Auf den Schwingen der Sehnsucht - Massoud Atai - E-Book

Auf den Schwingen der Sehnsucht E-Book

Massoud Atai

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Beschreibung

Dieses sympathisch geschriebene und angenehm zu lesende Buch mit verschiedenen Geschichten von Dr. Atai zeigt ein erstaunliches Geschick im Uminterpretieren der Wirklichkeit. Der Leser erfährt somit eine fortwährende Bestätigung. Damit wird weder der Leser angegriffen noch zusätzlich belastet. Vielmehr artikuliert der Autor durch Geschichten offen die Sicht der Dinge und bietet sie dem Leser als Alternative dar. Im Gegensatz zu den üblichen Ratschlägen beinhalten solche Erweiterungskonzepte keine Verpflichtung. Das Erweiterungskonzept verzichtet auf diesen Druck und lässt dem Leser Zeit, sich auf die erweiterte Sichtweise einzustellen. Dieses Buch bietet wertvolle Denkanstöße und enthält für jeden von uns wichtige sozialpolitische Gesichtspunkte zur Selbsterfahrung und Selbstreflexion.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Massoud Atai

Auf den Schwingen der Sehnsucht

Gesammelte Erzählungen

Copyright: © 2016 Massoud Atai

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Titelbild: © Reza Derakhschani

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Band 1Der Junge aus Waramin

Ein Wort zuvor

Der Junge aus Waramin

In fremdem Boden verdorren die Blumen

Ali und sein Opferlamm

Gorgi – der Außenseiter

Meine Umzüge

Der aussichtslose Kampf

Sein höchster Einsatz

Der halbfertige Haarschnitt

Das Arrangement mit dem Tod

Die Hinrichtung

Gift der Liebe

Verloren im Zahnrad des Schicksals

Ein Wochenende mit Mohammad Ali

Als die letzte Kugel fiel

Erdbeben

Das Echo aus der Tiefe

Mein Begräbnis

Man nannte ihn Eule

Buchbesprechung

Band 2Auf den Schwingen der Sehnsucht

Das Wort zuvor

Der Schatten hinter der Gardine

Tödliche Verwechslung

Liebe und Haß in der Wüste

Heimat ist dort, wo man geliebt wird

Blutschande

Bericht eines Uno-Beauftragten

Die Hochzeit des Blinden

Mutterliebe

Ich und meine Nachbarleiche

Musik war sein Leben

Der Blutsverwandte

Reiseziel Hoffnung

Vernichtende Leidenschaft

Die Frau des Schuhflickers

Die Ente im N.T.

Band 3Irrwege der Leidenschaft

Irrwege der Leidenschaft

Die Wunderpille

Reisen bildet

Das seltsame Amulett

Verblendung

Katzenjammer – oder das Tagebuch einer immigrierten Katze

Wie eine Kerze im Wind

Biographische Notiz

Band 1:

Der Junge aus Waramin

und andere Kurzgeschichten

Für Shirin,Melanie und Jeanine

Ein Wort zuvor

Die orientalische Erzählkunst fußt auf einer langen, Jahrhunderte alte Tradition, entwickelt aus religiöser Wahrnehmungsgabe und bildhafter Fabulierfreude. Leider ist dem europäischen Leser dieser Kenntnis oft nur aus „Tausendund-eine-Nacht“ vermittelt.

Die persische Kultur und die uralten Strömungen, aus deren Ausläufern sich der abendländische Mensch die Grundsteine zu seiner nunmehr zivilisierten Lebensart sammelte, sind oft so gut wie völlig unbekannt. Der moderne Tourismus versucht sehr oberflächlich dem entgegenzuwirken, vermag jedoch die Wissenslücken gar nicht oder oft nur unzureichend und falsch zu füllen.

In der vorliegenden Sammlung bisher nur vereinzelt veröffentlichter Geschichten von Massoud Atai findet sich das Grundmuster jener Jahrhunderte alte Erzählweise. Trotz modernen Inhalts und häufiger Miteinbeziehung zeitgenössischer Fakten sind es vor allem der unverwechselbare Stil und die faszinierende Ausstrahlung des Orients im allgemeinen, und Persiens im besonderen. #Bildhaft deutlich erscheint vor dem Auge des Lesers die ferne, verlorene Heimat des Autors, mit der seine Kindheit und frühe Jugend verknüpft sind. Nicht nur in der Geschichte „So wie es einmal war, wird es nie wieder sein“ gibt er seinem Heimweh und seiner Sehnsucht nach Persien Ausdruck. Seine Sprache ist einfach und voll selbstverständlicher Natürlichkeit. Man spürt die Freude am Erzählen, am Ausbreiten von Details. Und es wird nicht nur irgend etwas erzählt, die Geschichten sind häufig mehr, als einfach nur Geschichten, sie sind Gleichnisse, können übertragen werden. Seine Themen sind Freundschaft, Liebe, Haß, Verzweiflung und Seelenstärke. Sie zeugen von der menschlich-geistigen Beweglichkeit des Autors.

Die Erzählungen sind zwischen Melancholie und Schelmerei angesiedelt, springen mit einem Satz in das Geschehen und stellen sofort Fragen, denen man als Leser nachspüren sollte.

Eine persische Seele ist getragen von Weisheit, ohne erhobenen Zeigefinger. Es schwing oft eine Prise von Ewigkeit in Atais Geschichten mit, selbst wenn sie selber nur kurz sind. Diese Geschichtensammlung wird – ich gehe da ganz von meinem eigenen Empfinden aus – viel dazu beitragen, das Verständnis für eine alte, uns leider noch immer viel zu wenig bekannte Kultur zu fördern.

Dr. Litt. Tilly Boesche-Zacharow

Der Junge aus Waramin

Der Junge aus Waramin wußte nichts vom Marxismus Leninismus, vom Weltkommunismus, vom Eurokommunismus.

Er wußte nichts vom Kapitalismus, Imperialismus, vom Faschismus, Neonazismus, von Apartheid und von Sozialdemokratie. Der Junge aus Waramin hatte noch nie von Nero und Kleopatra gehört, nie von dem großen Darius, Alexander dem Großen, Spartakus, Napoleon, nie von Abraham Lincoln, Hitler, Stalin, Churchill und Mao. Von J.F. Kennedy und Martin Luther King hatte er auch noch nie gehört.

Er wußte nur, daß er jeden Tag vor Sonnenaufgang mit dem Muezzinruf, der qualvoll vom Lautsprecher einer unweit gelegenen Moschee kam, aufstehen mußte. Dann ging er zum außerhalb des Hauses fließenden Bach, wusch sein Gesicht und gurgelte zweimal mit Wasser. Er hatte noch nie Lux-Seife und Colgate-Zahnpasta gesehen. Sein ganzes Frühstück bestand aus altem, vom vergangenen Abend übriggebliebenem Fladenbrot und Tee.

Er kannte weder Sesambrötchen noch französische Croissants, frisch ausgepreßten Orangensaft, Fünf- minuten-Eier, Camembert oder Delikatessen-Käse.

Er verließ das Haus, ohne daß jemand von ihm Notiz nahm. Ihn erwartete jeden Tag die gleiche Arbeit, das weite Ackerland, die unbarmherzige Sonne, Gurken-, Tomaten-, Zucchini-, Auberginen- und Melonenfelder, Staub, seine Schaufel und die Hoffnung auf eine halbe Stunde Mittagsruhe im Schatten des einzigen Weidenbaumes in dieser Gegend.

Er war in keiner Gewerkschaft, kannte kein Jugendschutzgesetz, war nicht sozial- und krankenversichert, kannte kein Streikrecht.

Wenn er mittags sein Provianttuch öffnete, fand er immer das gleiche Essen: Fladenbrot und Schafkäse. Keine Seezunge, kein Filetsteak, keine Peking-Ente oder Cordon-bleu. Von alldem hatte er noch nie gehört.

Nach dem Essen spielte er auf seiner kleinen Hirtenflöte eine traurige Melodie, eine unbekannte Melodie, seine Melodie.

Er hatte noch nie von Beethoven, Mozart und Paganini, von Bach, Vivaldi und Tschaikowski gehört. Dann sang er ein melancholisches Lied, ein Klagelied, das von Schicksalsschlägen und der Vergänglichkeit des Lebens sprach.

Er hatte von Homer und Ferdosi, Dostojewski und Saadi, Sadegh Hedayet, Goethe und Hafez, von Victor Hugo, Tolstoi, Hemingway und Heinrich Böll noch nie etwas gehört.

Nachdem er den ganzen Nachmittag bis zum Sonnenuntergang geschuftet hatte, schleppte er sich müde und kraftlos nach Hause, wo wieder keine Notiz von ihm genommen wurde. Er zog seine durchlöcherten Schuhe aus und legte seine zerfetzte Jacke ab. Von Pierre Cardin-, Boss- und Giorgio Armani-Moden hatte er auch noch nie gehört. Einmal im Jahr zum Noruz-Fest wurde er auf dem Lastwagen im Frachtraum neben den Granatäpfeln zur Hauptstadt befördert.

Er hatte noch nie von Urlaubsreisen an die Riviera, nach Kalifornien, in die Karibik und nach Acapulco gehört.

Eines Tages, als er müde und kraftlos vom Feld nach Hause kam, saßen zwei Revolutionswächter im Zimmer neben seinem alten Vater. Sie tranken Tee und nannten Namen, die er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört hatte.

