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Der Westweg: 285 Kilometer durch den Schwarzwald zwischen Basel und Pforzheim. Der Autor folgt Deutschlands erstem Fernwanderweg von Süd nach Nord durch den Schwarzwald. Er durchstreift dichte dunkle Wälder, durchquert blühende Hochmoore, saftig grüne Täler, steigt über ausgedörrte Berghöhen, übernachtet in Schutzhütten oder im Zelt. Dabei wird seine Wanderung zu einer Projektionsfläche des Jahres 2022: Hitze und Dürre, Corona, 9-Euro-Ticket und andere Zeugnisse der Zeit prägen sich als Horizonte durch die persönlichen Erfahrungen und Begegnungen des Autors mit den Menschen entlang seines Weges hindurch. Während dieser Reise durch sein Heimatland beschäftigt ihn stets die Frage: Was bedeutet Heimat? Er stellt diese Frage den Menschen, die ihm begegnen, sowie auch sich selbst. Beim Wandern gerät das Ankommen nie aus dem Blick, aber allmählich in den Hintergrund: Der Weg selbst wird zum Ziel und das Umherstreifen durch die Natur zum Selbstzweck. Aus Wandern wird so Landstreichen – deutschLANDSTREICHEN.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
DEUTSCHLANDSTREICHEN
Auf dem Westweg durch
den Schwarzwald
&
Auf dem E1 durch
den Kraichgau
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Florian Koßmann
In der Wassergall 32
56626 Andernach
Text & Fotos: Florian Koßmann
Coverdesign & Buchsatz: Florian Koßmann
ISBN 978-3-7579-1183-6
Website: florian-kossmann.de
Instagram: @deutschlandstreichen
@kossmann.buchgestaltung (Autorenservice)
@_florian_kossmann_ (Privat)
Facebook: Florian Koßmann
eMail: [email protected]
Inhalt
deutschLANDSTREICHEN
Vom Wert des Wanderns
Fragen an Menschen
Erster Teil
Auf dem Westweg durch den Schwarzwald
Der Westweg
Schwarzwaldverein
Spenden Schwarzwaldverein
Erster Tag
Zweiter Tag
Dritter Tag
Vierter Tag
Fünfter Tag
Sechster Tag
Siebter Tag
Achter Tag
Neunter Tag
Zehnter Tag
Elfter Tag
Zwölfter Tag
Dreizehnter Tag
Vierzehnter Tag
Fünfzehnter Tag
Sechzehnter Tag
Siebzehnter Tag
Zweiter Teil
Auf dem E1 durch den Kraichgau
Der Europäische Fernwanderweg 1
Kraichgau
Achtzehnter Tag
Neunzehnter Tag
Zwanzigster Tag
Einundzwanzigster Tag
Résumé
Dank
Über den Autor
Deutschland streichen?
Nein deutschLANDSTREICHEN. Also wie ein Landstreicher durch Deutschland ziehen – in Deutschland landstreichen.
Deshalb: deutschLANDSTREICHEN
Dabei handelt es sich natürlich um ein Kunstwort, mit dem ich einer Buchreihe einen Namen geben möchte.
»Person, die nicht sesshaft ist, meist keinen festen Wohnsitz hat, ziellos von Ort zu Ort zieht«. So weit die Definition des Duden zum Begriff des Landstreichers.
Im allgemeinen Verständnis ist der Begriff sogar weitaus negativer konnotiert und bezeichnet oft einen Herumtreiber oder Vagabunden.
Ich persönlich sehe den Begriff weitaus positiver und verstehe darunter einen Weitwanderer, dem es weniger darum geht, sein Ziel zu erreichen, sondern viel mehr um die Erfahrung des »Der Weg ist das Ziel«, um das Draußensein in der Natur und die damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnisse.
Während also der Wanderer in der Regel seinem Ziel entgegenstrebt, zögert der Landstreicher – wie ich ihn verstehen – seine Ankunft am Ziel hinaus.
In den vergangenen Jahren habe ich das Wandern durch Deutschland für mich entdeckt – und meine Leidenschaft, über die Erlebnisse und vor allem die Begegnungen auf diesen Reisen zu schreiben. Das möchte ich in Zukunft öfter tun, denn das Wandern ist für mich eine der schönsten Arten des Reisens. Und das Schreiben darüber hilft mir, die Erlebnisse Revue passieren zu lassen, sie dabei von einer anderen Warte aus zu betrachten, und die Erinnerung daran in meinem Gedächtnis zu festigen.
Während einer Langzeitreise im Ausland in den Jahren 2021 und 2022 kam der Wunsch in mir auf, Deutschland zu durchqueren, um meine eigene Heimat besser kennenzulernen. Da ich die Wanderung überwiegend durch die Natur oder ländliche Regionen machen wollte, kam mir beim Betrachten einer Landkarte die Idee, den Mittelgebirgen zu folgen. Dabei ergeben sich mehrere Varianten.
Diejenige, die mir am meisten zusagte, war jene durch Schwarzwald, Odenwald, Spessart, Rhön, Thüringisch-Fränkisches Mittelgebirge, Erzgebirge, welche sich wie Perlen einer Kette aneinanderreihen. Und weil ich Rügen mit seinem Kreidefelsen als lohnenswertes Ziel empfand, war die Idee einer Durchquerung Deutschlands von Südwest nach Nordost geboren.
Da eine Durchquerung Deutschlands an einem Stück vieler Wochen des Wanderns bedarf, mein Startzeitpunkt jedoch bereits in den Spätsommer fiel, kam mir die Idee, die Reise in mehrere Etappen (entsprechend der einzelnen Mittelgebirge oder Regionen) zu unterteilen und über die Jahre verteilt zu erleben. Zwar haderte ich anfangs ein wenig mit diesem Entschluss, da es sich somit nicht wie eine wirkliche Deutschlanddurchquerung anfühlen würde, doch während der Wanderung durch den Schwarzwald stellte ich fest, dass der Plan, die Strecke über die Jahre verteilt zu begehen, sich als gut herausstellte.
Zum einen könnte ich auf diese Weise stets in der besten Reisezeit wandern (Frühling oder Spätsommer), zum anderen mich aber auch besser auf jede der Regionen einlassen. Außerdem könnte ich mich so jedes Jahr aufs Neue auf den nächsten Teil der Wanderung freuen.
Auch mit Bezug auf das Schreiben über diese Wanderung hat die Aufteilung in Etappen einen Vorteil. Bei einer Durchquerung Deutschlands an einem Stück wäre die Masse an Eindrücken sicherlich so hoch, dass ich sie gar nicht ausführlich genug in ein einziges Buch packen könnte. Wandere ich jedoch immer nur für eine bis zwei Wochen, gelingt mir das detaillierte Niederschreiben der Erlebnisse viel besser.
Ich merkte also schnell, dass es mir nicht wichtig war, die Durchquerung Deutschlands an einem Stück zu bewältigen, sondern erkannte den Vorteil, dieses Erlebnis in kleinen Portionen über die Jahre hinweg zu genießen. Was mir jedoch wichtig ist: keinen Kilometer auszulassen – also immer wieder genau dort die nächste Etappe zu beginnen, wo ich die vorherige beendet hatte.
Außerdem lässt es sich genießerischer landstreichen und lustwandeln, wenn nicht ständig der Gedanke an die noch 800, 700 oder 600 vor einem liegenden Kilometer plagen. Vielmehr genießt und würdigt man jeden einzelnen Schritt umso mehr, wenn man weiß, dass einem leider nur noch zehn oder sieben oder weniger Tage verbleiben.
Und so wird die vorliegende Reiseerzählung möglicherweise der erste Band einer ganzen Reihe von Büchern werden, die eine Wanderung durch Deutschland von Südwest nach Nordost porträtieren.
Und wer weiß: Was man von Südwest nach Nordost machen kann, geht auch von Südost nach Nordwest, also vom Bayrischen Wald bis auf eine der Ostfriesischen Inseln; oder von Süd nach Nord, also von der Zugspitze nach Sylt.
Wer weiß? Wir werden sehen, wohin der Weg mich führt.
