Audun – Der Drache des Waldes - René M. Walter - E-Book

Audun – Der Drache des Waldes E-Book

René M. Walter

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Beschreibung

Alles beginnt mit einem harmlosen Campingausflug, zu dem sich John von seinen Freunden überreden lässt. Eines Morgens verlässt er unbekümmert das Lager, als er sich im Wald verirrt und daraufhin etwas Schreckliches mit ihm passiert. Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Schuppen bedecken seine Haut und seine Gliedmaßen sind zu Klauen geworden. John kann sich anfangs nur sehr schwer an seine neue Gestalt gewöhnen, aber mit der Zeit eröffnet sich ihm eine ganz neue Welt. Doch das wahre Abenteuer hat noch gar nicht begonnen: Inmitten all der Gefahren begegnet ihm ein uraltes Wesen, ein Artgenosse, dessen Absichten zunächst ungewiss sind.   Was wird aus dieser unerwarteten Begegnung entstehen?

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 Vindobona Verlag

in der novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-903579-02-6

ISBN e-book: 78-3-903579-03-3

Lektorat: Maria Hentschel

Umschlagabbildung: René M. Walter

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

Widmung

Dieses Buch widme ich meiner Mutter,

die mich auf dieser wunderbaren Reise unterstützt

und ermutigt hat.

Außerdem möchte ich mich herzlich bei Jenny Jahn für das Zeichnen dieses grandiosen Covers bedanken und dafür, dass sie den beiden Hauptfiguren Leben eingehaucht hat.

Prolog

Dunkelheit umfängt mich …

Eine weit entfernte Oberfläche …

Etwas zieht mich nach unten …

Ich bekomme keine Luft mehr …

Jemand berührte mich an der Schulter. Schlagartig öffnete ich meine Augen. Ich schreckte hoch und sah mich um. Ich befand mich im Inneren eines fahrenden Wohnmobils. Jemand stand neben mir und sah mich besorgt an.

„Alles gut bei dir?“, ertönte eine sanfte Frauenstimme. „Du hattest wohl einen Albtraum. Ich dachte mir, ich wecke dich lieber.“

Es war Klara, meine beste Freundin aus Kindheitstagen. Sie hatte langes kastanienbraunes Haar, welches sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte.

Ihr Gesicht war rundlich und wies keine besonderen Merkmale auf. Sie trug ein dunkelblaues Oberteil und dazu eine kurze braune Hose.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es mir gut ging, setzte sie sich mir gegenüber auf die andere Bank. Ich hielt mir angestrengt den Kopf. Allmählich kam ich wieder zu mir. Dieser Traum hatte mich mehr mitgenommen, als ich es zugeben würde. Worum ging es noch gleich? Ich konnte mich nicht erinnern.

„Ich bin wohl eingeschlafen“, sagte ich und gähnte ausgiebig.

„Wie spät ist es?“

Klara lächelte und sah auf ihre Armbanduhr. Sie bestand aus Holz und war durch die regelmäßige Sonneneinstrahlung bereits ein wenig ausgebleicht.

„Kurz nach halb zwei. Wir dürften den Campingplatz demnächst erreichen.“

Sie sah mich an und zog eine Augenbraue hoch.

„Ich hoffe, du hast dein kleines Schläfchen genossen. Trevor nervt mich schon die ganze Zeit damit, dass du ihn endlich ablösen sollst. Ich wäre liebend gerne für dich eingesprungen, aber du weißt ja, dass das nicht geht.“

Sie streckte sich und stand auf.

„Außerdem wird er die ganze Zeit von David zugetextet. Ich möchte nicht, dass er vielleicht Lust bekommt, in den Gegenverkehr zu steuern.“

Lachend winkte sie mir zu.

„Ich gehe mal zu den beiden und gebe ihnen Bescheid, dass du wach bist. Dann könnt ihr bei der nächsten Gelegenheit Plätze tauschen.“

Mit diesen Worten ließ sie mich zurück.

Ich beugte mich nach vorne und rieb mir die Augen. Zuerst musste ich meine Gedanken sortieren. Wieso war ich nochmal hier?

Ich blickte aus dem Fenster und sah die Landschaft vorbeiziehen. Erst jetzt bemerkte ich, wie heiß es eigentlich war. Es war definitiv Hochsommer. Ich sah an mir herunter. Deshalb trug ich wohl auch ein rotes T-Shirt und eine kurze dunkelblaue Jeans.

Dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte mit meinen Freunden eine Reise geplant.

Schon vor einigen Wochen. Wir wollten gemeinsam nach Norddakota fahren.

Unweit vom Theodore Roosevelt National Park soll es einen Zeltplatz geben, von dem nur ganz wenige wussten. Ein echter Geheimtipp!

In der Nähe lag ein gigantischer Wald und ein Fluss, der seine Spur durch die gesamte Landschaft zog. Ich hatte mich widerwillig dazu bereit erklärt, mitzukommen, da ich von uns vieren als Einziger neben Trevor einen Führerschein besaß. Außerdem hatten sie mich ohne Ende bearbeitet, bis ich irgendwann zugestimmt hatte. Ich hatte nichts gegen die Natur, aber eine ganze Woche in der Wildnis – und das ohne jegliche Elektronik – war für mich die reinste Hölle.

Nicht einmal Handys durften wir mitnehmen. Ich seufzte ausgiebig. Was soll’s. Vielleicht würde es gar nicht so schlimm werden.

Als das Wohnmobil nach einer Weile auf dem nächstbesten Rastplatz zum Stillstand kam, öffnete ich die hintere Tür und stieg aus. Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht und blendete mich. Den anderen erging es nicht besser. Trevor kam zu mir, um mich nach alter Wrestling-Manier abzuklatschen, dann sah er mich erwartungsvoll an.

„Na endlich. Jetzt bist du dran. Meine Beine können nicht mehr. Ich brauche ganz dringend eine Pause.“

Trevor hatte rabenschwarzes, kurz rasiertes Haar und ein überdurchschnittlich hübsches Gesicht. Er trug ein sandfarbenes T-Shirt mit Aufschrift und eine verwaschene Hose mit Camouflage-Muster. Dieselbe, die er auch häufig beim Paintball trug. Da sie bereits eine Menge durchgemacht hatte, war sie für die Wildnis wie geschaffen.

Ich lief an ihm vorbei und wollte gerade einsteigen, als er mich kurz zurückhielt.

„Fahr bloß vorsichtig. Meine Großeltern würden mich umbringen, wenn ihrem geliebten Baby was passieren würde. Du ahnst gar nicht, wie lange ich die beiden überreden musste, bis sie mir das Teil für unseren Ausflug leihen wollten.“

Dann klopfte er mir auf die Schulter und machte es sich auf einer der hinteren Bänke gemütlich. Ich setzte mich auf den Fahrersitz und David nahm neben mir Platz. Ich war etwas enttäuscht. Eigentlich hatte ich gehofft, mich während der Fahrt mit Klara unterhalten zu können.

„Alles gut bei dir?“, fragte mich David. „Du siehst fertig aus.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Es ist nichts“, erwiderte ich nach einer kurzen Pause. „Lass uns fahren. Ich möchte so schnell wie möglich ankommen.“

Damit war das Gespräch meinerseits beendet und ich startete den Motor. Es war eine kleine Umstellung, verglichen mit einem normalen Auto, aber ich gewöhnte mich schnell daran. Ich fuhr los und folgte der Straße geradeaus. Nach einer Weile schweifte mein Blick ab und ich sah zu David hinüber.

Er war das neueste Mitglied unserer kleinen Gruppe und ich war noch nicht wirklich mit ihm warm geworden. Er hatte kurzes blondes Haar, grüne Augen, eine Hakennase und war durchtrainiert. Offenbar ging er regelmäßig ins Fitnessstudio. Sein Gesicht hatte markante Züge und er trug eine Brille. Man würde bei seiner Erscheinung nicht davon ausgehen, doch er war hochintelligent. Vielleicht der Klügste von uns allen. Doch er ließ sich das nie anmerken. Er war weder arrogant noch herablassend.

Ein wirklich netter Kerl. Trotzdem fühlte ich mich in seiner Gegenwart immer noch unwohl. Vielleicht lag es daran, dass er sich, kurz nachdem wir ihn kennenlernten, sofort an Klara rangemacht hatte. Sie war umgehend darauf eingegangen. Seitdem flirteten die beiden pausenlos miteinander. Als Single gab es für mich nichts Schlimmeres. Es war das reinste Brechmittel.