Sie sprachen vom westlichen und vom östlichen Satan, von der Überheblichkeit und der Oberflächlichkeit der Amerikaner, von den besitzgierigen und blutrünstigen Russen, von den kolonialistischen, ausbeuterischen Engländern und den erbarmungslosen, rassistischen Deutschen und von den falschen unehrlichen Franzosen. Von alldem hatte er noch nie gehört.

Er verstand nur soviel, daß der Heilige Krieg ausgebrochen und der Islam in Gefahr sei, und daß man ihm ab morgen sehr schnell beibringen würde, wie er mit Waffen umzugehen habe, damit er an der Front soviel gottlose Feinde wie möglich umbringen könne. Und sollte er fallen, sagten die Revolutionswächter, dann sei das kein Grund zur Trauer. Man werde seinen Tod feiern und den Eltern zu seinem Märtyrertod gratulieren. Das Paradiestor stehe für ihn sowieso offen, da er den Schlüssel dazu bei sich trage.

Einer der beiden Männer hängte ihm einen Schlüssel um den Hals und schilderte ihm, wie schön es im Paradies sei.

Kein Aufstehen bei Sonnenaufgang.

Keine Schufterei bis Sonnenuntergang.

Keine glühende Sonne, keine zerfetzten Kleider und kein trockenes Brot.

Er hörte den Beschreibungen nicht länger zu, denn allein diese Vorstellung vom Paradies reichte aus, um seine kindliche Phantasie zu beflügeln.

Er sah seine große Chance, all seine Träume zu verwirklichen.

So schlief er auch zum ersten Mal zufrieden und glücklich ein. Den Schlüssel zum großen Glück, der ihn von all seinen Qualen befreien würde, hielt er die ganze Nacht fest in der Hand.

So lag er auch achtzehn Tage später, irgendwo in einem fremden Land, in Schmutz und Schlamm, vom Sperrfeuer des Feindes durchlöchert.

Seine halboffenen Augen sprachen nicht von Schmerz und Leid, sondern von Zufriedenheit und Befreiung, denn er hatte immer noch den Schlüssel zum Paradies fest in der Hand.

Der Junge aus Waramin war wie ein Tropfen im Ozean, wie eine winzige Flamme in einem Vulkan, wie ein unscheinbarer Strich in einer Landschaft.

Er kam unauffällig und verschwand bald spurlos. Die Welt hatte von ihm keine Notiz genommen, aber sein Leben und sein Abgang fügten dem häßlichen Gesicht der politischen Machthaber einen weiteren Schandfleckt hinzu.

In fremdem Boden verdorren die Blumen

Als meine Helferin mir die Karteikarte auf den Schreibtisch legte und ich gewohnheitsgemäß einen Blick auf die Karte warf, kam mir der Name Fatma Özdemir bekannt vor.

Dieser Name kommt aber bei Türken so oft vor wie der Name "Karin Müller" in Deutschland. Als die Frau jedoch ein paar Minuten später mein Sprechzimmer betrat und mir gegenüber Platz nahm, wußte ich sofort: Das war unsere nette Frau Özdemir, die seit längerer Zeit meine Praxis nicht mehr aufgesucht hatte.

Ich schlug die Karteikarte auf und sah mir den letzten Tagesstempel an. Er trug das Datum 3. März 1979. Knapp fünf Jahre waren es, seit ich sie zum letztenmal gesehen hatte. Sie schien mir aber um ein Vielfaches gealtert zu sein.

Ich hatte Frau Özdemir als eine sympathische, bescheidene und relativ hübsche Frau in Erinnerung. Sie war klein und im Vergleich zu ihren Landsleuten hellhäutig, was ihre bulgarische Abstammung verriet. Sie hatte wunderschöne braune Augen und einen verführerischen Blick, eine schlanke, leicht nach oben zeigende Nase und sinnliche Wangenknochen. Ihr dickes, meist geflochtenes Haar trug sie unter einem bunten Kopftuch, was die Schönheit ihres Gesichtes nicht minderte. Sie hatte fast immer ein liebevolles Lächeln auf den Lippen. Wenn sie etwas gefragt wurde, schaute sie einem nie direkt in die Augen. Ihre Augen waren immer zu Boden gerichtet; nur ab und zu warf sie dem Fragenden kurz einen Blick durch ihre langen gebogenen Wimpern zu. Wenn sie lächelnd redete, konnte man in ihrem Mund einen leuchtenden Goldzahn entdecken.

Ihre Hände waren klein und mit Henna gefärbt; man sah ihnen die jahrelange harte Arbeit an. Manchmal streifte ich aus Spaß ihr Kopftuch ein paar Zentimeter nach oben, so wurde über ihrer Stirn ein kleiner Saum des Haaransatzes sichtbar. Schamhaft und ohne Protest zog sie lächelnd wieder das Kopftuch fast bis zu den Augenbrauen herunter und knotete es erneut unter dem Kinn fest. Bei ihr brauchte ich, im Gegensatz zu den meisten Türkinnen im Umfeld meiner Praxis, die viel längere Zeit in Deutschland lebten, keine Dolmetscherin. Sie sprach ein einfaches, aber klares Deutsch und konnte sich mit einem kleinen Wortschatz bestens artikulieren.

Was war mit dieser lebensfrohen, sympathischen Frau geschehen? Welcher Schicksalsschlag hatte sie in fünf Jahren um fünfzehn Jahre altern lassen?

Warum fand man in ihrem Blick nicht mehr die Funken voller Leidenschaft und Freude?

Die blauschwarzen Haare waren grau geworden und im faltigen Gesicht sah man Kraftlosigkeit und Resignation.

„Wie geht es Ihnen, Frau Özdemir?“ fragt ich sie.

An mir vorbeischauend antwortete sie: „Dem Schöpfer sei Dank, es geht mir gut.“

„Ich habe Sie seit längerer Zeit nicht gesehen!“

„Ja, seit fast fünf Jahren, Herr Doktor.“

„Waren Sie in Ihrer Heimat oder waren Sie krank? Erzählen Sie!“

„Ach, Herr Doktor, es ist eine lange, traurige Geschichte; ich möchte nicht so lange Ihre Zeit stehlen.“

„Ich habe Zeit, Sie sind heute sowieso meine letzte Patientin.“

Frau Özdemir legte ihre Einkaufstasche vom Schoß neben sich auf den Boden, holte ein kleines zerknautschtes Bild heraus und hielt es mir entgegen. "Können Sie sich noch an meine Tochter Gülsüm erinnern?"

Als sie Zweifel in meinem Blick erkannte, sagte sie im gleichen Atemzug: „Doch, doch! Sie müssen sich an sie erinnern! Sie ging damals immer mit, wenn ich zur Untersuchung kam.“

Leise flüsterte sie weiter: "Sie hat mich eigentlich überallhin begleitet."

Ich schaute mir das Foto genau an. Ja, an sie konnte ich mich erinnern. Wegen ihrer guten Deutschkenntnisse hatte sie mir damals bei einigen meiner türkischen Patientinnen als Dolmetscherin zur Seite gestanden. Sie war ein mittelgroßes, ca. sechzehnjähriges Mädchen mit schwarzen Haaren und braunen Augen, wie die meisten Türkinnen. Und sie hatte aber im Gegensatz zu den meisten ihrer Landsmänninnen eine wunderschöne, schlanke Nase, genau wie ihre Mutter. Ihre Hautfarbe war eine Mischung aus einem chinesischen Gelb und einem südamerikanischen Kaffeebraun. Insgesamt war sie wie ihre Mutter, im Vergleich zur Mehrzahl meiner türkischen Patientinnen, ein besonders hübsches Mädchen.

Meine Neugier auf die Geschichte von Frau Özdemir war größer als meine Angst, irgend etwas Furchtbares über Gülsüm zu erfahren.

„Was ist mit ihr geschehen? Hoffentlich nichts Schlimmes!“ Frau Özdemir nahm mir das Bild ab und schaute es wehmütig an. Nach ein paar Sekunden seufzte sie melancholisch und begann zu erzählen: „Sie war ein braves Mädchen! Immer hilfsbereit, immer zuvorkommend. Sie opferte sich für die ganze Familie auf. Sie putzte, wusch, kochte, machte Einkäufe; sie half ihren Brüdern bei der Schularbeit. Einen ganzen Monat lag ich krank und hilflos im Bett. Neben der ganzen Hausarbeit mußte sie noch ihre Geschwister für die Schule fertig machen und für ihren Vater, der Wechselschicht hatte, sorgen. Nicht einmal hat sie geklagt. Vor ihrem Vater hatte sie großen Respekt; von ihm wurde sie auch geliebt, obwohl sie nur ein Mädchen war!

Sie mußte immer einspringen, wenn einer von uns Probleme mit der Schule, Polizei, Bank, dem Ausländeramt oder einer anderen Behörde hatte. Sie verstand sich gut mit den Deutschen. Von ihren deutschen Freundinnen wurde sie zum Geburtstag oder zur Hochzeit eingeladen. Viele von ihnen kamen auch zu uns nach Hause.

Fast alle hatten schon Freunde, aber unserer Gülsüm war so etwas überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen; schließlich war sie auch schon seit ihrer Kindheit ihrem Cousin in der Türkei versprochen.

Das Unglück begann damit, daß der Vater plötzlich arbeitslos wurde. Um ein Haus in der Türkei zu bauen, hatte er außer den hart verdienten Ersparnissen, die er nach Hause überwies, auch ein Darlehen bei der Bank aufgenommen. Um mit den Ratenzahlungen nicht in Verzug zu geraten, mußte Gülsüm von der Schule abgehen und in einer Fabrik arbeiten. Wenn Sie wüßten, wie unglücklich sie darüber war. In der Schule hatte sie die besten Noten. Sie träumte davon, nach Schulabschluß, wie ihre Fräulein, auch Arzthelferin zu werden. Der Kontakt zu ihren Schulfreundinnen wurde nun jedoch abgebrochen.

