Auf Adlers Schwingen Das Buch Anshelm - Jochen Adam - E-Book

Auf Adlers Schwingen Das Buch Anshelm E-Book

Jochen Adam

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Beschreibung

Auf Adlers Schwingen ist ein mythisch-spiritueller Roman. Das Buch stellt die Frage nach dem Wert eines menschlichen Daseins, das jenseits der sogenannten Errungenschaften der Moderne existiert: Gegen eine Fixierung auf materielle Güter, die Routine des Alltags und eine Kommunikation, welche die Menschen von sich und den Mitmenschen entfremdet, stellt das Buch Anshelm eine Rückbesinnung auf die Werte des Geistigen und die Kraft der Liebe dar. Dem Leser wird die Präexistenz der Seele sowie das Bewusstsein von Reinkarnation in der christlichen Tradition vorgeführt. Vor fast 2000 Jahren trifft ein in römisch-familiären Diensten stehender, germanischer Fürstensohn in Nazareth auf Jesus und seine Jünger. Zur Zeit der Gotik reinkarniert dieser Fürstensohn und lebt als Adeliger und Ritter wieder in seiner angestammten Heimat. Durch Mutter und Vater erhält er tiefe Einblicke in das Menschsein. Die Liebe zu der Tochter eines Schmieds macht ihn wach für das Geheimnis des anderen Geschlechts. Seine Begegnung mit einem Spanier zeigt ihm, dass die Eindrücke der Natur für ihn bedeutender sind als die des Fleisches. Entscheidend für seine Metamorphose zum Mann ohne Ketten und Schwert, vom Anshelm zum Anselm, ist die Gemeinschaft und Freundschaft mit einem Mönch. Dem jungen Adelige Anshelm wird bewusst, dass Seele und Geist ewig sind und seine heutige Existenz nur eine von vielen Vorläuferexistenzen ist. So werden weitere Leibes- oder feinstoffliche Existenzen folgen, bis das endgültige Ziel menschlicher Bestimmung erreicht ist. Mehrere Jahrhunderte später treffen zwei tief gläubige Männer in einem Karthäuserkloster aufeinander und entscheiden sich dafür, aus dem Orden auszutreten. Der eine war in seiner Vorläuferexistenz Anshelms Vater und wird nach dem Austritt Schäfer. Der andere heiratet eine weiße Heilerin des Waldes und wird Vater einer Tochter mit Name Melisande. Er war in seiner Vorläuferexistenz Mönch und ein Freund des Anselm. Schäfer und Vater erziehen gemeinsam das junge Kind, deren Mutter früh verstarb. Melisande entwickelt eine besondere Beziehung zu Tieren. Später hat Anselm erneut ein Leben auf der Erde angenommen; wiedergeboren als Großvater des Blumenpeter pflegt er einen Kräutergarten.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Freundlichkeit:

Sei freundlich, denn jeder den Du triffst, führt einen harten Kampf. Platon zugeschrieben etwa 428-348 v. Chr.

Mein Dank gilt allen Menschen auf dieser Erde, die sich die Liebe in ihren Herzen bewahrt haben, denn sie sind Gottes Kinder.

Dank an meinen Lektor Dieter

Autor: Jochen Adam, geb. 1967 in Mannheim-Neckarau, von Beruf Bauingenieur. Verheiratet mit einer Architektin und Vater von drei Töchtern.

Die handelnden Personen in Kurzdartsellung

Personen:

Anshelm/Anselm: Als junger Ritter tritt Anshelm die Nachfolge seines Vaters an. Dieser macht einen fähigen Kämpfer und Jäger aus ihm, erweckt in Anshelm aber ebenso den gläubigen Christen und kundigen Naturkenner. Seine Mutter hingegen weckt Anshelms weibliche Seite und zeigt deren Klugheit und Schönheit auf. Das ist entscheidend, denn ohne dies wäre es seiner Männlichkeit nicht möglich, sich von der Last des alten Egos zu befreien.

Melisande: Melisande wächst zunächst unter den Tieren der Alm auf, mit denen ihr Vater in besonderer Beziehung steht. Nachdem sie alt genug geworden ist, zieht sie mit dem Schäfer und seiner Herde für Jahre gemeinsam durch das Land und kehrt immer zu Weihnachten heim. Nachdem sie ihr eigenes Leben beginnt, trifft Melisande auf Hans den Bergbauingenieur, der sie in die Geheimnisse des Lebens einweiht.

Almuth: Almuth ist eine Seewirtin aus der Alpenregion und begegnet durch ihr intensives Zusammensein mit dem Element Wasser einem Elementarwesen. Dieser Wasserelbe beginnt eine aktive Kommunikation mit ihr aufzubauen. So erfährt sie, dass alle Elemente geistige Führung besitzen, und dass selbst ein Stein Bewusstsein hat.

Blumenpeter: Peter erfährt durch seinen Großvater die Liebe zu Kräutern und Blumen. Er zieht, erwachsen geworden, vom Berg herunter in die kleine Stadt und eröffnet einen Blumenladen. Melisande und der Schäfer lernen bei ihren Weidezügen Peter kennen und entdecken, dass sie eine gemeinsame Bekannte haben, nämlich Almuth. Blumenpeter und Almuth heiraten, haben Kinder und begreifen die Familie als Erfüllung ihres Lebens.

Vom Wesen des Messias:

Seine Worte werden nicht sein wie die eines Menschen, sondern

werden sein voll Kraft und voll Lebens.

In seinem Wesen aber wird er sein so sanft wie ein Lamm und zart

wie eine Turteltaube;

aber dennoch werden seinem leisesten Hauche gehorchen alle

Elemente.

So er den Winden gebieten wird gar leise, da werden sie losbrechen

und werden das Meer zerfurchen

bis in den Grund. Wenn er über die wogende See hinblicken wird,

da wird das Gewässer zum ruhigen Spiegel werden.

So er zur Erde hauchen wird,

da wird sie ihre alten Gräber öffnen und alle Toten wieder zum Leben

ausliefern müssen.

ICH WILL DAS VERLORENE WIEDER SUCHEN UND DAS VERIRRTE ZURÜCKBRINGEN Hesekiel 34.16

Prolog

Es stand ein militärisch gekleideter Mann abgerückt von einer neugierigen Menschengruppe und lauschte angestrengt.

Dies war zur Mittagsstunde vor weniger als zweitausend Jahren. Die Männer und Frauen der Gruppe umringten einen Sprecher, dem auch er aufmerksam zuhörte.

Er selbst war grösser als die umstehenden Männer, ein Fremdling, jünger und von aufrechtem Wuchs.

Wenn seine Haut von der Sonne auch kräftig gebräunt war, so verrieten das dunkelblonde Haar alleine schon aus der Ferne, und die graugrünen Augen aus der Nähe, seine eigentliche Herkunft.

Seine Heimat war Germanien. Ein Land kühl und feucht im Herbst, voller Schnee und Kälte im Winter. Dichte Wälder, wo Tannen standen. Lichte Wälder, wo Buchen mit Eichen gemeinsam das grüne Laubdach bildeten. Beängstigende Sümpfe, in denen man Ausgestossenen und Kultopfern das Grab bereitet. Kein Staub und keine Hitze wie hier. Alles war dort anders.

In seiner Heimat würde er als Fürstensohn in anderen Aufgaben Verantwortung zu tragen haben und er wäre kein Unbekannter, aber hier in diesem Moment, war er lediglich ein unbemerkter Zuhörer.

Da waren die Bilder wieder im Kopf gegenwärtig, wie er als Junge für die Gewähr eines Bündnisses, zwischen den römischen Besatzern und seinem Stamm, von seinem Vater zur Heranbildung der Mannesreife nach Rom gegeben wurde - so viele Jahre ohne Verbindung zur Heimat und heute ein Mann.

