auch nur eine von vielen, die er an dem Abend im Klub angesprochen hatte, aber als er sich eine Weile mit ihr unterhalten hatte, eher aus Langeweile als aus wirklichem Interesse heraus, kam zuerst die Bewunderung, doch schnell wurde daraus Begehren. Er lud sie zu sich nach Hause ein, doch wider jeder vernünftigen Erklärung lehnte sie dankend ab. Das war noch nie passiert und spornte Ben gehörig an. Er ließ nichts unversucht, aber er konnte ihr lediglich seine Telefonnummer aufdrängen und sie bitten, ihn doch möglichst schnell zu kontaktieren.

Doch das tat sie nicht. Ben hatte durch Prostituierte und andere Frauen genug Ablenkung, aber immer wieder musste er an Brigitte denken.

Drei Wochen später traf er sie durch Zufall in der Stadt bei einem Einkaufsbummel in einem Bekleidungsgeschäft wieder. Sie führten Smalltalk, in dem das Wetter das Hauptgesprächsthema war. Doch bald schon stellte sich wieder eine gewisse Vertrautheit ein, die Ben schon am Abend ihres Kennenlernens bemerken konnte.

Wieder bat er sie, ihn doch anzurufen. Mit einem koketten Augenzwinkern verabschiedete sie sich und hauchte ein »Vielleicht« in sein Ohr. Sofort war er verrückt nach ihr.

Tagelang ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf und als Brigitte dann doch irgendwann am Handy war, hüpfte sein Herz vor Freude. Er fühlte sich leicht, belebt. Das Gespräch ging fast eine Stunde lang und er hatte das Gefühl, dass er noch nie von einem anderen Menschen so viel über dessen Leben erfahren hatte, wie es bei Brigitte der Fall war. Normalerweise interessierten ihn solche unwichtigen Details eher weniger. Welche Schule jemand besucht hatte, wo man aufgewachsen war, welche Musik man mochte. Das trug schließlich nichts zur Sache bei. Aber bei Brigitte war es schön, all diese Dinge zu erfahren. Sie war intelligent und bewandert in fast allen Themen. Konnte sich gut ausdrücken und was das Allerwichtigste war: Sie sah einfach umwerfend aus.

Er konnte sie nach dem dritten Telefonat überreden, zu ihm in die Villa zu kommen. Das tat sie dann auch.

Aufgeregt ließ Ben im ganzen Haus Blumenarrangements aufstellen und achtete auf Sauberkeit. Hatte einen Kuchen bestellt und besorgte sich aus dem Internet den teuersten Kaffee der Welt. Einen Kopi Luwak Kaffee, für den er fast tausend Euro das Kilogramm bezahlen musste, nur weil eine Schleichkatze die Kaffeebohnen verdaut und ausgeschieden hatte.

Als Brigitte dann kam und sie sich an den mit edlem Porzellan gedeckten Tisch im Wohnzimmer setzten, erklärte sie ihm, dass sie nur Tee trinken würde. Ben ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken.

Sie lachten viel und unterhielten sich gut, aber nach zwei Stunden Konversation drängte es Ben dann doch in Richtung Schlafzimmer.

Überraschenderweise hatte sie nichts gegen einen Zimmerwechsel einzuwenden und im Schlafzimmer ließ sie sich auch gleich auf das Bett fallen.

Und es wurde eine wundervolle Nacht. So etwas hatte Ben noch nie erlebt. Sex, Reden, Lachen. In dieser Reihenfolge ging es die Nacht weiter und schnell war sie vorbei. Beide waren überrascht, als sie entdeckten, dass es draußen bereits wieder hell wurde.

Sie duschten gemeinsam im Gästebad. Danach gingen sie zusammen Lebensmittel einkaufen, weil Ben nichts im Haus hatte, was Brigitte zugesagt hätte.

