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Die Spur der Apostel zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte, bis heute. Doch eine klare Antwort auf Apostolizität ist schwerlich zu finden, weil sowohl Interpretationsspielräume als auch individuelle Sichtweisen hinsichtlich bestimmter Positionen und Verständnisse bestehen bleiben werden. Damit steht die Kirche vor der stetigen Herausforderung, sich der Diskussion um apostolische Autorität neu zu stellen.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das vorliegende Buch ist aus meinem persönlichen Interesse am Aposteltum und an apostolischen Diensten erwachsen. Seit vielen Jahren sammele ich Literatur, die sich auf unterschiedliche Weise mit diesem Thema befasst. Aus dieser Beschäftigung entstand schließlich auch die hier vorliegende Ausarbeitung, die ursprünglich im Rahmen meines Theologiestudiums als Masterarbeit konzipiert wurde. Obwohl bereits einige Veröffentlichungen zum Thema ‚Apostel‘ vorliegen, existieren jedoch kaum bis keine kirchenhistorischen Gesamtüberblicke. Dieses Buch soll ein Anfang sein, diese Lücke zu schließen. Dass damit das letzte Wort über das Aposteltum und apostolische Dienste noch nicht gesprochen ist, versteht sich von selbst. Vielleicht kann diese Untersuchung jedoch dazu beitragen, dem Apostelamt wieder den Platz einzuräumen, der ihm zugedacht ist. Gibt es also einen besseren Weg, als zunächst aus der Kirchengeschichte zu lernen und das Erkannte danach am Maßstab der Bibel zu überprüfen?
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich zur besseren Lesbarkeit nur direkte Zitate mit einer Fußnote versehen habe. Alle weiteren Quellen, die ich für meine Recherche verwendet habe, sind im Anhang aufgeführt.
