Auch wenn wir Verdammte sind - Eugenia Rico - E-Book

Auch wenn wir Verdammte sind E-Book

Eugenia Rico

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Beschreibung

»Eine brisante Stimme der spanischen Gegenwartsliteratur« El Mundo »Schon als ich die Rothaarige sah, wusste ich, dass das nichts Gutes bedeutete. Sie kam an einem Gewittertag ins Dorf ... und als der Wagen in die Kurve beim Bramadoiro einbog, brach ein Höllenspektakel aus Blitzen los, und es wollte nicht mehr aufhören zu regnen.« Die Rothaarige, das ist Ainur, die in dem kleinen Dorf an der spanischen Küste Zuflucht sucht. Um sich von ihren eigenen Problemen abzulenken, stürzt sie sich in ihre Doktorarbeit über Selene, eine Heilerin, die im 17. Jahrhundert in dem Dorf lebte und als Hexe verfolgt wurde. Ainur fühlt sich ihr verbunden, denn sie selbst ist ebenfalls Außenseiterin, auch sie fühlt sich verfolgt, wenngleich aus ganz anderen Gründen. Je tiefer Ainur in die Geschichte von Selene eintaucht, desto stärker scheint sich deren Schicksal auf unheimliche Art mit ihrem eigenen zu verschränken. Eines ist sicher: In Eugenia Ricos Roman über Identität, Schuld und Liebe ist am Ende nichts so, wie es scheint. Daniel Kehlmann: »Eine der interessantesten Stimmen der zeitgenössischen spanischen Literatur, ein wichtiges Buch.«

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem TitelAunque seamos malditas im Verlag Suma, Madrid. 1. Auflage 2010 Copyright © 2008 by Eugenia Rico Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2010 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburgwww.hoca.de Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-455-30715-5

Für meine Eltern und alle, die unter der Hexenjagd leiden, für alle Verdammten.

Für Iris Alma Ainur, geboren am 7. des Siebten.

Und für Isis, Diana, Hekate, Demeter, Kali, Inanna …

Für alle Namen der Göttin und für all ihre Gesichter in den Menschen.

»Wenn es Hexen gibt, muss es auch gute Feen geben.«

»Sind sie etwa nicht ein und dasselbe?«

Aus Ainurs Manuskript:

Hoher Ruhm verherrlicht auch der Fraun Geschlecht; Schmähend belastet der Ruf nicht mehr des Weibes Namen.

Medea, Euripides

Für mich ist es nur logisch, dass Gott eine Frau ist.

Brief Jim Morrisons an seine Frau Patricia Kennealy

Schon als ich die Rothaarige eintreffen sah, wusste ich, dass das nichts Gutes bedeutete. Sie kam an einem Gewittertag ins Dorf. Es hatte wochenlang nicht geregnet, doch als Gagos Wagen in die Kurve beim Bramadoiro einbog, brach ein Höllenspektakel aus Blitzen los, und es wollte nicht mehr aufhören zu regnen. So musste die Rothaarige im strömenden Regen aussteigen, doch an dem Tag sahen wir nicht, wie dürr sie war, obwohl sie uns schon bald hager und gereizt vorkam und wir alle wünschten, dass sie nur kurze Zeit bliebe.

Ich hätte nie zurückkommen dürfen. Man kehrt zurück in der Hoffnung, etwas zu finden, etwas, das man vergessen zu haben glaubt, um dann festzustellen, dass man es an einem anderen Ort zurückgelassen hat oder dass man nie wusste, wo es sich befand. Man darf nicht an Orte zurückkehren, wo man glücklich war, und noch viel weniger an Orte, wo man sehr gelitten hat.

Jetzt weiß ich, dass die Wespen notwendig waren.

Ich hätte nie zurückkommen dürfen. Das Meer hat nicht auf mich gewartet. Auch die vier noch stehenden Häuser mit ihren vermoosten Schieferdächern und von Eichenwurzeln durchzogenen Dielen nicht. Meine Großmutter hatte nicht einmal auf dem Friedhof auf mich gewartet. Schon vor langem waren ihre Knochen ausgegraben und in ein Massengrab geworfen worden. Damals war ich noch zu klein, um es zu verhindern. Alle, die ich geliebt habe, sind vor langer Zeit gestorben. Der Landtourismus ist nicht bis zu diesem Ort vorgedrungen, und niemand repariert die Schlaglöcher der Landstraße. Der Wind bläst zum alten Leuchtturm, der nicht mehr leuchtet. Nur die Hühner spazieren noch durchs Dorf, aber selbst sie scheinen sich verirrt zu haben.

Auch ich habe mich verirrt.

»Hast du dich schon einmal verirrt?«

Das fragte die Frau mit dem schwarzen Kopftuch, als sie mir den großen Schlüssel zu meinem alten Haus aushändigte, als gehörte er zu einer geheimen Arche. Und ich wusste, dass sie den Wind kannte.

Sie musterte mich von oben bis unten, und ich hatte Angst, sie könnte es bemerken. Doch falls sie es bemerkt hatte, sagte sie nichts.

»Es heißt, deine Großmutter sei eine Hexe gewesen.«

Ich antwortete ihr nicht.

»Bist du auch eine Hexe?«

»Es gibt keine Hexen«, sagte ich mit Blick auf ihre Adlernase und die schwarz-grünen Augen. Ihr Goldzahn blitzte mir entgegen. Wenn es Hexen gäbe, würden sie ihr ähneln, dachte ich. Aber das stimmt nicht, denn wenn eine Frau über gewisse Mächte verfügte, würde sie als Erstes sich selbst zur schönsten machen.

Es gibt keine Hexen. Sie waren arme, getäuschte und gefolterte Frauen, die Pilze aßen, um im Traum fliegen zu können, und vielleicht mit einem Besen masturbierten. Sie begingen unbeschreibliche Sünden, wie zu arm, zu hässlich, zu schön zu sein. Alle Frauen sagen irgendwann einmal, dass sie etwas von einer Hexe haben, und alle Frauen beschimpfen irgendwann eine andere als Hexe.

Mit anderen Worten, es ist der Wunsch vieler Frauen, eine Hexe zu sein. Ein geheimer Stolz. Eine Beleidigung. Eine Verleumdung.

Vielleicht bin ich deshalb in das Dorf meiner Kindheit zurückgekehrt, auf der Suche nach einer Hexe aus der Vergangenheit.

Ich bin hergekommen, um meine Doktorarbeit fertig zu schreiben«, sagte ich noch, aber die Frau in Schwarz hörte mir nicht mehr zu.

Sie starrte auf das offene Fenster, als hätte sie etwas gesehen. Das Einzige, was ich durch die kaputten Scheiben erkennen konnte, waren die Zweige der alten Eiche, auf die ich so oft geklettert war. Sie rochen nach Regen und verbranntem Holz.

Ich will euch von der Hexe erzählen.

Ich will euch von dem Tag erzählen, als ich zum Hexenhaus hochging.

Damals konnte ich noch nicht wissen, dass auch ich auf dem Scheiterhaufen enden werde. Es war der Tag, an dem ich über die Hexe alle Tränen vergossen habe, die ihre Feinde nicht weinten, alle Tränen, die ihre Freunde nicht weinten. Es war der Tag der Hexe.