Jeden Morgen mußte sie um vier Uhr aufstehen, um mit Straßenbahn und Bus um sechs Uhr pünktlich zur Arbeit zu kommen. Am schwersten war es für sie im Monat Ramadan, wo sie auch noch fasten mußte. Sie hat sich nicht beschwert, sondern ihr Schicksal geduldig hingenommen. Mit der Zeit verlor sie aber an Lebensfreude. Wenn sie gegen vier Uhr nachmittags nach Hause kam, setzte sie sich in eine Ecke und starrte manchmal stundenlang traurig in eine Richtung. Sie aß kaum, wurde von Tag zu Tag magerer. Wir hatten alle Angst, daß sie krank würde.

Eines Tages kam sie ganz verändert nach Hause. Sie war fröhlich, ja fast albern! Sie sang, pfiff, hüpfte im Zimmer herum, kitzelte die Kinder und umarmte mich. Sie aß mehr als die doppelte Portion und wollte noch mehr haben. Sie stellte mir ganz komische Fragen. Zum Beispiel fragte sie mich, wie ich ihren Vater kennengelernt und wie ich mich dabei gefühlt habe. Dabei ist Gott mein Zeuge, das ich bis zur Hochzeitsnacht nicht einen Blick auf meinen Mann geworfen und er mich nie ohne Schleier gesehen hatte.

„Bist du ganz und gar verrückt geworden?“ fragte ich sie. Sie lachte und antwortete: „Ja! Vielleicht! Das Leben ist so schön. Ich liebe euch alle!“ Damals habe ich das Ganze für eine Laune gehalten, aber dieser überschwengliche Zustand von Gülsüm dauerte noch Tage und Wochen an, bis ich eines Tages hinter den Grund kam.

Da sie jeden Tag müde und erschöpft heimkehrte, wollte ich ihr kleines Zimmer saubermachen. Zwischen ihren alten Schulbüchern fand ich ein Tagebuch und das Bild von einem jungen Mann. Ich wußte, daß er ein Deutscher war. Er war sehr hellhäutig, hatte dunkelbraunes, glattes Haar und blaue Augen. Er sah sehr sympathisch aus und war bestimmt nicht viel älter als Gülsüm.

Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich mir die Rückseite des Fotos ansah. Darauf war geschrieben: „Nur der Tod kann uns trennen, in Liebe für Gülsüm, Manfred!"

Schweißgebadet und mit zittrigen Händen schlug ich ihr Tagebuch auf und las. Jedesmal, wenn ich die nächste Seite umschlug, ist mir aus Furcht vor dem, was ich noch erfahren könnte, mein Herz fast stehengeblieben.

Das durfte doch nicht geschehen! Das konnte nicht unsere Gülsüm sein, die diese Zeilen geschrieben hatte. Wir hatten sie doch so anständig und fromm erzogen!

Wie aus diesem Tagebuch zu entnehmen war, hatte sie ihn auf dem Weg zur Fabrik kennengelernt. Am Anfang trafen sie sich nur in der Mittagspause. Danach hatte jeder für sich die vielen Überstunden als freien Nachmittag genommen. Wir wußten gar nicht, daß Gülsüm wöchentlich einen freien Nachmittag bekam. An diesen Nachmittagen waren die beiden in seiner Wohnung. Das große Unglück war geschehen. Er hatte sie entjungfert! Unsere Gülsüm war keine Jungfrau mehr! Was für eine Schande! Wie konnte ich als ihre Mutter den Verwandten und Nachbarn in die Augen schauen? Sie war doch ihrem Cousin in der Türkei versprochen. Was sollten wir dem Onkel erklären? Wenn ihr Vater das erfuhr, würde er sie erwürgen!

Als erstes habe ich sofort das Tagebuch und das Foto verbrannt. Dann habe ich das ganze Zimmer genau nach weiteren Fotos oder Briefen abgesucht, jedoch nichts gefunden. Dann wartete ich, bis Gülsüm von der Arbeit nach Hause kam. Ich habe sie zur Rede gestellt. Sie hat es nicht mal geleugnet. Sie sagte, daß sie und Manfred sich lieben und eher sterben würden, als auseinanderzugehen.

Ich habe am ganzen Körper gezittert. Aus lauter Verzweiflung schlug ich ihr ins Gesicht. Standhaft und ungerührt starrte sie mir in die Augen. Da wußte ich, daß es keinen Sinn mehr hatte und unsere Gülsüm verloren war.

„Ich schicke dich in die Türkei!“ schrie ich weinend. Kreidebleich aber entschlossen antwortete sie: „Das kannst du nicht! Erstens bin ich volljährig und lebe nach deutschen Gesetzen, wie Manfred sagt; zweitens könnt ihr mich gar nicht mehr mit meinem Cousin verheiraten, da ich nicht mehr Jungfrau bin!“

Vor Kummer und Traurigkeit habe ich tagelang nichts mehr gegessen. Ich magerte ab und wurde kurz darauf krank. Der schlimme Husten befiel wieder meinen Körper. Mein Hausarzt hatte sogar den Verdacht auf Lungentuberkulose. Gülsüm war sehr traurig und besorgt um mich. Ich wollte aber keine Hilfe mehr von ihr annehmen.

Meine Befürchtung, ihr Vater könnte von dieser Schande erfahren, wurde wahr, als eines Nachmittags mein Sohn Ali völlig verstört und aufgeregt nach Hause kam. Er erzählte mir wütend, daß sein Schulkamerad gesehen habe, wie Gülsüm mit einem Deutschen im Park Hand in Hand auf einer Bank gesessen hätte. All mein Bitten und Betteln, er solle davon seinem Vater nichts erzählen, haben nicht geholfen. Er konnte es kaum abwarten, bis der Vater vom Arbeitsamt nach Hause kam und er ihm sofort alles erzählen konnte. So hatte ich meinen Mann in den ganzen zwanzig Jahren unserer Ehe nicht gesehen. Wie ein verletzter Tiger rannte er von einem Raum in den anderen. Seine Augen waren blutunterlaufen und er hatte vor Wut Schaum vor dem Mund. Alles, was sich ihm in den Weg stellte, schlug er kurz und klein. Sogar die Fernsehscheibe zertrümmerte er mit einer Co- la-Flasche. Jedes Kind hatte sich vor Angst in einer anderen Ecke verkrochen, sogar mein ältester Sohn Ali wagte nicht mal laut zu atmen. Und ich, ich war viel zu krank, um ihn zu beruhigen und viel zu schwach, um auf die Straße zu laufen und Gülsüm zu warnen.

Auf die Beschreibung der nachfolgenden grausamen Szene möchte ich lieber verzichten.

Soviel erzähle ich nur, daß ihr Gesicht durch brutale Schläge bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Ihre Augen waren zugeschwollen, ihre Lippen aufgerissen, und sie hatte am ganzen Körper Blutergüsse. Über eine Stunde war sie bewußtlos, und wir durften keinen Arzt holen. In den folgenden sieben bis acht Tagen, in denen ich Gülsüm gesund pflegte und sie sich langsam erholte, kam mein Mann nicht nach Hause. Er ging entweder zu Freunden oder in die türkischen Kneipen und verbrachte die Nächte mit Saufen und Kartenspiel. Wäre er bloß für immer weggeblieben, denn Gülsüms Folterungen begannen erneut, als er nach einer Woche nach Hause kam.

Aus Angst, die Verwandten und Nachbarn könnten von dieser Schande erfahren, schloß er sie in ihrem Zimmer ein. Sie durfte es auf keinen Fall verlassen. Nicht einmal zu den Mahlzeiten war ihr erlaubt, mit uns an einem Tisch zu sitzen.

Also stellte ich ihr Essen vor die Tür, das meistens unberührt blieb. Wir hatten die strikte Anweisung, Gülsüm von allen Menschen abzuschirmen. Niemand sollte jemals von dieser Schandtat erfahren. Nur seinem Bruder in Frankfurt hat mein Mann telefonisch alles erzählt. Am nächsten Tag stand der wutentbrannt und völlig außer sich vor unserem Haus. Ein dickes Kabel hatte er schon mitgebracht.

Mein Mann und sein Bruder gingen in Gülsüms Zimmer und verriegelten die Tür. Ich durfte nicht mit hinein, konnte aber vor der Tür deutlich hören, was drinnen vor sich ging. Der Onkel schrie: „Du verdammte Hure, sag uns, wie das Schwein heißt, sag, wo er wohnt! Mit meinem Messer werde ich seinen Bauch aufschlitzen.“ Und dann hörte ich die Kabelhiebe und das Stöhnen von Gülsüm. Sie schrie: „Nie werde ich euch seinen Namen und seine Adresse sagen! Ihr werdet ihm niemals etwas Böses antun.“ Nachdem sie Gülsüm halbtot geschlagen hatten, saßen sie bis zum Morgengrauen im Wohnzimmer und überlegten, welche Schritte sie unternehmen könnten. Der Onkel meinte: „Wenn wir uns an dem Deutschen nicht rächen können, müssen wir Gülsüm töten, damit die Familienehre wiederhergestellt ist!“

Der Vater setzte sich aber mit seinem Vorschlag durch, Gülsüm nach Erzerum in die Osttürkei zu ihrer Tante zu schicken. Der Onkel bestand darauf, mitzufahren und sie persönlich bei der Tante abzuliefern.