Sein römischer Herr hatte ihm von Anbeginn die beste Ausbildung zukommen lassen. Ihm wurde Unterricht in der hebräischen und griechischen Sprache zuteil und ebenso in der Schrift. Das Aramäische hatte er sich in der jüdischen Besatzungszone selbst angeeignet und so war es ihm möglich, jedes Wort, das der jüdische Rabbi sprach, auch zu verstehen.

Seit drei Jahren war er mit seinem römischen Herrn nun schon hier stationiert, wobei sein Herr bereits seit längerem darauf drängte, eine Statthalterstelle in einer anderen Garnison zu erlangen. Er sagt, dass hier bald etwas Gefährliches geschehen würde, und dass sein Gefühl ihn bezüglich solcher Ereignisse nie trüge.

Graugrüne Augen waren an ihm auffällig, zugleich aber auch nichts Aussergewöhnliches. In Jerusalem war viel gemischtes Volk zu sehen. Sein dunkelblondes Haar, das in der Sonne des Orients heller wurde, zeichnete ihn am augenfälligsten von den Anderen ab.

Ein Junge hastete vorbei und rempelte ihn an. In diesem Moment erinnerte er sich intensiv an das Haus seines Herrn und seinen jüdischen Gelehrten, ein gern gesehener Gast, was eine Ausnahme war in Rom. Ein Rabbi war für gewöhnlich ein schwieriger und sperriger Verhandlungspartner wenn es um Gesetzesfragen ging. Römisches Recht und jüdisches Staatswesen waren nicht in Einklang zu bringen. Die Juden waren, gerade in Jerusalem im besonderen, für die römischen Besatzer eine Herausforderung. Zu klug, zu belesen und doch weltfremd in den Augen der Besatzer. Trotzdem gab es Ausnahmen. Dieser Rabbi hatte eine Freundschaft zu seinen Herrn aufgebaut, und so kam der junge Germane in die Lehrstunde für hebräische Schrift und Sprache. Er lernte auf diesem Weg auch den jüdischen Gott und Auszüge aus dem jüdischen Glaubenswerk kennen. Eine Aussage des Propheten Jesaja über ihren Gott hielt ihn seitdem gefangen:" Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht Gott. Denn wie die Himmel höher sind als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, er habe denn die Erde getränkt und befruchtet und sie sprossen gemacht, und dem Sämann Samen gegeben und Brot dem Essenden: also wird mein Wort sein, das aus meinem Munde hervorgeht; es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten was mir gefällt und durchführen wozu ich es gesandt habe."

Der Rabbi, der zu der Gruppe Männer sprach, war Jesus von Nazareth, der Sohn des Zimmermanns Joseph. Bei ihm war auch Jesu Bruder Jakobus, den er selbst kannte von Begegnungen auf dem Markt. Jakobus machte offensichtlich Notizen von der Rede an die Männer.

Auffällig war die Erscheinung eines jungen Mannes namens Johannes, dessen Person er wiederum durch Jakobus kannte. Dieser stand in unmittelbarer Nähe bei Jesus. Seine Körperhaltung und das Antlitz waren schön, edel und als feinsinnig auszumachen.

Mit Johannes hatte er in den letzten beiden Monaten drei überraschende Zusammentreffen, die jedes Mal eine gemeinsame Wegstrecke im Gespräch und den Fortgang in einer Herberge bei Wein und Speise fanden. Johannes berichtete ihm, dass sowohl er als auch Matthäus, auf Anweisung Jesu, Notizen der Geschehnisse und der Reden, Aussagen und Gleichnisse die er vermittelte, aufzuschreiben hatten, damit es zu einer Schriftzusammenfassung komme. Jesu hob erneut die Stimme an und sprach mit klaren Worten zu der Gruppe: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch...

Da begann ein leichter Wind, der hinter seinem Rücken daherkam, die Worte Jesu von ihm fortzudrücken. Während er noch dabei war darüber nachzudenken seinen Standort zu verändern und näher an die Gruppe heranzurücken, da legte sich abrupt der Wind und die Worte drangen klar an sein Ohr:

„Wenn ich mit meinem Leib die Erde verlasse, so werde ich zu euch senden den Geist der Wahrheit und ich sage euch, dass zur Zeit meiner Wiederkunft vieles offenbar werden wird, sowohl aus dem Geistigen, als auch all die Lügen der Welt."

Diese Worte Jesu drangen tief in ihn hinein und lebten auf in den Sinneszonen seines Kopfes.

Er spürte sie im Ohrgang klingen wie ein Widerhall in einer engen Gasse und schmeckte sie auf seiner Zunge; gleichsam war ihm, als würde er sie wiederholen und selber sprechen.

Sie waren wie eine plötzlich stattfindende Bewegung in seinem Blut und sein Herz pumpte dieses Wortblut durch sein Gehirn, in die Hände, in die Füsse.

Unter den Sohlen seiner Sandalen erzeugten diese Worte einen Wirbel und auf der Sandoberfläche kam dieser zum Vorschein, der aber nicht sichtbar war. Er blickte hinunter und es war spürbar. Es schien ihn leicht anzuheben, er verlor den Bodenkontakt ohne dabei sein Gleichgewicht zu verlieren.

Nachdem dieses Geschehen abrupt abgeklungen war, blieb nur noch ein einziges Empfinden übrig. Eine Vibration in ihm, oder anders ausgedrückt, er selbst schien inwendig zu vibrieren. Gleichgeschaltet zu diesem Vibrieren hörte er deutlich die Rede Jesu.

Sein Verstand begann in grösster Klarheit und mit Geschwindigkeit zu arbeiten.

Jesus würde uns bald verlassen. Er würde sterben müssen. Wie konnte das sein?

Er würde für kurze Zeit tot sein und dann auferstehen. Sein Leib würde auffahren, doch er, Jesus, bleibe bei uns bis zum Ende aller Tage. Dann würde er zurückkehren auf die Erde, zum Ende der letzten Zeit. Ein scharfer Schmerz richtete sich in seinem Körper auf. Jesus würde gehen, sehr bald sogar. Er würde zu einer viel späteren Zeit wiederkommen und dann auch zu ihm zurückkehren. Es brannte in seiner Seele eine helle Geistflamme - ich selbst bin ewig, ich sterbe mit dem Leib und bin ewig, und ich kehre wieder als sein Begleiter zu einer vorbestimmten Zeit.

„Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch alle Tage. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben."

Er war wie benebelt und starrte ins Nichts. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und sah in das Antlitz von Jesus. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Die mir der Vater gab, die wird mir keiner nehmen, diese bringe ich alle heim zu meinem Vater."

Jesus wandte sich um zu den Anderen, die ihm gefolgt waren. „Die Demut ist das einzige was ihr dem Vater geben könnt, ohne es eigentlich vorher von ihm empfangen zu haben. Glaubt es mir, nur in der wahren Demut ist die allerhöchste Freiheit des Lebens gegeben und daher auch die grösste Vollkommenheit desselben."

„Ein Wichtiges muss ich euch noch auf den Lebensweg mitgeben. Solange jemand von euch glaubt, dass er selbst etwas tun könne, oder dass er göttlicher Gnade und Erbarmung aus sich selbst heraus würdig sei, so lange darf er darauf rechnen, dass ihn der Vater wird darin verharren lassen. So lange wird er darin verharren, bis sein törichter Wahn ihn verzehren wird. Erst, wenn er von selbst zu der inneren Einsicht gelangt, dass er nichts ist und aus sich selbst heraus auch nichts vermag, sondern dass der Vater alles in allem ist, der Erste und der Letzte, wie es die Schrift euch sagt, wird er frei sein. Ich bin das Alpha und das Omega, dann erst gibt er sich dem Vater aus eigener Herzensbewegung freiwillig hin, und der Vater ergreift ihn da und führt ihn den gerechten Weg des Geistes zum Heil seiner Seele."

In diesem Moment begann für diesen jungen Fürstensohn aus Germanien ein schicksalhafter Werdegang durch die Zeit. Ein Werdegang, dessen Bestimmung weit über der Oberfläche der Erde geschieht. Denn, das alles ist ein Tanz von Licht im Inneren des Menschen, verwoben mit Geschehnissen, die uns weit unter die Oberfläche der Erde führen.