Dich, lieber Leser, führt dieses Buch aber nun erst einmal durch den Schwarzwald und den Kraichgau.
Ich wünsche Dir viel Vergnügen bei der Reise.
Das Wandern ist für mich seit wenigen Jahren nicht mehr nur eine schöne Wochenendaktivität als Ausgleich zum Alltag, sondern es ist zu einer der mir liebsten Reisearten herangewachsen – und das Reisen an sich zu einem wichtigen Teil meines Lebens.
Wenn ich ›reisen‹ schreibe, meine ich damit nicht ›Urlaub machen‹ – das soll im Verlauf des Buches noch deutlich werden. Reisen ist für mich einer von mehreren Wegen, Erfahrungen im Leben zu machen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Und hier wird bereits der Unterschied zum ›Urlaub machen‹ deutlich: Nach einer Woche Strandurlaub am Mittelmeer, die man zwischen Strand, Pool, Buffet und Privatzimmer mit Schlafen, Lesen oder Alkohol verbringt, kommt man in der Regel nicht als anderer Mensch wieder.
Das Reisen hingegen verändert einen, macht den Reisenden erfahrener (hier steckt das Wort ›fahren‹ bereits drin), macht ihn bewanderter (hier steckt das Wort ›wandern‹ bereits drin), und damit reifer.
Bei einer Urlaubsreise – eher nur eine An-reise – wechselt man von seiner heimischen Komfortzone in eine andere (vielleicht sehr viel komfortablere), wohingegen man Reisen bewusst die Komfortzone verlässt. Und das ist der entscheidende Punkt. Denn: Veränderungen passieren nur selten in der Sicherheit der Komfortzone.
In meinem Buch »Offene Herzen, offene Türen« habe ich es so beschrieben: »[…] innerhalb der Komfortzone erlebt man nichts und hat daher wenig Gelegenheit, seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln oder mental zu wachsen. Sie ist bequem, aber doch nur ein bequemes Grab. Man lebt nicht in der Komfortzone, sondern stirbt nur langsam; wenn auch bequem, aber man stirbt einen langen Tod. Will man hingegen leben, muss man Wagnisse eingehen, über seine Ängste hinausgehen und sich auf unbekanntes Terrain wagen. Sicher, ich könnte auch jeden Tag in einem so gemütlichen Restaurant [...] sitzen, köstlichen Wein trinken, herzhafte Speisen essen und danach in ein bequemes Bett fallen. Aber wenn man diesen Luxus jeden Tag hat, weiß man ihn nicht mehr zu schätzen; ist es kein Genuss mehr. So ist es vielleicht auch mit der Komfortzone. Sie ist nur etwas Schönes, wenn man durch Abenteuer, Entbehrungen und Strapazen ihren Wert wieder und wieder neu kennenlernt und sie dadurch nicht als etwas Alltägliches ansieht, sondern als einen besonderen Genuss, ein Geschenk.«
Abgesehen vom Verlassen der Komfortzone und der persönlichen Weiterentwicklung durch das Machen von Erfahrungen finde ich es wichtig, gelegentlich aus seinem gewohnten Umfeld herauszutreten und an Orte zu gehen, an denen man noch nie zuvor war. Das erweitert den Horizont und lässt zumindest für eine Weile die Blase platzen, in der man lebt.
Und all diese Aspekte werden durch das Reisen erfüllt – von dem wie erwähnt das Wandern zu eine der mir liebsten Formen herangewachsen ist.
Die Bewegung während einer Tageswanderung tut nicht nur meinem Körper gut, sondern vor allem meiner Seele. Auf einen Naturburschen und Waldmenschen wie mich wirkt der Aufenthalt in der Natur und vor allem in grünen, kühlen, stillen Wäldern sehr beruhigend. Diese antidepressive Wirkung wird auch wissenschaftlich bestätigt, weshalb das sogenannte »Waldbaden« als Therapieform in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. Aber es ist keinesfalls nötig, einen Therapeuten zu bezahlen, der einen womöglich gemeinsam mit anderen Menschen in den Wald bringt – denn Letzterer verlangt kein Geld, sondern nur, dass man sich auf ihn einlässt, und seine Stille achtet.
Mir persönlich Helfen Waldspaziergänge oder Wanderungen nicht nur, Alltagsstress abzubauen, sondern auch, meine Gedanken und Sorgen zu klären. Wanderungen und Spaziergänge helfen mir auch, Ängste als das zu sehen, was sie sind: Ängste – und keine Gefahren. Der Wald erdet mich so sehr, dass ich diese Ängste aus einer Art höheren Warte heraus oder einfach aus anderen Blickwinkeln betrachten, sie aus dieser Distanz als das Erkennen kann, was sie sind – Ängste, aber keine Gefahren –, und entsprechend einschätzen und klarer hinterfragen kann.
Die Bewegung beim Wandern tut nicht alleine dem Körper gut, sondern auch dem Geist. Selten finde ich so viele Problemlösungen, wie während des Wanderns, oder so viele kreative Ideen.
Und selten habe ich einen so guten und konstruktiven Austausch mit Freunden, wie auf gemeinsamen Wanderungen. Die miteinander gemachten Erlebnisse schweißen zusammen, das gemeinsame Schweigen ist oft eine positive Ergänzung zu den guten Gesprächen – und während einer Wanderung in der Natur sind solche Lücken in der Konversation alles andere als unangenehme Momente des ›ich weißt nicht, was ich sagen soll‹.
Was Mehrtageswanderungen anbelangt, so hat es bei mir einiger Jahre und mehrerer Versuche bedurft, sowohl den Schritt zu wagen, als auch den Mut aufzubringen, eine solche Tour durchzuziehen. Zwar war bereits über viele Jahre hinweg der Wunsch nach einer langen Wanderung in mir gereift, doch ich nicht mit ihm; und der Mut für das Draußenschlafen oder Wildcampen fehlte schlichtweg.
Bei der Überlegung, wie ich eine lange Wanderung mit möglichst wenig Gepäck und im Idealfall von Unterkunft zu Unterkunft machen könnte, stieß ich bald auf den Jakobsweg Camino Francés. Im Jahre 2018, in jenem Jahr, in welchem mein dreißigster Geburtstag bevorstand, war es dann endlich so weit. Mein Arbeitgeber gab mir die Chance, den größten Teil meines Jahresurlaubs am Stück zu nehmen. Zusammen mit den Wochenenden und einigen Feiertagen kam ich somit auf 45 freie Tage.
Die Pilgerreise auf dem Jakobsweg sollte aber nicht einfach nur eine Wanderung sein. Sondern in Anbetracht des bevorstehenden dreißigsten Geburtstages sollte sie vor allem der inneren Einkehr dienen, bei welcher ich zum einen die vergangenen zehn Jahre reflektieren, als auch die kommenden zehn Jahre visualisieren mochte. Ich wollte mich ehrlich fragen, ob ich das, was ich mir vorgenommen, ob ich die Pläne, die ich geschmiedet, auch wirklich in die Tat umgesetzt hatte. Beziehungsweise welche faulen Ausreden ich für die Nichtumsetzung erfand. Auch wollte ich sehen, wie ich mit mir, mit meinem Körper, mit meinem Potenzial umgegangen war. Und ich wollte mich vor allem mit der Frage beschäftigen, ob ich so weiterzumachen gedachte, ob ich die vergangen zehn Jahre nur wiederholen, oder etwas in meinem Leben ändern wollte.
Diese Auszeit war ein Segen und hat viel verändert. Während des Pilgerns hatte ich genügend Zeit für diese innere Einkehr. Sie hat viel bewirkt.
2019 wanderte ich dann entlang des Eifel-Camino, einem der deutschen Jakobswege. Die für mich teils unfassbaren Begegnungen und Fügungen habe ich in einem eigenen Buch verarbeitet (siehe den Bereich »Werbung« am Ende dieses Buches). Im Jahr 2020 folgte ich dem Eifelsteig von Aachen nach Trier für zwei Wochen durch die wunderschöne grüne Eifel.
