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Ayla Hempel

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Beschreibung

Revas Leben beginnt in einer glücklichen Familie. Sorgenfrei, in einer kleinen Stadt in der Türkei. Als der Vater ein Jobangebot in Istanbul bekommt, beginnt sich jedoch bald vieles zu ändern. Er kommt immer später nach Hause und keiner weiß, wo er sich so lange rumtreibt. Die politischen Umwälzungen im Land erschweren dem Vater die berufliche Zukunft und führen zu immer mehr Unstimmigkeiten in der Familie. Schließlich eskaliert die Situation und es gibt nur noch einen Ausweg: Deutschland. In Frankfurt möchte die Mutter ihre Kinder fortan allein großziehen. Sind sie im neuen Land sicher? Werden sie ihr Glück dort wiederfinden?

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2024 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-404-3

ISBN e-book: 978-3-99130-405-0

Lektorat: Lucas Drebenstedt

Umschlagfoto:wirestock/Freepik.com

Umschlaggestaltung: Petit Media

Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Dieser Roman ist in Teilen von verschiedenen realen Ereignissen inspiriert. Er ist jedoch eine hiervon losgelöste und unabhängige fiktionale Geschichte. Jegliche Übereinstimmungen mit Namen und Ereignissen sind rein zufällig.

Widmung

Für meine Schwestern Derya und Aylin,

meine Mutter Gül.

Auf die Hoffnung.

An Sascha.

Als Reva sechsJahre alt war und die ihr bis zu den Knien reichenden Wiesen durchquerte, mit den Händen die leicht piksende Oberfläche berührte, nicht ahnend, was ihr die Welt alles noch zeigen würde, wurde sie von drei älteren Mädchen angesprochen.

Sie fragten sie nach ihrem Alter und wann sie geboren sei. Sie knieten im Kreis im Gras. Der Wind zerzauste ihre Haare. Die Farben dieser noch warmen Sommerwiese breiteten sich wie ein Teppich langsam über alles aus. Das Licht der Sonne verabschiedete sich. Das flache Land reichte so weit, dass Reva im Gras sitzend dachte, die ganze Welt bestünde nur aus diesem Ort. Um sich zu vergewissern, stand sie immer wieder auf und betrachtete die flachen Hügel in der Ferne, die diese kleine Stadt zu umarmen schienen. In den vorgelagerten goldgelben Feldern mit Weizen, der bis zu einem Meter hoch war, konnte Reva sich gut verstecken. Die Borsten kratzten jedoch und kurz nach dem Verstecken musste sie unweigerlich aufstehen, sich zeigen und nicht selten blieben die Grannen an ihrer weichen Kleidung kleben, bis sie wieder zu Hause war. Als die drei Mädchen sie ansprachen, hatte sie sich gerade aus jenen Weizenfeldern befreit und war auf dem Weg dorthin.

„Ben altı yaşındayım ve yirmi üç Temmuz bindokuzyüzseksenikide dünyaya geldim.“ (“Ich bin sechs Jahre alt und wurde am dreiundzwanzigsten Juli neunzehnhundertzweiundachtzig geboren.“)

Die Mädchen fingen zu lachen an. Sie machten sich lustig. Sie verstand es nicht. Warum lachten sie? Was war an ihrem Geburtstag so lustig?

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und fühlte, dass ihr ziemlich kühl wurde. Sie trug einen Jeansrock, eine sportliche graue Jacke mit Streifen an den Ärmeln in Blau und Grün, Sportschuhe von adidas mit Klettverschluss. Sie ließ die Mädchen stehen und rannte nach Hause.

Sie rannte über die Wiesen, deren Gräser ihr bis zu den Knien reichten, überquerte die goldgelben Weizenfelder, lief vorsichtig zwischen dem strahlenden Gelb der Sonnenblumen hindurch, die sie um das Doppelte überragten. Sie ging gerade zwischen den Sträuchern mit den noch grünen Tomaten durch, als sie abrupt stehen bleiben musste. Die Tomatensträucher waren ihre letzte Etappe vor dem Spielplatz. Doch ihr Herz pochte. Sie hatte Angst.

TEIL I

Das Gefühl, mit geschlossenen Augen das Licht zu sehen. In dieser Zwischenwelt zu sein. Wach und doch noch im Schlaf. Die Augen bewegten sich merklich unter den Augenlidern. Die Wimpern folgten. Die Sonne schimmerte durch die hellen Vorhänge. Reva bewegte sich unmerklich. Ihre langen braunen Haare lagen auf dem Kissen verteilt. Noch war sie nicht ganz wach. Sie drehte sich zur Seite. Ein Auge leicht geöffnet, freute sie sich, dass sie heute nicht in die Schule musste.

Nach und nach erreichten sie die Geräusche. Sie erkannte sie, konnte sie aber nicht dem Wochentag und schon gar nicht der Uhrzeit zuordnen. Sie drehte sich noch einmal und betrachtete die vielen Stofftiere, die sich mit ihr das Bett teilten. Zur Seite schauend hörte sie die leisen Atemzüge ihrer Schwester Leyla über ihr und sah förmlich die dazu passenden, geschlossenen Augenlider. Reva lag auf der unteren Matratze des Etagenbettes. Das Bett über ihr gehörte Leyla. Da waren wieder diese Geräusche. Diese Stimme. Das konnte doch nicht sein? Sie hörte genauer hin. Nun waren beide ihrer Augen geöffnet, sie lag auf dem Rücken, starrte an die Decke des Bettes, ihr Lieblingsstofftier hielt sie mittig auf der Brust mit beiden Händen fest. Sie konzentrierte sich. Die Stimme konnte nicht da sein. Es war zu früh und der falsche Wochentag. Ein Samstag. Kurz überlegte sie, ihre Schwester aufzuwecken. Doch sie sollte besser ausschlafen. Sie kannte niemanden, die so gern schlief wie ihre Schwester.

Doch. Eindeutig. Die Stimme war seine Stimme. Die Geräusche, die sie kannte, aber nicht der Uhrzeit zuordnen konnte, wurden von ihrer Mutter erzeugt. Reva war eine Frühaufsteherin. Üblicherweise war der frühe Morgen sehr leise. Reva schlich sich dann meist aus dem Bett, nahm ihr Kuscheltier in die Hand und lief in Richtung Wohnzimmer. Schon des Öfteren hatte sie ihre Mutter bei ihrem morgendlichen Ritual beobachten können, wenn sie rechtzeitig oder früh genug aufgestanden war. Die Wohnzimmertür war stets einen Spalt geöffnet.

Ihre Mutter saß auf dem Sofa, an die Lehne gestützt, ihre Beine zu sich gezogen, um ihren Kopf lag ein weißes, langes Tuch, das nicht gebunden war, sondern leicht, ja, zart um die Schultern fiel.