So machten sich die beiden Brüder auf den Weg, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Als sie das Haus verließen, ging ich zu Gülsüm, weil ich ihr von ihrer kurz bevorstehenden Reise erzählen wollte. Apathisch lag sie auf dem Bett. Aus einigen Wunden blutete sie noch. Diesen Anblick konnte ich nicht ertragen. Weinend warf ich mich vor ihr auf die Füße und bat sie um Verzeihung.

Zärtlich streichelte sie mein Haar und flüsterte mir mit gebrochener Stimme zu: „Weine nicht, Mutter, es ist alles gut! Es tut nicht mehr weh. Es ist gut, daß ich verreise. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, wird hier wieder Ruhe einkehren. Es tut mir so leid, daß ich euch soviel Sorgen und Kummer gemacht habe. Außer euch und dem Onkel weiß aber niemand von meiner Schandtat. Wenn ich nicht mehr hier lebe, werdet ihr weiterhin stolz und mit erhobenem Haupt den Nachbarn und den Verwandten in die Augen schauen können!“

Am nächsten Morgen hatte ich Gülsüms Koffer gepackt. Ich ging mit meinem Mann und seinem Bruder zu Gülsüms Zimmer, um sie abzuholen.

Ihre Tür war von innen abgeschlossen. Weder auf die Drohung der beiden Männer noch auf mein Flehen reagierte sie. Mein Schwager trat die Tür ein und wir betraten ihr Zimmer. Von der Decke baumelte ihr lebloser Körper. Sie hatte sich aufgehängt! Der Kopf war zur Seite geknickt und ihre langen schwarzen Haare bedeckten ihr Gesicht. Das erste, was mein Schwager sagte, war:

"Allah sei Dank! Unsere Familienehre ist gerettet!"

Ich weiß nicht, ob und wie lange Frau Özdemir noch weiter erzählte.

Ich war von dieser traurigen Geschichte so schockiert, daß ich nicht einmal bemerkt habe, wann sie mein Zimmer verließ. Als ich wieder zu mir kam, sah ich den leeren Stuhl, auf dem Frau Özdemir gesessen hatte.

Auf meinem Schreibtisch lag das zerknitterte Foto von Gülsüm. Ich schaute mir ihr Bild lange und nachdenklich an. Mir kam es vor, als sei in ihren Augen ihr vorbestimmtes Schicksal abzulesen gewesen.

Ali und sein Opferlamm

Nur eine Gasse oder höchstens fünfzig Meter Gehweg trennte seine armselige Bleibe vom prunkvollen Haus des reichen Grundbesitzers, bei dem sein Vater als Gärtner und Tierhüter im Dienst stand. Morgens bei Sonnenaufgang, wenn er das Vieh zur Weide trieb und an diesem aus Ziegelstein, Marmor und Glas erbauten Schloß vorbeiging, war das große Haus dunkel, da alle seine Bewohner noch tief schliefen. Abends bei Sonnenuntergang, wenn er auf seinem mit Heu beladenen Esel sitzend müde und hungrig wieder vorbeikam, nahm er sehnsüchtig wohlduftende Speisegerüche, Musik und Freudengeschrei der Hausbewohner wahr. Wie gerne hätte er an ihren lustigen Spielen teilgenommen und sich an den üppig gedeckten Eßtisch gesetzt.

Wie gerne hätte er gewußt, was hinter den Mauern vor sich ging. In seinem bisher zehnjährigen Leben durfte er nur einmal vor zwei Jahren, am Neujahrsfest, dieses schönste Haus im Dorf betreten, als sein Vater dem Gutsherrn den üblichen Höflichkeitsbesuch abstattete.

„Sahra!“ hatte der Vater zu seiner Frau gesagt, „Ali soll sich die Hände und das Gesicht waschen. Zieh ihm auch etwas Sauberes an, damit ich mich seiner nicht schämen muß. Ich nehme ihn zum Herrn mit. Er soll die beiden Hühner, die ich den Herrschaften als Geschenk mitnehme, tragen."

Gegen Mittag wurden Ali und sein Vater dann vorgelassen.

Ali war damals von der Schönheit des Gartens, der Größe und der Eleganz des Hauses und seiner Einrichtung sehr beeindruckt. Obwohl seine Mutter ihm zu großer Bescheidenheit und Zurückhaltung geraten hatte, schaute er neugierig und erstaunt seine Umgebung genau an. Alles faszinierte ihn, die große gepflegte Wiese, die frischen bunten Blumen, der künstliche Teich, die großen, mit wertvollen Teppichen ausgelegten Zimmer – alles überraschte ihn, weil er so etwas zum ersten Mal in seinem Leben sah. Die Kinder des Feudalherrn versammelten sich um Ali und seine Hühner, die er, an den Beinen mit einer Kordel fest gebunden und mit den Köpfen nach unten hängend, trug, und die vergeblich um ihre Freiheit kämpften. Seine Zuschauer waren zwei Jungen und ein Mädchen. Ein Junge dürfte in Alis Alter gewesen sein, der zweite war ein paar Jahre älter und das Mädchen ungefähr fünfzehn. Schreiend stießen sie sich gegenseitig zu den Hühnern hin, wobei sie große Angst hatten, das Federvieh anzufassen. Ali aber streichelte stolz und demonstrativ den Hühnern Köpfe und Schnäbel und genoß sichtlich die Bewunderung der Kinder. Später zeigte er seine anderen Kunststücke; zum Beispiel, wie er mit einem Grashalm pfeifen, wie er flink den Maulbeerbaum hochklettern oder wie er die Stimmen von Eseln, Ziegen und Tauben nachmachen konnte. Das Mittagessen durfte er aber nicht gemeinsam mit den anderen einnehmen. Man brachte ihm eine Schüssel mit Safranreis, Auberginen und Hammelfleisch nach draußen zum großen Teich.

Seitdem waren über zwei Jahre vergangen, und trotzdem erinnerte sich Ali an jede Minute jenes schönen Tages und sehnte sich innigst danach, so einen Tag noch einmal zu erleben. Manchmal stellte er sich auf seinen mit Heu beladenen Esel und versuchte vergeblich, über die Mauer ins Haus zu schauen. Hierbei war er einmal gefallen und hatte sich die Knie am Boden aufgeschlagen. Seitdem begnügte er sich damit, an dem Haus langsamer vorbeizuziehen, in der Hoffnung, vielleicht durch die zufällig geöffnete Tür einen Blick hineinwerfen zu können.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichte er jeden Abend sein eigenes Heim, das aus einer Lehmhütte mit drei Zimmern bestand. Ein kleiner schmaler Garten verband das bescheidene Gebäude mit einem zweiten Block, dem Stall und einem Schuppen mit Wintervorräten. In den morschen, dunklen Holzbalken des Schuppens hatten zwei Schwalbenfamilien ihre Nester gebaut, was als gutes Omen galt. Auch eine Schlange von angeblich zwei Metern Länge sollte hier gehaust haben. Man erzählt, die Mutterschlange habe eines Tages viele kleine Schlangenkinder zur Welt gebracht, die alle von Alis Mutter aus dem Schuppen entfernt worden seien. Am nächsten Tag habe Alis Mutter mit der Schlangenmutter Mitleid bekommen und die Schlangenjungen wieder an ihren Platz zurückgebracht. Am Tage danach fand man alle sieben großen Marmeladenkrüge zerbrochen am Boden.

Dieses Ereignis wurde so gedeutet: Die Schlangenmutter habe aus Wut über ihre verschwundenen Kinder alle sieben Krüge vergiftet, aber als sie am nächsten Tag ihre Kinder wieder heil vorfand, habe sie die Marmeladenkrüge zerschellt, damit die Familie nicht zu Schaden kommen solle.

Alis Aufgaben und Arbeiten waren stets die gleichen. Als erstes lud er das Heu vom Rücken seines Esels ab, welches mehr als doppelt soviel wie das Eigengewicht des Tieres wog.

Anschließend versorgte er ihn mit Hafer und Wasser. Dann kümmerte er sich um die übrigen Stalltiere: eine Milchkuh, ein trächtiges Schaf, zwei Widder, zwei Böcke und mehrere Hühner. Er liebte den Stallgeruch, der ihm das Gefühl von Behaglichkeit und Geborgenheit gab. Jedem Tier hatte Ali einen Namen gegeben, und so redete er sie auch, je nach ihren Verhalten, freundlich oder böse an. Für das trächtige Schaf allerdings, das von ihm „Banu“ genannt wurde, hatte Ali sehr viel Verständnis und sah bei ihm über vieles hinweg.

Wenn er auch noch die frisch gelegten Hühnereier eingesammelt hatte, setzte er sich mit seinen Eltern und drei Geschwistern zur Abendmahlzeit auf den Boden. Abgesehen von besonderen Anlässen bestand das Abendessen aus Brot, Joghurt, Kräuter- und Gerstensuppe.

Das kleinste und jüngste Familienmitglied war seine sechsjährige Schwester, die sich mit Vorliebe neben Ali setzte und sich gerne von ihm bedienen ließ. Seine beiden anderen Schwestern, die Zwillinge von dreizehn Jahren, arbeiteten tagsüber für wenig Lohn in einer Teppichknüpferei.

Durch diese harte Arbeit wiesen ihre kleinen Hände dicke Schwielen auf, auch ihre Sehkraft hatte schon im jungen Alter sehr gelitten.