Sie kauften Grünzeugs für Smoothies und Dinkelbrötchen für Brigitte und einen großen Beutel schwarzen Tee. Ben konnte mit dem Zeug nichts anfangen, aber Brigitte zuliebe kostete er den Smoothie und unterdrückte den Würgereiz. Versuchte das Ekelgebräu von Tee und konnte gerade noch verhindern, dass sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzog.

Danach gingen sie wieder ins Bett und nahmen die Tätigkeiten der letzten Nacht wieder auf.

So vergingen Tage und Wochen und ohne es zu merken, zog Brigitte mehr oder weniger in seinem Haus ein. Zuerst waren es nur die üblichen Hygieneutensilien im Bad. Zahnbürste, Kamm, Deo und alles das, was eine Frau eben brauchte. Das sah Ben ein. Dann blieben nach und nach einige Kleidungsstücke bei ihm liegen und Brigitte fuhr fast nicht mehr zu sich in ihre eigene Wohnung. Wozu auch, war ja alles schon bei Ben.

Eine Weile gefiel ihm das auch, aber als sie dann nach nur wenigen Monaten begann, die Wohnung umzuräumen und eigene Dekoration aufzustellen, war es Ben eigentlich zu viel des Guten. Doch er sagte nichts, denn er wollte sie nicht vergraulen, war doch der Sex mit ihr einfach bombastisch.

Aber wie es eben mit allem Neuen und Aufregendem so war, wurde es irgendwann weniger mit der Euphorie. Es gab immer mehr Nächte ohne Sex, dafür mehr Tage mit viel Gerede. Und mehr war es für Ben dann auch nicht mehr. Nur noch hohles Gerede, das zu nichts führte.

Aber es kam noch schlimmer. Brigitte fing an, ihm alles zu erklären. Als wäre er ein dummer Schuljunge, der jetzt unbedingt wissen musste, wie die Milch in die Tüte kam. Jedes Thema schien sie vertiefen zu wollen und regelrecht Vorträge darüber zu halten. Und da war es auch egal, ob es das Wetter, der Kaffee oder die Nachrichten aus der Morgenzeitung war. Reden, reden, reden.

Und so schlich sich bei Ben wieder sein altes Verhalten ein. Die ganze Zeit, während er mit Brigitte nun schon zusammen war, hatten ihn andere Frauen nicht interessiert. Er sah nicht mal dem weiblichen Geschlecht, wie sonst, hinterher. Doch dann schweiften seine Blicke immer öfter umher, in der Hoffnung, dass sie auf schöne Frauen fielen. Gucken durfte man schließlich.

Aber natürlich blieb es nicht nur bei den Blicken. An einem Abend, als er vorschob, unbedingt seinem Freund Polli beim Umbau seines Kellers helfen zu müssen, ging er allein los und zog durch die Klubs. Mit nur einem Ziel. Eine Frau für eine Nacht zu finden. Das gelang ihm natürlich.

Mit nur wenig Gewissensbisse kehrte er am Morgen in sein Haus zurück, wo er schon von Brigitte erwartet wurde. Die Arme in die Hüften gestemmt, als hätte sie die ganze Nacht so auf ihn gewartet, stand sie im Eingangsbereich.

Und dann ging es los. Wo warst du? Was hast du gemacht? Warum bist du nicht nach Hause gekommen? Warum bist du nicht ans Handy gegangen?

Er war kurz davor, ihr zu sagen, dass er bei einer anderen Frau war, aber in der letzten Sekunde besann er sich und hielt die Geschichte mit dem Kellerumbau aufrecht. War halt viel zu tun, wurde spät, zu viel getrunken, um noch nach Hause zu fahren, und so weiter. Sie gab sich damit zufrieden.

Jetzt musste Ben seinem Freund Polli nur noch erklären, dass er von nun an einen Keller besaß. Polli wohnte nämlich in einer kleinen Zweizimmerwohnung im dritten Stock eines Mietshauses im Herzen der Stadt. Ohne Keller.

Ben mochte Brigitte wirklich. Das war auch der einzige Grund, warum er sie nicht einfach in die Wüste schickte. Doch das Zusammenleben mit ihr wurde immer schwerer. Ihm gingen ihre ellenlangen Erklärungen auf den Geist. Entweder reagierte er nicht mehr auf ihr Geschwafel oder nickte nur noch, wenn er glaubte, dass es angebracht war.