Je nach Jahreszeit war es draußen mal dunkel, mal lag das Wohnzimmer in der Morgenröte oder im vollen Sonnenschein. Wenn die Sonne schien, wurde ihre Mutter durch das Fenster hinter ihr so angestrahlt, als wären bewusst dafür Leuchten angebracht worden. Mit ihren blonden, schulterlangen Haaren wirkte sie auf Reva wie ein Engel. Jemand aus einer anderen Welt.

Stets las sie in demselben Buch, mal die Lippen mit bewegend, mal stumm und regungslos. Lange hatte Reva nicht gewusst, um welches Buch es sich gehandelt und warum ihre Mutter es nie geschafft hatte, es zu Ende zu lesen. Doch eines Morgens hatte sie sich zu ihr hingeschlichen, sich auf dem Sofa neben sie gesetzt, ihren Körper an sie geneigt. Ihre Mutter hatte ihren Arm um sie gelegt und weitergelesen.

„Was liest du da für ein Buch?“

„Ich lese den Koran.“

Reva wusste, dass das ein heiliges Buch war. Sie wusste, dass man es nie, niemals tiefer als die eigene Hüfthöhe, geschweige denn auf den Boden legen durfte. Sie hatte auch gesehen, dass eine Seite des Buches mit Buchstaben versehen war, wie sie sie in der Schule seit Kurzem lernte, und dass eine Seite geschwungene Linien aufwies.

„Das ist Arabisch.“

„Kannst du Arabisch sprechen?“, fragte Reva voller Bewunderung.

„Nein, ich lese die Gebete auf dieser Seite hier.“

„Warum liest du jeden Tag darin?“

„Weil ich mich dann Allah näher fühle.“

Reva wusste nicht, was oder wer Allah war. Sie wusste und hörte nur, dass jeder von ihm oder ihr sprach.

„Wenn Allah es erlaubt …“

„Möge Allah es erleichtern …“

„Möge Allah uns beschützen …“

„Mit Allahs Hilfe …“

Doch dieser Morgen war offensichtlich anders als die üblichen Morgen. Mit dem langsamen Wachwerden durchdrangen ihre Gedanken die gesprochenen Worte der letzten Tage und Reva begann sich zu erinnern, was heute eigentlich für ein Tag war.

Sie stand auf und zog sich ihre Hausschuhe an, weil ihre Mutter sie sonst wieder zurück ins Bett geschickt hätte.

„Du bekommst kalte Füße!“

Doch die Stimme war das Verwunderlichste, das Sonderbarste überhaupt. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie seine Stimme so früh am Morgen an einem Samstag schon einmal gehört hatte.

Die Stimme ihres Vaters. Tief, leise, ja, sanft.

Ihre Mutter bereits in der Küche. Andauernd wurden Schranktüren geöffnet, geschlossen, Schubladen ausgezogen und wieder verschlossen. Sie schien etwas zuzubereiten.

Doch ihr Vater war an den meisten Wochenenden nicht zu Hause. Niemand wusste, wo er war. Auch wochentags kam er erst sehr spät, nachts, wenn die Kinder schliefen, und wachte erst auf, wenn sie in der Schule waren, und ging weg, bevor sie von der Schule wieder nach Hause kamen. Reva und ihre Schwester hatten sich so sehr an diesen Ablauf gewöhnt, dass es sie nicht störte. Vermissen kann man nur etwas, was man kennt. Dennoch freuten sie sich immer und immer wieder, wenn er doch früher nach Hause kam und sie noch nicht schliefen.

Die Digitaluhr zeigte 06:52 Uhr.

Reva machte die Tür des Kinderzimmers auf, hielt ihr Kuscheltier weiterhin mit beiden Händen fest und lief in Richtung Küche, woher sie vermutete, dass die Geräusche stammten. Das Licht war eingeschaltet und offensichtlich hatte ihre Mutter alles Notwendige rausgelegt, sodass sie nun mit dem Messer das Gemüse klein schnitt. Ihr Vater saß am Küchentisch.

„Baba?“

Ihr Vater schaute sie lächelnd an.

„Günaydın kızım.“ („Guten Morgen, meine Tochter.“)

Reva schaute verwundert und setzte sich an den Küchentisch. Ihre Mutter drehte sich kurz zu ihr um, nickte und schnitt weiter.

„Wann werden sie ankommen?“

„Vermutlich heute Nachmittag. Aber das weiß man ja nie so genau.“

„Hm.“

„Hast du gut geschlafen?“, fragte ihr Vater sie.

Ihre Mutter knetete nun den vorbereiteten Teig. Dieser war noch zu feucht, ihre Finger bereits voll davon.

„Reva, gib mir mal ein bisschen mehr Mehl.“

Reva reichte ihrer Mutter die Packung.

„Du musst es hineinschütten, meine Hände sind zu klebrig. Das reicht. Danke.“

Gönül knetete den Teig, formte ihn zu einem großen Ball, knetete erneut. Mechanische, routinierte Bewegungen.

Ihre Mutter hatte das Essen bereits seit einer Woche geplant. Sie hatte in verschiedenen Supermärkten, auf dem Basar, beim Metzger eingekauft, eine Liste der Speisen und die Reihenfolge der Zubereitung erstellt. Einiges war bereits seit achtundvierzig Stunden in Vorbereitung. Den Anfang machten die Nachspeisen. Sie benötigten mehr Ruhe und so manches schmeckte besser, wenn etwas Zeit vergangen war, so hatte sie es Reva erklärt.

Kabak tatlısı, eine Süßspeise aus Kürbis, sollte zwei bis drei Tage durchziehen. AuchTavuk göğsü – Hähnchenbrust – war ein beliebtes Dessert, selbst wenn der Name das nicht vermuten ließ.Russischer Salatdurfte genauso wenig fehlen wieKısırund natürlich der Klassiker,Grüner Salat. Ihren berühmten Reis, den sie nur mit selbst gemachter Hühnerbrühe aufkochte, wurde sehnsüchtig und selbstverständlich erwartet. Die Lammkoteletts hatte sie über Nacht in einer Würzmarinade ziehen lassen. Die Bezeichnung des Marinierens lautet im TürkischenTerbiye – Erziehung, im übertragenen Sinne.

Das Hähnchen aus der Brühe wurde zusammen mit Kartoffeln in einer speziellenSauce à la Gönülin den Backofen gegeben. Hausgemachte Brötchen und Brote waren selbstverständlich. Dafür rollte sie aus der großen Teigmasse kleine Kugeln, die sie erneut zum Ausruhen aufs Backblech legte. Nach Möglichkeit bereitete Gönül nahezu alles selbst zu. Tomaten- und Paprikamark kaufte sie selten ein. Joghurt nur dann, wenn sie selbst einen zubereiten wollte.