Eine Erzählung von den Verbindungen der geistigen Welten mit der materiellen Welt.

Durchdrungen ist die diesseitige Welt von der jenseitigen Welt.

Wer weiss schon wirklich von der Geisteslebendigkeit, die einen von der Gottesdienerschaft zur Gotteskindschaft hinwachsen lässt?

Menschen, genauso wie die Elementarwesen, stehen unter der Führung der Wesenheiten jenseitiger Welten. Der Mensch aber, den die Bibel nennt, ist als Träger einer Seele und Gottes Geist, das höchste Geschöpf auf Erden und des ganzen Universums. Aufgrund der Freiheit seines Willens ist er nach Gottes Vorbild geschaffen. Die Erde aber und die Elementarwesen, die dem Menschen zu Diensten stehen, sind vergänglich.

Die Seele als Leben des Geistes ist so unvergänglich wie der Geist selbst, und die Tiere, allen voran die Säugetiere, sind des Menschen unmittelbare Geschwister. Seelengeschöpfe und in diesem Sinne von selber Art. Denn in der Schöpfung existiert in allem der Urgeist, der heilige Geist, der unteilbare Geist.

Damit der Mensch in seiner Verantwortung in der Schöpfung zum richtigen Handeln geführt wird, gilt es zu wissen, dass die Wiedergeburt im Sinne der Reinkarnation nicht gleichzusetzen ist der geistigen Wiedergeburt. Geistige Wiedergeburt ist die Wiedergeburt des Geistes Gottes im Menschen und diese findet im Herzen des Menschen statt. In den vier Kammern seines Herzens. Denn die Auswirkungen seines Denkens und Handelns begleiten ihn von Existenz zu Existenz seines ewigen Seins.

So ist das Wiederkehren der Menschenseelen in einen Erdenmenschenkörper eine Notwendigkeit für die Evolution der Seele. Die materielle Welt, die schnelle Schwingungswelt ist eine Erfahrungswelt des Seins um die Liebe zu lernen, die Nächstenliebe, die aus der Barmherzigkeit hervorgeht.

Engel des Vaters, eine mächtige Heerschar zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Chaos der losgelassenen Schöpfungsurgewalten. Engel des Lichts und hohe Geistwesen, Sternengötter, als Lenker und Ordnungshüter der Sterne und Planeten und die Geisteskräfte der Welten ohne Licht. Welten der Finsternis und des Chaos und gröbster materieller Gestaltungen. Elementarwesen der Zerstörung, des Zerfalls und der Vernichtung. Sie alle begegnen uns, gleich, ob wir das wahrnehmen oder nicht.

Und niemand kennt das wahre Sein der höchsten Wesenheit, die uns als Menschen zugänglich ist, die wir als Gott kennen und in der sich Gott aus sich herausgestellt hat: UR. Nicht einmal die höchsten Geistwesen, die dieser Wesenheit sehr nahe sind. Der Schöpfer, der Priester, der Gott und der Vater, der der Sohn selbst ist, ist Jesus. Diese Wesenheit der Geisteskraft ist in allem was ist. So ist es zu verstehen, wenn gesagt wird, es gibt nur einen von uns. Wir und diese Wesenheit sind eins in dem Sinne, dass wir sein Geisteseigentum sind. Er, die Ganzheit. Ich bin der Ich bin. Wir, Teile der Einheit.

Alles was ist hat Bewusstsein. Jedes Organ im Körper eines Menschen. Das Wasser ist von höchster Bedeutung, ein Urelement und in allem materiellen Leben vorhanden. Auch der Stein hat Bewusstsein und findet den Weg hin zum Göttlichen. Seinen Entwicklungsweg misst man mit Ewigkeiten. Es ist in allem alles gleichermassen angelegt.

Der Geist hat sich die Seele geschaffen. Das Leben des Geistes ist die Seele. Die Seele hat sich den Körper geschaffen. Unser Körper ist in vielerlei Hinsicht ein Gefängnis für die Seele. Doch hat es seine Notwendigkeit, und die uns gegebenen Sinne der Körperlichkeit stellen die Verbindungen zur materiellen Welt her. So können wir getrost sein, denn diese Welt ist schon herrlich zu empfinden; ist doch das Blühen der Blumen in Duft und Farbenpracht herrlicher als Salomons Seide. Um wie viel herrlicher sind erst die hohen reinen geistigen Welten.

Wie im Himmel so auf Erden und so werden wir auf viel Vertrautes treffen, wenn wir dem Guten unsere Aufmerksamkeit zugewandt haben. Welche unbeschreibliche, namenlose Herrlichkeit wird uns erwarten, wenn wir die Liebe des Lichts in dieser Welt bereits leben und hier schon die Nächstenliebe praktizieren.

Unteilbarer Geist, der sich in allen Religionen wiederfindet. Die Zeit kommt und steht unmittelbar bevor, wo das Jesuswort die Menschheit und die ganze Schöpfung wird anleiten.

Die drei Vorkapitel:

Liebe, Dichtung und Weisheit

Erstes Vorkapitel:

Die Liebe

Der Korintherbrief über die Liebe:

Wenn ich mit den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber nicht Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel. Und wenn ich Prophezeiung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiss, und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, aber nicht Liebe habe, so bin ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeilen werde, und wenn ich meinen Leib hingebe, auf dass ich verbrannt werde, aber nicht Liebe habe, so ist es mir nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig, ist gütig; die Liebe neidet nicht; die Liebe tut nicht gross, sie bläht sich nicht auf, sie gebärdet sich nicht unanständig, sie sucht nicht das ihrige, sie lässt sich nicht erbitten, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft auf alles, sie erduldet alles.

Die Liebe vergeht nimmer; seien es aber Prophezeiungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden. Denn wir erkennen stückweise, und wir prophezeien stückweise; wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindisch war. Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen gleichwie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; das Grösste aber von diesen ist die Liebe.

Zweites Vorkapitel:

Die Dichtung

Zwei Gedichte von Bruno Nagel:

Das Blühen der Wolken

Es heisst

Die Wolken seien

Das Blühen des Wassers

Waren Wir Wanderer

Waren wir Wanderer

Gegenwärtig wartend

Kamen uns Seelen entgegen

Wir waren immer da

Waren wir Gräser

Immer im Wind

Kamen uns Menschen

Wie Blumen entgegen

Wir waren immer da

Waren wir Boten

Die Liebe besingend

Kamen uns Stimmen

Wie Gebete entgegen

Wir waren immer da

Drittes Vorkapitel:

Die Weisheit

Jesus spricht: „Wer mich sieht, der sieht den Vater, denn der Vater ist in mir und ich bin in ihm. Der Vater aber ist grösser denn ich. Der Vater ist die Liebe. Die Liebe kann nicht den Kreuzestod sterben. Ich bin die Weisheit und lehre Euch die Barmherzigkeit, die da ist die Nächstenliebe. Wenn ich nicht mehr bin, sende ich Euch den Geist der Wahrheit, der da ist der allgegenwärtige Wille Gottes."

Bede Griffiths, ein Benediktinermönch, geboren neunzehnhundertsechs in England, lebte seit neunzehnhundertfünfundfünfzig in Indien und schrieb zu Ende seines Lebens neunzehnhundertdreiundneunzig das Buch Universal Wisdom, unteilbarer Geist, Quell der Heiligen Schriften.

Bede Griffiths sagte: „Es ist bezeichnend, dass Mohammed im Koran darauf bestand, Gott habe keinen Sohn. Denn eine solche Auffassung hätte die Einzigartigkeit des monotheistischen Gottes, an den er glaubte, unterhöhlt. Indem er sich selbst Sohn nannte, setzte sich Jesus in Beziehung zu Gott, zur letzten Wahrheit und Realität.