Ich bin das ganze Nest abgelaufen auf der Suche nach einem Stück Leinen, das den Todeskampf auf dem Scheiterhaufen linderte. Es kostete mich drei Dukaten.

Es war der Tag der Hexe. Der Hexe, die ich sein würde. Der Hexe, die ich bin.

Selene wurde in der Johannisnacht geboren, in der die größten Feuer brannten. Das Feuer vor dem Feuer.

Vor dem Scheiterhaufen, die Johannisfeuer. Sie brennen an allen vier Ecken des Dorfes, um die Sonnenwende zu feiern.

Ihre Mutter schrie seit über drei Tagen. Am vierten stößt sie einen übermenschlichen Schrei aus, einen Schrei, der ihrer gerade niedergekommenen Schwester die Milch versiegen lässt und die Tänze zum Johannisfest auf dem Dorfplatz zum Erliegen bringt. Schließlich kommt der Kopf des Mädchens zum Vorschein, und im selben Augenblick bricht ein Gewitter los. Es fiel so viel Wasser vom Himmel, dass die Johannisfeuer erloschen, und Blitz und Donner waren so schrecklich, dass das ganze Dorf verängstigt davonlief, es war die fürchterlichste Johannisnacht, an die sich die Menschheit erinnern sollte. Ihre Tante erzählte ihr später, dass unter dem Fenster des ärmlichen Steinhauses, in dem sie geboren wurde, dreizehn Katzen miauten. Als Selenes Mutter sie hörte, begann sie zu weinen. Ihr Schluchzen erstickte das des Neugeborenen. Ihr Wehklagen verjagte die Katzen und erschreckte ihre Kleine, die ihr so heftig in die Brustwarze biss, dass sie blutete. Daraufhin wollte sie nichts mehr von dem Kind wissen, obwohl es ihre Tochter war. Da ihr die Milch aus den prallen Brüsten tropfte, verlangte sie nach dem Baby ihrer Schwester und begann es zu stillen. Das kleine Wesen war erst eine Woche auf der Welt und schien im Begriff, in die andere zu wechseln, denn es wurde mit jedem Tag kleiner, als würde es innerlich verdorren. Aber es war ein Junge, Selene dagegen die siebte Tochter ihrer Eltern. Ihre Mutter ordnete an, Selene so lange weinen zu lassen, bis sie es müde wurde. Doch ihre Tante Milagros erbarmte sich ihrer, niemand weiß, warum. Da ihre Milch versiegt war, gab sie der Kleinen einen in Ziegenmilch getränkten Lappen zu trinken. Ihre Mutter zog den Sohn von Tante Milagros auf und ihre Tante Milagros sie, die Geburt war lediglich ein Irrtum des Schicksals. Und tatsächlich war Selene ebenso rothaarig und knochig wie ihre Tante. Schon bald glaubte das Dorf, sie sei ihre einzige Tochter.

Tante Milagros hatte keinen Ehemann, aber sie war Hebamme, die beste im Tal, und niemand wagte es, ihr Vorwürfe zu machen. Selenes leibliche Mutter hingegen war mit einem Schmied verheiratet, einem Mann, der kaum mehr als drei zusammenhängende Worte sagte. Man hörte von ihm nur: »Und mein Essen?«

Als er erfuhr, dass seine Frau in den Wehen lag, kümmerte er sich nicht um das Gerede im Dorf über die Katzen und das Gewitter. Er ging direkt in die Dorfschenke und redete zum ersten Mal in seinem Leben die ganze Nacht mit diesem und jenem und erzählte allen, sollte es wieder ein Mädchen werden, dann würde er es ersäufen, bevor es noch die Augen öffnen konnte. Er tat nichts dergleichen mit Selene. Er beschränkte sich darauf, sie zu ignorieren. Er entwickelte Zuneigung für seinen Neffen und zog ihn auf wie den eigenen Sohn. Böse Zungen behaupteten gar, dass er es wirklich sei. Mit der Zeit schien er vergessen zu haben, dass er Selenes Vater war. Auch sie vergaß es oder hat es vielleicht nie erfahren, denn an dem Tag, als ihr die Dorfjungen gewaltsam den Milchkrug entrissen und Selene sie mit Steinen bewarf, um ihn wiederzubekommen, rief einer von ihnen, der Sohn des Amtsdieners, um sie zum Weinen zu bringen, dass ihr Onkel, der Schmied, ihr Vater sei. Selene lachte nur laut auf und sagte die unheilvollen Worte, an die sich ihre Feinde vor dem Ketzergericht erinnern sollten:

»Dann bin ich lieber die Tochter des Teufels.«

Sie behaupten, dass ich schuld am Tod all dieser Leute sei. Sie behaupten das, und ich weiß nicht, was ich tun soll, damit sie mir glauben. Jetzt sind alle tot. Es ist niemand mehr da, der die Wahrheit sagen könnte. Nicht einmal ich. Denn ich habe niemanden, der mir zuhört. Aber es steht geschrieben: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Deshalb erzähle ich es dir. Der einzige Freund, der mir auf der Welt bleibt. Ein Freund, der mehr als menschlich ist.

Frauen, die man Hexen nannte, wurden immer verbrannt. Es hat mich viel Mühe gekostet, herauszufinden, warum … Sie lügen immer. Sie verbreiten über alles Lügen, doch am liebsten verbreiten sie Lügen über uns Frauen. Einige behaupten, alles hätte an dem Tag begonnen, als ich dich fand. Das ist der leibhaftige Teufel, sagten sie damals. Du warst nur ein großer schwarzer Hund, der zu jener Zeit klein und verängstigt war. Ich habe dir das Leben gerettet. Später solltest du meines retten. An jenem Novembertag, als der Meteorit herabfiel, bot sich vielen die große Gelegenheit. Die Ebene war voller Fremder. Du warst nur ein Fremder mehr.

Zuerst war sie allein. Später kam der Krüppel. Seit Eintreffen des Krüppels war nichts mehr wie vorher. Eines  Tages war der Krüppel verschwunden, und wir sahen sie öfter mit dem schwarzen Hund. Manche hatten Mitleid mit ihr. Ich habe mich nicht täuschen lassen. Ich mochte sie nicht. Ich könnte nicht sagen, warum, aber ich mochte sie überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob ich es als Erste ausgesprochen habe. Jedenfalls war ich die Erste, die es wusste. Das Mädchen war eine Hexe. Genau wie ihre Mutter, genau wie ihre Großmutter. Ihre Mutter war eine Mulattin. Sie betrog den Jungen der Galáns, ein guter Junge wie sein Vater. Sie ähnelte ihrer Mutter nicht im Geringsten, die bis zu ihrem Todestag Hexenmeisterin gewesen war und es bestimmt auch noch im anderen Leben ist. Die Mutter unterwies sie in der Magie der Afrikaner, der Magie, die sie selbst angewandt hatte, denn das Mädchen hatte eine weiße Haut: eine weiße Haut, aber eine schwarze Seele. Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Dinge, die wir nicht ändern können, sosehr wir es auch wollen.