Seit Kurzem stellte sie auch den Käse selbst her. Der sollte morgen zum Frühstück serviert werden sowie Pfannkuchen für die Kinder. Gedankenverloren, so wirkte ihre Mutter auf Reva, wenn sie die nun kleinen Teigbällchen rollte und zur Seite stellte.

Schon bald hörten sie die Geräusche eines ankommenden Wagens. Früher als erwartet.

Ein weißer Mercedes Benz/8, Baujahr 1970, bis oben hin beladen. Das konnte Reva aus dem Fenster schauend erkennen. Die Verwandten aus Deutschland kamen immer mit dem Auto.

Türkische Gastarbeiterfamilien verreisten nicht in unbekannte Länder oder Kontinente.

Türkische Gastarbeiterfamilien, insbesondere die Familie Umut, verreisten nicht mit dem Flugzeug. Die Gründe waren simpel, die Ausführung beschwerlich, die Dauer unendlich. Die Gepäckbeschränkungen, teure Flugpreise, die Anzahl der Familienmitglieder. Die Geschenke. Mindestens zehn, besser zwanzig Packungen Nussknackerschokolade aus dem Aldi und weitere Süßigkeiten, Strumpfhosen und Strümpfe aus dem Kaufhof und Woolworth, Rindwurst, mehrere Packungen, Aufschnitte, die in der Türkei viel teurer waren, Gläser, Vasen, Dekorationselemente und unzählige weitere Kleinigkeiten.

Türkische Gastarbeiterfamilien besuchten ausschließlich Freunde und Verwandte zu Hause.

In der Heimat.

Man fuhr mit dem Auto, in diesem Fall ein weißer geräumiger Mercedes, zu sechst die zweitausend Kilometer bis zur türkischen Grenze und dann weitere Hunderte von Kilometern, je nachdem, welche Stadt oder welches Dorf das Ziel war. Über Österreich, das ehemalige Jugoslawien, Slowenien, Kroatien, Serbien und Bulgarien oder Mazedonien und Griechenland, an dessen Grenze man stundenlang warten musste. Egal, woher man kam, Deutschland, Frankreich, Niederlande oder auch Belgien, egal, wohin man wollte, Konya, Mersin, Trabzon oder Van. Istanbul war das Nadelöhr.

Weitere vier Stunden verschlang Istanbul, das Tor zwischen Orient und Okzident, bis sich die Reisenden aus seinen Fängen befreien konnten.

Bis ihre Großmutter Zeliha, ihre Tante Imran, ihr Onkel Orhan mit den beiden Kindern Süreyya und Orhan sowie ihre älteste Schwester Reyhan vor dem Haus parken konnten, aus dessen Fenster Reva hinausschaute, waren gut drei Tage der Anreise vergangen.

Sie verzichteten auf Übernachtungen in Hotels oder Pensionen. Sie schliefen im Auto, wechselten sich beim Fahren ab. Die Grenzübergänge dauerten Stunden. Sie gingen lieber in Österreich auf die Toilette und fuhren, so schnell sie konnten, über die ruppigen und verschmutzten Straßen im ehemaligen Jugoslawien weiter in den Süden.

In diesen wenigen Minuten zwischen Ankunft und Begrüßung schickte ihre Mutter Reva zum schnellen Umziehen und zum Aufwecken ihrer Schwester Leyla ins Kinderzimmer.

In Windeseile und in großer Aufregung zogen sich die beiden Schwestern an und ließen sich von ihrer Mutter ohne Widerworte die Haare kämmen und zusammenbinden. Beide konnten die Ankunft ihrer älteren Schwester Reyhan kaum abwarten.

Großmutter Zeliha stieg langsam und gemächlich als Erste auf der Beifahrerseite aus. Sie war eine kleine, dickliche Frau, die stets in kittelähnlichen Kleidern rumlief. An ihren viel zu langen und faltigen Ohrläppchen hingen goldene, traubenförmige Ohrringe. Die Ohrlöcher waren, vermutlich über viele Jahre hinweg, zu langen Schlitzen geworden. Durch die grau melierten kurzen Haare war der Blick auf die Ohren und damit die Ohrschlitze frei, offensichtlich und sichtbar für alle. Reva wunderte und fragte sich, ob es nur ihr auffiel. Sowas hatte Reva bisher noch nicht gesehen. Ihre Großmutter erschien Reva sehr, sehr alt.

Ihre Tante Imran stieg auf der Fahrerseite aus. Ihr Ehemann Taner, ein erfolgreicher Bauingenieur, sollte ein paar Tage später folgen. Er würde als Einziger tatsächlich fliegen. Tante Imran und Onkel Taner waren die Einzigen, die sich Reisen auch außerhalb der Türkei erlauben konnten.

Ihre Tante Imran war trotz mehrerer medizinischer, esoterischer, abergläubischer Versuche kinderlos. Sie waren auch deshalb finanziell gut aufgestellt. Dies war jedoch in den Augen ihrer Mutter Zeliha kein Grund zur Freude. Ihre Tochter führte ein Leben, dass sich nahezu jede Frau in der Türkei in den achtziger Jahren gewünscht hätte. Ihr Mann und sie waren liberal eingestellt, gebildet und es war keine arrangierte Ehe. Die Kinderlosigkeit, gepaart mit der Missgunst der eigenen Mutter, gaben ihrer Ehe einen bitteren Beigeschmack.

Onkel Orhan reiste ebenfalls ohne seine Frau an. Die Mutter seiner Kinder wurde von seiner Mutter nie akzeptiert und so durfte sie bei den meisten Familienbesuchen nicht dabei sein. Es sei denn, es handelte sich um eine öffentliche Einladung wie zu einer Hochzeit. Um den Schein der perfekten Familie zu wahren, akzeptierte Zeliha großzügig die Braut,Gelin, wie sie ihre Schwiegertochter stets nannte. Manchmal auch nurEl, die Fremde. Nie verwendete sie ihren Namen. Das fiel auch den beiden Kindern Süreyya und Orhan auf. Der Junge, der nach seinem Vater benannt worden war, wurde innerhalb der Familie nurKüçük Orhan – Kleiner Orhan – genannt, um Verwechslungen vorzubeugen. Küçük Orhanwar der Stolz seines Vaters.

Nun endlich stieg ihre große Schwester Reyhan aus dem Wagen aus. Bevor die Begrüßungswelle losbrach, betrachtete Reva ihre älteste Schwester mit Bewunderung und Neugierde. Sie war schon zwölf.