Auf diesen beiden Wanderungen tastete ich mich vorsichtig näher an das Wildcampen und Schlafen im freien heran, testete dabei meine Ausrüstung und lernte abzuwägen, was und wie viel ich wirklich an Equipment brauchte. Erst auf der Wanderung durch den Schwarzwald entlang des Westweges wagte ich nach diesen anfänglichen »Trockenübungen« den Sprung ins kalte Wasser – und der war gut!
Das Wandern auf solchen Mehrtagestouren erdet mich. Dabei sehe ich nicht nur, was ich körperlich leisten kann, sondern auch, was ich wirklich brauche, und mit wie wenig – und auch mit wie wenig Abwechslung in meiner Ernährung – ich auskommen kann. Es tut gut, auf das Nötigste reduziert zu sein – wobei ich Zelt, Schlafsack und einen Gaskocher bereits als Luxus empfinde.
Den auf die Psyche positiven Effekt einer Tageswanderung wird von einer Fernwanderung noch übertroffen. Vielleicht nicht unbedingt in den ersten Tagen, denn in denen liegt der Fokus oft mehr auf dem Körper und seinen Schmerzen und Beschwerden. Doch hat der Körper erst zur nötigen Kraft gefunden, geht es ins Eingemachte. Man sprüht vor Energie und vor Ideen, möchte am liebsten gleich sein ganzes Leben umkrempeln, oder hat einfach geniale Geistesblitze; seien es Lösungen für Probleme oder aber kreative Ideen wie die Story für ein neues Buch.
Ein weiterer wunderbarer Bestandteil des Wanderns sind die Begegnungen. Und damit meine ich nicht nur die Begegnungen mit anderen Menschen, sondern auch jene mit sich selbst.
Sich selbst begegnen? Oh ja. Wenn es beginnt zu regnen, begegne ich dem genervten und fluchenden Pessimisten. Finde ich zur Mittagszeit ein lauschiges Plätzchen im Schatten eines Baumes auf einer grünen Wiese, begegne ich dem Ziegenpeterl in mir, der – mit einem Halm im Mundwinkel – verträumt im Gras liegt und die Wolken beobachtet. Verbringe ich eine kalte Nacht in einer Schutzhütte, begegne ich dem Henry David Thoreau in mir, wie er im Schein einer Kerze ins Tagebuch schreibt. Und darf ich wieder über eine jener Fügungen staunen, durch die sich ein gehegter Wunsch erfüllt, begegne ich dem Hans im Glück in mir.
Die Begegnung mit sich selber, beziehungsweise die Freiheit, sich in jeder Situation selbst zu beobachten, zu schauen, was eine Situation in einem auslöst, und dann bewusst zu entscheiden, ob man nur einfach wie gewohnt reagieren, oder bewusst agieren möchte, sind ein großes Geschenk für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Doch nicht nur die Begegnungen mit sich selbst sind wertvoll, sondern ebenso der Austausch mit jenen Menschen, die man unterwegs triff. So lerne ich beispielsweise durch die unglaubliche Hilfsbereitschaft, die mir zumeist entgegengebracht wird, stets aufs Neue, wie gut die Menschen sind; dass sie eben nicht jene Egoisten sind, die nur nach ihrem eigenen Vorteil gieren.
Durch die Gastfreundschaft lerne ich wieder und wieder, dass die Deutschen dem ihnen noch immer anhaftenden Ruf, kalt und distanziert zu sein, einfach nicht entsprechen. Und ich darf stets aufs Neue erfahren, dass wir in diesem Land nicht einfach aneinander vorbeileben, sondern Teil einer großen und wundervollen Gemeinschaft sind.
Ein Zitat in einem Pilgergruß in der Kirche von Montreal auf dem Eifel-Camino bringt es wunderbar auf den Punk:
»Beim Pilgern geht es nicht
um die vielen Kirchen und Kapellen
oder die schönen Landschaften,
sondern viel mehr um die Begegnungen
mit Christus in den Menschen,
die Ihren Weg kreuzen.
Im Austausch mit ihnen wird es gelingen,
den Weg bewusst
als einen Glaubensweg zu gehen,
der Einfluss auf Ihr Leben haben wird.«
Zwar ist der Satz etwas religiös angehaucht, aber selbst wenn man das Wort ›Christus‹ gegen die ›Seele‹ des Menschen austauscht, und den ›Glaubensweg‹ durch die persönliche spirituelle Weiterentwicklung ersetzt, bleiben sowohl der Sinn der Aussage der gleiche, als auch der Wahrheitsgehalt eindeutig.
Aber genug über die Theorie des Wanderns. Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen!
Wer rastet, der rostet. Auf gehts!
Die Unterbrechung meiner Langzeitreise im Ausland für eine Wanderung innerhalb Deutschlands hatte mehrere Gründe: Zum einen war die Zahl der Wanderwege in meinen Reiseländern (Türkei, Georgien, Iran) nahezu gleich null, wohingegen Deutschland ein El Dorado der markierten Pfade ist.
Zum anderen fehlten mir aber auch die Wälder Deutschlands mit der mir vertrauten Vegetation – und über die Beziehung der Deutschen zu ihrem Wald wurden sogar Dokumentationen gedreht.
Ein weiter wichtiger Grund war aber auch, dass ich gerade beim Wandern den Austausch mit Menschen schätze, und der fiel in meinen Reiseländern dürftig aus – zwar nicht in den Metropolen und touristischen Städten, aber auf dem Lande durchaus. Eine Unterhaltung mit kurischen Schafhirten, georgischen Bergbauern, oder persischen Wanderern beschränkte sich leider stets auf eine Handvoll Vokabeln und ein paar Gesten oder Handzeichen. In Deutschland hingegen ist es mir möglich, mit jedermann und jederfrau zu kommunizieren und vor allem die tiefgründigen Gespräche zu führen.
Außerdem war die Wanderung durch mein Heimatland eben genau das: Eine Reise durch Heimat.
Vor der Auslandsreise empfand ich stets ein gewisses Gefühl der ›Heimatlosigkeit‹, des ›nicht wissen, wohin man gehört‹. Deshalb hatte ich mir gar die Option offengehalten, für ein paar Jahre oder gar ein ganzes Leben in einem anderen Land sesshaft zu werden. Doch interessanterweise zeigte mir gerade die Reise fernab der Heimat, was denn Heimat für mich bedeutet – das soll im Laufe der Erzählung deutlicher werden.
Deshalb war das Thema »Heimat« ein ganz zentrales während meiner Wanderung innerhalb Deutschlands.
Weil ich wissen wollte, wie Bürger dieses Landes denken und fühlen, stellte ich den meisten Menschen, mit denen ich eine längere Begegnung hatte, die folgenden Fragen:
Welche ist die bedeutendste Lektion, die dich das Leben gelehrt hat?
Was bedeutet ›Heimat‹ für dich?
Was macht Deutschland zu deiner Heimat?
Die Antworten habe ich am Ende der Kapitel eingefügt.
Von Weil am Rhein nach Pforzheim
289 Kilometer
Der Westweg ist neben dem Mittelweg und dem Ostweg die älteste der drei Nord-Süd-Fernwanderstrecken durch den Schwarzwald. Er führt von Pforzheim nach Basel.
Der zirka 285 Kilometer lange Höhenwanderweg wurde im Jahre 1900 als erster Fernwanderweg in Deutschland angelegt und wird seither vom Schwarzwaldverein gepflegt und betreut. Sein Wegzeichen ist eine rote Raute auf weißem Grund.
Der Westweg ist Teil des Europäischen Fernwanderwegs E1 (Nordkap – Sizilien).
Quelle: Wikipedia
Seit 2012 gibt es »Westweg-Stempelkarten« mit den Fotos aller zwölf Westweg-Portale. Jedes Portal hat einen spezifischen Stempel. Wer neun Stempel gesammelt hat, darf sich in der Tourist-Info des Portalortes oder bei Schwarzwald Tourismus ein Geschenk abholen.
Quelle: www.schwarzwald-tourismus.info/erleben/wandern/fernwandern/westweg/stempelkarten
Der heutige Schwarzwaldverein entstand im Jahre 1934 aus dem Zusammenschluss aus sowohl des Badischen als auch dem WürttembergischenSchwarzwaldverein. Damit ist er der älteste Gebirgs- und Wanderverein in Deutschland.