Zu meiner Wenigkeit gab es an dieser Stelle nicht viel zu sagen:

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte kurzes dunkles Haar, das ich mir stets nach oben kämmte, braune Augen und eine normale Statur. Mein Gesicht sah ganz gewöhnlich aus, auch wenn ich von Frauen immer zu hören bekam, dass ich superniedlich aussehe. Für eine Beziehung hat es trotzdem nie gereicht. Trevor und David waren so ziemlich im selben Alter wie ich. Klara war mit neunzehn die Jüngste von uns.

Irgendwann, kurz vor unserem Ziel, war ich gezwungen, anzuhalten. Mitten auf der Straße. Trevor kam zu mir und fragte, was los sei.

Wir standen vor einer Weggabelung. Rechts führte ein unbefestigter Schleichpfad entlang, links die normale Straße. David holte eine alte Karte aus dem Handschuhfach und suchte nach unserer Route. Die Abzweigung war bedauerlicherweise nicht eingezeichnet.

Laut der Karte dürfte es hier nur in eine Richtung gehen. Klara kam ebenfalls nach vorne und ich zeigte es ihr.

„Das ist doch toll!“, sagte sie. Ihr Optimismus war wie immer grenzenlos.

„Ach ja?“, fragte Trevor und sah sie skeptisch an.

„Natürlich. Gib mir einen Augenblick.“

Sie beugte sich nach vorne und deutete auf die Abzweigung. Dann hielt sie einen kurzen Moment inne und zeigte mit ihrem Finger nach rechts.

„Wir sollten diesen Weg nehmen.“

„Das ist Schwachsinn“, warf Trevor ein. „Wir sollten uns definitiv links halten. Am Ende verfahren wir uns noch.“

„Spielverderber“, sagte Klara und verdrehte die Augen.

„Was sagst du dazu, David?“

Er hob seine Augen von der Karte und runzelte die Stirn.

„Wenn wir unsere Smartphones dabeihätten, dann könnten wir uns ganz sicher sein. Die Kartendaten werden nämlich täglich aktualisiert. Auf dieses veraltete ‚Pergament‘ können wir uns jedenfalls nicht verlassen.“

„Vielleicht ist der Weg neu angelegt worden, um schneller zum Campingplatz zu gelangen“, schlug Klara vor.

„Das können wir nicht mit Sicherheit wissen“, erwiderte Trevor und verschränkte die Arme.

„Seit wann bist du eigentlich so ein Schisser? Du riskierst doch gerne mal was.“

„Wie bitte?! Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“

Mir war nicht ganz wohl dabei, aber wenn wir noch weiter diskutieren würden, dann würden wir erst spät in der Nacht ankommen … oder gar nicht.

„Warum stimmen wir nicht einfach ab?“, mischte ich mich ein und alle drei starrten mich an. Das war das Beste, was mir auf die Schnelle einfiel.

„Wer der Meinung ist, wir sollten etwas wagen und den nicht eingezeichneten Pfad nehmen, der hebt die Hand. Alle anderen lassen sie unten. Bereit? Und los.“

Ohne zu zögern, nahm ich die Hand hoch und sah mich um. Alle bis auf Trevor hatten sie oben. Er fluchte leise, während wir anderen unseren Triumph feierten.

„Das kann ja heiter werden“, sagte er.

Ich nahm eine Hand vom Lenkrad und klopfte ihm auf die Schulter.

„Was soll schon schief gehen?“

Kapitel 1 – Eine günstige Gelegenheit

Die Sonne begann bereits unterzugehen, als wir den Zeltplatz erreichten.

Die sogenannte Abkürzung hatte sich als Flop erwiesen und wir waren gezwungen, einen gewaltigen Umweg zu fahren. Trevor sprach deswegen kein Wort mehr mit uns. Das war okay für mich. Immer noch besser, als wenn er sich die ganze Zeit darüber beschwerte.

Wir holten die Sachen aus dem Wagen und fingen an, unsere Zelte aufzubauen. Eigentlich hätten wir genug Material für drei Zelte gehabt, allerdings hatte eine gewisse Person vergessen, die entsprechenden Bauteile einzupacken. Ich möchte an dieser Stelle auf niemanden mit dem Finger zeigen. Es war Klara.

Sie entschuldigte sich bei mir mit einem Augenzwinkern und beteuerte, wie furchtbar sie das doch finden würde. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als mit David das Zelt zu teilen. Ihre Scheinheiligkeit kannte keine Grenzen. Ich gab nach und schüttelte frustriert den Kopf. Immerhin musste ich mir nun mit Trevor ein Zelt teilen.