Mirko Steinkamp
1. Auf den Spuren der Apostel
2. Apostel – Missio Dei
3. Die Urapostel
3.1 Simon Petrus
3.2 Andreas
3.3 Jakobus Zebedäus
3.4 Johannes
3.5 Philippus
3.6 Bartholomäus (Nathanael)
3.7 Thomas
3.8 Matthäus
3.9 Jakobus Alphäus
3.10 Judas Thaddäus
3.11 Simon der Kananäer
3.12 Judas Iskariot
3.13 Matthias
3.14 Paulus
4. Noch mehr Apostel?
4.1 Jakobus der Herrenbruder
4.2 Barnabas
4.3 Apollos
4.4 Timotheus
4.5 Titus
4.6 Silas
4.7 Weitere Erwähnungen
5. Die Apostolischen Väter
5.1 Clemens von Rom
5.2 Ignatius von Antiochien
5.3 Polycarp von Smyrna
5.4 Papias von Hierapolis
5.5 Quadratus von Athen
5.6 Hermas
6. Herausragende Apostel
6.1 Bonifatius – Apostel der Deutschen
6.2 Ansgar – Apostel des Nordens
6.3 Magnus – Apostel des Allgäus
7. Apostolische Bewegungen
7.1 Die iroschottische Mönchsbewegung
7.1.1 Patrick – Apostel der Iren
7.1.2 Columban – Apostel der Pikten
7.2 Der Apostolische Stuhl
7.3 Die orthodoxen Kirchen
7.4 Reformation
7.5 Die katholisch-apostolischen Gemeinden
7.6 Die Neuapostolische Kirche
7.6.1 Apostelamt Juda
7.6.2 Apostelamt Jesu Christi
7.6.3 Apostolische Gemeinschaft
8. Römisch-katholisch-apostolische Gemeinschaften
8.1 Regnum Christi
8.2 Schönstatt-Bewegung
9. Pfingstlich-charismatisch-apostolische Bewegungen
9.1 Neue Apostolische Reformation
10. Biblische Grundlagen apostolischer Berufung
10.1 Die zwölf Grundsteine
10.2 Über die Zwölf hinaus
10.3 Kennzeichen apostolischer Berufungen
10.4 Legitimation apostolischer Berufungen
11. Apostel: Gefahren, Kontroversen, Chancen.
11.1 Die Apostolischen Väter: Dienst und Autorität
11.2 Die Iroschotten: Evangelisation und Weltflucht
11.3 Das Papsttum: Tradition und Nachfolge
11.4 Die Neuapostolische Kirche: Erneuerung und Religion
11.5 Die Neue Apostolische Reformation: Charisma und Macht
12. Die Spur führt weiter
13. Literaturverzeichnis
14. Über den Autor
Apostel. Schillernde Persönlichkeiten oder ehrwürdiges Amt? Mit dieser Arbeit beabsichtige ich, das Apostelamt und apostolische Dienste einer theologischen Analyse zu unterziehen. Sind es allein charismatische Persönlichkeiten, die das Amt des Apostels für sich in Anspruch nehmen und damit prägen, oder besitzt die Apostolizität eine ganz eigene theologische und kirchenrelevante Würde und Funktion? Ebenso ist es mein Anliegen, dieses durchaus umstrittene und kontroverse Thema in einen breiteren Diskurs zu führen, um somit möglicherweise einen neuen Blick auf das Apostelamt zu ermöglichen. Verschiedene, mehr oder weniger selbst ernannte Apostel und apostolische Bewegungen haben dies im Verlauf der Kirchengeschichte zwar immer wieder versucht, es waren und sind in der Regel jedoch Nischenphänomene geblieben, von einigen später erwähnten Ausnahmen abgesehen.
In dieser Studie rund um das Amt des Apostels möchte ich einen fairen, offenen und vor allem biblisch orientierten Blick riskieren. Zu oft scheint mir der Umgang mit apostolischen Bewegungen voreingenommen, unsachlich und Kritiker glänzen allzu oft durch das Tragen ihrer theologischen Scheuklappen. Doch der apostolische Dienst verdient wesentlich mehr Wertschätzung, als er sie bekommt, und vor allem die richtige Art und Weise der Aufmerksamkeit. Emotional geführte Diskussionen enden dabei höchstens in der Sackgasse. Eine unaufgeregte, respektvolle, aber dennoch kritisch konstruktive Betrachtung kann dabei helfen, entweder den Horizont an den richtigen Stellen zu erweitern oder Irrlehren, sowie falsche Apostel zu identifizieren. Ich möchte mit dieser Arbeit einerseits den
Blick für apostolische Anliegen ermöglichen, andererseits sollen die nachfolgenden Ausführungen auch dazu dienen, das Apostelamt der Gegenwart auf den Prüfstand zu stellen. Es gilt, apostolische Konzepte zu analysieren, die sich mit ihrer Tradition darauf berufen, in direkter apostolischer Nachfolge zu stehen, als auch auf Bewegungen hinzuweisen, die eine Wiederxsbelebung des apostolischen Dienstes zum Ziel haben. Wenn wir uns auf den Spuren der Apostel bewegen, begegnen uns vielfältige Ausdrucksformen und unterschiedliche Verständnisse des Apostelamtes. Licht und Schatten, Segen und Fluch liegen dabei nah beieinander.
Der Apostelbegriff wird in der Kirchengeschichte sehr unteschiedlich und vielfältig ausgelegt, insbesondere was die Kriterien und die Legitimation des Apostelamtes betrifft. Der Forschungsstand und die damit verbundenen Auseinandersetzungen offenbaren, dass die Frage nach Aposteln und apostolischen Bewegungen sowohl historisch als auch theologisch kontrovers bleiben. In der entsprechenden Literatur zeigt sich dies sowohl in der kirchengeschichtlichen Rückschau als auch in den Neuinterpretationen der heutigen Kirche. Die Literatur zu apostolischen Themen ist durchaus umfangreich, umfasst jedoch überwiegend Werke aus dem direkten Umfeld der jeweiligen Bewegungen. Damit steht die konfessionelle Prägung deutlich im Vordergrund. Auch Aussteigerliteratur ist vorhanden, die sich dem Thema widmet, dabei allerdings nur einen begrenzten Erkenntniswert liefert. Dies liegt vornehmlich an der häufig sehr emotionalen Darstellung der Erfahrungsberichte. Ein Mangel besteht jedoch an konfessionsübergreifender Literatur, insbesondere an wissenschaftlichen Überblicksdarstellungen. Dementsprechend ist eine kritische Auseinandersetzung und
Analyse zu kirchengeschichtlichen Entwicklungen sinnvoll, um eine breitere Darstellung apostolischer Verständnisse im Überblick zu ermöglichen. Hier möchte die vorliegende Arbeit ansetzen und einen – wenn auch begrenzten – Beitrag zur Schließung dieser Lücke leisten.