Aktivitäten des Schwarzwaldvereins sind Wanderwegemarkierung und -pflege, Wander- und Natursportangebote, Naturschutz, Heimatpflege sowie Familien- und Jugendarbeit im Schwarzwald. Der Verein betreibt 22 Wanderheime, in denen jährlich etwa 30.000 Wanderer übernachten.
Der Schwarzwaldverein besteht aus dem Hauptverein (vollständiger Name Schwarzwaldverein – Hauptverein – e.V.), dessen Mitglieder mehr als 200 selbständige Ortsvereine sind. Die Ortsvereine sind in 16 Bezirken und vier Regionen organisiert und hatten 2021 insgesamt 65.000 Mitglieder.
Quelle: Wikipedia
In den Fachbereichen sind die grundlegenden Tätigkeitsfelder des Schwarzwaldvereins durch alle Vereinsebenen organisiert. Auf der Hauptvereinsebene werden einige Fachbereiche in Referaten durch hauptamtliche Zuarbeit unterstützt.
Quelle: www.schwarzwaldverein.de/schwarzwaldverein/fachbereiche
Die drei für den Wanderer sichtbarsten Fachbereiche sind der FachbereichWege, Naturschutz und Heimatpflege.
Fachbereiche Wege
Der Fachbereiche Wege ist zuständig für insgesamt 24.000 km markierte Wanderwege von Pforzheim bis Basel, vom Kaiserstuhl über den Hegau bis an den Bodensee. Etwa 300 ehrenamtliche Wegewartinnen und Wegewarte leisten jährlich tausende Stunden Arbeit zur Anbringung von Schildern und Markierungen, zur Kontrolle und Pflege von Wegen und Pfaden, zur Umsetzung von touristischen Projekten im Vereinsgebiet und zur Zertifizierung von Wanderwegen.
Quelle: www.schwarzwaldverein.de/schwarzwaldverein/fachbereiche/fachbereich-wege
Fachbereich Naturschutz
Natur und Landschaft der Schwarzwaldregion sind ein unersetzliches Gut, für dessen Schutz sich der Schwarzwaldverein stark macht. Seit mehr als 100 Jahren leistet der Verein praktische Naturschutzarbeit, seit 1994 ist er anerkannter Naturschutzverband.
In den Vereinen vor Ort kommen jährlich rund 20.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden zusammen, ein Großteil davon für die Sicherung und Pflege gefährdeter Tier- und Pflanzenarten sowie ihrer Lebensräume.
Als anerkannter Naturschutzverband und Gründungsmitglied des Landesnaturschutzverbandes setzt sich der Schwarzwaldverein in Stellungnahmen zu aktuellen Bauvorhaben und Planungen für die Belange des Natur- und Umweltschutzes ein.
Quelle: www.schwarzwaldverein.de/schwarzwaldverein/fachbereiche/fachbereich-naturschutz
Fachbereich Heimatpflege
Die Schwarzwaldregion ist reich an Kultur und lebendigen Traditionen, die es wert sind, auch heutzutage eine Rolle zu spielen.
Der Schwarzwaldverein will Mitglieder, Einheimische und Gäste mit dem reichen Erbe unserer Kulturlandschaft vertraut machen.
Auch die Bewahrungen von kulturellen Zeugnissen der Vergangenheit, wie Denkmäler und historische Bauwerke ist eine wichtige Aufgabe.
Zu den Aktivitäten und Themen der Heimatpflege zählen: die Erforschung der Heimatgeschichte, Renovierung historischer Gebäude und Kleindenkmale, die Einrichtung von Heimatmuseen, Pflege des Brauchtums, Trachten und Volkstanz, Mundart, Feste und Feiern im Jahreslauf.
Quelle: www.schwarzwaldverein.de/schwarzwaldverein/fachbereiche/fachbereich-heimatpflege
Ohne die Arbeit und ständige Pflege der Wanderwege durch den Schwarzwaldverein wäre meine Reise entlang des Westweges sicherlich nicht das wunderbare Erlebnis geworden, das es war.
Die Markierung der Wege, vor allem aber die Schutzhütten haben meine Wanderung so problemlos und sorgenfrei, wie auch komfortabel gemacht.
Deshalb möchte ich den Schwarzwaldverein mit einer Spende von 0,50 € je verkauftem Buch (Print als auch eBook) unterstützen.
Daher möchte ich Dir, lieber Leser, an dieser Stelle für den Kauf des Buches danken.
Danke!
Wenn Du den Schwarzwaldverein e.V. gerne ebenfalls mit einer Spende unterstützen möchtest, findest Du alle Infos hier:
Schwarzwaldverein Hauptverein e.V.
Volksbank Freiburg
IBAN: DE87 6809 0000 0001 2483 08
BIC: GENODE61FR1
22. August 2022
Von Weil am Rhein zum Hexenbrünnli
13 Kilometer
Erkenntnis des Tages
Einmal überwunden, ist oft nicht mal halb so schlimm,
wovor man sich erst fürchtete.
Waldesruh
»Nächste Haltestelle: Weil am Rhein«, erklärt die Ansage aus dem Lautsprecher. Endlich da. Endlich raus aus dem Zug. Endlich wandern.
Die Fahrt hierher war bereits eine Reise für sich. Es ist mir kaum mehr möglich, genau zurückzuverfolgen, wie oft ich den Zug habe wechseln müssen und wie viel Zeit die Anfahrt in Anspruch nahm. Fünf Umstiege und etwa acht Stunden müssten es aber in etwa gewesen sein. Zugegeben: Das hätte ich auch einfacher haben können – doch niemals preiswerter. Und wer es günstig haben möchte, der muss eben Kompromisse machen.
Es ist Ende August 2022, und somit der letzte Monat, in dem das Neun-Euro-Ticket gilt. Ab September wird Bahnfahren wieder ausschließlich zu den regulären Preisen möglich sein. Man möchte beinahe sagen, dass damit eine nie zuvor dagewesene Epoche endet. Drei Monate, an die ganz Deutschland sich noch lange erinnern wird.
Ich sehe uns bereits jetzt als Rentner vor dem Fernseher sitzen und die Zwanziger-Jahre-Show anschauen, in der vom Neun-Euro-Ticket gesprochen wird. Längst in Vergessenheit geratene Z-Promis kommentieren die eingeblendeten Bilder und erinnern sich: daran, dass die Bahnwaggons so voll waren, dass keine weiteren Personen mehr befördert werden konnten; daran, wie Menschen in diesem unsäglich heißen Sommer zuhauf in den restlos überfüllten Zügen kollabierten; das Rennen von Gleis zu Gleis; an das Drängen an den Waggontüren; an Punks und Feierwütige, die einem Aufruf folgend über die Pfingstfeiertage aus dem gesamten Bundesgebiet nach Sylt fuhren, an Bahnhöfen schliefen, in der Fußgängerzone von Westerland und um das Becken eines Springbrunnens lagen, Dosenbier tranken und sich gar nicht erst bis zum Strand bemühten, denn »was soll man da?« … aber Hauptsache dabei gewesen. Sylt 2022 – und das für schlappe neun Euro.
Ja ja, was war das für ein Sommer …
Einer dieser Neun-Euro-Profiteure steigt nun endlich in Weil am Rhein aus und passt mit Wanderrucksack, Strohhut und Pilgerstab so gar nicht ins Bild. Dieser jemand bin ich. Und ich blicke voller Vorfreude auf die bevorstehende Wanderung durch den Schwarzwald.
Vom Bahnhof aus gehe ich zum Einkaufszentrum am Beginn der Hauptstrasse, decke mich mit dem Wichtigsten ein und esse auf dem Vorplatz in der Sonne sitzend zu Mittag. Nun aber schleunigst raus aus der Stadt, denn es geht bereits auf fünfzehn Uhr zu, und zu übernachten gedenke ich irgendwo abseits von Ortschaften in meinem Zelt.