Ihr Onkel machte sich sofort an das Gepäck. Es befanden sich mehrere Koffer auf dem Gepäckträger und im Kofferraum. Im Auto gab es weitere unzählige Plastiktüten, das wertvolle Essen aus Deutschland. Die Tüten kamen in die Küche, das Gepäck wurde zunächst im Flur abgestellt. Unter den vielen Mitbringseln war auch Sahnepulver. Nicht uneigennützig war dieses Pulver mit den Backkünsten ihrer Mutter verbunden. Spätestens am Folgetag erwartete die Schwiegermutter die Käse-Sahne-Torte.

Außerdem brachte Großmutter Zeliha kleine Senfpackungen mit, die man kostenlos in den deutschen Imbissbuden mitnehmen konnte. Niemand wusste, warum. Hinzu kamen die Kaffeesahneportionen, die sie bei Aldi kaufte.

Zwanzig Stück in einer Packung, alle fein säuberlich miteinander in zwei Reihen verbunden.

Sobald Reva diese entdeckte, riss sie sie auf und begann die fetthaltige Milch herauszusaugen. In ihrer Vorstellung waren diese kleinen „Milchtöpfe“ für ihre Puppen und wenn sie nicht jetzt sofort davon etwas abkriegen würde, würden die Puppen in der Nacht aufwachen und alles restlos aufbrauchen.

Doch die Krönung war die Nussknackerschokolade. Die Vollmilchschokolade mit ganzen Haselnüssen war in einer Verpackung, die ein Fenster aus Klarsichtfolie hatte. Reva suchte sich die Packung aus, in der die meisten Nüsse zu sehen waren. Die Abschnitte ohne Nüsse ließ sie einfach übrig oder bot sie großzügig Leyla an. Die Schokolade schmeckte besser, wenn sie aus Deutschland kam. Ihre Mutter Gönül konnte sogar eine Art Nutellacreme selbst herstellen. Doch nichts war für die Kinder und auch für die Erwachsenen leckerer als diese Nussknackerschokolade.

Die Koffer wurden hochgetragen. Die Zimmeraufteilung stand fest. Ihre Großmutter, ihre Tante Imran und ihre Schwester Reyhan bekamen das Schlafzimmer der Eltern. Der Onkel musste im Wohnzimmer schlafen und die Kinder wurden im Kinderzimmer untergebracht. Revas Eltern zogen in das kleine Gästezimmer.

Bald begannen die Gespräche unter den Frauen, denen Reva sehr gerne, manchmal auch heimlich, zuhörte. Ihre Tante Imran und die Großmutter erzählten die neuesten Geschichten aus Deutschland. Reva hörte von einer unmöglichen Hochzeit, der Sehnsucht nach der Heimat, den baldigen Absichten, gänzlich in die Türkei zurückzukehren. Ihre Großmutter wollte weitere Wohnungen in der Türkei kaufen.

„Dann haben wir hoffentlich ausgesorgt und nach meinem Tod, nach unserem Tod, bekommt dann jedes meiner Kinder, was ihm zusteht.“

„Ach, Anne, sag doch so was nicht.“

„Allah korusun“ („Gott möge dich beschützen“), hörte Reva ihre Mutter sagen.

Reva saß in der Küche auf dem kleinen Tritt neben der Tür. Ihre Mutter räumte die mitgebrachten Lebensmittel ein. Die Großmutter sprach dabei unentwegt und beobachtete jede Bewegung ihrer Schwiegertochter.

Ihre Mutter schien nicht sonderlich am Gespräch interessiert zu sein. Sie gab nur Geräusche von sich: „hm“, „ah“, „so?“. Mechanische, routinierte Bewegungen wie am heutigen Morgen begleiteten ihre Geräuschteilnahme. Schranktür auf, Schranktür zu, Schublade auf, Schublade zu, etwas hinein, etwas hinaus. Reva war sich nicht sicher, ob ihre Großmutter bemerkte, dass ihre Mutter gar nicht richtig zuhörte. Reva hörte zu, verstand jedoch nicht den Inhalt.

Die Großmutter holte weiter aus und erzählte von der unmöglichen Hochzeit zwischen einer Alevitin und einem Sunniten. Die Braut musste, mit Einverständnis ihrer zukünftigen Schwiegereltern, ihren Eltern nicht mitteilen, dass ihr zukünftiger Ehemann kein Sunnit ist.

„Es ist schlimm, dass wir verheimlichen müssen, wer wir sind!“

„Wie meinst du das, Oma?“

Die Großmutter hatte Revas Anwesenheit nicht bemerkt und drehte sich überrascht zur Tür um.

„Es steht nirgendwo geschrieben, welcher Glaubensrichtung wir angehören. Wir sind alle Muslime. Aber das ist kein Thema für Kinder.“

„Reva, die meisten sagen nicht, dass sie Aleviten sind. Das ist auch besser so. Sage also nichts zu deinen Freunden, in Ordnung?“

„Tamam, anne.“ („In Ordnung, Mama.“)

„Die meisten sagen nichts, weil sie sich fürchten. Haben wir alle durch die Pogrome gelernt.“

Genau dieses Wort: „Pogrom“. Das verstand Reva auch nicht. Offensichtlich waren sie Aleviten, aber was bedeutete das? Was waren denn Sunniten? Später wollte Reva ihren Vater fragen, was das alles bedeutete.

Inzwischen hatte Großmutter Zeliha Reva einen vernichtenden Blick zugeworfen. Sie hatte dafür einen bestimmten Gesichtsausdruck. Das Gesicht wirkte wie versteinert, ihre ohnehin kleinen Augen wurden zu zwei waagerechten Linien. Die Nase wirkte noch länger und spitzer. Davor hatte Reva besonders Angst. Sie hatte dann das Gefühl, die Verwandlung in eine Hexe stünde nur noch kurz bevor. Reva fühlte, dass die Großmutter ihre beiden Schwestern bevorzugte. In diesem Moment betrat Reyhan die Küche.

„Merhaba Gönül anne.“ („Hallo Mutter Gönül.“)

Großmutter Zeliha zog Reyhan zu sich auf den Schoß, kaum waren ihr die Wörter aus dem Mund gekommen. Auf dem Tritt sitzend sah Reva, dass ihre Mutter sich zu ihrer Schwester gewandt hatte, sich aber wieder zum Küchentisch drehte, als sie auf den Schoß gezogen wurde. Ihre Schultern sahen traurig aus, dachte Reva.

„Ich habeSarmafür dich vorbereitet, Reyhan.“

„Und für mich, anne?“ Leyla stand an der Tür. „Was hast du extra für mich gemacht?“

„Natürlich die Joghurtsuppe“, lächelte ihre Mutter.