Dann fingen sie an, unterschiedliche Gerichte zu essen. Brigitte kochte sich ihren Biokram, Ben ließ sich Pizza kommen. Später aßen sie nicht mal mehr zusammen, weil Ben die Geräusche hasste, die Brigitte beim Kauen machte. Geistig fing er sogar an, Brigitte nur noch Igitte zu nennen, weil aus dem anfänglichen Begehren Ekel geworden war.

Dann kam der Tag, an dem es Ben einfach nicht mehr aushielt. Ihm platzte der Kragen, als sie ihm beim Fernsehabend erklärte, warum Actionfilme dumm seien. Kein Mensch würde so schnell wieder aufstehen, wenn er so von einem anderen verprügelt worden war. Solche Filme hätten keinen tieferen Sinn und man bräuchte schon einen besonders niedrigen Intelligenzquotienten, um diese Filme gut zu finden.

Er schrie sie an, dass er solche Filme eben gerne sah und trotzdem intelligent sei und er es hassen würde, wie sie ihn zutexten würde. Wie sie aß, wie sie sich kleidete, und außerdem hätte er ihr nie erlaubt, in sein Haus einzuziehen.

Die Bombe war geplatzt und Ben war froh, dass es endlich heraus war und er Igitte loswurde. Doch er täuschte sich gewaltig.

Igitte sah ihn zuerst völlig irritiert an, doch dann brach sie in Lachen aus, boxte ihm sanft in die Seite und meinte, dass er total witzig sei.

Diese nervige Alte hatte es noch nicht mal kapiert. Also musste er wohl härtere Saiten aufziehen. Für den nächsten Abend bestellte er sich eine Nutte. Er wusste, dass Igitte gegen sieben Uhr abends nach Hause kam, und richtete es so ein, dass er mitten in der Nummer war, wenn Igitte die Haustür aufschloss. Damit sie es auch wirklich sofort mitbekam, ließ er die Tür des Wohnzimmers offen und lag mit der netten Dame auf dem Holztisch.

Igitte kam, sah, lachte und ging ins obere Stockwerk, um ihn nicht zu stören, wie sie ihm hinterher erklärte.

Ben war verzweifelt. Was konnte er sonst noch tun, um sie loszuwerden? Er versuchte alles. Ging ihr aus dem Weg, so gut es ging, schlief nicht mehr mit ihr und beleidigte sie, wo er nur konnte. Nichts half und seine Qual ging noch vier Wochen so weiter.

Er wollte schon zu dem drastischen Schritt übergehen und einfach ihren Krempel vor die Tür werfen und das Schloss austauschen, da kam ihm ein Schicksalsschlag zur Hilfe.

Igitte teilte ihm eines Morgens aus heiterem Himmel im Vorbeigehen mit, dass sie Lungenkrebs hätte. Sie hatte seit Monaten immer wieder diesen Husten, der Ben so sehr auf die Nerven ging, dass er jedes Mal den Raum wechselte, wenn Igitte einen besonders schlimmen Anfall hatte. Ihm war nie in den Sinn gekommen, dass es etwas Ernsteres als eine hartnäckige Erkältung sein könnte.

Igitte erklärte Ben, dass sie nur noch einige Monate zu leben hätte und sie diese Zeit mit einer Freundin nutzen wollte, um sich die Welt anzusehen und Orte zu besuchen, die sie bisher noch nicht gesehen hätte. Paris, London und einige andere Orte.

Ben war es nur recht. Aus Anstand hätte er wohl traurig oder wenigstens betroffen sein sollen, aber das vorherrschende Gefühl war eigentlich nur Erleichterung darüber, dass er sie los war.

Einige Monate später las er ihre Todesanzeige in der Zeitung. Nur ein paar Namen, die Ben nichts sagten, standen in der Anzeige. Freunde vielleicht? Egal, es war nun eine abgeschlossene Geschichte.