Es war der schlimmste Winter meines Lebens. Ich war im strömenden Regen auf dem Weg in das Dorf an den Klippen. Wasser tropfte von meinen Wimpern, das Meer tobte, und der prasselnde Regen wirbelte um mich herum wie ein Haufen entfesselter Hexen. Das Wasser brannte wie Feuer. Als ich auf den Abgrund zuging, wirkte das Gras wie Moos. Ich blieb am Rand des Abgrunds stehen. Am Himmel und auf der Erde waren seltsame Kräfte in Gang gekommen, in der einzigen Absicht, mich zu zerstören. Ich durfte jetzt nicht den Kopf verlieren. Auf der Wiese lagen die Reste des Mittagessens, das ich erbrochen hatte. Und das war nicht das Schlimmste. Männer, die ich noch nie gesehen hatte, suchten mich, um mich zu töten. Und ich hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.

Ich war in Asturien, stand an den Klippen des Schicksals und wurde mit jeder Minute, die verging, älter. Ich war ein Meter fünfundsechzig groß, und obwohl ich im Schwimmbad von Raval viele Bahnen geschwommen war, war es mir nicht gelungen, über mich hinauszuwachsen. Als Kind wollte ich Pilot werden, aber ich war nicht nur eine Frau, sondern, schlimmer noch, kurzsichtig. Mein Gesicht war übersät mit Sommersprossen wie eine Giraffe mit Flecken. Meine Größe reichte nicht einmal aus, um Stewardess zu werden, und ich würde keinen Zentimeter mehr wachsen, zumindest nicht, bis ich im Grab läge. Trotz meiner Kindheitsträume gelang es mir erst später, ein Flugzeug zu betreten. Vorher betrat ich als Beste meines Jahrgangs an der Fakultät für Geschichte das Podium. Das nützte etwas, aber nicht viel und auch nicht lange. Sie haben mich hinausgeworfen. Ich habe den ersten Prozess wegen sexueller Gewalt am Arbeitsplatz in diesem Land gewonnen. Es stand in allen Zeitungen. Ein Präzedenzfall. Es hat mir nichts genützt. Sosehr ich auch versuchte, eine neue Stelle zu finden, sobald mein Name fiel, fand man eine Ausrede. Und jetzt war ich dabei, ihnen die entscheidende Ausrede zu liefern.

Hör auf, sagte ich mir, was ist eigentlich los mit dir?

Warum bist du zurückgekommen? Hast du geglaubt, etwas Neues vorzufinden? Etwas anderes? Eine Antwort? Denn in Wahrheit gibt es keine Antworten. Gewiss ist einzig, dass du mit jeder Minute, die vergeht, älter wirst. Du bist noch nicht mal vierzig, und für dich ist es schon zu spät.

Du bist in dieses Dorf zurückgekehrt, in das du nicht hättest zurückkehren dürfen, wo sie dich nicht mögen und nie gemocht haben. Ein Dorf, das nah am Abgrund liegt wie dein eigenes Leben, mit dem Geld der Entschädigung und dem fadenscheinigen Vorwand, von einer Hexe aus der Vergangenheit fasziniert zu sein. Du tust mir fast leid. Was glaubst du, wie weit du kommen wirst? Was du herausfinden wirst? Hast du keine Angst vor der Wahrheit über Hexen? Dass sie arme Frauen waren wie du, dass sie geliebt werden wollten wie du. Und dass am Ende nur das Feuer auf sie wartete.

Am Pfingsttag, als man gerade den Sarg der verstorbenen Luz Cifer Fuentes durch den Haupteingang in die Kirche von Priorio tragen wollte, schlug ein Blitz in die Kirchenkuppel ein. Drei Menschen starben. Luz Cifers Leiche wurde nie in der Kirche aufgebahrt, sondern auf ausdrücklichen Wunsch des Herrn Priesters ohne Messe oder Segen an einer ungeweihten Stelle in der Nähe des Friedhofs begraben. Alle hatten behauptet, sie sei eine Hexe gewesen.

Als ich die Notiz in der Zeitung las, glaubte ich an einen Scherz, den eher einfallsreiche als gutbezahlte Volontäre ihren ergebenen Zeitungslesern gern mal als Ente auftischen. Es war kein Scherz, sondern der Beginn der makabersten Geschichte, die ich je erlebt hatte.

Am Anfang war das Wort. Und das Wort wurde zum Notizbuch. Und weilte unter uns.

Vor einem Buch gibt es immer eine Tasse Tee.

Ich schlug das Notizbuch auf und schrieb: Auch wenn wir Verdammte sind.

Drei Jahre lang arbeitete ich an der Geschichte von Selene, der Hebamme, die mit den Wölfen sprach. Zu Unrecht angeklagt und gepeinigt und schließlich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Das war der Sinn meines Lebens gewesen. Wie bei den meisten Menschen ein sinnloser Sinn, mit dem ich eine Weile mein Dasein fristete.

Später vergaß ich es. Durch den Prozess, die vor meiner Tür lauernden Reporter, die dunklen Sonnenbrillen und die Fernsehprogramme gehörte die Hexenjagd nicht mehr der Vergangenheit an, sondern wurde Teil meiner Gegenwart.

Das Telefon klingelte ununterbrochen. Ich glaubte, es würde nie wieder aufhören zu klingeln.

Und eines Tages hörte es auf zu klingeln. Sie vergaßen mich. Die Freunde und die Feinde. Ich war wieder ich selbst. Ich war wieder allein. Für die einen war ich das Opfer, für die anderen eine Betrügerin. Ich hatte so viel über mich gelesen, dass ich selbst nicht mehr wusste, wer ich war.

Ich las jeden Tag diese Zeitungen, die nicht mehr über mich schrieben, als könnten sie kraft ihres Denkens Macht über die Dinge ausüben. Ich glaubte an das gedruckte Wort, an den Wahrheitsgehalt dessen, was geschrieben stand. Worte werden vom Winde verweht. Bücher werden vom Vergessen verweht. Ich glaubte, dass irgendwo in der Tinte, die an meinen Händen klebte, der Schlüssel oder der verlorene Sinn meines Lebens zu finden wäre.

»Dann bin ich lieber die Tochter des Teufels«, schrieb ich, und als ich es aufschrieb, wusste ich, dass Selene das gesagt hatte. Ich tastete mich im Dunkeln voran, manchmal entdeckte ich ein altes Schriftstück, irgendein Dokument, in der Landesbibliothek, eine Erwähnung in einer Doktorarbeit, und konnte Selene einen Augenblick sehen. Die alten Schriftstücke waren wie Streichhölzer, die einen Moment lang ein Altargemälde erhellten. Die Personen aus dem Leben der Hebamme wurden für ein paar Sekunden lebendig und verloren sich sogleich wieder in der Dunkelheit. Es war wie ein Geheimnis, das sie mir im Dunkeln ins Ohr flüsterten. Jemand zündete ein Streichholz an und erhellte Teile der Geschichte, als wären sie Ausschnitte eines Altarbildes, aber das Licht währte nur einen Augenblick. Ich suchte weiter nach der Quelle, die alle meine Zweifel zerstreute. Eine Kerze, eine Lampe, einen Taufschein, der genügend Licht ins Dunkel werfen würde. Ich wusste, dass mir dann die ganze Geschichte, das große Bild, das immer da gewesen war, plötzlich ins Auge fiele. Bislang hatte ich nur Fragmente. »Dann bin ich lieber die Tochter des Teufels«, hatte Selene, die Tochter des Schmieds, gesagt.