Eigentlich hatte Ali sechs Geschwister gehabt. Seine ältere Schwester war jedoch schon vor Jahren bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Er konnte sich nur verschwommen an sie erinnern. Um so deutlicher standen ihm aber ihr Tod und ihre Beerdigung vor Augen. Zwei Tage und zwei Nächte schrie seine Schwester vor Schmerzen. Die alte Hebamme saß ratund tatlos an ihrem Bett. Die anderen im Zimmer versammelten Frauen aus der Nachbarschaft beteten für sie und wischten ihr die Schweißtropfen ab. Die Mutter weinte bitterlich und raufte sich die Haare. Der Vater saß mit einigen Männern in der Moschee, von deren Minarett der Muezzin zu der ungewöhnlichen Nachtstunde aus dem Koran sang, was bei schwierigen Geburten üblich war. Als endlich das Baby da war und zu schreien begann, wurde seine Mutter immer leiser, bis sie ganz verstummte. Man zog der toten Schwester weiße Gewänder an und legte sie in einen hölzernen Sarg. Der Leichenzug bewegte sich durch die staubigen Gassen und durch den Basar zum Friedhof. Hinter dem von Männern abwechselnd getragenen einfachen Sarg liefen laut schreiende und weinende Klageweiber. Ali lief mit, ohne sich der wahren Bedeutung des ganzen richtig bewußt zu sein.

Ein Jahr nach diesem Ereignis heiratete seine zweitälteste Schwester. Auch an sie konnte Ali sich kaum erinnern, aber um so genauer an die sensationelle Hochzeitsnacht. Der Bräutigam kam aus dem dreißig Kilometer entfernten Nachbardorf. Man sagte ihm und seiner Familie großen Reichtum und Ansehen nach. Es war aber auch die Rede davon, er wäre ein wenig geistesgestört. Wenn er seine ,,Anfälle“ bekäme, habe er sich nicht mehr unter Kontrolle und würde alles, was ihm vor die Augen kam, kurz- und kleinschlagen. Man erzählte, wie er in so einem Anfall seinem Esel, der ihm nicht gehorchen wollte, mit bloßen Händen das Genick gebrochen habe.

Davon wollte aber Alis Vater nichts wissen. Er war froh und seinem Schöpfer dankbar, daß er einen reichen Schwiegersohn gefunden und bald ein Kind weniger zu ernähren hatte.

Obwohl seine Tochter damit nicht einverstanden war, tagelang vorher weinte und ihren Vater anflehte, hielt er an seinem Entschluß fest.

Am Abend der Hochzeitsnacht kam der Bräutigam auf einem schönen weißen Wallach in Begleitung von sechs weiteren Reitern an. Alle Pferde waren bunt geschmückt, aber sein Pferd sah am prächtigsten aus. Der Bräutigam war ein kleiner, kräftiger, junger Mann mit rotem Gesicht, strengen Augen, buschigen Augenbrauen und einem nach oben gezwirbelten Schnurrbart.

Er brachte der ganzen Familie viele teure Geschenke mit; ein Schaf, zwei Böcke, zwei Widder, einen großen Messingsamowar, einen Kaschmirschal, seidene Stoffe, eine silberne Wasserpfeife und vier große Säcke mit Getreide aus eigenen Ländereien. Sogar für Ali hatte er Schuhe und eine Wollmütze mitgebracht. Die ganze Nacht bis zum Morgengrauen wurde gegessen, getrunken, Dudelsack und Trommel gespielt und getanzt. Fast das halbe Dorf hatte an diesem Fest teilgenommen. Sogar die Frau des Gutsherrn mit dem schönen Haus war zu dieser Hochzeit gekommen, worüber Alis Familie sehr stolz und glücklich war.

Im Morgengrauen brachen dann der Bräutigam und seine Begleiter auf. Halb betrunken setzte er Alis Schwester auf sein weißes Pferd, nahm selbst hinter ihr Platz, hielt mit einer Hand den Zügel und seine Braut, mit der anderen die Peitsche und ritt wie ein Polospieler voraus. Seine Begleiter ritten hinterher. Zurück blieb die übrige Familie, Ali, seine weinende Mutter und die von den Pferden hinterlassenen Staubwolken in der Morgendämmerung. Nie mehr sah man die Schwester wieder.

Die einzige Kontaktperson, die alle drei Monate eine Nachricht von ihr überbrachte, war ein fahrender Kesselschmied, der in allen Nachbardörfern seine Ware verkaufte. Wenn er auf seiner Route in dreimonatigem Rhythmus, in Alis Dorf kam, suchte er als erstes Alis Familie auf, wo er freundlich und mit Spannung empfangen wurde. Alle versammelten sich um ihn, erkundigten sich nach der Schwester und stellten ihm viele Fragen. Für seine angeblich zuverlässigen Auskünfte ließ er sich mit Essen, Getränken und durch den Verkauf von Kesseln, Pfannen und Töpfen reichlich belohnen. Er erzählte, daß die Schwester sehr unglücklich sei und immerzu weine. Sie habe ihn angefleht, ihren Vater zu bitten, sie wieder nach Hause zu holen. Der Vater gab immer die gleiche Antwort: "Wir haben kein Recht, uns einzumischen. Es ist ihr vorbestimmtes Schicksal. Sie muß sich anpassen und fügen." Eines Tages kam der Kesselverkäufer mit einem großen Koffer zu ihnen. Alis Mutter erkannte sofort den Koffer ihrer Tochter. Darin befanden sich einige alte Sachen von ihr: ein paar Schuhe, ihr Tschador und das Kleid, welches sie in der Hochzeitsnacht getragen hatte. Alis Eltern berichtete der Kesselverkäufer nur, ihre Tochter sei gestorben und man habe ihn beauftragt, ihre persönlichen Sachen bei ihren Eltern abzugeben. Den Leuten im Dorf erzählte er jedoch, daß sie von ihrem Ehemann bei einem seiner Anfälle erschlagen worden sei.

Ali stand jeden Tag beim Hahnenschrei auf. Wenn er seinen ersten frühmorgendlichen Gang seiner kleinen Herde zur Weide beendet hatte und auf dem Heimweg war, verließen die gleichaltrigen Schüler ihre Häuser und traten den Schulweg an. Verstaubt und mit zerfetzten Kleidern sah Ali den Schulkindern sehnsüchtig und neidvoll lange nach. Tagsüber setzte er sich auf die Treppe des Stalleinganges und lauschte lange dem Geschrei der spielenden Kinder, welches vom unweit gelegenen Schulhof zu hören war. Nach jeder Pause, die durch eine Glocke angekündigt war, und wenn wieder Stille herrschte, versuchte Ali auf verschiedene Weise sich zu beschäftigen. Entweder bastelte er mit seinem Taschenmesser an einer Flöte, die er aus Schilfrohr anfertigte, oder er sah sich den verbitterten Kampf zwischen den beiden Widdern an, die mit Anlauf aufeinander zurasten und ihre harten Köpfe mit großer Wucht gegeneinander knallten, oder er setzte sich zu dem schweratmenden, trächtigen Schaf Banu und streichelte liebevoll dessen dicken Bauch. Es machte ihn glücklich, wenn sich das ungeborene Lamm durch Banus Bauchdecke unter seiner Hand bewegte. Manchmal drückte er sein Ohr fest an Banus Bauch und versuchte, das neue Leben in ihr auch hörend wahrzunehmen. Einen Namen hatte er schon für das ungeborene Lämmchen. Er nannte es „Kutschulu“. Ali konnte kaum die Geburt von Kutschulu abwarten. Je näher der Geburtstermin kam und je dicker Banus Bauch wurde, desto ungeduldiger wurde er.

Eines Morgens trennte der Vater die beiden Böcke, die von Ali „Schangul“ und „Mangul“ genannt wurden. Er zerrte Schangul aus dem Stall und zog ihn zum Haus seines Brotgebers mit dem schönsten Haus im Dorf. Schangul wehrte sich mit all seinen Kräften als wüßte er, was ihm bevorstand. Es war nämlich angekündigt worden, daß gegen Mittag der reiche Grundbesitzer von seiner Pilgerreise nach Mekka zurückkehren würde. Zu seiner Ehre wollte Alis Vater vor seinem Haus das Tier schlachten. Alis Bitten und Betteln konnte den Bock vor seinem bitteren Schicksal nicht retten. In der erbarmungslosen Mittagshitze warf man Schangul vor den Füßen des Pilgers nieder, goß ihm eine Handvoll Wasser ins Maul und setzte ihm das scharfe Messer an die Kehle. Um das Tier stillzuhalten, setzte sich der schwergewichtige Metzger auf seinen Körper, die Hinterbeine wurden von seinem Gehilfen festgehalten. Ohne jegliches Gefühl bog der Metzger Schanguls Kopf nach hinten und schnitt ihm die Kehle durch. Blutfontänen spritzten meterweit auf die heißen Steine. Dann ließ man ihn los und sah genüßlich zu, wie Schangul mit durchgeschnittener Kehle in seinem eigenen Blut zuckte und dem Tod einen aussichtslosen Kampf lieferte. Die Zuckungen wurden immer langsamer und sporadischer, bis er leblos liegenblieb. Der Metzger ritzte dann Schanguls Vorderpfote auf, hockte sich neben seinen Kadaver und blies mit großer Anstrengung Luft unter seine Haut. Nach einigen Minuten hob sich Schanguls Haut überall von seinem Fleisch und er sah aus wie ein aufgeblasener Luftballon. Geschickt konnte dann der Metzger sein Fell abziehen. Tage danach hing Schanguls Fell zum Trocknen an einer Leine vor dem Schuppen, und Ali konnte nicht daran vorbeigehen, ohne ein paar Tränen zu vergießen.