Das würde ein Spaß werden. Vor allem nach der sechsstündigen Autofahrt hierher.

Als uns allmählich der Hunger überkam, machten wir ein kleines Lagerfeuer.

Klara hatte eine Großpackung Würstchen und Marshmallows mitgenommen. Ich konnte Brötchen und Käse beisteuern. David hatte Kraftfutter für sich eingepackt und Trevor hatte einen Rucksack vollgepackt mit süßen Leckereien. Von denen er aber nichts abgeben wollte.

Nach dem Essen saßen wir noch eine Weile am Feuer und sahen zu, wie es langsam abbrannte. Die Sonne war nun endgültig untergegangen und die Sterne waren zu sehen. Sie waren wunderschön. Hier draußen konnte man sie so viel klarer sehen als in der Großstadt. Klara gähnte und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Wir sollten schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen, schnappte sie sich David und zerrte ihn in ihr gemeinsames Zelt. Trevor und ich sahen uns wortlos an und krochen in unser Zelt.

Ich hatte Probleme beim Einschlafen, da der Boden trotz des Schlafsackes sehr hart und unbequem war. Doch irgendwann gab mein Körper nach und ich glitt hinüber in das süße Reich der Träume.

Am nächsten Morgen wurde ich unsanft geweckt. Ich hatte aus irgendeinem Grund Trevors Füße in meinem Gesicht. Das Zelt war zwar recht geräumig, aber er musste es irgendwie geschafft haben, sich im Schlaf so weit zu drehen, dass er nun zur Hälfte auf mir lag. Ich warf seine Füße mit einem kräftigen Schwung beiseite. Er schrie auf und sah mich verwirrt an. Offenbar hatte ich ihn damit aufgeweckt.

Das tat mir ausgesprochen leid. Wirklich.

Ich stand auf und streckte mich. Danach trat ich aus dem Zelt und sah mich um. Mir war letzte Nacht gar nicht aufgefallen, wie idyllisch es hier eigentlich war. Der Campingplatz lag mitten im Wald und war von unzähligen Eichen umgeben, die fast schon in perfekter Symmetrie Abstand voneinander hielten. Der Weg selbst war mit Steinen gepflastert worden, um die Anreise zu erleichtern. Der Platz war zwar geebnet worden, hatte aber nichts von seinem Charme eingebüßt. Aus der feuchten Erde wuchsen an manchen Stellen immer noch ein paar hübsche Blumen in verschiedenen Farben. Der Rest war von frischem grünen Gras durchwachsen. Aufgrund seiner Größe hätten mit Sicherheit noch viele weitere Wohnmobile hier parken können. Zum Glück hatten wir den gesamten Platz für uns alleine.

Ich schielte schlaftrunken zu Klaras Zelt hinüber und fragte mich, ob sie auch schon wach waren.

Diese Frage erübrigte sich, als sie und David munter aus dem Zelt heraustraten. Sie hatten überraschend gute Laune. Woran das wohl liegen konnte?

Wir begrüßten uns kurz und besprachen den weiteren Tagesablauf.

Klara würde sich um das Frühstück kümmern, David um die Zelte und Trevor sollte unseren Müll von gestern Abend wegräumen. Ich hingegen war mit der Suche nach Feuerholz beauftragt worden. Klara sagte mir nochmal mit Nachdruck, dass ich mich nicht zu weit vom Lager entfernen sollte. Der Wald war riesig und man konnte sich leicht darin verlaufen. Ich nahm ihre Sorgen dankend zur Kenntnis, stichelte noch ein wenig und machte mich anschließend auf den Weg.

Es erwies sich als überraschend schwierig, passendes Material zu finden. Die Bäume, die in dieser Gegend wuchsen, waren jung und stark. Sie hatten noch keinerlei Äste verloren. Nicht einmal Blätter lagen herum, die man als Anzünder hätte verwenden können. Das war ziemlich frustrierend. Ich hatte keine Axt dabei und die Äste wuchsen viel zu hoch über meinem Kopf. Ich trottete ein wenig umher und begann das Zeitgefühl zu verlieren. Irgendwann drehte ich mich um und sah das Lager nicht mehr.

„Verdammt“, rief ich leise aus.

Wie weit bin ich gelaufen? Wie spät ist es überhaupt? Wo zum Teufel bin ich?