Die Schöpfung selbst ist, nach Thomas von Aquin, eine Beziehung zu Gott. In Jesus werden die gesamte Schöpfung und die gesamte Menschheit zu dieser lebendigen Beziehung, in der Jesus zum Vater steht, geführt. Wir sind zu Gottes Volk geworden (1. Petrusbrief, Kap.2). Das aber möchte der semitische Monotheismus nicht wahrhaben. Doch die gesamte Überlieferung der universellen Weisheit sieht diese innige Beziehung zwischen Gott und Menschheit, zwischen Gott und Schöpfung."

Bede Griffiths spricht davon, dass Jesus Christus keine Kirche gepredigt hat und auch keine Priesterschaft, sondern die Laienpredigt und die Gottesanbetung an jedem beliebigen Ort und in jedem beliebigen Land: Die Kirche der Zukunft sind die Laienbrüder und -schwestern. Jesus hat nicht die Kirche gepredigt, sondern das Königreich Gottes.

Denn so spricht der Herr in den Evangelien:"Heilig sind die Knechte, die der Herr, so er kommt, wachend findet."

Siehe dies ist die Stille: Den Herrn in uns ein Wort sprechen lassen, das er selbst ist.

Die Kapitel der vier Bücher des Anshelm

Erstes Buch:

Anshelm

Die Geburt

Das Aufwachsen

Der Vater

Die Mutter

Die Rüstung

Das Schlachtfeld

Der Schmied

Die Liebe

Der Bachlauf

Der Spanier und Magier

Der Mönch

Gott

Die Wiese

Der Tod

Zweites Buch:

Melisande

Die Tiere

Das Tal

Der Schäfer

Der Hans

Die Geheimnisse

Der Glaube

Das Gebet

Die Sternengötter

Das Heilen

Drittes Buch:

Almuth

Die Seewirtin

Der Wasserelbe

Die Gralmuth

Der Birnbaum

Die Almwirtin

Der Fels

Viertes Buch:

Blumenpeter

Der Grossvater

Die Blumen

Der kleine Waldgeist Blitzgescheit

Die Hochzeit

Die Kinder

Die Wiedergeburt

Das Wasser

ANSHELM

Zeit der Gotik 1140-1500, Zeit Meister Eckhart 1260-1328,

Zeit Hildegard von Bingen 1098-1179,

Zeit Mechthild von Magdeburg 1207-1282, Zeit der Kreuzzüge 1096-

1270

Die Geburt

Es war eine ruhige Nacht. Der Lärm der Burgbewohner war früh verklungen und es schlugen keine Hunde an, was ungewöhnlich war, denn es gab einen hohen Wildwechsel in unmittelbarer Umgebung und wenigstens einer der jungen Hunde reagierte für gewöhnlich darauf. Eine Winterlandschaft ohne Wolken mit leuchtendem Sternenhimmel. Seine Mutter war ebenfalls, wie ihr vor der Geburt stehender Sohn Anshelm, im Winter zur Welt gekommen. Sie war orthodoxe Christin und vermisste die Gewölbemalereien der reich geschmückten Basilika ihrer Heimat. Über und übervolle Gewölbe mit Engeln, geschmückt in Gold und Farbenreichtum. Wenn diese Art der Winternächte kam, so sagte sie oft: Dies sind die Nächte in denen die Engel Gottes herabsteigen um selber Mensch zu werden!

Ich bin Anshelm.

Als meine Mutter lange schon schwanger war mit mir,

und mein Vater eine Nacht in Liebe mit uns verbrachte,

wenige Wochen vor meiner Geburt in die Welt,

hatte meine Mutter, in dieser Nacht der gemeinsamen

Liebe von uns Dreien,

meines Vaters Herz besungen.

Anshelm war der Namenswille meines Vaters für mich gewesen, denn sein Oheim mit französischen Wurzeln hiess Anthelme. Dieser war ein gefürchteter und starker Kämpfer gewesen, den mein Vater zutiefst verehrte ob seiner Macht, Kraft, Stärke und seines Willens.

In dieser Nacht aber, als er aus dem Wald zu uns gekommen war,

hatte sie das kleine „h" eines Helden im Kettenhemd, herausgerungen aus ihm.

Er machte ihr dieses Zugeständnis in Liebe für sie.

Jedoch vergass er dieses Versprechen und ich kam zur Welt als der Anshelm meines Vaters und der Anselm meiner Mutter.

Ich bin Anselm, meiner klugen Mutter Sohn.

Und ich habe meines Vaters klare, starke Augen.

Später, dann als Junge, rief mir mein Vater beim Waffengang öfter zu: Anshelm, du trägst deiner Mutter Helm, nicht den meinen.

Das wurde aber mit dem Älterwerden anders, doch nur für eine kleine Zeit.

Das Herz, das man in die Welt mit hineinnimmt, behält seinen Schlag bei.

Dieser wird nur fester und ruhiger, unbeirrter, wenn es soweit ist.

Das Aufwachsen

Anselm hatte früh schon ein ausgeprägtes Gefühl für alle Dinge die ihn umgaben oder mit denen er in Berührung kam. In allem fand er das Gleiche, so dass er allen Dingen mit gleicher Zartheit begegnete. Einem Tier begegnete er genauso wie einem Stein. Und beides war gut. Das Tier konnte ihm folgen, zu ihm kommen um sein Berühren zu empfangen. Zum Stein musste er hingehen. Das war ein noch bewussteres Zuwenden, da der Stein nicht sprach, nicht schnurrte, nicht atmete, nicht die Hand leckte, sondern scheinbar ewig stumm und unverändert unbewegt war. Und doch von einer gleichen inneren Lebendigkeit, einer unendlich langsameren eben. Und doch, wenn Wasser stetig auf ihn niedertropft, veränderte er sich, wurde verändert, wandelte sich innerhalb eines Menschenlebens.

Es gab Plätze seiner Kindheit, die er als reifer Mann aufsuchte, an denen sich die Steine dort verändert hatten.

Anselm wurde von seiner Mutter, in aller Heimlichkeit vor dem Vater, in das Wissen der Heilweisheit der Frauen eingeführt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Sein Vater duldete das nicht und hielt als gläubiger Christ das alte Heidenwissen für Hexerei, gleichwohl, wenn es auch seinen eigenen germanischen Wurzeln entsprang oder wenn es übernommen war als Heilkräuterkunde bei den Nonnen und Mönchen. Ihm war es suspekt.

Seine Mutter eröffnete ihm die Natur und deren Elementarwelten. Den Einfluss des Mondlaufes. Für sie gab es keinen Gewissenskonflikt als orthodoxe Christin, zwischen dem Heilungswissen der Natur und dem Heilwesen des Glaubens.

Auch der Vater führte Anshelm in die Natur ein, aus der Sicht des kundigen Jägers. Er wusste aus Beobachtung um das heilende Wirken des Wassers, wenn verwundete oder kranke Tiere in quellgespeiste Wasser stiegen, um sich so selbst zu heilen.

Etwas Entscheidendes prägte Anshelm in seinem Heranwachsen.

Es gab vor der Burg eine vorgelagerte städtische Ansiedlung in der Menschen lebten, welche die Ländereien seines Vaters bewirtschafteten. Wer dort lebte durfte das Land nutzen und war nur verpflichtet es nach Vorgaben zu bewirtschaften und den zehnten Teil an seinen Vater abzugeben. Ebenso durften sie den Forst nutzen und Niederwild bejagen. Sein Vater hatte sich dies von den Mönchen abgeschaut und zudem war er ein gläubiger Mensch, las regelmässig in der Bibel, er war des Lateins in Schrift und Sprache mächtig, führte Briefwechsel mit Äbten und setzte die Lehren Jesu, nach eigenem Verstehen auf seinen Besitztümern um.