Ein lautes Scheppern ließ ihn zusammenfahren. Tief in seine Gedanken versunken, hatte er nicht bemerkt, dass ihm die Teedose aus der Hand gerutscht war. Die Dose und ihr Inhalt waren auf dem Küchenboden verteilt. »Mist!«, entfuhr es Ben.

Er holte aus der Speisekammer einen Handfeger und kehrte die Teekrümel auf eine Schaufel. Er war schon am Mülleimer, als er es sich anders überlegte. Er schüttete den Tee wieder in den Behälter zurück. Wäre doch Verschwendung.

Ben ging mit der Dose zur Teekanne. Inzwischen war das Wasser im Kocher am Sprudeln. Er schaute auf die Dose, doch da stand nur Darjeeling FOP, Second Flush. Ben wusste zwar, dass Darjeeling das Anbaugebiet des Tees war, aber alles andere sagte ihm nichts. Was soll’s, koche ich den Tee eben wie Kaffee.

Ben hatte allerdings kein Teesieb zur Hand.

Der Kaffeefilter war zu groß für die Kanne. Was könnte man noch zu einem Sieb umfunktionieren? Er blickte sich in der Küche um, fand aber nichts.

Ging dann in die Speisekammer und ließ den Blick umherschweifen. Nichts.

Er ging wieder zurück in die Küche. Verzweifelt sah er zur Decke. Da war die Lösung. Am Ventilator, der über dem Küchentisch langsam seine Kreise zog, hing eine Nylonstrumpfhose, die irgendeine Dame gestern Abend hier vergessen haben musste. Perfekt.

Ben kletterte auf einen Stuhl, holte die Strumpfhose herunter und schnitt den Fuß ab. Dann füllte er dort den Tee ein. Da er nicht mehr wusste, wie viel Tee auf einen Liter es brauchte, nahm er einfach das Maß vom Kaffee. Auf einen Liter Kaffee kamen ungefähr zwölf Teelöffel Kaffeepulver. Also gab er nun auch zwölf Teelöffel Tee in das Strumpfsieb, hängte es in die Teekanne, ebenfalls ein übriggebliebenes Andenken an Igitte, und übergoss das Ganze mit heißem Wasser. Wie lange musste das Zeugs nun ziehen? Er stellte die Digitaluhr vom Herd auf zehn Minuten. Das musste reichen.

In der Zwischenzeit räumte er in der Küche etwas auf. Warf seine unangerührten Eier weg, stellte das schmutzige Geschirr, von dem es hier reichlich gab, auf die Spüle und stellte Müslipackungen und Marmeladengläser wieder in den Schrank. Das war genug Hausarbeit für einen Tag. Den Rest konnte Olga erledigen. Er nahm sich vor, sie heute noch anzurufen und sie zu bitten, doch ihren Urlaub zu verkürzen oder wenigstens für einen Tag zu unterbrechen.

Die Küchenuhr piepte. Ben stellte sie aus und nahm dann das Teesieb aus der Kanne und warf das Ganze in die Spüle, nahm eine Tasse aus dem Schrank und ging damit in das Wohnzimmer.

Polli saß zwar immer noch auf dem Sofa, aber inzwischen hatte er sich etwas hergerichtet. Die Hose war zugeknöpft, das T-Shirt bedeckte wieder den Bauch, und er hatte sich von Socke und Slipper befreit und saß nun mit nackten Füßen auf der Antiquität.

»Hier, ich habe dir einen Muntermacher gekocht. Danach geht es dir besser«, sagte Ben, schenkte eine Tasse von dem Gebräu ein und reichte sie Polli.

Dankbar nahm dieser das Getränk entgegen, pustete ein wenig in die Tasse und nahm dann einen großen Schluck. »IIIIhh!«, rief Polli aus und verzog angewidert das Gesicht. »Was ist das? Willst du mich töten? Von wegen Muntermacher, das Zeug bringt mich höchstens ins Grab. Willst du mich vergiften? Das kannst du schön selbst trinken. Bäh!«

»Ich dachte, es würde dich etwas beleben. Da ist doch auch Koffein drin. Ich habe es nur gut mit dir gemeint«, sagte Ben und musste lachen. Er selbst hätte von diesem Gebräu nicht mal einen einzigen Schluck genommen.