Ich glaubte allmählich, dass diese Aufgabe unmöglich zu bewältigen wäre, dass der Beruf der Historikerin noch schlimmer wäre als der einer Geschichtenerfinderin. Dass es nie etwas Neues unter der Sonne gegeben hatte, auch niemanden, der es hätte finden können.

Und da stieß ich auf die Geschichte von Luz Cifer. Ein  unmöglicher Name für eine unmögliche Geschichte. Hexen sind eine europäische Erfindung, die wir später exportiert haben. In der restlichen Welt kennt man die Zauberei, aber keine Hexen.

Auch wenn wir es nicht glauben wollen, ganz Europa ist ein und dasselbe. Zumindest, was die Dörfer angeht. An den Sonntagen wird herumgewerkelt und der Nachbar beneidet. An den Wochentagen wird gearbeitet und gespart, um sich ein größeres Auto als der Nachbar kaufen zu können. Nur samstags gehen die Leute auf die Straße oder fahren aufs Land, in der Absicht, etwas anderes zu tun und einen Tag, ein paar Stunden lang ein anderer zu sein. Das kann Bier, Fußball oder Pilzesammeln sein. Die Männer fahren aufs Land, um anders zu sein.

Und manche Frauen kehren aufs Land zurück, um sich zu verstecken, um wie die anderen zu sein oder um zu vertuschen, dass sie anders sind. Denn manche Frauen wollten schon immer wie alle anderen sein, und es ist ihnen nie gelungen.

Am Tag bevor ihre Tante Milagros verbrannt werden sollte, stand Selene noch vor dem Morgengrauen auf.   Es war dunkel, ein Hahn krähte, und sie fürchtete einen Moment, es könnte plötzlich hell und sie entdeckt werden, doch sie wusste, dass die Hähne die ganze Nacht krähten. Sie huschte zum Stall, vorbei am Hühnerhof, immer darauf bedacht, dass sich die Geräusche, die sie verursachte, nicht von denen der Tiere unterschieden, die sich um diese Uhrzeit bereits im Schlaf bewegten, fürchtend, dass eine Hand sie melken, ihnen die Eier wegnehmen, ihnen das entwenden würde, was sie mühsam in ihrem Schoß ausbrüteten. Sie wollte für zwei Dukaten Leinen kaufen, aber jemand hatte ihr gesagt, dass Wolle besser brenne. Auch musste ein wenig Geld für die Bestechung des Henkers übrig bleiben, damit er trockenes und knisterndes Holz benutzte. Sie hatte es eigenhändig gesammelt und auf dem Rücken zum Kerker getragen, obwohl das Inquisitionsgefängnis, in dem ihre Tante eingesperrt war, einen halben Tagesmarsch entfernt lag. Die alte Spinnerin, ihre einzige Freundin, hatte ihr gesagt, das wäre zwecklos. Wenn sie den Henker nicht bestäche, würde man das trockene Feuerholz verkaufen und ihre Tante auf jungen, saftigen Ästen verbrennen, die nur glommen und sie mit ihrem schwarzen Qualm erstickten. Möglich, dass Gebete nichts halfen, aber Gold schon. Selene hatte kein Geld. Zum Glück hatte die Frau des Steinmetzes am Tag zuvor über schreckliche Zahnschmerzen geklagt. Ihre Tante Milagros war die Einzige im Dorf, die ihr hätte helfen können. Selene verfügte jetzt über ihr Instrumentarium. Es fiel ihr schwer, den Backenzahn zu ziehen, und noch schwerer, die Schimpftiraden und Schreie zu ertragen. Doch schon am selben Nachmittag fühlte sich die Frau viel besser und ließ sie rufen, um ihr zwei Dukaten zu zahlen. Einen für das Zahnziehen und den anderen, um ihrer Tante zu helfen. Da wurde ihr bewusst, dass die Frau des Steinmetzes eine gute Frau war. Ihre Tante Milagros hatte der Frau bei ihren Geburten beigestanden. Mit Schmalz und großer Geschicklichkeit hatte sie deren einzigen Sohn aus der Steißlage befreit. Ihrer Tante Milagros war keine einzige Wöchnerin im Dorf gestorben. Dass jetzt behauptet wurde, das sei das Verdienst des Teufels, interessierte die gute Frau nicht. Ihre Mutter sei im Wochenbett gestorben, sagte die Frau des Steinmetzes, ihr sei es egal, wem sie ihr Überleben zu verdanken hätte, sie hoffe nur, es käme der Tag, an dem dank des Göttlichen oder des Teuflischen keine Frau mehr bei einer Geburt sterben müsste.

Selene, die erst dreizehn Jahre alt war, befühlte ihr die Stirn, um herauszufinden, ob das Zahngeschwür das Fieber weiter hochgetrieben hatte, und sagte dann, sie solle schweigen, das könne in die falschen Ohren gelangen, die es wiederum dem Ketzergericht zutrügen, aber die Frau des Steinmetzes drückte ihr das Geld in die Hand und schloss, sich bekreuzigend, die Tür hinter ihr.

Ainur

Ihr könnt mich Ainur nennen. Es ist ein Name wie jeder andere. Auch könnte ich aus jedem anderen Ort stammen, obwohl ich früher glaubte, ich käme von hier. Ich habe an vielen Orten gelebt, an zu vielen. Vor vierunddreißig Tagen habe ich Barcelona für immer – oder für eine Zeitspanne, die so lang ist, dass sie von Menschen »immer« genannt wird – verlassen und bin in dieses Küstendorf zurückgekehrt. In meiner Erinnerung war es das Paradies. Man darf seinen Kindheitserinnerungen nie trauen.

Die Klippen sind dunkel, aber noch dunkler sind die schwarzen Sandstrände. Die Felsen sind weiß, sie leuchten über dem weichen Boden, dessen Gras wie Moos wirkt. Der Wind weht, und die Häuser scheinen sich zu neigen, um ihn vorüberziehen zu lassen. Oder zumindest glaubt man das auf den ersten Blick. Dann wird man gewahr, dass sie sich wegen der Feuchtigkeit, wegen der großen Langeweile schon seit Jahrhunderten neigen. Alles ist von solcher Schönheit, dass es wehtut. Beim Gehen bilden sich Wölkchen vor meinem Mund. Manchmal kann ich im Dunst meines Atems Bilder der Apokalypse erkennen. Und als ich fast beim Leuchtturm angekommen bin, sehe ich sie plötzlich. Es sind Kuhlen in der Erde, durch die das weiße Meer Fontänen ausstößt. Der Schaum brodelt. Das Meer kocht. Es sind Salzwassergeysire. Man hatte mir von ihnen erzählt, aber ich hatte noch nie einen gesehen. Es heißt, sie hätten einen Mann über hundert Meter in die Luft getragen. Es heißt, er sei in so vielen Einzelteilen auf die Erde zurückgefallen, dass man Tage brauchte, um sie einzusammeln, und sie am Ende ins Meer warf. Schließlich ist das Meer heilig.