Historische sowie aktuelle Entwicklungen und Bewegungen weisen uns stetig auf die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Apostelamt hin. Damit erweist es sich als immer wieder neu entdeckte Leitungsform oder als nie vergessene, weitergeführte Tradition – und dies unabhängig von einer bestimmten Denomination. Folgende Thesen können sich meines Erachtens daraus ableiten lassen:
Das Apostelamt ist kein reines Phänomen der Urkirche.
Es wurde im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder neu definiert und institutionalisiert.
Dies geschah insbesondere vor dem Hintergrund von Erweckungsbewegungen und/oder kirchlichen Krisen.
Tatsächlich begegnet uns kein anderes Amt in der Bibel, das eine derartige Verunsicherung oder sogar Ablehnung hervorruft. Es hinterlässt bei vielen Gläubigen mehr Fragen als Antworten. Wo liegen die Gründe dafür? Ist es die Angst vor zu großer Autorität oder die Furcht vor dem Unbekannten? Angst und Unsicherheit erscheinen mir jedoch keine geeigneten Ratgeber zu sein, um sich dem Apostel zu nähern. Ebenso wenig dürfen Missbrauch oder Fehlverhalten zu einer generellen Ablehnung eines Amtes führen. Auch die Existenz falscher Lehrer oder Propheten mindert nicht den Wert wahrer Verkündigung oder prophetischer Rede. Machtmissbrauch in pastoralen
Diensten ist kein Grund, das Hirtenamt abzuschaffen. Eine zu forsche oder falsche Herangehensweise in der Evangelisation darf nicht als Ausrede dienen, aus Rücksichtnahme gar nicht mehr zu evangelisieren. All diese Verfehlungen aber sind Realität, so traurig diese Tatsachen auch sein mögen, doch niemand würde ernsthaft daraus schließen, dass wir keine Hirten, Evangelisten, Propheten oder Lehrer mehr benötigen. Denn wir brauchen sie! Sie sind bedeutend für unsere Gemeinden und das geistliche Wachstum der Gläubigen. Brauchen wir dafür nicht ebenso den Apostel? Diesem gilt es auf die Spur zu kommen. Immerhin weist uns der Apostel Paulus auf eben diese wichtigen geistlichen Schlüsselfunktionen in seinem Brief an die Epheser hin.
„Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi [...]“
Eph 4:11-12
Nun herrscht über diese Aussage des Apostels Paulus unter Exegeten eine große Uneinigkeit. Zahlreiche Kritiker bestreiten die Tatsache eines noch existierenden Apostelamtes. Sie sehen in der Grundlegung und Entstehung des neutestamentlichen Kanons, dass das Apostelamt seine Legitimität schließlich verloren habe. Andere wiederum verweisen auf die Tatsache, dass mit dem Amt der Apostel weit mehr gemeint ist, als die bloße Beschränkung auf die zwölf Apostel. So sind hier beispielsweise Paulus zu erwähnen, aber auch Namen wie Jakobus, Barnabas, Titus, Timotheus, Apollos und womöglich noch weitere. Ein Teil der theologischen Forschung sieht im Zusammenhang der Ostererscheinungen ein Ende der apostolischen Berufungen, die mit dem Zeitpunkt der Auferstehung als beendet betrachtet werden. Paulus wird dementsprechend als der letzte vom Herrn berufene Apostel angesehen.
Es scheint, der Begriff Apostel habe im Verlauf der Kirchengeschichte etwas von seiner Bedeutung verloren, indem er einem stetigen Wandel unterworfen war. Man ersetzte ihn, je nach Ausrichtung der Denomination, mit verschiedenen anderen Begriffen. Dies könnte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Bezeichnung Apostel mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt wurde. Ist die Tätigkeit von Missionaren unter Umständen also nichts anderes als eine apostolische Aufgabe? Mission leitet sich vom lateinischen missio ab und bedeutet Sendung. Gleiches verspricht der Begriff Apostel, wie wir später noch sehen werden (→ 2.).