In der Mitte der Ansiedlung war ein mächtiger Lindenbaum und um diesen Baum fand regelmässig ein Krämermarkt statt. Händler und Kleinhandwerker kamen und boten fremde Waren, Stoffe, Gewürze und Handwerkstätigkeiten an. Da gab es einen Händler, der seinem Vater auffällig wurde, da er sich nie an die Regeln und Vorgaben hielt und immer eine fadenscheinige Entschuldigung bereithielt. Man habe ihm die Regeln dieses Jahr nicht kundgetan, obgleich er das fünfte Mal schon hier war und die Regeln an der Linde gut sichtbar angeschlagen waren, und jeder der hier einen Stand beantragte, die Regeln erläutert bekam und die Anerkenntnis zu zeichnen hatte. Oder sein Pferd sei lahm, seine Frau läge krank und deshalb könne er sich auf nichts anderes recht besinnen und müsse sich mit ganzem Wesen um diese kümmern. Doch weder das lahme Pferd war vorgespannt, noch die Frau zugegen im Wagen oder im Gasthaus. Darauf angesprochen gab er zur Antwort: Ja, er wäre halt mit Seele und Geist bei ihnen. Wenn der Marktwächter ihn darauf hin zur Rede stellte und harsch anging, so fing dieser Händler an, wenn er merkte, er konnte die Leute mit seinen Ausreden nicht loswerden, den Marktwächter sorgenvoll anzusehen und mit stiefmütterlichem Ernst zu fragen, was denn heute nur mit dem Marktwächter los wäre, ob es ihm unwohl gehe oder er Sorgen habe, dass er ihn, den rechtschaffenen Händler, so scharf angehe.

Anshelm hatte gemeinsam mit seinem Vater beim letzten Mal genau dieser Szene beigewohnt. Sein Vater wurde zornig darüber, denn es war aus der Rede des Händlers hervorgegangen, dass dieser seinen Vater in anderer Sache belogen hatte, da er behauptete, er habe sich mit dem befreundeten Grafen seines Vaters besprochen und Einverständnis zu einem Sachverhalt erhalten, der dem Händler zu seinem Vorteil verhalf.

Nun stellte sich heraus, in Anwesenheit des Sohnes des Grafen, der bei Anshelm für einige Tage zu Besuch war und ihn begleitet hatte, dass der Händler log, denn besagtes Gespräch zwischen Händler und Graf hatte nie stattgefunden. Dieser Händler war ein Lügner der übelsten Sorte, ein Schmeichler und Heuchler. Klug und gebildet und nur auf seinen Eigennutz bedacht.

Anshelms Vater stellte ihn vor allen zur Rede und stimmgewaltig herrschte er ihn an. Der Händler liess aber nicht ab von seiner verlogenen Art und wand sich in Ausreden und wich der klaren Antwort aus.

Da wurde sein Vater im Gesicht zornesrot. Seine Stimme bebte und wäre es kein Händler gewesen, sondern ein Ritter oder anderer Schwertträger, dann hätte dieser um sein Leben bangen müssen. Wie Jesus, der mit der Geissel im Tempel zwischen die Händler fuhr, so fuhr sein Vater hier dazwischen, dass der Marktwächter angstvoll zur Seite wich.

„Händler höre meine Worte genau, die Worte des Gerichts, die uns der Herr lehrt: Euer JA sei ein JA und euer NEIN sei ein NEIN, und alles was dazwischen ist, ist von Übel. Deine Rede und Antwort Händler sind von Übel. Verlasse sofort diesen Ort und kehre nie wieder hierher zurück."

Es gab nicht viele Momente in denen sein Vater Anselm nachdenklich begegnete. Zumeist waren es Tatendrang oder Zeremonien, die sie miteinander teilten, ausgenommen das gemeinsame Speisen.

Darum waren die Momente der Besinnlichkeit kostbare Erinnerungsstücke, die sich Anselm fest im Gedächtnis behielt. Eine dieser Begebenheiten war ein entstandener Zwist zweier Herzöge deren Ländereien aneinander grenzten. Sein Vater wurde als Schlichter berufen, da beide Herzöge ihn kannten und sein Urteil akzeptieren würden. Der Konflikt war über zwei Jahre hin entstanden und die Sachverhalte kompliziert. Eine einvernehmliche Lösung war nicht vorstellbar. Eigentlich mussten beide ihre Standpunkte aufgeben, um in Anbetracht der jetzigen Situation eine Lösung zu finden, die neu zu setzen war. Anselm hatte keine Eingebung, wie man hier vorankommen konnte. Nicht so sein Vater. Dieser bediente sich einer christlichen Weisheit eines orthodoxen Kaisers, des Kaisers Augustinus, der von dreihundertvierundfünfzig bis vierhundertdreissig nach Christi gelebt hatte. Damit weckte er den christlichen Geist im Herzen der beiden Streithähne. Mit folgenden Worten des Augustinus besänftigte er die Gemüter der beiden Herzöge und holte sie zurück auf die Ebene der geistigen Verständigung: „Wer aus Liebe dient, dient frei. Hingebend tut er, was ihm aufgetragen, tut nicht mehr in Furcht, was ihm aufgezwungen. Dieser vollkommene Gehorsam weiss von keinem Gesetz." Das Gesetz der Freiheit ist das Gesetz der Liebe.

Als Anshelm vierzehn Jahre alt wurde, wachte er eines Nachts auf aus einer Vision, die er im Traum bewusst erlebte. Alles war hell und klar in dieser Vision. Stimmen laut zu hören, Körper und Bewegungen plastisch, jedoch auf eine bestimmte Art verlangsamt und verzerrt. Er befand sich auf einem freien Platz und der Boden dort bestand aus heissem Sand. Die Gebäude fremd und nicht mit Steinblöcken oder Fachwerk errichtet. Die Sonne stand hoch und schien grell. In der trockenen Luft hing ein starker fremder Gewürzduft. Anshelm stand bei einer Gruppe Männer, bei der auch Frauen mit dabei waren, und lauschte einem Sprecher von aussergewöhnlicher Strahlkraft, der eine Rede führte voll göttlicher Worte. Der Sprecher machte eine Pause und wandte dann sein Gesicht herum und sah Anshelm direkt in die Augen. In seinem Blick wirkte ein schier unbegrenzter Wille und eine klare Aufforderung drang in sein Gemüt vor, für eine Aufgabe, die er allein zu erfüllen hatte. Das war der Moment in dem Anshelm aufwachte, denn diese Aufgabe schien nicht erfüllbar, weil sie keine Zeit kannte. Sie ging über die Grenze der Zeit hinweg und war in einer Ewigkeit entfaltet.

Das sprengte sein Vorstellungsvermögen.

Der Vater

Mein Vater war ein Jäger, der die Treibjagd verachtete.

„Nur der gemeine Mensch pflegt heute noch die Treibjagd. Was ist das, ein Tier zu hetzen? Hetzt der Adler etwa seine Beute? Wenn ich ein rechter Christenmensch bin, so hetze ich weder Mensch noch Tier."

„Wölfe müssen Ihre Beute hetzen und die Bibel spricht von den Wölfen im Schafspelz als das Böse schlechthin, und ist das Böse nicht dasjenige das hetzt?"

So lernte ich von ihm die Ansitzjagd. Er lehrte mich die Fährten zu lesen und die Gewohnheiten des Wildes verstehen zu lernen. Was treibt das Tier an und wie verhält es sich?

Mein Vater nutzte die Jagd intensiv dafür, den Unterschied zwischen Tier und Mensch zu ergründen. „Jedes Tier, das ein Junges wirft, ist dem Menschen ähnlich. Es hat eine Seele wie wir und einen Charakter wie wir. Nicht jeder Hund der gleichen Rasse ist ein und derselbe, auch kein Pferd oder eine Kuh. Manche sind gutmütig, feige, störrisch, mutig, zahm oder wild, auch verschlagen. Alle Tiere, die ihren Wurf säugen, sind dem Himmel nah. Ein Muttertier beschützt sein Kalb und empfindet Trauer, wenn es dasselbe verliert. Ziegen, Kühe oder Pferde machen vor Freude Sprünge, wenn es im Frühjahr zum ersten Mal wieder auf die Weiden geht. Studiere die Tiere Anshelm, damit du ergründen kannst, worin der Unterschied liegt zwischen der Seele des Menschen und der Seele des Tieres. Was ist der Mensch und was ist er, wenn er gottlos ist? Wenn er gottlos ist, sinkt seine Seele in den Tod und der Mensch wird abscheulicher und grausamer als das wildeste Tier es jemals sein kann.