„Oh nein!“, sagte Reva und stand auf. Sie musste immer die Suppe so lange umrühren, bis sie aufkochte.

Wenn nicht die Großmutter Zeliha, dann ihre Puppen. Ihre Puppen liebten sie. Davon war sie überzeugt. Ihre Puppen wachten nachts auf und passten auf Reva auf. Ihr konnte nichts Böses widerfahren. Sie wünschte sich so sehr, dass sie nur ein einziges Mal in der Nacht unbemerkt wach werden würde, um sie endlich lebendig erleben zu dürfen. Ohne Zweifel entwickelten sie ein Eigenleben, genau dann, wenn Reva schlief.

Sie pflegte die Haare ihrer Lieblingspuppe und kämmte sie gewissenhaft. Zu besonderen Anlässen zog sie ihre Puppe um und führte sie spielerisch aus. Jeden Morgen untersuchte sie ihre Puppen auf Veränderungen gegenüber dem Vortag. Vielleicht lagen oder saßen sie anders. Dies wäre der Beweis. Irgendwann würde sie Reva erwischen.

Reva nahm ihre Lieblingspuppe und versteckte sich wieder einmal an ihrem Lieblingsort. Die Gästetoilette, ausgestattet mit einem Teppichvorläufer, auf dem sie sich immer hinsetzte und die Ersatztoilettenpapierrollen betrachtete, die in ihren von der Schwiegermutter gestrickten Kostümen steckten. Ein Kostüm war orangefarben mit gestickten weißen Blumen. Ein weiteres Kostüm war rosafarben, wieder mit weißen Stickereien, jedoch nur am unteren Rand als Spitze verziert. Ihre Mutter Gönül mochte diesen unsinnigen Kitsch überhaupt nicht und stülpte sie nur über, wenn sich ihre Schwiegermutter Zeliha ankündigte.

Reva fühlte sich oft nicht beachtet. Sie fragte sich, ob die Familie ihre Abwesenheit bemerken würde, wenn sie von heute auf morgen verschwinden würde. Noch öfter fragte sie sich, ob sie nicht doch adoptiert worden war. Zu ihren Schwestern sagte man andauernd, sie sähen der Mutter oder dem Vater ähnlich, hätten gewisse Charakterzüge geerbt. Doch wenn sie sich im Spiegel betrachtete, konnte sie keine Ähnlichkeit zu diesen Menschen feststellen. Außerdem hatte sie als Einzige ihre ersten Lebensjahre bei ihrer Großmutter Elif im Ort Abindinpaşa in Ankara verbringen müssen, was ihren Eindruck des Adoptiertseins noch verstärkte. Denn alle Kinder, die sie kannte, waren von Anfang an bei ihren Familien gewesen. Sie kannte keine Geschichte wie ihre. Wieso war sie nicht bei ihrer Familie geblieben und erst Jahre später hinzugekommen?

Sie hatte ihre Mutter und Großmutter danach gefragt. Doch ihre Antworten, beide gleich, waren nicht zufriedenstellend gewesen:

„Diese Zeit hat es so verlangt.“

Reva wusste nicht, wen sie sonst fragen könnte. Sie fühlte sich an manchen Tagen so fremd an diesem Ort, dass sie sich in ihr frei gewähltes Exil zurückzog.

Alles war so rein. Alles war so sauber. Als wäre es nicht die Gästetoilette, sondern ein kleines, winziges Wohnzimmer. Genauso stellte es sich Reva auch vor. Es war ihr Wohnzimmer. Bei ihrer Mutter war immer alles rein und sauber, man hätte den Boden lecken können. Diesen Scherz erlaubten sich bereits alle Familienmitglieder.

Revas Meinung war keinem in der Familie wichtig. Das bedrückte sie. Sie lebte in ihrer kleinen, für sie sicheren Welt und beschäftigte sich in ihrer Fantasie mit den für sie wichtigen Themen.

Der Tisch was gedeckt, das Essen fertig, fast alle saßen bereits am Tisch. Inzwischen riefen alle laut und deutlich nach Reva, weshalb sie sich aus ihrem frei gewählten Exil lösen musste.

Als sie im Esszimmer ankam, wunderte und freute sie sich, dass ihre Abwesenheit doch aufgefallen war. Es waren so viele verschiedene Gerichte auf dem Tisch verteilt und hergerichtet wie in einem vornehmen Restaurant. Dennoch war der erste Gang die von Leyla geliebte Joghurtsuppe. Im Türkischen „isst“ man die festen und „trinkt“ die flüssigen Speisen. Es tranken alle Familienmitglieder die Suppe und nur Leyla verlangte Nachschlag.

Der große, ovale Esstisch aus Kirschholz.

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Reva zählte die Personen am Tisch und ordnete sie zusammen.

Ihre Nummer eins war ihr Vater. Nummer zwei die Mutter, Nummer drei Reyhan, Nummer vier Leyla und zuletzt sie, Reva. Sie bildeten eine Einheit, obwohl die meiste Zeit über zwei Mitglieder ihrer Einheit fehlten. Ihr Vater, obwohl er mit ihnen oder bei ihnen lebte? Während ihre Schwester Reyhan in Frankfurt am Main wohnte, zur Schule ging und dort Freunde hatte.

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Ihre ältere Schwester … Reyhan … mit großer Bewunderung schaute sie ihre Schwester am Tisch an. Sie fühlte sich mit ihr verbunden, vielleicht, weil sie selbst die ersten vier Jahre ihres Lebens auch nicht in dieser Einheit gewesen war, sondern bei ihrer Großmutter Elif in Ankara.

Ihr Vater räusperte sich, schluckte seinen Bissen hinunter.

„Was gibt es, Mustafa?“, hörten sie die Großmutter Zeliha fragen.

„Ich habe euch etwas mitzuteilen.“

Alle blickten sie zu Mustafa.

„Bald werden wir diese Kleinstadt verlassen und nach Istanbul umziehen. Ich habe ein neues Jobangebot bekommen!“

Er schaute Gönül an. Ihre Mutter legte ruhig das Besteck ab.

„Wie bitte?“

„Ja, genau. Wir ziehen um!“

Revas Vater tat etwas, was er nie tat. Er grinste. Die Zähne blieben dabei unsichtbar.

„Gönül, sag bloß, das wusstest du nicht?“

Tante Imran fing an zu lachen.

„Nein, ich wusste es nicht.“

„Mustafa, du bist ja ganz schön gewitzt. Erzählst es nicht mal deiner Frau?“

Ihr Vater, wieder mit einem Happen Essen im Mund, sprach undeutlich.

„Es sollte doch eine Überraschung werden.“ Er kaute an einem Stück Fleisch.