Einige freikirchliche Gemeindeverbände setzen Bundesälteste ein, die in einer bestimmten Region für die Betreuung von Gemeinden des zugehörigen Verbandes zuständig sind. Ist dies nicht eine zutiefst apostolische Funktion, wie wir sie auch von Paulus und anderen biblischen Persönlichkeiten kennengelernt haben? Einige Kirchen pflegen Ämter wie Superintendenten oder Dekanate. Dahinter verbergen sich Ämter, die mit der Betreuung und geistlichen Aufsicht mehrerer Gemeinden und Pfarreien betraut sind. Verbirgt sich hier womöglich eine urapostolische Aufgabe?
Bevor aber der Fokus auf verschiedene Bewegungen gesetzt wird, erfolgt zunächst eine nähere Einordnung des Apostelamtes. Dabei gehen wir zurück an den Ursprung des Ganzen. Beginnend mit einer Betrachtung der Urapostel und ihrer Dienste, sehen wir uns die Entwicklungen nachfolgender Leitungsstrukturen der Urgemeinde an. Anschließend folgen interessante und bedeutende Streiflichter der Kirchengeschichte, in denen wir auf verschiedene charismatische Persönlichkeiten und auf mehr oder weniger bedeutende kirchliche Entwicklungen und Ämter treffen. Ein faszinierender Weg, der uns in jedem Fall Inspiration und Impulse für unser persönliches Glaubensleben geben kann. Denn auf dieser apostolischen Reise werden wir auch auf Männer stoßen, die ihren Glauben mit Hingabe und glühendem Einsatz gelebt haben.
Im weiteren Verlauf gilt es, die hier aufgeführten Forschungsfragen zu klären, die im Kontext des Verständnisses für das Apostelamt berechtigterweise aufkommen. Die Beantwortung mag für die kirchliche Praxis nicht nur herausfordernd sein, sondern auch richtungsweisend für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Theologie und Tradition. Sowohl im Verlauf der Ausführungen als auch unter Kapitel 12. wird der Beantwortung der Fragen weiterer Raum gegeben.
1) Wo finden sich apostolische Ämter oder Bewegungen in der Kirchengeschichte?
2) Welche unterschiedlichen Definitionen von Aposteln gibt es?
3) Besteht das Apostelamt noch oder hat es seine Legitimation verloren?
4) Welche Aussagen trifft die Bibel über Apostel und ihren Dienst?
5) Welche Chancen und Gefahren bergen apostolische Dienste heute?
Nach einem Blick in die Kirchengeschichte und einer kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen apostolischen Verständnissen, gilt es, das Hier und Jetzt heranzuziehen. Wir sollten prüfen, ob der apostolische Dienst und das apostolische Amt noch zeitgemäß für die heutige Kirche sind.
Die vorliegende Arbeit erhebt nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild apostolischer Bewegungen und Ämter aufzuzeigen. Das Anliegen ist vielmehr, einen übersichtlichen Blick auf die verschiedenartigen Auslegungsmöglichkeiten zu geben, die im Hinblick auf apostolische Verständnisse existieren. Dabei liegt der Fokus auf den bekanntesten theologischen Ansätzen, die für die Kirchengeschichte von wesentlicher Bedeutung waren und sind. Sie besitzen nach wie vor Relevanz in der allgemeinen theologischen Diskussion. Die folgende Darstellung soll dazu anregen, den eigenen Horizont zu erweitern, apostolische Bewegungen und Amtsverständnisse zu verstehen und sie nicht vorschnell zu verurteilen, sondern möglichst im Licht des biblischen Verständnisses zu bewerten.
Wie viel apostolisch darf es also sein? Doch bevor wir uns dieser eigentlichen Analyse widmen, gehen wir – wie angekündigt – wieder einen Schritt zurück. Wir starten dort, wo alles begann, bei den Uraposteln. Ohne einen Blick auf die Wurzeln des apostolischen Wirkens zu werfen und den anschließenden Streifzug durch die Kirchengeschichte zu unternehmen, können wir das Wesen des Apostolischen meines Erachtens nicht umfassend verstehen. Wir benötigen also ausreichend Hintergrundinformation, um ein solides theologisches Fundament zu erwerben. Nur so können wir abschließend beurteilen, was apostolisch im eigentlichen Sinne bedeutet und inwiefern apostolische Dienste und Ämter auch heute noch für den Gemeindebau und die Bedeutung der Kirche relevant sind.