Selbst wenn das Tier durch einen Menschen zugrunde gerichtet wurde, gepeinigt wurde, so wird das Tier dennoch nicht in die Grausamkeiten des Menschen abfallen können. Woher hat der Mensch diese Abgründe in sich? Die Natur hat und kennt diese Abgründe nicht, das sage ich dir als lebenserfahrener Jäger."

Wenn wir in den Wäldern waren, oft für Tage nur in Begleitung unserer Hunde, dann genossen wir es auf umgestürzten Bäumen Platz zu nehmen und auszuruhen. Nicht irgendwelche Bäume, sondern nur diese hinter denen in einer Mulde ein Hirsch seinen Nachtlagerplatz hatte. Die Hunde führten uns zu solchen Stellen. Dort erwartete uns eine besondere Atmosphäre, als würde man in die privaten Gemächer eines Königs Zutritt haben.

Nur ältere Einzelgänger pflegten solche Ruhestellen. An diesen Plätzen fühlte man die Erhabenheit des Hirsches, der der König seines Reviers ist, der König des Waldes, die Verbundenheit mit der Erde, dem Himmel, dem Sonnenlicht durch das Blattwerk der Buchen;

das stille Wissen um die Grösse des Ganzen und der sichtbare Atemhauch in der aufsteigenden Feuchte des Erdbodens als wahrhaftiges stilles Zeichen des Lebens in allem.

Sein Vater sagte ihm, nachdem Anshelm dies zum ersten Mal erleben durfte: „Begreifst du nun die Worte des Psalmisten „alles was Odem hat, lobe den Herrn".

Die erste Erinnerung an meinen Vater? Es fällt mir schwer sie zu fassen. Manchmal glaube ich, dass es gar keine wirkliche Erinnerung, sondern vielmehr ein Geschehnis aus einem Traum ist. Niemand kann einem dabei helfen. Man kann nicht einmal seine Mutter dazu befragen. Am Ende bleibe ich damit allein. Allein mit dem Bild eines Mannes in Rüstung, auf seinem Pferd im Tritt, der zum Tor des Burghofes hinausreitet und sich dabei im Sattel rückwärts wendet. Ich beobachtete ihn von einem Fenster aus auf einem Schemel stehend. Er schaute nicht zu mir sondern vermutlich zu meiner Mutter hin. Jedoch bei der Wendung seines Oberkörpers und der nachfolgenden Kopfdrehung sah er zuerst auf mich. Dabei hielt er in der Bewegung nicht inne, nur die Augäpfel in den Augenhöhlen blieben kurz stehen. Genau diese Bewegungszeitdauer auf der Augenachse gehörte mir. Sein ganzer Geist war mit ganzer Kraft in mir gegenwärtig in diesem Moment. Ich spürte seine väterliche Präsenz als starken Willen vollkommener Klarheit, Helligkeit und Eindeutigkeit.

Das Ereignis war aber noch nicht vorbei. Nachdem mein Vater meine Mutter mit Blick und Geste verabschiedet hatte, und er sich zurückdrehte im Sattel, hielten seine Augen nochmals inne, um mich anzusehen. Dieser Blick war voller Vaterliebe. Nicht durchdringend und auslotend sondern von aussen aufgelegt wie eine Hand. Wärme ausströmend und mein Inneres nach aussen ziehend ins Licht.

Was ich an ihm mochte, war sein feiner Sinn für die Schöpfung um ihn herum. Er liebte die Landschaften mehr als die Siedlungen. Er war fest davon überzeugt, dass zuerst der Gedanke da war, dann das Wort und daraus die Schöpfung entstanden war. Dabei ging er von sich selber aus, indem er sagte, dass wir nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurden und dass es auf Erden wie im Himmel sei. Ergo, wenn er zuerst denkt, bevor er spricht, um dann zu handeln, so hat das Gott ebenso getan. Da Gott aber in keinem erfassbaren Verhältnis grösser und mehr ist als der Mensch, ist er also in der Lage so etwas Herrliches wie die Bäume und Pflanzen, die Sonne, die Sterne, die Tiere und den Menschen sich zu denken und zu erschaffen. Mit dieser Erkenntnis betrachtete er voller Bewunderung und mit Zärtlichkeit, die er für die Menschen noch nicht hatte, die verkörperten Gedanken Gottes in der Natur. Nie war er müde davon zu schwärmen, wie man dabei die Liebe, die Weisheit und die Allmacht Gottes kennenlernt.

Mein Vater sprach dabei vom Schönheitssinn, der allen unseren Sinnen vorsteht. Denn nur die Liebe kann Schönes schaffen; also hatte die Liebe Sinn für das Schöne. Wir Menschen versuchen das Schöne nachzuahmen, doch sagt schon die Schrift, dass selbst Salomon in all seiner Pracht nicht so schön gekleidet war, wie die Blumen auf dem Feld.

Als mein Vater älter wurde, wuchs in ihm die Erkenntnis über die Bedeutung der vier Jahreszeiten und ihre Entsprechung hinsichtlich der Lebensaltersabschnitte des Menschen, gleichsam damit auch der Zusammenhang mit der Kreuzform, den vier Himmelsrichtungen, den vier Evangelien und den vier Kammern im Herzen des Menschen. Es gab wertvolle Bücher die in seinem Besitz waren, die er von seinen Vorfahren vererbt bekommen hatte als ältester Sohn. Bücher aus Bibliotheken des Orients, die in unser Land gekommen sind durch die Kreuzzüge. In diesen Büchern waren reich bebildert und beschrieben die Organe, Muskeln, Knochen und Innereien des Menschen, ebenso ihre Funktionen. Mein Vater hielt diese Bücher geheim, denn sie waren nicht erlaubt. Der Menschen Leib zu öffnen und zu sezieren war Gotteslästerung. In diesen Büchern war auch das Herz des Menschen beschrieben und seziert. Das Herz des Menschen hat vier Kammern. Gleichfalls im Besitz meines Vaters waren die Behänge, Schilde und Standarten der Kreuzritter, die das Balkenkreuz trugen. Ein gleichschenkliges Kreuz, das mein Vater als ein Symbol der Ausgewogenheit betrachtete.

Nach seiner Auffassung stellte es vertikal die Verbindung des Geistes Gottes, des Heiligen Geistes mit der Erde, dem Menschen dar. Der horizontale Balken ist der gerichtete menschliche Leib, an dem Jesus angeschlagen wurde, an dem er hing und sein Blut für uns vergossen hat, das am vertikalen Stab in die Erde geflossen war. Da alles für den Verstand des Menschen nicht zu erfassen ist, empfand er es für richtig, dass die Kreuzbalken gleichschenklig waren. Es gibt vier Evangelisten, die mit ihrer gleichen Botschaft die Herrschaft und Herrlichkeit Jesu Christi vierfach bezeugen, wenn auch einer von ihnen, Johannes, derjenige ist, der es geistig bezeugt. Matthäus stellt den Übergang der beiden anderen dar. Doch nur Johannes und Matthäus waren Jünger Jesu. Insofern besetzen sie den vertikalen Stab und Lukas und Markus fällt der horizontale Balken zu.

Und wenn Gott in der Stille wie ein leises Säuseln an Moses in der Höhle vorüberzieht und Gott allgegenwärtig ist, so sind die vier Himmelsrichtungen deswegen vier, weil auch das Herz vier Kammern besitzt, gleich Höhlen, in denen Moses in einer davon sitzen könnte.