Diese Gedanken schwirrten mir durch den Kopf.

Ich sah zum Himmel hinauf und suchte nach der Sonne. Sie stand bereits hoch oben am Firmament. Ich musste mindestens eine Stunde herumgeirrt sein. Ich fluchte und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf dem Boden. Was sollte ich nun tun? Ich versuchte krampfhaft, mich zu orientieren, doch die Bäume sahen für mich alle gleich aus.

Ich hatte keine Fußspuren hinterlassen, denen ich hätte zurückfolgen können. Dafür war der Boden nicht feucht genug.

Ich fasste in die linke Hosentasche, um nach meinem Handy zu greifen. Ich fluchte erneut. Verdammte Macht der Gewohnheit. Wir hatten sie doch gar nicht mitgenommen. Wessen genialer Einfall war das überhaupt gewesen?

Ich lief eine Weile auf und ab, dann schüttelte ich den Kopf. Es hatte keinen Sinn, Trübsal zu blasen. Wenn ich hier nur stehen und nachdenken würde, dann führte das zu nichts. Ich entschied mich dafür, einfach weiterzulaufen. Immer weiter und weiter. Irgendwann würde ich schon zurück zum Lager finden oder mich für immer in dieser Wildnis verlaufen. Ich hoffte auf Ersteres.

Nach einem weiteren Fußmarsch, der mir diesmal wie eine Ewigkeit vorkam, blieb ich auf einmal stehen und spitzte die Ohren. Ich vernahm etwas. Es klang wie ein Rauschen. Das Rauschen von Wasser. Da musste ein Fluss oder Bach sein. Ich rannte unbeirrt los.

Nach ein paar wenigen Schritten erreichte ich den Ursprung des Geräusches.

Es war weder ein Fluss noch ein Bach. Es war eine Quelle.

Sie wirkte ungewöhnlich fehl am Platz und doch fügte sie sich perfekt in die Natur ein. Es war paradox.

Um die Quelle herum befand sich massives graues Gestein, das mit der Erde und den Pflanzen in der unmittelbaren Umgebung verschmolzen war. Aus der Quelle schien ein weißer einladender Schimmer. Das Wasser war kristallklar. Man konnte direkt bis auf den Boden schauen. Es war nicht besonders tief.

Mir wurde erst jetzt bewusst, wie durstig ich eigentlich war.

Ich näherte mich der Quelle und wollte bereits meine rechte Hand ausstrecken, doch irgendetwas hielt mich zurück. Ich hatte plötzlich ein ungutes Gefühl bei der Sache. Ich trat unbeholfen zurück und sah mich um. Außer mir war niemand hier. Trotzdem fühlte ich mich beobachtet. Mir schoss auf einmal ein Gedanke durch den Kopf.

Vielleicht ist diese Quelle heilig und man darf nicht daraus trinken. Und wenn man es doch tut, dann würde etwas Schreckliches passieren. Das Wasser könnte auch giftig sein. Es sah zwar nicht danach aus, aber der Schein konnte trügen.

Der Gedanke war absurd. Geradezu lächerlich. Doch je länger ich die Quelle betrachtete, desto wahrscheinlicher wurde es.

Ich entschied, einen großen Bogen darum zu machen, und kletterte den Hügel seitlich vom Gestein hinauf. Oben angekommen, sah ich mich gründlich um und überlegte, in welche Richtung ich nun gehen sollte. Ich entschied mich für den direkten Weg und lief geradeaus. An das, was nun folgte, kann ich mich nur noch bruchstückhaft erinnern: Ich machte gerade den ersten Schritt, stolperte über eine Wurzel und taumelte rückwärts auf den Abgrund zu. Ich versuchte, mich irgendwo festzuhalten, doch es war nichts in Griffnähe. Ich bekam Panik und schrie. Dann fiel ich kopfüber nach hinten und landete mit einem Platschen in der Quelle. Sie war viel tiefer, als es zunächst den Anschein hatte. Doch das war meine geringste Sorge. Ich versank wie ein großer schwerer Stein. Ich kämpfte dagegen an und wollte zurück an die Oberfläche schwimmen. Vergebens. Meine Glieder gehorchten mir nicht länger. Ich sank immer tiefer hinab, bis ich auf dem Boden der Quelle aufschlug.

Werde ich jetzt sterben?

Meine letzten Gedanken galten meinen Freunden und meiner Familie.