Was kann man sich unter einem Apostel eigentlich vorstellen? Wie sieht sein Aufgabenfeld aus und was ist seine eigentliche Mission? Eben diese Fragen lösen in Gesprächen und Diskussionen um das apostolische Amt regelmäßig Verunsicherung und Fragezeichen aus. Dabei scheint vielen der Dienst eines Apostels fremd und undurchsichtig zu sein. Ein triftiger Grund also, den Mythos des Apostelamtes zu beleuchten.
Die Bezeichnung ἀπόστολος (apostolos) bedeutet Gesandter. Der Begriff begegnet uns an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Kontexten in den Schriften des Neuen Testaments. Dabei handelt es sich um einen Titel, der ausschließlich im Christentum bekannt ist und somit kirchengeschichtlich aufgegriffen und geprägt wurde. Das Amt des Boten und Gesandten findet dabei durchaus seinen Vorlauf in der jüdischen Tradition. So taucht hier bereits der Begriff ַח_ ִלי ָׁש (schālîaḥ) auf, was so viel wie Bote, Kurier, Gesandter, Apostel oder Abgesandter bedeutet. Er wird im Alten Testament insbesondere für Engel oder auch für die Propheten – also für Boten, die eine wichtige Sendung zu überbringen hatten – verwendet. Der Bote im alttestamentlichen Verständnis war dabei mit einer Autorität ausgestattet, die stellvertretend für den Sendenden ausgeübt werden konnte. Dabei war er dem unbedingten Gehorsam seines Auftraggebers verpflichtet. Arthur Katz schreibt dazu: „Ein Apostel wird als Repräsentant eines anderen gesandt. Er repräsentiert Gott – nicht seine Vorstellung von Gott, sondern den, der wirklich Gott ist.“
Genau diese Aspekte von Gehorsam und Loyalität gegenüber dem Sendenden, verbunden mit einem hohen Maß an verliehener Autorität, erkennen wir schließlich auch in der Sendung der zwölf Urapostel. In dem direkten Auftrag Jesu kurz vor seiner Himmelfahrt haben wir es mit der ersten apostolischen Handlungsvollmacht zu tun.
„Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe!“
Mt 28:19-20
„Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung!“
Mk 16:15
„Ihr seid Zeugen hiervon [...].“
Lk 24:48
Diesen Versen können wir gewissermaßen die Essenz der apostolischen Sendung und ihrer Aufgaben entnehmen, zunächst bezogen auf die zwölf Apostel. Sie sind aufgerufen, das Evangelium zu leben und zu verkünden, Menschen in die Nachfolge zu rufen, sie zu taufen, zu lehren und Zeugen all dessen zu sein, was sie mit Jesus persönlich erlebt haben. Dabei war das persönliche Erleben des auferstandenen Herrn allein den Zwölfen und einigen wenigen weiteren Aposteln vorbehalten. Diese exklusive Erfahrung begründet schließlich ihre herausgehobene Stellung als Vorläufer und Fundament der apostolischen Senadung.
Das Wirken dieser Apostel wird auf die Zeit bis 100/120 n. Chr. angesetzt. Das heißt, nach Ansicht einiger Exegeten endete mit dem Tod des letzten Urapostels auch das apostolische Zeitalter. Doch wie sieht ihr apostolisches Erbe aus? Und können wir überhaupt vom Ende eines apostolischen Zeitalters sprechen? Hierzu finden wir tatsächlich ein breites Spektrum an Überzeugungen, inwieweit apostolisch überhaupt noch ein Begriff ist und sein kann. So besteht nach Auffassung der evangelischen Kirche Apostolizität nur noch in der Weitergabe und Verkündigung des Evangeliums. Anders beurteilen dies die katholische als auch die orthodoxe Kirche. Hier herrscht die Auffassung der sogenannten apostolischen Sukzession. Damit wird die direkte Weiterführung der apostolischen Nachfolge betont, die in einer geraden Linie durch die Kirchengeschichte hindurch, bis auf die ersten Apostel zurückführt. Insbesondere im charismatischpfingstlerischen Spektrum wird das Amt des Apostels als eine (von mehreren) göttlichen Geistesgaben betrachtet. Daneben existieren noch weitere zahlreiche andere Kirchen und Gruppierungen, die über ein Apostelamt oder apostolische Dienste verfügen, wie beispielsweise die Neuapostolische Kirche (NAK), um eine der bedeutendsten zu nennen.