So war die Aufteilung in vier Teile etwas, was meinem Vater heilig wurde, und seine Aufmerksamkeit für die Geschehnisse um ihn herum die ihn angingen, richtete sich nach dieser Vierheit aus. Aus alledem ergab sich für meinen Vater folgende Erkenntnis: In dem ersten Viertel eines Lebens, dem Frühjahr, soll die geistige Reinheit des Herzens erlangt werden durch die gute Erziehung der Eltern, indem die Eltern darauf achten, dass das Weltliche nicht Besitz ergreift vom Herz. Dadurch wird das Herz gefestigt für die Stürme und Gewitter des Sommers, das zweite Viertel des Menschenlebens. Dann wird im dritten Viertel des Lebens, der Baum Mensch Früchte tragen, die in Form von Worten und Taten sichtbar und fassbar sind. Im letzten Viertel, dem Winter, kommt alles zur Ruhe. Nur Weisheit, Güte und Langmut sprechen aus ihm und der Leib wird der Erde zurückgegeben, von der wir uns ihn geliehen haben.

Meine Mutter pflegte zusammen mit meinem Grossvater einen manierlichen Obstgarten.

Dieser lag ausserhalb der Burg auf einem flachen Hanggrund, der von einer mannshohen Trockenmauer umschlossen war und mit einem doppelflügeligen, schmiedeeisernen Tor verschlossen gehalten wurde. Die beiden Torflügel bildeten im geschlossenen Zustand eine Sonne mit Strahlencorona. Doch wurde die Sonne in der Achsenmitte von einem durch eine Rosenranke umschlungenen Kreuz gevierteilt. In der Mitte des Obstgartens gab es einen Brunnen und bei diesem einen imposanten Apfelbaum, der als Jungwuchs von meinem Grossvater aus England übers Meer herübergebracht worden war. Er hatte viele Obstbäume in der Heimaterde gross werden lassen, um sie dann in unsere Erde umpflanzen zu lassen. Zur Blüte und zur Erntezeit war auch mein Vater in diesem Garten zugegen. Ich selbst war gerne bei der Ernte mit dabei, kletterte selbst auf die Leitern und pflückte das wohlschmeckende Obst aus den Baumkronen, legte es in den schwer werdenden Rückenkorb und stieg die schwankende und ächzende Holzleiter hinab, immer bedacht kein Pflückgut dabei zu verlieren.

An einem dieser Erntetage an dem mein Vater zugegen war, sassen wir zusammen in der Mittagsstunde bei dem Brunnen auf einer Steinbank. Wir assen und tranken schweigend und betrachteten dabei den stolzen, grossen Apfelbaum, der seine Jugend in England verbracht hatte und heute hier in voller Altersreife stand. „Wenn ich diesen Baum mit seinen vielen Apfelfrüchten betrachte Anshelm, so scheint er mir wie ein Gleichnis für Gottes unzählige Menschenkinder, alle gleich aber nicht gleich gross und nicht gleich reif. Was weiss der eine Apfel schon vom Baum oder von den anderen Äpfeln, die weiter oben oder auf der anderen Seite hängen? Was weiss der Apfel von den Wurzeln, die in der Erde stecken, vom Sturm der an Stamm und Astwerk reisst? Was von der Schnee- und Eislast im Winter und was vom Frühling und seiner Blütezeit oder kannst du dich oder ich mich an unsere Zeit als Kleinkind entsinnen? Wir glauben aber reden zu dürfen, uns eine Meinung bilden zu dürfen oder mit Gott ins Gericht zu gehen, ihn anzuklagen oder es besser zu wissen als er, ihm Ratschläge zu geben; nur weil wir so eine herrlich schmackhafte Frucht geworden sind, treibt uns der Hochmut zur Dummheit. Wir wissen nichts von der Kraft der Sonne und des Wassers, des Windes oder der Vernichtung durch Feuer, alles was der Baum weiss. Hundert, nein tausend Vögel, Bienen und Menschen, die hier waren, sind gestorben und der Baum steht noch. Und doch so gering und unwissend wie der Apfel ist, wie wir sind, so trägt der Apfel doch den Samen für einen neuen Baum in sich und ergo auch das Wissen, welches der Baum hat. Der Geist des Baumes ist ungeweckt im Samen des Apfels."

Sein Vater stand auf und schritt zu diesem Baum hin, fasste nach oben, bog einen Zweig zu sich herab, pflückte einen Apfel, dankte Gott für die Speise und biss hinein.

Er konnte helles Licht sein. Da stand sein Geist aus ihm herausgestellt und sprach in die Welt hinein. Oft dachte ich, er spricht gar nicht zu mir, sondern ich bin nur der eine Mensch, der ihm Anlass gibt zu sprechen. Abrupt ging der Moment zu Ende und er schnappte sich einen weiteren Apfel und biss herzhaft hinein, kaute, biss ein zweites und drittes Mal zu. Dann schleuderte er den Rest der Speise beiseite ins hohe Gras. Genauso wie er fragil wurde im Gebet vor der Schlacht, hellhäutig und zart wie eine Blüte, um einen Moment später ein Stein von einem Mann zu sein, mit einem Schwert in der Hand, das keinen Gegner fürchtete noch schonte.

Es gibt Tage, die ich mit meinem Vater verbracht habe, die sind wertvoll wie das Reich der Könige. Nie werde ich vergessen wie er mich die Achtsamkeit gelehrt hat. An einem stillen Sommerabend nach einem Durchgang im Dorf, vereinzelten Gesprächen mit Angesehenen der Bürgerschaft, Gesprächen mit Armen gleichwohl, fanden wir am Dorfbrunnen Ruhe und sassen dort für ein Gespräch zwischen uns beiden. „Wenn du einen deiner Gedanken nimmst und ihn zur Tat führen willst, weil er sich in dir so stark andrängt, so überlege genau ob du ihn beleben willst. Prüfe ihn zuerst scharf vor deinem Verstand und befrage dich, ob er vernünftig ist. Ich sage dir aus Erfahrung, dass, wenn der Gedanke dich erst einmal gelüstet, dann ist dieser Gedanke schon im Bereich ausserhalb der Vernunft. Er wurde zum Spielball deines Wohlgefallens. Es wird für dich unglaublich schwierig sein ihn wieder loszuwerden oder ihn im Nachgang im Keim zu ersticken."

Die letzte Erinnerung an meinen Vater bleibt mir immer gegenwärtig.

Es ist der Tag seines Sterbens auf dem Schlachtfeld und ich höre seine eigenen, an sich selbst gerichteten Worte: Wer das Schwert wählt, der wird durch das Schwert sterben.

Das Schwert, das mein Vater führte, war eine berühmte Schmiedearbeit aus Sachsen.

Ein heidnisches Schwert wohlgemerkt, das aus dem Besitz Karl des Grossen kam und später in den Familienbesitz meines Vaters, durch eine Schenkung, überging.

Der Name dieses Schwertes war Muspilli.

Das war die altsächsische Bezeichnung Jesu Christi. Es bedeutet soviel wie Mundtöter und war aus der Apokalypse des Johannes 19, 11-21 entlehnt, denn dort steht geschrieben, dass er seine Feinde mit einem Schwert erschlägt, das er im Munde führt.

Die letzte Erinnerung an meinen Vater ist mir deshalb gegenwärtig, weil sie mich mehrfach an den Platz seines Todes hat zurückkehren lassen. Jeweils zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Ganz gleich, wann ich auch dort war, immer war dort ein erschreckendes Empfinden gegenwärtig. Sobald ich in die Nähe kam, kamen sie mir entgegen und umringten mich, die Gefallenen, in gebührendem Abstand. Doch der, den ich suchte, war nicht wahrnehmbar. Entweder hielt er sich auch in Abstand oder er war dem Ort fern, zumindest wenn ich dort war.

Die Schlacht war im Herbst gewesen, jetzt war es Winter. Dieser eine besagte Herbsttag, der mich schmerzt. Der Herbstwandel, der meine Seele umdreht.