Das neue Jahr war nur dreizehn Tage alt, als Banu, das Schaf, endlich ein niedliches kleines Lämmchen gebar, welches schon im Leib seiner Mutter von Ali „Kutschulu“ genannt worden war. Die Aufregung der ganzen Familie, besonders von Ali, war groß. Wegen Kutschulu vernachlässigte Ali seine wichtigen und weniger wichtigen Aufgaben. Er bastelte keine Flöte mehr, sah sich keine Widderkämpfe an und lauschte auch nicht mehr dem Schulhoflärm; nicht einmal auf die sauber gekleideten Schulkinder war Ali nunmehr neidisch. Jede freie Minute verbrachte er mit dem neugeborenen Schäflein. Trotz der vorwurfsvollen Blicke des Mutterschafes Banu und der Proteste seiner Familie trug er Kutschulu überall mit sich herum. Wie ein geliebtes Baby drückte er das Lamm an sich, streichelte sein seidenweiches, flauschiges Fell und küßte es am Kopf und auf die Augen. Nur ab und zu setzte er Kutschulu von seinen Armen auf den Boden ab und sah mit Begeisterung zu, wie das Tierchen mit seinen kleinen, zerbrechlichen Beinen unsicher und zaghaft die ersten Gehversuche unternahm.

Dieser Bauernjunge war völlig verändert. Er freute sich jetzt auf jeden neuen Morgen, auf die Sonne, auf den Mond, auf die Nacht und auf seine sonst so mühsamen Arbeiten. Sein Leben hatte mit Kutschulu einen Sinn erhalten. Je älter und größer sein Schäflein wurde, desto stolzer und glücklicher wurde er selbst. Ali und Kutschulu, der Bauernjunge und das Lamm, waren unzertrennlich. Sie liebten sich und waren aufeinander fixiert. Wenn Ali sich einmal wegen einer Grippe oder anderer Krankheit nicht wohl fühlte, dann war mit Kutschulu auch nichts los; er fraß nicht, wurde unruhig und scheu. Wenn sich Kutschulu auch nur geringfügig verletzte, geriet Ali in Panik und war übertrieben besorgt um sein Befinden. Kutschulu sah in Ali seine wichtigste Bezugsperson. Banu, das Mutterschaf, wurde von Kutschulu nicht angenommen, worüber Banu gar nicht glücklich war.

Damit Ali über den Aufenthalt seines Lammes jederzeit Bescheid wußte, hatte er ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt. Aus Zuneigung hatte er Kutschulus Pfoten und Kopf mit Henna gefärbt. Kutschulu folgte Ali auf Schritt und Tritt. Wollte Ali, daß das Lämmchen ihm nicht folgte, mußte er Kutschulu im Stall einsperren und schnell weglaufen. Tat er dies einmal, begann das Lamm wie ein Menschenbaby, das nach seiner Mutter ruft, mitleiderregende Schreie von sich zu geben und mit seinen Vorderpfoten gegen die Stalltür zu schlagen.

Unglaublich rührend war die Wiedersehensszene der beiden nach einer relativ langen Trennung. Wenn das Lamm die Stimme des Bauernjungen hörte, rannte es ihm wie ein Wirbelwind entgegen, sprang auf seine Arme und schmiegte sich an ihn. Er drückte es fest an sich und wälzte sich mit ihm vor Freude auf der Wiese.

Der Fastenmonat Ramadan ging seinem Ende zu, und es nahte das Schlachtfest, bei dem Schafe, Kälber und Kühe geschlachtet werden und das Fleisch an die Armen verteilt wird.

Eines Abends, nachdem Ali alle seine Aufgaben erledigt hatte, sich von Kutschulu verabschiedet hatte und zum Abendessen setzte, war seine Familie ungewöhnlich nachdenklich und wortkarg. Sogar die sonst so geschwätzigen Zwillinge flüsterten nur und vermieden den direkten Blickkontakt mit Ali. Schließlich begann der Vater zu sprechen. Er begann seine Rede mit einer sehr umständlichen Einführung, aus der Ali nicht klug wurde. Er sprach von seinen Pflichten und von der Gehorsamkeit seinem Brotgeber gegenüber, von der Bedeutung des Opferfestes für einen gläubigen Moslem, von dem Unterschied zwischen Mensch und Tier und vom Nutzen und Zweck des Daseins der Haustiere, wie Esel, Kühe, Schafe und Hühner.

Ganz zuletzt rückte er mit der schon längst gefällten Entscheidung heraus, Kutschulu am nächsten Morgen als Opferlamm vor dem Haus des Grundbesitzers zu schlachten.

Ali blieb das Brot im Hals stecken. Wie gelähmt schaute er erst seinen Vater, dann die Mutter und die Geschwister fragend an. Sie richteten ihre Blicke zu Boden und schwiegen. Plötzlich stand Ali auf, rannte durch den schmalen Garten zum Stall und verriegelte die Stalltür von innen. Vater, Mutter und Geschwister folgten ihm und versuchten, ihn erst mit guten Worten, dann mit Beschimpfungen und Drohungen zu bewegen, die Tür zu öffnen. Alles vergebens. Schließlich gaben sie auf und ließen ihn mit Kutschulu und den anderen Tieren im Stall allein. Zum Trost der weinenden Mutter meinte der Vater, daß es gar nicht so schlecht sei, wenn Ali die ganze Nacht bei dem Opferlamm bliebe, um sich von ihm zu verabschieden. Am nächsten Morgen fand man die Stalltür offen. Ali und Kutschulu waren verschwunden. Da es aber während der Nacht leicht geregnet hatte, konnte man noch ihre Spuren auf der Erde erkennen.

Ein schnell zusammengerufener Suchtrupp nahm diese Spur auf. Man sah Alis kleine Fußabdrücke, dicht gefolgt von Kutschulus zarten Hufen. Teilweise verschwanden aber die Hufabdrücke; hier mußte Ali das Lamm auf seinen Armen getragen haben. Die Spuren führten kreuz und quer durch fremde Gärten, kleine und größere Bäche und über mehrere Hügel hin bis weit außerhalb des Dorfes, wo das schwarze Moor begann. Kurz vor dem Moor wurden Alis und Kutschulus Spuren immer undeutlicher, bis sie im brodelnden Schlamm ganz verschwanden.

Man hat die beiden nie wiedergesehen.

Gorgi – der Außenseiter

In einem Land, wo Tierliebe klein geschrieben wird, in einem Land, wo man Schwalben aus purem Sadismus Federn ausreist, wo Sperlingen mit Steinschleudern beschossen werden, wo die Esel unter schwersten Lasten zusammenbrechen und statt Mitleid Hiebe empfangen, wo Hunde als unrein verachtet und Katzen brutal getreten werden, wenn sie beim Fleischdiebstahl in der Küche ertappt werden – in einem solchen Land war ein Hundeleben wie das unseres Gorgi kein beneidenswertes Dasein.

Er gehörte zur Spitzhundrasse, hatte schneeweiße, weiche, kuschelige Haare und spitze Ohren. Seinen Schwanz hielt er senkrecht nach oben, wenn er glücklich war. Am bemerkenswertesten waren seine Augen. Gorgi hatte nicht die normalen treuen Hundeaugen. Nein, seine Augen drückten eine große Wärme, Lebendigkeit, Sensibilität aus. Sie hatten etwas, was fälschlicherweise als menschlich bezeichnet wird, jedoch am wenigsten bei Menschen gefunden wird.

Bei Tagesanbruch, ob Sommer oder Winter, war unser Gorgi derjenige von unserer mehrköpfigen Familie, der am frühesten wach wurde und flink sein allmorgendliches Rennen viermal um den Obstgarten absolvierte.

Im Laufe der Jahre, die Gorgi bei uns wohnte – es gab ihn, seit ich zurückdenken kann -, hatte er sich für die vier Jahreszeiten verschiedenen Lieblingsplätze ausgesucht. Im Frühling spielte er immer bei der großen alten Buche, im Sommer lag er träumend neben dem kleinen rauschenden Bach, im Herbst hatte er seinen Platz hinter dem Schuppen zwischen einem Granatapfel- und einem Feigenbaum, und im Winter, wenn es frostig kalt wurde, kuschelte er sich vor der Haustür auf der Fußmatte, damit er ein wenig von der wohltuenden Wärme mitbekam, die beim Öffnen der Tür nach außen drang. Für ein paar Wärmestrahlen nahm er sogar die scherzhaften Fußtritte derjenigen in Kauf, die ihn beim Ein- und Ausgehen als störend empfanden.

Geliebt wurde Gorgi, außer von meiner Mutter, von niemandem. Von meinem Vater mit Argwohn geduldet, von meinen Geschwistern mißachtet und von den Nachbarkindern grausam gequält, erweckte er den Eindruck eines halb traurigen und halb glücklichen Hundes.

Woher er kam, wußte man nicht genau. Irgend jemand erzählte, daß er vor Jahren, von mehreren streunenden Hunden gejagt, in unserem Haus Zuflucht suchte und von meiner Mutter, die ein Herz für die Schwachen und Hilflosen hatte, aufgenommen worden war.

Trotz aller Schmach und Erniedrigungen, die er erleiden mußte, hatte es das Schicksal mit Gorgi im Vergleich zu anderen Hunden gut gemeint. In unserem Dorf, wo Hunde nicht einmal die vom Metzger weggeworfenen Knochen fressen durften, wo ein Hund, wenn er sich einem Laden auch nur näherte, mit einem Eimer Wasser weggescheucht wurde, wo ein Geschirr, das mit einem Hund in Berührung kam, siebenmal gewaschen wurde, um die Reinheit wieder herzustellen – in diesem Dorf, in unserem Haus, hatte Gorgi das große Privileg, wenn auch nicht geliebt, so doch geduldet zu werden. Noch dazu in einem Haus, das einem sehr gläubigen Mann wie meinem Vater gehörte, der Mekka sogar zweimal besucht hatte. Gegen den Hund hatte mein Vater nichts. Ich glaube sogar, er hatte ihn gern.