Bester Laune folge ich der Hauptstrasse durch Weil am Rhein und ein Phänomen erschließt sich mir dabei gleich zu Beginn der Wanderung: Mein Enthusiasmus strahlt zurück. Die Menschen um mich herum lächeln mir zu, grüßen wohlwollend, sehen mir manches Mal sehnsüchtig nach. Das soll während dieser gesamten Reise so bleiben, und auf vergangenen Streifzügen durch Deutschland habe ich diese Erfahrung bereits genauso machen dürfen. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es dem Rucksack und der Kleidung geschuldet ist, die mich als Wanderer kennzeichnen, doch jedermann ist mir gleich wohlgesonnen, interessiert an meinem ›Woher‹ und ›Wohin‹, sowie an einem Schwätzchen mit mir. Vielleicht liegt es aber auch an der Freude, die ich zweifelsohne ausstrahle und die daher rührt, dass ich wieder draußen bin, on the road, und einer Aktivität nachgehe, die mir guttut. Möglicherweise ist es darüber hinaus auf meinem Strohhut zurückzuführen, ein riesenhaftes Ding mit weiter Krempe, wie ihn der Fischer auf dem berühmten Gemälde des georgischen Malers Pirosmani trägt. Dieser Hut war ein Geschenk von meinem Freund Teddy, einem einsfünfundachtzig großen Chinesen, dessen wirklicher Name gar nicht Teddy ist. Ich traf ihn in einem Hostel in Shiraz, Iran, und auf Anhieb war er mir sympathisch. Vielleicht lag das zum Teil an eben genau diesem Strohhut, welchen er auf dem Kopf trug, und der jeden als gutherzigen Charakter zu markieren scheint – denn ein schlechter Mensch würde wohl kaum ein so albernes Ding tragen.
Irgendwann machte Teddy mir diesen Hut zum Geschenk. Er hatte sich einen anderen gekauft, da der alte ihm zu dämlich erschien – doch ich fand seinen neuen Stroh-Stetson mit dem Marlboro-Schriftzug ungleich dämlicher. Mir sollte es jedoch recht sein, denn ich hatte Gefallen an dem Hut gefunden. Und nun werde ich ihn durch den Schwarzwald tragen, auf dass er mit seiner entwaffnenden Wirkung das Eis zwischen mir und den Menschen breche, und sie mir wohlgesonnen begegnen werden.
***
Am Ortsende von Weil am Rhein, dort wo sich nur wenige Schritte von der Grenze zur Schweiz zwei Serpentinenkurven nach Lörrach hinaufwinden, betrete ich ihn endlich: den Westweg. Von hier an sollen die Schilder mit der roten Raute – die Markierung des Fernwanderweges – mich zuverlässig durch den gesamten Schwarzwald bis ins 289 Kilometer entfernte Pforzheim geleiten.
Natürlich hätte ich auch abseits markierter Wege meine eigene Route einschlagen können, doch ich finde es entspannter, Wegmarken zu folgen. So ist es nicht nötig, stets aufs Neue zu entscheiden, ob ich lieber rechts oder links abbiegen, beziehungsweise geradeaus weitergehen möchte. Darüber hinaus brauche ich die Wegführung nicht auf dem Smartphone zu verfolgen, was den Akku belasten würde, sondern ich kann die Wanderung genießen und komme problemlos am Ziel an.
Auf der Streuobstwiese, durch welche der Westweg gleich zu Beginn verläuft, pflücke ich ein paar Äpfel vom Baum. Fast ein jeder ist wurmstichig, doch ich werde mich daran gewöhnen, um die Löcher der Tierchen herum zu beißen.
Das steile, wenn auch kurze Stück hinauf zur Ottilienkirche treibt mir bereits jetzt den Schweiß aus allen Poren. Mir wird deutlich, dass ich in den vergangenen Monaten zu selten Sport getrieben habe. Dennoch schiebe ich meine Transpiration lieber auf die heutige Höchsttemperatur von neunundzwanzig Grad Celsius. Und ich bin froh, diese Fußreise nicht früher im Jahr gestartet zu haben, denn eigentlich wäre ich gerne direkt zu Beginn des Augusts losgelaufen. Neben anderen Gründen hatte ich eine Auslandsreise unterbrochen, um das Verlangen nach einer langen Wanderung in Deutschland zu stillen. Doch eine Hitzewelle von Temperaturen bis zu neununddreißig Grad hatte mir das Wandern unmöglich gemacht.
Ich möchte an dieser Stelle gerne kurz meine Situation erläutern, um verständlich zu machen, was es mir erlaubt eine Wanderung von einundzwanzig Tagen so flexibel gestalten zu können: Zum ersten April des vorangegangenen Jahres – also 2021 – hatte ich meinen Arbeitsvertrag gekündigt. In den Jahren davor waren all meine Gedanken und Träume permanent um eine lange Auslandsreise gekreist, und nun hatte ich mir den Wunsch endlich erfüllt.
Ursprünglich sollte es bereits 2020 losgehen, doch aufgrund der Unsicherheiten in der Corona-Zeit hatte mein Arbeitgeber mir angeboten, die Kündigung zurückziehen und weiter in der Festanstellung bleiben zu können – was ich dankend angenommen hatte. Aber wenn einem der Reisewunsch unter den Nägeln brennt, möchte man irgendwann doch los. Deshalb kündigte ich ein Jahr später erneut und reiste von Anfang April 2021 bis Ende Juli 2022 durch mehrere Länder. Zuerst flog ich für drei Wochen nach Spanien, um eine Freundin zu besuchen. Danach reiste ich für zusammengerechnet sechs Monate durch die Türkei, sieben Monate durch Georgien und zweieinhalb Monate durch den Iran. Während dieser Reise verspürte ich wieder und wieder den Wunsch, durch meine eigene Heimat zu wandern, wo es mir möglich wäre, mit jedermann zu sprechen, und wo es unzählige Wanderwege gibt. Und hier bin ich nun: auf »Heimaturlaub« und auf einem Streifzug durch Deutschland.
Dadurch, dass ich die bevorstehende Wanderung nicht während eines gewöhnlichen Erholungsurlaubes im Arbeitsverhältnis mache, hatte ich die Freiheit, den Start der Reise den Wetterverhältnissen anzupassen. Deshalb bin ich nun heilfroh, dass das Thermometer lediglich neunundzwanzig Grad Celsius anzeigt, statt wie noch wenige Tage zuvor neununddreißig Grad – wenn ich auch schwitze, als seien es neunundvierzig. Das fällt sogar dem Wanderer auf, der mir den Weg hinab entgegenkommt und bemerkt: »Du ölst aber!«
»Nichts mehr gewöhnt«, gebe ich scherzhaft zu. »Ich muss erst wieder in Form kommen.«
»Dafür bist du auf dem richtigen Weg. Im Schwarzwald geht es schon gehörig bergauf und -ab. Du darfst dich auf was gefasst machen.«
»Bist du den Weg komplett gelaufen?«, möchte ich wissen.
»Klar. Und ich freue mich jetzt auf ein kaltes Bier. Die Wanderung hat mir gehörig die Knie zerschunden. Aber einem jungen Kerl wie dir wird das nichts ausmachen.«
Der Mann ist schätzungsweise Mitte fünfzig, und der Aussicht auf das Ende seiner Strapazen wegen gut gelaunt. Ich möchte von ihm wissen, ob er im Zelt geschlafen habe, ob es damit Probleme gab – denn offiziell ist es in Deutschland nicht erlaubt –, oder ob er Unterkünfte genutzt hat. Der Wandersmann erzählt, dass er zumeist in Schutzhütten übernachtet beziehungsweise davor gezeltet hatte. Nie wäre jemand kontrollieren gekommen. Er empfiehlt mir die Website www.soultrails.de, auf denen der Betreiber sämtliche Hütten und Wasserquellen entlang des Westweges katalogisiert und bebildert hat. Das erlaubt dem Wanderer bereits vorher anhand von Fotos entscheiden zu können, ob sich die nächste Schutzhütte zum Übernachten eignet, oder aber erst die übernächste.
In Unterkünften habe er nur selten geschlafen, erzählt der Mann. Einmal habe er Glück gehabt, eine Bleibe für vierzig Euro zu finden. Doch in der Regel müsse man mit sechzig Euro oder mehr rechnen – für Bett, Dusche und Frühstück. Diese Preise liegen weit über meinem Budget.