Ob sie wohl jemals meine Leiche hier finden werden?

Mir wurde schwarz vor Augen, während sich meine Lungen mit Wasser füllten.

Kapitel 2 – Unsanftes Erwachen

Als ich meine Augen wieder öffnete, bemerkte ich schlagartig, dass ich mich immer noch unter Wasser befand. Ich erschrak und mich überkam Panik. Dabei verließen mehrere Luftblasen meinen Mund.

Ich lebe noch!

Ich schob alles beiseite und hatte nur noch einen einzigen Gedanken: Ich musste sofort hier raus. Ich blickte zur Wasseroberfläche und begann mit meinen Armen und Beinen zu rudern. Offenbar konnte ich mich wieder frei bewegen.

Ich wurde immer schneller und schneller, während ich an die Oberfläche schwamm. Ich schoss wie ein Pfeil aus dem Wasser und schlug auf dem harten Stein vor der Quelle auf. Kurz darauf hielt ich mir meinen Kopf. Das hatte höllisch weh getan.

Ich versuchte, aufzustehen, und verlagerte das Gewicht auf meine Beine. Dabei wankte ich immer wieder zur Seite. Was war auf einmal los mit mir? Ich fühlte mich wie ein tapsiges Neugeborenes, das gerade seine ersten Schritte machte.

Ich versuchte, mich zu konzentrieren, und schaffte es irgendwie, mein Gleichgewicht wiederzufinden. Es dauerte eine endlos lange Zeit.

Dann sah ich mir die Quelle noch einmal vorsichtig an. Irgendetwas war merkwürdig. War die Quelle größer geworden?

Vorhin konnte ich ohne Probleme geradewegs auf sie und darüber hinaus sehen. Ich blickte verdutzt zu Boden und schreckte auf. Er war auf einmal viel näher als vorher.

Ich sah mich weiter um. Es schien nicht nur die Quelle oder der Boden zu sein. Alles in meiner Umgebung schien gewachsen zu sein. Die Bäume waren auf einmal gigantisch hoch.

Hatte ich mir vielleicht so sehr den Kopf gestoßen, dass ich den Raum um mich herum nicht mehr richtig wahrnehmen konnte?

Das musste es sein. Mit dieser These gab ich mich erst einmal zufrieden.

Ich schritt vorsichtig auf die Quelle zu. Das Wasser schimmerte immer noch in diesem betörenden Weiß.

Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, warum die Quelle tiefer war, als sie eigentlich sein sollte. Des Weiteren hatte das Wasser ganz klar versucht, mich umzubringen.

Doch warum bin ich nicht gestorben?, dachte ich kurz und hörte sofort wieder damit auf. Das Denken verschlimmerte nur meine Kopfschmerzen. Außerdem war meine Kehle total trocken. Plötzlich fiel mir wieder ein, wie durstig ich eigentlich gewesen bin. Diesmal ignorierte ich meine Bedenken. Der Drang, etwas zu trinken, war einfach zu stark. Ich beugte mich über die Quelle und nahm ein paar tiefe Schlucke. Das Wasser war kalt und klar. Es schmeckte vorzüglich.

Als ich meine Kehle genug befeuchtet hatte, trat ich noch etwas näher und betrachtete mein Spiegelbild. Ich wollte mein Gesicht nach etwaigen Verletzungen oder Schrammen absuchen. Doch dazu kam es nicht. Ich schrie laut auf und fiel mit einem Purzelbaum nach hinten. Jetzt bemerkte ich zum allerersten Mal, was die Quelle wirklich mit mir gemacht hatte.

Ich blickte hinunter auf einen dünnen roten Schwanz, der sich hin und her bewegte. Die Spitze war glatt und abgerundet wie bei einem Salamander. Meine Augen bewegten sich weiter nach unten. Mein Körper war um mehrere Zentimeter geschrumpft und mit rubinroten Schuppen übersät. Ich fasste vorsichtig nach meinem Bauch. Er war immer noch weich, doch er war schneeweiß geworden. Außerdem hatte er mehrere definierte Abstufungen. Ich griff nach den Schuppen. Sie waren hart und glattpoliert wie bei einem Spiegel.

Anschließend betrachtete ich meine Hände. Nur waren es keine mehr. Ich wollte schreien, bekam jedoch nicht einen Ton heraus. Ich drehte sie immer und immer wieder. Es hatte keinen Zweck.