„Dann hast du es tatsächlich geschafft. Schau dir mal deine Frau an. Bleich ist sie geworden!“

Ihre Tante Imran lachte erneut auf. Leyla stand abrupt auf und lief zu ihrer Mutter, umarmte sie.

„Ist ok, mein Schatz. Setz dich wieder hin … möchte noch jemand etwas Brot haben?“ Sie reichte den Brotkorb herum.

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Tante Imran, Nummer sechs am Tisch. Reva hatte den Eindruck, dass sie ihren eigenen Bruder, ihren Vater Mustafa, nicht mochte. Ständig versuchte sie, ihn mit ihrer Stimme zu übertünchen. Ließ ihn nicht ausreden.

Nummer sieben, acht und neun waren eine weitere Einheit. Ihr Onkel Orhan, Küçük Orhan und Süreyya. Reva waren diese Menschen einfach fremd. Obwohl sie wusste, dass sie eine Familie waren und ihre älteste Schwester diese beiden Kinder als ihre eigenen Geschwister betrachtete.

Nummer zehn: Oberhaupt der Familie. Großmutter Zeliha. Reva schaute alle am Tisch an. Einen nach dem anderen ging sie mit ihren Blicken durch. Bei keinem, außer Reyhan, hatte sie den Eindruck, dass die Großmutter gemocht wurde. Ihre Mutter sprach mit ihr nur, wenn sie angesprochen wurde oder ihr in ihrer Gastgebertätigkeit etwas anbieten wollte. Tante Imran, ihre Tochter, korrigierte sie ausdauernd. Onkel Orhan, ihr Sohn, schien seine Mutter gar nicht hören, weil er selbst andauernd sprach. „Ohne Punkt und Komma“, pflegte ihre Mutter zu sagen, wenn sie allein mit den beiden Mädchen Leyla und Reva war. Ihre beiden Cousins schienen die Großmutter nicht sonderlich zu beachten.

Reva war ebenso aufgefallen, dass ihr Vater nie mit seiner Mutter sprach. Er begrüßte sie, er umarmte sie, als sie ankamen, aber er redete nie direkt mit ihr. Im Gespräch mit den anderen sagte er hin und wieder etwas, dann aber zu allen. Er schaute sie nicht an. Doch Reyhan beachtete die Großmutter. Hörte ihr interessiert zu, berücksichtigte ihre Wünsche, gehorchte auf jedes Wort.

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Gönül. Leyla. Reva.

Mehr würden aus dieser Runde schon bald nicht mehr zurückbleiben.

Mit großen Fragezeichen im Gesicht lief Reva ihrer großen Schwester Reyhan von Raum zu Raum hinterher. Reyhan, die noch nie in diesem Haus gewesen war, schaute sich alle Zimmer an und stellte ab und an Fragen.

„Wirst du wieder nach Deutschland zurückgehen?“

„Anne sagte ja.“

„Anne hat das gesagt?“

„Nicht Gönül Anne, meine Anne.“

„Babaanne?“ („Großmutter?“)

„Ja.“

„Warum nennst du sie nicht Babaanne?“

„Ich lebe doch gefühlt mein ganzes Leben schon bei ihr. Inzwischen ist sie für mich meine Mutter.“

Reva hatte nie verstanden, warum ihre Schwester nicht bei ihnen lebte. Ihre Mutter hatte immer wieder vom Klauen oder Wegnehmen geredet, wenn Reva sie in ihren traurigen Momenten erwischt hatte. Warum wurde Reyhan weggenommen oder gar geklaut? Jetzt war sie doch hier. Jetzt hätte sie doch bleiben können.

„Ich soll noch das Schuljahr dort beenden. Vielleicht danach?“

Die Worte schwebten über ihre Köpfe hinweg in den Himmel und lösten sich wie Wolken auf. Reva schaute ihnen nach.

Sie betrachtete Reyhan als ihre wahre ältere Schwester und nannte sie gerneAbla – große Schwester. Leyla hingegen war nur elf Monate älter sie und wurde von Reva schlicht bei ihrem Namen genannt. Doch Leyla störte sich nicht daran.

Der erste Tag mit den Gästen fühlte sich nach zwei Tagen an. Die Aufregung, ihr Vater, die Freude, das Verstecken, Reyhan, das gemeinsame Essen, ihre Familie. Der große, ovale Esstisch aus Kirschholz. Die Einheiten.

Manchmal wünschte sich Reva eine Fernbedienung, um die Ereignisse des Tages zurückspulen zu können, um die schönen Momente immer wieder zu erleben oder vorzuspulen, um den langweiligen Minuten und Stunden zu entkommen. Auf dem Weg ins Badezimmer, entlang des langen Flures, die Tür einen Spalt geöffnet, drückte sie auf den Knopf und alle Bewegungen schienen in Zeitlupe zu fließen. Die Hand ihrer Mutter auf ihrer Schulter, sanft führend, ihre Schwester Leyla vor ihr auf dem Weg ins Badezimmer, der Lichtstrahl aus dem Spalt der Tür, wo Reyhan die Nacht verbringen sollte. Sie unterhielt sich leise mit ihrer Großmutter, ihrer Anne, nahm gleichzeitig ihren Pyjama aus dem Koffer. Reyhan mit ihren langen, gewellten Haaren, ihrem schönen Gesicht und ihrer schicken Kleidung. Mehrere Reva unbekannte Dinge folgten aus dem Koffer. Kosmetiktasche, so wie sie auch ihrer Mutter Gönül hatte, Bücher und etwas Glitzerndes. Reva wollte gleich morgen früh Reyhan fragen, was das alles war. Vielleicht dürfte sie die Sachen auch anschauen oder gar anfassen?

Reva fühlte sich von ihrer Großmutter ertappt. Sie warf ihr einen bestimmten Blick zu. Reva drückte auf den Knopf ihrer Fernbedienung und sie lag bettfertig mit ihren Kuscheltieren unter ihrer Decke.

Sie stellte Reyhan ihren Freunden als ihre wahre ältere Schwester vor. Leyla störte es weiter nicht. Sie spielten zu dritt.

Reyhan kuschelte mit Reva. Reyhan spielte mit Reva. Reyhan hörte Reva zu. Reva und Leyla zeigten Reyhan ihre Spielplätze, ihre Verstecke und wo, ihrer Meinung nach, das blödeste Mädchen der Straße wohnte und wer von den Nachbarskindern die meisten Spielzeuge besaß.

Am Morgen frühstückten sie gemeinsam, am Abend aßen sie zusammen. Reva bewegte ihren Kopf am Tisch hin und her, beobachtete eine Person nach der anderen. Dass ihr Vater jeden Abend zu Hause war, wunderte sie nach wie vor.