»Hast du die Stempelkarte?«, fragt er mich.
»Wofür eine Stempelkarte?«
»Du wirst auf deinem Weg immer wieder Portale passieren, an denen du die Karte abstempeln kannst. Später sendest du sie an den Schwarzwald-Verein und erhältst ein Präsent.«
Ich danke dem Wanderer für die vielen nützlichen Informationen, denn ich hatte mich völlig ohne Planung oder Recherche auf die Reise begeben. Wir verabschieden uns. Ich wünsche ihm ein glückliches Ende seiner Tour, er mir einen angenehmen Start.
Als ich schon fast an der Ottilienkirche angelangt bin, ruft er mir von unten herauf: »Und vorhin habe ich zwei hübsche Mädels gesehen, die den Weg ebenfalls wandern. Wenn du dich beeilst, triffst du sie wohl möglich noch.«
Ich winke lachend und sowie ich mich zum Weitergehen umwende, blicke ich just in die Gesichter zweier Damen; beide schätzungsweise um die sechzig. Sie schauen mir einige Sekunden in die Augen, bevor sie sagen: »Uns meinte der nicht«. Wir lachen gemeinsam.
In der Kirche lege ich eine kurze Rast ein, genieße die Stille und Kühle.
***
Hinter der Siedlung Obertülling verläuft der Weg über den Tüllinger Berg (452 m). Dort breiten sich Weideflächen und Wiesen aus. Von einem Maisfeld pflücke ich einen mächtigen Kolben und vertilge ihn im Gehen. Auf Bänken nahe einem Parkplatz sitzen Menschen und genießen die Aussicht. An einem Waldstück führt der Weg wieder auf Felder und hinab in den Ort Tumringen.
Vor einem Haus ist ein Mann mit der Pflege seines Gartens beschäftigt. Ich bitte ihn darum, meine Wasserflasche zu füllen. Freundlich kommt er der Aufforderung nach, bevor er mir eine glückliche Weiterreise wünscht.
Hinter den Orten Tumringen und Rötteln führt der Weg unter der Autobahn hindurch, um die Karlshöhe herum und zur BurgruineRötteln. Neben dem Parkplatz der Burg befindet sich das erste Westweg-Portal Dreiländereck. Es ist aus großen grauen Steinquadern gebildet. Im Innenbogen ist eine kleine Stempelstelle angebracht. Ich krame meinen leeren Pilgerpass aus dem Rucksack, den ich noch von der Wanderung auf einem deutschen Jakobsweg habe. Den Stempel setze ich auf die letzte Seite des Passes.
Für die BurgRötteln habe ich nur einen kurzen Blick im Vorübergehen übrig. Für die Sanitäranlagen hingegen interessiere ich mich ungleich mehr. Hier wasche ich mein verschwitztes Gesicht und fülle die zweite Wasserflasche auf, da ich von nun an die Augen nach einem geeigneten Schlafplatz offenhalten möchte.
Der Eingang zur Burg Rötteln
Die Ruine der Burg Rötteln
***
Auf der rückwärtigen Seite der Burg steigt der Weg durch einen Wald bergan. In dem Bemühen, das Schwitzen zu vermeiden, laufe ich möglichst langsam.
Am Parkplatz Wittlinger Höhe befinden sich auf einem Rasenstück mehrere Picknickbänke samt Feuerstelle. Die Wiese drumherum würde sich zwar durchaus als Zeltplatz eignen, doch möchte ich die Nacht lieber abseits der Orte verbringen, die per Auto erreicht werden können, um meine Ruhe zu haben. Deshalb wandere ich weiter bis zur Kreuzung, wo der Waldweg Hohe Strasse vom Westweg abzweigt. Diesem breiten, geschotterten Forstweg folge ich für anderthalb Kilometer abseits der eigentlichen Route, um zur zu gelangen, die ich auf der digitalen Karte im Smartphone gefunden habe.
Es sind viele Menschen im Wald unterwegs: Mountainbiker, E-Biker, Jogger, Tageswanderer.
An der Hexenbrünnli-Hütte angelangt, bin ich ein klein wenig enttäuscht: Es handelt sich um eine Forsthütte, in der Waldarbeiter ihre Gerätschaften lagern und die deshalb versperrt ist. Neben dem Gebäude gibt es jedoch einen überdachten Anbau, in welchem sich auf der innen rundherumführenden Bank schlafen ließe. Doch sehr anheimelnd wirkt dieser Ort nicht. Allerdings ist es bereits neunzehn Uhr und damit zu spät, um weiterzulaufen. Um mir das Hexenbrünnli anzusehen, welches auf einem Wegeschild angeschrieben steht, stelle ich meinen Rucksack unter den Anbau.
Lediglich zwei Minuten von der Hütte entfernt erreiche ich den Brunnen. Aus dem in den Fels getriebenen Metallrohr fließt kaltes, frisches Wasser in einen steinernen Trog. In dem kleinen Bereich davor stehen zwei Sitzgruppen samt Tisch, daneben eine Feuerstelle. Neben diesem lichten Platz sehe ich eine ebene Fläche überdacht von Bäumen, die den Anschein erweckt, als werde dort des Öfteren gezeltet.
Meine Entscheidung, die Nacht hier zu verbringen, ist rasch getroffen. Der Brunnen bietet mir nicht nur unerschöpflich viel Wasser zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Spülen des Geschirrs und für die Körperpflege. Während der Wanderung auf dem Westweg werde ich das Wasser aus solchen Quellen ungefiltert trinken. Zwar prüfe ich immer erst mit Hilfe der durchsichtigen Flaschen, ob es nicht verdreckt ist, doch einen Filter oder gar Chlortabletten nutze ich nicht.
Mir ist zwar bewusst, dass man Quellwasser mit Vorsicht genießen soll, da das Grundwasser durch umliegende Felder beziehungsweise deren Düngung mit Phosphaten belastet sein können. Doch der Westweg führt nun nicht gerade durch Agrarland oder tiefliegende Ebenen, sondern über die Höhen des Schwarzwaldes. Und die Quellen, aus denen ich Wasser schöpfe, liegen in der Regel weit oberhalb der wenigen Felder, an denen ich vorüberkomme.
Wer beim Verzehr von Quellwasser Bedenken hat, kann es durch einen kleinen Filter laufen lassen oder sich vorab über die Güte des Wassers informieren. Doch darauf vertrauen, dass man an genügend Möglichkeiten vorüberkommt, seine Vorräte mit Leitungswasser aufzustocken oder Mineralwasser in Flaschen zu kaufen, sollte man bei einer Wanderung auf dem Westweg nicht.
Ich hole den Rucksack und beginne umgehend, mich am Brunnen zu waschen. Das Gefühl sauberer Haut ist eine der schönsten Belohnungen nach einem Wandertag. Um eine weitere kümmere ich mich gleich: Spaghetti mit Tomatensoße und dicken roten Bohnen – ein Fest.
Nach dem Essen beginne ich im Dämmerlicht des Abends das Zelt aufzubauen, und blicke dabei etwas ängstlich und sorgenvoll in die zwischen den Bäumen immer näher herankriechende Dunkelheit. Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken daran, im Wald zu schlafen. Aber da muss ich nun durch. Diese Erfahrung war ohnehin längst überfällig.
Als ich später im Schlafsack liege, bin ich überrascht, wie still der nächtliche Wald ist. Ich hatte befürchtet, Wildschweine oder andere Tiere würden die halbe Nacht hindurch um mein Zelt herum rascheln. Doch außer dem Ruf eines Waldkauzes bleibt jedes Geräusch aus, und ich schlafe selig wie ein Bär im Winter.
Das Hexenbrünnli
Zum ersten Mal in meinem Leben zelte ich im Wald
Welche ist die bedeutendste Lektion, die dich das Leben gelehrt hat?