Als Kind konnte ich das Heulen des Hundes, das besonders jämmerlich klang, wenn er, wie so oft, geschlagen wurde, sehr gut nachmachen. Um meinen Vater zu ärgern, imitierte ich häufig in einem Versteck Gorgis Heulen. Wenn mein Vater das hörte, schrie er: „Schlag den Hund nicht ohne Grund, laß ihn in Ruhe!“

Trotzdem störten ihn die Sticheleien der Nachbarn und die Vorwürfe des Dorfpredigers. Sie konnten nicht verstehen, wie ein gottesfürchtiger Hadji wie mein Vater ein vom Propheten als unrein bezeichnetes Tier in seinem Haushalt leben lassen konnte.

Gorgi litt am meisten unter den Folterungen, die er von den Kindern erleiden mußte. Naturgemäß wurde die Meinung der Erwachsenen über Hunde von den Kindern übernommen. So fanden sie auch Unterstützung und Beifall, wenn sie gemeinsam, mit Steinen und Knüppeln bewaffnet, Feldzüge gegen Hunde unternahmen.

An einem Spätherbstnachmittag steckten die Kinder Gorgi in einen Sack, den sie mit einer Kordel zuknoteten. Nur sein kleiner Kopf mit den großen schwarzen Augen schaute aus dem Sack heraus. Die Kinder warfen ihn in den Teich unseres Gartens und guckten mit Wonne zu, wie Gorgi verzweifelt und in Todesangst um seine Befreiung kämpfte. Wieder einmal konnte ihn meine Mutter als Retterin in der Not vor dem Ertrinken bewahren und die Kinder davonjagen. Gorgi war sehr tapfer. Oft nahm er es mit größeren und viel stärkeren Hunden auf. Wegen seines Mutes trug er in erstaunlich vielen Kämpfen den Sieg davon. Wenn Gorgi dann lädiert heimkehrte, lief er sofort zu meiner Mutter und schaute sie erwartungsvoll an. Ein paar Lobesworte wie zum Beispiel "Bravo, Gorgi!" ließen ihn alle Schmerzen vergessen. Danach verschwand er in einer Ecke und leckte seine Wunden.

Mit Anbruch der Dunkelheit, durch das Gackern der Hühner angelockt, kamen Schakale in Rudeln von den naheliegenden Feldern in unseren Obstgarten und heulten in einem haarsträubenden Chor. Bellend attackierte sie unser tapferer Gorgi und schlug sie in die Flucht. Nur einmal wurde er lebensbedrohlich von den Schakalen verletzt und brach blutüberströmt vor meiner Mutter zusammen. Trotzdem konnten ihn nicht einmal die tiefen Narben, die er aus dieser Schlacht davontrug, daran hindern, die Schakale jeden Abend aufs neue in die Flucht zu schlagen. Wegen seines Mutes wurde er seitdem „Gorgi, der Wolfshund“ genannt.

Gorgi sehnte sich danach, gelobt zu werden. Um das zu erreichen, war ihm keine Anstrengung zuviel und keine Gefahr zu groß, keine Hürde zu schwierig, kein Fluß zu tief und kein Dach zu hoch. Es war nicht seine Art, zu klagen, obwohl er oft genug Grund dazu hatte. Wenn er grundlos schlimme Prügel bezog, rannte er nicht weg, sondern blieb, den kleinen Kopf mit den Vorderpfoten schützend, am Boden liegen und blickte traurig zu seinem Folterer auf. Meine Mutter behauptete sogar, Tränen in seinen Augen gesehen zu haben.

Seine Treue und Loyalität zu unserer Familie war grenzenlos. Weil eines Tages meine zweitälteste Schwester den Marmeladenkrug zerbrach und aus Feigheit Gorgi beschuldigte, und weil gerade an diesem Tag mein Vater mit den Nachbarn wegen des Hundes gestritten hatte, warf er Georgi aus dem Haus und verbot jedem von uns, den Hund wieder aufzunehmen. Trotz des Bittens und Bettelns meiner Mutter blieb Vater bei seiner Entscheidung. Am Morgen des nächsten Tages fand er Gorgi halberfroren vorm Tor unseres Hofes. Man sah Vater an, wie sehr ihm seine Entscheidung Leid tat. Später erfuhren wir, daß einige Leute vergeblich versucht hatten, Gorgi mit Brot und Knochen von unserem Haus wegzulocken. Der Hund hatte allen Versuchungen widerstanden und sich nicht einmal einen halben Meter von unserer Haustür entfernt.

Durch solche und tausend andere beispielhafte Taten eroberte Gorgi nach und nach den Herzen der Familie, eines nach dem anderen. Seine Liebenswürdigkeiten besiegten zum Schluß sogar meinen hartherzigen älteren Bruder. Keiner von uns wollte ihn mehr missen. Gorgi war nicht mehr der alte, verhaßte, mißachtete, unreine Hund, sondern einer von uns, der im Sommer Anspruch auf Kühle und im Winter Anspruch auf Wärme hatte. Er war einer von uns, der nicht mehr nur geduldet, sondern von uns allen geliebt wurde und gegen jeden fremden und ungerechten Angriff verteidigt werden mußte.

Die allmähliche Wandlung unserer Gefühle für den Hund bewirkte eine völlige Wandlung in der Persönlichkeit Gorgis und in seinem Verhalten. Er wurde noch flinker. Noch schneller konnte er sein zur Routine gewordenes viermaliges Umkreisen des Obstgartens absolvieren. Seinen Schwanz hielt er jetzt immer hoch. In seinem Blick war keine Spur mehr von Traurigkeit. Im Gegenteil, die großen schwarzen Augen strahlten Lebenslust und Glück aus.

Wir konnten uns ein Leben ohne Gorgi nur noch schwer vorstellen.

Es war der letzte Freitag im September, ein melancholischer Herbsttag. Die ersten gelbgefärbten Blätter fielen schwebend zu Boden. Die Singvögel in unserem Obstgarten wurden leiser und leiser. Dafür krächzte der große schwarzweiße Rabe auf der alten Eiche neben dem Bach immer lauter. Er kündigte das Ende eines schönen Sommers an.

Wir hatten am Abend zuvor viele Gäste gehabt. Es war schon fast Morgen, als wir uns alle schlafen legten. Gegen Mittag wurden wir einer nach dem anderen wach. Erst nach dem Frühstück fiel uns auf, daß Gorgi sich noch nicht gemeldet hatte. Wir waren es gewohnt, daß er sich in unserer Nähe aufhielt, wenn wir aßen, damit er etwas abbekam. Normalerweise hätte uns auch sein geräuschvolles Rennen um den Obstgarten geweckt. Doch selbst wenn wir das wegen unserer großen Müdigkeit nicht gehört haben sollten, hätte Gorgi spätestens beim Ruf meiner Mutter wie der Blitz angelaufen kommen müssen. Besorgt machten wir uns auf die Suche nach ihm. Hinter dem Schuppen, zwischen dem Granatapfel- und dem Feigenbaum, lag Gorgi tot am Boden. Aus seiner Schnauze sickerte halbgeronnenes Blut. Man hatte ihn vergiftet. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, daß der leblos hingestreckte Gorgi noch am Tag zuvor flink und lebensfroh über Bach und Hecke gesprungen war. Seine großen schwarzen Augen standen offen, leuchtend und voller Melancholie. Meine Mutter meinte, in ihnen zwei Tränen gesehen zu haben.

Heute, viele Jahre nach dem Tod von Gorgi, entdecke ich viele seiner Eigenschaften in mir wieder. Tausende von Kilometern von meiner Heimat entfernt, komme auch ich mir wie ein Aussätziger, wie ein Ausgestoßener vor. Wie jemand, der in diesem Land Zuflucht gesucht, aber, bis auf wenige Ausnahmen, statt Liebe und Geborgenheit Fremdenhaß und Abneigung zu spüren bekommen hat. Auch ich suchte jahrzehntelang die wahren Freundschaften und fand die Fata Morganen der oberflächlichen und falschen Freundschaften. Auch ich brachte mich immer wieder in Gefahr, nahm mit Courage jedes Risiko auf mich, um Anerkennung und Lob zu bekommen, und erntete Vorurteile, Ablehnung und Spott. Auch ich wurde, wie Gorgi, zur falschen Zeit und am falschen Ort geboren und blieb, wie er, von der Umgebung unverstanden, ein ganzes Leben lang ein „Außenseiter“.

Auch ich wurde, wie Gorgi, vergiftet. Vergiftet durch falsche Freundschaften und die Geldgier der Menschen, durch den Neid der Habenichtse und durch die Gottlosigkeit der religiösen Eiferer, vergiftet durch den Anblick bekannter Gesichter, die ich jeden Tag sehe und die mir doch fremd geblieben sind, vergiftet durch Menschen, mit denen ich jeden Tag spreche, deren Worte mir jedoch unverständlich bleiben. Manche Philosophen behaupten, daß nach dem Tode jedes Lebewesen in einem anderen weiterlebt. Bei so viel Gemeinsamkeit liegt der Gedanke nahe, daß vielleicht der Geist von Gorgi in mir weiterlebt.

Ist dieser Gedanke so abwegig?