In der Heimat meiner Großmutter wurden sie Faucher genannt. Weil sie fauchen. Weil sie tosen. Ich finde, sie schreien. In dieser Erde hat sich ein Monster versteckt, das schreit, damit man es herauslässt. Sekunden später legt sich der Wind, und das Meer beruhigt sich. Und ich vermisse etwas. Mit den Fauchern flößt mir die Landschaft Angst ein, aber ohne sie stimmt sie mich traurig. In dem Moment lichtet sich der Nebel, und aus dem Leuchtturm fällt Licht. Ich laufe auf ihn zu. Auf den Leuchtturm.

Und der Mann mit den roten Handschuhen kommt mir entgegen.

Ich schreibe an dasselbe Wesen, an das Verliebte schreiben, wenn sie am Strand ihre Namen in den Sand schreiben. Nur dass ich vielleicht in den Sand einer Wüste schreibe.

Und das ist die Wüste meines Lebens.

NORDANZEIGER

PANORAMA

Kein Lebenszeichen von Ainur

Seit dem Verschwinden von Ainur, der Frau, die in der spanischen Arbeitswelt Geschichte schrieb, weil sie den ersten Prozess wegen sexueller Gewalt am Arbeitsplatz gewann, sind bereits drei Wochen vergangen, und noch immer gibt es keinerlei Hinweis auf ihren Aufenthaltsort.

Quellen aus nahen Kreisen behaupten, die Untergetauchte habe Morddrohungen erhalten. Der wegen sexueller Gewalt am Arbeitsplatz verurteilte Bürgermeister von Idumea hat jeglichen Zusammenhang seiner Person mit besagten Drohungen entschieden zurückgewiesen und betont, bevor kein rechtskräftiges Urteil vorliege, werde er nicht zurücktreten. Er zeigte sich hingegen davon überzeugt, die Berufung zu gewinnen. »Ich bin zu allem bereit. Wenn es sein muss, gehe ich bis zum Obersten Gerichtshof und zum Verfassungsgericht, und ich werde alles tun, damit mein guter Ruf wiederhergestellt und meine Gemeinde und meine Familie für den erlittenen Schaden entschädigt werden.«

Gestern haben sich in Idumea, einem Ort mit fünftausend Einwohnern, erneut zirka fünfhundert Personen vor dem Rathaus versammelt und gerufen: »Bürgermeister! Bürgermeister!«, »Nutte! Nutte! Nutte!« und »Hexe! Hexe! Hexe!«. Die nicht genehmigte Demonstration wurde ohne Zwischenfälle aufgelöst.

Sie hatte erwartet, dass sich das Dorf verändert hätte, dass es größer oder kleiner wäre; sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass es genauso aussah wie früher. Lediglich die Farben hatten sich verändert. Jetzt wirkten sie diffuser, gespenstischer, als würde der Nebel, der jeden Morgen von den Bergen herabzog, sie langsam auslöschen. So empfand sie sich selbst: ausgelöscht.

Sie hatte den Prozess gewonnen, doch wenn sie sich im Spiegel betrachtete, war ihr, als hätte das Verfahren jeglichen Glanz aus ihren Augen vertrieben, dieses Funkeln, das ihre kleinen, hässlichen Augen in Leuchttürme verwandelte, damit man sich nicht in der Dunkelheit verirrte.

Jetzt war ihr Gesicht ein Gesicht ohne Augen. Sie blickten nach innen, wie die Augen von Blinden.

Ich war arm gewesen, und als ich Geld hatte, entdeckte ich, dass ich immer noch arm war. Du bist dein Leben lang so arm oder so reich, wie du es als Kind warst.

Sie haben mir Geld gegeben.

Um mir das Maul zu stopfen.

Wenn man Geld hat, ist das Geld wie eine Matratze aus Federn. Es verändert die Wirklichkeit nicht, es unterfüttert sie. Manchmal dämmt die Matratze aus Federn die Wände, was zwar nicht verhindert, dass wir die Wirklichkeit hören, aber bewirkt, dass die Stimmen von weit her zu kommen scheinen.

Und nicht einmal Geld kann die Erinnerungen auslöschen.

Sie zwingen mich ständig, Dinge zu tun, die ich nicht tun möchte.«

»Ich?«

»Widersprechen Sie mir nicht, ich möchte Sie nicht zurechtweisen, ich will Sie nicht ausfragen, aber Sie zwingen mich ja dazu.«

»Es ist nichts passiert, was Sie mir vorwerfen könnten.«

»Das habe ich aber anders verstanden.«

»Darf ich erfahren, was man mir vorwirft?«

»Ihre Kollegen haben mir versichert …«

»Welche Kollegen?«

»Ich habe versprochen, ihre Identität nicht preiszugeben.«

»Wie soll ich mich verteidigen, wenn ich nicht weiß, was sie gesagt haben oder wer was gesagt hat?«

»Wie es scheint, haben Sie im Büro eine Orgie gefeiert.«  

»Eine Orgie?«

»Ja, unter dem Vorwand, Ihren Studienabschluss zu feiern.«

»Ich habe nur ein paar Coca-Colas spendiert.«

»Das wurde mir aber anders berichtet. Mir wurde versichert, dass Alkohol aller Art getrunken wurde. Dass die Feier sich nicht nur auf Ihr Büro beschränkte, sondern sich bis in die Chefetage erstreckte. Mir wurde gesagt, dass eine junge Frau, nach deren Namen ich mich erkundigt habe, auf meinem Schreibtisch ihren Slip auszog und einige Kollegen ihre niederen Instinkte befriedigen ließ.«

»Das glauben Sie doch nicht im Ernst, Sie haben doch nicht einmal genug Phantasie, sich so etwas auszudenken.«

Mein Chef dreht seine Zigarre im Mund, als wäre sie ein Schraubenzieher. Sie dreht sich in seinem Mund, der die Schraubenmutter ist, in der sich mein Verstand verhakt. Ich glaube, gleich wird sich sein Mund lösen und zu Boden fallen.

Er wird vom Boden aus weiterreden.

»Sie zwingen mich, das alles zu glauben, Sie zwingen mich, ein Disziplinarverfahren einzuleiten, obwohl Sie und ich wissen, dass alles ganz anders sein könnte. Und noch immer ganz anders sein kann.«

»Zauberer und Hexen sind Sklaven des Teufels. Während die Zauberer zur Einsamkeit neigen und sich durch ihr düsteres Wesen und gelassenes Gemüt auszeichnen, sind die Frauen im Allgemeinen schön sowie geneigte Expertinnen der legitimen wie illegitimen Lustbarkeiten.«

Alle Texte, in denen diese These vertreten wird, enthalten übereinstimmende Hinweise über die Charakteristiken einer Hexe. Zu den auffälligsten gehören ihre Unfähigkeit, zu weinen, das Unvermögen, aus einer Wunde zu bluten, und große Widerstandskraft gegen das Ertrinken. In allen Hexenprozessen Europas wurden die der Hexerei beschuldigten Frauen gefoltert und gestanden nur unter Schreien, Heulen und Wehklagen, doch das schien bei den Inquisitoren keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen.