Ab und an kam er sogar früher als erwartet nach Hause, scherzte mit den Kindern, machte Klimmzüge an der Stange, die er eigens dafür an der Schlafzimmertür angebracht hatte.

Fast alle sprachen gleichzeitig und erzählten irgendetwas. Ihre Mutter stand immer wieder auf und brachte etwas aus der Küche. Schenkte Wasser nach, holte noch mehr Fladenbrot, brachte neue Servietten, weil sich eines der Kinder bekleckert hatte. Manche Tischgespräche waren ernster. Das bemerkte Reva am Tonfall ihres Vaters. Er wurde dann lauter und versuchte, die anderen zu übertönen. Ihre Tante stieg stets in das Gespräch mit ein, ihre kreischende und nervöse Stimme schaffte es einige Male nicht, die ihres Vaters zu übertünchen. Ihre Mutter ignorierte das Ganze oder tat sie nur so? Die Stimmen der Kinder wurden leiser und leiser, bis sie ganz still nur noch die Stimme ihres Vaters hörten. Reva verstand den Inhalt meistens nicht, wenn es um Politik ging. Doch fiel ihr immer wieder auf, dass sich ihre Tante Imran und ihr Vater nicht gut verstanden.

An manchen Abenden saßen die drei Schwestern auf dem Fußboden, schauten im Fernsehen eine Dokumentation. Ohne Licht, mit einer großen Schale Mandarinen, die sie genüsslich schälten. In den dunklen Wellen, nur durch die Sonne in Streifen gebrochen, unter der Meeresoberfläche, schwammen Fische und andere Tiere, die Reva noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Seltsame Lebewesen, die genauso wie sie in diesem Moment auf der Erde lebten.

An manchen Nachmittagen spielten sie Cowboy und Sheriff. Reva durfte sich auf den Rücken von Reyhan setzen und so tun, als würde sie reiten.

An manchen Tagen schminkte Reyhan Leyla und Reva mit ihren mitgebrachten Lippenstiften und Lidschatten.

An manchen Morgen durften sie die schicke Kleidung ihrer Schwester anprobieren.

An manchen Nachmittagen tobten sie auf dem Fußboden, küssten die Stirn von Reva und behaupteten, sie rieche wie ein Baby.

An manchen Tagen spielten sie Sandwich und quetschten Leyla, das mittlere Kind, in die Mitte.

An manchen Nächten erzählte Reyhan Gruselgeschichten und hielt sich eine Kerze vor das Gesicht. Das Antlitz der Mädchen im dunklen Schein der Nacht. Reva hielt daraufhin die ganze Nacht die Hand von Reyhan.

Das T-Shirt mit dem glitzernden Paillettenflamingo, die Bücher auf Deutsch, die bunten Nagellacke. Reva beobachtete mit Bedauern all die Gegenstände, die wieder in den Koffer ihrer Schwester eingepackt wurden. Jemand hatte offensichtlich auf den Knopf der Fernbedienung gedrückt und alles war viel zu schnell vorgespult worden. Was war der Grund, weshalb ihre Schwester nicht bei ihnen bleiben konnte?

Reva und Leyla standen am Bett und schauten auf den offenen Koffer und wie ihre Schwester alles ordentlich reinlegte. Sie setzte sich auf das Bett, nahm aus ihrer Kosmetiktasche einen kleinen Lippenstift heraus. So groß wie der kleine Finger von Reva. Der Deckel war durchsichtig und sie sah die Farbe des Lippenstifts. Er war rosa.

„Hier, das ist für dich.“

„Danke, Abla.“

Leyla hielt sie eine kleine Flasche Nagellack hin. Ebenfalls in rosa, aber glitzernd.

Ab und an kam ihre Mutter in das Zimmer, schaute nach Reyhan, fragte, ob sie Hilfe beim Einpacken brauche. Wenige Minuten später kam sie erneut und fragte, ob einer von ihnen Hunger habe. Als sie zum dritten Mal ins Zimmer kam, fragte sie nichts mehr, setzte sich aufs Bett und nahm Reyhan in den Arm. Reva sah, dass ihre Mutter die Augen geschlossen hielt und sich Tränen unter den Augenlidern bildeten.

Die Sonne blitzte hinter den Hügeln hervor, die Vögel zwitscherten, die Nachbarn schliefen, irgendwo ein Fluss, dahinplätschernd in der Morgensonne, winzige Ameisen, die auf dem Steinboden vor der Haustür eine lange Schlange bildeten, ein Blatt, vom Winde verweht, legte sich auf den Boden, eine Feder schwebte in der Luft, kleine Schmetterlinge kämpften um die Gunst der Blumen. Ein Mittwochmorgen am Ende der Sommertage. Reva schaute auf ihre Hausschuhe. Sie stand in der Tür, wollte weder richtig hinaus- noch in das Haus hineingehen. Wenn sie nach unten schaute, sah niemand ihre Tränen, die Tropfen bildeten dunkle Flecken auf dem Boden, bald lief ihre Nase und sie musste schniefen. Nach rechts schauend, erkannte sie weitere Flecken auf dem Boden und schaute Leyla an. Sie hielt den Kopf genauso gesenkt.

Ihre Mutter stand in ihrem Morgenmantel. Alle Familienmitglieder hatten sich zum Abschied umarmt. Reva hatte einen tiefen Atemzug genommen, um sich den Duft ihrer Schwester nochmal einzuprägen. Trotz der frühen Morgenstunde war ihr Vater fertig angezogen. Weißes Hemd, dunkelrote Krawatte, hellgraue Stoffhose, schwarze Lederschuhe.

Ihre Mutter stand auf der Straße und hielt eine Schale mit Wasser in den Händen.

Mit Tränen stieg Reyhan in den überladenen Mercedes ein. Ihr Vater stemmte seine Hände auf die Hüften, streckte seinen Rücken gerade, nahm einen tiefen Atemzug, versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Revas Tränen liefen weiter, leise über die Wangen, über die Nase. Sie wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Pullovers ab und trocknete ihre Nase.

Der Wagen setzte sich in Bewegung, ihre Mutter schüttete das Wasser hinter dem Wagen aus. Dieser schamanische Brauch sollte Reisende vor allem Bösen beschützen, eine problemfreie Fahrt ermöglichen.

„Su gibi git, su gibi gel (geh wie Wasser, komm wie Wasser)“, hörte Reva ihre Mutter sagen.