Eine der bedeutendsten Lektionen meines Lebens ist es, dass ich trotz der Umstände, in denen ich aufgewachsen bin, immer das Gefühl hatte, in mir eine Kraft zu besitzen, die mich hat weitergehen lassen. Eine Kraft, die mich davor bewahrte, mich mit der Entschuldigung aus der Eigenverantwortung zu ziehen, dass die Gegebenheiten meines Lebens wenig begünstigend waren. Und durch diese Eigenverantwortung dafür, wie ich mit jeder Lebenssituation umgehe, kann ich ein Leben führen, in welchem ich Freude verspüre.
Viele Erfahrungen, die ich in meinem Leben machte, haben mich immer wieder zu dieser Erkenntnis geführt.
Was bedeutet ›Heimat‹ für dich?
Heimat bedeuten für mich jene Menschen, die ich kenne und die mir vertraut und nahe sind. Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, wir begleiteten uns durch das Leben.
Heimat macht für mich auch die Sprache aus, die mich mit anderen Menschen verbunden fühlen lässt.
Ebenso Gewohnheiten, die mich mit meinem Umfeld verbunden fühlen lassen.
Was macht Deutschland zu deiner Heimat?
Was Deutschland im Speziellen zu meiner Heimat macht, sind auch Erinnerungen an Situationen, die ich hier durchlebt habe.
– Esther, 46 –
23. August 2022
Vom Hexenbrünnli zur Langenebene-Hütte
13 Kilometer
Erkenntnis des Tages
Folge nicht stur deinen Plänen
Du könntest eine schöne Hütte im Wald verpassen
Eigenheim im Wald
Manches Mal erwache ich in der Nacht dann doch, lausche im Halbschlaf hinaus in den Wald, ob dort furchteinflößende Geräusche zu hören sind. Doch es ist gänzlich still. Was hat mich aber dann geweckt? Möglicherweise die stechenden Schmerzen in meinem Rücken. Er muss sich erst wieder an das Tragen eines Rucksackes gewöhnen.
Gegen sieben Uhr ist es die Blase, die mich weckt. Ich krieche aus dem Zelt hinaus in die fahle Dämmerung des grauenden Morgens. Noch trifft kein Sonnenlicht die Wipfel der Bäume über mir. Doch um sich wieder ins Lager zu legen und weiterzuschlafen ist es bereits zu spät. Der Morgen ist kühl und still.
Ich beginne den Tag, öffne das Zelt, hänge Schlafsack und das Thermo-Inlett zum Lüften über die Bänke und putze meine Zähne. Nachdem ich das Camp abgebaut und alles gepackt habe, breche ich gegen acht Uhr auf, ohne gefrühstückt zu haben. Ich möchte sehen, wie lange es mir möglich ist, zu wandern, bis das Hungergefühl zu stark wird.
***
Ich laufe auf der Hohen Strasse zurück bis zum Westweg. Nach dreieinhalb Kilometern erreiche ich Wollbach, ein kleines Örtchen mit ein paar hübschen Fachwerkhäusern, und Scheunen mit großen Holztoren. Die Kirche ist geöffnet. Ich trete ein und ruhe mich einen Moment aus.
Hinterm Dorfe steigt der Weg an. Gleich oberhalb des Friedhofes, dort wo sich der asphaltierte Wirtschaftsweg nach links zum Hofgut Rüttehof und rechter Hand entlang dem Westweg gabelt, steht eine Anzahl Zwetschgenbäume. Ihre Zweige hängen voll von Früchten. Wer kann da widerstehen?!
Ich fülle den Strohhut mit dem reifen Obst. Unterdessen spaziert ein Mann mit einem Hund heran: »Da oben, den Weg weiter, wachsen noch viel mehr. Niemand pflückt die Pflaumen. Eine Schande ist das. Früher hätte man die nie verkommen lassen, doch die jungen Leute haben heutzutage keine Zeit mehr für so etwas. Ich würde ja pflücken, aber meine Gelenke …«.
Ich lasse mich auf die Wiese neben dem Weg im Sonnenschein nieder und genieße das süße Frühstück.
Gestärkt setze ich die Wanderung fort. Die Ränder des bergaufführenden Asphaltweges sind überhäuft mit verrottenden Zwetschgen und Mirabellen. Weiter oben, dort wo Kirschbäume auf einer Wiese stehen, begegnen mir zwei Frauen im Alter von etwa zwanzig Jahren. »Wie ist der Weg?«, spreche ich sie vergnügt an. Die eine der beiden wiederholt meine Frage langsam und nachdenklich; dabei höre ich einen flämischen Akzent heraus.
»Wo seid ihr her? Niederlande?«
»Aus Belgien«, antwortet sie in gebrochenem Deutsch. Deshalb wechsle ich ins Englische – das sprechen sie beide: »Seid ihr den gesamten Westweg gelaufen?«
»Nein, wir haben nur fünf Tage Zeit und sind am Titisee gestartet.«
»Und ihr habt im Zelt übernachtet?«
»Ja, genau. Wir haben überall perfekte Plätze gefunden.«
»Wie hat euch der Weg gefallen?«
»Sehr gut. Die Landschaft hier ist so anders als zu Hause. In Flandern ist alles flach.«
Eine Weile unterhalten wir uns noch über die Wanderung. Dann verabschieden wir uns und jeder zieht seiner Wege.
Da möchte man sich am liebsten durchfuttern
Am unteren Hang des Berges Buchholen (466 m) stehen Reben. Die roten und weißen Trauben sehen saftig und reif aus. Ich kann nicht widerstehen und pflücke eine Hand voll von den Roten. Sie schmecken köstlich. Der Weg ernährt mich: gestern die Äpfel, heute Pflaumen und Trauben. Noch hege ich die Hoffnung, dass dies so weitergehen wird und ich nur den Arm nach Früchten und Mais auszustrecken brauche, um mir den Bauch vollzuschlagen. Doch dieser Traum soll schon morgen enttäuscht werden – und das meine ich nicht einmal wehmütig, denn mir hätte bereits jetzt klar sein können, dass auf den Höhen des Schwarzwaldes keine Früchte angebaut werden.
Über Felder geht es weiter bis zum Ort Hammerstein. Hinter dem Bahnsteig des Dorfes biegt der Westweg nach rechts auf einen Waldweg am Rande des Behlen-Waldes und führt das Tal des Baches Kander entlang und durch die Reste eines sehenswerten Steinbruchs. Hier treffe ich auf einige Tageswanderer. Immer mal werde ich nach meinem ›Woher‹ und ›Wohin‹ gefragt, muss mir aber die Frage oft ein zweites Mal wiederholen lassen: Der badische Dialekt ist für mein Ohr dann doch etwas ungewohnt.
***
Nachdem ich den Ort Kandern erreiche, steuere ich den Supermarkt an. Hier kaufe ich Speisequark und Müsli ein. Meine Suche nach einem lauschigen Plätzchen für das Mittagessen führt mich durch das Städtchen und endet auf dem Vorplatz der evangelischen Stadtkirche.
Hier steht umgeben von einer runden Bank eine hohe, alte Linde, in deren kühlem Schatten ich mich niederlasse. Den Quark mische ich in einer Tasse mit Wasser zu einer Art dicker Milch und gebe das Müsli hinzu. Das Ergebnis ist ein Gedicht.
Während ich esse, parkt auf dem Parkplatz unterhalb der Kirche ein Auto. Die Fahrerin – eine junge Frau – steigt aus und kommt die Treppen zum Kirchplatz herauf, setzt sich auf eine Bank mit Blick auf das Gotteshaus, und nimmt ein Lunchpaket aus dem Rucksack. Wahrscheinlich verbringt sie hier ihre Mittagspause. Als ich ein paar Zwetschgen zum Nachtisch esse, gehe ich zu ihr hinüber, um ihr von den Früchten anzubieten. Dankend nimmt sie eine Handvoll.
Als ich es mir für ein Schläfchen auf meiner Bank gemütlich mache, ruft sie ein ›Danke‹ herüber und winkt zum Abschied, während sie geht. Ich gebe mich der Augenpflege hin.