Die Anschuldigungen basierten auf der Teilnahme am Sabbat oder Hexensabbat und nicht so sehr auf ihrer Fähigkeit, Zaubertränke herzustellen. Vielerorts wurden umfangreiche Schlachtungen von Katzen veranstaltet, weil man glaubte, Hexen könnten sich in Katzen oder andere katzenartige Tiere verwandeln.

Der Sabbat wurde auf einer Anhöhe abgehalten. Es war unerlässlich, dass ein Wald die Hochebene begrenzte. Der Wald repräsentierte den Chor und die Ebene das Kirchenschiff. Im Wald stand ein steinerner Altar mit einer Holzfigur, die mit einem menschlichen Körper, aber dem Kopf und den Extremitäten eines Ziegenbocks Satan symbolisierte. Die Statue war schwarz angemalt, hatte ein ziemlich großes männliches Geschlechtsorgan, und zwischen seinen Hörnern steckte eine Fackel.

Das Eintreffen der Hexen und Zauberer, Introitus genannt, war Anlass für den Beginn des Sabbats. Zuerst wurde eine junge jungfräuliche Hohepriesterin gewählt. Sie wurde Prinzessin des Altertums genannt.

Die Prinzessin befahl ihren Untertanen, die Fackeln anzuzünden, auch die zwischen den Hörnern der Statue. Anschließend beschwor die Hohepriesterin mit lauter Stimme voller Inbrunst die Hilfe Satans und den Schutz der Verdammten.

Mit den brennenden Fackeln gingen die Hexen und Zauberer der Reihe nach zu ihrem Götzen, um seine unteren Extremitäten zu küssen, während die Prinzessin den Phallus umarmte und vorgab, sich dem Götzen hinzugeben.

Anschließend wurde aus dem Ritual ein Festmahl. Die Teilnehmer aßen, aufgeteilt in Paare, was sie mitgebracht hatten, und tranken Wein, Sidra oder Bier, Gebräue, die man schon im XII. Jahrhundert kannte. Die Speisen würzte man mit angeblich verzauberten Kräutern, die bei den Tischgästen zügellose Erregung hervorriefen.

Das ist bereits der Höhepunkt des Sabbats: der Tanz. Hexen und Zauberer tanzten Rücken an Rücken, sie fassten sich an den Händen und drehten die Köpfe zur Seite, um den Nachbarn zu sehen. Dieser Tanz machte schwindlig. In einem bestimmten Moment lösten sich die Tänzer aus dem Kreis, tanzten und hüpften aber weiter und wechselten ständig den Partner. Dabei entstand beträchtlicher Trubel. Wenn man bedenkt, dass der Tanz immer ausgelassener und schneller wurde, ist leicht zu verstehen, dass die Teilnehmer schon bald in einen Zustand der entfesselten Ekstase gerieten, dann begann die sexuelle Orgie.

Auf dem Höhepunkt der Entfesselung machte ein Befehl der Hohepriesterin dem Fest ein Ende. Jetzt verwandelte sie sich selbst in einen Altar. Sie legte sich nackt auf den Altarstein, und einer der Zauberer hielt in seiner Funktion als Inkarnation Satans die Messe. Er zelebrierte die Opfergaben auf dem Körper der Hohepriesterin. Diesem Zauberer folgten andere und auch Hexen, während die übrigen Anwesenden inmitten der Raserei untereinander Opfergaben austauschten. In den finsteren Texten über die Hexerei liest man, dass die Hohepriesterin lange Zeit auf grausamste Weise gefoltert wurde.

Der Satz ist nebulös, doch wenn man in Betracht zieht, dass keine Folter im Sinne von Auspeitschen durchgeführt wurde, und vor allem berücksichtigt, dass der Begriff »Opfergaben« möglicherweise auf den Sexualakt anspielt, ist offensichtlich, dass die wiederholte Ausführung dieses Akts für eine Jungfrau Folter gewesen sein muss.

Die Orgie fand unter ständiger Anrufung Satans sowie blutigen Taten wie dem Köpfen von (als giftig betrachteten) Igeln und anderen Kleintieren statt.

Der Sabbat begann zu fortgeschrittener Nachtstunde und endete im Morgengrauen. Das Aufgehen des Morgensterns verkündete das Ende des Festes. Das Ritual endete mit einem großen Chor von Verwünschungen. Danach gingen alle Teilnehmer ihres Weges.*

Ich wusste immer, dass es Dinge gibt, die man niemandem erzählen kann. Geheime Dinge. Verborgene Dinge. Ich wusste immer, dass Wünsche Wirklichkeit werden können, wenn sie auf bestimmte Weise, sorgfältig und scharfsinnig, gedacht werden. In deinem Innern stellst du dir vor, was du möchtest. Als würdest du es auf dem Grund eines Brunnens sehen.

Und ich wusste immer, dass das niemand erfahren, niemand hören darf, denn sonst würde man womöglich denken, du wärst verrückt oder wolltest nur Aufmerksamkeit erregen; trotzdem würdest du ihnen manchmal gern helfen, ihnen erklären, wie die Dinge sind, damit sich das Leben nicht so lang und so schwierig gestaltet.

Und du versuchst es und weißt im selben Moment, in dem du es versuchst, dass du dich wieder geirrt hast.

Selene

Das Schlimmste am Leben im Kerker war der Durst. Der Kerker war eine Art Stall, der Boden voller Pfützen, Exkremente,s Schreie. Aber das Schlimmste war der Durst. Der Durst füllte alles aus. Er füllte selbst ihre Erinnerungen aus. Ihr schien es, als hätte sie immer Durst gehabt. Dass sie als Kind Durst hatte, wenn die Leute sich davor fürchteten, dass sie die Kirche betrat. Dass sie schrecklichen Durst hatte, als sie auf ihrem Weg durch Nordspanien Zahnschmerzen, Veitstanz, Unfruchtbarkeit und Koliken heilte. Es kam ihr so vor, als wäre ihr ganzes Leben ein Leben ohne Wasser gewesen, eine trockene Kehle. Vielleicht hatte sie deshalb nie weinen können, es fehlte ihr schlicht an Wasser. Jetzt reichte ihr das Wasser bis zu den Knöcheln: schmutziges, trübes Wasser. Sie kratzte sich an den Wänden die Finger wund, um der Versuchung zu widerstehen, es zu trinken. Manche tranken es und starben an schrecklichen Koliken. Dann wurde nur ein Ebenbild von ihnen verbrannt. Sie hatte oft Fieber. Zweimal war sie so krank, dass der Inquisitor Juan de Requesens die Anfertigung eines hölzernen Ebenbildes von ihr in Auftrag gab, denn man wollte das Volk nicht um das Vergnügen bringen, sie scheinbar lebend auf dem Scheiterhaufen zu sehen, und alle Welt wusste, dass die von einer Leiche angefertigten Ebenbilder unmöglich wiederzuerkennen waren. Kerker und Tod entstellten noch die schönsten Gesichter. Viele Mütter erkannten ihre Töchter nicht wieder. Viele Kinder erkannten ihre Mütter nicht wieder.