Ein breit abfallender Hohlweg, gesäumt von alten Buchen, in denen sich das Herbstlicht goldfarben im Laubblattwerk spiegelt. Der Boden des Weges war gänzlich überdeckt von rostrotem und orangenem Laub, bis hin zu reinem Goldlaub. Der Wald im Herbst wird lichter, wird einsehbar und die Sonne versucht tiefer einzudringen. Sie macht das Goldlaub glänzend. Und das wenige weisse Licht dazwischen ist wie die Reife des Augenblicks, der leuchtet und der eigentliche Glanz ist.

Die Mutter

Die Quelle der Schönheit aus dem der Geist meiner Mutter sich speist, ist ihr Herz.

Ihre Eltern haben ihr wohl in Voraussicht den Namen Sophia gegeben.

Meine Mutter war eine echte Sophia, voll weiblicher Weisheit.

Sehr früh hatte sie begonnen mir in liebevollen Worten ihre Weisheit anzutragen:

„Mein geliebter Sohn, ich möchte dich als meinen Zuhörer bei mir haben, denn ich will zu dir über meine Liebe zu deinem Vater sprechen. Unbewusstes erkennt Unbewusstes irrtumslos. Blitzschnell ist das seelische Flimmern und alles ist ausgetauscht. Wenn du dieses erste Erleben einmal verlierst über die Jahre, so nimm dir Zeit an einem stillen Ort und bringe deine Seele dorthin zurück, wo sie einstmals war beim ersten Verlieben, sprich an den Ort, des ersten seelischen Flimmerns. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich als Kind ein Empfinden kannte, das dem Verliebtsein gleich kommt. Ich will das nicht ausschliessen, aber ich habe es so nicht erfahren."

In der Obhut meiner Mutter befand sich der Obstgarten meines Grossvaters, den dieser einst angelegt hatte. Viele neue Obstsorten und Beeren stammten jedoch aus der Anpflanzung meiner Mutter und die heutige Fülle und Pracht, des weithin bekannten Obstgartens, war das Verdienst meiner Mutter. Sehr genau entsinne ich mich der Tage, an denen wir beide gemeinsam durch den weitläufigen Garten schlenderten und sie mir die Fruchtbarkeit der Natur, anhand der fruchttragenden Gewächse, erschloss. Bis heute ist dies in mir ein helles Licht einer Bewusstseinsveränderung, die ich mir in Erinnerung bringen kann. Durch dieses Erlebnis habe ich eine persönliche, eine ichbezogene Beziehung zum Wesen der Natur gefunden.

Die Schönheit meiner Mutter war sprichwörtlich; ihre Haut war sehr hell und die Zähne makellos perlweiss, die Augen strahlend hellblau mit schwarzem Aussenrand, die Haare dunkelblond und wellig dick, die Stirne hoch und die Nase schlank, ein Paar kleine Ohren und volle Lippen natürlichen Rotes.

Sie duftete nach Rosenöl, das sie sich von den Händlern des Südens regelmässig bringen liess. Zudem war meine Mutter für eine südländische Frau gross gewachsen.

Was sie schlecht vertrug, war das raue Wetter und die Kühle in der Nacht.

Ebenso den feuchten Nebel am Morgen. Die harten Winter waren ihr ein Graus.

Der Sommer war ihre Jahreszeit und sie litt zeitlebens an der Unverhältnismässigkeit der zu langen Herbst- und Wintermonate und zu kurzer Frühlings- und Sommerzeit.

„Wenn ich winters am Fenster sitze, gewärmt durch die Strahlen der Sonne, die durch das Fensterglas dringen, so empfinde ich dieses Licht als warmes Licht, das in meine Seele dringt und hier meine geistigen Kräfte zum Reifen bringt. Im Licht der Sonne reifen die Früchte und im Gotteslicht reift des Menschen Geist. Für mich ist das Sonnenantlitzgebet wie eine Unterstützung für meine Seele, bei dem ich meine Kräfte ganz Gott hinwende, damit ich eine vollkommen reife Frucht werde und leuchte in der Ordnung Gottes."

Auf unserer Burg gab es von Anbeginn eine stattliche Kapelle, die ansehnlich bemalt war im Innenraum, schlicht aber schön. Meine Mutter hatte meinen Vater jedoch davon überzeugt, die Kapelle nach ihrer Religionszugehörigkeit, also byzantinisch, auszugestalten. Was dann auch geschah. Heute ist diese Kapelle ein golden strahlendes, mit prachtvollen Engeln, Seraphim und Cherubim übersätes Kleinod. Meine Mutter teilte die innere Überzeugung, dass ein Seraph und ein Cherub eine Paargemeinschaft sei.

„Es gibt einen Konflikt zwischen Mann und Frau, der notwendig ist um zu erkennen, dass wir zwei Hälften eines Wesens sind. Gott hat uns aus einem Leib erschaffen.

Aus der Rippe des Adams formte er die Eva. Ich glaube an die Tiefe dieser Symbolik und ich sehe in dir mein Sohn, dass du das Weibliche in dir fühlst und erkennst als die andere Hälfte deiner Seele."

Zudem war sie eine belesene Frau und pflegte Briefwechsel mit Äbtissinnen. In ihrer Bibliothek befanden sich auch Abschriften der Werke von Hildegard von Bingen. Ich erinnere mich an folgende Worte von Hildegard, die sie gerne zitierte: Der Schöpfer hat dir den besten Schatz gegeben, einen lebendigen Schatz: deinen Verstand.

Sie ergänzte diese Worte sinngemäss dann um folgendes: Wir besitzen von unserem Schöpfer nicht nur unseren Verstand, nein auch die Vernunft wurde mitgegeben. Das Besondere bleibt aber, dass es ein Geschenk ist und doch, durch die Last des freien Willens, oftmals von uns Menschen am liebsten zurückgegeben werden will. Mit Hilfe der Vernunft sind wir aufmerksam mit unseren Sinnen für das Gute und das Wahre in der Welt. Unser Verstand sortiert unsere Sinneswahrnehmungen und kann das, was wirklich rein ist, in unserem Herz ablegen. Dieses Ablegen des Reinen und Guten in unserem Herz, besorgt der freie Wille in uns, und dass wir danach handeln und unser Tun darauf ausrichten.

Sollte ich in einem kurzen Satz meine Mutter beschreiben, so hätte ich dies mit schön und klug getan. Ihre Nähe war mir mit dem Heranwachsen nicht immer recht, denn einem Jüngling mit Waffendrang machen Mutterworte bang.

Sie war mit grosser Fürsorge um meine edle Gesinnung bemüht. „Achte darauf, dass du dein edles Gemüt, deine edle Gesinnung nicht dem Gesindel und Dieben, die da heissen Gedanken der Begierde oder der Wankelmütigkeit, preisgibst. Du musst gleich den Schutzmauern unserer Burg, einen festen Wall um dein geistiges Gut setzen, damit dir dieses wertvolle Eigentum nicht gestohlen wird."

Erst später habe ich in meinem Leben wichtige Dinge aus der Lehre meiner Mutter für mich entdecken können. Natürlich besass meine Mutter wundervolle Kleider und Schmuck, pflegte kunstvoll ihr Haar und trug feines Schuhwerk. Dabei vergass sie aber nicht ihren Glauben zu benutzen um darüber nachzudenken.

„Alle schönen Dinge sind schöne Dinge dieser Welt. Die schönen Dinge der Gotteswelt haben wir in unseren Sinnen nicht gegenwärtig. Es ist klug gedacht, sich nicht von den schönen Dingen anziehen zu lassen, besser ist, man lässt sie. Man verzichtet auf sie. Denn um die schönen Dinge liegt ein Schleier gewoben, eng und fest. Und in diesem Schleier bewegt sich fortwährend Ungutes, immerfort lebt und herrscht dort die Unzufriedenheit."

Heute weiss ich, dass, wenn diese Welt ohne Reize wäre, sondern nur eine öde Felslandschaft ohne Busch und