Viel wird jedoch nicht aus meinem Nickerchen, denn auf dem Spielplatz der nahen Grundschule spielen ein paar Kinder Ochs vorm Berg; ein Spiel, das ich ehrlicherweise schon fast vergessen habe. Wann sieht man in der heutigen Zeit mal Kinder Ochs vorm Berg spielen; oder Plumpsack, Gummitwist, oder Ähnliches? Ich jedenfalls nie.
Zum anderen wird mein Schläfchen durch das Geräusch eines Autos unterbrochen, das auf den Kirchplatz fährt und vor einem der historischen Häuser hält. Trotz der kurzen Erholung fühle ich mich gestärkt, richte mich auf, strecke die Glieder und bereite das Weiterwandern vor.
Die Fahrerin des Wagens tritt aus dem Haus und lädt Kartons in den Kofferraum. Ich trete mit meiner leeren Wasserflasche an die ältere Dame heran und bitte sie, mir diese zu füllen.
»Gar kein Problem. Das mache ich doch gerne. Ich hatte ohnehin eben überlegt, Sie zu fragen, ob Sie etwas brauchen.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wenn sie mir mit Wasser aushelfen, bin ich schon mehr als zufrieden.«
Die Dame verschwindet kurz im Hause, um mit der gefüllten Flasche wiederzukommen: »Sie laufen den Westweg?«
»Genau, aber in die andere Richtung. Also von Süd nach Nord.«
»Das ist schön. Ich bin vor Jahren den Weg ebenfalls einmal gegangen. Das war ein herrliches Erlebnis. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Zeit auf Ihrer Wanderung, und vor allem, dass sich das Wetter hält.«
Ich bedanke und verabschiede mich, schnappe den Rucksack und gehe hinunter auf den Marktplatz, wo ein Brunnen lustig plätschert. Hier befreie ich Tasse und Löffel von den Resten des Mittagessens, reinige meine Hände, um mir Kontaktlinsen einzusetzen, und wasche sowohl T-Shirt als auch Socken durch, da ich in Tank-Top und Sandalen weiterlaufen werde. Die nassen Sachen hänge ich außen an den Rucksack. Bei den Temperaturen werden sie rasch trocknen.
Oh wie schön ist BaWü. Der Brunnen in Kandern
Der Weg steigt steil den Heissbühl (476 m) hinauf, der heute seinem Namen alle Ehre macht. Schweiß rinnt ständig in meine Augen. Die Sonne brennt auf den nackten Armen. Aus dem nahen Freibad klingt verheißungsvoll das Johlen vergnügter Kinder. Ob ich mir ebenfalls einen entspannten Nachmittag im Freizeitbad machen sollte? Aber nun bin ich schon fast auf der Kuppe des Hügels … und nochmals den steilen Weg hinaufgehen möchte ich heute nicht.
Triefend erreiche ich den Hässler-Pavillon. Die Aussicht auf Kandern lässt die Strapazen des Aufstieges sofort vergessen. Nach einer kurzen Verschnaufpause wechselt der Weg von offenen Feldern in den Wald Sausenhardt. Die Kühle des Schattens erfrischt.
***
Lange verläuft der Westweg durch den Buchenwald, bis ich eine große lichte Weggabelung erreiche. Schon von weitem war das Narrenbänkle zu sehen, eine hölzerne Sitzbank in überdimensionalen Ausmaßen. Dahinter sind zwei Picknicktische mit Bänken neben einer Grillstelle platziert. Auch ein Wetterstein – des deutschen Vorgartenbesitzers liebstes Kind – darf hier nicht in Übergröße fehlen. Doch das Beste von allem ist die Langenebene-Hütte, ein hübsches, massives Holzhaus, welches laut Infotafel vor genau einem Monat seine Einweihung feierte. Um die Hütte herum ist an dessen Wand eine rundherum laufende Bank angebracht, die nur an zwei Stellen von einem Tischchen unterbrochen ist. Die Fenster haben Doppelverglasung, können geöffnet werden. Die Tür ist unverschlossen. Der weite Innenraum ist leer, bis auf einen Bierzelttisch in der linken Ecke, auf dem zwei eingeklappte Bierbänke liegen. Rechts neben der Tür steht ein moderner Ofen, der mit Holz befeuert werden kann, und in dem sich sogar backen lässt. Daneben an der Wand hängen feinsäuberlich plaziert die Ofenwerkzeuge wie Ascheschaufel, Schürhaken und anderes.
Ich bin vollends begeistert von dem Ort und der Hütte im Besonderen. Wenn das mal nicht ein perfekter Platz zum Nächtigen ist. Da wäre nur ein Haken: Es gibt keine Wasserquelle in der Nähe.
Den Rucksack auf die rundumlaufende Bank gestellt, setze ich mich an einen Tisch, um auszuruhen und auf der Karte nach möglichen Quellen zu suchen. Eingezeichnet sind zwei dünne Bächlein. Im Notfall könnte ich ohne mein Gepäck die anderthalb Kilometer hinab ins Dorf Sitzenkirch laufen – doch der Gedanke an den erneuten Aufstieg zurück zur Hütte ist nicht sonderlich attraktiv. Und außerdem – und da kommt mein Denker ins Spiel, mein Ego, mein innerer Antreiber – ist es erst fünfzehn Uhr. Ich könnte locker noch zwei bis drei Stunden wandern. Was also tun? Bleiben, aber irgendwie für Wasser sorgen müssen, oder weitere zehn Kilometer machen?
Lange sitze ich da und wäge ab – Entscheidungsfreude ist nicht meine stärkste Eigenschaft. Ich grüble, beschließe, und verwerfe wieder. Irgendwann wird der innere Denker so laut, dass ich den Rucksack schultere und weiterlaufe. Doch die Füße schmerzen nach der langen Rast besonders arg, sind ganz steif geworden, aufgequollen. Und außerdem – und da meldet sich nun endlich meine Intuition: Wann werde ich auf dieser Wanderung abermals einen so schönen Platz finden? Es wäre eine Schande, diese Hütte ungenutzt zu lassen.
Also gehe ich zurück zum Holzhaus, setze mich wieder und suche erneut nach Wasserquellen auf der digitalen Wanderkarte. Dann kommt mir in den Sinn, zusätzlich andere Karten-Apps zu durchsuchen. In Mapy.cz war ein Bächlein nicht verzeichnet, dass ich jedoch in der App von Kompass finde und das nicht weit von der Langenebene-Hütte entspringt. Um es auszukundschaften, stelle ich den Rucksack in das Häuschen, nehme die leere Wasserflasche und den Fünf-Liter-Wassersack mit und begebe mich auf die Suche. Von der Hütte aus gehe ich zurück in Richtung Kandern, bis nach etwa zweihundert Metern ein geschotterter Waldweg links abbiegt und steil den Berg hinabführt. Nach dem Abstieg erreiche ich eine Kurve, unter welcher ein Kanalrohr eingelassen ist, um das Bächlein hindurchzuleiten. Ich steige in die schmale Rinne des Baches und tatsächlich: Hier rinnt Wasser! Es ist nicht viel, und es dauert lange, bis Wassersack, Flasche und mein Magen gefüllt sind, doch es ist – bis auf wenige organische Schwebstoffe – klar und frisch.
Zurück an der Hütte lege ich den Sack sofort in die Sonne. Er ist aus schwarzem Material gefertigt, damit sich das Wasser im Sonnenlicht rasch erhitzt und zum Duschen verwendet werden kann.
Die Einzelteile des Zeltes hänge ich über die Rückenlehne des Narrenbänkle, um es von möglicher Feuchtigkeit der vergangenen Nacht zu trocknen. Danach blase ich die Isomatte auf und lege mich mit einem Buch auf die übergroße Bank ins Sonnenlicht. So lässt es sich leben. Ich genieße den Tag und besänftige meinen inneren Antreiber – der immer mal wieder an der vorzeitigen Beendigung des Wandertages zweifelt – damit, dass ich Beinen und Füßen zu Anfang noch nicht so viel abverlangen möchte.
Herrlich ist es in der Sonne und der Stille des Waldes. Kein Mensch weit und breit. So habe ich mir das Landstreicherleben vorgestellt: bleiben, wo es mir gefällt.
Mein Eigenheim im Wald: die Langenebene-Hütte