Wir müssen festhalten, dass bei einer Größe von circa einer Mrd. Katholiken, rund 210 Mio. orthodoxen Gläubigen und schließlich bei etwa 115 Mio. Pfingstlern (wahrscheinlich sehr viel mehr) weltweit das Apostelamt eine zentrale Bedeutung besitzt. Die größten christlichen Kirchen sowie einige Sondergruppen gehen davon aus, dass apostolisches Wirken nach wie vor ein wichtiges Amt für die Kirche ist. Ausgestattet und versehen mit einer besonderen Wirkungskraft und Autorität.
Was macht dieses apostolische Wirken aus und welche Begabungen sind damit verbunden? Denn wir müssen davon ausgehen, dass die Autorität der Urapostel von einer herausragenden und einzigartigen Art war. Auf diesen Punkt stützt sich schließlich auch die theologische Annahme eines beendeten apostolischen Zeitalters. Bezogen auf die Sonderstellung der Urapostel, scheint dies nur nachvollziehbar und theologisch stimmig zu sein. Befürworter des noch bestehenden Apostelamtes müssen, um genau zu sein, in zwei Lager aufgeteilt werden. Während die einen das Apostelamt noch immer mit der gleichen Autorität und Vollmacht ausgestattet sehen, wie sie die Urapostel innehatten, verstehen andere das heutige Apostelamt in einer gänzlich anderen Weise. Auch für sie bleibt das apostolische Verständnis nach wie vor entscheidend, ist jedoch mit einem anderen Autoritätsanspruch verbunden. Die Urapostel heben sich deutlich und in besonderer Weise von den nachfolgenden apostolischen Ämtern ab.
Zurück zur Missio-Dei. Die Abfassung der kanonischen Schriften, woran besonders die Urapostel stark mitwirkten, war schließlich abgeschlossen und das Evangelium bahnte sich seinen Weg in und durch die Welt. Doch nach wie vor gehören Pionierarbeit, Gemeindegründungen und die strategische Ausbreitung des Evangeliums zur apostolischen Definition. Die postmodernen Apostel sind Menschen mit einer strategischen Begabung. Sie haben ein besonderes geistliches Verständnis dafür, Vorreiter für das Evangelium zu sein. Ihr Wunsch ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der geistliches Wachstum möglich ist und Gläubige für die Nachfolge zu- und ausgerüstet werden. Ihr Blick ist dabei selten an einen Ort gebunden, stattdessen sind sie darauf bedacht, sich in Netzwerken übergemeindlich und auch über Denominationsgrenzen hinweg zu bewegen.
Autoren und Theologen der ausgewiesenen Literatur, die apostolische Dienste und das Profil apostolischer Leiter zu beschreiben versuchen, charakterisieren dabei vielfältige Eigenschaften und Wesenszüge, die in engem Zusammenhang mit dem Apostelamt stehen. Werfen wir einen Blick auf die apostolische Stellenbeschreibung und schauen, welche biblischen Belege sich dazu finden lassen. Im Folgenden werde ich diese Eigenschaften in drei Kernbereiche zusammenfassen: den Apostel als Baumeister, als Visionär und als Lehrer. In diesen Bereichen spiegeln sich meines Erachtens weitere Facetten des Gabenspektrums wider. Ausgangspunkt ist dabei sicher ein idealisiertes Bild, quasi eine Soll-Beschreibung, des apostolischen Wirkens. Wie der weitere Verlauf zeigen wird, treten dazu im Vergleich noch deutliche Diskrepanzen aus der kirchlichen Praxis zutage.