Der Inquisitor wollte, dass alle Welt sie erkennen konnte, dass alle die Gelegenheit hätten, sie anzuspucken. Für den Inquisitor war das Feuer wollüstig und hungrig. Nichts gefiel dem Feuer so sehr wie eine schöne Frau.

Es ist nicht einfach, hierher zu gelangen. Um hierher zu gelangen, muss man immer den falschen Weg einge schlagen haben. Nicht ein Mal. Viele Male. Man muss Menschen vertrauen, die einen verraten werden. Denjenigen lieben, der einen nicht liebt. Nicht wissen, welche Wirkung der Klang des eigenen Namens auf einen anderen hat. Verdammt sein.

Ich habe Verrätern vertraut und Feinden zugehört. Nur ich trage die Schuld an meinen Tränen. Und nur ich werde für sie bezahlen. Ich glaube nicht, dass die Hitze des Scheiterhaufens die gefrorene Fläche meines Herzens auch nur wärmen kann. Ich weiß, dass das Licht der Flammen die Dunkelheit meiner Seele nicht erhellen kann. Denn ich weiß nicht, ob ich eine Hexe bin. Aber ich weiß, dass ich verdammt bin.

Weinen nützt nichts. Hexen weinen nicht.

Nicht einmal, wenn sie mich weinen sähen, würden sie mir glauben, dass ich keine Hexe bin.

Ich habe für die Menschen gelebt, für das, was die Menschen von mir wollten. Und jetzt fühle ich mich wie eine Müllhalde für den Unrat der Menschen, deren Müll eines Tages zu keimen begann, wie es manchmal auf dem Misthaufen geschieht. Aus der Scheiße wurde eine spindeldürre und zarte Pflanze geboren: meine eigene Tochter.

Für sie tue ich das, wessen man mich beschuldigt und was ich nie getan habe: Ich vergifte die Brunnen. Ich schreibe meine Geschichte auf.

Ainur

Alle Frauen sagen irgendwann in ihrem Leben, dass sie etwas von einer Hexe haben. Sie sagen es lachend oder   lächelnd, mit überheblichem Gesichtsausdruck. Und alle Frauen sagen irgendwann in ihrem Leben über eine andere Frau, dass sie eine Hexe sei. Sie sagen es geringschätzig, bekümmert, wohl wissend, dass sie sie des schrecklichsten Verbrechens beschuldigen. Wie kommt es, dass Hexe zu sein für eine Frau zugleich Auszeichnung und Beleidigung ist? Der höchste Ausdruck für das Frausein und seine Leugnung.

Consuelo

Als ich die Rothaarige hier ankommen sah, wusste ich, dass es Probleme geben würde. Die Rothaarige ist   nicht ganz koscher. Das waren auch ihre Mutter und ihre Großmutter nicht. Die Tochter einer ledigen Mutter, Enkelin einer ledigen Mutter. Der Teufel muss sie geschwängert haben, was denn sonst … Denn die Töchter sahen immer aus wie ihre Mütter, die Großmütter hatten dasselbe Gesicht wie ihre Enkelinnen.

Ainur

Mit dem Leben geht es mir wie mit Büchern. Ich würde gern die Seiten umblättern und erfahren, wie alles ausgeht. Ich würde gern das Ende meiner Geschichte kennen. Ob der Held kommen wird. Ob die Hexe verbrannt wird. Aber das Leben ist kein Buch. Wenn du im Leben, wie bei einem Buch, zu schnell die Seiten umblätterst, bist du vorzeitig am Ende, und im Unterschied zu Büchern ist das Ende des Lebens der Tod, und du kannst nicht zurück, um die Seiten, die du zu schnell gelesen hast, noch einmal zu lesen. Die Zukunft kennen zu wollen bedeutet, die Zeit auflösen zu wollen, es bedeutet, einen verfrühten Tod mit zu vielen leeren Seiten zu sterben.

Selene

Wer nicht genug Eitelkeit aufbringt, begnügt sich eben mit dem Neid.«

Als er das hörte, schlug der Scherge auf sie ein und stieß sie zu Boden, aber sie konnte aufstehen und sagen:

»Señor, ich bin vom vielen Stehen und Fasten und der Anstrengung so müde, und ich flehe Sie an, lassen Sie mich ausruhen und mir was zu essen bringen, dann sage ich wahrheitsgetreu alles, was ich weiß.«

Du weißt Dinge, die du nicht weißt. Du weißt Dinge, die du nicht wissen willst. Du siehst Dinge, die du nicht gesehen hast. Du hörst Dinge, die du nicht gehört hast, die niemand gehört hat. Und die ganze Zeit fragst du dich: War es das?

Ist es das?

Du schließt die Augen, weil du weißt, dass die Stimme da ist und dir antworten wird: Ja, so musste es sein. So war es immer.

Ainur

Er ist tot.

Meine Nachbarin hatte ein zerkratztes Gesicht und gerötete Augen, als hätte sie eine Woche lang nicht geschlafen. Ihr Haar war zerzaust und verworren, und sie trug verschiedenfarbige Schuhe; abgesehen davon ließ nichts darauf schließen, dass sie im Begriff war, verrückt zu werden.

»Du hast mir gesagt, dass er sterben wird.«

Das stimmte. Manchmal rede ich zu viel.

Ich hätte erwidern können, dass es Zufall war, stattdessen fragte ich:

»Was ist passiert? Gestern Abend ging es ihm noch gut, er ist mir auf der Treppe über den Weg gelaufen und hat, wie üblich, meinen Gruß nicht erwidert.«

»So ist er eben«, antwortete meine Nachbarin, die für einen Augenblick vergessen hatte, dass sie zu mir gekommen war, um mir eine schreckliche Nachricht zu überbringen, und nicht, um die Taktlosigkeit ihres Mannes zu entschuldigen.

»Er hat dich geschlagen«, fügte ich hinzu.

»Du weißt, dass er mich nicht geschlagen hat, er ist nur manchmal wütend geworden und hat mich heftig geschubst, und dann bin ich hingefallen, aber er hat mich nicht geschlagen.« In dem Moment fiel es meiner armen Nachbarin wieder ein. »Mein Gott! Er ist tot! Jetzt wird er mich nicht mehr schubsen«, klagte sie und raufte sich die Haare.

»Was ist passiert?«, wiederholte ich sanft, als spräche ich mit einem Kind.

»Als ich heute Morgen aufstand, habe ich ihn gerüttelt, aber er rührte sich nicht. Ich dachte, er wäre zu träge. Ich habe mich angezogen und ihm Kaffee und Toast gemacht, sogar einen Orangensaft, den ich durchgesiebt habe, weil er das Fruchtfleisch nicht mag, und brachte ihm alles ans Bett. Manchmal bekommt er dann gute Laune. Ich habe ihn angefasst und festgestellt, dass er kalt war wie ein Bier aus dem Kühlschrank … O mein Gott!«, schluchzte sie. Und dann wieder: »Du hast es mir gesagt, du hast es gesagt.«

»Hör mal, ich habe nichts damit zu tun, und außerdem kann er dich jetzt nicht mehr schlagen.«

»Ich kann nicht ohne ihn leben«, schluchzte sie und begann mir das Gesicht zu zerkratzen, wobei sie schrie: »Du hast ihn umgebracht, du Hexe, du verdammte Hexe …«

An dem Tag musste ich feststellen, dass es zum ernsten Problem werden konnte, Visionen von Begebenheiten zu haben, die sich kurz darauf einstellen. Damals hatte ich noch keine Vorstellung davon, wie ernst.