Polli stand langsam auf und wollte ein paar Schritte gehen. Er kam aber nicht weit. Ihm wurde schwindelig und er musste sich am Tisch festhalten. Ben konnte ihm sehr gut nachempfinden.

»Mann, was war das eine irre Party gestern Nacht. Diesmal hast du dich selbst übertroffen«, meinte Polli.

»Leider weiß ich nicht mehr allzu viel davon. Deshalb sollten wir das Ganze noch mal wiederholen, aber diesmal mit etwas besserem Material, was die Frauen betrifft. Was da heute Morgen aus meinem Bett krabbelte, war nicht mein übliches Niveau«, erwiderte Ben.

Polli lachte. »Du warst schon nicht mehr so richtig in der Lage dein Handy zu benutzen. Die Ladys waren eigentlich für mich gedacht, aber sie haben sich gleich auf dich gestürzt. Ich habe genommen, was noch so übriggeblieben war.«

»Ein Grund mehr, es heute Abend nochmal richtig zu machen. In welchen Klub willst du gehen?«, fragte Ben seinen Freund.

»Junge, ich bin gerade aus dem Koma aufgewacht. Ich kann heute bestimmt nicht nochmal so eine Sause durchziehen. Außerdem muss ich auch irgendwann mal auf der Arbeit erscheinen. Mein Chef glaubt mir langsam nicht mehr, wenn ich ihm erzähle, dass mir schon wieder schlecht ist, obwohl das heute nicht mal gelogen wäre.«

Polli arbeitete in einem Baumarkt als Kassierer und Mädchen für alles. Er absolvierte das Abitur zwar mit Bravour, aber er konnte sich danach nie wirklich entscheiden, was er studieren sollte. Um sich über Wasser zu halten und nicht mehr von seinen Eltern abhängig zu sein, nahm er einen Ferienjob im Baumarkt der Stadt an. Aus dem Ferienjob wurde ein Teilzeitjob und später eine Ganztagsarbeit.

»Der halbe Arbeitstag ist sowieso schon vorbei, dann gehe halt zur Arbeit und schlafe zwischen den Regalen deinen Rausch aus. Das merkt dort doch sowieso keiner.«

»Was soll das heißen, der halbe Tag ist schon vorbei? Wie spät ist es denn?«, fragte Polli leicht panisch.

Ben sah auf sein Handy. »Es ist jetzt kurz nach elf«.

»Scheiße! Ich muss los. Das gibt richtigen Ärger«, meinte Polli und stürmte aus dem Wohnzimmer. Kaum war er im Flur, kam er auch schon wieder zurück. »Wo sind meine Sachen?«, fragte er und sah sich suchend um. Er nahm den einen Schuh, den er vor das Sofa geworfen hatte, und nach kurzem Suchen fand er auch den zweiten Schuh, der bis zum Absatz in einer Blumenvase steckte. Sein Handy fand er unter dem Tisch. »Jetzt muss ich aber wirklich los.«

»Soll ich dich nach Hause fahren?«, wollte Ben wissen.

»Nicht nötig. Ich denke, ein kleiner Spaziergang tut meinem Kopf ganz gut. Bis die Tage, mein Freund«, sagte Polli, winkte und ging davon.

Ben erinnerte sich daran, dass er noch einen Termin hatte. Widerwillig ging er zum Schlüsselbrett und suchte nach dem Autoschlüssel für den Porsche. Komisch. Er hing nicht am Brett, aber Ben wusste, dass er gestern Abend noch mit dem Wagen nach Hause gefahren war. Bestimmt steckte der Schlüssel noch. Er zog sich Sandalen an und trat durch die Haustüre ins Freie.