1) Apostel sind die Baumeister der Kirche.
Als Baumeister haben sie das nötige Know-how über sämtliche Phasen des Gemeindebaus. Dabei sind sie selbst nicht unbedingt die Richtigen, jede Bauphase zu begleiten, zu leiten oder sich in das direkte Geschehen einzubringen. Sie verfügen jedoch über die passende Kenntnis, welche Gaben zu welcher Zeit notwendig sind, um den Bau erfolgreich weiterzuführen. Das heißt, sie besitzen Verständnis dafür, die Verhältnisse vor Ort in eine richtige Ordnung zu bringen. Dazu setzen sie Gläubige mit bestimmten Gabenprofilen ein, wie zum Beispiel Älteste, Hirten etc.
„Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiserBaumeisterden Grund gelegt […]“
1Kor 3:10
„Als sie ihnen aber in jeder GemeindeÄlteste gewählthatten […]“
Apg 14:23
„Deswegen ließ ich dich in Kreta zurück, damit du, was noch mangelte, in Ordnung bringen und in jeder StadtÄlteste einsetzensolltest, wie ich dir geboten hatte […]“
Tit 1:5
2) Apostel sind Visionäre.
Sie haben den Blick nach vorn gerichtet. Dabei sind sie richtungsweisend für die Kirche, was in ihrer Sendung durch den Heiligen Geist begründet ist (→ Apg 13:2-3). Sie teilen ihre geistlichen Eindrücke und sind darauf bedacht Orientierung zu geben. Visionäre sind dadurch gekennzeichnet, dass sie ihre Ziele mit großer Entschlossenheit verfolgen. Eng damit verbunden sind das Pionierbewusstsein und die Verkündigung an bisher nicht erschlossenen Orten (→ Röm 15:20). Der Apostel möchte einerseits neue Gebiete für das Evangelium zugänglich machen, andererseits die Gläubigen weiter ermutigen, motivieren, zurüsten und in ihre Berufung führen. Sie sind darauf aus, Gemeinden oder geistliche Werke zu gründen oder geistliche Bewegungen anzustoßen (1Kor 3:6-10). Dabei weisen sie eine starke Zielstrebigkeit auf. Als Visionäre schaffen sie Raum für große Ideen und fördern Glauben und Vorstellungsvermögen der Kirche. Sie wirken wie ein Katalysator in der geistlichen Welt und haben dabei immer einen größeren Kontext von Gemeinde vor Augen.
„Ich vergesse, was dahinten,strecke mich aber aus nach dem,was vorn ist, undjage auf das Ziel zu[…]“
Phil 3:13-14
„Ich laufe nun so,nicht wie einer, der in die Luft schlägt[…]“
1Kor 9:26-27
„[…]bis wir alle hingelangenzur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi.“
Eph 4:13
3) Apostel sind Lehrer.
Dabei ist ihre Lehrtätigkeit nicht zu verwechseln mit der besonderen Gabe der Lehre, wie wir sie im Brief an die Epheser in Kapitel 4:11 aufgezählt finden. Der Lehrer unterscheidet sich vom Apostel in seinen geistlichen Schwerpunkten grundlegend. Er verfügt über eine besondere Gabe, Gottes Wort zu studieren und die daraus resultierenden Erkenntnisse den Gläubigen zu vermitteln. Damit sorgt er für eine kontinuierliche Lehre vor Ort in der Gemeinde. Der Apostel hingegen lehrt zwar ebenfalls, ist jedoch mehr auf die praktische Ausführung der Nachfolge ausgerichtet. Zudem kann man den Apostel zurecht als eine Art Außendienstler verstehen, da er verstärkt Unternehmungen außerhalb einer Ortsgemeinde oder Kirche verfolgt. Dennoch besitzt er ein tiefes Verständnis dafür, wie wichtig die konstante Lehre für die Gläubigen und die Gemeinden ist. Das heißt, wenn sie nicht selbst lehren, haben sie es im Blick, lehrbegabte Gläubige einzusetzen – beispielsweise in Form von Ältesten, Hirten oder Lehrern, die eine Gemeinde vor Ort kontinuierlich leiten.