Vor mir sah ich zwei Klauen mit den gleichen roten Schuppen wie an meinem Körper. Sie waren filigran und dünn. Die Krallen waren weiß und sahen extrem scharf aus. Zum Schluss sah ich zu meinen Füßen. Sie sahen genauso aus wie die Klauen. Ich schüttelte den Kopf und vergrub mein Gesicht in meinem Armen.

Ein Traum! Das muss ein Traum sein. Ganz genau. Wenn ich meine Augen wieder öffne, werde ich ganz normal aussehen und alles wird wieder gut sein. Ja …

Ich öffnete meine Augen wieder und Tränen liefen mir über das Gesicht. Es war kein Traum. Ich war wach. Und ich hatte ein gewaltiges Problem.

Diese Situation war für mich unbegreiflich, wie oft ich sie auch in meinem Kopf durchspielte. Ich versuchte, aufzustehen, und trat auf meine neuen Füße und Hände. Es fühlte sich irgendwie unnormal an, auf allen vieren zu laufen. Ich tat ein paar unbeholfene Schritte auf die Quelle zu. Ich verlor immer wieder das Gleichgewicht. Dort angekommen, sah ich noch einmal in das Wasser. Ich musste mein Gesicht sehen. Egal, wie schlimm es auch sein mochte. Es musste einfach sein!

Ich betrachtete mein Spiegelbild und erkannte mich nicht wieder.

Ein langes schuppiges Gesicht sah mir entgegen. Ich fasste mir an den Kopf und drehte ihn nach links und rechts. Meine Haare waren vollständig verschwunden. Meine Augen hatten sich himmelblau gefärbt. Meine Nase war zu einer Schnauze herangewachsen. Ich öffnete meinen Mund und blickte vielen scharfen Reißzähnen entgegen. Es waren deutlich mehr, als ich normalerweise hatte. Ich schloss ihn wieder und trat von der Quelle weg. Danach legte ich mich flach auf den Boden und ließ den Kopf hängen. Ein tiefer Seufzer entfuhr meiner Kehle.

Ich versuchte immer noch, das Ganze zu begreifen. Mein Verstand schien allmählich wieder zu arbeiten. Mir schossen so viele Fragen durch den Kopf:

Warum bin ich zu einem Drachen geworden? Wieso habe ich ausgerechnet diese Gestalt? Was hat die Quelle damit zu schaffen? Werde ich jemals wieder normal aussehen? Was würden meine Freunde denken, wenn sie mich jetzt sehen könnten?

Die Liste ging immer weiter. Ich schloss die Augen und seufzte erneut. Ich war auf einmal so müde. Es konnte nicht schaden, wenn ich mich etwas ausruhen würde. Wenn ich aufwachte, würde ich vielleicht wieder normal aussehen. Und ehe ich mich versah, war ich eingeschlafen.

Als ich wieder aufwachte, dämmerte bereits der Abend und hüllte den Wald in ein flammendes Orange. Ich stand auf, streckte meinen neuen Körper wie eine Katze durch und gähnte dabei. Ich sah mich um und ging ein paar Schritte von der Quelle fort. Dann hörte ich meinen Magen knurren. Ich fasste ihn mit einer meiner Krallen an. Der Schlaf hatte bedauerlicherweise nichts verändert. Ich war immer noch in dieser Gestalt. Doch das Grübeln musste warten.

Ich hatte Hunger und ich wollte etwas fressen.

Der Wald sollte eigentlich voll mit kleinen und großen Tieren sein. Ich hatte online gelesen, dass die Hasenpopulation und die der Hirsche hier oben besonders hoch sein sollte. Doch anscheinend hatten sie sich alle vor mir versteckt. Vielleicht war das auch besser so. Ich konnte kaum richtig laufen und ein Tier könnte ich wohl erst recht nicht fangen. Und selbst wenn ich genügend Glück gehabt hätte, wie hätte ich es verspeisen sollen? Ich konnte kein rohes Fleisch essen und selbst wenn ich es in dieser Gestalt vertragen würde, so wurde mir bei dem Gedanken übel.

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als nach ein paar Beeren oder Wurzeln zu suchen, auf denen ich herumkauen konnte.