Reva lag allein im Kinderzimmer und wünschte sich, dass sie jetzt, sofort, mit ihrer Schwester Reyhan spielen könnte. Sie schaute sich das Zimmer an und stellte sich die ganzen Spiel- und Spaßszenen mit ihrer Schwester vor. Auf dem Teppich tat Reyhan so, als wäre sie ein Pony, und Reva durfte auf ihrem Rücken reiten. Auf dem gleichen Fußboden bekamen sie eine riesige Schale Mandarinen von ihrer Mutter hingestellt und aßen sie restlos auf. Reyhan schälte die Mandarinen und gab sie Reva. Reva wiederum schälte in mühsamer Arbeit das weiße Innere der Mandarine. Sie löste eine Mandarinenscheibe und biss zunächst den Rand ab und aß erst dann das Fruchtfleisch auf. Wenn sie auch noch Babymandarinenscheiben fand, die mitunter zusammengewachsen waren, freute sie sich sehr und rief:

„Schau mal, ich habe hier Zwillingsmandarinen!“

Sie nahm den Lippenstift in die Hand und versuchte, ihn vor dem Spiegel aufzutragen.

„Ich zeige dir, wie es geht.“

„Okay.“

„Schau, du musst die Lippen so spitzen und dann den Lippenstift auftragen. Das habe ich im Fernsehen gesehen.“

Als Leyla den Lippenstift auftrug, sah sie, dass auch sie das Geschenk von Reyhan aufgetragen hatte. Leyla hatte rosa glitzernde Fingernägel.

„Ich bin traurig.“

„Ich weiß … ich auch.“

„Kommt sie wieder?“

„Bestimmt.“

Dann tat Leyla etwas, was sie sonst nicht machte. Sie nahm Reva in den Arm.

„Wollen wir etwas spielen?“

Unter dem Etagenbett im Kinderzimmer befanden sich zwei Schubladen. Die rechte Seite gehörte zu Reva, die linke zu Leyla. Beide hatten sich gegenseitig geschworen, niemals in die Schublade der anderen reinzuschauen. In ihrer Schublade befand sich eine kleine Schatulle, eine Blechdose mit der AufschriftIndian Summer, hergestellt für Pfeifentabak vonDan Pipe Cigar & Company. Diese alte Blechdose war ihre kleine Welt. Sie versteckte darin alles, was für sie von Bedeutung war. Kleine Spielkarten, die nur halb so groß waren wie die normalen. Steine, die ihr auf ihren Wegen zusagten, ein Haargummi ihrer älteren Schwester, die sie so selten in ihrem Leben gesehen hatte. Kleine, bereits vergilbte Passbilder zeigten ihrer Mutter noch in der Schulzeit in Schuluniform mit gestärktem Kragen und ihren Vater zu seiner Zeit beim Militär, nahezu kahl geschoren und ernst dreinblickend. Sie tat alles in diese Blechdose und wollte sie im Garten begraben. In ihrer Vorstellung sollte diese Kiste dann, in ferner Zukunft, ausgegraben werden. In ihrer Vorstellung würde aus ihr eine wichtige Persönlichkeit werden. Sie wollte Erfinderin sein oder auf den Mars fliegen. Diese alte Blechdose sollte die Bedeutung der Vergangenheit zeigen.

Reva hatte mit Leylas Hilfe einen Brief an sich selbst verfasst und diesen ebenso in die Dose hineingelegt. Sie war sehr gespannt, wer diese Dose wann ausgraben würde.

Samstag, 27. August 1988, um genau 13:08 Uhr

Liebe Reva,

wenn du eines Tages diese Kiste findest, wirst du bestimmt ganz schön alt sein. Vielleicht kannst du dich sogar nicht mehr erinnern, wie es war, als du ein kleines Kind warst. Das behauptet zumindest immer Mama. Sie wisse gar nicht mehr, wie sie war. Sie könne sich gar nicht mehr an ihre Kindheit erinnern.

Das ist so schade! Damit du dich daran erinnern kannst, wie du warst, lege ich ein paar wichtige Gegenstände in diese Kiste hinein.

Zum Beispiel die kleinen Spielkarten. Die sind so cool! Ich kann damit wie eine Erwachsene spielen. Sie passen perfekt in meine Hand. Es sind auch ein paar Steine dabei, die ich hier in Çankırı vor unserem Haus gefunden habe. Sie sehen einfach schön aus. Die Oberflächen sind glatt und die Farben wechseln. Passbilder von jedem von uns. Mama ging damals auf die Mittelstufe. So wie Reyhan jetzt.

Deine Reva

„Bald werden wir nach Istanbul ziehen.“

„Wo ist das genau?“

„Ein paar Autostunden von hier entfernt.“

„Muss ich da eine neue Sprache lernen?“

„Nein, Istanbul gehört auch zur Türkei … das Einzige, was sich verändern wird, ist, dass wir nicht mehr allein in einem Haus wohnen werden. Wir wohnen mit mehreren Familien zusammen.“

„Hm.“

„Das bedeutet: Du darfst nicht mehr so laut schreien. Sonst beschweren sich die Nachbarn bei uns.“

Reva sagte nichts.

„Und weißt du, was? Reyhan wird endlich bei uns leben!“

Sie schaute auf.

„Wirklich, Baba?“

Seine Stimme klang weich und warm. Reva hatte die ganze Zeit auf den Boden geschaut. Als sie jedoch den Namen ihrer Schwester hörte, änderte sich ihre Haltung.

„Weiß es auch schon Leyla?“, fragte sie aufgeregt.

Der Umzug brachte die ganze Familie in Aufruhr. Weder Leyla noch Reva konnten sich unter Istanbul etwas vorstellen. Es gab zahlreiche Filme im Fernsehen, die von dem scheinbar endlosen Istanbul erzählten, wo das Geld und die Goldbarren auf den Straßen lagen. Einfach so. Eine Stadt auf zwei Kontinenten. Ihr Vater war nach der Ankündigung nahezu euphorisch. Er erzählte aufgeregt, was sie sich alles in Istanbul anschauen, wohin sie überall gehen würden. Viele Freunde, Bekannte und entfernte Verwandte lebten bereits in Istanbul.

Die Kinder hatten bisher keinen Umzug bewusst miterlebt. Plötzlich durften sie erwachsene Entscheidungen treffen und sich für und gegen jene Gegenstände entscheiden. Selbstverständlich würde Reva ihr Lieblingskissen mitnehmen.

Alle ihre Kuscheltiere, ihre Puppe mit den verschiedenen Kleidern. Sie ging das Kinderzimmer durch, schaute in die Schränke und Schubladen rein, um nichts zu vergessen. Jedes der Mädchen bekam eine eigene Umzugskiste. Fast alle Möbel sollten mitgenommen werden. Einzelne Stücke verschenkte sie an Nachbarn. Für das neue Kinderzimmer brauchten sie ein neues Bett für Reyhan und einen größeren Kleiderschrank.