„Sie verharrten aber in derLehre der Apostel[…]“
Apg 2:42)
„[…] undwas du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Menschen an, die tüchtig sein werden, auch andere zu lehren!“
2Tim 2:2
„Du aber bistmeiner Lehregefolgt […]“
2Tim 3:10
„Predige das Wort, stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe,weise zurecht, ermahnemit aller Langmut und Lehre!“
2Tim 4:2
Die angeführten Beispiele lassen das Aufgabenprofil apostolischer Gaben und Dienste nun wesentlich transparenter und weniger mythenhaft erscheinen. Zusammengefasst: Visionär nach vorne denken und gehen, Netzwerken, Leiten, Lehren, Fördern und Trainieren, sind die Aufgabenfelder der apostolischen Betätigung.
So unterschiedlich die verschiedenen Denominationen auch das Apostelamt bewerten mögen, einsetzen und versuchen mit Leben zu füllen, lassen sich doch die Hauptaspekte des apostolischen Wirkens auf die oben genannte Stellenbeschreibung – der Missio Dei – zurückführen. Welche weiteren Ausprägungen das apostolische Verständnis mit sich bringt, wird insbesondere ein Blick in die Kirchengeschichte mit ihren divergenten apostolischen Bewegungen und Amtsverständnissen im Verlauf offenbaren. Diesen Streifzug durch die Kirchengeschichte möchte ich nun anschließen, und ich beginne dort, wo die Wiege der apostolischen Sendung zu finden ist.
Wichtige Schlüsselstellen, in denen zwölf Männer in der sehr jungen Kirchengeschichte konkret als Apostel benannt werden, finden wir in den synoptischen Evangelien. Sowohl Matthäus, Markus als auch Lukas geben uns nähere Informationen zu der herausragenden Berufung der Apostel durch Christus in ihre Ämter. Dabei verwenden jedoch nur Matthäus und Lukas konkret die Bezeichnung Apostel.
„Die Namen derzwölf Apostelaber sind diese: der erste Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, sein Bruder; und Jakobus, der <Sohn> des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der <Sohn> des Alphäus, und Thaddäus; Simon, der Kananäer, und Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte.“
(Mt 10:2-4)
„Und er berief die Zwölf, und er gab dem Simon den Beinamen Petrus; und Jakobus, den <Sohn> des Zebedäus, und Johannes,
den Bruder des Jakobus, und er gab ihnen den Beinamen Boanerges, das ist Söhne des Donners; und Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den <Sohn> des Alphäus, und Thaddäus und Simon, den Kananäer, und Judas Iskariot, der ihn auch überlieferte.“
(Mk 3,16-19)
„Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger herbei und erwählte aus ihnen zwölf,die er auch Apostel nannte: Simon, den er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, und Jakobus und Johannes und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, des Alphäus’ <Sohn>, und Simon, genannt Eiferer, und Judas, des Jakobus’ <Sohn>, und Judas Iskariot, der <zum> Verräter wurde.“
Lk 6,13–16)
Diese Zwölf, die wir auch als Apostel der ersten Stunde bezeichnen können, sind in ihrer Berufung und in ihrem ganzen Wirkungsspektrum einzigartig. Wir müssen somit die ersten Apostel von den nachfolgenden apostolischen Entwicklungen strikt trennen. Sie haben nicht nur eine besondere Stellung in der Kirchengeschichte, sondern sind hinsichtlich ihrer geistlichen Autorität als absolut herausragend zu betrachten. Man kann sie wohl als einzigartige und persönliche Zeugen des Geschehens um Jesu Wirken bezeichnen. Jesus weist im Matthäusevangelium auf ihre herausgestellte Position hin.
„Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“
Mt 19:28; siehe auch Lk 22:30
Im letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung, werden wir ein weiteres Mal an ihr einzigartiges Apostelamt erinnert.
„Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.“
Offb 21,14
Die hier erwähnten Grundsteine weisen uns auf einen bedeutsamen Aspekt hin. Mit den zwölf Aposteln hat Christus ein besonderes und einmaliges Fundament für seine Gemeinde gelegt. Die weltweite Kirche ist, wie Paulus es in seinem Brief an die Epheser schreibt:
„[…] aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten […]“
Eph 2:20