Nach einer halben Stunde, so fühlte es sich zumindest an, fand ich endlich einen Strauch mit ungefährlichen blauen Brombeeren. Mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen. Ich vergrub mein Gesicht in dem Busch und begann alles zu zerkauen, was irgendwie süß schmeckte. Auch wenn ich dabei ein paar Blätter und kleinere Äste verschluckte, war mir das egal. Ich war viel zu hungrig, um es auch nur zu versuchen, mit diesen Klauen die Beeren einzeln aus dem Busch zu picken.

Als ich mich sattgefressen hatte, sah ich auf den ramponierten Busch und bekam ein schlechtes Gewissen. Ich hatte ihn fast vollständig zerstört. Jedoch hielt das nur für wenige Sekunden. Mein Bauch war voll und das war im Moment das Einzige, was mich interessierte. Ich wischte mir mit meiner rechten Klaue die Überreste der Mahlzeit vom Mund und fühlte mich sehr zufrieden. Ich hatte nun einen vollen Magen und Durst hatte ich auch keinen mehr. Ich würde die Nacht wohl überleben, sofern nicht noch irgendetwas anderes Unvorhergesehenes passieren würde.

Doch ich hatte irgendwie die Gewissheit, dass der Tag nicht noch verrückter werden könnte. Eine kühle Brise kam auf und streichelte sanft meine Schuppen. Ich fröstelte ein wenig. Ich spielte mit dem Gedanken, ein Feuer zu machen, doch ich ließ es vorerst bleiben. Ich hatte diese Gestalt noch nicht besonders lange und wenn ich jetzt versuchen würde, Feuer zu speien, dann würde ich vermutlich den halben Wald in Brand stecken. Vielleicht wäre ich dazu auch gar nicht in der Lage.

Also entschied ich mich dafür, nach einer Höhle oder einem anderen Ort zu suchen, wo ich sicher die Nacht verbringen konnte.

Ich trottete langsam durch den Wald und setzte dabei vorsichtig eine Klaue vor die andere. Etwas anderes blieb mir im Moment nicht übrig.

Hin und wieder blieb ich stehen und betrachtete meinen neuen Körper von oben bis unten. Auch wenn ich am Anfang sehr panisch reagiert hatte, musste ich doch zugeben, dass diese Gestalt sehr schön anzusehen war. Mein Oberkörper und meine Beine waren vollkommen rot, doch die Unterseite war schneeweiß. Mir gefiel irgendwie der Kontrast zwischen den beiden Farben.

Erst jetzt bemerkte ich die beiden Flügel, die aus meinem Rücken ragten. Sie waren mir vorher gar nicht aufgefallen, weil ich beim ersten Mal an der Quelle auf dem Rücken lag.

Ich versuchte, sie auszufahren und anschließend zu betrachten, doch es wollte mir nicht gelingen. Ich gab es erstmal auf. Es würde bestimmt irgendwann klappen. Ich drehte mich um und bewegte meinen schmalen Drachenschwanz hin und her.

So langsam konnte ich ihn schon ein wenig kontrollieren. Er half mir dabei, nicht immer wieder das Gleichgewicht zu verlieren. Das entlockte mir ein Lächeln.

Doch es würde bestimmt noch Tage dauern, bis sich dieser Körper für mich natürlich anfühlte.

Ich sah zum Himmel hinauf. Die Sonne würde bald am Horizont verschwunden sein und dann würde die Nacht hereinbrechen. Ich hatte immer noch keinen Unterschlupf gefunden. Immer, wenn ich versuchte, etwas schneller zu laufen, strauchelte ich und flog auf meine arme, kleine Drachenschnauze.

Dann rappelte ich mich schamerfüllt auf und ging in einem gemütlichen Tempo weiter.

Es dauerte nicht lange, bis ich wieder die Orientierung verlor.

Ich fluchte und vergrub aus lauter Frust eine meiner Krallen an einem nahegelegenen Baum. Ich hinterließ einen tiefen Kratzer.

Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich und knurrte frustriert. Wie groß ist dieser verdammte Wald?

Ich sah noch einmal zurück zu dem von mir markierten Baum, als mir auf einmal ein Licht aufging.

„Aber natürlich“, rief ich. „Wieso bin ich nicht schon früher darauf gekommen?“ Moment! Meine Stimme! Ich konnte meine eigene Stimme hören. Was für eine Erleichterung. Sie klang vollkommen unverändert. Ich hatte schon befürchtet, nie wieder einen Ton herauszubekommen oder nur ein unverständliches Brüllen.