Es war noch nicht mal Mittag und die Hitze war schon unerträglich. Er war jetzt schon gereizt, allein nur bei der Vorstellung in dem muffigen Kindergarten herumhängen zu müssen. Wegen einer völlig blöden Sache.

Ben ging den gepflasterten Weg entlang zur Straße und öffnete das Gartentor.

Vor dem Haus parkte der Porsche schon mal nicht, aber das war nichts Besonderes, denn der stand auch schon mal ein paar Häuser weiter weg. Erfahrungsgemäß eher mehrere.

Bens Villa war nicht die einzige hier in der Straße, aber es war dennoch kein ausgewiesenes Villenviertel. Es gab Einfamilienhäuser und Mietshäuser mit mehreren Stockwerken. Bunt gemischt, aber die meisten Häuser waren nicht so alt wie die wenigen Villen, die hier standen. Hier waren Parkplätze vor dem Haus genauso Mangelware wie in einer Großstadt.

Ben überlegte gerade, wo er das Auto abgestellt haben könnte. Da schallte eine zornige Stimme durch die Straße. Zuerst bezog er das nicht auf sich, aber als er dann einen kleinen, dicken Mann mit Schnauzer die Straße heraufeilen sah, war klar, dass er sehr wohl gemeint war.

Schwitzend und schnaufend, nur mit Shorts und Feinrippunterhemd bekleidet, stand Walter Bendig vor ihm. Ein Nachbar, der drei Häuser weiter die Straße runter wohnte. Bendig besaß kaum noch Haare. Dafür aber einem Schnauzbart, der schon seit dem letzten Jahrhundert außer Mode war. Da Ben fast 1,80 Meter groß war, musste Bendig seinen Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

»Sind Sie noch ganz bei Trost?«, fauchte er Ben an. »Sie haben ihren Scheiß-Porsche schon wieder in meinen Gartenzaun gefahren. Waren Sie schon wieder besoffen oder können Sie einfach kein Auto fahren? Das sind mir die Richtigen. Dickes Auto besitzen, aber keine Ahnung vom Fahren haben. Das ist jetzt schon das dritte Mal, dass Sie mir meinen Zaun ramponieren. Das machen Sie doch mit Absicht. Sie ...« Dann fiel ihm offensichtlich nichts mehr ein, denn er stemmte seine Fäuste in die Hüften und starrte Ben zornig an.

Jetzt fiel es Ben auch wieder ein. Richtig, da hatte er seinen Porsche geparkt. Wenn man es denn so nennen wollte. Er war etwas zu schwungvoll in die Parklücke gefahren und landete in dem Jägerzaun. Und sogar von den Blumenrabatten dahinter musste er etwas erwischt haben. »Regen Sie sich doch nicht so auf. Ich bin doch bis jetzt immer für den Schaden aufgekommen. Außerdem ist der Zaun doch sowieso hässlich. Da habe ich Ihnen ja eigentlich einen Gefallen getan.«

»Das ist doch wohl die Höhe! Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Sie kommen jetzt sofort mit und fahren Ihren Porsche aus meinem Garten«, tobte Bendig und stapfte zornig davon. Auf halber Strecke blieb er stehen, drehte sich nach Ben um und machte eine auffordernde Geste.

Ben war gereizt. Wegen der Hitze, dem furchtbaren Termin im Kindergarten und weil ihm sein Nachbar über den Weg laufen musste. Doch er nahm sich zusammen und setzte sich in Bewegung und folgte dem wütenden Mann zu dessen Grundstück. Hätte er den kleinen Kampfzwerg nicht auf der Straße getroffen, wäre er mit dem Ferrari gefahren und hätte den Porsche halt irgendwann im Laufe des Tages geholt.