Anfangs war es lustig. Ich war davon überzeugt, dass es aller Welt so ging. Es kam mir nicht in den Sinn, dass   ich anders sein könnte.

Das ist euch bestimmt auch schon passiert. Du denkst an jemand, und kurz darauf ruft dich derjenige an oder du triffst ihn auf der Straße. Ich dachte an einen Bekannten, und er rief mich an. Oder ich traf ihn in der Metro. Ich wusste ein paar Minuten vorher, dass gleich das Telefon klingeln würde. Und dann, als wäre diese neue Fähigkeit wie Autofahren, klingelte das Telefon, und noch bevor ich abnahm, wusste ich, wer anrief. Einmal träumte ich von den Prüfungsfragen. Ich bestand die Prüfung in Anthropologischer Geschichte, nachdem ich mich auf nur eine Frage vorbereitet hatte, denn genau diese Frage wurde gestellt.

Ich war davon überzeugt, dass das aller Welt passierte, denn tatsächlich kannte ich nur Leute, die behaupteten, es ginge ihnen ebenso. Alles hatte mit ein paar Übungen gegen meine Kurzsichtigkeit begonnen. Später wurde mir gesagt, dass ich mittels dieser Übungen meditierte. Ich habe nie erfahren, ob es stimmte, denn als ich spürte, dass ich über meinem Körper schwebte und das Zimmer verließ, hatte ich jedes Mal das schmerzliche Gefühl, meinen Körper verwaist zurückzulassen, wenn ich auf Astralreise ging. Ich fürchtete, nach einem dieser Ausflüge nicht mehr in meinen Körper zurückzukönnen, und war fest davon überzeugt, dass mich das umbringen würde. Also hörte ich auf zu meditieren, unterließ die Übungen zur Verbesserung meiner Kurzsichtigkeit, machte kein Yoga mehr und rauchte auch nie wieder Marihuana. Ihr hättet es genauso gemacht.

Ich habe meinen Körper nie wieder verlassen, obwohl es seither viele Situationen gab, in denen ich es gern getan hätte.

Selene

Dein Mann wird sterben«, sagt Selene.

Und die Frau des Steinmetzes fasst das nicht als Scherz auf. Sie fragt nicht: »Und woher weißt du das?« Sie sagt nicht: »Sei still!!!«

»Wann?«

»Schlägt er dich?«

»Nicht oft, manchmal, wie alle Ehemänner.« Sie bekreuzigt sich. »Es ist eine Sünde, dem eigenen Mann den Tod zu wünschen, und ich wünsche ihn ihm nicht.« Und sie bekreuzigt sich wieder.

»Es ist kein Wunsch, er wird sterben, ich habe es geträumt.«

»Aha!«

»Ich sage es dir, damit du darauf vorbereitet bist.«

»Du kannst bewirken, dass er stirbt«, sagt sie und senkt die Stimme.

»Ich habe nichts damit zu tun, ich habe es nur geträumt.«

Drei Tage später ist die Frau des Steinmetzes die Witwe des Steinmetzes. Sie hat das Haus geerbt und den Kindern neue Kleidung gekauft. Sie läuft durchs Dorf und sucht Selene.

»Er ist im Bach ertrunken, in einer Wasserpfütze, er kam aus der Taverne und war betrunken.«

»Ich weiß«, sagt Selene, und es ist nicht klar, ob man es ihr erzählt hat oder ob sie es vorhergesehen hatte.

»Ich möchte dich bezahlen.«

»Wofür?«

»Für deine Dienste.«

»Ich habe ihn nicht sterben lassen. Ich wusste nur, dass er sterben wird.«

»Das ist dasselbe«, sagt die Frau des Steinmetzes. »Du hast mir das Leben zurückgegeben.«

»Gott hat es dir zurückgegeben, gute Frau.«

»Du bist eine Heilige«, sagt die Frau des Steinmetzes und küsst ihr die Hand.

Doch Selene weiß, dass sie nichts hätte sagen dürfen. Noch nicht.

Ainur

Von Hexen wusste ich damals fast nichts. Sie waren Frauen, die auf Besen ritten, sie waren Geliebte des Teufels, der sie manchmal nachts vögelte und sich ein andermal damit zufriedengab, sich von ihnen das Hinterteil küssen zu lassen: ein Hinterteil, so kalt wie die Toten, wie eine lässliche Sünde. Hexen hatten nichts mit mir zu tun.

In Büchern wurden Hexen hässlich, schrecklich, mit Warzen und immer dunkelhaarig dargestellt, blonde Hexen habe ich nie gesehen, rothaarige hingegen schon. Als hätte man ihnen die Haare mit Karottenblut gefärbt. Diese Hexen machten keine Angst, sie erregten höchstens Mitleid.

Für mich gab es keinen Zweifel daran, dass eine Frau, die über außergewöhnliche Mächte verfügte, auch außergewöhnlich schön sein musste. Hexen, sollten sie denn existieren, konnten nicht hässlich sein. Das funktionierte auch umgekehrt. Hässliche Frauen konnten keine Hexen sein.

Ich bin hässlich. Ihr wisst nicht, was es bedeutet, tagtäglich hässlich zu sein.

Ich bin nicht mehr so hässlich wie früher. Aber ich bin hässlich. Es hat Jahre gedauert, bis ich das laut aussprechen konnte. Ich war hässlich. Nicht die Hässlichste, aber hässlich genug. Ich trug eine Brille, deren Gläser so dick waren wie ein Flaschenboden und die mit der Zeit und dem nötigen Geld aus besonders feinem Kunststoff hergestellt wurden. Eine Brille, die schließlich auch meinen Nasenhöcker kaschierte. Über die Farbe meiner Augen ließe sich viel schreiben, aber es gibt keine zwei Personen, die in ihrer Beurteilung übereinstimmten. Nicht einmal ich selbst wusste es. Wenn es bewölkt war, sahen sie aus wie das Fell von Laborratten. An Sonnentagen waren sie grünschwarz. Wenn Licht darauffiel, wirkten sie plötzlich blau, und einen Augenblick lang war ich nicht mehr hässlich. Unter bestimmtem Lichteinfall wirkte ich wie ein anderer Mensch. Meine wenigen Freunde wussten das ganz genau. Ich verwandelte mich, oder vielleicht fühlte ich mich nur verwandelt. Das reichte, um die Welt zu einem anderen Ort werden zu lassen.

Aber diese Augenblicke hielten nicht lange vor. Das letzte Mal geschah es an einem Sonntag in einer Bar. Es regnete seit Tagen ununterbrochen. Ich stellte das Fahrrad im Schlamm ab und ging hinein, um einen Kaffee mit Weinbrand zu trinken. Ich mag es, wenn der Alkohol ein wenig in der Kehle brennt, während ich meine kalte Nase an die heiße Steinguttasse drücke. Das war der Tag, an dem ich Satán traf.

Selene

D