Meine Umzüge

Manchmal, wenn ich mich an frühere Zeiten erinnere, oder wenn ich alte Bilder von mir anschaue, überkommt mich eine tiefe Melancholie. Nicht, weil ich der verlorenen Jugend nachtrauere, sondern weil es mir schwerfällt, mich mit meinem Ich der längst vergangenen Jahre zu identifizieren. Dann frage ich mich, ob es sich bei der Person von vor fünfundzwanzig Jahren und der von heute um ein und denselben Menschen handelt. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Zweifel kommen mir, und sie beunruhigen und verwirren mich.

Es gibt Ereignisse in meiner Vergangenheit, die mir fern und unwirklich vorkommen, und andere, von denen ich den Eindruck habe, sie hätten sich erst gestern abgespielt. Die Abschiedsszene an der Bushaltestelle Mowlowiestraße sehe ich noch genau vor mir. Die große Schar meiner Familie war um den Bus versammelt, der uns durch Azarbayedjan zur türkischen Grenze bringen sollte. Ich saß auf der Fahrerseite in der vierten Reihe am Fenster und blickte, Stolz erfüllt und voller Vorfreude auf unbekannte Abenteuer, zur weinenden Menge hinaus. Obwohl ich als jüngster Sprößling einer wohlhabenden Familie von allen Seiten – außer von meinem Vater – verwöhnt wurde, hatte ich mich durch eigene Schuld in eine Außenseiterposition gebracht, verstand mich mit keinem und hatte das Gefühl, viel zu schade für meine Umgebung zu sein. Hauptgrund meines Entfliehens waren die Frauen, zu denen mir der engere Kontakt hier durch gesellschaftliche Zwänge absolut vorenthalten wurde, von denen es aber in Deutschland, wohin ich reiste, mehr als genug geben sollte, die bereit waren …

Man erzählte, daß dort auf jeden Mann sechs Frauen entfallen, und wenn ein Alleinreisender am Bahnhof in München ankäme, träfe er mindestens zwei hübsche Blondinen an, die auf einen netten jungen Mann warteten und ihm sogar seine Koffer tragen würden. Die erste Blondine, die meine Aufmerksamkeit erweckte, war eine Zigeunerin, die in Sophia in unser Abteil zustieg. Die alte Dampflokomotive, die mich mühevoll und kreischend durch unwegsame Strecken und durch lange dunkle Tunnel von der Türkei über Bulgarien, Jugoslawien und Österreich nach Deutschland bringen sollte, hielt in jeder größeren Stadt. Die junge hübsche Zigeunerin mit lockigem Haar und mollig-appetitlicher Figur nahm mit ihrer fast ein hundert Kilo schweren Mutter mir und meinem schüchternen Reisefreund gegenüber Platz. Mein Freund, der im Gegensatz zu mir die gutgemeinten Ratschläge seiner Familie genauestens befolgte, schaute sofort verschämt aus dem Fenster. Ich aber starrte voller Gier und mit Begeisterung auf die übereinander geschlagenen Beine der koketten Blondine, die auch nicht abgeneigt war und mit ihrem frechen Augenaufschlag noch mehr Öl in die Glut meiner Begierde goß. Anfänglich versuchte ich, mit meinen Zehenspitzen ihre Füße zu berühren, aber der strenge Gesichtsausdruck der schwergewichtigen Mutter hielt mich davon ab. Dieses Vorhaben und weitere Annäherungsversuche hob ich mir für die Zeit auf, in der unser Zug in einen langen Tunnel kam. Mit zittrigen Händen streichelte ich die samtweichen Beine der Zigeunerin und hoffte im stillen, dieser Tunnel möge nie ein Ende haben. Durch ein schrecklich lautes Klatschen wurde ich aufgeschreckt. Als der Zug langsam wieder an das Tageslicht kam und unser Abteil allmählich heller wurde, sah ich meinen schüchternen, guterzogenen Freund, wie er sich seine linke knallrote Backe hielt.

Im Dunkeln hatte ich nämlich die Mutter mit der Tochter verwechselt, und die Mutter hielt irrtümlich meinen armen Freund für den Übeltäter und hatte ihm eine kräftige Ohrfeige verpaßt.

Als ich acht Tage später mit meinem riesigen Koffer am Münchener Hauptbahnhof ankam und verzweifelt nach hübschen Blondinen Ausschau hielt, fand ich zwar einige; sie warteten aber nicht auf mich, geschweige denn mit der Absicht, meine Koffer zu tragen. Diesbezüglich änderte sich auch in den darauffolgenden Tagen nichts, als ich in Erlangen von morgens bis spät in die Nacht fast jede Frau auf der Straße ansprach und Pistazien und Zigaretten aus der Heimat anbot. Diese ungewohnte Freundlichkeit führte mich zwar nicht zum Ziel, wurde jedoch von fast allen Frauen mit begeisterter Aufmerksamkeit entgegengenommen. Ein liebes Lächeln, ein netter Blick oder ein freundliches Dankeschön reichten aus, um mich glücklich zu machen. Manchmal blieb ich mitten auf der Straße stehen und sah hemmungslos und intensiv einem schönen Mädchen nach. Einmal, als mir auf dem Weg zur Mensa eine bildschöne Frau entgegenkam, war ich von ihrer Schönheit so fasziniert, daß ich ihr lange nachschaute und dabei während des Laufens mit dem Kopf heftig gegen eine Straßenlaterne stieß. Für einen Moment verlor ich die Besinnung. Noch Tage danach lief ich mit einer hühnereigroßen Schwellung auf der linken Stirnhälfte herum.

Weder diese noch viele andere Schlappen konnten mich aber davon abbringen, gierig und aufmerksam alles in meiner Umgebung zu registrieren und in mich aufzunehmen. Und es waren nicht wenige Schlappen, die ich in kurzer Zeit erlebte. Einmal nahm mich in Nürnberg eine Frau mit auf ihr Zimmer, gab mir Gutes zu essen und zu trinken und geizte auch nicht mit anderen Nettigkeiten. Zu meiner Freude machte sie mir alles sehr leicht. Während des Liebesaktes fiel mir ein eigenartiges, mir unbekanntes Hecheln auf. Als ich vorsichtig in die Richtung schaute, aus der die Geräusche kamen, erschrak ich mich fast zu Tode. Versteckt in einer Ecke des Zimmers saß ein ziemlich alter Mann und amüsierte sich auf meine Kosten. Die Freundlichkeit der Dame war also nur Berechnung. Ihr Plan zielte darauf ab, durch mein Beispiel den erotischen Ermüdungserscheinungen ihres bejahrten Partners abzuhelfen.

Schon als Kind hatte ich große Angst vor fremden Hunden, ganz gleich wie klein und harmlos sie auch waren. Ich erinnere mich an eine unvergeßliche Nacht mit einem Mädchen, in der ich ganz dicht am Ziel war und die Früchte meiner Anstrengungen und meiner Ausdauer greifbar nahe sah. Nach Anwendung all meiner Redekunst und Überredungskraft lag eine Venus willig, einladend und erwartungsvoll in meinen Armen. Alles ging nach Wunsch, die laue Sommernacht, der Vollmond, die romantische Musik, einfach alles. Nur ein Störfaktor machte das Ganze zunichte. Es war ein Bernhardiner in der Größe eines Kalbes, der am Ende des Himmelbettes saß und mit heraushängender, feuchter Zunge jede meiner Aktionen haargenau beobachtete. Er ließ sich weder durch List noch durch Mortadella irreführen und blieb standhaft bis zum Morgengrauen wie ein pflichtbewußter Soldat auf seinem Posten. Ich lag regungslos vor Angst und steif wie ein Bleistift im Bett und ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Als er mich endlich bei Tagesanbruch erlöste und vom Bett sprang, fielen meine Augen zu und mein ausgelaugter Körper blieb wie ein Sack, schwer und nutzlos, im Bett liegen. Eine weitere Chance räumte mir die enttäuschte Liebesgöttin nicht ein.

Wegen Mißachtung des Verbots nächtlicher Damenbesuche mußte ich fast alle drei Monate umziehen. In der obersten Etage des Hauses Nummer achtzig in der Ostendstraße in Frankfurt befanden sich insgesamt sechs kleine Mansarden. Die Bewohner dieser Etage waren fast alle undurchsichtigen, suspekten Typen. Links neben meiner Mansarde wohnte eine Prostituierte mittleren Alters mit drei Kindern verschiedener Rassenzugehörigkeit, schräg mir gegenüber ein ewiger Student, auf dessen Schreibtisch fünf Jahre lang ein dickes Lehrbuch der Inneren Medizin bei Seite zweihundertsechsundachtzig aufgeschlagen war, wobei man auf dieser Seite wegen Senf-, Ketchup- und Kaffeeflecken nichts mehr entziffern konnte. Ihm gegenüber lag das Mansardenzimmer einer siebzigjährigen Frau mit einem Wellensittich namens Pepitto. Der ewige Student hatte trotz seines hohen Alters viel Glück bei jungen Frauen. Ich traf ihn immer wieder im Treppenhaus, wenn er in Begleitung verschiedener junger Damen die achtundachtzig Treppenstufen hinauf- oder herunterstieg. Er lief immer voraus und die Frauen folgten ihm. Wegen seiner kräftigen Oberschenkel wiesen alle seine Hosen an der Gesäßnaht lange Risse auf, was den ihm folgenden Personen tiefe Einblicke ermöglichte. Bis heute frage ich mich, ob es sich dabei um einen seiner zahlreichen Tricks gehandelt hat und ob vielleicht überhaupt dieser Umstand der Grund seines Erfolges bei den Damen gewesen sein kann.