Vor dem Haus angekommen betrachtete Ben den angerichteten Schaden. Ein Teilstück des Jägerzauns hatte er beim Überfahren einer Mauer, die zum Glück nicht viel höher als eine Bordsteinkante war, mitgerissen. Kurz vor einem Blumenbeet war der Wagen zum Stehen gekommen. Er fand, dass sein fünfundzwanzig Jahre alter Porsche Boxster eine Bereicherung für den Garten war. »Oh, das ist wirklich schlimm! Sehen Sie? Es hat sogar Tote gegeben«, sagte Ben mit todernster Miene. Er sah die Scherben von zwei Gartenzwergen, die er niedergestreckt hatte. Das musste man sich mal überlegen. Jägerzaun und Gartenzwerge. Ob der Mann wusste, dass sie im 21. Jahrhundert angekommen waren?

»Ich müsste eigentlich die Polizei rufen«, meinte Bendig.

»Wegen der getöteten Gartenzwerge? Ja, ich weiß nicht. Ich glaube, die Mordkommission hat bestimmt viel zu tun, aber die sollten wirklich die Spurensicherung vorbeischicken«, meinte Ben mit ernstem Gesicht.

»Wegen des Schadens, Sie Blödmann«, sagte Bendig und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Okay, ich fahre das Auto raus. Sie lassen den Zaun und alles andere reparieren und schicken mir dann die Rechnung. Und mal ehrlich, Sie können froh sein, dass ich Sie nicht verklage. Sehen Sie sich mal meinen schönen Porsche an. Der ist von ihrer Erde ganz verdreckt, und mein Kotflügel hat mehr Dellen als die Cellulite Ihrer Frau. Wer hier den größeren Schaden hat, müsste erst noch festgestellt werden«, sagte Ben und lächelte freundlich.

»Das ist doch unglaublich! Das ist ...«, doch dann fehlten Bendig wieder die Worte. Die wären auch überflüssig gewesen, denn Ben saß schon im Auto und ließ den Motor aufheulen. Er fuhr so behutsam wie möglich über die kleine Mauer. Er wollte sich nicht noch das Bodenblech aufreißen. Es kratze und knirschte, aber sein silberner Liebling war nach nur einem Versuch befreit. Langsam holperte er über den Bürgersteig auf die Straße. Ben winkte seinem Nachbarn nochmal zu und fuhr das Auto das Stückchen Straße zu seinem Haus zurück und stellte es in der Garage ab.

Er ging nochmals um den Wagen herum und besah sich den Schaden. Das Glas der beiden Scheinwerfer war gesplittert. Der Kotflügel eingedellt. Alles nur halb so wild. Seine bevorzugte Autowerkstatt war mit solchen Schäden vertraut. Noch ein Anruf, den er heute erledigen musste.

Ben ging wieder ins Haus und tauschte den Porscheschlüssel gegen den seines roten Ferrari Sergio.

Er wollte gerade wieder in die Garage gehen, als Kleo neben ihm erschien und ihn ansah, ganz so, als wollte sie sagen: »Du wolltest ohne mich gehen?«

Ben überlegte kurz und beschloss dann, die kleine Ratte mitzunehmen. Er nahm Kleopatra auf den Arm, nahm die Leine vom Schlüsselbrett und ging mit ihr zum Auto, setzte sie auf den Beifahrersitz und fuhr anschließend in Richtung Kindergarten.

Ben lenkte seinen Wagen durch die Straßen. Geparkte Autos und von der Stadt gepflanzte Bäume, die für seinen Geschmack an der völlig falschen Stelle standen, hinderten ihn daran, die Nadel des Tachos über Tempo dreißig zu treiben.

Der Kindergarten lag in einem Wohngebiet, das ihm total verhasst war. Zu alt, zu spießig, zu langweilig. Hier standen Häuser, die aussahen, als ob sie seit ihrer Entstehung nicht mehr renoviert worden wären. Teilweise konnte er noch Holzläden und alte Gartenzäune sehen, die schon in den 60er Jahren unmodern gewesen waren. Die Häuser, die renoviert waren, sahen aus wie alte Damen, die mit viel zu viel Make-up versuchten, ihr wahres Alter zu übertünchen. Doch die Verschönerungsversuche gelangen nie. Weder bei den Damen noch bei den Häusern. Alt bliebt alt. Da half auch keine Farbe.